Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Familientag am 2. Okt. 2004 in Winnenden

 
 
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Zellers Wunsch war, „allen alles zu sein“

Vortrag von Dr. Ernst Zeller über seinen Ur-Urgroßvater, den ersten Direktor der Heilanstalt Winnental, beim Zeller-Familientag
von Heidrun Gehrke (aus der WINNENDER ZEITUNG, 4. 10. 2004)

Albert Zeller galt als Psychologe, für den die Einheit von Körper und Seele und die Hinwendung zum Patienten an vorderster Stelle standen. Seine Behandlungsmethoden hatten im 19. Jahrhundert für Furore gesorgt. Sein Ansatz, Menschen zu helfen, stand, wie sein Ururenkel Ernst Zeller in ei­nem Vortrag zum 200. Geburtstag Zellers erläuterte, in krassem Gegensatz zu den damaligen Zuständen in so genannten „Narrenhäusern und Irrentürmen mit ihrem unvorstellbaren Elend und Geschrei.“

Dr. Albert Zeller war Obermedizinalrat und erster Direktor der Heilanstalt Winnenthal. Er leitete die Heilanstalt zwischen 1834 und 1877. Einige seiner Nachfahren sind Mitglieder des Martinszeller Verbandes. Am Wochenende haben sich die Martinszeller zu ihrem jährlichen Familientag in Winnenden getroffen.

Die Auffassung, dass der Geisteskranke Anspruch auf Fürsorge, Pflege und Mitleid hat, habe sich erst mit dem Sieg der Somatiker (unter Führung von Zellers späterem Freund Maximilian Jacobi, dem Gründer der Anstalt Siegburg bei Bonn) durchgesetzt, so Zeller. Zuvor standen Zwangsmaßnahmen, Strafen und raffinierte Schreckmittel, die durch Schock den Kranken zur Vernunft bringen sollten, auf der Tagesordnung. Die Therapie bestand ferner in einer moralischen Erziehung, wobei, wie Zeller herausgefunden hat, „auch die Rute nicht verschmäht wurde“, die bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus ein Attribut vieler psychiatrischer Anstalten war, wobei die Humaneren für einen Gebrauch „nur auf ärztliche Anweisung“ eintraten.

Zeller über die Ausnahmeerscheinung seines Ururgroßvaters: „Für uns klingt es fast unglaublich, dass er noch nicht einmal 30 Jahre alt war, als ihm im Jahre 1833 die Aufgabe übertragen wurde, im ehemaligen Deutschordensschloss in Winnenthal die erste württembergische Heilanstalt für Geisteskranke zu gründen.“

Während sich die Humanisierung der Irrenpflege und die Wissenschaft von den Geisteskrankheiten in Frankreich vorwiegend während der Aufklärung und der Französischen Revolution vollzogen hatte, sei die deutsche Psychi­atrie ein Kind der Romantik. Aber vor allem habe der Pietismus bei der Geburt der deutschen Psychiatrie und der modernen Psychologie Pate ge­standen, „und zwar durch seine Wendung nach innen, seine Reflexion über die Seele“.

Seiner christlich-humanistischen Grundeinstellung folgend suchte Albert Zeller das Gespräch mit dem Patienten. Seine große Leistung war die „Nosologie“, mit der er die Gegensätze von Psychikern und Somatikern vereinigte und den Zustandsbilderkatalog auf vier Hauptformen vereinheitlicht hat: Schwermut (Depression), Tollheit (Manie), Verrücktheit (Psychose) und Blödsinn (Demenz).

Die Pathologie stand in dieser Zeit noch ganz im Banne der hippokratischen Säftelehre. Ein Heilmittel gegen Psychosen, das auch nur im Entferntesten vergleichbar mit heutigen Psychopharmaka vergleichbar gewesen wäre, war damals weit und breit nicht zu sehen. „Das einzige Werkzeug des Arztes war er selbst“, so Ernst Zeller. Albert Zeller müsse ein beeindru­ckender und wirksamer Therapeut gewesen sein, „sein Ziel war die Individualisierung, nicht die Schematisierung“. Er habe den Wunsch gehabt, „allen alles zu sein“.

Auf der Basis individueller psychotherapeutischer Zuwendung entwarf er Therapien, mit denen heute noch gearbeitet wird: Arbeitstherapie, die Behandlung in Gruppen, die soziale Einbindung. „Er verstand es, die Freude in der Heilung des Trübsinns sinnreich zu benutzen. Überall in seinem Verkehr mit den Kranken suchte er eine kleine Freude zu bereiten, auch Blumen und Zigarren dienten ihm dazu. Für jede Jahreszeit hatte er ein Fest ersonnen. An schönen Tagen wusste er eine Gesellschaft zu heiterem Spiel zusammenzubringen.“

Ernst Zeller, der selbst als Nervenarzt arbeitet, will sich im Sinne seine Ururgroßvaters für die Akzeptanz von psychischen Krankheiten in der Ge­sellschaft stark machen. An seinem Vorfahren rühmte er abschließend dessen außerordentliches Einfühlungsvermögen, das durch Empfindsamkeit und gebildeten Pietismus sowie Selbstbeobachtung geprägt gewesen sei. „So konnte er allen alles sein.“

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