Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Der württembergische Genealoge Max Cramer (1859-1933)

Vortrag von Max Adolf Cramer vor dem Zeller-Familientag in Stuttgart 1993, in Nachrichten des Martinszeller Verbands Nr. 21, 1992, S. 14-18
 
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                                      Antonie Cramer geb. Zeller (1868-1943) und Max Cramer (1859-1933)


Vorspiel: Begegnungen
Das Jahr 1848, das für Deutschland ein entscheidendes Jahr war, hat auch für unsere Familien entscheidende Weichen gestellt. In diesem Jahr trafen in Schöntal die Wege von drei Männern zusammen, die später verwandtschaftlich miteinander verbunden wurden. Es waren der Ephorus Karl Ludwig Roth, der Repetent Christian Zeller und der Pfarrverweser Georg Klett. Die beiden letzteren waren schon vom Tübinger Stift her miteinander befreundet. Die Schwester Marie Klett durfte damals ihren Bruder in Schöntal einige Tage besuchen. Dabei lernte sie die Tochter Käthe des Ephorus Roth kennen, die von da an ihre beste und innigste Freundin bleiben sollte. Gegenseitige Besuche, von Käthe im Heilbronner Doktorhaus Klett, von Marie in Stuttgart - der Ephorus war 1850 Rektor des Stuttgarter Gymnasiums geworden - befestigten diese Freundschaft.
In denselben Jahren fand eine andere Begegnung statt. Der Apotheker Max Cramer aus Karlsruhe hatte 1843-1848 in der Lang'schen Apotheke in Heilbronn seine Lehrzeit verbracht. Dort arbeitete er eng zusammen mit Theodor Klett, einem Bruder von Georg und Marie, der Arzt werden sollte. Da er aber nach seines Vaters Ansicht noch zu jung für die Universität war, wurde er in die Lang'sche Apotheke geschickt, um dort Chemie und Botanik zu lernen. Durch ihn fand Max Cramer Zutritt zum Klett'schen Doktorhaus. Eine tiefe und bleibende Leidenschaft für die junge Marie, die damals erst 16 Jahre alt war, erfasste ihn dort, und sie wurde freudig erwidert. Sofort, nachdem er 1850 das Staatsexamen abgelegt hatte, hielt er um ihre Hand an. Aber erst 1852 konnte die Hochzeit gehalten werden. Aus dem Bericht über die Hochzeit erfahren wir,, dass der Bruder Georg Klett die Trauung hielt. Zuhause war dann für die Älteren im Wohnzimmer gedeckt. Für die jungen Leute war das Elternschlafzimmer ausgeräumt. Dort saßen u. a. der Stadtvikar Georg Klett mit Käthe Roth, der praktische Arzt Theodor Klett mit seiner Braut Marie Rieger und dann der Repetent Christian Zeller mit Fanny Klett (einer weiteren Schwester).

Der Anfang
Die Hochzeitsleute zogen dann nach Kippenheim, wo für den älteren Max Cramer die Apotheke erworben worden war. Weil die Umstände aber immer unbefriedigender wurden, vertauschte man den Ort Kippenheim mit der Landstadt Stockach. Dort, in der Diaspora des katholischen badischen Oberlandes, ist der jüngere Max Cramer am 21.2.1859 geboren, das vierte Kind seiner Eltern. So ist er von Vaters Seite her und von Geburt
eigentlich ein Badener. Wie aber wurde er zum Württemberger? Zunächst durch den Umzug der Familie nach Heilbronn. Stockach besaß nur eine Volksschule, und so hätte man die Kinder weggeben müssen, um ihnen eine ordentliche Erziehung und Bildung zu geben. Das war aber aus finanziellen Gründen nicht möglich. So entschloss sich der Vater, in die Heimat seiner Frau, nach Heilbronn, zu ziehen. Dazu war es aber notwendig, den Beruf zu wechseln, da in Württemberg das badische Apothekerexamen nicht anerkannt wurde. Der einzige Beruf, der in Frage kam, war der eines Handels-Agenten, den auch schon einige Klett'sche Verwandte ausgeübt hatten. So kam es, dass es wegen der wechselnden Einkünfte in der Familie äußerst sparsam zuging. Nur durch die Aufnahme von Zöglingen und mit Hilfe verschiedener Klett'scher Erbschaften konnte sie überhaupt durchkommen.
So kam Max Cramer also im Alter von 9 Jahren nach Heilbronn und wurde ein echter Heilbronner. Dazu trug die große Verwandtschaft bei, in die die Cramers aufgenommen wurden. Mit den Klett'schen Vettern und Basen entwickelte sich reger Verkehr, der bis ins Alter anhielt. Dabei war der große Klett'sche Garten Familientreffpunkt und Sonntagserholung. Dazu kam noch ein zweites: Max Cramers Urgroßmutter, die alte Hofrätin Elisabeth Klett geb. Komacher, war die Tochter des letzten Bürgermeisters der freien Reichsstadt Heilbronn. Sie ist 1858, ein Jahr vor der Geburt Max Cramers, gestorben. Wegen der somnambulen Zustände, unter denen sie in ihrer Jugend litt, ist sie zum Vorbild für Kleists Käthchen von Heilbronn geworden. 1796 hatte sie den gräflichen Leibmedicus und späteren Hofrat beim Grafen zu Erbach, Johann Christian Klett, geheiratet. Dieser wurde 1801 Stadtarzt in Heilbronn, starb aber schon 1823, so dass die Hofrätin ihn um 35 Jahre überlebte. Sie besaß in ihrem Haus einen Ahnensaal mit etwa 50 Bildern von Verwandten. Bei ihrem Sohn Wilhelm, dessen Haus später der Familienmittelpunkt war, hingen eine Reihe dieser Bilder. Dort hat Max Cramer als Gymnasiast sie oft gesehen. Er hat später auch ein paar davon geerbt. Sein großes Interesse an der Geschichte in Verbindung mit dem Erlebnis einer großen Verwandtschaft, das durch diese Bilder noch verstärkt wurde, weckte in ihm den Wunsch, systematisch zusammenzutragen, was man von Vorfahren und Verwandten wissen konnte und wie sie zusammengehörten. Hier liegen die Wurzeln seiner genealogischen Arbeit.
Das genealogische Interesse hatte auch noch einen anderen Hintergrund: das waren die württembergischen Familienstiftungen. Auch die Familie Klett war zu einigen bezugsberechtigt. Als Max Cramer mit 18 Jahren studieren sollte, bot das Evangelische Stift in Tübingen Gelegenheit zu billigem Studium. Da aber Maxens Bruder Heinrich ebenso wie er klassische Philologie studieren wollte, musste man solche Stipendien in Anspruch nehmen. Um ein solches Stipendium zu erhalten, musste die Verwandtschaft mit dem Stifter nachgewiesen werden, für manche damals eine schwierige Sache. Das waren sozusagen die Vorarbeiten für die genealogische Arbeit. 1882 legte Max Cramer die Präzeptoratsprüfung ab, war dann kurze Zeit in Calw sowie als Präzeptoratsverweser in Hohenheim, und kam 1884 als Präzeptor nach Esslingen.

Genealogie
In dieser Zeit, als genealogische Interessen noch kaum über den nächsten Familienkreis hinausgingen, begann er systematisch die Familie zu erforschen. Dabei ist bemerkenswert, dass er nicht mit dem väterlichen Stamm Cramer begann, sondern mit dem mütterlichen Stamm Klett. Das war zwar durch die Verhältnisse gegeben. Doch kam dadurch das Bewusstsein zum Ausdruck, dass die mütterlichen Stämme in der Genealogie genauso wichtig sind wie der väterliche Stamm, ein Wissen, das damals noch nicht sehr verbreitet war. Schon der erste Eintrag in seinem Notizbuch vom 2. Oktober 1883 betrifft die Eltern seiner mütterlichen Großmutter Friederike Andler. Erst danach folgen die Klett und später die Cramer. In 10 Jahren, von 1883-1893, hat er so die Daten von über 1000 Familien Klett zusammengetragen. Aber schon 1889 konnte er das erste Heft des Stammbaums Klett veröffentlichen. Er hat das selbst bezahlt - bei der damaligen Lehrerbesoldung ein aufwendiges Unternehmen!
Zweierlei hat er dabei gelernt. Erstens: Nicht alle Namensträger sind miteinander verwandt. 15 verschiedene Stämme des Namens Klett konnte er ausmachen, von denen nur 7 aus dem Steinlachtal stammen, also wahrscheinlich zu einer Gruppe gehören. Und zweitens: Jeder Kirchenbucheintrag führt sofort zu weiteren Familien. Wir können noch genau verfolgen, wie Max Cramer gearbeitet hat. Er benutzte die Ferientage, um in den auswärtigen Archiven oder Kirchenbüchern nach entsprechenden Einträgen zu suchen. Dabei kam ihm das Fahrrad zugute, mit dem er im Lauf der Jahre viele tausend Kilometer zurückgelegt hat. In sein Notizbuch trug er Ort und Datum sodann den Beginn der Kirchenbücher und schließlich die Angaben über gesuchte Personen ein. Dabei vermerkte er auch Angaben, die ihm bemerkenswert erschienen, auch wenn keine Verwandtschaft vorlag. Zuhause wertete er dann seine Notizen aus, indem er zusammengehörige Familien zusammenstellte und ordnete. So kam es, dass er bald eine umfangreiche Sammlung württembergischer Familien besaß, die Jahr um Jahr erweitert wurde. Dabei entwickelte er das Paragraphensystem des Finanzrats Faber zu einem Ordnungs- und Verweissystem, das es ermöglicht, jede Person in dem großen Werk schnell zu finden. 50 Hefte und 30 Bände Kirchenbücherauszüge und -abschriften sind so entstanden, die in weiteren 80 Bänden ausgewertet wurden. Daneben aber schrieb Max Cramer aus den großen württembergischen Tageszeitungen die Familiennachrichten heraus. Auf etwa 150 000 Zetteln sind solche Nachrichten gesammelt. Ein Namensregister zu „Fabers Familienstiftungen“, auch zu den damals ungedruckten, machte diese 8 Bände erst brauchbar. Größere Werke, die er nicht erwerben konnte, schrieb er auszugsweise, wie die hohenlohische Kirchen- und Reformationshistorie von Wibel, oder ganz ab, z. B. die Nördlingische Geschlechtshistorie von Beyschlag.

Familie und Umkreis
Durch Max Cramers Heirat 1892 mit Antonie Zeller, Tochter der eingangs erwähnten Christian Zeller und Käthe Roth, erweiterte sich auch die Verwandtschaft. Vor allem der „Onkel Präsident“ Hermann Zeller (der spätere Kirchenpräsident), der ebenfalls Interesse an der Genealogie hatte, war öfters Gast im Hause. In der Familie wuchsen 6 Kinder auf, 2 weitere waren früh gestorben. Die Kinder blickten später auf eine glückliche Jugend zurück, in der der Vater mit ihnen spielte und sang, und an Sonntagen Wanderungen in der Umgebung machte.
Auch nach der Familiengründung nahm die genealogische Arbeit einen großen Raum ein. Durchgehend fand ein Austausch mit anderen Forschern statt, wovon ein umfangreicher Briefwechsel Zeugnis ablegt. Max Cramer gehörte zu den Mitgründern des familienkundlichen Vereins Roland in Dresden 1901 und des Vereins für württembergische Familienkunde 1920, dessen Ehrenmitglied er auch war. Eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit Karl Kiefer, dem Begründer und Schriftleiter der Frankfurter Blätter für Familiengeschichte, in denen er vor dem ersten Weltkrieg die Ahnentafeln Cramer, Zeller, Andreae, Uhland, .Pregizer, Faber, Werner, Lechler und Buttersack veröffentlichen konnte. Überhaupt war sein verrauchtes Studierzimmer - die lange Pfeife gehörte sozusagen zum Handwerkszeug - Anziehungspunkt für viele Leute, die nach ihren Vorfahren suchten. In dem Bericht über das Gästebuch von Max Cramer habe ich davon schon einiges erzählt. Dass er dann 1927 im Auftrag der Familie das Zellerbuch zusammenstellte, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Persönlich war er sehr bescheiden. So wusste er z. B. lange, bevor Hans Wolfgang Rath seine „Geistesmutter“ veröffentlichte, über die Verwandtschaft der württembergischen Dichter und Philosophen Bescheid, hat daraus aber keinen Nutzen für sich gezogen.
Man könnte nun denken, mit solch ausgreifender Sammel- und Auswertungsarbeit und mit dem Kümmern um die Familie sei sein Leben völlig erfüllt gewesen, zumal ja alles neben dem Beruf, gleichsam als Hobby, erfolgte. Max Cramer hat aber seinen Beruf geliebt und mit großer Disziplin ausgeübt. Seinen Lehrauftrag am Obergymnasium mit Latein, Griechisch und Hebräisch versah er mit Gerechtigkeit und Strenge, aber sein Wesen strahlte jedoch Wärme und Herzlichkeit aus. Übrigens gehörte zu seinen Schülern auch der erste Bundespräsident Theodor Heuss. Max Cramer war auch für seine Schule Organisator und Systematiker. So holte er die auf verschiedenen Dachböden zerstreute Gymnasialbibliothek zusammen und katalogisierte die rund 10 000 Bände, die später dem Krieg zum Opfer gefallen sind. Im Jahr 1885 begann er, eine Dienstaltersliste der württembergischen Lehrer an Höheren Schulen zu erstellen, die er dann zu einem größeren Werk über Württembergs Lehranstalten und Lehrer ausbaute. Bis 1925 sind 7 Auflagen davon erschienen. Ebenso stellte er nach dem ersten Weltkrieg ein Verzeichnis aller ehemaligen Kriegsteilnehmer zusammen, die aus dem Heilbronner Gymnasium hervorgegangen waren.
Schließlich war er auch am politischen Geschehen lebhaft interessiert. Vor dem ersten Krieg gehörte er der Nationalliberalen Partei an, die sich deutlich für einen deutschen Sieg einsetzte. Nach dem bitteren Ende konnte er nur sagen: Ich hab's recht machen wollen. Trotzdem stellte er sich nach Kriegsende sofort wieder zur Verfügung. Die konservative Bürgerpartei berief ihn zu ihrem örtlichen Vorsitzenden und entsandte ihn in den Gemeinderat, wo er einige Jahre mitarbeitete.

Letzte Zeit
Bei alledem war es für ihn ein harter Schlag, als er im Zuge des Personalabbaus 1923 zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurde. Mit damals 63 Jahren hätte er gerne noch weiter unterrichtet. So blieb ihm nun Zeit für die genealogische Arbeit, die er noch 10 Jahre lang tun konnte, mehr und mehr zurückgezogen in sein Studierzimmer. Nach einer schweren Krankheit, die ihm ein halbes Jahr zusetzte, ist er am 14. Januar 1933 gestorben. Der „geborene Systematiker des sammelnden und ordnenden Fleißes“ wurde er in einem Nachruf genannt. In diese Charakterisierung einstimmend, bemühen wir uns, das große Werk unseres Großvaters in seinem Sinne weiterzuführen.
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