Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Arzt und Patient:
Albert Zeller und Nikolaus Lenau

Von Bernhard Zeller, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach,
in: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 33, 2004, S. 10-20

Der Vortrag wurde am 15. November 2004 in Winnenden gehalten. Zwischen seinen Abschnitten erklangen Lieder nach Gedichten von Albert Zeller, Nikolaus Lenau und Justinus Kerner.
 
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                                    Emilie Reinbeck                                                                          Nikolaus Lenau ( -1850)

 

I. Albert Zeller

Nicht wenige der großen Dichter und Philosophen schwäbischer Herkunft haben im 18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen: Wieland und Schiller, Hegel und Schelling und für manche Jahre auch Hölderlin. Sie zogen nach Jena, nach Weimar, nach Berlin und Frankfurt. Sehr viel anders jedoch verhielt es sich mit den Poeten, die im 19. Jahrhundert die literarische Landschaft Schwabens belebten: Ludwig Uhland, Justinus Kerner und Gustav Schwab, Wilhelm Hauff und Karl Mayer, Gustav Pfizer, Hermann Kurz und Eduard Mörike. Sie blieben dem Lande treu, blieben seshaft; der dichterischen Berufung galt keine Ausschließlichkeit, die Poesie stand neben dem bürgerlichen Beruf.

Am Rande dieser Gruppe, ihr persönlich verbunden und ihr doch nicht im eigentlichen Sinne zugehörig, begegnen wir zwei Gestalten, die ein merkwürdiges Geschick für einige Jahre eng verbinden sollte, auf Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, den unsteten, schwermütigen Lyriker, der sich als Dichter Nikolaus Lenau nannte, und auf den Nervenarzt, den Seelsorger und Dichter Albert Zeller. Der eine entstammte österreichisch-ungarischen Landen, wurde 1802 in Csatád, dem heutigen Lenauheim in Rumänien geboren, der andere war Spross einer alten, seit dem 16. Jahrhundert im Württembergischen angesiedelten Familie, die zahlreiche Pfarrer, Ärzte und Juristen hervorgebracht hat, also zur Bildungsschicht dieses Landes gehörte - und beider Wege nun führten nach Winnenden, genauer, führten in Winnental zusammen.

Lenau kam erstmals im Sommer 1831 nach Württemberg, wurde, um strenge Zensurbestimmungen zu umgehen, für ein Dutzend Jahre heimisch unter den Poeten des Landes, wurde Autor des Cotta-Verlags, gefeiert von der Stuttgarter Gesellschaft, wurde zum Freunde von Kerner und Schwab, von Graf Alexander und Karl Mayer, wurde zum weit beachteten Stern am literarischen Himmel seiner Zeit.

Albert Zeller, der vor knapp einer Woche seinen 200. Geburtstag hätte begehen können, also Jahrgangsgenosse von Eduard Mörike war, praktizierte in diesem Jahr 1831 als junger Arzt in Stuttgart. Mörike, mit dem er in freundschaftlicher Verbindung stand, hat ihm das zur selben Zeit entstandene Gedicht „Jüngst ich in eines Kaufherrn Kram...“ gewidmet. Kurz danach wurde er, ausgewählt aus neun Bewerbern, nach Winnental berufen, um dort im einstigen Deutschordensschloß als leitender Arzt einer vom Staate neu gegründete Heilanstalt für Geisteskranke vorzustehen. 44 Jahre lang hat Albert Zeller die Irrenanstalt in Winnental geleitet, sich gleichsam mit ihr völlig identifiziert und die Anstalt zu hohem Ansehen geführt. 3.600 Patienten sind in diesen Jahren durch seine Hände gegangen. Er wurde schon 1853 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt, wurde durch seine ärztliche Kunst, wie dank der Integrität seiner Persönlichkeit hoch geehrt und von vielen verehrt. In der Nacht vor dem Heiligen Abend des Jahres 1877 ist er gestorben. Sein Sohn, Ernst Zeller, übernahm die Nachfolge.

Ernst Albert Zeller, der, wie die verschiedenen Gedenkfeiern dieser Tage und Wochen beweisen, in Winnenden wie innerhalb der Geschichte der Psychiatrie kein Unbekannter geblieben ist, wurde als Sohn Johann Friedrich Zellers, eines hohen juristischen Verwaltungsbeamten in Heilbronn geboren. War der Vater, ein homo politicus, mehr dem Geiste der Aufklärung zugewandt, so die Mutter, Johanna Regina, eine Frau tiefen religiösen Gemüts, dem empfindsamen Knaben mit besonders sorgender Liebe verbunden. Ihr Vater, aus dem bekannten Geschlecht der Andreä stammend, war Arzt gewesen, aber schon früh geistig erkrankt, was den jungen Ernst Albert tief beeindruckte und dazu beitrug, dass er sich schon in jungen Jahren dem ärztlichen Berufe als Lebensziel verschrieb. Dem anderen Menschen helfen zu wollen, wurde zum Lebensprinzip.

Der Reifeprüfung, abgelegt am Stuttgarter Gymnasium illustre, und einem kurzen Volontariat in einer Apotheke, folgte das Studium der Medizin in Tübingen, breit umfächert von Interessen für Literatur, Kunst, Geschichte und Philosophie.

Im Jahr 1826, mit 22 Jahren, beendete er sein Studium mit der Approbation, überwand eine schwere depressive Krise, einen ersten Schwermutsanfall, den er später die „Grenzscheide eines neuen Lebens“ bezeichnete, und gewann bei einer größeren Reise erste psychiatrische Erfahrungen, im besonderen in der ältesten deutschen Irrenanstalt, dem Sonnenstein in Pirna.

Bei dieser Reise lernte er auch seine spätere Frau kennen, Marie, eine Tochter des berühmten Verlegers und Buchhändlers Georg Andreas Reimer in Berlin. Friedrich Schleiermacher vollzog 1829 die Trauung; zehn Kinder gingen aus der glücklichen Ehe hervor, acht davon erreichten das Erwachsenenalter.

Aufsehen erregte die erste Publikation des jungen Arztes: „Das verschleierte Bild zu Sais oder die Wunder des Magnetismus. Eine Beleuchtung der Kerner'schen Seherin von Prevorst und ihrer Eröffnungen über das innere Leben des Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere. Von einem Freunde der Wahrheit“. (Leipzig 1830) Dabei handelt es sich um eine kritische Streitschrift, die sich gegen Justinus Kerner wandte und die Seherin nicht als eine Seherin mit übernatürlichen Kräften, sondern als einen geistig kranken Menschen darstellte, also gewissermaßen gegen die mit ihr beschworene „Geisterwelt“, die klare „Welt des Geistes“ stellte. Vielleicht trugen mystizistische Neigungen des eigenen Innern, wohl aber auch eine eindeutig religiöse sittliche Überzeugung dazu bei, diese rationalem Geiste verpflichtete Studie zu veröffentlichen. Sie hat Kerner tief gekränkt. Er wies die Kritik des Autors, dessen Intelligenz er anerkannte, in einem langen Briefe zurück und warf ihm vor, sich nicht persönlich mit ihm in Verbindung gesetzt zu haben.

Zellers scharfsichtige Untersuchung, zwar anonym erschienen, doch in ihrer Verfasserschaft rasch durchschaut, trug mit dazu bei, dass ihm trotz seiner jungen Jahre die Direktion der Winnentaler Anstalt übertragen wurde. Wie wichtig der württembergischen Regierung diese Neugründung war, beweist die Tatsache, dass Dr. Zeller vor Antritt seines Amtes beauftragt wurde, eine Reihe großer Irrenanstalten Europas zu besuchen, und auf diese Weise in England, Schottland, Frankreich und Böhmen viele, z.T. auch erschreckende Erfahrungen gewann. In einem umfangreichen, sehr interessanten Reisetagebuch, das heute noch in der Familie verwahrt, aber nun von Gerhard Zeller für eine Edition vorbereitet wird, hat er diese Eindrücke teils in englischer, französischer und lateinischer Sprache festgehalten.

Am 3. August 1833 zog Albert Zeller mit seiner Familie in Winnental ein; am 1. März 1834 wurde die Heilanstalt offiziell eröffnet. Sie entwickelte sich unter Zellers klarer und konsequenter Leitung und seinem nie ermattenden Einsatz rasch zu einer bedeutenden und angesehenen Irrenanstalt, einem Klinikum für Geisteskranke, dem die Patienten von nahe und ferne zugeführt wurden.

II. Nikolaus Lenau

Für Nikolaus Lenau wurde Stuttgart nicht nur eine verlegerische Heimat, sondern auch eine Stätte der Freundschaft und vielfacher Zuwendung. Er war zu Gast, zunächst bei Gustav Schwab, wohnte später im Hause der Familie Reinbeck, ja hatte dort ständiges Wohnrecht. Emilie Reinbeck, eine begabte Malerin, wurde ihm zur mütterlichen Freundin. Schon wenige Wochen nach seiner Ankunft schrieb Lenau an seinen Schwager Anton Schurz nach Wien (5.Oktober 31): „Ich habe eine poetische Wallfahrt gemacht zu Uhland, Maier, Justinus Kerner ... mein ganzes Leben war ein höchst poetisches. Die lebhafteste Teilnahme, die feurigste Ermunterung wurde mir zuteil. In drei Monaten ist man hier mehr bekannt als zu Wien in drei Jahren...

Das zunächst in Heidelberg fortgesetzte Medizinstudium wurde abgebrochen, um eine Amerikareise zu unternehmen. Das Land der Freiheit und der Demokratie lockte den Dichter, außerdem ließ er sich einreden, dass man durch Grundstücksspekulationen schnell zu Reichtümern käme. Aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde für ihn zu einer herben Enttäuschung. Den Anstrengungen war er nicht gewachsen, praktische Begabung besaß er nicht. Abrupt wurde das Unternehmen abgebrochen. Schon im Juli 1832 ist Lenau wieder in Württemberg. Auch in den folgenden Jahren weilt er häufig in Stuttgart, oft für mehrere Monate.

Zu dem Gedichtwerk, das in vermehrten weiteren Auflagen erschien und durch die Kunst seiner Sprache und die Musikalität seiner Verse faszinierte, daher auch vielfach vertont wurde, traten epische Dichtungen, große Versepen, so ein „Faust“, dann „Savonarola“, die „Albigenser“ und zuletzt ein „Don Juan“.

Trotz der verlegerischen Beziehungen zu Cotta fragt man nach den Gründen, die Lenau immer wieder nach Stuttgart geführt haben und fragt zum andern, warum sich die schwäbischen Literaten so ungewöhnlich schnell diesem österreichisch-ungarischen Dichter öffneten, sich ihm anfreundeten, ihm gleichsam verfielen. Die Ursachen wie die Antworten sind nicht eindeutig, aber in Lenau erlebten die Württemberger den Poeten schlechthin, die poetische Existenz als solche. Er verkörperte, was sie sich unter einer freien, unabhängigen Schriftstellerexistenz vorstellten. Sie dichteten zwar auch - in heiterer Regsamkeit und nicht ganz umsonst von Heinrich Heine verspottet -, durchaus aber neben einem Brotberuf. Sie waren Lehrer, Professoren, Redakteure oder Amtsrichter, ihre Dichtung war Feierabendarbeit, war ein auf das Erreichbare in freier Selbstbeschränkung ausgerichtetes Tun. Lenau aber war Dichter und nichts als Dichter. Er war sich der Sendung, zum Dichter berufen zu sein, voll bewusst und verhielt sich danach. So erklärte er einmal, damit sein lyrisches Ich, mit seiner subjektiven Individualität gleichsetzend,: „Ich glaube, die Poesie bin ich selber; mein Selbst ist die Poesie“.

Dazu kam, dass auch Gestalt, Gemüt und Temperament dem entsprachen, was man von einem Dichter erwartete, was seiner Rollenfunktion gemäß war. Schlank war die äußere Erscheinung mit dem Flair reiterlicher Puszta-Exotik, bleich die Farbe des Gesichts, dunkel das Haar, der Bart und gar das dunkelbraune Auge - es war, wie Graf Auersberg schwärmte, „voll Geist und Sinn, oft in unheimlichem Feuer rollend, oft voll Weichheit und Schmelz; dieses Auge übte eine Gewalt, der man sich nicht zu entziehen vermochte“.

Lenau war von hoher Musikalität; war nervös, sensibel und reizbar. Er spielte Geige und spielte Gitarre, rezitierte mit wohlklingender Stimme eigene, las fremde Gedichte und verstand die Kunst der Improvisation mit Worten und Tönen. Melancholie konnte die Züge verdichten, Weltschmerz war zeitgemäß, aber die Zerrissenheit sprang, wie Kerner berichtete, zuweilen in hektisch ausgelassene Lustigkeit über, konnte sich in ungeheures Gelächter lösen. So bezauberte er als Dichter wie als Mensch seine Umwelt, die so anders geartete, ihm entgegengesetzte württembergische Welt, die auf Tüchtigkeit, auf Fleiß, auf nüchterne Frömmigkeit und brave Moral begründet war.

Lenau war für dieses zunächst so unerwartete Echo allgemeiner Bewunderung und offener Herzlichkeit nicht unempfindlich. Zur Freundschaft begabt, wurde er vielen Freund; die Intensität dieser Bündnisse spiegelt sich in den Briefen.

Württemberg wurde ihm zu einer zweiten Heimat und das Pendeln zwischen Wien und Stuttgart entsprach gleichsam innerer Notwendigkeit. „Ich bin ein unstäter Mensch auf Erden“, hat er schon vor seiner Reise nach Stuttgart einmal gesagt. Dem Ruhelosen und innerlich Zerrissenen bot sich hier ein notwendiger Gegenpol, eine Art Gegenwelt, in der er Sicherheit, Vertrauen und selbstgenügsame Solidität und Zuhörer fand und vor allem auch die Geborgenheit einer Familie.

Enge persönliche Freundschaft verband ihn besonders mit dem Waiblinger Amtsrichter Karl Mayer, mit Graf Alexander von Württemberg in Esslingen und Serach und dann vor allem mit Justinus Kerner, dem originellsten im Kreise dieser Schwabenköpfe, dem einzigen, der sein Romantikertum nicht auf der Universität zurückgelassen hatte. Die Freundschaft galt dem Dichter Kerner, den er über Uhland stellte, dem Arzt und dem Menschen Kerner, dem genialischen, skurrilen Manne mit der „unergründlichen Seelengüte“. „Oh Kerner, Kerner ... helfen Sie mir von dieser Schwermut, die sich nicht wegscherzen, nicht wegpredigen, nicht wegfluchen lässt! Mir wird oft so schwer, als ob ich einen Toten in mit herumtrüge. Helfen Sie mir, mein Freund! Die Seele hat auch ihre Sehnen, die, einmal zerschnitten, nie wieder ganz werden. Mir ist, als wäre etwas in mir gerissen, zerschnitten, hilf Kerner“, so lesen wir schon in einem frühen Brief.

Kerner hat mit den Augen eines sicheren Diagnostikers wohl als einer der Ersten die Keime der Krankheit erkannt, die so viele Begabungen zerstören sollten und die mit Sicherheit venerischer Art waren.

Im Sommer 1844 bot Georg von Cotta Lenau für sein Gesamtwerk und für sein künftiges Schaffen einen Generalvertrag an, der seine Zukunft finanziell absicherte. Und in demselben Sommer hatte sich Lenau bei einem Aufenthalt in Baden-Baden in Marie Behrends, die Tochter eines Frankfurter Bürgermeisters verliebt. Nach kurzer Verlobungszeit wurde die Hochzeit, die zwar von Wiener Seite aus nicht gern gesehen wurde, auf den Oktober des Jahres 1844 festgelegt. Da trifft den 42-Jährigen im Hause Reinbecks während einer Mahlzeit ein Schlaganfall. Tobsuchtsanfälle sollten folgen. Der Ausbruch einer Geisteskrankheit deutet sich an. Sie kam nicht plötzlich aus völlig heiterem Himmel. Mit Melancholie, Schwermutsanfällen und Depressionen hatte Lenau immer wieder zu kämpfen und dies beweist auch ein Bericht von Berthold Auerbach, dem Dichter der Schwarzwaldgeschichten, der in einem Vortrag „Erinnerung und Betrachtung“ davon erzählt. Er hatte Lenau in Baden-Baden im Sommer 1844 getroffen und schreibt: „Nie werde ich den Ton vergessen, mit dem Lenau nach der Heimkehr von der Brautfahrt zu mir sagte: „Brüderl! Das Licht geht aus!“ Er saß in sich zusammengekauert, hatte die beiden Hände zwischen die Knie gepreßt und sagte: „Das Licht geht aus!“

Schlaflose Nächte, Tobsuchtsanfälle folgen. In den Nächten verbrennt er Manuskripte und Briefe, und in einem Schreiben von Justinus Kerner an Johann Friedrich Meyer vom 26. Oktober 1844 lesen wir: „...es fing mit Tiefsinn an, und wandelte sich schnell in Tobsucht, wo er aus dem Fenster bei Nacht unangekleidet sprang und „Freiheit! Aufruhr! Feuer!“ schrie. Er wird den Hausgenossen gefährlich, wird aggressiv und versucht, sich selbst umzubringen. Die Familie Reinbeck und die schwäbischen Freunde versuchen das Äußerste. Die Ärzte, Karl Eberhard von Schelling, der Bruder des Philosophen, und dann Dr. Wilhelm Friedrich Ludwig werden gerufen. Doch alle Mittel versagen und als sich die Anfälle wiederholen, wird Dr. Albert Zeller aus Winnental zur Konsultation beigezogen. Nach eingehender ärztlicher Beratung kommt man schließlich zu dem Beschluß, Lenau in ( eine Heilanstalt zu verbringen. Mit einer Zwangsjacke bekleidet wird er am 'l 22. Oktober 1844 nach Winnental gebracht.

„s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte,
das Leben ist ein vielbesagtes Wandern,
ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern
und unterwegs verlieren wir die Kräfte.

Ja, könnte man zum letzten Friedensziele
noch als derselbe frohe Bursche kommen,
wie man den ersten Anlauf einst genommen,
so möchte man noch laufen zu dem Spiele.

(Nikolaus Lenaus letztes Gedicht (Winnenthal 1844) überliefert von Justinus Kerner)

III. Lenau in Winnenthal

Von Oktober 1844 bis Mai 1847 befindet sich Lenau in der Heilanstalt Winnental, ist er Patient von Dr. Albert Zeller. Seine Krankengeschichte wird durch eigenhändige Aufzeichnungen, von denen sich Teile erhalten haben, durch Berichte des Arztes, vor allem durch seine Briefe an die Familie Reinbeck und dann auch durch Schilderungen von Besuchern, wenn nicht voll dokumentiert, so doch sehr erhellt. (Sie finden sich z.T. zusammengestellt in der Lenau-Chronik, einem Ergänzungsband in der historisch-kritischen Ausgabe.)

Diese natürlich sehr verschiedenartigen Berichte spiegeln auch die Behandlungsmethoden und Therapien Dr. Zellers. Ihm waren Irresein und Wahnsinn, in welcher Form sie auch zum Ausdruck kommen, Krankheitssymptome, die den ganzen Körper erfassen und so auch behandelt werden müssen. Er vertrat eine ganzheitliche Behandlungsweise, sah die leibliche und geistige Konstitution seiner Patienten als ein Ineinanderwirken von Geist, Körper und Seele. Geisteskrankheiten wurden als körperlich bedingte und organische Prozesse verstanden und nach den Anschauungen der Zeit als Melancholie, Tobsucht, Verrücktheit und Blödsinn differenziert.

Mit gütiger Zuwendung und unendlicher Geduld ging Zeller auf die sehr wechselnden Zustände Lenaus ein, seine Anfälle und passive Phasen, seine Apathien und wilden Ausbrüche und seine lichten Momente, in denen er voll ansprechbar war. Wichtig war für Zeller stets das Vertrauen seines Patienten zu erhalten.

Immer wieder äußerte er Hoffnung und betont in langen Briefen an Emilie Reinbeck, dass er mit Lenau gute, beruhigende Gespräche geführt habe und während ausgedehnter Spaziergänge auf ihn einzugehen und einzuwirken versuche.

Die Freunde kommen, besuchen ihn: Uhland, Gustav Pfizer, Schwab, Kerner, Graf Alexander; meist bleibt er stumm, doch es wird erzählt, dass er am Morgen nach einem Besuchstag plötzlich ausgerufen haben soll: „Mein Uhland war hier.“ Ein großer Mantel, Geschenk von Graf Alexander, bedeckte sein Bett. Immer wieder griff er zu seiner Geige - nicht allerdings zur Gitarre -, um darauf zu spielen. Von Wilhelm I., dem württembergischen König, der zusammen mit der Königin die Anstalt einmal besuchte, wird erzählt, dass er von Lenaus Spiel, es von einem Nebenzimmer aus eine Stunde lang belauschend, tief beeindruckt gewesen sei.

Zellers Behandlungsmethoden, stets den ganzen Menschen erfassend, zeigten fortgeschrittene Formen der psychiatrischen Therapie. Er wanderte, turnte, tanzte mit seinen Patienten, trieb im modernen Sinne Gruppentherapie, veranstaltete Feste mit Aufführungen, Konzerte und Vorträge, ermunterte zu körperlicher, zu handwerklicher Beschäftigung aller Art und versuchte, auf jeden einzelnen Patienten in spezieller Art einzugehen. Bei nicht wenigen der Patienten stellten sich Heilerfolge ein, viele konnten gesund entlassen werden.

Dass Zeller Jahrzehnte hindurch den ungeheuren Anforderungen seines Berufs standhalten konnte, verdankte er seinem sozialen Gewissen und vor allem seiner tiefen Religiosität, die in einer festen christlichen Gläubigkeit begründet und dem Geiste des Pietismus verpflichtet war. Aus christlichem Hause stammend, und im besonderen von seiner Mutter beeinflusst, hat er seine christliche Überzeugung nie verleugnet, sondern sie mit allen Kräften seines Geistes und seines Gemütes vertreten, stets war er Arzt und Seelsorger zugleich. Diese klare, eindeutige und in sich gefestigte Gläubigkeit, die ihm innere Kräfte und eine höhere Heiterkeit verlieh, kommt vor allem auch in den vielen Gedichten zum Ausdruck, die er seit frühen Jahren geschrieben hat und die in dem Bande „Lieder des Leids“, bei Georg Reimer veröffentlicht wurden. 167 Gedichte in wechselnden Formen, aber in der lyrischen Tradition seiner Zeit verwurzelt, umfasst der Band, der 1899 in 8. Auflage erschien und damit seine weite Wertschätzung und Beliebtheit bewies. Einige der Gedichte wurden auch in das evangelische Gesangbuch übernommen.

Zu größeren Publikationen fehlte dem Vielbeschäftigten die Zeit und nur wenige Aufsätze und Anstaltsberichte liegen vor; ungeschrieben blieb auch das Buch, das er „Über die Gewissheit der Fortdauer der Seele nach dem Tode“ verfassen wollte.

Lenaus Krankheitszustand, zwar immer wieder zu Hoffnungen Anlass gebend, erwies sich auf die Dauer als unheilbar. Die Verdüsterungen verbreiterten sich. 1846 starb Emilie Reinbeck, die so lange die sorgende Hand über ihn gehalten hatte. Anton Schurz, der Schwager, holte schließlich den Kranken zurück nach Wien und verbrachte in ihm Mai 1847 in die Irrenanstalt Oberdöbling bei Wien. Dort ist Lenau am 22. August 1850 gestorben; auf dem Friedhof von Weidling bei Klosterneuburg wurde er bestattet.

Das Leben von Dr. Zeller erfuhr durch den frühen Tod seiner Frau im Jahre 1847 - zwei Jahre zählte das jüngste Kind - eine schwere Erschütterung. Nur seine christliche Gläubigkeit gab ihm die Kräfte, gegen die eigenen Depressionen anzukämpfen und die Schwermut und Melancholie in sich selbst zu überwinden. Das Geheimnis seines Erfolges als Arzt war seine charismatische Persönlichkeit. Seine bleibenden Verdienste beruhen weniger auf wissenschaftlichen Arbeiten und neuen psychiatrischen Erkenntnissen als auf seiner Tätigkeit als Anstaltsarzt. Dass er ein vielseitig, lebendiges, offenes Anstaltswesen geschaffen habe, ja „reinster Vertreter der Anstaltsklassik“ gewesen sei, wurde von Nervenärzten späterer Zeit zurecht betont. Unerschüttert bis zuletzt blieb seine Arbeitskraft. „Lasset uns wirken solange es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Mit diesen biblischen Worten hatte Albert Zeller einst seine Schrift über das verschleierte Bild von Sais beendet. Er hat ein Leben lang danach gehandelt; tätig bis zuletzt. Im Alter von 73 Jahren ist er 1877 gestorben. Auf dem Friedhof in Winnenden befindet sich sein Grab.
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