Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Dekan im Dritten Reich
Erinnerungen an Hermann Zellers Weinsberger Jahre

Von Ulrich Zeller (NFZ145.2) und Geschwistern, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands Nr. 27 und 28, 1997 und 1998
Hermann Zeller (NFZ 145) kam im Januar 1927 als Dekan nach Weinsberg und blieb bis 1939. Seine Beziehung zur Weinsberger Bevölkerung war wohl nie so warm, wie sie an seiner vorherigen Stelle als Stadtpfarrer in Aalen zu den dortigen Gemeindegliedern gewesen war. Zum Weinsberger Bürgermeister Karl Weinbrenner hatte er sehr schnell ein gutes Verhältnis, auch während des 3. Reiches, als die Stadtverwaltung auf Druck der NSDAP manches machen musste, was nicht im Sinne von Herrn Weinbrenner war.
Inhalt: Vor Hitlers Machtergreifung   -   Vom Mitläufertum zum Abstand  -  Im Kirchenkampf   -   Predigt als Skandal   -   Gleichschaltung der kirchlichen Jugend und Raumschikanen   -   Erinnerung an Juden   -   Verkürzung der Schulzeit   -   Das Ende der Weinsberger Zeit  
(---> s. auch Ehrung als Gerechte unter den Völkern)
 
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Vor Hitlers Machtergreifung
Schulleiter der Weinsberger Volksschule war seit Jahren Rektor Dr. Mayer. Schulleiter der Realschule war ein Studienrat Trucksess. Damals waren die beiden Klassen der Realschule noch in den beiden Nachbarhäusern des Dekanats jenseits der Kirchenstaffel. Im südlich gelegenen Haus, wo seine Oberklasse untergebracht war, wohnte Herr Trucksess mit seiner Familie im ersten Stock. 1928 wurden beide Klassen ins „Steinhaus“ verlegt. In der Zeit vor dem 3. Reich waren die Beziehungen zu beiden Schulleitern sachlich-freundlich. Es mussten ja Stundenpläne besprochen werden, nicht nur für den Religionsunterricht, sondern auch für die Zuhörer- und Konfirmandenunterrichtsstunden. Diese fanden für Schüler aller Schulen in der Volksschule statt.

Hermann Zeller war von Anfang an bemüht, mit seinen Gemeindegliedern durch Hausbesuche Kontakt zu bekommen und so ihre Anliegen zu erfahren. Erschwert war die Zeit durch die Weltwirtschaftskrise. Auch in Weinsberg nahm die Zahl der Arbeitslosen, der Armen, Bettler und Hausierer zu. Gemeinsam mit unserem Vater suchte unsere Mutter, unterstützt durch Helferinnen und Helfer, den armen und älteren Leuten zu helfen. Es wurden gebrauchte Kleidungsstücke gesammelt und, soweit schadhaft, genäht und geflickt. Dann wurden sie an bedürftige Leute weitergegeben. Auch Lebensmittel wurden gesammelt und verteilt. Manche Familien gaben von ihrem gekochten Essen an eine andere Familie so viel ab, dass diese satt werden konnte. Auch die Stadtverwaltung bemühte sich vor 1933 zu helfen. Bei ihr konnten die Weinsberger Gutscheine in verschiedener Höhe kaufen - die niedrigsten gab es für 1, 2, 4, 5 und 10 Pfennige -, die dann an Bedürftige und Bettler abgegeben werden konnten. Diese konnten sich in Bäckereien oder Metzgereien dafür etwas zu vespern kaufen oder sich auch in einem Gasthaus ein Essen geben lassen. Auch Wäsche, Bekleidung und Schuhe wurden auf diese Gutscheine abgegeben, jedoch keine alkoholischen Getränke oder Rauchwaren. Diese Art von karitativer Unterstützung hörte nach der Machtergreifung Hitlers recht schnell auf. Die Zahl der Arbeitslosen nahm ab, den Familien ging es besser. Die Zahl der Landstreicher, Bettler und Hausierer ging zurück. Bald gab es sie nicht mehr.

Vom Mitläufertum zum Abstand
Diese Anfangserfolge der Hitler-Ära beeindruckten auch Hermann Zeller, obwohl er Hitler und seiner Partei recht skeptisch gegenüberstand. Im Frühjahr 1933 traten eine ganze Reihe Weinsberger Männer in die NSDAP ein. Auch die Schulleiter Dr. Mayer und Trucksess, die damit zur Führung der Ortsgruppe aufrückten. Ortsgruppenleiter war ein Herr Schreiber, der nicht so kirchenfeindlich war wie andere braune Herren in Weinsberg. Aber er konnte oder wollte die Aggressionen gewisser Parteigenossen nicht unterbinden.

Das Schlagwort der damaligen Zeit war „Gleichschaltung“. Viele Männer traten in die SA ein. Ein kleinerer Teil, vor allem 20 bis 30Jährige, gingen zu SS. Viele Frauen wurden Mitglieder in der „NS-Frauenschaft“. Hermann Zeller trat 1933 nach einigem Überlegen und Abwägen in die „SA-Reserve II“ ein. Da war er zwar auch in einer Parteiorganisation, aber der Vorteil war, dass er keine Uniform tragen und keinen Dienst machen musste. Als er aber im weiteren Verlauf des Jahres 1933 merkte, woher der braune Wind wehte, trat er wieder aus. Niemand hinderte ihn daran.

Wahrscheinlich am „Heldengedenktag“ 1933 zogen die Weinsberger Nationalsozialisten in Uniform und mit Fahnen zum Gottesdienst in die Weinsberger Kirche. Man musste ja der Bevölkerung zeigen, wie positiv die Partei zum Christentum stand. Aber mit den Gepflogenheiten in der Weinsberger Kirche waren die NS-Leute natürlich nicht vertraut. Nämlich dass im Kirchenschiff unten Sitzplätze nur für die Frauen waren, die für Männer dagegen nur oben auf den Emporen. Dort waren auch Haken, an die man Hüte und Mützen hängen konnte. Aber die SALeute und Parteigenossen setzten sich auf die Frauensitzplätze. Natürlich fanden sie keine Haken zum Aufhängen ihrer Mützen. Der Leiter der Weinsberger Obst- und Weinbauversuchsanstalt, Ökonomierat Gräter, der als schlichter SA-Mann gekommen war, stiftete daraufhin Geld zum Anbringen von Haken. Ordnung musste sein. Er war ein Mann, der an herkömmlichen Sitten festhielt. So wurde in seiner Anstalt immer noch ein Tischgebet gesprochen. Einige Tage später wurde er in einem Aushängekasten der NSDAP verächtlich gemacht: Ob er denn noch nicht be­griffen habe, dass die Zeiten für solche Tischgebetsitten vorbei seien!

Im Frühjahr 1933 fanden in Deutschland Wahlen statt: zum Reichstag, zum Landtag, Gemeinderatswahlen. Überall wollte die Partei ihre Kandidaten mehrheitlich einbringen, um ihre Taten bzw. Untaten von einer parlamentarischen Mehrheit absegnen lassen zu können. Auch Kirchengemeinderäte sollten neu gewählt werden. Die NSDAP in Weinsberg stellte dafür ihre eigene Kandidatenliste auf. Gewählt wurden davon die Herren Studienrat Trucksess und Regierungsbaumeister Ostertag. Sie sahen ihre Aufgabe wohl weniger in einer konstruktiven Mitarbeit als vielmehr im Aufpassen, dass hier nichts gegen die Parteiinteressen unternommen wurde.

Ein Teil der alten Kirchengemeinderäte ließ sich gar nicht mehr aufstellen. Wiedergewählt wurden Malermeister Häberlen und Schmiedmeister Eberhard. Sie stammten beide aus christlichen Elternhäusern und waren Glieder einer pietistischen Gemeinschaft, auch jahrelang schon Kindergottesdiensthelfer gewesen. Eine fast revolutionäre Neuigkeit war es, dass eine Frau sich zur Wahl stellte: Frau Helene Schmid. Sie war die Witwe des letzten Weinsberger Oberamtsrichters, der 1926 nach Auflösung von Oberamt und Amtsgericht Weinsberg nach Heilbronn versetzt worden war. Als er Ende der Zwanziger Jahre mitten in einer Verhandlung durch Herztod starb, musste Dekan Zeller Frau Schmid die schreckliche Nachricht bringen. Vielleicht war auch unsere Mutter bei diesem Gang dabei, jedenfalls freundeten sich die beiden Frauen von diesem Tag an sehr an.

Im Kirchenkampf
Im Laufe des Sommer 1933 merkte Hermann Zeller, dass die NSDAP anfing, den evangelischen Landeskirchen Schwierigkeiten zu machen. Hitler ernannte kurzerhand einen Pfarrer der Reichswehr, Ludwig Müller, zum „Reichsbischof“. Ihm wurde ein „Reichswalter“ Jäger zur Seite gestellt. Nach dieser Ernennung legten sich verschiedene Kirchenpräsidenten die Amtsbezeichnung „Landesbischof“ zu, so in Stuttgart D. Theophil Wurm, der 1929 ordnungsgemäß vom Landeskirchentag zum württembergischen Kirchenpräsidenten gewählt worden war.

Schon bald nach der Machtübernahme Hitlers entstand die Gruppe der „Deutschen Christen“ - Menschen, die sich einerseits bewusst als Christen fühlten, andrerseits aber von Hitler so beeindruckt waren, dass sie Parteigenossen wurden. Diese standen einmütig hinter Reichsbischof Müller. Im Weinsberger Bezirk war Pfarrer Häcker aus Neulautern der einzige „Deutsche Christ“ unter seinen Amtskollegen.

Doch ein anderer DC-Pfarrer namens Krauß, dessen Pfarrstelle irgendwo auf der Alb lag, wollte Landesbischof Wurm unbedingt aus seinem Amt hebeln. Zu diesem Zweck ließen die Nazis Theophil Wurm in seiner Stuttgarter Privatwohnung in der Silberburgstraße unter Hausarrest stellen, d.h. er durfte seine Wohnung nicht verlassen und von dort auch nicht telefonieren. Pfarrer Krauß wirkte derweil im Oberkirchenrat am Alten Postplatz an Wurms Stelle. Daraufhin demonstrierten Tübinger Studenten und andere Bürger vor der Wurmschen Wohnung und vor dem Oberkirchenrat für die Aufhebung des Hausarrests und gegen die angemaßte Tätigkeit von Pfarrer Krauß. Nach einiger Zeit gaben die NS-Machthaber in Stuttgart auf, aber nur vordergründig.

Es stellte sich heraus, dass durch das Wirken von Reichsbischof Müller und Reichswalter Jäger in den einzelnen Landeskirchen recht viel Unheil angerichtet wurde. Um die einzelnen Pfarrer und mit ihnen ihre Gemeindeglieder über diese Vorgänge zu unterrichten, wurden die Dekane zu Sitzungen nach Stuttgart bestellt. Bald merkte man, dass Post und Telefon überwacht wurden, auch dass wohl Informanten in diese Sitzungen eingeschleust worden waren. Es gelang dennoch, durch Geheimhaltung von Ort und Zeit, die Dekane zu ungestörten Zusammenkünften zu versammeln. Auch Dekan Zeller fuhr immer wieder nach Stuttgart. Wo er und seine Kollegen sich trafen, sagte er nicht. Aber er brachte Nachrichten von diesen Treffen mit. Diese schrieb er zu Hause persönlich mit seiner Schreibmaschine auf Matrizen. Wir Buben durften dann mit Druckerschwärze und einer Walze auf einem alten Vervielfältigungsgerät so viele Abzüge machen, als unser Vater für seine Kollegen brauchte. Die fertigen Abzüge wurden in Briefumschläge gesteckt. Sobald unsere Schulpflichten es erlaubten, fuhren wir Buben mit den Berichten auf unseren Fahrrädern zu den Pfarrhäusern des Weinsberger Bezirks, soweit sie unten im Tal lagen. Von unserer Mutter hatten wir die Anweisung, Polizeiposten und Landjäger (Gendarmerie) zu meiden und uns notfalls zu verstecken. In die Pfarrhäuser oben auf den Bergen - von Löwenstein bis Wüstenrot und Mainhardt - brachte Stadtpfarrer Eberhard Aichelin die Berichte mit seinem „Moto-Sulm“, dem ersten motorisierten Fahrrad der NSU-Werke. Pfarrer Häcker als „Deutscher Christ“ bekam natürlich keinen Bericht.

Eine Sekretärin oder ähnliche Amtshilfe hatte Dekan Zeller nicht. Alles, was amtlich zu schreiben war, tippte er auf seiner eigenen Maschine, die er sich in der Weinsberger Anfangszeit angeschafft hatte. Nur wenn er ausgesprochen große Schreibarbeiten zu machen hatte, bat er eine Frau Hartmann, Ehefrau eines Schlossers, ihm diese gegen Bezahlung abzunehmen. Sie schrieb ihm auch die handgeschriebenen Lebenserinnerungen seines Vaters, des Konsistorialpräsidenten i.R. Hermann von Zeller ab, die dieser in den ersten Jahren seines Ruhestandes ab 1924 geschrieben hatte - es wurden 950 Schreibmaschinenseiten!

Nach den Osterferien 1934 kam Tochter Lise in die Unterklasse der Weinsberger Realschule. Das körperlich sehr zarte Mädchen war nach Meinung der Mutter den Belastungen des Bahnfahrens nach Heilbronn (wo die Brüder das Gymnasium besuchten) und des damit verbundenen Wartens nicht gewachsen. Aber was bei der Entscheidung für die Realschule nicht ernst genug genommen worden war: Reallehrer Ehmann, der mit Ausnahme von Sport und Religion alle Fächer unterrichtete, war seit 1933 Ortsgruppenleiter der „Deutschen Glaubensbewegung“ des Tübinger Religionswissenschaftlers Wilhelm Hauer. Herr Ehmann ließ sich im Unterricht keine Gelegenheit entgehen, gegen die Juden zu hetzen. Nach Aussagen unserer Mutter habe er auch immer wieder abfällige Äußerungen gegen die christlichen Kirchen und ihre Pfarrer gemacht. Und auch Schulleiter Trucksess nahm Lise beiseite: Es wäre doch jetzt wirklich an der Zeit, dass sie zu den Jungmädels ginge. Das war die Gruppe der 10-14-jährigen Mädchen, ehe sie in den BdM kamen. Diesen psychischen Belastungen war Lise spätestens im Lauf der 2. Realschulklasse nicht mehr gewachsen. Die Eltern entschlossen sich zu einem Schulwechsel ins Karlsgymnasium Heilbronn. Sie musste zwei Jahre Lateinunterricht nachholen.

Predigt als Skandal
An einem Sonntag wahrscheinlich 1935 sprach Dekan Zeller in einer Predigt vom „Rassedünkel des Abendlandes“. Wann und in welchem Zusammenhang dieses Wort gefallen ist, wissen wir Kinder nicht mehr. Es verbreitete sich mit Windeseile in Weinsberg und kam natürlich auch zu Ohren der NS-Ortsgruppenleitung. (Hermann Zeller vermutete, dass die Partei einen fleißigen Kirchgänger als Spitzel in den Gottesdienst geschickt hatte.) Die fühlte sich in ihrer Rassenlehre angegriffen. Sie forderte Dekan Zeller auf, in ihre Diensträume in der Kelter an der Seufferheldstraße zu kommen und dort Rede und Antwort zu stehen. Er bat, seinen Kollegen Stadtpfarrer Aichelin mitbringen zu dürfen. Dieser Bitte wurde entsprochen. Eberhard Aichelin war ein wortgewandter Mann und in seiner Art anpassungsfähiger als Hermann Zeller. Seine Frau hatte gewisse Kontakte zu Frauen von Parteileuten. Dem war es wohl zu verdanken, dass die ganze Sache mit einer Verwarnung abging: Falls Zeller noch einmal solche Aussagen mache, müsse er mit ernsten Konsequenzen rechnen.

Einige Zeit nach diesem Verhör erschien im Heilbronner Naziblatt ein gehässiger Artikel gegen Dekan Zeller, in dem die Sache mit dem Rassedünkel journalistisch zerpflückt und ausgeschlachtet wurde. Dieser Artikel hing dann einige Zeit im Aushängekasten der Weinsberger NSDAP, wo sonst das Judenhetzblatt „Der Stürmer“ hing.

Die Predigtaussage mit dem Rassedünkel hatte zur Folge, dass sich die Abneigung der Weinsberger Parteigrößen gegen Dekan Zeller weiter verschärfte. Eines Tages ließ Rektor Dr. Mayer Dekan Zeller wissen, dass er in der Weinsberger Volksschule keinen Religionsunterricht mehr halten dürfe. Zuerst empfanden wir es mit unserem Vater als persönlichen Affront, dann aber stellte sich heraus, dass die eigentliche Ursache ein Erlass des kirchenfeindlichen Kultusministers Mergenthaler war, der damit den Religionsunterricht abschaffen und den „Weltanschauungsunterricht“ (WAU) einführen wollte. Mit dem Hinauswurf entstand für Dekan Zeller die Frage, wo er zukünftig seinen Religionsunterricht halten könnte. Weinsberg hatte kein eigenes Gemeindehaus. Der einzige Raum, der zur Verfügung stand und im Winter auch geheizt werden konnte, war die Sakristei der Kirche. Sie war jedoch für eine ganze Klasse zu klein. Sohn Ulrich schlug vor, ob man nicht in den Ostchor der Kirche, der so gut wie nie benutzt wurde, aber mit einem Koksofen beheizt werden konnte, einen Zwischenboden einziehen könnte. Dieser Vorschlag veranlasste Dekan Zeller, ein Baugesuch ausarbeiten zu lassen und beim Bauamt Heilbronn einzureichen. Nach einiger Zeit kam der ablehnende Bescheid von Regierungsbaumeister und Kirchengemeinderat Ostertag mit der Begründung, man könne doch so ein wunderbares Bauwerk nicht durch so ein banales Machwerk verhunzen. Das war von der Würde des Bauwerks her gewiss gerechtfertigt. Aber vordergründig war es die gehässigflankierende Unterstützung für das Unterrichtsverbot Dr. Mayers. Ob der Religionsunterricht in der Sakristei gehalten wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Konfirmanden- und Zuhörerunterricht durfte weiterhin in der Volksschule gehalten werden. Den hatte Mergenthaler nicht verboten.

Ich erinnere mich noch an einen Abend. Es war schon richtig Nacht. Unser Vater hatte eine Veranstaltung, wahrscheinlich Bibelstunde, in der Sakristei. Da erhob sich auf dem Kirchenplatz ein mächtiges Geschrei. Ich bekam Angst, irgendwelche Leute würden unseren Vater verhauen. Ich mobilisierte meinen Bruder Hermann, der sofort auf den Kirchenplatz ging, während ich nach geeigneten Gegenständen zur Abschreckung bzw. Verteidigung suchte. Es stellte sich abermals ganz harmlose Kickerei oder Rangelei von Buben heraus. Aber man musste damals auf solche Vorkommnisse gefasst sein. Der Heilbronner Kreisleiter Drautz, natürlich ein „alter Kämpfer“, hielt sich 1933 ein eigenes „Rollkommando“ von jungen Männern. Die mussten auf seine Anordnung hin Personen verprügeln, die ihm missliebig waren, und er selbst behielt dabei „saubere Hände“.

So ließ er auch den Verleger und Herausgeber der „Heilbronner Neckarzeitung“, einen Herrn Krämer, verprügeln. Dessen Tochter Annemarie war in der 5. Klasse am Gymnasium meine Nebensitzerin. Eines Tages berichtete sie mir ganz betroffen, dass am Tag vorher Männer an der Haustüre geläutet hätten. Auf die Frage nach ihrem Anliegen antworteten sie, sie möchten Herrn Krämer sehen. Als dieser erschien, packten sie ihn und verprügelten ihn übel. Dann seien sie wieder verschwunden. Geistesgegenwärtig rief Annemarie ihre Freundin und Schulkameradin Gisela Goldammer an und berichtete ihr, was vorgefallen war. Daraufhin verließ Herr Goldammer, der Chefredakteur dieser Zeitung, schleunigst seine Wohnung. Als das Rollkommando erschien, war der Gesuchte nicht mehr da.

Etwa im Herbst 1935 hielt Kreisleiter Drautz bei einer Parteiversammlung in der Weinsberger Hildthalle eine Rede. es war die Zeit, als erstmals Butter und Schweinefleisch knapp wurden. Schon damals wurde durch Konservieren und Kühlhauslagerung Vorbereitung auf den 1939 beginnenden Krieg betrieben. Weil die Leute die begehrten Lebensmittel „hamsterten“, wurde es erst recht knapp. Drautz ging in seiner Rede auf diese Situation ein und polterte gegen die Hamsterer: „Wenn die moinet, se miasdet jeden Dag Schweinerns g'fresse han, na sag i dene: Dia soddet so lang Schweinerns fressa miasse, bis es ehne zum Hals raushengt...“ Und im weiteren Verlauf seiner Rede nahm er sich Landesbischof Wurm vor: „Und wenn Herr Wurm glaubt, uns Lehren über unsere Politik erteilen zu müssen, dann sage ich ihm: Nicht Sie, Herr Wurm, sondern wir Nationalsozialisten werden unsere Totalität bewahren!“ Dekan Zeller war natürlich nicht in der Versammlung, aber ich als Angehöriger der Hitlerjugend war drin und habe unserem Vater die Aussprüche berichtet.

Seine schlimmsten Taten beging Drautz bei Kriegsende. Auf sein Betreiben wurden 20 kriegsgefangene amerikanische Soldaten erschossen, und in Heilbronn ließ er noch mehr Leute erschießen, die durch Hissen von weißen Tüchern ihre Bereitschaft zur Einstellung des Kampfes zeigen wollten. Die Amerikaner konnten den Flüchtenden aufgreifen. Er kam vor ein Kriegsgericht, wurde zum Tode verurteilt und in Dachau gehängt.

Gleichschaltung der kirchlichen Jugend und Raumschikanen

In Weinsberg hatte es seit vielen Jahren einen „Jünglingsverein“ und einen „Jungfrauenverein“ gegeben. Letzterer versammelte sich im Stadtpfarrhaus. Dorthin kamen Mädchen nach der Konfirmation und junge unverheiratete Frauen. Aus ihrem Kreis gingen Kinderkirchhelferinnen hervor. Außerdem waren sie immer bereit, am Erntedankfest und an Weihnachten den Altar zu schmücken. Bei kirchlichen Veranstaltungen in der Hildthalle waren sie eifrige Helferinnen.

Der Jünglingsverein versammelte sich einmal in der Woche im „Kinderschüle“ am Kirchplatz. Aus ihm bekam der Posaunenchor seinen Nachwuchs. Aber auch sonst waren alle zur Stelle, wenn kräftige Männer gebraucht wurden. Zur Weihnachtsfeier des Kindergottesdienstes stellten sie den großen Weihnachtsbaum auf und schmückten ihn. Gelegentlich machten sie Wanderungen.

Die Benützung des Kinderschüle durch die jungen Männer ging mit der Nazizeit zu Ende. Der Jünglingsverein als kirchliche Organisation musste sich auflösen. Neben den Parteiorganisationen durfte es keine anderen mehr geben. Auf Druck der Nazis musste die Stadt dem Jünglingsverein das Benutzungsrecht des Kinderschüle entziehen. Auch das von der Kirchengemeinde getragene Kinderschüle musste aufgegeben werden. In ihm war zuletzt eine Großheppacher Kinderschwester Mathilde tätig, die ins Mutterhaus zurück ging. Nach ihr betreuten zwei NSV-Kinderschwestern den Weinsberger Kindergarten.

Für Zusammenkünfte der männlichen kirchlichen Jugend bot sich ein leerstehender Raum im Erdgeschoss des Dekanats an. Hier bestand schon vor unserer Zeit eine „Notwohnung“. Die Wohnküche wurde vom Jünglingsverein umgestaltet zu einem Raum, in dem Bibelarbeit für Buben gehalten werden konnte. In der ersten Zeit wurden diese Abende von Hans Käfer, einem Sohn des Organisten, gehalten. Doch war damit der Jünglingsverein als kirchliche Organisation aufgelöst. Einen CVJM oder BK gab es in Weinsberg nicht mehr.

Der Kirchengemeinde wurde auch das Recht entzogen, die Hildthalle für irgendwelche Veranstaltungen zu benutzen. Dorthin waren einmal im Jahr ältere Leute zu einem Nachmittag mit Kaffee und Kuchen eingeladen worden, und Dekan Zeller hatte eine kleine Ansprache gehalten, vielleicht auch eine Geschichte vorgelesen. Nach dem Entzug des Benützungsrechts wurde dieser Altennachmittag im großen Saal des Gasthauses „Zur Traube“ veranstaltet. In diesem Saal fand auch immer wieder einmal die Versammlung der Pfarrer des Weinsberger Bezirks, der „Diözesanverein“, statt. Mindestens ebenso oft war er in Bretzfeld in einem Gasthaus. Das war für die Mehrzahl der Kollegen und ihre Frauen besser erreichbar als Weinsberg, das ja an der westlichen Grenze des Dekanatsbezirks liegt. Damals hatten nur wenige Pfarrer ein Auto; sie waren auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Dekan Zellers Fortbewegungsmittel war sein Fahrrad (ohne Gangschaltung).

Erinnerung an Juden
In Weinsberg gab es nur wenige Juden. Das war ein Ehepaar Thalheimer und sein Sohn. Ob er verheiratet war, weiß ich nicht. Beide Thalheimer lebten vom Viehhandel. Beide hatten ihre Häuser, Ställe, Scheunen und Gärten auf der Westseite der Bahnhofstraße. Einige Zeit nach der Machtergreifung nahm ein radikaler SS-Mann dem Sohn Thalheimer den Viehhandel samt Haus und Grundstück weg; nach einiger Zeit sagte mir jemand: „Der ischt beim Viehhandel no schlimmer wie der Jud!“ Dekan Zeller machte nach der Pogromnacht 1938 einige Besuche bei Familie Thalheimer.

In jener Nacht wurde auch die Heilbronner Synagoge niedergebrannt. Ob den Weinsberger Juden etwas geschah, weiß ich nicht, hätte es aber vermutlich erfahren. Es gab noch eine andere jüdische Familie, die ich seinerzeit nicht gekannt hatte. Der Mann war einfacher Arbeiter. Dann gab es noch einen Polizisten, der eine jüdische Frau hatte. Was später aus den Weinsberger Juden geworden ist, weiß ich nicht. Viele Heilbronner wanderten ja in der Anfangszeit des 3. Reiches aus.

Verkürzung der Schulzeit
Im Spätherbst des Jahres 1936 kam eine Verordnung aus Berlin vom Reichskultusminister Rust, dass am Schuljahresende 1937 nicht nur die Oberprimaner ihr Abitur machen sollten, sondern auch die Unterprimaner, die Schüler der 8. Klassen aller höheren Schulen. Neunte Klassen gab's danach für Jungen nicht mehr. Die Mädchen mussten allerdings noch ein Jahr länger die Schule besuchen. Gleichzeitig wurde eine Vielzahl der höheren Schulen aufgehoben. Ab da gab es nur noch die „Deutsche Oberschule“. Vorher hatte es in Heilbronn ein humanistisches Karlsgymnasium, ein Robert-Mayer-Realgymnasium und eine Robert-Mayer-Oberrealschule, eine Damm-Realschule für Knaben und eine Mädchenrealschule, eine Handels- und eine Mittelschule gegeben.

Am 22. Januar 1937 starb unser Großvater Zeller, württembergischer Konsistorialpräsident, in Stuttgart. Wenige Tage nach der Beerdigung erkrankte ich an Lungenentzündung. Mein Vater paukte mit mir noch etwas Latein und Griechisch. Am 16. März konnte ich zum ersten Mal wieder in die Schule, nämlich zur Abiturprüfung. Sie wurde sowohl bei Unterprimanern als auch bei Oberprimanern „nur“ mündlich abgehalten. Am 23. März gab's die Zeugnisse. Am 2. April wurde ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, nach Schlesien. Was sich in dieser Zeit zwischen NS-Partei und Dekan Zeller abgespielt hat, erfuhr ich natürlich nicht. Jeder Brief mit entsprechendem Inhalt hätte ein Belastungsdokument werden können. Ende Oktober 1937 kam ich zurück. Wenige Tage später kam ich als Wehrfreiwilliger zum Infanterieregiment 34 nach Heilbronn. Im ersten Vierteljahr hatte ich überhaupt keinen Ausgang. Aber dann kam ich an manchen Sonntagen nachmittags nach Weinsberg. Abends um 20 Uhr musste ich wieder in der Kaserne sein.

Als Abiturient, der zum Medizinstudium entschlossen war, wurde ich Anfang November 1938 zum Sanitätsdienst versetzt.. Am 31. März 1939 wurde ich vorzeitig entlassen mit der Verpflichtung, das restliche halbe Jahr nach Abschluss meines Studiums als Arzt noch nachzuholen. Dieselbe Verpflichtung musste ich in einem Lazarett in Frankreich im Sommer 1944 noch einmal unterschreiben. Am Vollzug hat mich der „Endsieg“ gehindert.

Das Ende der Weinsberger Zeit
1939 trieb Hermann Zeller der Gedanke um, nach zwölf Jahren Dienstzeit sich um ein anderes Dekanat zu bewerben, ehe er in Ruhestand gehen würde. Er wandte sich an den Oberkirchenrat. Landesbischof Wurm ließ ihm eine Predigt zukommen, die er einmal in Waiblingen gehalten hatte. Da wusste unser Vater, wohin sein Weg führen sollte. Als es bekannt wurde, dass Hermann Zeller als Dekan nach Waiblingen kommt, rief eine Waiblingerin eine ihr bekannte Frau in Weinsberg an, wie denn das mit dem Dekan Zeller so sei. Die Antwort der Weinsbergerin: „Den kennet er hawwe!“ war ein Ausdruck offenbar dafür, dass er bei gewissen Weinsberger Leuten nicht beliebt war. Ob sie Ausdruck einer politisch motivierten Distanzierung war, weiß ich nicht.

Der Anfang in Waiblingen war dadurch erschwert, dass innerhalb einer Woche unsere drei noch lebenden Großeltern verstarben. Trotzdem hörte ich Ende 1939 unseren Vater vor der Waiblinger Kirche zu einem Herrn sagen: „In diesem einen Vierteljahr in Waiblingen habe ich schon mehr Freude erlebt als in Weinsberg in zwölf Jahren.“

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