Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Felicitas Zeller (1867–1947)
die erste Frau im Backnanger Gemeinderat

Von Stephanie Eble, zuerst erschienen in: Backnanger Jahrbuch 7, 1999, dann in: Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 19, 2007 (In dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)

 
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             Felicitas Zeller mit ihren sieben Kindern Anne, Eugen, Martha, Otto, Friedrich, Emma und Eduard, ca. 1911

 

Getreu dem Zellerschen Familienmotto, „Mit Freuden hindurch!“, hat Felicitas Zeller, die erste Backnanger Gemeinderätin, ihr Leben als Ehepartnerin, Mutter von sieben Kindern, berufstätige wie auch sozial engagierte Frau und Lokalpolitikerin gemeistert. 1919 wurde Felicitas Zeller für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) in den Backnanger Gemeinderat gewählt, dem sie bis Ende 1922 angehörte.

Die Gemeinderatswahlen von 1919 waren in zweifacher Hinsicht etwas Besonderes: es waren nicht nur die ersten demokratischen Kommunalwahlen nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918, sondern vor allem auch die ersten, an denen Frauen teilnehmen durften. Denn erst im Laufe der politischen Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg – der deutsche Kaiser dankte ab, der württembergische König ebenso, Deutschland wurde eine demokratische Republik – war den Frauen das Wahlrecht zugestanden worden: am 12. November 1918 hatte der Rat der Volksbeauftragten das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht erlassen. Aus diesem Erlass wurde dann der Artikel 109 der 1919 verabschiedeten Weimarer Reichsverfassung, der Frauen und Männern grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten zugestand.

Aber diesem fast beiläufigen Akt, der den Frauen in Deutschland das Wahlrecht gebracht hatte, war ein langer Kampf der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung vorausgegangen.

Die bürgerliche Frauenbewegung, die in den 1860er Jahren mit der Aufhebung des Vereinsverbotes ihren Anfang nahm, war in hohem ,Maße eine Frauenbildungs- und Frauenberufsbewegung, die sich für das Recht der Frau auf erwerbstätige, standesgemäße Arbeit einsetzte und sich gegen die Rolle der Frau als bloßes Aushängeschild des Mannes wehrte.

Das Frauenwahlrecht wurde mit unterschiedlicher Vehemenz von den Frauenvereinen verschiedenster Prägung vertreten: der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF; gegründet 1865) und der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF; gegründet 1894) plädierten nur sehr zögerlich und spät für das volle politische Frauenwahlrecht und konzentrierten sich zunächst auf die Forderung nach der Einführung des kommunalen Wahlrechts. Noch bis 1918 blieb das Frauenwahlrecht innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung umstritten.

So war es vor allem die sozialistische Frauenbewegung, die sich am stärksten und nachhaltigsten für das politische Wahlrecht einsetzte. Clara Zetkin, eine der herausragendsten Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung und Herausgeberin der Zeitschrift ‚Die Gleichheit‘, trat 1896 auf dem Parteitag der SPD in Gotha für mehr Rechte für Frauen ein. Aber auch ihr männlicher Parteigenosse August Bebel plädierte schon 1875 für das „Heraustreten der Frau aus dem engen Kreis der Häuslichkeit und ihre volle Teilnahme an dem öffentlichen Leben“. Bebels Forderung nach gleichen Rechten für die Frau traf zu diesem Zeitpunkt zwar selbst bei den Sozialdemokraten nicht auf ungeteilte Zustimmung, rückte aber das Thema stärker in den Vordergrund und in das Bewusstsein seiner Parteigenossen. 1895 brachte die SPD dann den ersten Gesetzesantrag im Reichstag auf Verleihung des Wahlrechts für Frauen ein, der von allen anderen Parteien abgelehnt wurde. Bis 1918 blieb die SPD reichsweit die einzige Partei, die sich vorbehaltlos für das Frauenwahlrecht einsetzte.

Vor allem durch den Ersten Weltkrieg, der den Frauen selbst bewies, dass sie bis dahin Männern vorbehaltene Arbeit verrichten konnten, nahmen die Aktivitäten der Frauenvereine zu und damit auch der Druck auf die Reichs- und Landesregierungen.

Auf das allgemeine Wahlrecht 1918 folgte in den nächsten Jahren ein weiblicher Mitgliederboom in Parteien und Gewerkschaften. Die Parteien füllten ihre Kandidatenlisten eifrig mit Frauen, um das neue Wählerinnenpo­tential für sich zu gewinnen. So kann man für die ersten Jahre der Weimarer Republik von einer - wenn auch kurzen - Hochphase der Frauen in der Politik sprechen. Eine große Anzahl von Frauen kandidierte bei Wahlen und viele schafften den Sprung in kommunale Parlamente, Landtage oder sogar den Reichstag.

Mit der zunehmenden Integration von Frauen in den Parteien sanken die Mitgliederzahlen der Frauenvereine. Durch die Spaltung der Sozialdemokratie - die Gegner des Burgfriedens hatten nach ihrem Ausschluss aus der SPD im Januar 1917 die USPD gegründet - wurde auch die proletarische Frauenbewegung gespalten und weiter geschwächt. Hinzu kam, dass die sozialdemokratische Frauenbewegung es nach 1919 versäumte, sich weiter zu entwickeln und man sich mit dem Wahlrecht der Illusion der Gleichberechtigung der Frau hingab. So erfuhr die sozialdemokratische Frauenbewegung bereits zwischen 1919 und 1923 ihren Niedergang. Das Ende der bürgerlichen Frauenbewegung wurde durch die Auflösung des BDF im Zuge der Gleichschaltung im Mai 1933 markiert. So kam 1933 flügel- und parteienübergreifend die gesamte Frauenbewegung zu einem Stillstand.

Frau und Politik - Vorstellungen

Wie immer man die Einführung des Frauenwahlrechts heute beurteilen mag - ob es auf den Kampf der Frauenbewegung zurückzuführen oder letztlich ein Zugeständnis der Männer war -, unbestritten ist, dass es relativ überraschend kam und alle Beteiligten überrollte.

Noch im Oktober 1918 hatten sich im Reichstag alle Parteien rechts von der SPD gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen. An dieser völlig fehlenden Bereitschaft der Männer, Frauen in die Politik aufzunehmen, sowie an der mangelnden Bereitwilligkeit der Frauen selbst, sich politisch zu betätigen, hatte sich auch einen Monat später nichts geändert, als im November 1918 das allgemeine Wahlrecht erlassen wurde. Das Frauenwahlrecht fiel also auf einen alles andere als fruchtbaren Boden. Dass dem so war, hat seine Ursache vor allem in der Herausbildung und Etablierung der Geschlechterpolarität als gesellschaftliche Konsens seit dem 19. Jahrhundert. Dieses Konzept ging von dem Gedanken einer naturgegebenen Wesensverschiedenheit von Mann und Frau aus. Danach galt der Mann als der aktive Verstandesmensch, die Frau als passiver Gefühlsmensch. Abgeleitet davon wurden die Räume der beiden Geschlechter klar gegeneinander abgegrenzt in ‚öffentlich‘ und ‚privat‘; der Mann herrschte und agierte nach außen, das heißt im Beruf und in der Politik, die Frau nach innen in der ‚Keimzelle Familie‘. Die Frau wir ganz klar auf ihre dreifache Bestimmung als Mutter, Hausfrau und Gattin festgelegt; in der harten Männerwelt der Politik hatte sie nichts verloren.

Die naturgegebene Wesensunterscheidung von Mann und Frau wurde weder von der gemäßigten bürgerlichen noch von der sozialistischen Frauenbewegung in Frage gestellt. Und so blieb in den Forderungen nach dem Frauenstimmrecht das Aufgabenfeld der Frauen in der Politik immer auf die Gebiete beschränkt, die allein die Angelegenheiten des spezifisch weiblichen Lebenskreises berührten, sprich Frauenarbeit, Wohnungswesen, Kinder-, Ernährungs-, Kranken- und Gesundheitsfürsorge, Erziehungs- und Schulwesen sowie vor allem die Wohlfahrtspflege.

So wenig eine politisch engagierte Frau also zwar allgemein anerkannt war, solange sie sich auf diese rein spezifisch weiblichen Gebiete beschränkte lief sie – vor allem auf kommunaler Ebene – keineswegs Gefahr, sich ins gesellschaftliche Abseits zu katapultieren. Das hat damit zu tun, dass dieses Engagement eher in die Kategorie ‚Wohlfahrtsarbeit‘ eingeordnet wurde, dem klassischen ehrenamtlichen Betätigungsfeld von Frauen, als unter ‚Politik‘. So konnte eine kommunalpolitisch aktive Frau durchaus allgemeine Achtung und Anerkennung erhalten.

Aber es gehörte immer noch viel Mut dazu, sich als Frau 1919 für ein politisches Engagement zu entscheiden. Es galt, diverse Hindernisse, Berührungsängste mit der Politik sowie Vorurteile zu überwinden (gemäß dem Pauluszitat hatte die Frau nicht nur in der Kirche, sondern auch im Parlament und im Rathaus zu schweigen). Aus eigenem Antrieb konnte es eine Frau kaum auf einen Listenplatz schaffen, was vor allem eine strukturelle Ursache hatte: die gesamte Frauenbewegung hatte sich in (groß-)städtischen Räumen abgespielt und demnach vorrangig dort ausgewirkt. In ländlichen Gebieten waren die Strukturen völlig anders, als Frauen 1919 erstmals wählen durften: es gab kaum Frauenvereine und wenige Frauen, die auf ihre politische Präsenz pochten. Das erklärt sicher, warum Frauen gerade in den meisten ländlichen Gemeinden erst nach dem Zweiten Weltkrieg Eingang in den Gemeinderat fanden.

Bei den Listenaufstellungen spielte auch eine große Rolle, dass diese in erster Linie nicht nach den Fähigkeiten einer Kandidatin oder eines Kandidaten erfolgten, sondern in erster Linie nach Standesdünkel, das heißt je nach Interessen wurden gezielt Unternehmer, Arbeiter, Handwerker, Beamte etc. nominiert. Frauen, die ja weder einen Stand noch eine einheitliche Masse mit identischen Interessen bildeten, blieben durch ihre mangelnde wirtschaftliche Macht und fehlende berufliche Gebundenheit außerhalb der Interessengruppen. So stellte man eine Frau nicht als Vertreterin eines Berufsstandes oder Stadtteils auf, sondern in der Regel immer als Frau, als Vertreterin ihres Geschlechts.

Hatte es eine Frau schließlich auf einen Listenplatz geschafft, stand ihrer Wahl eine weitere Hürde im Weg, und zwar in Form des kommunalen Wahlsystems in Württemberg. Dieses sieht bis auf den heutigen Tag die Möglichkeit des Kumulierens (Stimmenhäufen) und Panaschierens (Listenwechsel) vor, weshalb der Bekanntheitsgrad eine große Rolle spielt. Und in diesem Punkt waren Frauen den Männern gegenüber, die ja die öffentlichen Räume besetzten, ganz klar im Nachteil. So verwundert es auch nicht, dass Frauen in der Regel über ihre ehrenamtliche Wohlfahrtsarbeit in die Politik kamen - andere öffentliche Räume standen ihnen nicht offen.

Darüber hinaus bot das Wahlsystem einerseits zwar die Möglichkeit, Kandidatinnen und Kandidaten von hinteren Listenplätzen nach ganz vorne zu wählen, andererseits natürlich aber auch, diese herauszustreichen und damit ganz nach hinten zu wählen. Dies hat sich sehr zum Nachteil der Frauen ausgewirkt, da sie durch die allgemeine Skepsis relativ häufiger als Männer von den Wahlzetteln gestrichen wurden.

Die große Mehrheit der neugewählten Gemeinderätinnen stand den neuen Anforderungen und Erwartungen alleine gegenüber. Neben kleineren Schwierigkeiten, wie z. B. dem Fehlen eines klaren Leitbilds für politisch tätige Frauen oder mangelnder Anerkennung bei männlichen Kollegen, ergaben sich die meisten Probleme vor allem aus dem weiblichen Lebenszusammenhang. Durch die Doppelbelastung durch Erwerbs- und Hausarbeit fehlte vielen Frauen für die Mitarbeit in der Politik schlicht und ergreifend eines: Zeit. Doch um die Lösung dieses strukturellen Problems war kaum jemand ernsthaft bemüht, da das Frauenwahlrecht ja keine breite Akzeptanz in der Bevölkerung genoss, weder bei Männern noch bei Frauen.

So unterliefen der vorherrschende Patriarchalismus und die weiterhin bestehende Mehrfachbelastung der Frauen von vorneherein die formale Möglichkeit, aktiv Politik zu treiben und gestaltend einzugreifen. Dieses strukturelle Problem hat - zusammengenommen mit all den anderen Widrigkeiten - dazu beigetragen, dass sehr viele Frauen in den frühen 1920er Jahren wieder aus Gemeinderäten, Reichs- und Landtagen verschwanden, nicht nur, weil sie nicht wiedergewählt wurden, sondern, weil viele von ihnen einfach nicht mehr kandidierten.

Eine dieser Frauen, die 1919 trotz alledem den Mut und die Energie hatte, für ein politisches Amt zu kandidieren, war Felicitas Zeller, die damit zu den bisher unbeachteten Pionierinnen der württembergischen Frauengeschichte gehört.

Die Frau Felicitas Zeller

Antonie Felicitas Zeller, geborene Werner, kam am 27. November 1867 in Ingelfingen bei Künzelsau zur Welt. Sie war die zweitälteste von fünf Töchtern des evangelischen Arztes Dr. Hermann Werner und seiner Frau Emma, einer geborenen von Schlümbach. Ihren Rufnamen verdankte Antonie Felicitas ihrer Großmutter und Taufpatin Felicitas von Scheidlin. 1869 zog die Familie Werner nach Markgröningen, wo Felicitas aufwuchs. Die junge Felice – wie sie genannt wurde - wird als braves Kind geschildert, das ehrfürchtig zu seinen Eltern aufsah und sich mit Lernen nicht schwer tat. Sie war wohl auch entgegen ihrer späteren Art (...) als Kind ein rechtes Schwatzbäsle, S. 4 - was den Rückschluss zulässt, dass sie später ein eher zurückhaltendes und ruhiges Wesen hatte.

Felicitas Werner besuchte als Gastschülerin einige Jahre das Markgröninger Lehrerinnenseminar, wo sie sich durch fleißiges Lernen auszeichnete. Bald konnte sie ihrem Vater in der Sprechstunde und beim Operieren Dienste tun. Auch bei den verheirateten Schwestern und deren Kindern gab es manches Kranksein. Da musste Felice einspringen, und sie tat es immer mit frohem Mut, so berichtet die Familienchronik. Die junge Frau war schon zu einem Haushaltskurs in der Schweiz angemeldet worden, als 1888 kriegsbedrohende Wolken am Himmel aufzogen. Ihre besorgten Eltern wollten sie in dieser Situation nicht ziehen lassen, und so erlernte Felicitas stattdessen in Ludwigsburg in einem Gasthaus das Kochen.

Am 28. April 1891 heiratete Felicitas Werner in Markgröningen im Alter von 23 Jahren Dr. Heinrich Zeller. Heinrich Zeller, 1863 in Schöckingen bei Leonberg als Sohn einer Pfarrersfamilie geboren, entstammte der Ärztedynastie einer traditionsreichen, in Württemberg weitverzweigten Familie. Felicitas und Heinrich kannten sich schon von Kindesbeinen an, denn nachdem der Vater von Heinrich Zeller 1874 Rektor des neugegründeten Lehrerinnenseminars in Markgröningen geworden war, freundeten sich die Familien Zeller und Werner miteinander an. So kam der junge Heinrich, der Felicitas‘ Vater oft begleiten durfte, auf den Arztberuf - und: Dass bei dem jungen Mediziner Heinrich und Großvater Werners Praxishilfe, der Fräulein Doktor mit dem langen Zopf, wie die Leute sie nannten, auch eine tiefe Zuneigung entstand, wen sollte das wundern?

Gleich nach der Hochzeitsreise bezog das junge Paar im Mai 1891 ein gemietetes Haus mit Stall und Scheune in der Kronenstraße 25 (heute Eduard-Breuninger-Straße) in Backnang und richtete sich eine Praxis ein. Durch die sich rasch vergrößernde Familie war aber bald ein Umzug nötig, und so kaufte man in der neugebauten Albertstraße ein Haus und zog im November 1895 mitsamt Praxis dort ein.

In seiner Hochzeitstischrede hatte Felicitas‘ Vater gesagt: Im Elternhaus wird freilich der Abgang der lieben Felice eine tiefe Lücke hinterlassen. Sie war der Mutter eine feste, treue, fast unentbehrliche Stütze, den Geschwistern eine liebreiche, uneigennützige, stets hilfsbereite Beraterin und Pflegerin, dem Vater ein von Jahr zu Jahr gewandter werdender ... Assistenzarzt und Samariterin im wahrsten Sinn des Wortes. Wir wissen freilich, dass sie ihrem neuen Heim ... trefflich vorstehen wird und ihrem Gatten Heinrich eine ebenso treue Gattin sein wird als sie uns eine liebe und treue Tochter und Schwester gewesen ist ...

Diese Erwartung, die das bürgerliche Frauenideal der Zeit darstellte, hat Felicitas Zeller mit Sicherheit erfüllt. Im Laufe ihrer Ehe schenkte sie sieben Kindern das Leben: Anna (geb. 1892), Eugen (geb. 1893), Martha (geb. 1895), Otto (geb. 1898), Friedrich (geb. 1903), Emma (geb. 1907) und Eduard (geb. 1910).

Frau Zeller war aber nicht nur treusorgende ,Mutter und Gattin, sondern auch Arzthelferin: ihr oblag die Sorge für die Praxis ihres Mannes. Die Niederlassung eines weiteren Arztes war in Backnang dringend nötig gewesen, und so hatten Heinrich und Felicitas Zeller von Anfang an alle Hände voll zu tun. Ihre Kinder berichteten später: Man kann sich heute keine Vorstellung mehr davon machen, wie beschwerlich, mühsam und zeitraubend damals so eine ausgedehnte Landpraxis war. Die liebe Mutter hat oft mit Ängsten auf Vaters Rückkehr gewartet. Man kann sich sicher auch keine Vorstellung mehr davon machen, was Arztfrauen früher geleistet haben, als es noch keine Arzthelferinnen, Telefone oder Schreibmaschinen in den Praxisräumen gegeben hat.

Den großen Arzthaushalt mit seinem regen Besuchsverkehr zu bewältigen, gelang der Familie Zeller nur mit einer Haushaltshilfe. Ein 1909 erworbenes Auto stellte eine weitere Erleichterung dar.

Mit 14 Jahren kamen die Töchter Anna und Martha für zwei Jahre nach Straßburg in ein Töchterinstitut, die Jungen verließen das Elternhaus für eine höhere Bildung mit etwa zwölf Jahren. Die Kinder berichteten später: Den auswärtigen Kindern hat Mutter jede Woche geschrieben, mit der immer gleich klaren und sicheren Handschrift.

Sohn Otto überlebte den Ersten Weltkrieg, aber Eugen fiel bereits 1914 in Frankreich, was einen schweren Verlust für Felicitas und Heinrich Zeller darstellte. Zu der Trauer kamen die materiellen Nöte und Sorgen der Nachkriegsjahre. In der Inflation verloren auch die Zellers ihr ganzes Vermögen. Hinzu kann, dass sich der gesundheitliche Zustand von Dr. Zeller zunehmend verschlechterte.

Dass die liebe Mutter bei all diesen Sorgen gefasst und ruhig bleiben konnte, haben wir immer bewundert. Sie gab damit anderen Kraft. Die Kraft hat sie aus ihrem festen Glauben geschöpft. Viele schöne Gesangbuchlieder konnte sie auswendig und konnte uns die Verse sagen. Auch Bilderbücher hat sie auswendig vorgelesen. Den Gottesdienst versäumte sie nie ohne dringende Abhaltung und hat dies auch zur guten Regel gemacht. Doch hat sie uns nie, gezwungen, in die Kirche zu gehen. Sie hat die Hauptgedanken der Predigt oft daheim mitgeteilt.

Felicitas Zeller war eine sehr gläubige Frau, die das Prinzip der christlichen Nächstenliebe auch lebte: sie war immer für andere da, sie tröstete, stand bei und half, (sie) hatte für alle, ob reich oder arm, ob sympathisch oder unangenehm und ungelegen die gleiche Freundlichkeit und Güte. Von Patienten, die ihre Rechnungen nicht bezahlen konnten, forderte das Ehepaar Zeller das Geld nicht ein, auch (oder gerade) in der Inflationszeit, als sich die Praxis nur mit Mühe und Not über Wasser halten konnte. Frau Zeller, die auch Kirchengemeinderätin war, war zeitlebens - und damit lange vor ihrer Wahl in den Gemeinderat – sozial sehr engagiert, z. B. bei der Krankenkostverteilung und beim Roten Kreuz. Für ihre Verdienste in der Kriegsfürsorge erhielt sie 1916 mit dem Charlottenkreuz eine besondere Auszeichnung.

Backnang im Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik

Die überwiegend protestantische Oberamtsstadt Backnang wandelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer Klein- zu einer Industriestaat. In der Industrialisierung Backnangs, die etwa Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte, spielten die Weberei und vor allem die Gerberei, die sich im Laufe der Jahrhunderte entlang der Murr angesiedelt hatte, eine große Rolle.

Schon vor der Zeit des Kaiserreichs war es zur Gründung von größeren Betrieben gekommen, so zum Beispiel bereits 1832 die der Spinnerei J.F. Adolff; in den 1860er Jahren folgten u.a. die Lederfabriken Fritz Häuser, Hodum, Carl Pommer, Louis Schweizer und eine Färberei der Firma Adolff.

Während des Kaiserreichs schafften viele Backnanger Betriebe den Übergang vom Handwerksbetrieb zur Fabrik, aber durch Preisschwankungen und die engere Verknüpfung mit den Weltmärkten gab es - vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts - auch zahlreiche Konkurse. In der Hauptsache gab es in Backnang neben der Gerberei und der Textilindustrie als wichtigen Industriezweig noch den Maschinenbau. Die Landwirtschaft spielte im Backnanger Wirtschaftsleben keine dominante Rolle; wichtig war die Stadt eher als Viehumschlagplatz und weniger als Erzeugerort.

1871 stellten mehrere Lederfabriken Dampfmaschinen auf, 1874 errichtete Fritz Käss den damals größten Gebäudekomplex in Backnang. Die voranschreitende Industrialisierung hing eng mit dem Ausbau der vorhandenen Infrastruktur und vor allem mit der Anknüpfung Backnangs an das Eisenbahnnetz zusammen. Zwischen 1876 und 1880 wurden von Backnang aus Bahnlinien nach Waiblingen, Murrhardt, Gaildorf und Bietigheim eröffnet sowie der neue Bahnhof eingeweiht, was vor allem die Lederindustrie weiter ankurbelte. Weitere Firmen wurden gegründet, u.a. die Maschinenfabrik Kälble, die Lederfabrik Karl Häuser, die Firma Louis Breuninger und eine Dampfziegelei. 1889 bezogen die ersten Fabriken elektrischen Strom und die Stadt wurde in das Fernsprechnetz angeschlossen.

Die Einwohnerzahl Backnangs stieg im Kaiserreich von 4472 (1870) auf 8676 (1910). Dass sich die Bevölkerung also nahezu verdoppelte, schlug sich auch im Stadtbild nieder: die erste großflächige Stadterweiterung murrabwärts und größere öffentliche Gebäude entstanden. 1893 wurde eine Frauenarbeitsschule eröffnet und 1886 eine Höhere Töchterschule gegründet, die 1896 durch eine Mittelschule ersetzt wurde; außerdem gab es eine Mädchenindustrieschule sowie eine Real- und Lateinschule. Seit 1869 war die Oberamtsstadt Sitz eines Bezirkskrankenhauses.

Im Kaiserreich gab es in Backnang Ortsvereine der üblichen Parteien, das heißt die SPD, die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei (die Vorläuferin der 1918 gegründeten DDP), die rechtsliberale Nationalliberale Partei, die Konservative Partei und den Bund der Landwirte. Die Gründung einer Ortsgruppe der katholischen Zentrumspartei erfolgte erst 1921.

Im beginnenden 20. Jahrhundert hielt die wirtschaftliche Blüte an: die Stadt wurde wohlhabender, Sanierungsarbeiten machten aus Backnang eine moderne und verkehrsgerechte Stadt, die alten Fabriken wurden erweitert und durch neue modernere Industrieanlagen ersetzt und weitere Arbeitersiedlungen errichtet. 1901 nahm das Gaswerk seinen Betrieb auf, 1904 gründeten die Gewerkschaften einen Spar- und Konsumverein, 1909 erfolgte die Eröffnung eines evangelischen Lehrerseminars und 1912 wurde die Aspacher Brücke für den Verkehr freigegeben. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Baumwollspinnerei Adolff mit etwa 1000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stellte die Gemeinden aufgrund der großen Not, der hohen Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Instabilität vor besonders schwere Aufgaben. Die Lösung der dringlichsten kommunalen Aufgaben übernahmen 1918 in Zusammenarbeit mit den noch amtierenden Schultheißen zunächst die Arbeiter- und Bauernräte, die im Laufe des Novembers/Dezembers 1918 in den Gemeinden gewählt worden waren (in Backnang am 11. November 1918).

1921 wütete nach 1919 bereits zum dritten Mal die Ruhr in der ohnehin von Nahrungsmittelknappheit und anhaltender Teuerung geplagten Stadt. Im selben Jahr übernahm die 8395 Einwohner zählende Gemeinde das Gaswerk und es gab erstmals elektrisches Licht. 1920 folgte der Ausbau des Stromnetzes in der ganzen Stadt.

Im August 1920 - die Stadt befand sich in einer angespannten Situation - riss ein Aktionsausschuss der linken Parteien und Gewerkschaften eine Woche lang die Macht an sich. Die Regierung setzte Truppen gegen die ‚Backnanger Sowjetrepublik‘ ein, aber das Ganze endete ohne Blutvergießen.

Erst nach dem Höhepunkt der Inflation im Spätherbst 1923, von der vor allem Mittelstand und Handwerk betroffen waren, stabilisierte sich die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage auch in Backnang wieder.

Die Gemeinderatswahlen in Backnang 1919

In Backnang fanden die Gemeinderatswahlen am 18. Mai 1919 statt. Es waren 20 Gemeinderäte neu zu wählen, davon zwei aus den Teilgemeinden. Die Amtszeit der Gemeindevertreter war durch die neue Gemeindeordnung auf sechs Jahre festgelegt worden; je nach drei Jahren hatte die Hälfte auszuscheiden, was für Backnang bedeutete, dass mit dem Ablauf des Jahres 1922 zehn der 1919 gewählten Gemeinderäte ausscheiden mussten. Die Wahlvorschlagslisten wurden eine Woche vor der Wahl in der Zeitung veröffentlicht.

Felicitas Zeller war nicht die einzige Frau, die sich um einen Sitz im Gemeinderat bewarb, sondern eine von insgesamt sieben Kandidatinnen. Jede der insgesamt fünf angetretenen Listen konnte mindestens eine Frau vorweisen. Das war für eine Gemeinde dieser Größe recht außergewöhnlich.

Die Sozialdemokratische Partei (SPD) trat mit 20 Kandidatinnen und Kandidaten an, darunter waren zwei Frauen. Unter den je zehn Kandidaten der Unabhängigen Sozialdemokratie Backnang (USPD) und des ‚Wahlvorschlags der Beamten, Unterbeamten und Privatangestellten‘ befand sich jeweils eine Frau. Die konservative Liste ‚Bürgerpartei und Bauernbund‘ konnte bei 20 Kandidaten zwei Frauen aufweisen. Die Kandidatin auf der durchaus chancenreichen vierten Position war Frau Nörr, die Ehefrau des Stadtarztes Dr. Nörr, so dass Felicitas Zeller also direkt mit einer anderen Arztfrau konkurrierte. Auf der Liste der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) stand schließlich bei 17 Bewerbern an dritter Stelle Frau Felice Zeller geb. Werner, Sanitätsratsehefrau‘(siehe auch Abb. 2).

Mit der Bekanntgabe der Wahlvorschläge setzten in der Zeitung vereinzelt Anzeigen der verschiedenen Parteien und Berufs- oder Interessengruppen für bestimmte Kandidatinnen oder Kandidaten und auch für Wählerversammlungen ein.

Die SPD appellierte in einer Anzeige speziell an die Frauen: Auch die Wählerinnen seien sich ihrer Pflicht bewusst, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen, das die Sozialdemokratie nach jahrelangem Kampf für sie errungen hat. Aber auch der Wahlausschuss der Deutsch-demokrat. Partei wandte sich in einem Aufruf an die Wählerschaft zur Gemeinderatswahl! direkt an die weibliche Wählerschaft und hob Frau Zeller hervor:

Und auch die Frauen sind jetzt zur Mitarbeit berufen, sie dürfen nicht säumen und nicht fehlen an der Wahlurne. Wir schlagen eine Frau vor, welcher die Verhältnisse unserer Stadt aus jahrzehntelanger Berührung mit allen Kreisen wohlbekannt sind, welche die Nöte und Anliegen der Mütter, die Sorgen einer Hausfrau und die vielen Fragen der Erziehung und Heranbildung kennt.

Felicitas Zeller errang schließlich mit einem beachtlichen Ergebnis einen Sitz im Backnanger Gemeinderat Nachdem sie als Dritte auf der DDP-Liste kandidiert hatte, erreichte sie nach Stimmen Platz vier und erhielt den 18. Sitz im Gemeinderat.

Die Wahl der ersten Frau in den Backnanger Gemeinderat kommentierte die Zeitung lapidar und ohne eine Wertung so: In Frau Sanitätsrat Zeller erhält der Gemeinderat die erste und einzige Frau als Mitglied.

Zum Abschneiden der anderen sechs Kandidatinnen sei Folgendes erwähnt: Fast schon tragisch erging es der USPD-Kandidatin Christine Klenk. Sie landete zwar nur auf dem zehnten Lind damit letzten Listenplatz ihrer Partei, aber sie hatte immer noch weit mehr Stimmen auf sich vereinigen können, als alle anderen vier Listenersten! Dennoch reichte dieses großartige Ergebnis von Christine Klenk aufgrund des Verhältniswahlrechts nicht für einen Platz am Ratstisch - dafür aber allen neun Kandidaten vor ihr.

Im Vergleich mit den sechs übrigen Frauen erzielte Felicitas Zeller also nicht das beste Ergebnis, dafür aber immerhin das zweitbeste. Das drittbeste Ergebnis konnte Frau Nörr, die andere Arztfrau, für sich verbuchen. Von den übrigen vier Frauen landeten drei auf den letzten Plätzen ihrer Listen, eine immerhin in der oberen hinteren Hälfte.

Aber eines war den sieben Kandidatinnen gemeinsam, die bei der Backnanger Gemeinderatswahl 1919 angetreten warten: sie rutschten ausnahmslos alle von ihrem Listenplatz ab, das heißt, sie wurden von den Wählerinnen und Wählern nach hinten gewählt.

Warum sich Felicitas Zeller für eine Partei um ein Gemeinderatsmandat bewarb, und wie sie zur DDP kam, ist nicht bekannt, aber ihre Entscheidung war wahrscheinlich weniger politisch als vielmehr sozial motiviert. Bei der Bescheidenheit ihres Charakters ist sehr stark anzunehmen, dass ihr die Kandidatur von außen angetragen worden war, und sie es annahm, weil es ihr als Möglichkeit erschien - gerade in der schweren Nachkriegszeit - noch mehr Gutes zu tun. Sie war ja schon vorher jahrelang in der Armenhilfe und im Wohfahrtsbereich sehr aktiv sowie im Kirchengemeinderat vertreten gewesen, weshalb sie in Backnang vermutlich sehr angesehen und bekannt wir.

Wie reagierte nun Felicitas Zeller, die eine kleine Frau von hagerer Gestalt war, auf ihre Wahl als Gemeinderätin? Darüber geben mehrere Briefe von ihr Auskunft, wobei Dreierlei ins Auge fällt: zum einen scheint sie nicht mit ihrer Wahl gerechnet zu haben, da in einer Stelle etwas Überraschung herausklingt. Zum anderen bedauerte sie es wiederholt, die einzige Frau in der Gemeindevertretung zu sein, z.B. hier: Leider ist Frau Dr. Nörr nicht gewählt, so bin ich als Frau allein.

Und dann scheinen sie doch ernsthafte Selbstzweifel geplagt zu haben, ob sie dieser Aufgabe gewachsen war, wie mehrfach zum Ausdruck kommt; so schrieb sie unter anderem an ihre Schwester Antonie: Seit ich weiß, dass mir ein solches Amt anvertraut werden soll, empfinde ich meine Unzulänglichkeit viel deutlicher. Nun muss es eben mit Gottes Hilfe gehen. Und in einem anderen Brief an ihren Sohn Otto heißt es: Es ist mir recht ernst zu Mut, wenn ich an die Verantwortung denke.

Aber Frau Zeller hat diesen Selbstzweifeln nicht nachgegeben und sich nach ihrer Wahl der mit dem Gemeinderatsamt verbundenen Verantwortung gestellt.

Der Backnanger Gemeinderat

Von den 20 neugewählten Backnanger Gemeinderäten waren sieben bereits im vorherigen Gemeinderat vertreten gewesen. Die USPD, die als Siegerin aus der Wahl hervorgegangen war, stellte mit sechs Sitzen die stärkste Fraktion. Insgesamt standen neun linken elf bürgerliche Gemeinderäte gegenüber. Der Graben zwischen links und rechts war zwar gelegentlich durchaus spürbar, wirkte sich aber nicht blockierend auf die Arbeit des Gremiums aus. So war die Atmosphäre, vom Geplänkel und persönlichen Animositäten abgesehen, durchaus gut, die Fluktuation mit zwei Wechseln gering, und der Gemeinderat arbeitete effizient.

Der Gemeindevertretung stand zu Beginn des Sitzungszeitraums, der vom 6. Juni 1919 bis zum 29. Dezember 1922 dauerte, Hermann Eckstein vor. Dieser war seit 1901 angesehener Schultheiß von Backnang. Allerdings erkrankte Eckstein im Sommer 1921) und konnte sein Amt mit Ausnahme eines Monats Anfang 1920 bis zu seinem Tode im Juni 1921 nicht mehr versehen.

Die Gemeinderatssitzungen fanden alle ein bis zwei Wochen statt, also im Schnitt zwei bis dreimal im Monat, und zwar in der Regel freitags, nach dem Amtsantritt des neuen Schultheißen Dr. Rienhardt donnerstags. Unter dem Vorsitz des gelernten Verwaltungsfachmanns änderte sich so manches im Backnanger Gemeinderat, z.B. wurde die Geschäftsordnung stärker eingehalten und die Protokolle wurden sehr viel korrekter und präziser geführt. Woran aber auch ein Dr. Rienhardt nichts ändern konnte, war die schlechte Sitzungsmoral: oft waren von den 20 Amtsträgern nur elf bis 14 anwesend, was schon seinen Vorgänger schließlich dazu veranlasst hatte, eine regelmäßigere Teilnahme anzumahnen – genützt hatte es allerdings nichts.

Die neugewählte Backnanger Gemeindevertretung hatte in den drei folgenden Jahren mit denselben großen Problemen wie alle Gemeinden des Reichs zu kämpfen: mit der Umstellung von der Kriegs- auf Friedenswirtschaft, der Arbeitsbeschaffung für heimkehrende Soldaten und Notstandsarbeiter, der Fürsorge für Arbeitslose und Kriegsbeschädigte, durch die andauernde alliierte Seeblockade mit der Versorgung und Verteilung von rationierten Lebensmitteln, mit dem Mangel an praktisch allem (Nahrungsmittel, Wasser, Kohle, Gas usw.), und vor allem mit einem: mit der drückenden Wohnungsnot. So war das Kommunalparlament besonders mit Fragen des Wohnungsbaus und mit neuen Bauvorschriften beschäftigt, was durch den Mangel an Eigenkapital und an Baumaterialien stark erschwert wurde.

Ab 1920 kamen als weitere Probleme noch die ständig steigende Inflation sowie wachsende Arbeitslosenzahlen dazu. Die Gemeinderäte mussten sich ab 1922 in immer kürzeren Abständen mit der Bewilligung, von Teuerungszuschlägen für städtische Angestellte beschäftigen.

Die Gemeinderätin Felicitas Zeller

Zum Zeitpunkt ihres Eintritts in den Backnanger Gemeinderat im Juni 1919 wir Felicitas Zeller 51 Jahre alt. Vier erwachsene Kinder waren schon aus dem Haus, aber sie hatte außer der Arztpraxis noch Mann und zwei Kinder mit neun und zwölf Jahren zu versorgen.

In der ersten Sitzung begrüßte Stadtschultheiß Eckstein neben den neu- und wiedergewählten Herren namentlich aber Frau Felice Zeller als erste und einzige Frau in der Versammlung. Schon in der Wahlwerbung war Felicitas Zeller ja als Frauenvertreterin hervorgehoben worden. Dass man sie nicht nur von außen als Vertreterin ihres Geschlechts betrachtete - auch in der Zeitung wurde sie später ausdrücklich als Vertreterin der Frauen bezeichnet -, sondern, dass sie sich auch selbst so auffasste, wird in ihrer 1921 gehaltenen Begrüßungsansprache bei der Amtseinsetzung des neuen Stadtschultheißen Dr. Rienhardt deutlich: Als einzige Frau im Gemeinderat möchte ich  namens der Backnanger Frauen Herrn Dr. R. herzlich willkommen heißen.

Aus einer überlieferten Sitzordnung geht hervor, dass Frau Zeller - obwohl sonst fast alle Mitglieder fraktionsweise saßen - in der hufförmigen Sitzordnung zwischen zwei Gemeinderäten von ‚Bürgerpartei und Bauernbund‘ nämlich zwischen dem Fabrikanten Eugen Adolff und dem Landwirt Wilhelm Dautel. Ihre drei Kollegen von der DDP, von denen sie durch vier Sitze getrennt war, saßen in der Stirnseite der Anordnung.

Da Felicitas Zeller schon lange Jahre in der Wohlfahrt aktiv war, galten ihre Hauptarbeit und ihr Hauptinteresse im Backnanger Gemeinderat fast ausschließlich sozialen Angelegenheiten, wie sie es auch selbst in eben erwähnter Begrüßungsansprache zum Ausdruck brachte: Namentlich auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege bitte ich ihn um seine Unterstützung, denn es gilt, viel Not zu lindern.“ Das gab es in der Tat, und so hatte sie im Armenausschuss mit der Verteilung von Lebensmitteln und der Unterstützung Bedürftiger immer sehr viel Arbeit.

Einmal beschäftigte sich der Gemeinderat mit der Frage der Anstellung einer Privatschwester Zur Bekämpfung der Lungentuberkulose sowie einer Säuglingspflegerin. Nur eine Schwester aus Kostengründen für beide Aufgaben einzustellen, erschien wegen der Infektionsgefahr für die Säuglinge zu gefährlich. In diese Diskussion schaltete sich Frau GR. Zeller ein und schlug vor, für die Tuberkulosebekämpfung eine Bezirksfürsorgerin anzustellen, ebenso wie für die Jugendfürsorge. Sie glaubt, dass es nicht Sache der Tuberkuloseschwester sein werde, Schwerkranke zu pflegen, was an mehreren Orten zugleich gar nicht möglich wäre, sondern dass ihre Aufgabe eine fürsorgende und beratende sein werde, namentlich zu Gunsten Kranker im Anfangsstadium.

Schließlich Wurde die Angelegenheit an den Armenausschuss des Gemeinderats weiterverwiesen, in dem die Gemeinderätin ja auch selbst tätig war. Außerdem wurde Frau Zeller, nachdem sie sich so mit Sachverstand eingebracht hatte, angetragen, ein Gutachten auszuarbeiten. Zwei Monate später wurde im Gemeinderat dann die Anstellung einer Privatschwester als TBC-Schwester und Säuglingsfürsorgerin in einem beschlossen, - ob auf ihre Empfehlung hin oder nicht, ist unbekannt.

Neben dem Armenausschuss war Frau Zeller auch in einem Ausschuss vertreten, der Brennholz in Minderbemittelte verteilen sollte.

Weiterhin engagierte sich Felicitas Zeller auch im evangelischen Ortsschulrat, in den sie 1919 in geheimer Abstimmung mit hoher Stimmenzahl gewählt worden war. Drei Jahre später wurde sie bei der Neuwahl des Ortsschulrats erneut in dieses Gremium gewählt dieses Mal mit der höchsten Stimmenzahl und den Stimmen aller Anwesenden. So weiß die Familienchronik nicht nur von endlosen Sitzungen im Armen-, sondern auch im Schulausschuss zu berichten.

Im Gemeinderat setzte sie sich einmal mit ihrem Kollegen, dem Lehrer Johannes Kuhn von der Vereinigung ‚Bürgerpartei und Bauernbund‘, als einzige für einen Antrag auf Klassenteilung ein.

Ein andermal engagierte sie sich parteiübergreifend mit Karl Keuler von der USPD, der ebenfalls im Ortsschulrat saß, in folgender Angelegenheit: aufgrund der 1921 eingeführten Lernmittelfreiheit weigerten sich in der dortigen Volksschule viele Eltern, für ihre Kinder die nötigen Lernmittel anzuschaffen, was den Unterrichtsverlauf stark behinderte. Der Gemeinderat hatte schon einmal 500 Mark zur Anschaffung von Lernmitteln bewilligt, was aber nicht genug gewesen war. Nach einer sich anschließenden Debatte stellte Herr Kuhn einen Antrag auf Erhöhung der Summe auf 1000 Mark. Diesen Betrag hielten die Gemeinderäte Kuhn und Zeller jedoch für zu niedrig und plädierten für eine höhere Summe. Dem entsprechend wurde beschlossen, die Summe auf 2000 Mark zu erhöhen.

Als es im Juni 1922 um die Einrichtung einer ständigen Lehrerstelle an der Grundschule ging, nahm Felicitas Zeller die Interessen von Frauen sehr direkt wahr: Von Frau GR. Zeller wird darauf hingewiesen, dass nach einem früheren Beschluss des Gemeinderats diesmal eine Lehrerin berücksichtigt werden solle. Dass sie sich damit sofort durchsetzte und die Anstellung einer Frau ohne Diskussion einstimmig beschlossen wurde, hatte weniger mit der fortschrittlichen Einstellung ihrer Kollegen zu tun, sondern vielmehr einen ganz banalen Grund: in Backnang herrschte, wie bereits erwähnt, großer Mangel an Wohnungen, ganz besonders aber an Familienwohnungen, und Lehrerinnen war es – im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen – verboten zu heiraten ...

Im Grunde hatte fast alles, wofür sich Felicitas Zeller im Backnanger Gemeinderat einsetzte – nicht immer mit Erfolg – , mit Wohlfahrt und Fürsorge zu tun. Wenn das auch den ersten Blick nicht immer so aussieht, so doch auf den zweiten. Als es z.B. in einem Disput um Bauzuschüsse ging, unterstützte Felicitas Zeller den Antrag zweier Familien auf Nachzahlung von Zuschüssen, und forderte, die Angelegenheit noch einmal an einen Ausschuss zu überweisen. Ihre Anregung fand allerdings keine Unterstützung und der Antrag wurde abgelehnt.

Ein weiteres Beispiel: in einer Sitzung kam es zu einer ausgedehnten Diskussion deren Gegenstand ein von den bürgerlichen Gemeinderäten Stroh, Breuninger, Adolff, Schmidt, Walz, Kuhn und Zeller schon in der vorigen Sitzung eingebrachter Antrag auf Schaffung einer Technischen Nothilfe für das städtische Gaswerk war. Hintergrund dieses Antrags waren neuerliche Streiks, von denen auch das Gaswerk betroffen gewesen war. Die Schaffung einer Technischen Nothilfe sollte gewährleisten, dass die Bevölkerung auch während eines Streiks mit Gas versorgt war. So war z. B. in Heilbronn eine Frau gestorben, da sie nicht hatte operiert werden können. Auch Felicitas Zeller, die sich um das Wohl der Patientinnen und Patienten sorgte, schaltete sich in die Diskussion ein, indem sie die Erwartung aus[ normal">der Vorsitzende den Antrag der bürgerlichen Parteien unterstützen werde; beim letzten Streik sei durch die verhinderte Gaszufuhr der Betrieb des Bezirkskrankenhauses empfindlich gestört worden [...]in Zukunft sollte sich dies nicht wiederholen.

Der Antrag wurde dann aber nach besänftigenden Worten des Vorsitzenden doch wieder zurückgenommen.

Auch an der Bekämpfung der Wohnungsnot beteiligte sich die Gemeinderätin aktiv und machte das Gremium darauf aufmerksam, dass sich im Dachstock eines Gebäudes in der oberen Marktstraße eine Wohnung einrichten ließe. Ihr Vorschlag wurde aufgenommen und ließ sich tatsächlich umsetzen, denn schon in der nächsten Sitzung wurde auf Antrag der Bau- und Wohnungskommission der Einbau einer Vier-Zimmer-Wohnung in das Gebäude beschlossen.

Aber Frau Zeller war nicht nur der ‚gute Engel‘ des Gemeinderats. Sie war z. B. in zwei Kommissionen vertreten, die den Gemeinderat ganz direkt betrafen: als Gemeinderat Kinzer von der DDP im August 1920 wegen wiederholter Missachtungen der Amtsverschwiegenheit durch einige Gemeinderäte seinen Austritt erklärte. Frau Zeller konnte Herrn Kinzer zusammen mit Kollegen aus ihrer Fraktion und dem Amtsverweser Erlenbusch erfolgreich dazu überreden, sein Mandat zu behalten.

Und noch ein weiteres Mal ging es um eine Angelegenheit, in der es galt, diplomatisch vorzugeben: Stadtschultheiß Eckstein hatte sein Amt - wie oben erwähnt - wegen Krankheit seit Sommer 1919 nicht mehr ausüben können. Dieser Zustand war für die Gemeinde auf lange Sicht nicht tragbar, und so sollte Anfang 1921 eine Kommission gebildet werden, welcher in erster Linie die Aufgabe zufiele, den Erkrankten zum freiwilligen Rücktritt zu veranlassen, andernfalls Amtsenthebung [...] in Frage käme. Diese delikate Aufgabe übernahmen schließlich der Amtsverweser Erlenbusch, Stadtpfleger Friedrich und neben dem Gemeinderat Breuninger auch Frau Zeller. Die Mission endete erfolgreich: einen Monat später suchte Stadtschultheiß Eckstein um seine Versetzung in den Ruhestand nach.

Damit war das Thema Eckstein im Gemeinderat aber noch nicht erledigt: zwei Monate später, im Mai 1921, entsponn sich nach einem Antrag auf Verleihung der Ehrenbürgerschaft für Eckstein eine längere Diskussion über das Für und Wider, an der sich auch Frau Zeller beteiligte. Die Linke äußerte Bedenken, nicht wegen Ecksteins Person an sich, sondern prinzipiell wegen der Ehrenbürgerschaft, es tue ja jeder nur seine Pflicht. Die bürgerliche Seite hingegen war dafür, so auch Felicitas Zeller, die den Antrag befürwortete, weil Eckstein ja nicht nur Geld, sondern auch seine ganze Kraft und Gesundheit geopfert habe. Der Antrag wurde schließlich auch angenommen.

Ich nehme die Verantwortung nicht leicht, so hatte Felicitas Zeller 1919 in einem Brief über ihr neues Amt geschrieben. Und das hat sie in der Tat nicht. Dass sie es im Gegenteil mit sehr großem Verantwortungsgefühl wahrgenommen hat, belegt allein die Tatsache, dass sie innerhalb des ganzen Sitzungszeitraumes nur sechs Mal gefehlt hat (im Jahr 1922 sogar kein einziges Mal), was bei der vergleichsweise schlechten Sitzungsmoral ihrer Kollegen absolut vorbildlich wir.

Felicitas Zeller war eine Frau, die als hingebungsvolle und aufopfernde Ehefrau und Mutter nicht nur das Ideal einer bürgerlichen Frau in jeder Hinsicht verkörperte, sondern auch das zeitgenössische Ideal einer politisch aktiven Frau: sie war ganz selbstlose Helferin und Schützerin des Lebens, gläubig, bescheiden, geduldig, pflichtbewusst und zurückhaltend. Und so hat sie sich als ‚guter Engel‘ im Gemeinderat der Wohlfahrtspflege gewidmet und damit unzähligen Menschen geholfen.

Felicitas Zeller war also kein zierender Beirat des Backnanger Gemeinderats, sie hatte Anregungen und Ideen, sie diskutierte und mischte mit, man vertraute ihr in delikaten Angelegenheiten und sie engagierte sich.

Die Leistung von Felicitas Zeller, dass sie es neben ihrer Mehrfachbelastung (Hausarbeit, Familie, ‚Beruf‘) noch geschafft hat, sich so stark in der sozialen Fürsorge, im Kirchengemeinderat, im wohltätig aktiven Backnanger Frauenverein und eben auch im Gemeinderat zu engagieren, kann nicht hoch genug bewertet werden.

Letztendlich war Felicitas Zeller die Belastung wohl auch zu groß, denn für die am 10. Dezember 1922 stattfindende Neuwahl der Hälfte des Backnanger Gemeinderats ließ sie sich nicht wieder als Kandidatin aufstellen. Ihre Chancen auf Wiederwahl wären sicher sehr gut gewesen; warum sie nicht wieder kandidierte, bleibt ungewiss.

Zuviel waren Frau Zeller vermutlich auch nur die regelmäßigen Vollsitzungen des Gemeinderats, denn sie setzte ihre ehrenamtliche Arbeit auch ohne Mandat und ohne den Titel einer Gemeinderätin fort: sie wurde im folgenden Sitzungszeitraum als Vertreterin der Einwohnerschaft sowohl in den Fürsorgeausschuss als auch in den Frauenarbeitsschulrat des Gemeinderats gewählt.

Die mittlerweile 55 Jahre alte Frau trat also nicht mehr zur Wahl an, und während 1919 noch sieben Frauen kandidiert hatten, so war es 1922 nur noch eine einzige: Emma Weiß von der Kommunistischen Partei (KP) - allerdings erfolglos. Der Wahlkampf verlief lau, erst einen Tag vor der Wahl erschienen Anzeigen in der Zeitung, und um die weibliche Wählerschaft wurde schon gar nicht mehr besonders geworben.

Bei den Kommunalwahlen 1925 trat schließlich keine einzige Frau mehr an. 1928 waren es zwar wieder zwei, die jedoch völlig chancenlos waren und auf den hintersten Plätzen landeten.

1931, bei den letzten freien Gemeinderatswahlen vor dem Dritten Reich, ergab sich ein merkwürdiger Fall: die einzige Kandidatin, die Fabrikarbeiterin Marie Mähler, die für die KP antrat, schnitt hervorragend ab, überflügelte sogar den Führer der Backnanger KP Hopfensitz und erreichte bei weitem die meisten Stimmen - jedoch: sie erhielt keinen der beiden Sitze, die der Partei zustanden. Weder die Gemeinderatswahlakten noch die Zeitung geben Aufschluss darüber, was passiert war. Da Marie Mähler weder aus Backnang weggezogen noch gestorben war, kommt eigentlich nur ein (un-)freiwilliger Verzicht in Frage.

Nachdem also auch Marie Mähler 1931 gescheitert war, sollte es nach 1919 fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis wieder eine Frau im Backnanger Gemeinderat vertreten war. Zwar traten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bei allen Gemeinderatswahlen Frauen an, aber erst 1968 endete dies auch erfolgreich - und zwar gleich dreifach - für Ruth Schmidt-Brücken, Luise Rettenmaier (beide CDU) und Karin Gruber (SPD).

Im November 1927, fünf Jahre nach ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik starb Felicitas Zellers Ehemann Dr. Heinrich Zeller. Sohn Friedrich, der gerade sein Medizinstudium beendet hatte, übernahm die Praxis: Nun war die liebe Mutter [Felicitas Zeller] zum drittenmal Arztfrau und Gehilfin mit vollem Einsatz. Als Dr. Friedrich Zeller 1933 heiratete, überließ ihm seine Mutter das Doktorhaus und zog in eine kleinere Wohnung in der Nachbarschaft in die Albertstraße.

Felicitas Zeller überlebte im letzten Kriegswinter 1944/45 eine Blinddarm- und eine Lungenentzündung, aber die Nachricht vom Tode ihres Sohnes Friedrich, der 1946 als Lagerarzt im Kaukasus gestorben war, verkraftete sie nicht mehr. Wenige Wochen nach Erhalt dieser Nachricht starb Felicitas Zeller, die erste Gemeinderätin von Backnang, am 21. Januar 1947 in ], dass der Vorsitzende den Antrag der bürgerlichen Parteien unterstützen werde; beim letzten Streik sei durch die verhinderte Gaszufuhr der Betrieb des Bezirkskrankenhauses empfindlich gestört worden [p>

Der Antrag wurde dann aber nach besänftigenden Worten des Vorsitzenden doch wieder zurückgenommen.

Auch an der Bekämpfung der Wohnungsnot beteiligte sich die Gemeinderätin aktiv und machte das Gremium darauf aufmerksam, dass sich im Dachstock eines Gebäudes in der oberen Marktstraße eine Wohnung einrichten ließe. Ihr Vorschlag wurde aufgenommen und ließ sich tatsächlich umsetzen, denn schon in der nächsten Sitzung wurde auf Antrag der Bau- und Wohnungskommission der Einbau einer Vier-Zimmer-Wohnung in das Gebäude beschlossen.

Aber Frau Zeller war nicht nur der ‚gute Engel‘ des Gemeinderats. Sie war z. B. in zwei Kommissionen vertreten, die den Gemeinderat ganz direkt betrafen: als Gemeinderat Kinzer von der DDP im August 1920 wegen wiederholter Missachtungen der Amtsverschwiegenheit durch einige Gemeinderäte seinen Austritt erklärte. Frau Zeller konnte Herrn Kinzer zusammen mit Kollegen aus ihrer Fraktion und dem Amtsverweser Erlenbusch erfolgreich dazu überreden, sein Mandat zu behalten.

Und noch ein weiteres Mal ging es um eine Angelegenheit, in der es galt, diplomatisch vorzugeben: Stadtschultheiß Eckstein hatte sein Amt - wie oben erwähnt - wegen Krankheit seit Sommer 1919 nicht mehr ausüben können. Dieser Zustand war für die Gemeinde auf lange Sicht nicht tragbar, und so sollte Anfang 1921 eine Kommission gebildet werden, welcher in erster Linie die Aufgabe zufiele, den Erkrankten zum freiwilligen Rücktritt zu veranlassen, andernfalls Amtsenthebung [...] in Frage käme. Diese delikate Aufgabe übernahmen schließlich der Amtsverweser Erlenbusch, Stadtpfleger Friedrich und neben dem Gemeinderat Breuninger auch Frau Zeller. Die Mission endete erfolgreich: einen Monat später suchte Stadtschultheiß Eckstein um seine Versetzung in den Ruhestand nach.

Damit war das Thema Eckstein im Gemeinderat aber noch nicht erledigt: zwei Monate später, im Mai 1921, entsponn sich nach einem Antrag auf Verleihung der Ehrenbürgerschaft für Eckstein eine längere Diskussion über das Für und Wider, an der sich auch Frau Zeller beteiligte. Die Linke äußerte Bedenken, nicht wegen Ecksteins Person an sich, sondern prinzipiell wegen der Ehrenbürgerschaft, es tue ja jeder nur seine Pflicht. Die bürgerliche Seite hingegen war dafür, so auch Felicitas Zeller, die den Antrag befürwortete, weil Eckstein ja nicht nur Geld, sondern auch seine ganze Kraft und Gesundheit geopfert habe. Der Antrag wurde schließlich auch angenommen.

Ich nehme die Verantwortung nicht leicht, so hatte Felicitas Zeller 1919 in einem Brief über ihr neues Amt geschrieben. Und das hat sie in der Tat nicht. Dass sie es im Gegenteil mit sehr großem Verantwortungsgefühl wahrgenommen hat, belegt allein die Tatsache, dass sie innerhalb des ganzen Sitzungszeitraumes nur sechs Mal gefehlt hat (im Jahr 1922 sogar kein einziges Mal), was bei der vergleichsweise schlechten Sitzungsmoral ihrer Kollegen absolut vorbildlich wir.

Felicitas Zeller war eine Frau, die als hingebungsvolle und aufopfernde Ehefrau und Mutter nicht nur das Ideal einer bürgerlichen Frau in jeder Hinsicht verkörperte, sondern auch das zeitgenössische Ideal einer politisch aktiven Frau: sie war ganz selbstlose Helferin und Schützerin des Lebens, gläubig, bescheiden, geduldig, pflichtbewusst und zurückhaltend. Und so hat sie sich als ‚guter Engel‘ im Gemeinderat der Wohlfahrtspflege gewidmet und damit unzähligen Menschen geholfen.

Felicitas Zeller war also kein zierender Beirat des Backnanger Gemeinderats, sie hatte Anregungen und Ideen, sie diskutierte und mischte mit, man vertraute ihr in delikaten Angelegenheiten und sie engagierte sich.

Die Leistung von Felicitas Zeller, dass sie es neben ihrer Mehrfachbelastung (Hausarbeit, Familie, ‚Beruf‘) noch geschafft hat, sich so stark in der sozialen Fürsorge, im Kirchengemeinderat, im wohltätig aktiven Backnanger Frauenverein und eben auch im Gemeinderat zu engagieren, kann nicht hoch genug bewertet werden.

Letztendlich war Felicitas Zeller die Belastung wohl auch zu groß, denn für die am 10. Dezember 1922 stattfindende Neuwahl der Hälfte des Backnanger Gemeinderats ließ sie sich nicht wieder als Kandidatin aufstellen. Ihre Chancen auf Wiederwahl wären sicher sehr gut gewesen; warum sie nicht wieder kandidierte, bleibt ungewiss.

Zuviel waren Frau Zeller vermutlich auch nur die regelmäßigen Vollsitzungen des Gemeinderats, denn sie setzte ihre ehrenamtliche Arbeit auch ohne Mandat und ohne den Titel einer Gemeinderätin fort: sie wurde im folgenden Sitzungszeitraum als Vertreterin der Einwohnerschaft sowohl in den Fürsorgeausschuss als auch in den Frauenarbeitsschulrat des Gemeinderats gewählt.

Die mittlerweile 55 Jahre alte Frau trat also nicht mehr zur Wahl an, und während 1919 noch sieben Frauen kandidiert hatten, so war es 1922 nur noch eine einzige: Emma Weiß von der Kommunistischen Partei (KP) - allerdings erfolglos. Der Wahlkampf verlief lau, erst einen Tag vor der Wahl erschienen Anzeigen in der Zeitung, und um die weibliche Wählerschaft wurde schon gar nicht mehr besonders geworben.

Bei den Kommunalwahlen 1925 trat schließlich keine einzige Frau mehr an. 1928 waren es zwar wieder zwei, die jedoch völlig chancenlos waren und auf den hintersten Plätzen landeten.

1931, bei den letzten freien Gemeinderatswahlen vor dem Dritten Reich, ergab sich ein merkwürdiger Fall: die einzige Kandidatin, die Fabrikarbeiterin Marie Mähler, die für die KP antrat, schnitt hervorragend ab, überflügelte sogar den Führer der Backnanger KP Hopfensitz und erreichte bei weitem die meisten Stimmen - jedoch: sie erhielt keinen der beiden Sitze, die der Partei zustanden. Weder die Gemeinderatswahlakten noch die Zeitung geben Aufschluss darüber, was passiert war. Da Marie Mähler weder aus Backnang weggezogen noch gestorben war, kommt eigentlich nur ein (un-)freiwilliger Verzicht in Frage.

Nachdem also auch Marie Mähler 1931 gescheitert war, sollte es nach 1919 fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis wieder eine Frau im Backnanger Gemeinderat vertreten war. Zwar traten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bei allen Gemeinderatswahlen Frauen an, aber erst 1968 endete dies auch erfolgreich - und zwar gleich dreifach - für Ruth Schmidt-Brücken, Luise Rettenmaier (beide CDU) und Karin Gruber (SPD).

Im November 1927, fünf Jahre nach ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik starb Felicitas Zellers Ehemann Dr. Heinrich Zeller. Sohn Friedrich, der gerade sein Medizinstudium beendet hatte, übernahm die Praxis: Nun war die liebe Mutter [Felicitas Zeller] zum drittenmal Arztfrau und Gehilfin mit vollem Einsatz. Als Dr. Friedrich Zeller 1933 heiratete, überließ ihm seine Mutter das Doktorhaus und zog in eine kleinere Wohnung in der Nachbarschaft in die Albertstraße.

Felicitas Zeller überlebte im letzten Kriegswinter 1944/45 eine Blinddarm- und eine Lungenentzündung, aber die Nachricht vom Tode ihres Sohnes Friedrich, der 1946 als Lagerarzt im Kaukasus gestorben war, verkraftete sie nicht mehr. Wenige Wochen nach Erhalt dieser Nachricht starb Felicitas Zeller, die erste Gemeinderätin von Backnang, am 21. Januar ]in Zukunft sollte sich dies nicht wiederholen.

Der Antrag wurde dann aber nach besänftigenden Worten des Vorsitzenden doch wieder zurückgenommen.

Auch an der Bekämpfung der Wohnungsnot beteiligte sich die Gemeinderätin aktiv und machte das Gremium darauf aufmerksam, dass sich im Dachstock eines Gebäudes in der oberen Marktstraße eine Wohnung einrichten ließe. Ihr Vorschlag wurde aufgenommen und ließ sich tatsächlich umsetzen, denn schon in der nächsten Sitzung wurde auf Antrag der Bau- und Wohnungskommission der Einbau einer Vier-Zimmer-Wohnung in das Gebäude beschlossen.

Aber Frau Zeller war nicht nur der ‚gute Engel‘ des Gemeinderats. Sie war z. B. in zwei Kommissionen vertreten, die den Gemeinderat ganz direkt betrafen: als Gemeinderat Kinzer von der DDP im August 1920 wegen wiederholter Missachtungen der Amtsverschwiegenheit durch einige Gemeinderäte seinen Austritt erklärte. Frau Zeller konnte Herrn Kinzer zusammen mit Kollegen aus ihrer Fraktion und dem Amtsverweser Erlenbusch erfolgreich dazu überreden, sein Mandat zu behalten.

Und noch ein weiteres Mal ging es um eine Angelegenheit, in der es galt, diplomatisch vorzugeben: Stadtschultheiß Eckstein hatte sein Amt - wie oben erwähnt - wegen Krankheit seit Sommer 1919 nicht mehr ausüben können. Dieser Zustand war für die Gemeinde auf lange Sicht nicht tragbar, und so sollte Anfang 1921 eine Kommission gebildet werden, welcher in erster Linie die Aufgabe zufiele, den Erkrankten zum freiwilligen Rücktritt zu veranlassen, andernfalls Amtsenthebung [ normal"> in Frage käme. Diese delikate Aufgabe übernahmen schließlich der Amtsverweser Erlenbusch, Stadtpfleger Friedrich und neben dem Gemeinderat Breuninger auch Frau Zeller. Die Mission endete erfolgreich: einen Monat später suchte Stadtschultheiß Eckstein um seine Versetzung in den Ruhestand nach.

Damit war das Thema Eckstein im Gemeinderat aber noch nicht erledigt: zwei Monate später, im Mai 1921, entsponn sich nach einem Antrag auf Verleihung der Ehrenbürgerschaft für Eckstein eine längere Diskussion über das Für und Wider, an der sich auch Frau Zeller beteiligte. Die Linke äußerte Bedenken, nicht wegen Ecksteins Person an sich, sondern prinzipiell wegen der Ehrenbürgerschaft, es tue ja jeder nur seine Pflicht. Die bürgerliche Seite hingegen war dafür, so auch Felicitas Zeller, die den Antrag befürwortete, weil Eckstein ja nicht nur Geld, sondern auch seine ganze Kraft und Gesundheit geopfert habe. Der Antrag wurde schließlich auch angenommen.

Ich nehme die Verantwortung nicht leicht, so hatte Felicitas Zeller 1919 in einem Brief über ihr neues Amt geschrieben. Und das hat sie in der Tat nicht. Dass sie es im Gegenteil mit sehr großem Verantwortungsgefühl wahrgenommen hat, belegt allein die Tatsache, dass sie innerhalb des ganzen Sitzungszeitraumes nur sechs Mal gefehlt hat (im Jahr 1922 sogar kein einziges Mal), was bei der vergleichsweise schlechten Sitzungsmoral ihrer Kollegen absolut vorbildlich wir.

Felicitas Zeller war eine Frau, die als hingebungsvolle und aufopfernde Ehefrau und Mutter nicht nur das Ideal einer bürgerlichen Frau in jeder Hinsicht verkörperte, sondern auch das zeitgenössische Ideal einer politisch aktiven Frau: sie war ganz selbstlose Helferin und Schützerin des Lebens, gläubig, bescheiden, geduldig, pflichtbewusst und zurückhaltend. Und so hat sie sich als ‚guter Engel‘ im Gemeinderat der Wohlfahrtspflege gewidmet und damit unzähligen Menschen geholfen.

Felicitas Zeller war also kein zierender Beirat des Backnanger Gemeinderats, sie hatte Anregungen und Ideen, sie diskutierte und mischte mit, man vertraute ihr in delikaten Angelegenheiten und sie engagierte sich.

Die Leistung von Felicitas Zeller, dass sie es neben ihrer Mehrfachbelastung (Hausarbeit, Familie, ‚Beruf‘) noch geschafft hat, sich so stark in der sozialen Fürsorge, im Kirchengemeinderat, im wohltätig aktiven Backnanger Frauenverein und eben auch im Gemeinderat zu engagieren, kann nicht hoch genug bewertet werden.

Letztendlich war Felicitas Zeller die Belastung wohl auch zu groß, denn für die am 10. Dezember 1922 stattfindende Neuwahl der Hälfte des Backnanger Gemeinderats ließ sie sich nicht wieder als Kandidatin aufstellen. Ihre Chancen auf Wiederwahl wären sicher sehr gut gewesen; warum sie nicht wieder kandidierte, bleibt ungewiss.

Zuviel waren Frau Zeller vermutlich auch nur die regelmäßigen Vollsitzungen des Gemeinderats, denn sie setzte ihre ehrenamtliche Arbeit auch ohne Mandat und ohne den Titel einer Gemeinderätin fort: sie wurde im folgenden Sitzungszeitraum als Vertreterin der Einwohnerschaft sowohl in den Fürsorgeausschuss als auch in den Frauenarbeitsschulrat des Gemeinderats gewählt.

Die mittlerweile 55 Jahre alte Frau trat also nicht mehr zur Wahl an, und während 1919 noch sieben Frauen kandidiert hatten, so war es 1922 nur noch eine einzige: Emma Weiß von der Kommunistischen Partei (KP) - allerdings erfolglos. Der Wahlkampf verlief lau, erst einen Tag vor der Wahl erschienen Anzeigen in der Zeitung, und um die weibliche Wählerschaft wurde schon gar nicht mehr besonders geworben.

Bei den Kommunalwahlen 1925 trat schließlich keine einzige Frau mehr an. 1928 waren es zwar wieder zwei, die jedoch völlig chancenlos waren und auf den hintersten Plätzen landeten.

1931, bei den letzten freien Gemeinderatswahlen vor dem Dritten Reich, ergab sich ein merkwürdiger Fall: die einzige Kandidatin, die Fabrikarbeiterin Marie Mähler, die für die KP antrat, schnitt hervorragend ab, überflügelte sogar den Führer der Backnanger KP Hopfensitz und erreichte bei weitem die meisten Stimmen - jedoch: sie erhielt keinen der beiden Sitze, die der Partei zustanden. Weder die Gemeinderatswahlakten noch die Zeitung geben Aufschluss darüber, was passiert war. Da Marie Mähler weder aus Backnang weggezogen noch gestorben war, kommt eigentlich nur ein (un-)freiwilliger Verzicht in Frage.

Nachdem also auch Marie Mähler 1931 gescheitert war, sollte es nach 1919 fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis wieder eine Frau im Backnanger Gemeinderat vertreten war. Zwar traten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bei allen Gemeinderatswahlen Frauen an, aber erst 1968 endete dies auch erfolgreich - und zwar gleich dreifach - für Ruth Schmidt-Brücken, Luise Rettenmaier (beide CDU) und Karin Gruber (SPD).

Im November 1927, fünf Jahre nach ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik starb Felicitas Zellers Ehemann Dr. Heinrich Zeller. Sohn Friedrich, der gerade sein Medizinstudium beendet hatte, übernahm die Praxis: Nun war die liebe Mutter [Felicitas Zeller] zum drittenmal Arztfrau und Gehilfin mit vollem Einsatz. Als Dr. Friedrich Zeller 1933 heiratete, überließ ihm seine Mutter das Doktorhaus und zog in eine kleinere Wohnung in der Nachbarschaft in die Albertstraße.

Felicitas Zeller überlebte im letzten Kriegswinter 1944/45 eine Blinddarm- und eine Lungenentzündung, aber die Nachricht vom Tode ihres Sohnes Friedrich, der 1946 als Lagerarzt im Kaukasus gestorben war, verkraftete sie nicht mehr. Wenige Wochen nach Erhalt dieser Nachricht starb Felicitas Zeller, die erste Gemeinderätin von Backnang, am 21. Januar 1947 in Backnan] in Frage käme. Diese delikate Aufgabe übernahmen schließlich der Amtsverweser Erlenbusch, Stadtpfleger Friedrich und neben dem Gemeinderat Breuninger auch Frau Zeller. Die Mission endete erfolgreich: einen Monat später suchte Stadtschultheiß Eckstein um seine Versetzung in den Ruhestand nach.

Damit war das Thema Eckstein im Gemeinderat aber noch nicht erledigt: zwei Monate später, im Mai 1921, entsponn sich nach einem Antrag auf Verleihung der Ehrenbürgerschaft für Eckstein eine längere Diskussion über das Für und Wider, an der sich auch Frau Zeller beteiligte. Die Linke äußerte Bedenken, nicht wegen Ecksteins Person an sich, sondern prinzipiell wegen der Ehrenbürgerschaft, es tue ja jeder nur seine Pflicht. Die bürgerliche Seite hingegen war dafür, so auch Felicitas Zeller, die den Antrag befürwortete, weil Eckstein ja nicht nur Geld, sondern auch seine ganze Kraft und Gesundheit geopfert habe. Der Antrag wurde schließlich auch angenommen.

Ich nehme die Verantwortung nicht leicht, so hatte Felicitas Zeller 1919 in einem Brief über ihr neues Amt geschrieben. Und das hat sie in der Tat nicht. Dass sie es im Gegenteil mit sehr großem Verantwortungsgefühl wahrgenommen hat, belegt allein die Tatsache, dass sie innerhalb des ganzen Sitzungszeitraumes nur sechs Mal gefehlt hat (im Jahr 1922 sogar kein einziges Mal), was bei der vergleichsweise schlechten Sitzungsmoral ihrer Kollegen absolut vorbildlich wir.

Felicitas Zeller war eine Frau, die als hingebungsvolle und aufopfernde Ehefrau und Mutter nicht nur das Ideal einer bürgerlichen Frau in jeder Hinsicht verkörperte, sondern auch das zeitgenössische Ideal einer politisch aktiven Frau: sie war ganz selbstlose Helferin und Schützerin des Lebens, gläubig, bescheiden, geduldig, pflichtbewusst und zurückhaltend. Und so hat sie sich als ‚guter Engel‘ im Gemeinderat der Wohlfahrtspflege gewidmet und damit unzähligen Menschen geholfen.

Felicitas Zeller war also kein zierender Beirat des Backnanger Gemeinderats, sie hatte Anregungen und Ideen, sie diskutierte und mischte mit, man vertraute ihr in delikaten Angelegenheiten und sie engagierte sich.

Die Leistung von Felicitas Zeller, dass sie es neben ihrer Mehrfachbelastung (Hausarbeit, Familie, ‚Beruf‘) noch geschafft hat, sich so stark in der sozialen Fürsorge, im Kirchengemeinderat, im wohltätig aktiven Backnanger Frauenverein und eben auch im Gemeinderat zu engagieren, kann nicht hoch genug bewertet werden.

Letztendlich war Felicitas Zeller die Belastung wohl auch zu groß, denn für die am 10. Dezember 1922 stattfindende Neuwahl der Hälfte des Backnanger Gemeinderats ließ sie sich nicht wieder als Kandidatin aufstellen. Ihre Chancen auf Wiederwahl wären sicher sehr gut gewesen; warum sie nicht wieder kandidierte, bleibt ungewiss.

Zuviel waren Frau Zeller vermutlich auch nur die regelmäßigen Vollsitzungen des Gemeinderats, denn sie setzte ihre ehrenamtliche Arbeit auch ohne Mandat und ohne den Titel einer Gemeinderätin fort: sie wurde im folgenden Sitzungszeitraum als Vertreterin der Einwohnerschaft sowohl in den Fürsorgeausschuss als auch in den Frauenarbeitsschulrat des Gemeinderats gewählt.

Die mittlerweile 55 Jahre alte Frau trat also nicht mehr zur Wahl an, und während 1919 noch sieben Frauen kandidiert hatten, so war es 1922 nur noch eine einzige: Emma Weiß von der Kommunistischen Partei (KP) - allerdings erfolglos. Der Wahlkampf verlief lau, erst einen Tag vor der Wahl erschienen Anzeigen in der Zeitung, und um die weibliche Wählerschaft wurde schon gar nicht mehr besonders geworben.

Bei den Kommunalwahlen 1925 trat schließlich keine einzige Frau mehr an. 1928 waren es zwar wieder zwei, die jedoch völlig chancenlos waren und auf den hintersten Plätzen landeten.

1931, bei den letzten freien Gemeinderatswahlen vor dem Dritten Reich, ergab sich ein merkwürdiger Fall: die einzige Kandidatin, die Fabrikarbeiterin Marie Mähler, die für die KP antrat, schnitt hervorragend ab, überflügelte sogar den Führer der Backnanger KP Hopfensitz und erreichte bei weitem die meisten Stimmen - jedoch: sie erhielt keinen der beiden Sitze, die der Partei zustanden. Weder die Gemeinderatswahlakten noch die Zeitung geben Aufschluss darüber, was passiert war. Da Marie Mähler weder aus Backnang weggezogen noch gestorben war, kommt eigentlich nur ein (un-)freiwilliger Verzicht in Frage.

Nachdem also auch Marie Mähler 1931 gescheitert war, sollte es nach 1919 fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis wieder eine Frau im Backnanger Gemeinderat vertreten war. Zwar traten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bei allen Gemeinderatswahlen Frauen an, aber erst 1968 endete dies auch erfolgreich - und zwar gleich dreifach - für Ruth Schmidt-Brücken, Luise Rettenmaier (beide CDU) und Karin Gruber (SPD).

Im November 1927, fünf Jahre nach ihrem Rückzug aus der Kommunalpolitik starb Felicitas Zellers Ehemann Dr. Heinrich Zeller. Sohn Friedrich, der gerade sein Medizinstudium beendet hatte, übernahm die Praxis: Nun war die liebe Mutter [p>

Felicitas Zeller überlebte im letzten Kriegswinter 1944/45 eine Blinddarm- und eine Lungenentzündung, aber die Nachricht vom Tode ihres Sohnes Friedrich, der 1946 als Lagerarzt im] zum drittenmal Arztfrau und Gehilfin mit vollem Einsatz. Als Dr. Friedrich Zeller 1933 heiratete, überließ ihm seine Mutter das Doktorhaus und zog in eine kleinere Wohnung in der Nachbarschaft in die Albertstraße.

Felicitas Zeller überlebte im letzten Kriegswinter 1944/45 eine Blinddarm- und eine Lungenentzündung, aber die Nachricht vom Tode ihres Sohnes Friedrich, der 1946 als Lagerarzt im Kaukasus gestorben war, verkraftete sie nicht mehr. Wenige Wochen nach Erhalt dieser Nachricht starb Felicitas Zeller, die erste Gemeinderätin von Backnang, am 21. Januar 1947 in Backnang in ihrem 80. Lebensjahr.
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