Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Eugen Zeller (1893-1914)
- Frühes Opfer des Ersten Weltkriegs -

Von Gerhard Zeller, in: Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 19, Stuttgart 2007, S. 49-64
 
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                                              Eugen Zeller 1914                                                               Feldpostkarte von Martin Schüz
                                                                                                                                     an seine Frau Margarete geb. Staib 1915
 

Jugend in Backnang
Geboren wurde Eugen Zeller am 16. August 1893 in Backnang als zweites von sieben Kindern. Er besuchte das Gymnasium in Cannstatt, da man damals in Backnang die Abiturprüfung noch nicht ablegen konnte. Zusammen mit seinem Vetter Heiner Zeller aus Enzweihingen wohnte er bei Sophie Zeller, die eine Pension für Schüler und Studenten führte.

Hier begegnet mir sein Name zum ersten Mal in gedruckter Form auf dem Programm der Abiturfeier am 22. Juli 1911. Nach einem Orchesterstück (Mendelssohns Kriegsmarsch der Priester aus Athalia), vielen Gedichten, Vortrag aus Schillers Wallenstein, Piccolomini, steht da, vor der Preisverteilung und der Ansprache des Rektors, als sechster Programmpunkt: „Rede des Abiturienten Eugen Zeller“. Eine Auszeichnung gewiss, nicht jeder aus einem Abiturjahrgang darf diese Rede halten. Sie ist uns leider nicht erhalten. Es wäre spannend gewesen zu erfahren, was den Abiturienten bewegte.

Selten öffnet sich Eugen wie etwa seinem Klassenkameraden und Vetter Heiner. Zu ihm hatte er ein enges, weit über die übliche Verwandtschaftsbeziehung hinausgehendes freundschaftliches Verhältnis. In einem Brief an ihn gewährt er einen verhaltenen Einblick in seine Gefühle. Rückblickend auf eine Kunstfahrt nach München schreibt er: „Als wir den Ulmer Bahnhof verlassen hatten, sahen wir noch geschwind das Münster, das von den Lichtern der Stadt ein klein wenig beleuchtet war. Ich blieb nun längere Zeit am Fenster stehen und betrachtete die immer wechselnde nächste Umgebung des Geleises, die durch das Licht des vorbeibrausenden Zuges ein wenig beleuchtet wurde.

Wenn man nun so in die Nacht hinausstiert, kommen einem allerhand Gedanken über einzelne Menschen wie über die Menschheit. Man sieht, wie der Zug dahinbraust über die bezwungene Natur, und ist stolz darauf, wie weit es die Menschheit gebracht hat. Blickt man dann in die Höhe, so sieht man die funkelnden Sterne, die einem zeigen können, was ein Mensch ist, wenn man bedenkt, dass die Erde im Verhältnis zu ihnen ein verschwindend kleiner Punkt ist und vollends dann ein Menschlein auf dieser Erde. Doch genug davon. [ O wie herbe ist das Scheiden. [...] Ferner gefiel mir ein offenbar in melancholische Träumereien versunkenes wunderschönes Mädchen. Mit entblößter Brust sitzt sie auf einem Stuhl in der Nähe ihres Bettes. Träumerisch schaut sie auf den Boden, und die ganze Umgebung stimmt zu der Gestalt. Nur wenig Licht fällt von der Seite jedenfalls durch ein Kerzenlicht auf die Gestalt und hauptsächlich auf das Gesicht und erhöht damit noch die Schönheit der Gestalt. So ein Bild ist doch tausendmal schöner als die Mona Lisa. [...] Dass ich verliebt sein kann, hab ich leider zur Genüge erfahren, schon in Cannstatt, obwohl du mich anfangs für völlig apathisch hieltest. Allerdings wäre ich froh, ich könnte es sein, und doch haben derartige Gedanken etwas Süßes, wenn auch Bittersüßes, es ist eben in meinem Wesen ein gewisser melancholischer Zug, der sich auch in meiner Vorliebe für tiefsinnige, manchmal trübsinnige Bilder zeigt. Doch brauchst Du mich nicht für einen armen Melancholiker halten, im Gegenteil, nur der, der den Ernst des Lebens in Wahrheit erfasst, kann richtig fröhlich und vergnügt sein, was ich auch wirklich bin, mehr als in Cannstatt, denn wenn mir auch nicht die nunmehrige Freiheit in den Kopf steigt, so fühle ich mich doch viel wohler als in der Schule.

Volontär bei Voith in Heidenheim
Im August 1911 beginnt Eugen ein Praktikum als Volontär bei der Firma Voith in Heidenheim, als Vorbereitung auf das geplante Maschinenbaustudium. Eugen ist überwältigt von der Größe der Fabrikhallen und fasziniert von den gewaltigen Turbinen, die dort hergestellt werden. Ein gewisser Stolz ist zu spüren, dass er an einem derartigen technischen Wunderwerk mitarbeiten darf. Er schreibt:

„Von meinem Fenster aus sehe ich die Voith’sche Fabrik, zwar nicht den Bau, in dem ich arbeite. Während die übrigen Arbeiter schon um 6 Uhr morgens anfangen, kommen wir Volontäre erst um 7 Uhr. Ich stehe etwa um ½ 7 Uhr auf. Gegen ¾ 7 Uhr erhalte ich meinen Kaffee u. zwar so viel, dass es gut zwei Schüsseln reicht. Dann gehe ich ins Geschäft.

Gleich beim Eingang sind große Tafeln, an denen lauter Nummern hängen, die etwa die Größe eines Markstückes haben. Jeder Arbeiter hat seine Nummer. Meine ist 1955. Wenn ich nun hereinkomme, so muss ich meine Nummer wegnehmen und in eine Art Opferstock hineinwerfen. Ist jemand krank, so wird über seine Nummer ein Plättchen gehängt mit einem K, wenn er in Urlaub ist, ein B, und wenn er auf Montage fort ist, ein M. Kommt man um 12 Uhr wieder aus dem Geschäft, so muss man wieder seine Nummer einwerfen. Während die, die man beim Kommen hineinwirft, auf Messingblech gedruckt ist, ist die, die man beim Fortgehen hineinwirft, aus Zinkblech. Diese letztere hängt auch an einer anderen Tafel. Nachmittags geht es wieder so. Wenn ich nun in der Fabrik bin, gehe ich zuerst in den Ankleide- bzw. Waschraum der Volontäre, wo jeder seinen Kasten hat, in dem er seine blauen Kleider lässt oder während der Arbeit die gewöhnlichen Kleider. Von dort aus gehe ich durch eine mächtige Halle, die wieder in zwei Hallen zerfällt. In der einen werden Papiermaschinen gemacht und in der anderen Turbinen. Am einen Ende der Turbinenhalle muss ich zwei Stiegen hoch hinauf. Dort oben sind die Lehrlinge. Ich habe meinen eigenen Platz (Nro 46) mit einem Schraubstock und zwei Schubladen, in denen allerlei Werkzeuge sind. Neben mir ist noch ein Volontär, der mit mir eingetreten ist. Es ist der Monsieur Knodel aus Ludwigsburg. Wirklich müssen wir beide mit Zirkel, Feile und Winkelmaß einen regulären Würfel machen, was nicht gerade leicht ist, weil man am Anfang gewöhnlich so feilt, dass die Flächen des Würfels in der Mitte eine gewisse Erhöhung haben. Zu diesem Würfel brauchen wir aber auch einige Tage, bis der Meister einsieht, dass man ihn doch nicht besser hinbringt, und ihn dann stecken lässt.

Von unserem Platz oben sieht man über die ganze Turbinenhalle weg, über der auf beiden Seiten zwei mächtige elektrische Laufkranen etwa in unserer Höhe sich bewegen. Jeder hat eine Tragkraft von 20.000 kg. In der Mitte der Halle stehen wirklich drei riesige Turbinen, an denen fest gehämmert und geklopft wird. Eine solche ist mehrere Meter hoch.

Außer den vorher genannten Kranen sind an der Schmalseite der Halle, die uns gegenüberliegt, zwei andere Kranen, die fortwährend die fertigen Stücke in Eisenbahnwagen verladen, die von einer kleinen Maschine bis in die Halle hereingeführt werden. Täglich werden etwa 6-7 Eisenbahnwagen geladen und auf einem besonderen Industriegeleise auf den Bahnhof befördert.

In der Voith’schen Fabrik sind die größten Papiermaschinen von Europa gemacht worden und ebenso auch die größten Turbinen. 4 Turbinen von je 12.000 PS arbeiten an den Niagarafällen. Voith beschäftigt über 1100 Arbeiter. Gegenwärtig sind sie scheint’s dran, neben ihrer Filiale in Niederösterreich eine solche in Amerika zu gründen, weshalb ein Sohn von Voith wirklich in Amerika ist. Das Gesamtareal der Fabrik umfasst 240.000 qm, und die obengenannte Halle hat einen überdeckten Raum von über 10.000 qm. Voith beschäftigte anfangs nur 5 Arbeiter, von denen einer noch jetzt im Geschäft ist.“

Als Einjährig-Freiwilliger in Ulm
Genau ein Jahr, vom 1. Oktober 1912 bis zum 30. September 1913 dauert Eugen Zellers Militärzeit bei der 3. Kompagnie des württembergischen Pionierbataillons Nr. 13 in Ulm. Bei den Pionieren erhält er wohl eine Ausbildung, die ihm dem Umgang mit technischem Gerät ermöglicht und die weniger stumpfsinnig ist, als eine einfache Infanterieausbildung.

Er scheint gut zurechtgekommen zu sein, nie hört man eine Klage, auch dann nicht, wenn er hart gefordert wird: „Am Mittwoch waren wir auf dem Schießstand im Lehrer Tal und mussten die Vorübung [absolvieren]: stehend freihändig schießen, was eine ziemlich heikle Sache ist. Glücklicherweise erfüllte ich die Bedingungen und brachte 27 Ringe zusammen, 7, 11 u. 9. Im allgemeinen wurde an diesem Tag sehr schlecht geschossen, weshalb der Dienst in nächster Zeit wenig angenehm sein wird. - Heute, Samstag, war eine größere Übung mehrerer Regimenter, wozu auch das Pionierbataillon einen Teil seiner Mannschaften schickte. Wir marschierten heute morgen um ¼ 6 Uhr in der Kaserne ab ins Blaubeurer Tal. Unser Marsch ging über Söflingen, Ermingen, Harthausen nach Markbronn, wo wir längere Zeit rasteten. Dies war jedoch ein kaltes Vergnügen, weil man auf dem Marsch ordentlich geschwitzt hatte, und nun, nachdem man den Tornister abgeschnallt hatte, war es besonders im Rücken etwas kalt, denn es hatte doch einige Grade unter Null. Endlich gings dann weiter, in der Richtung auf Arnegg. Vor dem Wald bildeten wir dann eine Schützenlinie, und nun gings in Marsch-Marsch über eine längere freie Strecke weg ins Dorf. Dort mussten wir Schnellbrücken, die wir tags zuvor hergerichtet hatten und die nun mit Wagen dorthin transportiert worden waren, zusammensetzen, worauf sie an die Blau getragen wurden, um unsere Partei überzusetzen. Schnellbrücken sind ganz leichte Brücken aus Holzstangen, die durch Schwimmkörper getragen werden. Die Schwimmkörper sind Zeltbahnen, die mit Stroh ausgestopft sind, oder Fässer. Nachdem dann die Infanterie drüben war, konnten wir unseren Kram wieder auseinander machen und abrücken. Gegen 3 Uhr kamen wir dann wieder in die Kaserne nach unserem Marsch von insgesamt 30 km, was für einen feldmarschmäßigen Soldaten schon genügt. Deshalb bin ich jetzt ziemlich müde und werde nun gleich ins Bett gehen.“

Im Führungszeugnis am Ende des Wehrdienstes wird ihm bescheinigt, dass er „gedient“ habe und sich während der Dienstzeit „sehr gut geführt“ habe, dass weder „gerichtliche Strafen“ noch „Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“ gegen ihn verhängt worden seien. Übrigens: Obwohl man seit 40 Jahren im deutschen Kaiserreich lebt, schreibt Eugen nicht davon, dass er „des Kaisers Rock“ getragen habe, sondern „des Königs Rock“, was ein bezeichnendes Licht auf das besondere Nationalgefühl der Württemberger im Kaiserreich wirft.

Maschinenbaustudium in Stuttgart – Burschenschaft Hilaritas
Wahrscheinlich hat Eugen bereits im Wintersemester 1913/14 mit dem Maschinenbaustudium begonnen, ein Studentenausweis der TH Stuttgart ist aber nur für das folgende Sommersemester 1914 erhalten. Wie er den Studienbeginn erlebt, welche Vorlesungen er belegt und welche Professoren er gehört hat – darüber gibt es leider keine Quellen, wohl aber über sein Verbindungsleben. Eugen wird Fux in der farbentragenden und schlagenden Burschenschaft „Hilaritas“. Diese war 1873 am Polytechnikum Stuttgart gegründet worden und besaß seit 1904 ein eigenes Verbindungshaus in Stuttgart. Eugen verfasste eine Reihe amüsanter Kneippzeitungen, z.B.: „Der Fux“ – „Etliche Lehren für den Damenspuz“ – „Der Schlagermops“ (Bericht über eine Mensur) – „Die Fakultäten“ – „Die Hauskapelle“ – „D’alte Deutsche“ – „Der Wintersport“ (Flirten beim Eislauf). Es würde zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Jedenfalls aber scheint er sich in diesem Männerbund recht wohl gefühlt zu haben. In seinen Gedichten gibt er sich schlagfertig, witzig und reimt drauf los, was das Zeug hält.

In den Semesterferien im März und April 1914 wird Eugen zu einer achtwöchigen Reserveübung nach Münsingen und Ulm eingezogen. Damit ist er Vize-Feldwebel und hat nun die Aussicht, bei einer erneuten Einberufung rasch zum Leutnant der Reserve befördert zu werden. Von dieser Wehrübung gibt es mehrere Briefe, aber leider keinen einzigen über das Sommersemester 1914 in Stuttgart – die Zeit, in der das Deutsche Reich auf den Großen Krieg zutrieb.

Der erste Weltkrieg
Am 5. August 1914, also vier Tage nach Kriegsausbruch, wird Eugen nach Ulm eingezogen. Als Feldwebel wird er eingeteilt zur Ausbildung der Kriegsfreiwilligen. Es ist viel über den „Geist von 1914“ geschrieben worden, über die Euphorie, die spontanen Prozessionen, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. Sicherlich ist auch Eugen ein überzeugter Patriot. In seinem Wehrpass liegt ein von ihm abgeschriebenes „Soldatenlied“ („Auf auf, ihr Brüder, fasst euch frischen Mut! Fürs Vaterland vergießen wir das Blut ...“). Aber in seinen Briefen bleibt er nüchtern. Eher hat man den Eindruck, dass er sich einer ganz großen und ernsten Aufgabe gegenübersieht, der er sich jetzt mit Umsicht und Sorgfalt zu stellen hat. Fast nachsichtig schreibt er am 9. August über die kopflose Kriegsbegeisterung seines Vetters Adolf, der ohne Wissen seiner Eltern in Ulm aufgetaucht sei, um sich als Freiwilliger zu melden: „Wie Ihr ja wisst, war ich anfangs zum Ersatzbataillon eingeteilt, um die Leute von Landwehr I und II auszubilden. Kaum war ich gerade dort eine Weile, so wurde ich weitergeschoben zu den Rekruten, die zum Teil aus Kriegsfreiwilligen und zum größeren Teil aus Ersatzreservisten bestehen, d. h. aus solchen Leuten, die bei allen Musterungen zurückgestellt waren und nur für den Mob[ilisierungs]-Fall als Ersatzreserve zugeteilt werden. Sie sind alle miteinander in 2 Rekrutendepots untergebracht. Ich bin beim I., das insgesamt etwa 270 Mann stark ist, davon etwa 80 Kriegsfreiwillige, zu denen auch Adolf zählt. Er kam am Donnerstag von Cannstatt herauf und wollte sich hier stellen, wurde aber nochmals fortgeschickt, weil er keine schriftliche Erlaubnis von seinem Vater für seinen Eintritt bei sich hatte. Er hatte auch sich vorher offenbar gar nicht mit seinen Eltern darüber ausgesprochen. Weil nun am selben Tag kein Zug mehr heimging, so fuhr er erst am nächsten Tag heim und erschien nun gestern wieder hier, um sich endgültig zu stellen.“

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [...] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [...] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektaku] In der Neuen Pinakothek gefiel mir besonders ein Bild gut, eine Abschiedsscene. Zwischen alten, knorrigen, schneebedeckten Stämmen sah man einen jungen Husarenoffizier, der in nachdenklicher Trauer auf den Boden blickte, ihm gegenüber seine Braut, die ihren Bräutigam nun in den Krieg ziehen lassen musste; traurig senkt sie ihre Blicke zur Erde. Dieses schöne Bild lässt sich natürlich nicht beschreiben, bloß, dass Du eine Ahnung davon hast. Es war eben eine Illustration zu: O wie herbe ist das Scheiden. [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">“

Volontär bei Voith in Heidenheim
Im August 1911 beginnt Eugen ein Praktikum als Volontär bei der Firma Voith in Heidenheim, als Vorbereitung auf das geplante Maschinenbaustudium. Eugen ist überwältigt von der Größe der Fabrikhallen und fasziniert von den gewaltigen Turbinen, die dort hergestellt werden. Ein gewisser Stolz ist zu spüren, dass er an einem derartigen technischen Wunderwerk mitarbeiten darf. Er schreibt:

„Von meinem Fenster aus sehe ich die Voith’sche Fabrik, zwar nicht den Bau, in dem ich arbeite. Während die übrigen Arbeiter schon um 6 Uhr morgens anfangen, kommen wir Volontäre erst um 7 Uhr. Ich stehe etwa um ½ 7 Uhr auf. Gegen ¾ 7 Uhr erhalte ich meinen Kaffee u. zwar so viel, dass es gut zwei Schüsseln reicht. Dann gehe ich ins Geschäft.

Gleich beim Eingang sind große Tafeln, an denen lauter Nummern hängen, die etwa die Größe eines Markstückes haben. Jeder Arbeiter hat seine Nummer. Meine ist 1955. Wenn ich nun hereinkomme, so muss ich meine Nummer wegnehmen und in eine Art Opferstock hineinwerfen. Ist jemand krank, so wird über seine Nummer ein Plättchen gehängt mit einem K, wenn er in Urlaub ist, ein B, und wenn er auf Montage fort ist, ein M. Kommt man um 12 Uhr wieder aus dem Geschäft, so muss man wieder seine Nummer einwerfen. Während die, die man beim Kommen hineinwirft, auf Messingblech gedruckt ist, ist die, die man beim Fortgehen hineinwirft, aus Zinkblech. Diese letztere hängt auch an einer anderen Tafel. Nachmittags geht es wieder so. Wenn ich nun in der Fabrik bin, gehe ich zuerst in den Ankleide- bzw. Waschraum der Volontäre, wo jeder seinen Kasten hat, in dem er seine blauen Kleider lässt oder während der Arbeit die gewöhnlichen Kleider. Von dort aus gehe ich durch eine mächtige Halle, die wieder in zwei Hallen zerfällt. In der einen werden Papiermaschinen gemacht und in der anderen Turbinen. Am einen Ende der Turbinenhalle muss ich zwei Stiegen hoch hinauf. Dort oben sind die Lehrlinge. Ich habe meinen eigenen Platz (Nro 46) mit einem Schraubstock und zwei Schubladen, in denen allerlei Werkzeuge sind. Neben mir ist noch ein Volontär, der mit mir eingetreten ist. Es ist der Monsieur Knodel aus Ludwigsburg. Wirklich müssen wir beide mit Zirkel, Feile und Winkelmaß einen regulären Würfel machen, was nicht gerade leicht ist, weil man am Anfang gewöhnlich so feilt, dass die Flächen des Würfels in der Mitte eine gewisse Erhöhung haben. Zu diesem Würfel brauchen wir aber auch einige Tage, bis der Meister einsieht, dass man ihn doch nicht besser hinbringt, und ihn dann stecken lässt.

Von unserem Platz oben sieht man über die ganze Turbinenhalle weg, über der auf beiden Seiten zwei mächtige elektrische Laufkranen etwa in unserer Höhe sich bewegen. Jeder hat eine Tragkraft von 20.000 kg. In der Mitte der Halle stehen wirklich drei riesige Turbinen, an denen fest gehämmert und geklopft wird. Eine solche ist mehrere Meter hoch.

Außer den vorher genannten Kranen sind an der Schmalseite der Halle, die uns gegenüberliegt, zwei andere Kranen, die fortwährend die fertigen Stücke in Eisenbahnwagen verladen, die von einer kleinen Maschine bis in die Halle hereingeführt werden. Täglich werden etwa 6-7 Eisenbahnwagen geladen und auf einem besonderen Industriegeleise auf den Bahnhof befördert.

In der Voith’schen Fabrik sind die größten Papiermaschinen von Europa gemacht worden und ebenso auch die größten Turbinen. 4 Turbinen von je 12.000 PS arbeiten an den Niagarafällen. Voith beschäftigt über 1100 Arbeiter. Gegenwärtig sind sie scheint’s dran, neben ihrer Filiale in Niederösterreich eine solche in Amerika zu gründen, weshalb ein Sohn von Voith wirklich in Amerika ist. Das Gesamtareal der Fabrik umfasst 240.000 qm, und die obengenannte Halle hat einen überdeckten Raum von über 10.000 qm. Voith beschäftigte anfangs nur 5 Arbeiter, von denen einer noch jetzt im Geschäft ist.“

Als Einjährig-Freiwilliger in Ulm
Genau ein Jahr, vom 1. Oktober 1912 bis zum 30. September 1913 dauert Eugen Zellers Militärzeit bei der 3. Kompagnie des württembergischen Pionierbataillons Nr. 13 in Ulm. Bei den Pionieren erhält er wohl eine Ausbildung, die ihm dem Umgang mit technischem Gerät ermöglicht und die weniger stumpfsinnig ist, als eine einfache Infanterieausbildung.

Er scheint gut zurechtgekommen zu sein, nie hört man eine Klage, auch dann nicht, wenn er hart gefordert wird: „Am Mittwoch waren wir auf dem Schießstand im Lehrer Tal und mussten die Vorübung [absolvieren]: stehend freihändig schießen, was eine ziemlich heikle Sache ist. Glücklicherweise erfüllte ich die Bedingungen und brachte 27 Ringe zusammen, 7, 11 u. 9. Im allgemeinen wurde an diesem Tag sehr schlecht geschossen, weshalb der Dienst in nächster Zeit wenig angenehm sein wird. - Heute, Samstag, war eine größere Übung mehrerer Regimenter, wozu auch das Pionierbataillon einen Teil seiner Mannschaften schickte. Wir marschierten heute morgen um ¼ 6 Uhr in der Kaserne ab ins Blaubeurer Tal. Unser Marsch ging über Söflingen, Ermingen, Harthausen nach Markbronn, wo wir längere Zeit rasteten. Dies war jedoch ein kaltes Vergnügen, weil man auf dem Marsch ordentlich geschwitzt hatte, und nun, nachdem man den Tornister abgeschnallt hatte, war es besonders im Rücken etwas kalt, denn es hatte doch einige Grade unter Null. Endlich gings dann weiter, in der Richtung auf Arnegg. Vor dem Wald bildeten wir dann eine Schützenlinie, und nun gings in Marsch-Marsch über eine längere freie Strecke weg ins Dorf. Dort mussten wir Schnellbrücken, die wir tags zuvor hergerichtet hatten und die nun mit Wagen dorthin transportiert worden waren, zusammensetzen, worauf sie an die Blau getragen wurden, um unsere Partei überzusetzen. Schnellbrücken sind ganz leichte Brücken aus Holzstangen, die durch Schwimmkörper getragen werden. Die Schwimmkörper sind Zeltbahnen, die mit Stroh ausgestopft sind, oder Fässer. Nachdem dann die Infanterie drüben war, konnten wir unseren Kram wieder auseinander machen und abrücken. Gegen 3 Uhr kamen wir dann wieder in die Kaserne nach unserem Marsch von insgesamt 30 km, was für einen feldmarschmäßigen Soldaten schon genügt. Deshalb bin ich jetzt ziemlich müde und werde nun gleich ins Bett gehen.“

Im Führungszeugnis am Ende des Wehrdienstes wird ihm bescheinigt, dass er „gedient“ habe und sich während der Dienstzeit „sehr gut geführt“ habe, dass weder „gerichtliche Strafen“ noch „Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“ gegen ihn verhängt worden seien. Übrigens: Obwohl man seit 40 Jahren im deutschen Kaiserreich lebt, schreibt Eugen nicht davon, dass er „des Kaisers Rock“ getragen habe, sondern „des Königs Rock“, was ein bezeichnendes Licht auf das besondere Nationalgefühl der Württemberger im Kaiserreich wirft.

Maschinenbaustudium in Stuttgart – Burschenschaft Hilaritas
Wahrscheinlich hat Eugen bereits im Wintersemester 1913/14 mit dem Maschinenbaustudium begonnen, ein Studentenausweis der TH Stuttgart ist aber nur für das folgende Sommersemester 1914 erhalten. Wie er den Studienbeginn erlebt, welche Vorlesungen er belegt und welche Professoren er gehört hat – darüber gibt es leider keine Quellen, wohl aber über sein Verbindungsleben. Eugen wird Fux in der farbentragenden und schlagenden Burschenschaft „Hilaritas“. Diese war 1873 am Polytechnikum Stuttgart gegründet worden und besaß seit 1904 ein eigenes Verbindungshaus in Stuttgart. Eugen verfasste eine Reihe amüsanter Kneippzeitungen, z.B.: „Der Fux“ – „Etliche Lehren für den Damenspuz“ – „Der Schlagermops“ (Bericht über eine Mensur) – „Die Fakultäten“ – „Die Hauskapelle“ – „D’alte Deutsche“ – „Der Wintersport“ (Flirten beim Eislauf). Es würde zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Jedenfalls aber scheint er sich in diesem Männerbund recht wohl gefühlt zu haben. In seinen Gedichten gibt er sich schlagfertig, witzig und reimt drauf los, was das Zeug hält.

In den Semesterferien im März und April 1914 wird Eugen zu einer achtwöchigen Reserveübung nach Münsingen und Ulm eingezogen. Damit ist er Vize-Feldwebel und hat nun die Aussicht, bei einer erneuten Einberufung rasch zum Leutnant der Reserve befördert zu werden. Von dieser Wehrübung gibt es mehrere Briefe, aber leider keinen einzigen über das Sommersemester 1914 in Stuttgart – die Zeit, in der das Deutsche Reich auf den Großen Krieg zutrieb.

Der erste Weltkrieg
Am 5. August 1914, also vier Tage nach Kriegsausbruch, wird Eugen nach Ulm eingezogen. Als Feldwebel wird er eingeteilt zur Ausbildung der Kriegsfreiwilligen. Es ist viel über den „Geist von 1914“ geschrieben worden, über die Euphorie, die spontanen Prozessionen, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. Sicherlich ist auch Eugen ein überzeugter Patriot. In seinem Wehrpass liegt ein von ihm abgeschriebenes „Soldatenlied“ („Auf auf, ihr Brüder, fasst euch frischen Mut! Fürs Vaterland vergießen wir das Blut ...“). Aber in seinen Briefen bleibt er nüchtern. Eher hat man den Eindruck, dass er sich einer ganz großen und ernsten Aufgabe gegenübersieht, der er sich jetzt mit Umsicht und Sorgfalt zu stellen hat. Fast nachsichtig schreibt er am 9. August über die kopflose Kriegsbegeisterung seines Vetters Adolf, der ohne Wissen seiner Eltern in Ulm aufgetaucht sei, um sich als Freiwilliger zu melden: „Wie Ihr ja wisst, war ich anfangs zum Ersatzbataillon eingeteilt, um die Leute von Landwehr I und II auszubilden. Kaum war ich gerade dort eine Weile, so wurde ich weitergeschoben zu den Rekruten, die zum Teil aus Kriegsfreiwilligen und zum größeren Teil aus Ersatzreservisten bestehen, d. h. aus solchen Leuten, die bei allen Musterungen zurückgestellt waren und nur für den Mob[ilisierungs]-Fall als Ersatzreserve zugeteilt werden. Sie sind alle miteinander in 2 Rekrutendepots untergebracht. Ich bin beim I., das insgesamt etwa 270 Mann stark ist, davon etwa 80 Kriegsfreiwillige, zu denen auch Adolf zählt. Er kam am Donnerstag von Cannstatt herauf und wollte sich hier stellen, wurde aber nochmals fortgeschickt, weil er keine schriftliche Erlaubnis von seinem Vater für seinen Eintritt bei sich hatte. Er hatte auch sich vorher offenbar gar nicht mit seinen Eltern darüber ausgesprochen. Weil nun am selben Tag kein Zug mehr heimging, so fuhr er erst am nächsten Tag heim und erschien nun gestern wieder hier, um sich endgültig zu stellen.“

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [...] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [...] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen] Ferner gefiel mir ein offenbar in melancholische Träumereien versunkenes wunderschönes Mädchen. Mit entblößter Brust sitzt sie auf einem Stuhl in der Nähe ihres Bettes. Träumerisch schaut sie auf den Boden, und die ganze Umgebung stimmt zu der Gestalt. Nur wenig Licht fällt von der Seite jedenfalls durch ein Kerzenlicht auf die Gestalt und hauptsächlich auf das Gesicht und erhöht damit noch die Schönheit der Gestalt. So ein Bild ist doch tausendmal schöner als die Mona Lisa. [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">“

Volontär bei Voith in Heidenheim
Im August 1911 beginnt Eugen ein Praktikum als Volontär bei der Firma Voith in Heidenheim, als Vorbereitung auf das geplante Maschinenbaustudium. Eugen ist überwältigt von der Größe der Fabrikhallen und fasziniert von den gewaltigen Turbinen, die dort hergestellt werden. Ein gewisser Stolz ist zu spüren, dass er an einem derartigen technischen Wunderwerk mitarbeiten darf. Er schreibt:

„Von meinem Fenster aus sehe ich die Voith’sche Fabrik, zwar nicht den Bau, in dem ich arbeite. Während die übrigen Arbeiter schon um 6 Uhr morgens anfangen, kommen wir Volontäre erst um 7 Uhr. Ich stehe etwa um ½ 7 Uhr auf. Gegen ¾ 7 Uhr erhalte ich meinen Kaffee u. zwar so viel, dass es gut zwei Schüsseln reicht. Dann gehe ich ins Geschäft.

Gleich beim Eingang sind große Tafeln, an denen lauter Nummern hängen, die etwa die Größe eines Markstückes haben. Jeder Arbeiter hat seine Nummer. Meine ist 1955. Wenn ich nun hereinkomme, so muss ich meine Nummer wegnehmen und in eine Art Opferstock hineinwerfen. Ist jemand krank, so wird über seine Nummer ein Plättchen gehängt mit einem K, wenn er in Urlaub ist, ein B, und wenn er auf Montage fort ist, ein M. Kommt man um 12 Uhr wieder aus dem Geschäft, so muss man wieder seine Nummer einwerfen. Während die, die man beim Kommen hineinwirft, auf Messingblech gedruckt ist, ist die, die man beim Fortgehen hineinwirft, aus Zinkblech. Diese letztere hängt auch an einer anderen Tafel. Nachmittags geht es wieder so. Wenn ich nun in der Fabrik bin, gehe ich zuerst in den Ankleide- bzw. Waschraum der Volontäre, wo jeder seinen Kasten hat, in dem er seine blauen Kleider lässt oder während der Arbeit die gewöhnlichen Kleider. Von dort aus gehe ich durch eine mächtige Halle, die wieder in zwei Hallen zerfällt. In der einen werden Papiermaschinen gemacht und in der anderen Turbinen. Am einen Ende der Turbinenhalle muss ich zwei Stiegen hoch hinauf. Dort oben sind die Lehrlinge. Ich habe meinen eigenen Platz (Nro 46) mit einem Schraubstock und zwei Schubladen, in denen allerlei Werkzeuge sind. Neben mir ist noch ein Volontär, der mit mir eingetreten ist. Es ist der Monsieur Knodel aus Ludwigsburg. Wirklich müssen wir beide mit Zirkel, Feile und Winkelmaß einen regulären Würfel machen, was nicht gerade leicht ist, weil man am Anfang gewöhnlich so feilt, dass die Flächen des Würfels in der Mitte eine gewisse Erhöhung haben. Zu diesem Würfel brauchen wir aber auch einige Tage, bis der Meister einsieht, dass man ihn doch nicht besser hinbringt, und ihn dann stecken lässt.

Von unserem Platz oben sieht man über die ganze Turbinenhalle weg, über der auf beiden Seiten zwei mächtige elektrische Laufkranen etwa in unserer Höhe sich bewegen. Jeder hat eine Tragkraft von 20.000 kg. In der Mitte der Halle stehen wirklich drei riesige Turbinen, an denen fest gehämmert und geklopft wird. Eine solche ist mehrere Meter hoch.

Außer den vorher genannten Kranen sind an der Schmalseite der Halle, die uns gegenüberliegt, zwei andere Kranen, die fortwährend die fertigen Stücke in Eisenbahnwagen verladen, die von einer kleinen Maschine bis in die Halle hereingeführt werden. Täglich werden etwa 6-7 Eisenbahnwagen geladen und auf einem besonderen Industriegeleise auf den Bahnhof befördert.

In der Voith’schen Fabrik sind die größten Papiermaschinen von Europa gemacht worden und ebenso auch die größten Turbinen. 4 Turbinen von je 12.000 PS arbeiten an den Niagarafällen. Voith beschäftigt über 1100 Arbeiter. Gegenwärtig sind sie scheint’s dran, neben ihrer Filiale in Niederösterreich eine solche in Amerika zu gründen, weshalb ein Sohn von Voith wirklich in Amerika ist. Das Gesamtareal der Fabrik umfasst 240.000 qm, und die obengenannte Halle hat einen überdeckten Raum von über 10.000 qm. Voith beschäftigte anfangs nur 5 Arbeiter, von denen einer noch jetzt im Geschäft ist.“

Als Einjährig-Freiwilliger in Ulm
Genau ein Jahr, vom 1. Oktober 1912 bis zum 30. September 1913 dauert Eugen Zellers Militärzeit bei der 3. Kompagnie des württembergischen Pionierbataillons Nr. 13 in Ulm. Bei den Pionieren erhält er wohl eine Ausbildung, die ihm dem Umgang mit technischem Gerät ermöglicht und die weniger stumpfsinnig ist, als eine einfache Infanterieausbildung.

Er scheint gut zurechtgekommen zu sein, nie hört man eine Klage, auch dann nicht, wenn er hart gefordert wird: „Am Mittwoch waren wir auf dem Schießstand im Lehrer Tal und mussten die Vorübung [absolvieren]: stehend freihändig schießen, was eine ziemlich heikle Sache ist. Glücklicherweise erfüllte ich die Bedingungen und brachte 27 Ringe zusammen, 7, 11 u. 9. Im allgemeinen wurde an diesem Tag sehr schlecht geschossen, weshalb der Dienst in nächster Zeit wenig angenehm sein wird. - Heute, Samstag, war eine größere Übung mehrerer Regimenter, wozu auch das Pionierbataillon einen Teil seiner Mannschaften schickte. Wir marschierten heute morgen um ¼ 6 Uhr in der Kaserne ab ins Blaubeurer Tal. Unser Marsch ging über Söflingen, Ermingen, Harthausen nach Markbronn, wo wir längere Zeit rasteten. Dies war jedoch ein kaltes Vergnügen, weil man auf dem Marsch ordentlich geschwitzt hatte, und nun, nachdem man den Tornister abgeschnallt hatte, war es besonders im Rücken etwas kalt, denn es hatte doch einige Grade unter Null. Endlich gings dann weiter, in der Richtung auf Arnegg. Vor dem Wald bildeten wir dann eine Schützenlinie, und nun gings in Marsch-Marsch über eine längere freie Strecke weg ins Dorf. Dort mussten wir Schnellbrücken, die wir tags zuvor hergerichtet hatten und die nun mit Wagen dorthin transportiert worden waren, zusammensetzen, worauf sie an die Blau getragen wurden, um unsere Partei überzusetzen. Schnellbrücken sind ganz leichte Brücken aus Holzstangen, die durch Schwimmkörper getragen werden. Die Schwimmkörper sind Zeltbahnen, die mit Stroh ausgestopft sind, oder Fässer. Nachdem dann die Infanterie drüben war, konnten wir unseren Kram wieder auseinander machen und abrücken. Gegen 3 Uhr kamen wir dann wieder in die Kaserne nach unserem Marsch von insgesamt 30 km, was für einen feldmarschmäßigen Soldaten schon genügt. Deshalb bin ich jetzt ziemlich müde und werde nun gleich ins Bett gehen.“

Im Führungszeugnis am Ende des Wehrdienstes wird ihm bescheinigt, dass er „gedient“ habe und sich während der Dienstzeit „sehr gut geführt“ habe, dass weder „gerichtliche Strafen“ noch „Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“ gegen ihn verhängt worden seien. Übrigens: Obwohl man seit 40 Jahren im deutschen Kaiserreich lebt, schreibt Eugen nicht davon, dass er „des Kaisers Rock“ getragen habe, sondern „des Königs Rock“, was ein bezeichnendes Licht auf das besondere Nationalgefühl der Württemberger im Kaiserreich wirft.

Maschinenbaustudium in Stuttgart – Burschenschaft Hilaritas
Wahrscheinlich hat Eugen bereits im Wintersemester 1913/14 mit dem Maschinenbaustudium begonnen, ein Studentenausweis der TH Stuttgart ist aber nur für das folgende Sommersemester 1914 erhalten. Wie er den Studienbeginn erlebt, welche Vorlesungen er belegt und welche Professoren er gehört hat – darüber gibt es leider keine Quellen, wohl aber über sein Verbindungsleben. Eugen wird Fux in der farbentragenden und schlagenden Burschenschaft „Hilaritas“. Diese war 1873 am Polytechnikum Stuttgart gegründet worden und besaß seit 1904 ein eigenes Verbindungshaus in Stuttgart. Eugen verfasste eine Reihe amüsanter Kneippzeitungen, z.B.: „Der Fux“ – „Etliche Lehren für den Damenspuz“ – „Der Schlagermops“ (Bericht über eine Mensur) – „Die Fakultäten“ – „Die Hauskapelle“ – „D’alte Deutsche“ – „Der Wintersport“ (Flirten beim Eislauf). Es würde zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Jedenfalls aber scheint er sich in diesem Männerbund recht wohl gefühlt zu haben. In seinen Gedichten gibt er sich schlagfertig, witzig und reimt drauf los, was das Zeug hält.

In den Semesterferien im März und April 1914 wird Eugen zu einer achtwöchigen Reserveübung nach Münsingen und Ulm eingezogen. Damit ist er Vize-Feldwebel und hat nun die Aussicht, bei einer erneuten Einberufung rasch zum Leutnant der Reserve befördert zu werden. Von dieser Wehrübung gibt es mehrere Briefe, aber leider keinen einzigen über das Sommersemester 1914 in Stuttgart – die Zeit, in der das Deutsche Reich auf den Großen Krieg zutrieb.

Der erste Weltkrieg
Am 5. August 1914, also vier Tage nach Kriegsausbruch, wird Eugen nach Ulm eingezogen. Als Feldwebel wird er eingeteilt zur Ausbildung der Kriegsfreiwilligen. Es ist viel über den „Geist von 1914“ geschrieben worden, über die Euphorie, die spontanen Prozessionen, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. Sicherlich ist auch Eugen ein überzeugter Patriot. In seinem Wehrpass liegt ein von ihm abgeschriebenes „Soldatenlied“ („Auf auf, ihr Brüder, fasst euch frischen Mut! Fürs Vaterland vergießen wir das Blut ...“). Aber in seinen Briefen bleibt er nüchtern. Eher hat man den Eindruck, dass er sich einer ganz großen und ernsten Aufgabe gegenübersieht, der er sich jetzt mit Umsicht und Sorgfalt zu stellen hat. Fast nachsichtig schreibt er am 9. August über die kopflose Kriegsbegeisterung seines Vetters Adolf, der ohne Wissen seiner Eltern in Ulm aufgetaucht sei, um sich als Freiwilliger zu melden: „Wie Ihr ja wisst, war ich anfangs zum Ersatzbataillon eingeteilt, um die Leute von Landwehr I und II auszubilden. Kaum war ich gerade dort eine Weile, so wurde ich weitergeschoben zu den Rekruten, die zum Teil aus Kriegsfreiwilligen und zum größeren Teil aus Ersatzreservisten bestehen, d. h. aus solchen Leuten, die bei allen Musterungen zurückgestellt waren und nur für den Mob[ilisierungs]-Fall als Ersatzreserve zugeteilt werden. Sie sind alle miteinander in 2 Rekrutendepots untergebracht. Ich bin beim I., das insgesamt etwa 270 Mann stark ist, davon etwa 80 Kriegsfreiwillige, zu denen auch Adolf zählt. Er kam am Donnerstag von Cannstatt herauf und wollte sich hier stellen, wurde aber nochmals fortgeschickt, weil er keine schriftliche Erlaubnis von seinem Vater für seinen Eintritt bei sich hatte. Er hatte auch sich vorher offenbar gar nicht mit seinen Eltern darüber ausgesprochen. Weil nun am selben Tag kein Zug mehr heimging, so fuhr er erst am nächsten Tag heim und erschien nun gestern wieder hier, um sich endgültig zu stellen.“

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [...] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [...] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                         &nb] Dass ich verliebt sein kann, hab ich leider zur Genüge erfahren, schon in Cannstatt, obwohl du mich anfangs für völlig apathisch hieltest. Allerdings wäre ich froh, ich könnte es sein, und doch haben derartige Gedanken etwas Süßes, wenn auch Bittersüßes, es ist eben in meinem Wesen ein gewisser melancholischer Zug, der sich auch in meiner Vorliebe für tiefsinnige, manchmal trübsinnige Bilder zeigt. Doch brauchst Du mich nicht für einen armen Melancholiker halten, im Gegenteil, nur der, der den Ernst des Lebens in Wahrheit erfasst, kann richtig fröhlich und vergnügt sein, was ich auch wirklich bin, mehr als in Cannstatt, denn wenn mir auch nicht die nunmehrige Freiheit in den Kopf steigt, so fühle ich mich doch viel wohler als in der Schule.

Volontär bei Voith in Heidenheim
Im August 1911 beginnt Eugen ein Praktikum als Volontär bei der Firma Voith in Heidenheim, als Vorbereitung auf das geplante Maschinenbaustudium. Eugen ist überwältigt von der Größe der Fabrikhallen und fasziniert von den gewaltigen Turbinen, die dort hergestellt werden. Ein gewisser Stolz ist zu spüren, dass er an einem derartigen technischen Wunderwerk mitarbeiten darf. Er schreibt:

„Von meinem Fenster aus sehe ich die Voith’sche Fabrik, zwar nicht den Bau, in dem ich arbeite. Während die übrigen Arbeiter schon um 6 Uhr morgens anfangen, kommen wir Volontäre erst um 7 Uhr. Ich stehe etwa um ½ 7 Uhr auf. Gegen ¾ 7 Uhr erhalte ich meinen Kaffee u. zwar so viel, dass es gut zwei Schüsseln reicht. Dann gehe ich ins Geschäft.

Gleich beim Eingang sind große Tafeln, an denen lauter Nummern hängen, die etwa die Größe eines Markstückes haben. Jeder Arbeiter hat seine Nummer. Meine ist 1955. Wenn ich nun hereinkomme, so muss ich meine Nummer wegnehmen und in eine Art Opferstock hineinwerfen. Ist jemand krank, so wird über seine Nummer ein Plättchen gehängt mit einem K, wenn er in Urlaub ist, ein B, und wenn er auf Montage fort ist, ein M. Kommt man um 12 Uhr wieder aus dem Geschäft, so muss man wieder seine Nummer einwerfen. Während die, die man beim Kommen hineinwirft, auf Messingblech gedruckt ist, ist die, die man beim Fortgehen hineinwirft, aus Zinkblech. Diese letztere hängt auch an einer anderen Tafel. Nachmittags geht es wieder so. Wenn ich nun in der Fabrik bin, gehe ich zuerst in den Ankleide- bzw. Waschraum der Volontäre, wo jeder seinen Kasten hat, in dem er seine blauen Kleider lässt oder während der Arbeit die gewöhnlichen Kleider. Von dort aus gehe ich durch eine mächtige Halle, die wieder in zwei Hallen zerfällt. In der einen werden Papiermaschinen gemacht und in der anderen Turbinen. Am einen Ende der Turbinenhalle muss ich zwei Stiegen hoch hinauf. Dort oben sind die Lehrlinge. Ich habe meinen eigenen Platz (Nro 46) mit einem Schraubstock und zwei Schubladen, in denen allerlei Werkzeuge sind. Neben mir ist noch ein Volontär, der mit mir eingetreten ist. Es ist der Monsieur Knodel aus Ludwigsburg. Wirklich müssen wir beide mit Zirkel, Feile und Winkelmaß einen regulären Würfel machen, was nicht gerade leicht ist, weil man am Anfang gewöhnlich so feilt, dass die Flächen des Würfels in der Mitte eine gewisse Erhöhung haben. Zu diesem Würfel brauchen wir aber auch einige Tage, bis der Meister einsieht, dass man ihn doch nicht besser hinbringt, und ihn dann stecken lässt.

Von unserem Platz oben sieht man über die ganze Turbinenhalle weg, über der auf beiden Seiten zwei mächtige elektrische Laufkranen etwa in unserer Höhe sich bewegen. Jeder hat eine Tragkraft von 20.000 kg. In der Mitte der Halle stehen wirklich drei riesige Turbinen, an denen fest gehämmert und geklopft wird. Eine solche ist mehrere Meter hoch.

Außer den vorher genannten Kranen sind an der Schmalseite der Halle, die uns gegenüberliegt, zwei andere Kranen, die fortwährend die fertigen Stücke in Eisenbahnwagen verladen, die von einer kleinen Maschine bis in die Halle hereingeführt werden. Täglich werden etwa 6-7 Eisenbahnwagen geladen und auf einem besonderen Industriegeleise auf den Bahnhof befördert.

In der Voith’schen Fabrik sind die größten Papiermaschinen von Europa gemacht worden und ebenso auch die größten Turbinen. 4 Turbinen von je 12.000 PS arbeiten an den Niagarafällen. Voith beschäftigt über 1100 Arbeiter. Gegenwärtig sind sie scheint’s dran, neben ihrer Filiale in Niederösterreich eine solche in Amerika zu gründen, weshalb ein Sohn von Voith wirklich in Amerika ist. Das Gesamtareal der Fabrik umfasst 240.000 qm, und die obengenannte Halle hat einen überdeckten Raum von über 10.000 qm. Voith beschäftigte anfangs nur 5 Arbeiter, von denen einer noch jetzt im Geschäft ist.“

Als Einjährig-Freiwilliger in Ulm
Genau ein Jahr, vom 1. Oktober 1912 bis zum 30. September 1913 dauert Eugen Zellers Militärzeit bei der 3. Kompagnie des württembergischen Pionierbataillons Nr. 13 in Ulm. Bei den Pionieren erhält er wohl eine Ausbildung, die ihm dem Umgang mit technischem Gerät ermöglicht und die weniger stumpfsinnig ist, als eine einfache Infanterieausbildung.

Er scheint gut zurechtgekommen zu sein, nie hört man eine Klage, auch dann nicht, wenn er hart gefordert wird: „Am Mittwoch waren wir auf dem Schießstand im Lehrer Tal und mussten die Vorübung [ stehend freihändig schießen, was eine ziemlich heikle Sache ist. Glücklicherweise erfüllte ich die Bedingungen und brachte 27 Ringe zusammen, 7, 11 u. 9. Im allgemeinen wurde an diesem Tag sehr schlecht geschossen, weshalb der Dienst in nächster Zeit wenig angenehm sein wird. - Heute, Samstag, war eine größere Übung mehrerer Regimenter, wozu auch das Pionierbataillon einen Teil seiner Mannschaften schickte. Wir marschierten heute morgen um ¼ 6 Uhr in der Kaserne ab ins Blaubeurer Tal. Unser Marsch ging über Söflingen, Ermingen, Harthausen nach Markbronn, wo wir längere Zeit rasteten. Dies war jedoch ein kaltes Vergnügen, weil man auf dem Marsch ordentlich geschwitzt hatte, und nun, nachdem man den Tornister abgeschnallt hatte, war es besonders im Rücken etwas kalt, denn es hatte doch einige Grade unter Null. Endlich gings dann weiter, in der Richtung auf Arnegg. Vor dem Wald bildeten wir dann eine Schützenlinie, und nun gings in Marsch-Marsch über eine längere freie Strecke weg ins Dorf. Dort mussten wir Schnellbrücken, die wir tags zuvor hergerichtet hatten und die nun mit Wagen dorthin transportiert worden waren, zusammensetzen, worauf sie an die Blau getragen wurden, um unsere Partei überzusetzen. Schnellbrücken sind ganz leichte Brücken aus Holzstangen, die durch Schwimmkörper getragen werden. Die Schwimmkörper sind Zeltbahnen, die mit Stroh ausgestopft sind, oder Fässer. Nachdem dann die Infanterie drüben war, konnten wir unseren Kram wieder auseinander machen und abrücken. Gegen 3 Uhr kamen wir dann wieder in die Kaserne nach unserem Marsch von insgesamt 30 km, was für einen feldmarschmäßigen Soldaten schon genügt. Deshalb bin ich jetzt ziemlich müde und werde nun gleich ins Bett gehen.“

Im Führungszeugnis am Ende des Wehrdienstes wird ihm bescheinigt, dass er „gedient“ habe und sich während der Dienstzeit „sehr gut geführt“ habe, dass weder „gerichtliche Strafen“ noch „Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“ gegen ihn verhängt worden seien. Übrigens: Obwohl man seit 40 Jahren im deutschen Kaiserreich lebt, schreibt Eugen nicht davon, dass er „des Kaisers Rock“ getragen habe, sondern „des Königs Rock“, was ein bezeichnendes Licht auf das besondere Nationalgefühl der Württemberger im Kaiserreich wirft.

Maschinenbaustudium in Stuttgart – Burschenschaft Hilaritas
Wahrscheinlich hat Eugen bereits im Wintersemester 1913/14 mit dem Maschinenbaustudium begonnen, ein Studentenausweis der TH Stuttgart ist aber nur für das folgende Sommersemester 1914 erhalten. Wie er den Studienbeginn erlebt, welche Vorlesungen er belegt und welche Professoren er gehört hat – darüber gibt es leider keine Quellen, wohl aber über sein Verbindungsleben. Eugen wird Fux in der farbentragenden und schlagenden Burschenschaft „Hilaritas“. Diese war 1873 am Polytechnikum Stuttgart gegründet worden und besaß seit 1904 ein eigenes Verbindungshaus in Stuttgart. Eugen verfasste eine Reihe amüsanter Kneippzeitungen, z.B.: „Der Fux“ – „Etliche Lehren für den Damenspuz“ – „Der Schlagermops“ (Bericht über eine Mensur) – „Die Fakultäten“ – „Die Hauskapelle“ – „D’alte Deutsche“ – „Der Wintersport“ (Flirten beim Eislauf). Es würde zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Jedenfalls aber scheint er sich in diesem Männerbund recht wohl gefühlt zu haben. In seinen Gedichten gibt er sich schlagfertig, witzig und reimt drauf los, was das Zeug hält.

In den Semesterferien im März und April 1914 wird Eugen zu einer achtwöchigen Reserveübung nach Münsingen und Ulm eingezogen. Damit ist er Vize-Feldwebel und hat nun die Aussicht, bei einer erneuten Einberufung rasch zum Leutnant der Reserve befördert zu werden. Von dieser Wehrübung gibt es mehrere Briefe, aber leider keinen einzigen über das Sommersemester 1914 in Stuttgart – die Zeit, in der das Deutsche Reich auf den Großen Krieg zutrieb.

Der erste Weltkrieg
Am 5. August 1914, also vier Tage nach Kriegsausbruch, wird Eugen nach Ulm eingezogen. Als Feldwebel wird er eingeteilt zur Ausbildung der Kriegsfreiwilligen. Es ist viel über den „Geist von 1914“ geschrieben worden, über die Euphorie, die spontanen Prozessionen, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. Sicherlich ist auch Eugen ein überzeugter Patriot. In seinem Wehrpass liegt ein von ihm abgeschriebenes „Soldatenlied“ („Auf auf, ihr Brüder, fasst euch frischen Mut! Fürs Vaterland vergießen wir das Blut ...“). Aber in seinen Briefen bleibt er nüchtern. Eher hat man den Eindruck, dass er sich einer ganz großen und ernsten Aufgabe gegenübersieht, der er sich jetzt mit Umsicht und Sorgfalt zu stellen hat. Fast nachsichtig schreibt er am 9. August über die kopflose Kriegsbegeisterung seines Vetters Adolf, der ohne Wissen seiner Eltern in Ulm aufgetaucht sei, um sich als Freiwilliger zu melden: „Wie Ihr ja wisst, war ich anfangs zum Ersatzbataillon eingeteilt, um die Leute von Landwehr I und II auszubilden. Kaum war ich gerade dort eine Weile, so wurde ich weitergeschoben zu den Rekruten, die zum Teil aus Kriegsfreiwilligen und zum größeren Teil aus Ersatzreservisten bestehen, d. h. aus solchen Leuten, die bei allen Musterungen zurückgestellt waren und nur für den Mob[ilisierungs]-Fall als Ersatzreserve zugeteilt werden. Sie sind alle miteinander in 2 Rekrutendepots untergebracht. Ich bin beim I., das insgesamt etwa 270 Mann stark ist, davon etwa 80 Kriegsfreiwillige, zu denen auch Adolf zählt. Er kam am Donnerstag von Cannstatt herauf und wollte sich hier stellen, wurde aber nochmals fortgeschickt, weil er keine schriftliche Erlaubnis von seinem Vater für seinen Eintritt bei sich hatte. Er hatte auch sich vorher offenbar gar nicht mit seinen Eltern darüber ausgesprochen. Weil nun am selben Tag kein Zug mehr heimging, so fuhr er erst am nächsten Tag heim und erschien nun gestern wieder hier, um sich endgültig zu stellen.“

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [...] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [...] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschichte kennen lernt, desto mehr bemüht man sich, einfach zu hören und umso weniger ist man in Versuchung, zu urteilen.]: stehend freihändig schießen, was eine ziemlich heikle Sache ist. Glücklicherweise erfüllte ich die Bedingungen und brachte 27 Ringe zusammen, 7, 11 u. 9. Im allgemeinen wurde an diesem Tag sehr schlecht geschossen, weshalb der Dienst in nächster Zeit wenig angenehm sein wird. - Heute, Samstag, war eine größere Übung mehrerer Regimenter, wozu auch das Pionierbataillon einen Teil seiner Mannschaften schickte. Wir marschierten heute morgen um ¼ 6 Uhr in der Kaserne ab ins Blaubeurer Tal. Unser Marsch ging über Söflingen, Ermingen, Harthausen nach Markbronn, wo wir längere Zeit rasteten. Dies war jedoch ein kaltes Vergnügen, weil man auf dem Marsch ordentlich geschwitzt hatte, und nun, nachdem man den Tornister abgeschnallt hatte, war es besonders im Rücken etwas kalt, denn es hatte doch einige Grade unter Null. Endlich gings dann weiter, in der Richtung auf Arnegg. Vor dem Wald bildeten wir dann eine Schützenlinie, und nun gings in Marsch-Marsch über eine längere freie Strecke weg ins Dorf. Dort mussten wir Schnellbrücken, die wir tags zuvor hergerichtet hatten und die nun mit Wagen dorthin transportiert worden waren, zusammensetzen, worauf sie an die Blau getragen wurden, um unsere Partei überzusetzen. Schnellbrücken sind ganz leichte Brücken aus Holzstangen, die durch Schwimmkörper getragen werden. Die Schwimmkörper sind Zeltbahnen, die mit Stroh ausgestopft sind, oder Fässer. Nachdem dann die Infanterie drüben war, konnten wir unseren Kram wieder auseinander machen und abrücken. Gegen 3 Uhr kamen wir dann wieder in die Kaserne nach unserem Marsch von insgesamt 30 km, was für einen feldmarschmäßigen Soldaten schon genügt. Deshalb bin ich jetzt ziemlich müde und werde nun gleich ins Bett gehen.“

Im Führungszeugnis am Ende des Wehrdienstes wird ihm bescheinigt, dass er „gedient“ habe und sich während der Dienstzeit „sehr gut geführt“ habe, dass weder „gerichtliche Strafen“ noch „Disziplinarstrafen mit strengem Arrest“ gegen ihn verhängt worden seien. Übrigens: Obwohl man seit 40 Jahren im deutschen Kaiserreich lebt, schreibt Eugen nicht davon, dass er „des Kaisers Rock“ getragen habe, sondern „des Königs Rock“, was ein bezeichnendes Licht auf das besondere Nationalgefühl der Württemberger im Kaiserreich wirft.

Maschinenbaustudium in Stuttgart – Burschenschaft Hilaritas
Wahrscheinlich hat Eugen bereits im Wintersemester 1913/14 mit dem Maschinenbaustudium begonnen, ein Studentenausweis der TH Stuttgart ist aber nur für das folgende Sommersemester 1914 erhalten. Wie er den Studienbeginn erlebt, welche Vorlesungen er belegt und welche Professoren er gehört hat – darüber gibt es leider keine Quellen, wohl aber über sein Verbindungsleben. Eugen wird Fux in der farbentragenden und schlagenden Burschenschaft „Hilaritas“. Diese war 1873 am Polytechnikum Stuttgart gegründet worden und besaß seit 1904 ein eigenes Verbindungshaus in Stuttgart. Eugen verfasste eine Reihe amüsanter Kneippzeitungen, z.B.: „Der Fux“ – „Etliche Lehren für den Damenspuz“ – „Der Schlagermops“ (Bericht über eine Mensur) – „Die Fakultäten“ – „Die Hauskapelle“ – „D’alte Deutsche“ – „Der Wintersport“ (Flirten beim Eislauf). Es würde zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Jedenfalls aber scheint er sich in diesem Männerbund recht wohl gefühlt zu haben. In seinen Gedichten gibt er sich schlagfertig, witzig und reimt drauf los, was das Zeug hält.

In den Semesterferien im März und April 1914 wird Eugen zu einer achtwöchigen Reserveübung nach Münsingen und Ulm eingezogen. Damit ist er Vize-Feldwebel und hat nun die Aussicht, bei einer erneuten Einberufung rasch zum Leutnant der Reserve befördert zu werden. Von dieser Wehrübung gibt es mehrere Briefe, aber leider keinen einzigen über das Sommersemester 1914 in Stuttgart – die Zeit, in der das Deutsche Reich auf den Großen Krieg zutrieb.

Der erste Weltkrieg
Am 5. August 1914, also vier Tage nach Kriegsausbruch, wird Eugen nach Ulm eingezogen. Als Feldwebel wird er eingeteilt zur Ausbildung der Kriegsfreiwilligen. Es ist viel über den „Geist von 1914“ geschrieben worden, über die Euphorie, die spontanen Prozessionen, bei denen patriotische Lieder gesungen wurden. Sicherlich ist auch Eugen ein überzeugter Patriot. In seinem Wehrpass liegt ein von ihm abgeschriebenes „Soldatenlied“ („Auf auf, ihr Brüder, fasst euch frischen Mut! Fürs Vaterland vergießen wir das Blut ...“). Aber in seinen Briefen bleibt er nüchtern. Eher hat man den Eindruck, dass er sich einer ganz großen und ernsten Aufgabe gegenübersieht, der er sich jetzt mit Umsicht und Sorgfalt zu stellen hat. Fast nachsichtig schreibt er am 9. August über die kopflose Kriegsbegeisterung seines Vetters Adolf, der ohne Wissen seiner Eltern in Ulm aufgetaucht sei, um sich als Freiwilliger zu melden: „Wie Ihr ja wisst, war ich anfangs zum Ersatzbataillon eingeteilt, um die Leute von Landwehr I und II auszubilden. Kaum war ich gerade dort eine Weile, so wurde ich weitergeschoben zu den Rekruten, die zum Teil aus Kriegsfreiwilligen und zum größeren Teil aus Ersatzreservisten bestehen, d. h. aus solchen Leuten, die bei allen Musterungen zurückgestellt waren und nur für den Mob[p>

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [...] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [...] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                              &nb]-Fall als Ersatzreserve zugeteilt werden. Sie sind alle miteinander in 2 Rekrutendepots untergebracht. Ich bin beim I., das insgesamt etwa 270 Mann stark ist, davon etwa 80 Kriegsfreiwillige, zu denen auch Adolf zählt. Er kam am Donnerstag von Cannstatt herauf und wollte sich hier stellen, wurde aber nochmals fortgeschickt, weil er keine schriftliche Erlaubnis von seinem Vater für seinen Eintritt bei sich hatte. Er hatte auch sich vorher offenbar gar nicht mit seinen Eltern darüber ausgesprochen. Weil nun am selben Tag kein Zug mehr heimging, so fuhr er erst am nächsten Tag heim und erschien nun gestern wieder hier, um sich endgültig zu stellen.“

August und September 1914 verbringt Eugen in der Kaserne in Ulm. Zufällig ist ein Wochendienstplan des Rekrutendepots erhalten, Konzeptpapier, auf dessen Rückseite Eugen einen Brief geschrieben hat. Danach beginnen die Tage immer um 6 Uhr mit 1-2-stündigem Exerzieren, dann: folgen Hindernislauf, Schießen, Turnen, Balken tragen, Brückenbauen, Leitersteigen, Schützengräben ausheben, Unterweisung am Gewehr.

„Mein Soldatenleben spielt sich ganz friedensmäßig ab und es fällt einem nur dann und wann wieder ein, dass man eigentlich im Krieg lebt. [p>

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkei] Am Montag machen wir dann einen Reisemarsch von etwa 25 km, damit sich die Leute allmählich ans Marschieren gewöhnen. Heute wurden alle Neueingetretenen in der Garnisonskirche vereidigt. [p>

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [...]

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschi] Die Siegesnachricht von Metz wurde hier wie jedenfalls überall mit großem Jubel aufgenommen. Sämtliche Glocken läuteten zusammen.“

Mehrfach bittet er seine Eltern um Geld, da er doch viele Sonderaufwendungen gehabt habe, insbesondere seit er zum Offiziers-Stellvertreter ernannt worden sei. Er schickt sogar eine Einkaufsliste nach Hause, um seine hohen Ausgaben zu erklären: „Schnürstiefel mit Sporen (33.50), 2x Gamaschen (15.- und 12.-), Handschuhe (7.50) , Koffer, Meldekartentasche (38.-), Reithosen (17.-), Pistole (55.-), Kasino (81.-)“, aber auch Signalpfeife, Bleistifte, Notizbuch u.a.m. Er hat jetzt einen Leibburschen, aber seine Wäsche muss er nach wie vor nach Hause schicken.

Am 5. Oktober 1914 wird Eugen in Marsch gesetzt über Mannheim, Niederlahnstein, Aachen nach Frankreich. „Von unserer letzten Bahnstation Peronne viele herzliche Grüße. Nun geht’s auf die Suche nach unserem Truppenteil. Adresse bis jetzt unbekannt.“. Am nächsten Tag kann er melden: „Bin nun glücklich bei meinem Truppenteil angekommen und stehe nun zwischen Amiens und St. Quentin. Meine Adr. ist: Offiz.Stellv. E. Zeller, 2. Res. Pion. Komp., II P.B. 13, XIV Res. Armeekorps, 28. Res. Division“.

Eigentlich ist Eugen „zu spät“ gekommen. Als er nach Frankreich in Marsch gesetzt wurde, hatte sich dort der Krieg bereits „festgefressen“. Die raschen deutschen Vorstöße im Laufe des August 1914, als die deutsche Armee entsprechend dem Schlieffen-Plan Belgien überrollt hatte und bis an die Marne vorgestoßen war, waren an ihre Grenze gelangt. Mit der Rücknahme der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne im September 1914 kam der Bewegungskrieg zum Erliegen. „Die Unfähigkeit jeder Seite, durch die Linien der anderen zu brechen, versiegelte die Mauer, zu der die Front im Westen geworden war. Es gab keine angreifbaren Flanken mehr. Von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze standen sich die Armeen des Kaiserreichs und die Truppen der alliierten Westmächte an einer geschlossenen, mehr als 700 Kilometer langen Front gegenüber.

Für Eugen bedeutete dies, dass der Aufbruch nach Frankreich im Oktober nur der Weg in den Stellungskrieg und in den Schützengraben sein konnte. Stationiert wurde seine Kompanie in Martinpuich, eingesetzt bei den Nachbarorten Fricourt,  Courcelette, Beaucourt, Beaumont und Miraumont. Seine erste Begegnung mit der Front machte er in Begleitung seines Hauptmanns. Er schreibt:

Wir fuhren von unserem Quartier Martinpuich bei wunderschönem Sternenhimmel und leichter Kälte hinaus in die Nacht. Gleich nach dem Verlassen des Ortsrandes, wo heute unsere Pioniere auf Posten standen und uns das Erkennungswort abverlangten, sahen wir im Süden eine Helle am Himmel, die uns schon das Endziel unserer Reise anzeigte. Nach einigen hundert Metern Fahrt bogen wir auf eine breite Staatsstraße ein, die sogenannte la grande route, die ganz kerzengerade auf Amiens zuführt. Rechts und links sind die bekannten französischen hohen Pappeln und so fuhren wir in flottem Tempo zur nächsten Ortschaft immer wieder vorbei an schwarzen Gestalten und Wägen, die sich beim Näherkommen als Feldküchen entpuppten, die die Truppen nur bei Dunkelheit mit Essen versorgen können. Auch unser Auto fuhr natürlich völlig ohne Licht. So gelangten wir nach B., das mehr einem Trümmerhaufen als einer Ortschaft gleicht. Nur vereinzelte Gebäude stehen noch, die natürlich mit Militär belegt sind. Dann gings weiter nach der nächsten Ortschaft C., die auch nicht besser aussah. Dort bogen wir in einen Feldweg ein und strebten einem schon von weitem sichtbaren Gehölz zu, an dessen Anfang wir das Auto verließen, ausgerüstet mit Pistol und Gewehr mit Patronen. Nun gings zu Fuß die bewaldete Anhöhe hinauf. Oben angekommen, verließen wir den Wald und kamen über freies Gelände abwärts zu einem Part mit hohen Bäumen. Am Eingang trafen wir gleich unsere Posten, und rechts von der Straße die erste Stellung von unseren Pionieren, eingegraben bis über den Kopf und so gut wie möglich verdeckt mit Ästen, Stroh, Holz usw. Dann weiter in der Nähe des Parkrandes vorbei am Brigadestab zu unserem zweiten Schützengraben, der links von dem Weg war, ganz im Walde. Dicht davor war das ganz zusammengeschossene Schloss, in dessen Keller sich der Pionierkompagnieführer mit einer Wache befand. Er hatte wunderbarerweise an diesem Tag gar keine Verluste gehabt, trotzdem er tagsüber ständig von schwerer Artillerie beschossen wurde. Man sah ringsum die Granattrichter, und musste Obacht geben, nicht hineinzufallen. Offenbar war es nicht die gewöhnliche französische Artillerie, sondern man vermutet, es sei vielleicht englische Artillerie, die ganz kolossale Wirkung hat und mit fabelhafter Geschwindigkeit feuern kann. [p>

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [eines Schlosses], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschichte kennen lernt, desto mehr bemüht man sich, einfach zu hören und umso weniger ist man in Versuchung, zu urteilen.

Wir gingen weiter, im Park sanft bergab, dem eigentlichen Dorf Fricourt zu, das ganz von hell leuchtendem Rauch der brennenden Häuser umgeben war. In einem der ersten Häuser fanden wir den Regimentsstab vor, mit dem Herr Hauptmann einiges wegen der Verteidigung zu besprechen hatte. Nachher wurde die Sache in Augenschein genommen und ein Major ging mit. Nach einigen Schritten kamen wir an einem Haus vorbei, in das gegen Abend eine Granate geschlagen, das Häuschen in Brand gesteckt und 40 Jäger unter sich begraben hatte. Dann weiter, überall an schlafenden Mannschaften vorbei, die sich hinter den noch stehenden Mauern mit Stroh ein Lager bereitet hatten und hier als Reserve lagen. Etwas weiter unterhalb waren auch wieder 3 Scheuern in Brand geschossen, an denen wir ganz dicht vorbei mussten. Wir kamen so allmählich in die Nähe des Südwestausgangs, der auch brannte, besonders weil man beladene Erntewagen als Sperre benützt hatte. Hier sollte nun irgend etwas gemacht werden zur Verteidigung. Man durfte jedoch nicht sehr nahe hin, denn schon etwa 150-200 m hinter dem Eingang war der franz. Schützengraben.

Dann gingen wir in einem der Schützengräben, die eine kurze Strecke vor dem Ortsrand zur Verteidigung hergestellt waren. Drin ist auch alles wohl versteckt, denn sobald sich etwas zeigt, geht gleich die Schießerei los. Hier liegen die Franzosen auf etwa 150 Meter vor uns. Dann gingen wir noch auf die andere Seite des Dorfes und nachdem wir einige Sachen im Park und dort in der Nähe in Bezug auf die eventuelle Verteidigungsmöglichkeit angesehen hatten, verschwanden wir auf demselben Weg nach Martinpuich zurück, wo wir etwa um 4 Uhr ankamen.

„Wir wohnen im Keller [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">en einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[n] hohe können wir nicht brauchen, dann aus einem kleinen Ziertischchen und einem Spiegel. Unsere übrigen Habseligkeiten sind teils in Kisten, die in die Wand eingelassen sind, teils so in Kisten untergebracht, als da sind Teller, Tassen, Essbesteck, Brot, sogar etwas Butter, dann Cigarren und sonstige Sachen von zu Hause. Die Decke unserer Bude ist ordentlich mit Holz abgestützt und zur Erhöhung der Helligkeit mit weißer Leinwand bekleidet. Der Ausgang ist nach Art einer Falltüre, allerdings bis jetzt noch ohne Angeln. Außen ist natürlich die ganze Erdhöhle mit Erde abgedeckt gegen Granaten, nur die Dachrinne ragt einsam in die Höhe und raucht gemütlich. Die Bewohner rekrutieren sich aus Lt. Hartbricht, dem Komp.führer, dann Lt. Jarisch, ein Assessor aus Hamburg, mit dem ich sehr gut stehe, sogar abends manchmal 66 spiele. Dann Lt. Kurz von der 4. Pion.Komp., der hier oben einige Pionierarbeiten zu machen [hat]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle ra], der 2 Löcher nach oben hat, wo Licht und ziemlich kalte Luft hereinkommt. Unsere Wände sind aus schönen roten Backsteinen, und der Boden ist trockener Lehm. Den einen Teil nehmen requirierte Matratzen ein, auf denen wir die paar Stunden Schlaf, die wir haben, zubringen. Im anderen steht jetzt, seit wir uns ein wenig eingerichtet haben, eine Tafel mit einem Leintuch, darauf einige Teller und eine schöne Suppenschüssel, in der letzthin sogar ein wohl zubereitetes Huhn schwamm. Dabei noch einige Flaschen franz. Rotwein und um den gemütlichen Tisch 3 Offiziere und wir 3 Feldwebel oft in sehr guter Unterhaltung.

Zu arbeiten gibts ziemlich viel. Abends geht bei uns die Arbeit los. Um 8 Uhr tritt man an und geht einige Kilometer zurück zur Feldküche, die dorthin von hinten vorkommt. Von dort aus gehts gleich zur Arbeit. Mein Zug nimmt seine vorher zugerichteten Pfähle auf und marschiert so in voller Ruhe bei ganz gewaltiger Dunkelheit zur Arbeitsstelle. Man zieht eine Sicherung vor, damit man ungestört arbeiten kann, und dann geht’s los mit Pfähle schlagen und Stacheldraht ziehen. Die Franzosen lassen uns das gewöhnlich ruhig machen, nur letzthin gaben sie uns einen Abschiedsgruß, als ich gerade mit meinem Zug fertig war und meine Leute etwas geräuschvoll abrückten. Wir haben an einer Stelle eine Lücke in unserer Stellung mit Hindernissen zu schließen und zwar soll es eine Ausdehnung von 1200 m bekommen.

Heute Sonntag Morgen wurden wir durch starkes Infanterie- und Artilleriefeuer geweckt, das den ganzen Morgen anhielt und den Menschen kolossal mitnimmt in seinen Nerven, weil man einfach dasitzt, nichts tut und auch nichts dagegen machen kann. Nach einer kleinen Mittagspause machten sie nun weiter und wir hatten 2 Tote, 2 Leichtverwundete und 1 Schwerverwundeten.“

Die französische Artillerie bewundert er und sieht neidvoll ihre Präzision: „Auch schon die gewöhnliche franz. Artillerie ist ein sehr gefährlicher Gegner. Es ist beinahe rätselhaft, wie sie oft jede Kleinigkeit sehen, worauf dann sofort so ein Ding angepfiffen kommt. Glücklicherweise schießen sie scheints nur äußerst selten bei Nacht. Unsere Artillerie kommt daher bei einem Vergleich ziemlich schlecht weg. Bei ihr wird sich sicher nach dem Krieg kolossal viel ändern.

Das Leben im Schützengraben ist eintönig. Für die Pioniere ist es daher eine willkommene Abwechslung, die Wasserversorgung von Martinpuich wieder instand zu setzen: „Schwierig war eine zeitlang die Wasserversorgung, bis man ein teilweise unbrauchbar gemachtes Wasserpumpwerk in der in der Nähe gelegenen Zuckerfabrik durch einige Pioniere herrichten ließ. Zur Zeit sind dort 2 Pioniere tätig, die Kessel zu heizen, nachdem die Dampfmaschinen wieder notdürftig in Betrieb gesetzt haben. Der vorherige Besitzer hatte verschiedene Teile abmontiert und versteckt. Eine der beiden Maschinen treibt einen Dynamo, die alles mit Elektrizität versorgt, während die andere für uns viel Wichtigeres liefert, nämlich Wasser. Sie pumpt dieses aus einem Schacht von 70 Meter Tiefe in verschiedenen Stufen und mit Hilfe von Preßluft. Das Wasser ist sehr gut und es wird damit etwa ein halbes Armeekorps teils durch Feldküchen, teils durch Fässer versorgt. Man findet eben überall nur die tiefen Ziehbrunnen, die kein unanfechtbares Wasser liefern und auch nicht sehr ergiebig sind. Es kommt dies von der hiesigen Bodenformation, die oben überall Lehm zeigt, der mit Feuersteinen durchsetzt und kolossal fest ist, was sich beim Schanzen unangenehm bemerkbar macht.“

Aber der Alltag spielt sich im Graben ab. Da werden andere Dinge überlebenswichtig und berichtenswert, etwa dass man bei den Bemühungen, den Graben wasserdicht zu machen einen Schritt vorangekommen sei:

„Doch nun einiges von unserer derzeitigen Behausung. Wir sitzen hier 3 m unter dem Boden und etwa 80 m hinter der eigenen Schützenlinie, die ihrerseits wieder etwa 100 m von den Herren Franzosen entfernt ist. Unser Fußboden ist wunderbar mit Stroh bekleidet, auf dem dann nachts noch zwei größere Unterbetten ausgebreitet werden, auf denen man dann etwas hart, aber doch famos und warm schläft. Die Kopfwand ist außerdem noch abgedeckt durch ein ausgespanntes Rupfentuch, hinter dem Stroh sich befindet zur besseren Isolierung. Die übrigen Wände bestehen sonst aus wunderbarem Lehm von schöner, gleichmäßiger brauner Farbe, der bis jetzt allerdings noch etwas feucht ist, ein Übelstand, dem wir durch einen kleinen Ofen abhelfen wollen, der nun in der Nähe der Türe postiert ist und nun, nachdem wir alte Dachrinnen als Abzug uns erobert haben, wunderbar brennt. Heute Abend machten wir sogar einen wunderbaren Kakao darauf, wozu wir auch Milch hatten. Unser übriges Möblement besteht aus 3 abgesägten Stühlen, den[p>

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [mit dem Werfer] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [...] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurde]. Wir treiben nämlich 3 Stollen vor, um darin Horchposten aufzustellen, um zu kontrollieren, ob die drüben auch solche machen, und um dann eventuell diese von unserem Stollen aus in die Luft zu setzen. Der 4. Bewohner bin ich. Nachts schläft alles friedlich nebeneinander. Morgens bis etwa 8 oder 9, worauf man sich dann an der Luft ergeht oder wäscht, wenn man Wasser hat, das auch aus dem Dorf geholt werden muss.“

Am 28. Oktober wird Eugen von den Pionieren zu einer Feldminenwerferabteilung nach Courcelette versetzt, die aus seinem Pionierbataillon herausgezogen wurde. Diese Minenwerfer mussten, da sie nur eine  Reichweite von 400m hatten, nah an den Gegner herangebracht werden und außerdem ihren Standort häufig wechseln. „Wenn [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">“

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkba] geschossen wird, bin ich vorn im Schützgraben zur Beobachtung. [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">“

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [Minen] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [eine] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens a] Neulich streckte ich meinen Kopf auch ein wenig weit über die Brustwehr des Grabens und gleich schießen die Kerls da drüben los. Einer hat mir dabei auch glücklich oben an meinem Mützenrand ein Loch reingeschossen, denn 100 m sind die Kerls da vorn auf uns droben.

Wenn er die Wirkung der eigenen Waffen beschreibt und den Gegner die „Herren Franzosen“ nennt, spürt man etwas von jener selbstverständlichen Haltung, die im Franzosen eben nur „den Feind“ sah. „Eben schießt nun unsere Artillerie in die Dörfer auf den gegenüberliegenden Höhen. Es ist ein ganz nettes Gefühl, wenn man so die eigenen [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurd] gemächlich durch die Luft wandern hört. Wegen ihrer anscheinend sehr langsamen Fluggeschwindigkeit und den eigenartigen Lauten heißt man sie hier ‚unsere schweren Rollwägele’. Drüben sieht man dann zuerst immer [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [...] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind ] größere schwarze Rauchwolke und nach einiger Zeit kommt dann der Knall herüber. Sonst ist heut alles ausnahmsweise ruhig, offenbar, um das wunderbare Wetter zu genießen.“

Seine Behausung ist nicht mehr so komfortabel wie der Unterstand in Beaumont, den er so liebevoll beschrieben hat. Man glaubt eine leise Ironie zu spüren, wenn er schreibt: „Ich bin [p>

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [Es folgt der ausführliche Arztbericht]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                               ] in einem netten Erdloch untergebracht. Dazu ist dann noch ein Pionieroffizier von der 4. Feld.-Komp dabei, der hier oben auch allerlei Pionierarbeiten zu leiten hat, während ich ab und zu mit meinem schweren Minenwerfer zu feuern habe. Bei gutem Wetter ists hier oben ganz nett, nur bei Regenwetter, das wir augenblicklich zu genießen haben, ists doch etwas nass, da unser Unterstand noch nicht ganz wasserdicht gemacht ist. Unsere Stellung hier ist die am weitesten vorspringende auf der ganzen westlichen Front und die Franzosen sitzen uns 100 m vor der Nase.“ Die letzten Tagebucheintragungen berichten über zunehmende Kälte und den ersten Schnee.

Gefallen
Die Urkunde, mit der Eugen zum Leutnant der Reserve befördert wurde, ist auf den 15. November 1914 ausgestellt. Sie hat ihn nicht mehr erreicht. Am Abend des 17. November wird er tödlich getroffen. Keiner der Briefe, weder seines Vorgesetzen noch der des behandelnden Arztes, erwähnt irgend eine besondere militärische Aktion; es fand kein Angriff statt, es musste keiner abgewehrt werden. Eugen wurde getroffen, einfach so „im Schützengraben beim Hinaussehen“. Hat er sich bei der Beobachtung eines Mineneinschlags zu weit aus dem Schützengraben herausgewagt – war es einfach die Unvorsichtigkeit, die sich beim langen Aufenthalt im Schützengraben schleichend eingestellt hatte – genug, er bot einem französischen Scharfschützen ein willkommenes Ziel. Die Kugel traf ihn in die Stirn und trat am Hinterkopf wieder aus. Als er geborgen wurde, war er noch ansprechbar. Nach kurzer Zeit aber haben ihm die Blutungen ihm Gehirn gnädigerweise das Bewusstsein genommen. Am Abend des 18. November ist er im Lazarett in Miraumont gestorben.

Hier nun der Anfang des Arztberichtes von Dr. Köhnlein an seinen Kollegen, Eugens Vater, Sanitätsrat Dr. Heinrich Zeller und seine Frau:

„Sehr geehrter Herr u. Frau Sanitätsrat! Erfülle hiemit die traurige Pflicht Ihnen über die bereits mitgeteilte schwere Verletzung u. den am 18. XI. in M. erfolgten Tod Ihres lb. Sohnes Eugen, den ich gleich nach der Verletzung in Behandlung bekam, Näheres mitzuteilen. Seien Sie mit Ihrer lb. Familie meiner innigsten Anteilnahme versichert und möge Ihnen durch den schönen Tod fürs Vaterland, den er starb, der Schmerz an dem schweren Verluste etwas leichter werden. [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt">                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [Eugens] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschichte kennen lernt, desto mehr bemüht man sich, einfach zu hören und umso weniger ist man in Versuch]
                                                                                                                                                      Dr. Köhnlein Arzt“

Eugens Beerdigung auf dem Friedhof in Miraumont wurde würdig gestaltet, ein Soldatenchor sang „Ich hatt’ einen Kameraden“, auch der Text der Predigt ist erhalten.

Eugens militärischer Vorgesetzter, Hauptmann R. schrieb an seine Eltern: „Seine [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt">treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [1. Joh. 3, 16]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinraff
t; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschichte kennen lernt, desto mehr bemüht man sich, einfach zu hören und umso weniger ist man in Versuchung] treue Pflichterfüllung und seine vorbildliche Tapferkeit stehen einzig da. Er wäre noch zu großen und wertvollen Diensten für das Vaterland berufen gewesen, wenn ihn die feindliche Kugel nicht allzufrüh dahingerafft hätte. Wir alle, von seinem höchsten Vorgesetzten bis zum jüngsten Kriegsfreiwilligen wissen es, dass wir einen Mann verloren haben, der für jeden deutschen Soldaten ein leuchtendes Vorbild war. Wir sind stolz, solche Männer auf die Ehrentafel einmeißeln zurfen, die in den vordersten Reihen im Kampf auf nächste Entfernung für das Vaterland geblutet haben, getreu bis in den Tod. Im Namen meiner Abteilung spreche ich Ihnen und allen Ihren Angehörigen mein tiefstes Beileid aus. Möge Ihnen der stete Gedanke an die unverwelklichen Lorbeeren Ihres Sohnes, dessen Brust in wenigen Tagen das Kreuz der Tapferkeit schmücken sollte, einigen Tost verleihen! ...“

In seiner Predigt sagte Hermann Zeller bei der Bestattung Eugens am 20. November:
„Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. [ Arial; FONT-SIZE: 9pt; mso-bidi-font-size: 12.0pt; mso-fareast-language: EN-US">t; der
Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [...] Man kann’s ja freilich kaum fassen u. glauben, aber da sitzt ja Mutter neben mir u. schreibt’s in unsere Hausbibel. [...] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg ]
Manch deutsches Grab wölbt sich schon auf diesem Friedhof und drunten ruhen deutsche Kämpfer, gestorben für Kaiser und Vaterland. Und wieder öffnet sich ein Grab. Nahe am Feind beim Ausschauen nach der Stellung des Gegners ist unser Kamerad durch die Stirn getroffen worden, furchtlos und treu. Wir sind's gewohnt, dass der Krieg Kameraden dahinrafft; der Soldat darf sich auch durch das Fallen der Kameraden nicht schrecken lassen. Aber Trauer ergreift uns doch, wenn wieder einer unserer Tapferen dahin geht. In ruhiger Besonnenheit, ohne viel Aufhebens zu machen, ist unser Kamerad den Weg der Pflicht gegangen, den Weg der Pflicht auch in den Tod hinein. Um einen treuen, lauteren, stets freundlichen, bis ins Innerste zuverlässigen Freund trauert ein Freundeskreis, aus dem nun viele im Feindesland stehen. Und in der Heimat denken des Gefallenen in heißem Weh der Vater, der auf den tüchtigen und lieben Sohn, seinen Ältesten, große Hoffnungen setzen durfte, die Mutter, die in treuer Mutterliebe ihn mit ihrer Fürbitte begleitete und die lieben Geschwister, die zu ihrem ältesten Bruder in herzlicher Liebe emporschauten. Freilich, wir kennen die Soldatenpflicht, „auch das Leben für die Brüder zu lassen.“ Für unsere Lieben daheim, für unser heißgeliebte, deutsches Vaterland, soll uns kein Opfer zu hoch sein. Denn der stärkste Beweis der Liebe ists, wenn man das Leben für die andern einsetzt. Das Vaterland hat ein Recht an uns und unser Leben. In dieser selbstverleugnenden Liebe ist uns unser Heiland vorangegangen. Sein Kreuz gibt einem jeden Grab eines tapferen Kämpfers die Weihe, denn im Kreuz bezeugt sich die stärkste Liebe, die in der Welt war. Ob einem das Kreuz als Zeichen der Tapferkeit auf die Brust geheftet wird oder ob es auf ein Soldatengrab gepflanzt wird, auch als Zeichen der Tapferkeit, immer erinnert es uns an den Gekreuzigten und seine Liebe zu uns. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er sein Leben für uns gelassen hat“ - und doch wird immer wieder die Frage laut werden „muss es denn sein, dass tüchtige Männer in der Blüte der Jahre geopfert werden? ...“

Eugens Schwester Anne schreibt am 19 November abends in ihr Tagebuch:
„Nun ist also unser lieber, herzensguter Eugen nimmer unter den Lebenden. Heut früh um ½ 6 Uhr kam die arg traurige Botschaft. [p>


Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon] Wie arg ist mir’s auch ganz besonders für Vater. Was hat er u. wir alle an dem zuvor lustigen Buben gehabt. Ja, jetzt erst merkt man, wie viele Menschen ihn lieb gehabt u. geschätzt haben. Freilich war er immer ein vernünftiger, stiller Mensch, aber dass etwas hinter ihm steckte, u. dass man sich auf den ehrlichen Menschen verlassen konnte, das haben eben alle, die ihn näher kennen, gemerkt. Ja, was kann man an einem solch großen Bruder nicht alles haben. Immer näher kam einem der Tod. Erst fernerstehende, dann immer näher u. nun hat er in unsern schönen Geschwisterkreis eine so schmerzliche Lücke gerissen. Und das wird sich immer mehr u. mehr zeigen. Wenn dann die andern heimkehren dürfen u. so viele kommen nimmer. O wenn man doch nur bald ein Ende absehen könnte. Wo soll das noch hin! Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren u. denen, die immer noch hinausziehen, das Herz schwer machen. Noch glaube ich nie und nimmer, dass wir unterliegen sollen. Es geht vorwärts. Gottlob floß all das teure Blut nicht umsonst. Sie dürfen’s freilich nicht mehr erleben, aber wir müssen uns nun um so mehr anstrengen u. uns ihrer würdig erweisen. Ja, ihr Guten, was tut ihr für uns u. unser liebes Vaterland!“

Über mehrere Briefe Eugens, die nach seinem Tod in Backnang eintreffen, schreibt Anne einen Tag später: „Und dann die lieben, lebensvollen Briefe von Eugen. Es ist, als ob er’s gespürt hätte. Also am Montag die Karte, am Mittwoch der verspätete Brief, den sie daheim etwa gerade in der Zeit lasen, in der er die Augen für immer schloß. Dann gestern Abend ein Brief u. eine Karte, heute am 20. wieder ein, nein vielmehr 2 Briefe vom 14. u. 15. u. eine Karte an Marthe. Da schreibt er noch so viel u. ausführlich, weil er Anfang November so viel u. vielerlei zu tun hatte, dass er so wenig Zeit zum Schreiben hatte. Jetzt werden einem all die lieben Briefe fehlen. Nun kommt nie mehr einer.”

1915 besucht König Wilhelm von Württemberg im Rahmen einer Truppeninspektion den Friedhof von Miraumont. Davon gibt es eine Postkarte, auf der Eugens Grab zu erkennen ist:
                                                                                ***
Fast ein Jahrhundert ist über dieses Schicksal gegangen. Eines von Millionen. Kein spektakuläres. Aus den Erbfeinden Deutschland und Frankreich wurden Partner in Europa, ein Krieg zwischen ihnen undenkbar. Fremd mag die Selbstverständlichkeit des vaterländischen Denkens anmuten, die an vielen Stellen zu spüren ist. Aber bei der Beschäftigung mit Eugen Zeller sind mir alle raschen Urteile abhanden gekommen. Je intensiver man Geschichte kennen lernt, desto mehr bemüht man sich, einfach zu hören und umso weniger ist man in Versuchung, zu urteilen.

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