Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Missionspionier und Bischof in Jerusalem
- Samuel Gobat und Marie Christine Regine Zeller -

in: Herbert Leube, Familie und Christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Nr. 15, Lahr 1999, S. 72-99

 
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                                        Samuel Gobat 1799-1879                                                          Marie C. R. Zeller 1813-1879 (Stiche A. Weger)

 Samuel Gobats Elternhaus und Jugend

Samuel Gobat war ein Bauernsohn aus dem Berner Jura, geboren 1799 in Cremines, einem Dörfchen unweit Moutier (Münster), das damals unter französischer Regierung stand, aber seit dem Sturz Napoleons zum Kanton Bern gehört. Alle Vorfahren waren seit Menschengedenken Landleute gewesen. Man hatte im engen Münstertal untereinander geheiratet; so kommt unter den acht Urgroßeltern Samuels der Name Gobat fünf mal vor. Samuels Eltern waren fromme Leute. Sie versäumten selten den sonntäglichen Gottesdienst und verbrachten den übrigen Sonntag damit, mit den Kindern die Bibel oder Predigten zu lesen. Sie hielten tägliche Hausandachten und liebten sich zärtlich. Einen Rückhalt in der Gemeinde hatten sie nicht, denn selbst der Pfarrer war ein Trunkenbold. Die Eltern hatten in guten Verhältnissen gelebt, aber durch die Wirren der französischen Revolution den größeren Teil ihres Vermögens verloren, so daß sie unter einer drückenden Schuldenlast litten. 1818 verkauften sie Land zur Begleichung der Schulden, so daß ihnen nur wenig blieb. Das war demütigend für die Familie; doch von da an ruhte Segen auf ihren Unternehmungen; sie konnten ein ruhiges, friedliches und glückliches Leben in einfacheren Verhältnissen führen. Auch geistlicher Segen kehrte in der Familie ein; beide Eltern wurden zu einem erweckten Leben bekehrt. Besonders die Mutter Susanne Gobat wirkte in großem Segen unter ihrer Umgebung, bis sie 1837 aus dieser Welt abgerufen wurde. Der Vater David Gobat, gen. du Moulin, erreichte ein Alter von 82 Jahren und starb 1849. Als einfacher Bauer war er unter der französischen Besatzung zum Standesvertreter für das Departement Haut-Rhin gewählt worden.

In früher Jugend, mit vier Jahren, wurde Samuel zum Lesen angehalten. Er bezeugt, mit sieben Jahren das Neue Testament und die geschichtlichen Bücher des Alten genau gekannt zu haben. Er las auch sonst gute Bücher, Predigten, Schriften der Brüdergemeine. Er betete zu Gott, er wolle ihn zu einem Prediger des Evangeliums machen, wie es auch dem Wunsch seiner Eltern entsprach. Als Samuel elf Jahre alt war, erbot sich ein Freund der Familie, die für die weitere Ausbildung nötigen Ausgaben zu bestreiten, da die Eltern dazu nicht in der Lage waren. Samuel aber quälte es inzwischen, in der Bibel so viel Unverständliches zu finden; er zweifelte, ob denn die Bibel wirklich Gottes Wort sei, ob ein persönlicher Gott existiere, ob die Seele tatsächlich unsterblich, ob Christus Gottes Sohn sei. Nun war er nicht mehr bereit, Prediger zu werden, denn er war überzeugt, daß ein Geistlicher fromm und aufopfernd sein müsse.

Vom dritten bis zu seinem fünfzehnten Jahr ging Samuel in die Schule - in den fünf Wintermonaten, im Sommer fiel sie aus. Es wurde nur Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen gelehrt, sowie etwas biblische Geschichte und der Katechismus. Der wißbegierige Knabe wurde zuhause dazu angeleitet, Psalmen und ganze Kapitel aus der Bibel auswendig zu lernen. Doch fühlte er sich als Ungläubiger von seinem elften bis zu seinem zwanzigsten Jahr.. Im väterlichen Betrieb arbeitete er nur, um seine Eltern nicht zu betrüben, nach außen rechtschaffen, innerlich aber den Eitelkeiten der Welt zugeneigt; besonders betrieb er das Kartenspiel mit seinesgleichen. Immerhin hegte er gegenüber Neubekehrten in der Familie und anderen frommen Leuten Achtung und Liebe, wenn er auch diesen, soweit es ging, auswich.

Als Kind geriet Samuel mehrmals durch Leichtsinn in ernste Lebensgefahr. Einmal stürzte er von einer lose aufgeschichteten Mauer. Die Hand wurde übel zerquetscht, so daß an zwei Fingern die Knochen bloß lagen. Die Wunden wurden mit Vitriol ausgewaschen und die Hand heilte wieder. Ein anderes Mal stürzte er von meterhohen Felsen, die auf der Spitze eines Hügels waren, rollte den Hügel hinab und prallte gegen einen Baum. Bewußtlos blieb er liegen, trug aber außer Prellungen am Bein keinen bleibenden Schaden davon.

Das einschneidende Erlebnis, das ihm die Gewißheit der Versöhnung mit Gott brachte, widerfuhr Samuel Gobat in der Nacht des 20. Oktober 1818. Ein stundenlanger Kampf tobte in seinem Innern, bis er die Gegenwart Jesu in der Fülle seiner Liebe fühlte. Als seine Mutter am andern Tag gewahr wurde, welche Gnade ihm wiederfahren war, verfiel sie selbst in eine mehrmonatige Schwermut, da sie spürte, daß sie trotz ihrer religiösen Übungen noch nicht bekehrt sei. Indem sie aber einer in quälenden Zweifeln gefangenen Bekannten half, den Weg zum Glauben zu finden, wurde sie selbst zum Gott ihres Heils geführt. Etwas später wurden auch Samuels Bruder und Schwester bekehrt. Bei seinem Vater, einem ruhigen, demütigen Mann, zeigten sich erst in seinem Witwerstand die gesegneten Gaben, die in ihm ruhten. Die ältere Schwester wirkte jahrzehntelang als Krankenpflegerin, und es verging kein Jahr, in dem sie nicht einen Menschen zum Glauben führte.

Als 20-jähriger hatte Samuel seine Landwehrpflicht - 15 Sonntage im Jahr - zu leisten. Da er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, den Sonntag zu entheiligen, bezahlte er die dafür vorgesehene Strafe, bis seine Mittel erschöpft waren. Er bat darauf den Präfekten, ihn von der Pflicht loszusprechen. Der sah dazu keine Möglichkeit, bezahlte aber für ihn die Strafe. Die Kinder des Präfekten wurden später bekehrt und predigten das Wort Gottes. Um dieselbe Zeit hatte Samuel eine Reihe von Gemeindegliedern durch eine schroffe religiöse Äußerung provoziert und wurde vor die Gemeindeversammlung zitiert. Dort gelang es ihm so gut, sein Anliegen zu erläutern, daß er gebeten wurde, den Unterricht der Schulkinder bis auf weiteres zu übernehmen. Sein Unterricht hatte solchen Zulauf, daß der von der Regierung bestellte Lehrer, der allerdings dem Trunk ergeben war, die Schule aufgeben mußte. Seine Kinder versuchte der junge Lehrer vom mechanischen Auswendiglernen zum Verständnis des Gelernten zu führen. Statt mit Strafen führte er seine Kleinen in der Liebe und konnte sie ein Novum - ganz ohne Stock mit gelegentlichem Tadel auf den rechten Weg bringen.

Nach seiner Bekehrung erlebte Gobat eine selige Zeit. Tags arbeitete er mit Freude auf dem elterlichen Hof, die halbe Nacht verharrte er im Gebet, da er die Zeit des Schlafens für fast verloren hielt. Doch auch im Traum erschien ihm oft der Heiland. Damals reifte in ihm die Überzeugung, daß er die Sache Christi als Missionar vertreten müsse, er fühlte sich aber dazu unfähig wegen seiner Schüchternheit, seiner mangelhaften Schulbildung, seiner Ungeschicklichkeit. Ohne sein Wissen hatte aber eine befreundete Dame seine Sache in die Hand genommen, und er wurde vom Basler Komitee aufgefordert, zum nächsten Semesterbeginn in die Missionsanstalt einzutreten. Durch Lesen von Predigten und Schriften der Brüdergemeine, von geschichtlichen und geographischen Werken suchte er seine Bildung zu ergänzen. Auch studierte er die französische Grammatik. In seiner Schule gab es zu Ende des Jahres 1819 einen tränenreichen Abschied.

 
Vorbereitung zum Missionsdienst
Im Januar 1820 begann Gobats Ausbildung in Basel. Vor dem Eintritt ins Missionshaus erlernte er bereits in Basel Deutsch, von dem er bisher wenig Ahnung hatte, und Latein. Da noch einige Monate vergingen, bis eine neue Klasse von Zöglingen ins Missionshaus aufgenommen wurde, erlernte Gobat in der Buchdruckerei Felix Schneider die Schriftsetzerei. Das war für ihn später von Nutzen, als ihn die britische Missionsgesellschaft nach Malta schickte, um den Druck der arabischen Bibelübersetzung zu leiten. Schon in den ersten Tagen seines Basler Aufenthaltes lernte Gobat Inspektor Zeller, damals noch in Zofingen, und dessen Familie kennen; das 6-jährige Töchterchen Marie, seine spätere Frau, saß damals auf seinem Schoß. Bereits in der Vorbereitungszeit auf den Missionsdienst war Gobat so von der Heilsbotschaft durchdrungen, daß er während eines Besuches in der Heimat tägliche Erweckungsstunden hielt mit 100 und mehr Teilnehmern, von denen viele dem Herrn treu blieben.

Vom Frühjahr 1821 bis zum Herbst 1823 wurde Gobat im Basler Missionshaus ausgebildet. Die Zeit war mit strenger Arbeit von früh um 5 bzw. 6 bis abends 10 Uhr gefüllt. Da zu viele Fächer unterrichtet wurden, war vielfach der Fortschritt gering. Immerhin lernte Gobat soviel Latein, daß er damit später Arabisch und Äthiopisch lernen konnte. Griechisch und Hebräisch lernte er ausreichend, um die Heilige Schrift in der Ursprache lesen zu können. Auch englische Lesekenntnisse eignete er sich an. Neben den Sprachen wurden die Fächer Exegese der Heiligen Schrift, Dogmatik und Kirchengeschichte gelehrt; Predigt und Katechese wurden in Vorträgen und Aufsätzen geübt. Das Lernen fiel Gobat sehr leicht; daher erinnerte er sich später mehr als an die erlernten Schulfächer an den Kampf in seinem Innern, den er führte, um seiner Charakterschwächen Herr zu werden: seine Schüchternheit und Nervosität in Prüfungen einerseits, aber auch sein Stolz und seine, wie er meinte, oft unpassende Lust zu Scherzreden und Späßen. Mißerfolge nahm er als Demütigungen auf, die ihn auf den rechten Weg führten. Wieder besuchte er in den Ferien die Heimat und hielt Erweckungsstunden. In diesem Kreis fühlte er eine Leichtigkeit der Sprache, die ihm sonst nicht eigen war.

In den Osterferien des Jahres 1823 zog sich Gobat auf dem Rückmarsch von zuhause nach Basel bei Schnee und Regen eine schwere Erkältung zu, die er verschleppte; vermutlich wurde eine Lungenentzündung daraus. Er glaubte zunächst, seinen Zustand seinen Oberen verheimlichen zu können. Als aber im Verlauf des Sommers Ohnmachten dazu kamen, vermutete das Komitee bei ihm die Auszehrung und schickte ihn - zu Fuß, teils zu Pferd - nach Genf, um den damals berühmten Dr. Bütini zu konsultieren. Unterwegs besuchte er in Yverdon die Pestalozzische Schule, fand aber, daß ihr Glanz im Schwinden war: der Pestalozzische Gedanke, der Mensch sei von Natur aus gut und bedürfe nur einer gesunden Entwicklung, habe sich nicht bewährt. Dr. Bütini verordnete Bettruhe, sehr schmerzhafte Blasenpflaster auf Armen und Brust und für 4 Wochen als einzige Nahrung Eselsmilch. Später durfte er täglich ein Hühnerbein und etwas Brot essen. Er lag im Haus des befreundeten Pfarrers Guers. Täglich wurde er von christlichen Freunden besucht, mit denen er lebenslang verbunden blieb. Zur Rekonvaleszenz verbrachte Gobat zwei Monate in Bourdigny in der Nähe von Genf im Haus zweier englischer Damen, Miss Greaves und Miss Milne. Das Haus war der Treffpunkt christlicher Damen. Gobat verkehrte viel mit Dr. Gaussen, dem Pfarrer des benachbarten Satigny. Hier wurde gemeinsam mit einer Reihe christlich engagierter Männer der Römerbrief im Urtext gelesen. Noch nach Jahrzehnten kehrten die Gobats, sooft sie nach Genf kamen, im Haus Gaussen ein.

In den letzten Wochen war Gobat eine etwas reichlichere Nahrung bewilligt worden, so daß er kräftiger wurde. Von seiner Krankheit behielt Gobat einen Herzfehler. Der Arzt empfahl Mäßigkeit und riet zu mildem Klima. Inzwischen war es Oktober; so entschied sich Gobat, nach Paris zu gehen und dort Arabisch zu lernen, da er erwartete, später als Missionar in ein mohammedanisches Land geschickt zu werden. Er reiste über Basel und blieb ein ganzes Jahr in Paris. Die Tage vergingen eintönig mit Sprachstudien unter der Leitung der Herren Garcin de Tassi und Baron de Sacy. Bald konnte er den Koran fast auswendig und ebensogut verstehen wie die Bibel. Viele Stellen des Koran fesselten ihn durch ihre sprachliche Schönheit und den sittlichen Gehalt einiger erhabener Stellen, anderes, das er für Unsinn hielt, stieß ihn ab.

In seinen Gedanken lebte Gobat während der ganzen Pariser Zeit in der Gnade seines Herrn. Die Zerstreuungen der Großstadt berührten ihn nicht. Nur ganz wenige Gleichgesinnte konnte er finden, darunter den ehemaligen helvetischen Gesandten Stapfer, den Professor Kieffer, der die Bibel ins Türkische übersetzte, und den alten Pfarrer Soulier. Gobats Nachbar war der englische Independenten-Geistliche Pfarrer Mark Wilks. Dieser war die treibende Kraft in Paris bei der Gründung von Missions- und anderen Vereinen; durch ihn wurde Gobat veranlaßt, regelmäßig in der Chapelle de l'Oratoire eine Missionsstunde zu halten, zu der gegen Ende von Gobats Pariser Aufenthalt über 300 Leute kamen. Das nächste war eine wöchentliche Bibelstunde am Sonntag, zunächst für eine Höhere Töchterschule, an der aber bald auch Erwachsene teilnahmen. Aus dieser Bibelstunde entwickelte sich nach Jahren die Gemeinde der Chapelle Taitbout. An Mittwochabenden versammelte er um sich, vermittelt durch eine fromme Bekannte, Frauen und Mädchen aus einfachen Kreisen, die nach dem Weg zum Heiland fragten. Im April des Jahres 1824 bemühte sich der Engländer Lewis Way, in Paris einen Judenmissionsverein zu gründen. In diesen wurde auch Gobat hineingezogen und ohne sein Zutun sogar zum Präsidenten gewählt. In dieser Eigenschaft predigte er zusammen mit einem Professor Rostan das Evangelium in Versammlungen mit interessierten Juden, zu denen regelmäßig 30-50 Teilnehmer kamen. Rostan war damals im Begriff, vom römisch-katholischen zum evangelischen Bekenntnis überzutreten.

Obwohl Gobat in seinen Erinnerungen an die Zeit in Paris immer wieder beteuert, wie eingezogen er dort gelebt habe, muß sich sein Ruf als Prediger ausgebreitet haben. Jedenfalls wurde er in den Sommerferien eingeladen, die vielen protestantischen Gemeinden in der Picardie und in Flandern zu besuchen, die ein Pfarrer Colani von Leme bei St. Quentin aus der katholischen Kirche gesammelt hatte. Pfarrer Colani war krank geworden, und ein Prediger der Wiedertäufer stiftete Unruhe unter den Neubekehrten. Gobat folgte dem Wiedertäufer auf seiner Route und fand überall großen Zulauf, ja die Leute begleiteten ihn von Ort zu Ort, um die knappe Zeit zum Gespräch über persönliche Glaubensfragen zu nutzen. So konnte Gobat sich den Text, den er sich für seine Predigt am folgenden Ort vornahm, oft erst zurechtlegen, wenn das Eingangslied gesungen wurde. Die Nachmittage und Abende waren gefüllt durch Bibelstunden, Gespräche und Andachten in den Privathäusern. Wir können uns ein solch intensives religiöses Leben, verbunden mit großer körperlicher Anstrengung nur vorstellen, wenn uns bewußt ist, wie ausschließlich Gobats Tage und Nächte dem Gebet und der Verkündigung des Wortes Gottes gewidmet waren ohne jede weltliche Zerstreuung. Sein lebendiges Gemüt wandte sich in stundenlangen Gebeten bis in die Träume seinem Herrn zu; zum Erfülltsein mit dem Wort Gottes muß die Fähigkeit getreten sein, die seinem überquellenden Herzen entströmenden Gedanken in einprägsamer Form seinen Hörern nahe zu bringen.

Seine Herzschwäche machte Gobat noch immer zu schaffen. Ein Arzt ließ ihn nach einem Schwindelanfall zur Ader, und Gobat war für Monate von Herzklopfen und Schwindel befreit. In den folgenden zehn Jahren besorgte er das Aderlassen selbst, wenn er die Vorboten des Herzleidens spürte. Eine jahrelange Dysenterieperiode, die er in Abessinien durchmachte, befreite ihn von seinen Herzproblemen. Ende Oktober 1824 verließ Gobat Paris und kehrte nach Basel zurück. Er besuchte seine Eltern in Cremines und lernte auf einer mehrwöchigen Reise durch die Schweiz zahlreiche Freunde der Basler Missionsgesellschaft kennen und warb für den Missionsgedanken.

Die Basler Mission arbeitete zu jener Zeit eng mit der britischen Church Missionary Society zusammen. Diese Gesellschaft war damals mit Geldmitteln reichlich versehen, konnte aber nur eine begrenzte Anzahl von Zöglingen ausbilden, während das Basler Missionshaus genügend Anwärter für einen Missionsposten hatte. Gobat wurde für dieses Austauschprogramm ausersehen. Seine Ordination erfolgte in Kandern in der unierten badischen Landeskirche durch Dekan Hölzel; die englische Gesellschaft akzeptierte damals die Ordination außerhalb der anglikanischen Kirche. Gobats dringender Wunsch war es, in Abessinien, heute Äthiopien, als Missionar eingesetzt zu werden. Dort hat sich eine alte christliche Glaubensrichtung erhalten mit Gebräuchen, die allerdings stark von den Dogmen der abendländischen Kirchen abweichen (Monophysitismus: Gottheit und Menschheit sind in Christus zu einer neuen Einheit verschmolzen). Gobat war zunächst enttäuscht über den Englandaufenthalt, weil er wußte, daß bisher keine Gesellschaft Missionare nach Äthiopien aussandte. Ja, er schlug sogar dem Basler Komitee vor, aus dem Missionsdienst auszutreten und auf eigene Faust dort das Evangelium zu verkünden. Er erhielt in England dennoch die Zusage, nach Äthiopien gehen zu dürfen. Nur war er zunächst für einen Aufenthalt auf Malta vorgesehen.

Im soeben neu gegründeten Church Missionary Society College in Islington im Norden von London war der Inspektor der Rev. N. Pearson, Sekretäre der Gesellschaft waren die Herren Bickersteth und Pratt 85. Hauptaufgabe Gobats war neben einer Verbesserung seiner Englischkenntnisse die Fortbildung in Hebräisch und Arabisch und das Erlernen des Äthiopischen. Stolz berichtet er, es sei ihm gelungen, die 209 Buchstaben des Alphabeths in zwei Stunden zu lernen, nur habe er dann zwei Tage Kopfweh gehabt. Nach fünf Monaten konnte er als Prüfungsaufgabe schon Bibelteile aus dem Äthiopischen ins Lateinische übersetzen. Nebenher absolvierte er einen Kurs in praktischer Medizin. Der anglikanische Gottesdienst fand wegen seiner Länge nicht seine Zustimmung. Lieber ging er zu Dr. Steinkopf in die deutsche Kirche, oder zu Bischof Wilson aus Calcutta. Seinen Mitzöglingen erteilte Gobat Unterricht in Griechisch und Exegese des Neuen Testaments. In seinem Innern wurde Gobat seit seiner Englandzeit ruhiger, er war nicht mehr so sehr von religiösen Gefühlsextremen umgetrieben.

Missionar in Abessinien
Ende November 1825 wurde Gobat mit seinen Mitzöglingen entlassen: nach Indien, Neuseeland, Afrika, Nordamerika. Fünf waren für Ägypten und Abessinien bestimmt. Gobat durfte die Abschiedsansprache für die Ausgesandten halten. Die fünf für Ägypten und Äthiopien Bestimmten sollten zuerst nach Malta gehen; Kugler und Kruse 86 reisten auf dem Seeweg, Müller und Lieder durften über Basel reisen, um sich eine Frau zu suchen, obwohl damals das Basler Komitee gegen eine Verheiratung war. Gobat begleitete sie, da er als einziger französisch sprach. Die Reisenden, zu denen inzwischen Frau Müller gehörte, reisten von Basel über Genf nach Marseille. Da keine regelmäßige Diligence von Genf aus verkehrte, wurde ein Kutscher verpflichtet, der die Gesellschaft in zwölf Tagen nach Marseille bringen sollte. In Savoyen wurden ihnen sämtliche Bücher und Traktate abgenommen, in Grenoble die Pässe beanstandet; nach drei Tagen konnten sie weiterreisen. In Marseille verging ein Monat, ohne daß sich ein Schiff nach Malta fand. So wurde beschlossen, ein Schiff nach Messina zu besteigen. Durch ungünstige Windverhältnisse wurde das Schiff tagelang zwischen Korsika und Toulon hin- und hergetrieben. Nach 15 Tagen suchte das Schiff im Hafen von Gaeta, nördlich von Neapel Schutz und wurde unter Quarantäne gestellt. Erst nach 14 Tagen wurde die Weiterreise erlaubt. Weitere drei Tage dauerte die Fahrt nach Messina. Dort lag das Schiff sieben Tage in Quarantäne. Schließlich fand sich nach weiteren sieben Tagen ein offenes maltesisches Boot, das in vier Tagereisen Valetta auf Malta erreichte. Gesamtdauer der Seereise: 49 Tage. Auf Malta war der Verbindungsmann Pastor Jowett, mit dem sich Gobat von Anfang an verbunden fühlte und mit dem er eine lebenslange Freundschaft pflegte. Die anderen Missionare reisten nach Alexandrien weiter. Gobat sollte in Malta bleiben, um mit Pastor Jowett Traktate ins Arabische zu übersetzen. Vier Monate dauerte die Arbeit.

Gobats Weiterreise nach Alexandrien verlief auch nicht ohne Zwischenfälle: im Laderaum brach Feuer aus, so daß eine Panik entstand, weil wegen des Griechenaufstandes Pulver an Bord war. Am 20. August 1826 landete Gobat in Alexandrien und hatte im Sinn, sogleich mit Kugler nach Abessinien weiterzureisen. Die beiden wurden aber drei Jahre in Ägypten festgehalten, denn es gab keine Möglichkeit ins Land zu kommen. Eine Reihe von Forschungsreisenden hatte ohne Erfolg versucht, über den Hafen Massaua am Roten Meer das Land zu betreten. In England hatte man den Missionaren geraten, den Weg über Oberägypten und Nubien (Sudan) zu versuchen. Nach der Ermordung des Ismael Pascha, Sohn des Mohammed All, durch Araber war auch dieser Weg für Weiße versperrt.

Gobat und Kugler reisten nach Kairo. Rasch lernte Gobat die vom Arabischen des Koran abweichende Volkssprache und fing an zu predigen. Nebenher lernten er und Kugler von Girgis, einem armen Mönch, den sie bei sich aufnahmen, Amharisch, die äthiopische Volkssprache. Ihre amharischen Sprachkenntnisse konnten sie anläßlich einer Reise nach Jerusalem im Januar 1827 aufbessern, indem sie unter den dort wohnenden Abessiniern lebten. Die Reise nach Jerusalem, gemeinsam mit Girgis sowie einem Dr. Smith von der amerikanischen Mission und dem Missionar Theodor Müller, ging per Kamel über EI Arisch und Gaza nach Jaffa, heute Tel Aviv. Von dort fuhr man in einem kleinen Boot nach Beirut, wo Smith stationiert werden sollte. In Beirut war zu der Zeit für Missionare eine öffentliche Tätigkeit unmöglich, da der maronitische Patriarch andere christliche Bekenntnisse grausam verfolgte. Nur in der Nacht kamen einzelne Ratsuchende. Die nächste Station war Damaskus. Beim Ritt am östlichen Abhang des Libanon begegnete Gobat, der vorausritt, einem Leoparden, der nur 5  entfernt hinter einem Dorngestrüpp lauerte. Am Abend im Khan war zu hören, daß wenige Tage zuvor an derselben Stelle ein Mann von einem Leoparden getötet worden war. Von Damaskus sahen die Reisenden wenig, da es zwei Wochen lang regnete und die Straßen unpassierbar wurden. Dazu wütete die Pest. Nach Ende des Regens wurde die Reise über die Jakobsbrücke am Jordan, durch biblische Orte nach Jerusalem fortgesetzt, wo die Gesellschaft rechtzeitig zu Ostern eintraf.

In Jerusalem wurden sie im griechischen Kloster St. Michael aufgenommen. Der leitende Mönch Joel wurde später Archimandrit (Vorsteher des Klosters), er zeigte Sympathie für die protestantische Sicht und blieb mit Gobat verbunden, bis dieser als evangelischer Bischof nach Jerusalem kam. Gobat erlebte in der Osterwoche in Jerusalem viel Abstoßendes, er sagte später: „Obwohl ich nun schon 22 Jahre in Jerusalem bin, habe ich jene Gräuel, die in der Grabeskirche ausgeführt werden, nicht wieder mitangesehen, noch je zu sehen gewünscht“. (Gobat S. 110). Drei Monate weilten Gobat und Kugler in Jerusalem. Sie versuchten an verschiedenen Orten Juden und Christen zu predigen, hatten aber wenig Erfolg. Niemand wagte auch nur ein Testament anzunehmen aus Furcht vor den Rabbinern und Priestern. Sehr viel Zeit verbrachten sie im Kloster der Abessinier und übten sich in der amharischen Sprache. Die abessinischen Priester hielten es für ein Verdienst, recht schmutzig zu sein, und die beiden Deutschen hatten Mühe, ihren Ekel zu überwinden. Vier Wochen nach ihrer Abreise brach in Jerusalem die Pest aus, und alle 30 Abessinier wurden dahingerafft.

Auf der Rückreise nach Ägypten verließen Gobat und Kugler Jaffa in einem offenen Boot in der Hoffnung, in 2-3 Tagen nach Damiette an der Nilmündung in Ägypten zu kommen. Sie erreichten ihr Ziel nach einer Irrfahrt von 25 Tagen, die sie bis nach Limassol auf Zypern brachte, wo sie sieben Tage in Quarantäne lagen. Zurück in Kairo zog sich Gobat eine eiternde Augenentzündung zu, die ihn fast blind machte; es dauerte Monate, bis er wieder richtig sehen konnte. Von einem Neger lernte er, die Augenentzündung im Frühstadium zu bekämpfen durch Einblasen von Schnupftabak in die Augen, was zu starkem Tränen führt. Während Gobats Aufenthalt in Ägypten war die Seeschlacht von Navarino, in der die Türken von den europäischen Mächten vernichtend geschlagen wurden. Die Nachricht verursachte unter den Europäern in Ägypten großen Schrecken, da sie die Rache der Türken fürchteten.

Schließlich eröffnete sich für Gobat ein unerwarteter Weg, nach Abessinien zu kommen, das seit dem 16. Jahrhundert kaum ein Europäer besucht hatte. Gobat fand in Alexandrien einen Abessinier, krank und heruntergekommen, den er mit seinem Diener bei sich aufnahm. Dieser Mann, ein Distrikthäuptling, war von Saba Gadis, dem Herrscher der Provinz Tigre mit einer Botschaft an den Pascha Mohammed Ali abgesandt, aber nicht empfangen worden, wagte aber nicht unverrichteter Dinge zurückzukehren. Gobat, der mit Boghos Bey, dem Minister Mohammed Alis gelegentlich vertraute Gespräche über Philosophie und Religion führte, konnte die Audienz bewirken. Nun wurden Gobat und sein Gefährte Kugler von Saba Gadis eingeladen, eilends nach Äthiopien zu kommen. Da Kugler, des Wartens in Ägypten müde, nach Europa gereist war, verzögerte sich die Abreise nach Abessinien bis zu Kuglers Rückkehr im Oktober 1829. Inzwischen war Gobat nach Kairo umgesiedelt und hielt dort französischen, englischen und arabischen Gottesdienst, fand aber wenig Resonanz.

Am 23. Oktober setzte sich von Kairo eine Karawane mit 22 Kamelen in Bewegung. Unter Gobats Führung waren dabei Missionar Christian Kugler, der Schreiner Aichinger aus Württemberg und der abessinische Gesandte Ali mit seinem Diener. Die Kamele waren vor allem mit religiöser Literatur in amharischer und äthiopischer Sprache beladen. Der Kamelritt ging nach Suez, von dort nach einer zweiwöchigen Wartezeit mit einem Schiff voll Mekka-Pilgern nach Jidda. Die Seereise dauerte 20 Tage; in der winzigen Kabine hatten nur zwei Personen Platz; zu trinken gab es verfaultes Wasser voller Würmer. Auf der langen Überfahrt von Jidda nach Massaua auf einem arabischen Boot zog sich Gobat einen schweren Durchfall zu, der ihn fast ins Grab brachte. In Massaua bewirkte die Gegenwart des abessinischen Gesandten, daß die Reisegesellschaft vom Gouverneur gut aufgenommen und nicht an der Weiterreise gehindert wurde. Der Herrscher der Provinz Tigre, Saba Gadis schickte sogar 40 Soldaten zur Begleitung in die Residenz Adigrat. In der Ebene reiste man mit Kamelen, dann mit Trägern über das Gebirge. In Behaat, seiner Heimat, wurde der Gesandte Ali von den Verwandten stürmisch begrüßt. Der Empfang in Adigrat durch den Herrscher von Tigre war herzlich und großzügig. Saba Gadis war durch Gewalt an die Macht gekommen; nun aber herrschte er wohltätig und freigebig, gerecht und mild, so daß er in ganz Abessinien beliebt war. Gobat und seine Begleiter hieß er willkommen, da sie versprachen, das Evangelium zu predigen. Zunächst war die Verständigung schwierig, aber Kugler blieb acht Monate dort und lernte rasch die Tigresprache.

Gobat selbst reiste unter militärischem Schutz weiter ins Landesinnere nach Gondar in der Provinz Bagemder im Amhara-Gebirge. Gondar war der zentrale Sitz des Etschega, des Hauptes der abessinischen christlichen Kirche. Gobat wollte amharische Literatur, vor allem Bibeln verbreiten. In Gondar verstand es Gobat sehr rasch, den Etschega für sich einzunehmen, so daß er dann ungehindert seine Evangelienbücher verteilen und religiöse Gespräche führen konnte; mehrere Monate lang wurde er von Sonnenaufgang bis abends acht Uhr von hunderten von Leuten aus nah und fern besucht. Sein Haus faßte 40-50 Besucher, Zeit zum Essen blieb nicht, denn während er mit einer Besuchergruppe sprach, wartete vor der Tür schon die nächste. Schwierigkeiten machten die Priester: sie wollten nicht, daß die Evangelien in Amharisch gelesen wurden. Sein gutes Verhältnis zum Etschega bewirkte sogar, daß Gobat nach Verlauf einiger Monate von den gelehrten Laien in der Kirche zum Nachfolger des verstorbenen koptischen Bischofs vorgeschlagen wurde. Der Plan wurde nicht realisiert, aber Gobat schlug eine Reformation der koptischen Kirche vor. Dazu machte er eine Reihe ganz konkreter Vorschläge, über die im Kirchenrat abgestimmt wurde, alle mit dem Ziel, Äußerlichkeiten im Ritual zu beschränken und auf die zentrale Mittlerrolle Christi hinzuweisen. Schließlich wurde Gobat für dieses Vorhaben um Hilfe aus England gebeten, z. B. zur Errichtung von Schulen sowie Entsendung von Predigern. Gobat selbst hatte im Sinn, wiederzukommen und diese Arbeit, die er als die tätigste Zeit seines Missionslebens ansah, fortzusetzen.

Zunächst mußte er zurück nach Adigrat. Seine Geldmittel gingen nach sechs Monaten Gondar zur Neige, hatte er doch die zwölf Träger, die mit von Adigrat gekommen waren, zu verköstigen. Doch Kriegszüge verfeindeter Stämme hinderten ihn an der Rückreise. So verschaffte er sich Einnahmen, indem er auf die Jagd ging und auch seine Leute auf die Jagd schickte. Neben seiner missionarischen Tätigkeit behandelte Gobat auch Kranke; berühmt im Land wurden seine Heilungen durch Aderlassen. Auf dem Rückweg verlor Gobat in Adua seinen Freund Kugler, der ihm von Adigrat entgegengekommen war; Kuglers Gewehr war ihm bei einem Schuß explodiert und hatte ihm den Arm zerrissen; er starb an der Verletzung. Die Kriegszüge und Kämpfe der Stammesfürsten arteten in Anarchie aus. Gobat mußte mit ein paar Zöglingen, die er um sich gesammelt hatte, vor den Plünderern nach Behaat fliehen, dann zurück nach Adigrat. Saba Gadis wurde von seinem Feind Ubieh getötet. Schließlich fand Gobat im Kloster Debra Damo Zuflucht, das auf einem unzugänglichen Felsrücken liegt; so brachte er seit Januar 1831 fast zwei Jahre zu. Als die letzten Taler verbraucht waren, grub Gobat mit seinen Schülern in der Wildnis nach Wurzeln, die zur Herstellung von Honigwein verwendet wurden und die sie gegen Korn eintauschen konnten. Am Ende ernährten sie sich allein von Gerste und Wasser.

Nachdem endlich Saba Gadis Feind Ubieh die Oberhand behielt, und Gobat sich ein Bild machen konnte, ob weitere Missionsbemühungen in dem wilden Land denkbar wären, machte er sich auf den Rückweg nach Alexandrien. Zwei seiner Zöglinge, Hadara und Kidon, nahm er mit sich. Die Rückreise ging wieder über Massaua, dann in glühender Hitze in 21 Tagen im offenen Boot, dicht gedrängt mit abessinischen Pilgern und Negern nach Jidda: Ankunft am 2. 1. 1833. Dort wohnte er wieder bei seinem Freund, dem englischen Konsul Chawadja Yusuf, einem armenischen Kaufmann. Nach vier Monaten konnte er Jidda in einem Dampfschiff Richtung Suez verlassen. Der Ritt von Suez nach Kairo dauerte nur zwei Tage. Die beiden Zöglinge blieben in Kairo bei Missionar Isenberg 87; Hadara begleitete Gobat auf seiner zweiten Abessinienreise und weiter nach Europa und starb 1838 in Beuggen; Kidon wurde 1841 von Isenberg als Bibelkolporteur ausgesandt. In Kairo verfaßte Gobat einen ausführlichen Bericht seiner Arbeit in Abessinien, der mehrere Auflagen erlebte.

Die Rückreise nach Europa verlief glatt, sie dauerte von Alexandrien 30 Tage bis Triest, dort lag das Schiff 30 Tage in Quarantäne. Über Mailand und den Gotthard ging es in die Schweiz zu den Eltern und zu den Freunden in Basel und England. In England hielt Gobat Missionsstunden und plante vor allem eine zweite Reise nach Abessinien; das Missionskomitee billigte alles. Gobat hatte nach seinem so ereignisreichen dreijährigen Aufenthalt im Land die Überzeugung gewonnen, ein weites Wirkungsfeld für eine umfassende Missionstätigkeit im Sinn seiner Gesellschaft vorbereitet zu haben. Für diese Aufgabe wollte er seine ganze Kraft einsetzen. In den kurzen drei Jahren in Abessinien hatte der fast mittellos reisende, anspruchslose Missionar einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, daß noch 1930 ein abessinischer Delegierter beim Völkerbund rühmte: „Wir haben gefühlt, daß Samuel Gobat ein Vater unseres Volkes war.“ Wir können verstehen, daß Gobats Missionstätigkeit nicht die eines drängenden Bekehrers, sondern die eines verständigen und hilfsbereiten Beraters gewesen ist.

Ehe Gobat zu einer zweiten Reise nach Abessinien aufbrach, sehnte er sich, eine Frau zu finden, die es wagen wollte, mit ihm seinen weiteren Lebensweg zu gehen, auch wünschte er sich sehnlich Kinder. In England fand er kein Mädchen, das ihm für seine Aufgaben als Missionar geeignet schien; er fuhr deshalb nach Basel. Von dort war er eingeladen worden, eine Missionsreise durch Württemberg zu machen, das dem Missionsgedanken besonders aufgeschlossen war. In Basel wurde Gobat auf Beuggen und Marie Zeller hingewiesen, die er ja schon als kleines Mädchen kennengelernt hatte. Er fuhr gleich nach Weihnachten 1833 hin. Dort aber erkannte er unter den sechs Zellertöchtern Marie nicht wieder, als er in einer Missionsstunde vor den Anstaltsbewohnern die schweren Aufgaben in Abessinien schilderte. Er wagte auch nicht zu fragen, welche Marie sei, hatte aber eine immer im Auge, die ihm besonders das Herz erwärmte. Kurz vor der Abreise wurde gerade diese ihm als Marie vorgestellt. Sein Freund Felician von Zaremba, den er durch Zufall auf der Weiterreise in Waldshut traf, warb für ihn in Beuggen, und schon nach wenigen Tagen hatte er das Jawort seiner Marie.

In den ersten Wochen des Jahres 1834 reiste Gobat durch Württemberg und hielt überall Ansprachen über die Aufgaben der Mission, zuerst in Schulhäusern, später in stets überfüllten Kirchen, er berichtete von mehr als 2000 Zuhörern, die oftmals zusammenkamen. Überall fand er auch willige Gastgeber, die ihm weiterhalfen, so den Antistes Spleiß (s. Anm. 54) in Buch bei Schaffhausen, den Tailfinger Pfarrer Burk, den jungen Eduard Zeller, der ihn nach Herrenberg lotste, den Stuttgarter Stiftsprediger Dann. In Kirchheim wurde er der Herzogin Henriette vorgestellt, die ihn an ihre Töchter, die Königin von Württemberg und die Großherzogin von Baden empfahl. In Stuttgart waren auch die Kinder der Königsfamilie in der Kirche. Im Februar kehrte Gobat nach Beuggen zurück und wollte gleich heiraten. Am 23. Mai konnte das Paar schließlich in Cremines getraut werden.

Zweite Reise nach Abessinien

So erfolgreich Gobats erste Missionsreise nach Abessinien war, so viel Mühen, Leiden und Kummer bereitete die zweite, ohne daß Gobat selbst besonders missionarisch tätig werden konnte. Der Reiseweg ging wieder über Genf und Marseille. Nach zwei Wochen wurde ein Schiff gefunden, das in zwei Wochen Alexandrien erreichte. Von Basel aus war Frl. Geerling mitgekommen, die in Kairo mit dem Missionar Isenberg vermählt wurde. Die beiden reisten dann mit den Gobats nach Abessinien. In Kairo wurde das Gepäck zusammengestellt; es bestand vor allem aus Bibeln und religiöser Literatur. In Kairo stießen auch die beiden Abessinier Hadara und Kidon, die von der ersten Reise da geblieben waren, und zwei Deutsche zur Gruppe. Marie Gobat lernte in der Zeit Amharisch. Die Karawane mit 39 Kamelen und zwei Eseln brach Ende Oktober auf nach Suez. Die Seereise ging wieder über Jidda nach Massaua. Doch schon in Jidda begannen Gobats Leiden, die ihn 20 Monate plagten. Zunächst wurde die Ursache bei einem Bandwurm gesucht; dann aber folgten nicht endende Durchfälle mit unaufhörlichem Erbrechen und Erstickungsanfällen. Trotz eines elfwöchigen Zwangsaufenthaltes in Massaua wurde die Fortsetzung der Reise geplant. Unter großen Schwierigkeiten gelangte die Gruppe übers Gebirge nach Adua. Vom Stammesfürsten wurden sie großzügig mit Vorräten versorgt. Doch Gobat lag in Adua neun Monate im Bett; er magerte zum Skelett, er berichtet, er habe Oberarme und Unterschenkel mit der Hand umfassen können. Schließlich bekam er Cholera und Krämpfe. Während der Zeit gebar Marie im August 1835 ihr erstes Kind; Pate war ein Sohn aus der fürstlichen Familie. Obwohl Marie keine fachkundige Hilfe hatte, gedieh das Töchterlein. Frau Isenbergs Kind war am Tag der Geburt gestorben. Eine Besserung in Gobats Zustand trat durch eine Roßkur ein, die ihm ein alter Mann verordnete: Milch/Butter/Honig/Knoblauch, im Verhältnis 3:3:3:1 mit Gewürzen verkocht, war mit etwas Brot für zehn Tage seine einzige Nahrung. Inzwischen wurde Marie Gobat von der Cholera erfaßt, die in Adua wütete. Auch ihr half eine drastische Behandlung: Ein heißes Eisen wurde ihr auf den Leib gelegt. Es erzeugte eine schwere Brandwunde, führte aber zu heftigem Schweißausbruch; die Krankheit war gebrochen.

Schließlich wurde beschlossen, daß die Gobats Abessinien verlassen sollten, vor allem, da Gobat fürchtete, falls er sterbe, Frau und Tochter Sophie ungeschützt zurücklassen zu müssen. Ein deutscher Arzt, der dort weilte, wollte ohnehin nach Mekka reisen. So begann die Rückreise unter unsäglichen Strapazen, Gobat zunächst auf einer Bahre, später auf einem Maultier in kleinen Etappen. Auf der Seereise war nur verfaultes Wasser zu haben; auch der Reis für das Kind mußte damit gekocht werden. Zwischenfälle gab es durch einen Mastbruch im Sturm und durch Aufsitzen des Bootes in Felsklippen. Die Seefahrt endete diesmal schon in Qusir, einem kleinen Hafen in der Höhe von Luxor. Auf dem Wüstenritt nach Quena am Nil erkrankte das Töchterchen Sophie an Hirnhautentzündung. Die Kameltieiber hatten das ganze Wasser verbraucht; die Zisternen unterwegs waren leer. Alle litten tagelang entsetzlichen Durst. Marie war im achten Monat schwanger. Auf der achttägigen Nilfahrt hinunter nach Kairo blieb Sophie bewußtlos; kurz vor der Ankunft starb sie am 19. November, sie wurde auf dem koptischen Friedhof bestattet.

In Kairo lebten alle auf, sie wohnten beim Freund Rev. Theodor Müller. Gobat wurde gesund, seine Frau gebar am Sylvesterabend 1837 den Sohn Benoni (Sohn meines Kummers). Für die Seereise nach Malta benutzten sie die „Blaze“, das erste Dampfschiff, das Alexandrien anlief.

Neue Aufgaben in der Schweiz, in Syrien, in Italien, auf Malta
Ungeachtet der tagelangen Quarantäne in den Häfen verlief die Rückreise über Malta und Marseille in die Schweiz ohne Komplikationen. Die Eltern in Cremines und Beuggen waren selig, die Totgeglaubten zu begrüßen. Durch einen Aufenthalt in Bad Kreuznach wurden die Folgen der jahrelangen Dysenterie gemildert. Es folgten Monate der Erholung in Beuggen. Im Frühjahr 1838 lud das britische Missionskomitee Familie Gobat nach England ein, um auch englische Ärzte zu konsultieren. Doch blieb noch jahrelang eine körperliche Schwäche, die nicht an einen erneuten Missionsdienst im Ausland denken ließ. Es bedrückte natürlich Gobat sehr, sich so nutzlos zu fühlen. Den Winter 1838-1839 verbrachte man wieder in Beuggen, hier wurde die Tochter Hanna geboren. Gobat predigte gelegentlich und verfaßte eine Grammatik des vulgär-arabischen Dialekts mit einer Anleitung zur Konversation. Auch 1839 verbrachte die Familie einige Monate in Bad Kreuznach. Die Kräfte kehrten soweit zurück, daß Gobat mit seiner Familie nach Malta reisen konnte. Dort übernahm er die Bearbeitung einer arabischen Bibel. Da Schlienz (s. Anm. 99), der Leiter der Übersetzungsanstalt und der Druckerei der Missionsgesellschaft bald nach Gobats Ankunft erkrankte, übernahm Gobat zusätzlich dessen Aufgaben.

In Malta litt Marie Gobat an schweren Blutungen. Dennoch brachte sie Anfang November 1840 das Söhnchen Paul gesund zur Welt; es war aber sehr zart und wurde schon nach einem Jahr in die Ewigkeit abgerufen. Im darauffolgenden Jahr wurde Gobat von seiner Gesellschaft aufgefordert, die Drusen im Libanon im Süden Syriens zu besuchen. Er sollte klären, ob es nach der Vertreibung der Ägypter unter dem Khediven Ibrahim Pascha und der Rückgabe Syriens an die Türken im Jahr 1840 möglich wäre, christliche Mission zu betreiben, oder doch wenigstens Schulen einzurichten. Die Drusen sind ein abgesonderter arabischer Stamm, deren Religion sich vom Islam ableitet mit gnostischen Elementen; sie galten als wild und unberechenbar. Die Reise begann in Beirut. Bei einem Abstecher nach Damaskus knüpfte Gobat Kontakte zum griechisch-orthodoxen Patriarchen, der anscheinend Verbindung zur anglikanischen Kirche suchte. Gobat merkte aber, daß dieser Wunsch politische Gründe hatte und nicht religiöser Aufgeschlossenheit entsprang, und verfolgte das Angebot nicht weiter. Bei den Drusen reiste Gobat von Ort zu Ort, sprach in Familien und Versammlungen mit vielen einflußreichen Männern. Die Drusen erwarteten zu der Zeit, daß England sich für ihre Belange einsetzen werde, und begegneten Gobat freundlich; für religiöse Fragen waren sie unempfänglich, dagegen erwachte ihr Interesse für die Gründung von Schulen. Sie stimmten aber der Einrichtung von Schulen erst zu, als Gobat versicherte, zwar werde natürlich die christliche Botschaft gelehrt, keiner werde aber dort gezwungen, Christ zu werden. Schließlich baten die Drusen sogar um Bibeln, um darin zu lesen. Die Errichtung von Schulen unterblieb aber dann doch, da die Missionsgesellschaft dazu finanziell nicht mehr in der Lage war.

Zurück in Malta, erlebte die Familie Gobat den Tod des Söhnchens Paul. Doch im folgenden Jahr 1842 konnte man die Tochter Dora begrüßen. Inzwischen war wegen der schlechten Kassenlage der Gesellschaft beschlossen worden, die Druckerei auf Malta ganz aufzugeben; arabische Bibeln konnten ohnehin nur in Alexandrien verteilt werden. So kehrte die Familie Gobat, nachdem die Auflösung der Druckerei abgewickelt war, im Mai 1843 in die Schweiz zurück. Gobat nutzte den Sommer zu einer Kaltwasserkur in Albisbrunn, die ihn aber nicht ganz von seiner Neigung zu Dysenterie heilte. Die Familie zog dann für zwei Jahre nach Wiedlisbach bei Solothurn am Fuß des Weißenstein. Soweit es seine Gesundheit erlaubte, bereiste Gobat von da aus die ganze Schweiz, rief Missionsversammlungen ins Leben und hielt Missions- und Bibelstunden. Trotz seiner gesegneten Tätigkeit in der Schweiz war Gobat unglücklich, wegen seiner geschwächten Gesundheit sich nicht für ein ausländisches Missionsfeld melden zu können. Er fürchtete, auch den regelmäßigen Anforderungen eines Pfarramtes nicht gewachsen zu sein. Andererseits wollte er seinem Grundsatz treu bleiben, nie von sich aus eine Veränderung seiner Lebenslage zu betreiben.

Von Malta aus hatte Gobat schon seiner Muttergesellschaft in England dargelegt, daß es zweckmäßig sei, auf der Insel eine höhere protestantische Erziehungsanstalt zu errichten. 1845 nahmen seine Freunde in England den Gedanken auf, um den im Mittelmeerraum lebenden Protestanten Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten. Gobat wurde nun gebeten, die Leitung der neuen Schule zu übernehmen. Man rechnete, daß auch aus arabisch sprechenden Ländern Studenten in das neue Institut eintreten würden. Gobats gute Kenntnisse der orientalischen Sprachen ließen ihn auch aus diesem Grund für das Amt des Schulleiters geeignet erscheinen. Für ihn war die Aufgabe sehr verlockend; er sah darin einen Ruf des Herrn. Schon Jahre zuvor war Gobat gedrängt worden, sich von einem anglikanischen Bischof ordinieren zu lassen; für die neue Stellung war dies unerläßlich. So reiste Gobat trotz einer Reihe theologischer und kirchlicher Bedenken zur Ordination nach England.

Die Familie verließ die Schweiz noch im Herbst 1845 Richtung Malta. Gobat mußte dann nach der Ankunft die Einrichtung der Schule und einer Wohnung seiner Frau und dem Verwalter überlassen. Er selbst war beauftragt, in Italien für das neue Institut zu werben. Er suchte Protestanten von Rom bis Sizilien auf. Natürlich hielt er auch hier, wo er konnte, religiöse Versammlungen. Am 3. 2. 1846 konnte die neue Schule auf Malta mit 12 Schülern eröffnet werden. Die Studenten lebten in Hausgemeinschaft mit der Familie. Gobat. Die Gobats fühlten sich glücklich, endlich eine fest umrissene Aufgabe gefunden zu haben.

Evangelischer Bischof zu St. Jacques in Jerusalem

Die Freude an der Tätigkeit als Lehrer währte nur kurz. Schon wenige Wochen nach Eröffnung der Schule auf Malta wurde Gobat zu neuen Aufgaben berufen. Auf Betreiben von Chn. K. J. von Bunsen (s. Anm. 60), damals Preußischer Gesandter in London, der mit Gobat gut bekannt war, und von Spittler (s. Anm. 7) in Basel berief König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Abstimmung mit der britischen Regierung Gobat 1846 zum evangelischen Bischof in Jerusalem.

Das anglikanisch-deutsche Bistum St. Jakob in Jerusalem war auf Initiative Bunsens durch eine Übereinkunft der britischen und preußischen Regierung erst 1841 gestiftet worden. Das Ziel war, die protestantischen Aktivitäten der Seelsorge, der Judenmission und christlichen Liebestätigkeit zu koordinieren und unter eine gemeinsame Leitung unter dem Schutz Preußens und Englands zu stellen. Die europäischen Mächte hatten 1840 die Rückgabe Palästinas an die Türkei erzwungen und erwarteten von türkischer Seite Toleranz in Religionsdingen. Bis dahin hatten die armenische, griechische und lateinische Kirche von alters her gesicherte Rechte, evangelische Missionare waren aber nur vereinzelt in Palästina gewesen.

Im neu gegründeten Bistum sollte der anglikanische Ritus gelten. Sein Geltungsbereich sollte sich über das restliche Syrien, den heutigen Irak, Kleinasien, Ägypten und Abessinien erstrecken. Der Bischof sollte abwechselnd von England und Preußen ernannt und vom Erzbischof von Canterbury geweiht werden und damit anglikanischer Bischof sein. Der erste, von England ernannte Bischof war Dr. Michael Salomon Alexander, ein jüdischer Konvertit aus Posen, Professor am Kings College in London, der allerdings schon nach dreijähriger Amtszeit Ende 1845 starb.

Gobat erschien besonders für das Bischofsamt in Jerusalem prädestiniert. Er war aufgewachsen im französischen Kulturkreis, durch seine Ausbildung und durch seine missionarische Tätigkeit in Deutschland und der Schweiz sowie durch seine Familie dem deutschen Sprachgebiet verbunden und war durch eine englische Missionsgesellschaft ausgesandt worden. Er war mit den religiösen Verhältnissen des Vorderen Orients vertraut, war sprachengewandt und war vor allem in religiös-dogmatischen Dingen und in äußeren Formen des Ritus tolerant, wenn nur die im Neuen Testament gelehrten Glaubensgrundsätze nicht angetastet wurden. Gobats missionarischer Eifer versprach, daß sein Wirken sich auf diesem exponierten Posten nicht in Verwaltungsdingen erschöpfen würde.

Während Marie Gobat ihrer siebten Niederkunft entgegensah - im Mai wurde der Sohn Timotheus geboren - reiste Gobat wieder nach London. Im Lambeth Palace wurde er durch Erzbischof Howley zum Bischof geweiht, unter Assistenz seines alten Freundes, des Bischofs Wilson von Calcutta. Anschließend weilte er auf Einladung König Friedrich Wilhelms IV. einige Tage in Berlin. Hier fand Gobat Gelegenheit, anläßlich der gleichzeitig stattfindenden Synode, die zur Einführung einer bischöflichen Verfassung in der preußischen Kirche einberufen war, viele wertvolle Bekanntschaften zu machen. Bei seiner Rückkehr nach Malta hatte Marie Gobat schon alle notwendigen Anschaffungen für die Übersiedlung nach Jerusalem besorgt. Doch die Abreise verzögerte sich, da kein Schiff zu finden war, das die unsichere Küste Syriens in der späten Jahreszeit anlaufen würde. Schließlich stellte die britische Regierung auf Drängen Bunsens das Dampfschiff Hekla bereit. Nach einer stürmischen Überfahrt im Dezember 1846 gestaltete sich auf der Reede von Jaffa bei meterhohen Wellen das Übersetzen auf ein Landungsfahrzeug besonders schwierig. Der sechs Monate alte Timotheus stürzte bei der Übergabe mehrere Meter tief, wurde aber von der im Landungsboot stehenden Mutter mit ihren ausgebreiteten Kleidern aufgefangen. Am Weihnachtsabend war die ganze Familie glücklich an Land, auch alle Sachen waren vom Schiff herübergebracht. Nach dreitägigem Ritt erreichte die Familie am 30. Dezember Jerusalem, herzlich begrüßt von der kleinen evangelischen Gemeinde. Der preußische und englische Gesandte waren in Uniform Gobat entgegen geritten.

Gobat lag die ersten Wochen in Jerusalem fieberkrank. Er rühmt aber, daß er, der jahrelang so schwere Krankheiten durchzustehen hatte, von da an sich guter Gesundheit erfreuen konnte. Als Gobat nach Jerusalem kam, war schon mit einem Kirchenbau begonnen (Christuskirche), doch war der Weiterbau von den Türken blockiert. 1849 konnte die Kirche endlich eingeweiht werden. Die Gemeinde zählte 40-50 Glieder. Als anglikanische Kirche stand sie von Anfang an in brüderlichem Einvernehmen auch den Lutheranern offen. Eine kleine christliche Lehranstalt für Juden bestand schon. Hilfsbedürftige fanden in einem Industriehaus Arbeit. Die kleinen Anfänge in Jerusalem standen in krassem Gegensatz zu dem geographisch riesigen Arbeitsgebiet des neuen Bischofs.

Seine Aufgabe in Jerusalem sah Gobat nicht nur in der Judenmission, er wandte sich auch an Glieder aller anderer Glaubensrichtungen, die in Palästina vertreten waren. Er suchte überall nach Wegen, ein offenes Ohr für die Botschaft vom christlichen Reich Gottes zu finden. Dazu fand er im Verlauf seiner 33-jährigen Wirksamkeit in Jerusalem vielfältige Gelegenheiten. Der Judenmission diente das Jüdische Hospital, das bald nach Gobats Ankunft bei der Cholera-Epidemie 1847 seine Arbeit aufnahm. Auf dem Berg Zion wurde eine christliche Schule gegründet in der bald 30 Schüler unterrichtet wurden. Mit St. Chrischona-Brüdern, die für die Apostelmission in Äthiopien bestimmt waren, kam Johann Ludwig Schneller 92 nach Jerusalem. Dieser erwarb in der Felswüste nördlich der Altstadt ein Anwesen, das nach den Massakern der Drusen unter den maronitischen Christen des Libanon 1860 zur Aufnahme libanesischer Waisen diente. Mit diesem „Syrischen Waisenhaus“ entstand das größte evangelische Liebeswerk im Orient. Mit Kaiserswerther Schwestern konnte 1851 das Diakonissenhospital in Jerusalem eingeweiht werden. Fliedner selbst war mit vier Diakonissen nach Jerusalem gekommen. Kaiserswerther Diakonissen betrieben auch die vom Chrischona-Bruder Baurat Konrad Schick erbaute Thalita-Kumi-Schule. Erster Seelsorger einer deutschen Gemeinde in Jerusalem wurde 1852 Pastor Peter Friedrich Valentiner, der wegen seiner deutschfreundlichen Gesinnung sein Amt in Tönning in Schleswig verloren hatte. Parallel zur deutschen Gemeinde entwickelte sich eine Gemeinde von bekehrten Arabern.

Gleich nach seiner Ankunft suchte Gobat sein Wirken auch außerhalb Jerusalems auszudehnen. Als Anfang für eine Missionstätigkeit sah er stets die Verteilung von Bibeln an. Dem stand im Weg, daß so wenige Leute lesen konnten, zudem schritt gerade dagegen die römisch-katholische Kirche energisch ein. Doch konnte schon 1847 ein Bibelvorleser im griechischorthodoxen Nablus etabliert werden; 1848 gelang es, trotz heftiger Widerstände von orthodoxer Seite dort eine Schule zu eröffnen. Bibelleser, die auch eine einfache Auslegung der Schrift darbieten konnten, wurden in Jerusalem in der Schule und im Waisenhaus ausgebildet. Die Bibelleser sollten das Evangelium verkünden, doch niemals christliche Zuhörer ihren angestammten Kirchen entfremden, sollten sich überhaupt nicht in dogmatisch-kirchliche Dinge mischen. Gobats besondere Aufmerksamkeit galt dem Schulwesen; er konnte 1871, als er 25 Jahre Bischof in Jerusalem war, berichten, daß in Palästina inzwischen 25 protestantische Schulen mit 900 bis 1000 Schülern bestanden. Nicht alle Schüler wurden zu aktiven Christen, doch gingen aus den Schulen zahlreiche christliche Lehrer und Katecheten hervor, die in Syrien, Palästina und Ägypten eine Wirkungsstätte fanden. Neben den Schulen entstanden Krankenhäuser in Jaffa, Bethlehem, Nablus und Nazareth. Auch sie wurden naturgemäß Mittelpunkte der evangelischen Verkündigung.

Gobats ursprüngliches Streben war es, durch seine auf das Evangelium gegründete Missionstätigkeit eine Erneuerung der bestehenden Kirchen von innen zu bewirken. Dem widersetzten sich die Amtsträger der orthodoxen und römischen Kirche. So kam es, daß sich zahlreiche neu gegründete Gemeinden von ihren bisherigen Kirchen absonderten und sich an die unter dem Schutz Englands und Preußens stehende, von Gobat vertretene Kirche anschlossen. Auch die hochkirchliche Richtung der Anglikaner, die sich im Gegensatz zur evangelikalen Richtung sah, betrachtete Gobats Wirken in dieser Hinsicht mit Mißtrauen.

Unterdessen hatte Gobat sein Interesse an der Abessinien-Mission nicht aufgegeben. Mit Spittler in Basel wurde vereinbart, daß sechs ChrischonaBrüder in Jerusalem auf die besonderen Verhältnisse in Abessinien vorbereitet werden sollten. Sie kamen unter Schnellers Führung 1854 nach Jerusalem. Als erster wurde Martin Flad 95, der einzige als Geistlicher ordinierte unter den sechs Chrischona-Brüdern, zusammen mit dem Missionar Johann Ludwig Krapf nach Abessinien abgesandt. Wieder war der Auftrag, keine eigenen Gemeinden zu gründen, sondern zu versuchen, die bestehenden Kirchen im evangelischen Sinn neu zu beleben. Der damalige abessinische König Theodoros II. war dem Christentum günstig gesinnt. Er begrüßte vor allem, daß die Chrischona-Brüder, die ins Land kamen, handwerklich ausgebildet waren.

Der russisch-türkische Krim-Krieg 1853-1856 hatte unerwartete Auswirkungen auf Gobats Arbeitsfeld. Die Türkei wurde verpflichtet, freie Religionsausübung zu gestatten. Die europäischen Mächte sollten sich andererseits nicht in innertürkische Angelegenheiten mischen. Das nützten die Muslime im türkischen Bereich zu Verfolgungen von Christen. Gobats Schulen wurden teilweise geplündert. Im Sommer 1860 wurden 30 000 syrische Christen niedergemetzelt. Da nun schritten England und Frankreich ein und verhinderten, daß sich das Blutbad auch auf Palästina und Jerusalem ausdehnte. Hinterbliebene der Christenverfolgung fanden in Schnellers Waisenhaus in Jerusalem Aufnahme.

Auch in anderen weit entfernten Ländern von Gobats riesigem Sprengel gelang es eifrigen Missionaren, protestantische Gemeinden zu bilden. Der später ordinierte Bibelleser Carabet betreute in Diarbekir im Quellgebiet des Tigris eine Gemeinde von Erweckten. Auf exponiertem Posten stand in Aintub in Cilicien, im Norden Syriens, der armenische Erzbischof Megherditsch, der dort die evangelische Lehre verkündete. Einer von Gobats Evangelisten war in Salt in Transjordanien tätig; die Arbeit führte ein bekehrter griechischer Priester fort, bis Gobats Schwiegersohn Wolters die Station übernahm. Auch in Ägypten, wohin zahlreiche Chrischona-Brüder auf Gobats Veranlassung hin ausgesandt worden waren, blühten Gemeinden, die später von amerikanischen Missionaren übernommen wurden. Sie konnten dabei die von Gobat früher auf Malta übersetzten und gedruckten Bibeln in Segen nutzen.

Über Gobats Persönlichkeit urteilte der preußische Konsul Dr. G. Rosen in Jerusalem, der mit Gobat lange Jahre verbunden war: Ein makelloser Mann, gläubiger Christ, väterlicher Freund der Armen, durchaus wahr, nicht eitel. „Er war eine kühle, reflektierende Natur, die bei unermüdlich tätiger Pflichttreue sich weder für Personen noch für Unternehmungen jemals sonderlich zu erwärmen schien. Er ließ sich nie vom Augenblick, auch nicht dem Augenblick des Erfolgs hinreißen; vielmehr arbeitete er immer methodisch nach gewissenhaft erwogenen Grundsätzen“. (Gobat S. 281). Dabei war er theologisch kenntnisreich, sprachbegabt, für seine Stellung in englischen Augen wohl zu einfach. „Gobat war vielen Leuten in Jerusalem unbequem“ - aber viel Feind, viel Ehr! Er beklagte in seiner Friedfertigkeit die Mißstimmung seiner Umgebung, fand sie jedoch in der Sache liegend. Auch bei schärfstem sachlichem Gegensatz hütete er sich vor Übertragung desselben auf die Personen; auch gegen die feindseligen orientalischen Bischöfe hegte er das aufrichtigste persönliche Wohlwollen.

Gobat konnte sich trotz seiner durch seine Abessinienreisen geschwächten Gesundheit bis ins hohe Alter eine ungebrochene Schaffenskraft erhalten. Er war schon 79 Jahre alt, als er auf seiner letzten Europareise bei einem Besuch in Kasteln bei seinem Schwager Witzemann einen Schlaganfall erlitt. Es gelang ihm noch, nach Jerusalem zurückzukehren. Doch wenige Monate danach, am Morgen des Sonntags Cantate, dem 11. Mai 1879, ging er sanft und selig heim. Sein Grab auf dem von ihm gestifteten Zions-Friedhof ziert ein Relief seines eindrucksvollen Kopfes und ist noch heute gut erhalten.

Marie Gobat-Zeller
Neben der weitreichenden Wirksamkeit Samuel Gobats stand das Leben seiner Frau Marie vielfach im Schatten. Doch verstehen wir, daß ohne ihre Treue, ihre Hingabe an die gemeinsam empfundene Missionsaufgabe, ohne das selbstverständliche Ertragen von Mühsalen und Entbehrungen, das Leben dieses Paares nicht hätte einen so gesegneten Weg nehmen können. Die Tochter Dora Rappard-Gobat hat ein liebevolles Bild vom Leben ihrer Mutter gezeichnet. Sie schrieb. „Unsere Mutter war so ganz eins mit dem lieben Vater, daß sein Lebensbild unvollkommen wäre, ohne das ihrige. Mit der ganzen Treue ihres Herzens hing sie an dem Manne, dem sie vom Herrn zur Gehilfin gegeben worden war; seine Arbeit war auch die ihrige. Sie tat nichts ohne seinen Rat. Sie konnte aber dabei auch in Lauterkeit und Geradheit fest auftreten, wo sie es für nötig fand. Der Vater hingegen schenkte ihr sein vollstes, liebendes Vetrauen, sorgte für sie mit einer väterlichen Zartheit, und wir Kinder hatten das Glück, an unseren Eltern das Bild einer wahrhaft gesegneten Ehe zu sehen.“

Marie Zeller wuchs in der spartanischen Einfachheit aber auch der herzlichen Liebe der Anstalt Beuggen im großen Geschwisterkreis zusammen mit den Anstaltszöglingen heran. Sie hatte schon im Alter von neun Jahren ein besonderes Heilserlebnis. Mit 17 verbrachte sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Helene einige Zeit in der französischen Schweiz in einem Internat. Nach der Rückkehr nach Beuggen arbeitete sie im Anstaltsbetrieb als verständige und fröhliche Gehilfin ihrer Mutter. 1833 im Alter von 20 Jahren wurde sie Samuel Gobats Braut. Wenn wir ihren äußeren Lebensweg betrachten, nach Abessinien, auf verschiedenen Stationen in Europa, auf Malta und schließlich als Frau des evangelischen Bischofs in Jerusalem, können wir der Lebensgeschichte ihres Mannes folgen. Für die ganze Familie war der Amtsantritt in Jerusalem eine einschneidende Umstellung. Die äußeren Entbehrungen wurden weniger in dem Maß, wie die Bequemlichkeiten des zivilisierten Lebens Eingang fanden. Doch gab es genug andere Schwierigkeiten durch die Anfeindungen, denen Bischof Gobat ausgesetzt war. In ihrer geraden Aufrichtigkeit, die allgemein bekannt war, konnte Marie Gobat manchmal sehr verletzend wirken. Sie vermochte nicht eine freundliche Miene aufzusetzen, wenn sie etwas gegen jemand auf dem Herzen hatte. Sie hielt es weniger mit der Klugheit der Schlange, als vielmehr mit der Einfalt der Taube; doch immer blickte durch das abweisend Wirkende das treue, aufrichtige Herz durch, so daß jeder verstand: Sie meint es gut mit uns. In den 33 Jahren ihres Wirkens in Jerusalem war es selbstverständlich, daß man in allen Verlegenheiten zur „Frau Bischof“ ging, um Rat und Hilfe zu suchen. Besonders die Glieder der arabischprotestantischen Gemeinde fanden den Weg zu ihr; sie wußte Streit zwischen Ehegatten zu schlichten, Herrschaften mit Dienstboten auszusöhnen. Für Arme und Notleidende setzte sie sich ein. Manche, die sich scheuten zum Bischof zu gehen, fanden in ihr eine weise und liebevolle Vermittlerin.

Im häuslichen Kreis war Marie Gobat bekannt für ihre Gabe als lebendige Erzählerin; auch besaß sie eine gute Singstimme. Sentimental war sie nicht, es fiel ihr nicht leicht, ihre Gefühle auszusprechen. Ganz besonders gerühmt wurde immer wieder ihre herzliche, großzügige Gastfreundschaft. So lud sie Palästina-Reisende, die im Gasthof keinen Platz fanden und denen man ein Zelt nicht zumuten wollte, einfach zu sich ein. Kranke Gäste pflegte sie oft wochenlang im Haus wie eine Mutter.

Nach dem Tod des Gatten, den sie noch auf seiner letzten Europareise liebevoll umsorgte, wurde sie einsam und tiefgebeugt. Sie fühlte das Verlassensein und eine große Leere. Dazu kam körperliches Unwohlsein, so daß sie großes Heimweh nach ihrem lieben Mann empfand. Schwäche- und Fieberzustände stellten sich ein. Die Kinder Hanna und Samuel waren bei ihr, als sie drei Monate nach ihrem Mann am 1. August 1879 verschied.

Weiteres Schicksal der Familie Gobat und des Bistums Jerusalem

Nicht nur im Missionsberuf konnten Samuel und Marie Gobat auf ein erfülltes Leben blicken, sie durften es auch erleben, daß eine große Familie heranwuchs, die sich im Laufe von hundert Jahren in viele Erdteile ausbreitete.

Der Sohn Benoni wurde Pastor der anglikanischen Kirche. Unter seinen Nachkommen sind Geistliche, Lehrer und Ärzte in England.

Die Tochter Hanna wurde die Frau des Missionars Johannes Zeller in Nazareth, später Jerusalem; Johannes stammte aus einem anderen Zweig der großen Zeller-Familie. L. Reichle (Zeller SV 7) beschrieb anschaulich Leben und Wirken von Johannes Zeller und seiner Familie in Nazareth und Jerusalem. Unter seiner Initiative wurde 1868-1871 dort die protestantische Kirche erbaut. Künstler, Lehrer, Beamte, Ärzte in England, Deutschland, Neuseeland und Südostasien sind unter den Nachfahren von Hanna und Johannes Zeller. Die Enkelin Joy Masterman aus diesem Stamm wurde die Frau eines Nachfolgers von Bischof Gobat: Angus Campbell MacInnes war 1957-1968 anglikanischer Erzbischof in Jerusalem.

Die Gobat-Tochter Dora, die sich mit Henri Rappard, dem langjährigen Leiter der Ausbildungsstätte der Pilgermission in St. Chrischona bei Basel verheiratete, ist in der Literatur als „Die Mutter von St. Chrischona“ bekannt. Unter ihren Kindern und Kindeskindern sind eine Reihe von Vertretern der inneren und äußeren Mission und anderer theologischer und sozialer Berufe.

Die Tochter Marie Gobat wurde die Frau des Missionsbuchhändlers Paul Kober, der aus einem schwäbischen Pfarrhaus stammte. Pauls Mutter war eine Tochter von Christian Heinrich Zellers Freund Bahnmaier, ihr Onkel Christian Friedrich Spittler. Kober übernahm die von Spittler gegründete Basler Verlagsbuchhandlung „Zum Fälkli“. Viele Kober-Nachkommen sind bis heute Basler Bürger.

Die jüngste Gobat-Tochter Blandina vermählte sich mit dem Orientmissionar Theodor Wolters, dessen Vater seinerseits bereits im Dienst der Orientmission in Schuscha, Täbris und Smyrna gewesen war. Heute sind viele Wolters-Nachkommen in theologischen und medizinischen Berufen, vor allem in England tätig.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf das Schicksal des Bistums Jerusalem. Nach Gobats Tod besetzte England 1879 turnusgemäß die Stelle mit einem Engländer, mit dem Orientmissionar Dr. Joseph Barclay, der 18611870 unter Gobat in Jerusalem tätig war. Barclay starb schon 1881. Die

Neubesetzung durch das Deutsche Reich, den Rechtsnachfolger Preußens, unterblieb. Die Gemeinde der deutschen Protestanten in Palästina war inzwischen stark gewachsen. Ein Teil der 1868/69 ausgewanderten Templer hatte sich der Gemeinde angeschlossen. Der Vertrag mit England wurde 1886 aufgelöst. Die beiden jetzt selbständigen englischen und deutschen Zweige erreichten 1898 ihren vollen Ausbau, als Kaiser Wilhelm II. die lutherische Erlöserkirche einweihen konnte, und der anglikanische Bischof Blyth in Gegenwart von sechs Bischöfen mit der Kollegiatkirche St. George the Martyr eine Bischofsresidenz mit Chorschule und Waisenhaus bezog. Gemeinsam bis heute blieb nur der Friedhof unterhalb des Davidsgrabes, den Bischof Gobat 1848 mit Hilfe einer großherzigen Spende aus der Schweiz eingerichtet hatte.

Schriften von Samuel Gobat
- Journal of a three Years Residence in Abyssinia. London Verl. Seeley 1834; Three Years in Abyssinia. 2nd. ed. Seeley 1847.
- Samuel Gobat (1799-1879), Evangelischer Bischof in Jerusalem. Sein Leben und Wirken, meist nach seinen eigenen
  Aufzeichnungen, Basel 1884; hrsg. von Heinrich W. J. Thiersch.
- Samuel Gobat, missionaire en Abyssinie et eveque ä Jerusalem. Sa vie et son oevre. Traduit librement de 1'allemand par Auguste Rollier, Bäle 1885.

(In dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)

 

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