Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Denkendorf und die Zellerfamilie

Vortrag von Herbert Leube auf dem Zellertag am 19. Oktober 1996 in Denkendorf, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands Nr. 25, 1996, S. 5-13
 
Bild Bild
 

                           Andreas Christoph Zeller (1684-1743)                                     Johann Albrecht Bengel (1686-1752)

Wir alle wissen, warum der Zellertag 1996 nach Denkendorf einberufen wurde: Einer der vier Zeller-Stämme, die sich auf vier Zeller-Brüder im 17. Jahrhundert gründen, ist der Denkendorfer Stamm. Er geht zurück auf Christoph Zeller, geboren 1605, gestorben 1669, 64 Jahre alt. Er stammte aus dem Pfarrhaus in Rotfelden im Schwarzwald, wo zwei Johannes Zeller, Vater und Sohn, 55 Jahre lang als Seelsorger tätig gewesen waren, bis der jüngere im 30-jährigen Krieg nach der Schlacht bei Nördlingen, die so viel Unheil ins Schwabenland gebracht hatte, 1635 mit seiner Frau an der Pest starb.


Christoph Zeller, Stammvater den Denkendorfer Linie
Christoph Zeller war nach dem Theologiestudium in Tübingen Pfarrer an verschiedenen Orten und wurde 1639 Dekan in Calw als Nachfolger seines Freundes Johann Valentin Andreä, der seinerseits ins Konsistorium nach Stuttgart berufen worden war. Schon sechs Jahre später wurde auch Zeller nach Stuttgart geholt, zunächst als provisorischer, 1649 als ordentlicher Hofprediger und Konsistorialrat. In diesen Jahren nach dem Kriegsende war es die Hauptaufgabe des Konsistoriums, in der württembergischen Kirche wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. 1652 wurde Christoph Zeller in Anwesenheit der herzoglichen Familie zum Theologischen Doktor promoviert. Anlass dazu war ein Religionsgespräch in Heidelberg mit kurpfälzischen Theologen, an dem Zeller teilnahm und das zu einer protestantischen Union mit Kurpfalz führen sollte. Diese Union kam allerdings nicht zustande. Schließlich erhielt Christoph Zeller als letztes seiner Ehrenämter 1658 die vielfach mit der Hofpredigerstelle verknüpfte Würde eines Propstes von Denkendorf. Damit verbunden war der Sitz im Engeren Landschaftsausschuss, in dem vier Prälaten festen Sitz und Stimme hatten. 1659 übernahm er auch noch anstelle des verstorbenen Melchior Nicolai die Amtsverwesung als Landpropst und hatte damit die Oberaufsicht über das gesamte Kirchenwesen in Württemberg.


Wenn wir noch heute einen Zeller-Stamm als den Denkendorfer kennzeichnen, ist uns bewusst, dass der Stammvater Christoph nie in Denkendorf gewohnt hat. Denkendorf hatte zu seiner Zeit keine Klosterschule. Nach dem 30 jährigen Krieg gab es zunächst in Württemberg nur zwei Klosterschulen: Blaubeuren und Bebenhausen, dazu seit 1656 Maulbronn, 1662 Hirsau. Christoph Zeller war lediglich in seiner Eigenschaft als Mitglied des Landschaftsausschusses designierter Propst von Denkendorf und hatte die Einkünfte aus dem Klostergut zu genießen.

Andreas Christoph Zeller (1684-1743)
Darum müssen wir bei der Betrachtung, was uns Zeller mit Denkendorf verbindet, unsern Blick vor allem auf Andreas Christoph Zeller, den Enkel von Christoph Zellers Bruder Johannes, richten. Johannes Zeller war Leiter der Maulbronner Klosterschule und Gründer des Maulbronner Zeller-Stammes. Sein Enkel Andreas Christoph, geboren 1684 in Maulbronn, starb 1743  59 Jahre alt in Tübingen; er wurde der Stammvater der Anhäuser Zeller-Linie. Andreas Christoph Zeller erhielt, nachdem er die Klosterschulen durchlaufen hatte, wie seine Vorväter und Verwandten eine Ausbildung zum Theologen in Tübingen und wurde nach einer dreijährigen Bildungsreise durch Norddeutschland und England 1709 Klosterpräzeptor in Bebenhausen.


Andreas Christoph Zeller hatte sich 1709 mit Justine Sophie Hoser (Urenkelin von Regine Burkhardt, der „Geistesmutter“) verlobt. Seine Braut starb aber schon im April 1710. Zeller widmete ihr einen Nachruf mit dem Titel „Der seine Braut dem sie abfordernden Seelenbräutigam in Gelassenheit übergebende Bräutigam“. Andreas Christoph Zeller heiratete dann schon im September desselben Jahres Anna Rosine Andler.

Inzwischen war durch den pfälzischen Erbfolgekrieg und die Invasion der Franzosen unter Melac von den Klosterschulen Hirsau 1691 zerstört worden, Maulbronn war nicht mehr zu halten. 1694 ließen die Franzosen ein verwüstetes und ausgesogenes Land zurück. Zunächst gelang es nur, Maulbronn und Bebenhausen soweit herzurichten und auszustatten, dass Klosterschüler einziehen konnten. Erst 1705 konnte man Blaubeuren wieder eröffnen. 1713 schließlich wurde der Bedarf für eine weitere Klosterschule dringend. Unter Adelberg, Königsbronn und Denkendorf wurde das letztere ausgewählt - es war leicht instand zu setzen -, um als vierte Klosterschule wieder Zöglinge aufzunehmen. Leiter der Denkendorfer Schule wurde der 74-jährige Hofprediger und Konsistorialrat Johann Friedrich Hochstetter (1640-1720). Den Titel Propst von Denkendorf hatte er - wie früher Christoph Zeller - schon vorher als Hofprediger. Als Klosterpräzeptoren wurden berufen unser Bebenhäuser Klosterpräzeptor Andreas Christoph Zeller und der damalige Stiftsrepetent Johann Albrecht Bengel (1686-1752).

Zwei Klosterpräzeptoren: Andreas Christoph Zeller und Johann Albrecht Bengel
Vom alten Propst Hochstetter waren keine umwälzenden Initiativen für die neu errichtete Klosterschule mehr zu erwarten. Er bat sogar wegen seines Alters, ihn vom Predigtamt zu befreien; so wurde er beauftragt, die beiden Präzeptoren als ministros ecclesiae zu investieren. Ganz anders die beiden Klosterpräzeptoren: Man kann sich vorstellen, mit welchem Feuereifer sich die beiden noch nicht 30 Jahre alten Präzeptoren an ihre Erziehungsaufgabe in Denkendorf machten.


Die beiden Präzeptoren-Kollegen kannten sich schon vom Studium in Tübingen her sehr gut. Sogar ein schriftliches Zeugnis dafür gibt es aus dem Jahr 1705, als unter dem Vorsitz von Zeller einige Kandidaten, die sich um den Magistergrad bewarben, gegen vier Magister, darunter Bengel, Thesen aus der Naturphilosophie und Mathematik verteidigten.

In Denkendorf fand Bengel in Zeller einen treuen und verständigen Amtsbruder, der „mit Gelehrsamkeit, Wachsamkeit und unermüdlicher Arbeit zu dienen willens“ (Bengel) war, und blieb mit ihm über dessen Denkendorfer Zeit hinaus verbunden. Bengel erzählte später im Nachruf auf Zeller, dass sie in regem Briefwechsel gestanden und der Freund ihm noch zwei Tage vor seinem Tod geschrieben habe, und sagt dabei, dass sie beide fühlten, was wahre Freundschaft sei. Es sei bei ihnen nichts geschminkt gewesen, und seit sie an einem Tag zu einem Amt gekommen, hätten sie sich redlich in die Aufgaben ihres Berufes geteilt, indem sie in wöchentlichem Wechsel des Dienstes in voller Eintracht zusammenwirkten und sich auch in Predigt, Katechese und Gebet um die ihnen anvertraute Schar bemühten. Ja, sie wussten sich in Liebe und Treue so verbunden, dass sie einander bei Tag und Nacht beisprangen und in ihren Amts- und Familiensorgen einer des anderen Last trug. Auf welchem Boden beide standen und in welchem Geist sie sich begegneten und ihr Amt führten, wird illustriert durch die Tatsache, dass beide während ihrer Studienreisen längere Zeit bei August Hermann Francke in Halle weilten, seine Lehrmethoden studierten und seine Auffassung eines innigen, sozial geprägten, tätigen Christentums teilten. Für Denkendorf war es übrigens ein ganz besonderes Fest, als Francke 1717 das Kloster besuchte. Es gibt eine minutiöse Beschreibung dieses denkwürdigen Tages. Auch Zinzendorf besuchte Bengel in Denkendorf 1733, als Zeller allerdings schon in Tübingen war.

Als auch Bengel 1714 in Johanna Regine Seeger eine Frau gefunden hatte, ist es natürlich, dass Zellers Frau Patin beim Erstgeborenen im Hause Bengel wurde. Das wiederholte sich, bis Zeller gesundheitshalber Denkendorf verließ. Es hatte sich um die Prälatur Anhausen beworben und sie 1729 erhalten mit dem Recht, in Tübingen zu wohnen und an der Universität zu lehren. Der Anhäuser Zeller-Zweig bezieht also seinen Namen lediglich vom Titel des Andreas Christoph Zeller, residiert hat er dort nicht.

Die Bedeutung Johann Albrecht Bengels
Hier ist es angebracht, einiges zu Johann Albrecht Bengel und seinem Einfluss auf die Ausbildung junger Theologen in Württemberg zu sagen. Bengel war - wie die Zeller-Familien - fest verwurzelt in der Tradition t des württembergischen Pfarrer- und Beamtenstandes, der sich zur Führungsschicht im Land entwickelte. So haben seine Gedanken, seine Art der Frömmigkeit bei vielen seiner Zeitgenossen regen Widerhall gefunden. Bengel hat sich nie der schwärmerischen Erweckungsbewegung der Separatisten, die sich von der Amtskirche lossagten, angeschlossen. Seine Richtschnur war stets das in der Bibel offenbarte Wort Gottes. Mit den führenden Männern der württembergischen Kirche, wie den Vertretern der Familie Hochstetter und Georg Bernhard Bilfinger, verstand er es, einen Ausgleich, eine Synthese zwischen pietistischer Frömmigkeit und den Ansprüchen der Amtskirche zu finden. Er hat so die eigentümliche Form des schwäbischen Pietismus mitgeprägt. Bengel „wurde dem ganzen Land zum Führer in der Vereinigung von lauterer kirchlicher Verkündigung und begründetem christlichem Gemeinschaftswillen“ (Hermann).

Johann Albrecht Bengel wurde 1687 in Winnenden geboren als Sohn von Pfarrer Albrecht Bengel und Barbara Schmiedlin aus Stuttgart. Der Vater war früher Klosterpräzeptor in Bebenhausen gewesen zu der Zeit, als dort Johann Konrad Zeller Prälat war. Schon 1693, mit sechs Jahren, verlor Bengel den Vater. Im selben Jahr wurde Winnenden von den Franzosen verbrannt. Bengel kam zu Präzeptor Spindler nach Marbach in die Lateinschule. Die Verhältnisse wurden dort schwierig, da auch Marbach abbrannte. Im Haus Spindler fanden damals schon Versammlungen der pietistischen Erweckungsbewegung statt. Mit Spindler zog Bengel 1696 um an die Lateinschule in Schorndorf, und als auch Spindler 1699 ans Stuttgarter Gymnasium versetzt wurde, nahm er Bengel mit, sicher schon als Hilfe bei der Betreuung seiner zahlreichen Kostgänger. In Stuttgart war Spindlers Haus ein Zentrum des pietistischen Separatismus. Doch Bengels nüchterne, schon damals biblisch begründete Einstellung hielt ihn davon ab, hineingezogen zu werden.

Am Stuttgarter Gymnasium war Rektor Johann Georg Essich, zugleich Pädagogarch unter der Steig (Schulaufsicht im nördlichen Landesteil). Er wurde als beispielhafter Erzieher gerühmt, und Bengel bezeugte später, er habe viel von ihm in der Behandlung der Jugend gelernt. Hier mag erwähnt werden: Die Tante Anna Maria Essich des Pädagogarchen war seit 1631 mit Johann Konrad Zeller, Abt in Bebenhausen, verheiratet.

Erst 16 Jahre alt, konnte Bengel das Gymnasium abschließen und ins Tübinger Stift eintreten. Hier führte ihn seine Zielstrebigkeit rasch vorwärts. Schon mit 17 Jahren wurde er 1704 Magister als Primus von 28 Kandidaten. Sein Hauptmentor war Andreas Adam Hochstetter. Dessen „besonnener, vermittelnder Haltung ist es zu verdanken, dass die pietistische Bewegung von der Kirche nicht bloß als Schwärmerei und Ketzerei abgetan wurde. Er erkannte darin einen Bußruf an die Kirche, ein gerechtes Gericht Gottes über sie, und warnte davor, zu verurteilen, was wesenhaft zum Glauben und Gehorsam gegenüber den Evangelien gehört“ (Hermann).

In Rekordzeit stellte sich Bengel 1706 dem Konsistorium zum theologischen Examen, arbeitete dann weiter wissenschaftlich, wurde Repetent am Stift, 1711 Vikar an der Tübinger Stiftskirche, dann in Stuttgart. 1713 wurde er, wie wir schon wissen, mit Zeller als Klosterpräzeptor nach Denkendorf berufen. Als Vorbereitung auf die neue Stelle konnte er eine wissenschaftliche Reise über Nürnberg und Jena nach Leipzig, Halle und Gießen antreten. Besonders nachhaltige Eindrücke erhielt er von dem relativ langen Aufenthalt im Waisenhaus in Halle bei August Hermann Francke. Seine 28 Jahre dauernde, besonders intensiv nachwirkende Zeit als Klosterpräzeptor in Denkendorf haben wir schon beleuchtet. Auch danach entfaltete Bengel im ganzen Land eine segensreiche Wirksamkeit, die allerdings durch die Ämter und Ehrenstellen, die er bekleidete, nicht gekennzeichnet ist. Bengel wurde von 1741 bis 1748 Propst in Herbrechtingen, zugleich fürstlicher Rat und Mitglied des Landtags, 1747 Mitglied des großen Landschaftsausschusses, 1748 in den engeren Ausschuss gewählt. 1749 wurde er als Konsistorialrat und Prälat von Alpirsbach mit Sitz in Stuttgart berufen. Ein Jahr vor seinem Tod wurde er schließlich noch mit der theologischen Doktorwürde bedacht.

Der große Einfluss, den Bengels Wirksamkeit auf viele Theologengenerationen ausübte, leitet sich aus verschiedenen Quellen her:

1) Bengel war ungewöhnlich lange Klosterpräzeptor, 28 Jahre von 1713 bis 1741. 12 Promotionen hat er herangebildet mit etwa 300 Studenten, alle im besonders empfänglichen Alter von 12 bis 15 Jahren.

2) Bengel vermittelte die alten Sprachen nicht als einen Sachunterricht. Über allem stand Gottes Wort. Alles stand unter dem Motto: Dic cur hic! Sage, warum du in dieser Welt lebst! Seine Antwort: „Zur Verkündigung von Gottes Liebe und seinem kommenden Reich.“ Durch seine Schüler wurde das Empfangene an eine ganze Generation von Seelsorgern weitergegeben. Sein Einblick in das Ganze des göttlichen Heilsgedankens wurde durch sie in Württemberg wirksam, als anderwärts durch die Aufklärung ein Ausverkauf biblischer Wahrheiten einsetzte.

3) Bengel blieb mit vielen seiner Schüler auch nach ihrem Weggang von Denkendorf in brieflicher und persönlicher Verbindung und gab seinen Rat in vielen Lebensfragen im Licht der christlichen Heilslehre.

Bekannte Namen unter seinen ihm besonders lieb gewordenen Zöglingen sind:

Ludwig Joseph Uhland, später Professor in Tübingen, Großvater des Dichters;

Johann Friedrich Flattich, der später so volkstümliche Pfarrer von Münchingen;

Philipp Friedrich Hiller, der als Sänger des Pietismus gepriesene Liederdichter;

Jeremias Friedrich Reuß, Hofprediger in Kopenhagen, Holsteinischer Bischof und später Kanzler der Universität Tübingen;

Friedrich Christoph Oetinger; er wäre fast Bengels Schwiegersohn geworden, er knüpfte nachmals in Herrnhut das Band zu Zinzendorf, kehrte später aber nach Württemberg zurück und starb als Prälat von Murrhardt.

Natürlich waren auch viele unserer Vorfahren und Verwandten Bengels Schüler in Denkendorf und haben seinen Geist weitergetragen. Von der großen Zahl nenne ich nur zwei, die auch den Namen Zeller tragen:

Christoph Friedrich Zeller (1705-1774, ZB § 39) besuchte die Klosterschule in Denkendorf von 1721 bis 1723. Er war 35 Jahre lang Pfarrer in Baiersbronn im Schwarzwald. Sein Sohn Ferdinand Friedrich (1748-1806) wurde 1780 Oberamtmann und Verwalter in Denkendorf. Bei ihm ging Johann Heinrich, Sohn des kurz zuvor verstorbenen Heinrich Hartmann Zeller, in die Schreiberlehre und hatte - wie HansUlrich Dapp in den Zellerblätter erzählt (NMZV 18, S. 9ff) - von dem „hitzigen Herrn Oberamtmann“ viel auszustehen.

• Der andere Zeller - Johann Christian (ZB § 460) - war Klosterschüler von 1735 bis 1737. Er war 34 Jahre lang bis zu seinem Tod Pfarrer in Neuenbürg. Johann Christian Zeller stammte aus dem Königsbronner Ast. Seine Zeller-Nachkommenschaft starb mit seinem Enkel Heinrich Albert Christian aus, der als Advokat in Heilbronn u.a. 1827 eine Sektfabrik gründete.

Bengels wissenschaftliches Lebenswerk
Bengels wissenschaftliches Lebenswerk muss man unter seinem Motto sehen: Durch Frömmigkeit zur wahren Bildung! Zwar sind von Bengel auch Ausgaben lateinischer und griechischer Schriftsteller für den Schulgebrauch herausgegeben worden. Sein lebenslanges Bemühen galt aber der Bibel, insbesondere dem Neuen Testament und seiner Interpretation. Das Lesen des Neuen Testaments im Griechischunterricht war für ihn die Krone seines Lehrauftrags. So arbeitete er jahrzehntelang an der Wiederherstellung des Urtextes. Es gelang ihm, über 30 bis dahin unbekannte Handschriften des Neuen Testaments oder von Teilen davon auszuwerten, und er schuf durch seine Arbeit die Grundlage für die moderne Textforschung. 1734 konnte die kritische Ausgabe des griechischen Textes mit umfangreichen Anmerkungen bei Cotta erscheinen.

Bengels zweiter Schritt ist der Gnomon, der „Fingerzeig“, eine Auslegung des Neuen Testaments, die 1742 erschien. Dabei war seine oberste Richtschnur die Verkündigung der Botschaft, d.h. der Leser muss heraushören, nicht hineinlesen. Der Gnomon soll nicht lehren, sondern aufspüren. So stellt Bengel die Bibel ins Zentrum seines Glaubens: die reine Schrift, nur die Schrift, alles in der Schrift, die ganze Schrift.


Schließlich sind auch Bengels apokalyptische Forschungen zu erwähnen. Grundlage dazu war sein Gedanke, Gott habe im Buch Daniel und in der Offenbarung des Johannes, allerdings verschlüsselt, seinen Plan für die göttliche Haushaltung in der Behandlung des menschlichen Geschlechts dargelegt. Seine uns heute sehr gewagt erscheinenden Berechnungen hatten zur Basis:

Zahl des Tieres                                                      666  6/9 Jahre
Zahl des Weibes in der Wüste                            777  7/9 Jahre
die wenige Zeit des Teufels                                888  8/9 Jahre
Herrschaft des Tieres = Papsttum seit 1073 od.1143 (Tod Papst Innozenz II)
1000 Jahre ist Satan gebunden
1000 Jahre regieren die Gerechten mit Christus.
Daraus errechnete Bengel nach der Relation 1 prophetischer Monat = 15 6/7 natürliche Jahre:
Gesamtweltdauer                                                                      7777 7/9 Jahre
bis zum Jahr 0 (Christi Geburt)                                               3943 Jahre
bis 1740, dem Jahr, in dem sein Buch „Erklärte
Offenbarung“ erschien:                                                             5682 Jahre
1830 steigt das Tier aus dem Abgrund, der Antichrist und die sieben Plagen kommen.
Am 18.6.1836 Erscheinen des Herrn.

Dass es anders kam, wissen wir alle.

Bengel als leiblicher Zeller-Ahn
Als Abschluss seien noch einige Bemerkungen angefügt, aus denen Ihr seht, wie Bengel auch ein leiblicher Vorfahre in unseren Familien ist.

• Garnisonsprediger Moser, der 1752 bis 1822 lebte, ist vor allem auf Ahnentafeln der Bebenhäuser-Sulzbacher Linie vertreten. Er hatte als zweite Frau Elisabeth Dorothea Burk, Tochter des Bengel Schwiegersohnes Philipp David Burk (Faber 25, 409).

• Eine Schwester dieses Philipp David Burk mit Namen Agnes Rosine (Faber 25, 413) war mit dem Waisenhausschullehrer Israel Hartmann verheiratet. Israel Hartmann, der wegen seiner Erziehungsmethoden mit vielen bedeutenden Leuten seiner Zeit in Verbindung stand, war der Großvater von Karl Friedrich Werner, einem der Schwiegersöhne von Christian Heinrich Zeller in Beuggen.

• Eine Urenkelin desselben Dekans Philipp David Burk mit Namen Auguste (1831-1888) heiratete in Milwaukee Albert Zeller (18331921), Pfarrer an verschiedenen Orten in den USA. Seine Nachkommen sind alle im neuen Zeller-Buch von Gerhard Zeller enthalten. Die Urenkelin Martha Adams ist mit der Familie Linderman heute beim Denkendorfer Zellertag unter uns.

• Bengels Tochter Johanna Rosine (1720-1788) heiratete 1737 den Esslingischen Rat Christian Gottlieb Williards (1712-1779). Deren Tochter Johanna Marie wurde mit Erhard Friedrich Weinland, Consulent in Esslingen, vermählt; die Enkelin Caroline heiratet 1804 Johann Peter Feuerbach, Staatsrat in Stuttgart. Nachkommen leben in der Familie Zeller-Roos.

Der Schwenk zu unserer eigenen genealogischen Beziehung zu Denkendorf und zu Bengel führt uns ins Heute zurück. Er gibt uns eine kleine Ahnung davon, wie wir alle im Geiste und auch leiblich zu einer großen Familie gehören.

(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben