Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Johanna Regina Zeller geborene Andreä
Ein Frauenleben im ausgehenden 18. Jahrhundert
1773-1844

Aus: Rose Wagner-Zeller, Mosaik, Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 180-184
 
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Der Aufbruch, der nach der Französischen Revolution durch alle Lande ging, die neuen Gedanken über Menschenrechte, Selbstbestimmung des Menschen und die Lockerung gesellschaftlicher Konventionen ging spurlos an den meisten Frauen der damaligen Zeit vorüber. Sie lebten wie eh und je in den engsten familiären Verhältnissen. Kein Hauch von Freiheit und Gleichheit erreichte sie. „Dienen lerne beizeiten das Weib“, so heißt es in Goethes „Hermann und Dorothea“.

Die junge Johanna Regina Andreä langweilte sich tödlich. Nichts unterbrach den öden Alltag in der Wohnung ihrer verwitweten Mutter, die im ersten Stock eines Stuttgarter Hauses lebte. Wenn es an der Haustür schellte, riefen sich die sieben Schwestern gegenseitig zu: „Gott schickt einen Menschen“ und eilten, um zu öffnen. Meist war es nur eine Magd, die etwas abzugeben hatte, oder der Vikar, der als Hauslehrer engagiert war und zum Unterricht kam.

Wie gern wäre Johanna Regina in eine öffentliche Schule gegangen, aber das war nur etwas für die Kinder einfacher Leute. Töchter höheren Standes wurden von einem Privatlehrer unterrichtet, aber das schmale Honorar, das die Witwe Andreä ausgeben konnte, reichte nur für einen jungen Vikar ohne pädagogische Fähigkeiten und mit nur mäßiger Bildung. Er betrieb den Unterricht sehr nachlässig, und ob seine Schülerinnen richtig schreiben lernten, kümmerte ihn wenig. Den Schwestern war das gleichgültig, nur die jüngste war voller Lerneifer und Wissbegier. So wagte sie es hin und wieder, den Lehrer etwas zu fragen, aber der fertigte sie kurz ab und sagte: „Das Fragen sei naseweis, er wolle mir schon rechtzeitig sagen, was ich zu wissen brauche.“

Johanna Regina war erst sechs gewesen, als ihr Vater, der Arzt Eberhard Andreä, sich in einem Anfall von Schwermut das Leben nahm und seine Frau mit 38 Jahren und sieben unmündigen Töchtern einer ungewissen Zukunft auslieferte. Anders als die tüchtige Katharina Kepler oder die „Hofapothekerin“ Maria Andreä, die ungefähr gleichaltrig waren, als sie alleinerziehende Mütter wurden, war die Arztwitwe nicht in der Lage, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und ihre Kinder zu ernähren. Ihr Bruder wurde Vormund ihrer Kinder, und sie selbst lebte von der Unterstützung durch ihre Familie, die zum Glück nicht unvermögend war. Das bedeutete für Friederike Luise Andreä, geborene Mögling, zwar eisern sparen zu müssen, aber gleichzeitig den Schein eines standesgemäßen Lebens zu wahren. Sie lehrte die beiden älteren Töchter ein wenig Klavier spielen und französisch zu parlieren, aber um die Mädchen am geselligen Leben teilnehmen zu lassen, reichte es nicht, zumal sie selbst als Witwe zu äußerster Zurückgezogenheit verurteilt war. Man lebte isoliert wie im Kloster, nur am „Sonntag nach der Abendkirche gab es eine Stunde zu spazieren.“

Nur für sehr kurze Zeit, um stricken und ein Hemd nähen zu lernen, durfte Johanna Regina einen Handarbeitsunterricht besuchen; dann gab es keinen Ausgang mehr, bis sie es durchsetzte, dass sie mit einem befreundeten Mädchen einige Male eine Tanzstunde besuchen durfte:“... was bald aufhörte, weil es zu Hause harte Worte darüber gab und meine liebe Mutter meinte, das Zusammenkommen an einem solchen Ort könnte unserem guten Namen nachteilig sein“. Kein Wunder, dass die Freundschaft darüber zerbrach, „die junge Freundin, an der ich mit der ganzen Fülle meines reinen, warmen Herzens hing“, bald ein anderes Mädchen vorzog, „bei der sich auch Gelegenheit fand, sich zu vergnügen, was ich nicht missbilligen konnte, was aber schmerzlich für mich war“, so vertraute sie sich später in ihrem Lebensbericht ihrem jüngsten Sohn Albert an.

Johanna Regina suchte verzweifelt nach einer sinnvollen Beschäftigung. Zunächst nahm sie ihr Gesangbuch zu Hilfe, um durch Abschreiben richtig schreiben zu lernen, dann begann sie, ein Tagebuch zu führen, „mehr über mein inneres Leben, das andere war zu unbedeutend“. Aber auch das blieb ein Monolog, und Johanna Reginas Wissensdurst und die Sehnsucht nach Gesprächen mit Gleichaltrigen blieben ungestillt. Nur der Blick aus dem Fenster verband sie mit der Außenwelt. Oft mag sie, die Arme gestützt auf ein Kissen, die Straße auf und ab geschaut haben. Freimütig gesteht sie ihrem Sohn, dass sie vor allem den vorübergehenden jungen Männern nachschaute. „Ich beobachtete sie, aber nirgends fand ich mich angezogen.“

Sie dagegen wurde am Fenster gesehen. Ein junger Engländer, der nach Deutschland gekommen war, um eine unglückliche Liebe in der Heimat zu vergessen, erblickte sie und war von der Ähnlichkeit mit der fernen Geliebten so überwältigt, dass er ohnmächtig zu Boden sank. Bei einem Konzert, das Johanna Regina in Begleitung eines Schwagers besuchen durfte, lernten sich die jungen Leute kennen. „Das Mitleiden mit dem jungen Mann und seinen Schicksalen, sein zartes Benehmen, sein schwärmerischer Sinn rührten an mein Herz“, so bekennt sie später, um jedoch sogleich sehr nüchtern fortzufahren: „Doch es war nicht Liebe.“ Die lose Beziehung blieb eine kurze Episode.

Als Johanna Regina Andreä 22 Jahre alt war, machte ein entfernter Verwandter bei Mutter und Tochter seine Aufwartung. Es war der Advokat Johann Friedrich Zeller. Die älteren Schwestern waren schon alle unter der Haube. Seine Aufmerksamkeit galt der jüngsten. „Wir lernten uns kennen und heirateten uns,“ so schreibt sie kurz und bündig in ihrem Lebensbericht. Die Hochzeit richteten ihr die Großeltern Mögling auf dem Bühlhof bei Möttlingen aus, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Danach zog das neuvermählte Paar nach Stuttgart, begleitet von der verwitweten Mutter Andreä. Sie mag eine wertvolle Hilfe gewesen sein, denn was das junge Mädchen sich erträumt hatte, bekam sie nun zur Genüge. Ihr Ehemann war ein umtriebiger und geselliger Mann mit einem großen Bekannten- und Freundeskreis. „Seine vielen Geschäfte und die notwendige Erholung nachher brachten mich bald aus der Einschränkung meiner vier Wände und meines Inneren zurück. Ich hatte jetzt Pflichten, schwere Pflichten. Gott schenkte mir eine Tochter und acht Söhne, von denen noch vier leben“, so erzählt sie später. Aber es waren ja nicht die Kinder allein, viele Verwandte, Freunde und auch Hilfsbedürftige, wie der unglückliche Vikar Harter, gingen im Hause Zeller ein und aus.

Johanna Regina war nun voll ausgelastet, und da bleibt es erstaunlich, woher sie die Kraft nahm, in der Ehe nachzuholen, was ihr in Kindheit und Jugend versagt geblieben war. Als die Kinder heranwuchsen, wurde ihr immer schmerzlicher bewusst, dass sie buchstäblich nichts gelernt hatte. Was tun? Die Hände in den Schoß zu legen, zu lesen und sich selbst zu bilden, dazu hatte sie keine Zeit. Sie beschloss, mit den eigenen Kindern zu lernen. „Ich erzählte ihnen von meinen Wünschen, meiner Sehnsucht nach Unterricht in der frühesten Jugend, wie noch jetzt der Drang danach mich beseelte, wie sie mir die Freude machen könnten, ihren Unterricht mir mitzuteilen. Ich trug das Gehörte als einen Stein zum Gebäude immer höher hinauf, und noch jetzt ist es eine beglückende Stunde für mich, von meinen Kindern belehrt zu werden.“ - Welch großartige Freiheit spricht aus diesen Worten, in denen sie sich gleichzeitig den Kindern als unterlegen und doch auch als ebenbürtig bekennt.

Über die rechte Art, ihre Kinder zu guten und gesunden Menschen zu erziehen, machte sich Johanna Regina viele Gedanken. „Ich habe nie ein Buch über Kindererziehung gelesen,“ so schreibt sie ihrem Sohn, „aber ich war mir klar, dass ich wahr und klar in der Erziehung meiner Kinder sein musste.“ Körper und Geist standen für sie in einer engen Wechselbeziehung, deshalb war Reinlichkeit ein wichtiger Grundsatz ihrer Erziehung. Sie ist die Voraussetzung für körperliche Gesundheit, die es nicht nur zu erhalten, sondern, davon war Johanna Regina überzeugt, auch ehrfürchtig zu achten gilt. Somit trägt jeder selbst Verantwortung für die Gesundheit seines Körpers, denn von ihr wird nicht nur unser äußeres Wohlbefinden beeinflusst, sondern auch unsere innere Kraft hängt von der Gesundheit ab. Sie wiederum befähigt den Menschen, sich aus dem Zwang äußerer Umstände zu befreien. Dazu trägt auch Mäßigkeit beim Essen und Trinken bei, wodurch der Genuss sich erhöht und Rüstigkeit im Alter eher gegeben ist. Auch Bewegung im Freien sah diese Mutter gern. Sie ging sogar so weit zuzugeben: „Alle Leibesübungen sah ich gern in ihren Knabenspielen, und es verdross mich nie, wenn sie in zerrissenen Kleidern nach Hause kamen,“ obwohl damals jede Hose von Hand geflickt werden musste und niemand eine Waschmaschine kannte.

Genauer nahm sie es mit der Forderung an die Kinder, vorn Spielen zur festgesetzten Zeit nach Hause zu kommen, „nicht um der Sorge und Angst willen allein, sondern mehr noch, weil (sonst) der Gehorsam nicht mehr seine Würde hatte.“ Wer würde (las heute so sehen, wo Gehorsam oft nur noch als „blinder Gehorsam“ verstanden und geächtet wird? Für Johanna Regina ist Gehorsam „das erfreuliche Verhältnis von den Kindern zu den Eltern in kleinem Ausmaß wie es das (Verhältnis) des (erwachsenen) Menschen zum himmlischen Vater ist.“ Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten ist für diese Frau der Maßstab und die Richtschnur für ihr eigenes Handeln und für die Erziehung ihrer Kinder in eigener Verantwortung. Ein Vorbild wollte sie für ihre Kinder sein und ließ sich dabei durch zweierlei leiten, „durch ein starkes und schönes Gefühl gegenüber Gott und durch das Höchste im Leben, die Liebe.“

Ihre Familie und die Menschen ihrer Umgebung müssen es gespürt haben, welche Herzenswärme von dieser Frau ausging und mit welcher Hilfsbereitschaft sie Jedem entgegenkam. Sie haben es ihr gedankt. Als Johanna Regina Zeller 1844, zwei Jahre vor ihrem Ehemann, dem Oberjustizrat, gestorben war, sprach es Stadtdekan Gerok an ihrem Grabe aus, wie sie ,,... im Kreise ihrer nächsten Angehörigen und im weiteren Kreise Liebe geübt und Gutes getan hat, ohne müde zu werden.“

Unermüdlich - ja, aber wirklich ohne müde zu werden? Johanna Regina Zeller hat sich die Überwindung ihrer Müdigkeit freiwillig abverlangt, ohne viel Aufhebens davon zu machen, genauso wie die Selbstlosigkeit, mit der sie helfend einsprang, wenn sie gebraucht wurde, „ohne dass es sie Kampf und Überwindung kostete, um den Ihrigen hilfreich zu sein,“ so sagt die Leichenrede. Diese Selbstlosigkeit, für die diese Frau gerühmt wurde, „die gern auf eigene Ruhe und Bequemlichkeit verzichtete,“ kann nur mit großer Willenskraft und Liebe der eigenen Müdigkeit abgerungen worden sein.

Freiwillig und selbstbestimmt hat Johanna Regina Zeller für sich verwirklicht, was sie als den Sinn ihres Daseins erkannt und sich als Ziel ihres Lebens gesetzt hatte. Es war auch eine Art von Selbstverwirklichung, nur unter einem anderen Vorzeichen, als wir es heute verstehen. Ihr ältester Sohn hat ihr Wirken in seinem Nachruf auf die Mutter mit diesen Worten gewürdigt: „Du hast Denkmale der Liebe gesetzt, teure Vollendete, auf jede deiner Spuren, die köstlichsten bleiben eingesenkt in den Herzen des Gatten, der Kinder, der Enkel. Dein Segen, dein Friede ruhe auf uns.“
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