Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Johannes Zeller (1620-1694)
Prälat in Maulbronn

Aus: Rose Wagner, Mosaik – Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, S. 104-110
(----> zum Grabmal Johannes Zellers in Maulbronn)

 
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Im Pfarrhaus von Rotfelden waren vier Söhne herangewachsen, von denen der jüngste, Johannes geheißen wie der Vater und der Großvater, mein Vorfahr war. Alle vier Brüder hatten Nachkommen; die Stammfamilie teilte sich in vier Linien, was aber bis heute dem Gefühl der Zusammengehörigkeit keinen Abbruch tat. Die drei Schwestern heirateten ebenfalls, und auch sie gehören mit ihren Nachkommen dem großen Familienverband bis heute an.

Alle vier Söhne lernten zunächst in sehr jungen Jahren beim Vater Latein, denn ohne Latein war an ein späteres Studium nicht zu denken, und deshalb musste der junge Bub Johannes mit sieben Jahren schon aus dem Haus, - des Lateins wegen. Wie die älteren Brüder vor ihm wurde er zum Präzeptor Straub nach Wildberg in Kost und Logis gegeben, denn der Vater war „mit seinem Latein am Ende“. Und da Johannes vermutlich wie sein Bruder Johann Ulrich Jura studieren sollte, waren Lateinkenntnisse für einen weltlichen Beruf nicht ausreichend, auch Französisch war dazu unerlässlich.

Da fügte es sich gut, dass die älteste Schwester Waldburga die Ehefrau des Hofpredigers und Superintendenten Johann Leonhard Volmar in Mömpelgard war. Dieses, im französischsprachigen Burgund gelegene Städtchen war durch jene Kinderverlobung des württembergischen Prinzen Eberhard und der verwaisten Erbin der Grafschaft Mömpelgard 1397 württembergisch geworden und blieb es bis 1793. Dorthin zog mit elf Jahren der junge Johannes Zeller zu seiner Schwester und besuchte die Schule des Rektors Gujon Brisechou, der ein unbarmherzig strenger Lehrer gewesen sein soll.

Wie einst auch Georg Burckhardt unterrichtete Johannes Zeller mit 14 Jahren die Söhne des Rats und Rentmeisters Beuringer in Mömpelgard. Bald vertraute ihm Beuringer auch die Verwaltung eines Lebensmittel- und Waffendepots für die französischen Truppen an, die in der Nähe stationiert waren. Als dann die Pest nach Mömpelgard übergriff, flüchtete Beuringer mit seiner Familie aufs Land und überließ dem Halbwüchsigen sogar noch die Aufsicht über seine Landwirtschaft! Jedoch nicht für lange. Auch die Schwester Waldburga starb an der Pest in dem schlimmen Jahr 1635 und in der Heimat erlagen Vater und Mutter und zehn nahe Verwandte der Seuche. Die Brüder riefen Johannes zurück, und gemeinsam beratschlagten sie, wie es mit ihm weitergehen könnte. Es war keine Zeit für hochfliegende Lebenserwartungen. Ein Jurastudium ließ sich nicht mehr finanzieren; der fünf Jahre ältere Johann Ulrich hatte es eben noch geschafft und bereitete sich an der Universität Straßburg auf seine Promotion vor. Den Ausschlag für die Berufswahl gab schließlich der Dekan in Calw, unter dessen freundschaftlicher Leitung Johanns Bruder Christoph soeben seine erste Stelle im Kirchendienst angetreten hatte. Johann Valentin Andreä in Calw meinte, es sei am besten, „ihn bei der Theologie zu lassen, weil man folgender Zeit, wann's zu einem besseren Stand kommen sollte, dergleichen Leut wohl würde bedürftig sein.“

Der Fürsprache des Dekans war es auch zuzuschreiben, dass Johannes ins Stift aufgenommen werden konnte, trotz der großen Not, die wie überall auch in Tübingen herrschte. Da die Einkünfte des Stifts durch die Kriegsereignisse für ein völlig kostenloses Studium der „Stiftler“ nicht mehr ausreichten, musste ein jährliches Kostgeld von 40 Gulden von den Studenten erhoben werden. Johann Valentin Andreä, der Sohn der Hofapothekerin, erreichte es, dass die von ihm ins Leben gerufene Stiftung, die „Christlich gottliebende Gesellschaft“ wohlhabender Calwer Bürger das Kostgeld für Johannes Zeller übernahm. Diese, für wohltätige Zwecke vorgesehene Stiftung wurde später als „Färberstiftung“ bekannt, da sie von den reichen Wollhändlern getragen wurde, die das Calwer leichte Wollzeug aufkauften und färbten.

Der junge Johannes Zeller rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen und legte 1640 ein gutes Examen ab. Andreä, der sich nach wie vor väterlich um ihn kümmerte, wollte ihn nicht gleich in den kirchlichen Dienst übernehmen, sondern ihm Gelegenheit geben, die Welt etwas kennen zu lernen. Er empfahl ihn als Lehrer an den Hof in Braunschweig, wo er die Prinzen französisch unterrichten und auch mit ihnen reisen sollte. Aber Johannes wollte lieber in der Heimat bleiben. Er zog es vor, zu seinem Schwager, Johannes Schmid, zu gehen, der Pfarrer in Marbach war. Er scheint dort bei den Leuten so gut angekommen zu sein, dass die Gemeinde die Kirchenleitung bat, ihn als Diakon behalten zu dürfen. Aber dazu kam es nicht. Johann Valentin Andreä, der inzwischen Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart geworden war, nahm ihn als Sekretär und engen Mitarbeiter zu sich. Andreäs Aufgabe war es, die Unordnung und die Verwilderung der Sitten, die durch den langen Krieg eingerissen waren, zu überwinden. Dazu diente ihm auch die allgemeine Volksschulpflicht, die 1648/49 in Württemberg für alle Kinder eingeführt wurde. Mit der Lehrerausbildung lag es allerdings noch lange im Argen; immerhin ein Anfang war gemacht, auch wenn in den Dörfern vorläufig nur im Winter Schule gehalten wurde und manchmal nur notdürftig Lesen und Schreiben unterrichtet werden konnte. Im Sommer musste die ganze Familie zur Mitarbeit bei der Landwirtschaft zur Verfügung stehen, und die jüngeren Mädchen mussten die jüngsten Geschwister beaufsichtigen.

Obwohl die Arbeit als Andreäs Sekretär sicher nicht uninteressant war, - Johannes sagte selbst: „Es sei ihm viel Wichtiges durch seine Hand und Feder geloffen“ - so scheint es doch, dass es den jungen Mann mehr ins Pfarramt drängte. Nur da konnte er sich selbständig und unabhängig machen und daran denken zu heiraten. So übernahm er mit 24 Jahren seine erste Pfarrstelle in Neuweiler und Breitenberg und schickte zwei Jahre später seinen Bruder Johann Konrad als Brautwerber nach Calw zur Familie Geisel, denn der war mit einer Base seiner zukünftigen Frau, einer geborenen Essich, verheiratet. Auch Anna Maria Geisels Mutter stammte aus der weitverzweigten Neubulacher Familie Essich. So kannte man sich untereinander schon, und einer Ehe zwischen Johannes Zeller und der 20jährigen Anna Maria Geisel stand nichts im Wege. Mit dieser Verbindung kam der junge, mittellose Pfarrer in enge Verwandtschaft zu einer der bekanntesten Calwer Familien. Der Brautvater, Josef Geisel, gehörte zu den Wollhändlern, die sich schon früh zur „Calwer Handelscompagnie“ zusammengeschlossen hatten, um das in und um Calw herum produzierte Wollzeug auf den Markt zu bringen. Im Gegensatz zu den früheren schweren Wolltuchen war die Calwer „Engelsait“ ein feineres Wollgewebe, das sich großer Beliebtheit erfreute. Dieses Tuch wurde zwischen 1590 und 1634 in dem Jahr, als Calw völlig verwüstet wurde, schon in großen Mengen hergestellt. Nach Stuttgarter Landtagsakten wurden 1599 auf der Frankfurter Messe 5000 bis 6000 Stück zu einem Stückpreis von ungefähr 6 Gulden verkauft. Die Calwer Händler, die sogenannten „Verleger“, boten die „Engelsalt“ auf vielen europäischen Textilmessen an. Sie wurden reich dabei.

Bitter arm blieben die Weber und ihre Familien. Da die einheimisch erzeugte Wolle nicht für die Tuchproduktion ausreichte, musste die Wolle auch von weither bezogen werden, aber kein Weber verfügte über Kapital für den Aufkauf. Um das große soziale Gefälle ein wenig auszugleichen, war die „Färberstiftung“, alias die „Christlich gottliebende Gesellschaft“ ursprünglich gegründet worden; sie hat manche Not lindern können, besonders nach dem Brand von 1634 und nach der Zerstörung von Calw 1692. Sie hat bis zur Inflation im 20. Jahrhundert bestanden.

Anders lief es mit der „Calwer Handelscompagnie“. Mit dem 30jährigen Krieg kam für etwa drei Jahrzehnte die Tuchproduktion völlig zum Erliegen; aber ab 1650 erholte sie sich schnell. Mit Unterstützung des Herzogs konnte die Handelscompagnie wieder gegründet werden, denn nach dem Krieg strömten Zuwanderer in das Calwer Umland, wo es Arbeit und ein - wenn auch geringes - Einkommen gab. Ende des 17. Jahrhunderts sollen über 4000 Spinnerinnen, Kämmer und Weber in der Wolltuchherstellung gearbeitet haben. Die 23 Mitglieder der Handelsgesellschaft, die „Compagnieverwandten“, gaben sich eine sehr strenge Ordnung. Nicht einmal alle Söhne wurden zugelassen; Töchter verloren ihren Kapitalanteil, wenn sie keinen Compagnieverwandten heirateten. Beteiligte Witwen mussten bei Wiederheirat mit Unbeteiligten ausscheiden. Erst die zunehmende Einfuhr englischer Tuche im Laufe des 18. Jahrhunderts brachte die Calwer in Bedrängnis. 1797 löste sich schließlich die „Calwer Handelscompagnie“ selbst auf.

Zurück ins Jahr 1634, in den 30-jährigen Krieg. Auch die Familie des wohlhabenden Wollhändlers Josef Geisel war vor den anrückenden Truppen in die Wälder geflüchtet und fand ihren Besitz bei der Rückkehr in Schutt und Asche liegen. Notunterkünfte scheinen bald errichtet worden zu sein, man rückte zusammen, aber nun kam der Hunger. Viel Vieh war im Feuer umgekommen, verdurstet oder von den Soldaten geschlachtet worden, und die Ernte, die gut auf dem Halm gestanden hatte, war vernichtet. Johann Valentin Andreä und die Familien der Färber sammelten Geld, um Getreide und Brot zu kaufen. An die 10 000 Gulden kamen zusammen. An bestimmten Tagen der Woche wurden Lebensmittel ausgegeben, und hier ist es, wo uns die achtjährige Anna Maria Geisel zum ersten Mal begegnet. Ihr Vater, der viel zur Beschaffung der Hilfsgüter beigetragen hatte, übertrug es ihr, bei der Verteilung derselben zu helfen. Es war eine verantwortungsvolle Aufgabe, der sie, so jung wie sie war, mit Umsicht nachgekommen sein soll. Im Jahr darauf erkrankten alle Erwachsenen in der Familie an der Pest, und nur die Neunjährige blieb verschont. So soll sie alle im Hause mit Essen versorgt haben, wobei sie beim Kochen auf einem Schemel stehen musste, um die Suppe auf dem Herd rühren zu können.

Im Sommer 1646 wurde Anna Maria Geisel die Frau des 24-jährigen Johannes Zeller. Sie scheint sich schnell in die Rolle einer Pfarrfrau hineingefunden zu haben. Schon einen Monat vor der Trauung hat sie bei einer Taufe in Breitenberg als „Pastoris sponsa“, als die Verlobte des Pfarrers, als Gevatterin mitgewirkt. Leicht ist ihr Einstand ins Eheleben in jener Notzeit nicht gewesen. Neuweiler mit den beiden Filialen Breitenberg und Oberkollwangen, die mehrere Kilometer vom Pfarrort entfernt waren, lag in einer waldreichen, rauen Gegend, die schon in guten Zeiten nicht sehr fruchtbar war. Der „kleine Zehnte“, der dem Pfarrer von seiner Gemeinde zustand, wird in jenen Jahren kaum etwas gebracht haben, und an Besoldung durch die Kirche war nicht zu denken. In der Leichenrede auf Johannes Zeller wird berichtet, er habe damals „ohne Besoldung gedient.“

Kein Wunder, dass sich Johannes Zeller bald nach Münklingen und zwei Jahre später nach Lienzingen versetzen ließ, wo der Boden bessere Erträge brachte. Es heißt, er habe damals unter 40 freien Pfarrstellen wählen können, weil so wenige Pfarrer den Krieg überstanden hatten. Sie waren oft das Ziel besonderer Grausamkeiten der Soldaten gewesen. Aber auch von den ungefähr 450.000 Bewohnern Württembergs waren 1639 nur noch etwa 100.000 am Leben. Hunger, Gewalttaten und die Pest hatten das große Sterben angerichtet. 1648, im Jahr des Westfälischen Friedens, war die Zahl der Bevölkerung jedoch schon wieder auf 166 000 angestiegen, dagegen lag 1652 noch ein Drittel des Ackerlandes, der Wiesen und Gärten brach, war verunkrautet und musste mühsam neu gerodet werden.

In Lienzingen blieben die Pfarrleute zehn Jahre, dort wurden ihnen fünf ihrer acht Kinder geboren. Dann wurde Johann Zeller als Dekan in die Amtsstadt Waiblingen berufen, die vom Kriege noch sehr mitgenommen war. 1669 wurde er Dekan in Vaihingen/Enz und 1680 Abt an der Klosterschule in Alpirsbach. Dort hatten sie die Freude, dass ihr Sohn, - wieder ein Johannes, der Arzt geworden war, - als Stadtphysikus, also als Amtsarzt, eine Stelle im nahe gelegenen Freudenstadt bekam. Allerdings befahl der Herzog dem jungen Ehemann, kaum dass er die Stelle angetreten hatte, den jungen Erbprinzen von Öttingen als Leibarzt auf einer langen Bildungsreise zu begleiten. Diese Aufforderung konnte nicht abgeschlagen werden, denn der Herzog hatte den Mediziner zuvor mit einem großzügigen Reisestipendium zur beruflichen Weiterbildung bedacht. Seine junge Ehefrau, Anna Christina geborene Weyler aus Gernsbach, ging deshalb gern hinüber nach Alpirsbach, wo sie sich herzlich aufgenommen fühlte. Mit der Schwiegermutter verstand sie sich so gut, dass sie dort gern lange verweilte, bis ihr Mann von der Reise zurückkam. Kurz darauf wurde ihm eine Professur in Tübingen angeboten, und die jungen Leute zogen von Freudenstadt in die Universitätsstadt um. Das Ehepaar erwartete sein erstes Kind, und mit Freude, aber wie damals fast immer auch mit Sorge dachten die Schwiegereltern in Alpirsbach an die bevorstehende Niederkunft. Das Enkelkind, ein Mädchen, wurde in Tübingen geboren, aber es war eine schwere Geburt, und der junge Arzt, später ein berühmter Geburtshelfer, konnte seine Frau nicht retten. Auch das Kind starb. Als die Pfarrfrau in Alpirsbach eines Tages am frühen Morgen die Tür öffnete und den Postillion von ferne auf ihr Haus zureiten sah, ahnte sie die traurige Botschaft und brach, vom Schlag getroffen, auf der Türschwelle zusammen. Acht Tage später trug man auch Anna Maria Zeller zu Grabe.

Die beiden verwitweten Männer, Vater Johannes Zeller und sein Sohn Johannes, der Arzt, heirateten beide ein zweites Mal. Viel mehr als heute brauchte damals ein Mann eine Frau an seiner Seite und sicher nicht nur zur Führung des Haushalts. Die Frau war die Ansprechpartnerin, die alle Sorgen teilte, die dem Ehemann aber auch den Rücken frei hielt für seine tägliche Arbeit. Sie war gleichzeitig Mittelpunkt für die Familie und für deren geselliges Umfeld.

Die zweite Frau des Abts in Alpirsbach wurde Anna Katharina Eislinger, mit der er 1689 nach Maulbronn umzog, wo er bis 1694 an der Klosterschule als Prälat wirkte. Es waren wieder aufregende Jahre. Als der französische König Ludwig XIV. in die Pfalz einfiel, um sich nach dem Tode seiner Schwägerin, Liselotte von der Pfalz, widerrechtlich ihr Erbe anzueignen, machten seine Truppen an den pfälzischen Grenzen nicht Halt. Der berüchtigte französische General Melac fiel 1692 mit seiner zügellosen Soldateska in Württemberg ein, und Maulbronn lag auf seinem Weg nach Stuttgart. Lehrer und Schüler der Klosterschule flüchteten, aber Prälat Zeller blieb auf seinem Posten. Zwei Jahre später durfte er am 25. Juli 1694 sein 50-jähriges Dienstjubiläum feiern. Hellsichtig predigte er über Lukas 2,29: „Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast.“ Drei Tage danach starb er. In der Klosterkirche ist noch heute sein Grabmal zu finden, vor dem hin und wieder die Nachfahren eine Weile innehalten, wenn sie die schöne Kirche besuchen.

Im Übrigen haben auch die drei älteren Brüder des Prälaten in Maulbronn, die wie er in Rotfelden geboren wurden, Karriere gemacht. Bei der Taufe des württembergischen Prinzen Johann Friedrich assistierten sie alle drei. Christoph als Hofprediger vollzog die Taufe, Johann Konrad vertrat als Pate die württembergischen Landstände, und Johann Ulrich sprach als herzoglicher Rat im Namen des Herzogs den Taufgästen dessen Dank aus. - Der Prälat von Maulbronn steht als Stammvater sogar mit seinen beiden Söhnen, Christoph und Johannes, in unserer Ahnenliste. Die Linien, die zunächst auseinanderlaufen, vereinen sich nach vielen Generationen wieder - keine Seltenheit im kleinen Land Alt-Württemberg.

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