Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Christian Heinrich Zeller
Gründer der Anstalt Beuggen - „Urgroßvater der Pädagogik“

Vortrag von Gottfried Dehlinger, Professor an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen Reutlingen, auf dem Familientag 1983 in Stuttgart-Bad Cannstatt.
 
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                                                                                  Schloss Beuggen

Entwicklung zum Erzieher und Lehrer

Der gehorsame Sohn studiert auf den Wunsch des strengen Vaters Jura. Zur Pädagogik kommt er erst, als der Hofrat Christian David Zeller anerkennen muss, dass sein Sohn nicht zum Advokaten taugt, und er auf seine ehrgeizigen Pläne verzichtet: einen Zeller in die höhere Beamtenlaufbahn am Hofe zu bringen.

So beginnen für Christian Heinrich 1801 die Lehr- und Wanderjahre als Erzieher und Lehrer mit den Stationen Augsburg (1801-1803), St. Gallen (1803-1809) und Zofingen (1809-1820). Zunächst als Hofmeister für einen adligen Zögling, dann als einziger Lehrer für dreizehn Bürgersöhne in St. Gallen, und zuletzt weitet sich sein pädagogisches Arbeitsfeld zum Direktor und Reformer des Stadtschulwesens in Zofingen. Ab 1802 beginnt er sich mit Pestalozzi zu beschäftigen. Nach einem Besuch in Burgdorf, 1803, in seiner ersten Vakanz in St. Gallen, ergreift ihn eine tiefe Pestalozzibegeisterung. Er erkennt, dass im Zentrum der Vorstellungen des Meisters nicht die Elementarbildung steht, die damals seinen Ruhm ausmachte, sondern die Menschenbildung, Pestalozzis Herzensplan, das Elend des Volkes zu mindern, wie er es in einem Bericht über seinen Besuch formuliert. Es ist die Zeit, in der Zeller noch an die Erziehung des Menschen durch Menschen glaubt und in Jesus den „erhabensten Menschen“ sieht, der „vor 1800 Jahren ein noch nie erreichtes Muster hinterlassen hat“. Aber Pestalozzi hat nach Zellers Überzeugung eine zentrale Lücke in seinen Erziehungsvorstellungen. Zwar sind seine Ideen, was die moralische und religiöse Bildung der Kinder anbetrifft

„ebenso einfach als rührend. Aber ihr Detail liegt ihm selbst noch so dunkel und unbearbeitet ... in seiner Seele ..., und das Gespräch eines ganzen, mir sehr interessant gewordenen Abends, war nicht im Stande, uns zu einem einstimmigen, heiteren und entwickelten Resultat zu führen.“

Diese Lücke gefüllt zu haben, ist der Anspruch der späteren Zellerschen Pädagogik.

Zellers „Reglement für die sämtlichen Schulen der Stadt Zofingen“

Auch die Ernennung zum Stadtschuldirektor in Zofingen steht im Zusammenhang mit Pestalozzi. Die Stadt bemüht sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts um eine Verbesserung ihres Schulwesens. Von einem Pestalozzischüler verspricht man sich die notwendigen Reformgedanken. Als Karl August Zeller absagen muss, tritt der jüngere Bruder an die Stelle und der vermutete Verlust erwies sich für die Stadt als Glücksfall. Binnen eines halben Jahres legt er einen Plan vor, der als Reglement für die sämtlichen öffentlichen Schulen der Stadt Zofingen zur Grundlage der Reform gemacht wird. Zeller erfährt höchstes Lob seiner Behörden, er erhält eine Diskretion (Belohnung), und sein Plan wird den anderen Städten des Kantons als nachahmenswert empfohlen. Mit Recht! Der Plan sucht seinesgleichen in der Zeit. Er besticht durch geschlossene Systematik, Einheitlichkeit und Einfachheit. Zeller ist es gelungen, die pädagogischen Vorstellungen Pestalozzis dem überschaubaren Rahmen der Stadt so anzupassen, dass eine lebendige, arbeitsfähige Organisationsform entsteht. Es lohnt sich, diesen Entwurf etwas genauer zu betrachten.

Zeller faßt die sieben Schulen der Stadt inhaltlich und organisatorisch so zusammen, dass zusammengenommen eine Schulanstalt entsteht, deren Theile so zusammenstimmen müssen, dass der Zweck der Schulbildung durch sie alle erreicht werden möge. Zweck der Schulbildung ist es,

„dass durch einen naturgemäßen ... Schulunterricht, verbunden mit einer wirksamen und gewöhnten Schulzucht, eine solche Schulbildung aller Kinder der hiesigen Stadt erzielt werde, wodurch die von Gott in das Kind gelegten Kräfte erregt, die erregten Kräfte entwickelt, die entwickelten Kräfte gestärkt, und die Kinder zu allem Guten gerichtet und gewöhnt werden mögen, dass jedes Kind für zeitliche und ewige Zwecke des guten Menschen, so weit es durch öffentliche Bildung schwachen Menschen möglich ist, vorbereitet und tüchtig werde.“

Alle körperlichen Strafen sind in der Regel abgeschafft; geht es nicht anders, und muss ein Kind bestraft werden, so fordert Zeller:

„Nie aber werde ein Kind in Gegenwart anderer Kinder körperlich gezüchtiget, sondern stets allein, damit sein Ehrgefühl geschont bleibe. In jedem Falle werde das Kind für alle die Fälle gewarnet, wo es körperlich gezüchtiget werden muss.
Das Vorbild des Lehrers steht obenan, und soll er den Grund für die Fehler der Kinder zu allererst in sich selbst und in seinem eigenen Beyspiel suchen. Die Liebe des Lehrers spricht zu dem Kinderherzen ohne Worte, durch den ganzen Ausdruck des Wesens, durch die That. Wenn sie so spricht: so wird sie Gegenliebe erzeugen, und durch diese Erwiederung die ganze Schulzucht über alle Maaßen befördern.“

Die Zitate sprechen für sich selbst!

Dennoch muss man feststellen, dass das aus Pestalozzischen Idealen und Methoden entwickelte Zofinger Schulwesen rasch an die Grenzen der sozialen und ökonomischen Realität stößt. Die zahlreichen Schulversäumnisse zwingen zur Errichtung einer Armen- und Arbeitsschule, die durch Begrenzung der Schulzeit (und der Fächer) Rücksicht auf die notwendige Kinderarbeit nimmt. Der Armenschule zugeordnet ist die Landschule; beide gehören zur unteren Klasse des Elementarschulwesens. Zitat aus der Armenschulordnung, von Zeller entworfen:

„wenn genug Platz vorhanden ist, soll wo möglich auch der nothwendigste Schreibunterricht erteilet werden.“

Zellers Verhältnis zu Pestalozzi

In der Zeit ab 1813 kann man bei Zeller eine innere Veränderung beobachten. Angesichts der Konfrontation mit Armut und Verwahrlosung entwickelt er neue Vorstellungen von dem, was in der Zeit not ist. In einer Landschulinstruktion schreibt er zum Schluss:

„In der Erwartung nun, dass diesen Vorschriften getreulich und von allen Seiten Folge geleistet werden, haben wir die gute Hoffnung, dass die grobe Unwissenheit im Worte Gottes verhindert, und Gottesfurcht, Erkenntniß derWahrbeit und Geschicklichkeit heilsam und fruchtbar ausgebreitet werden möge.“

Die konkrete Erfahrung der Realität, die mit einer inneren Entwicklung zusammentrifft und diese beschleunigt, bestimmt Zellers Verhältnis zu Pestalozzi neu: Die Aufgabe der Erziehung der Armen tritt in sein Blickfeld, gleichzeitig erfolgt die innere und äußere Hinwendung zum Pietismus. Der tägliche Umgang mit dem Wort des Evangeliums im Bibelstudium, bei Konfirmandenunterricht und Bibelstunden für Lehrer, Eltern und Kinder macht aus dem Pädagogen Zeller unmerklich einen theologischen Lehrer, für den Schule und Kirche, Erziehung und Verkündigung, Erlösung als Voraussetzung für Bildung, mehr und mehr in einen unmittelbaren Zusammenhang geraten, bis er zuletzt das Wesen der wahren Erziehung definiert als

„Erlösung von der Sünde und eine Wiederherstellung zu dem Ebenbilde Gottes durch den Geist und das wiedergebährende Lebenswort seines eingeborenen Kindes.“ (1827)

Naturgemäße Entwicklung ist seit dem Sündenfall Entwicklung der Sünde und des Todes ... Die wahre Erziehung soll uns aber zum ewigen Leben fähig machen .., und hier kann naturgemäß nicht geholfen werden. So füllt Zeller die Lücke der Pestalozzischen Menschenbildung; sein zentrales Bildungsmittel, dem sich alles andere zu- und unterordnet, wird die Verkündigung des Evangeliums.

Noch fehlt jedoch die konkrete Möglichkeit der Realisierung.

Leitung der Armenschullehrer- und Armenkinderanstalt in Beuggen

Im Zusammentreffen mit Mitgliedern der Basler Christentumsgesellschaft eröffnet sich ihm das neue Arbeitsfeld. Vor allem die Freundschaft mit Christian Friedrich Spittler, dem Sekretär und Organisationsgenie der Gesellschaft, führen ihn vom Entwurf einer Konzeption (1817) bis zur Übernahme der Leitung der neugegründeten Armenschullehrer- und Armenkinderanstalt in Beuggen am Oberrhein, unweit von Basel. Es ist eine schweizerische Anstalt auf badischem Boden württembergischer Prägung pietistischer Provenienz. In diesem überschaubaren Bereich bleibt Zeller 40 Jahre lang bis zu seinem Tode. Aus dieser pädagogischen Praxis und für diesen Wirkungskreis entstehen seine Schriften; Lehren der Erfahrung für christliche Land- und Armenschullehrer (1827). Auch das ab 1829 erscheinende „Monats-Blatt von Beuggen“ richtet sich zunächst an die Absolventen und Pflegekinder in der Zerstreuung, findet jedoch weite Verbreitung. In Beuggen wird für die zahlreich herbeiströmenden Besucher (in den ersten 14 Jahren mehr als 23.000!) die pädagogische Kompetenz Zellers sichtbar und erlebbar, die Identität von Person und Werk, von Theorie und Praxis auf der Grundlage christlichen Glaubens. Ein Besucher schreibt:

„Beuggen ist eine ganz unvergleichliche Lehranstalt - die Kinder und das ganze Haus sind so vergnügt u(nd) heiter, dass man in einer ganz neu belebendcn Atmosphäre sich zu befinden glaubt. Zeller ist ein Mann von seltener Lehrfähigkeit. Durch das ganze Haus, wozu sein liebens- und achtungswürdiges Weib mit ihren 5 Töchterlein ein gut Theil beiträgt, waltet ein christlich-froher, evangelisch f reyer Sinn u(nd) Geist ... Ich wünschte nichts mehr als 8 bis 14 Tage ungestört in derselben verweilen zu können, um den Gang der Methode richtig aufzufassen, Man sieht, dass Zeller als Mann von Geist das Lehr- und Erziehungswesen betreibt ...“

Breitenwirkung der Zellerschen Pädagogik

Von Beuggen aus, er reist sehr wenig, wird Zeller zu einem der führenden Pädagogen der Erweckungsbewegung. Dazu beigetragen hat ohne Zweifel die Verbindung und Auseinandersetzung mit Pestalozzi. Zeller erfüllt das Vermächtnis des alten Meisters: die Ausbildung von Armenschullehrern und die Erziehung armer Kinder. Diesen Eindruck bekräftigt der Besuch Pestalozzis in Beuggen (1826), ein Jahr vor dessen Tod. Das war's, was ich wollte, soll er nach der Überlieferung gesagt haben.

Zellers Bedeutung und Einfluss wird nur verständlich, wenn man seine Person, sein individuelles Wirken, die Ausstrahlungskraft der Anstalt, wie sie sich vor allem in den großen Jahresfesten zeigt, in den größeren Zusammenhang des württembergisch-schweizerischen Pietismus stellt. Von Beuggen gehen die Verbindungslinien über Basel und Stuttgart, den alten Zentren der Christentumsgesellschaft, in die ganze Weite des pietistischen Umfeldes: nach Württemberg und in die Schweiz, ins Elsaß, nach Baden, ins Rheinland, nach Preußen, Russland und Nordamerika; und via Basler Missionshaus, auf die Arbeitsfelder der Missionsgesellschaft.

Zellers Vorstellungen eines Armenschullehrers kontrastiert stark zu dem in den staatlichen Seminaren gebildeten Volksschullehrer (z. B. Esslingen), der sich seines Wissens und Könnens bewusst von der Vormundschaft der Kirche zu befreien sucht, der sich organisiert, standesbewusst wird; wir würden sagen, der zur Professionalisierung drängt. Die Beuggener Konzeption orientiert sich nach unten, an der Realität des niederen Volksschulwesens, an der Bestimmung ihrer Kinder für die Armut und an der drohenden Auflösung der christlichen Familie. Demut, Bescheidenheit, Bereitschaft zur Handarbeit und vor allem das Verständnis des Berufes als Mission: Hinführung der Kinder zu ihrem Erlöser, sind die Voraussetzungen, zu denen eine grundständige methodische und inhaltliche Ausbildung tritt.

Die in dieser Gegenkonzeption enthaltene Kritik trifft die damalige Seminarbildung an einem zentralen Punkt, weil diese zum großen Teil an der Realität der Land- und Armenschulen, die von ca. 90 Prozent aller Kinder besucht werden, vorbeigeht. Diese Schulen brauchen den solide und einfach ausgebildeten Lehrer, der den Kindern in sehr großen Klassenverbänden Elementarunterricht erteilt.

Als aus politischen Gründen, um die drohende Emanzipation des Volkes zu verhindern, in der Zeit der Restauration die Beschränkung der Bildungsziele in der Volksschule und bei der Ausbildung der Lehrer zum Programm erhoben wird, und man auf die Vorstellungen Zellers zurückgreift, wird das im positiven Sinne konservative Lehrerbild reaktionär.

So erhalten nach 1848 in Württemberg eine Zeitlang die Absolventen von Lichtenstern und Tempelhof - Anstalten, die in der Zellerschen Tradition arbeiteten - den Vorzug vor ihren Kollegen aus den staatlichen Seminaren. Und 1854 geht die Vorstellung des Armenschullehrers in die sogenannten Stiehlschen Regulative ein, ein Erlass des Preußischen Kultusministeriums, der von den liberalen Lehrern als Kampfansage verstanden wurde, weil er die Lehrerbildung auf das Niveau des alten Schulmeisters zurückschrauben wollte.

Für die Geschichte der Diakonie erhält Beuggen noch eine besondere Bedeutung. Es wird zum Ausgangspunkt der Rettungshausbewegung. Vor allem in Württemberg findet diese Arbeitsform der Inneren Mission Eingang: 1345 gibt es hier 22 Erziehungsanstalten für arme und verwahrloste Kinder. Und weiter: Zeller legt den Grundstein zur berufsmäßig betriebenen, christlich bestimmten Sozialarbeit. Weil er im Armenlehrer auch den Erzieher sieht und dieser Funktion neben der Vermittlung von Kenntnissen fast größere Bedeutung zumißt, und weil die Absolventen von Beuggen in der zu diesem Zweck mitgegründeten Kinderanstalt ein entsprechendes Übungsfeld vorfinden, sind sie prädestiniert für die Obernahme eines Hausvateramtes in den entstehenden Rettungshäusern. Wichern, er erhält aus Beuggen seinen ersten Gehilfen, baut 16 Jahre später dankbar auf Zellers Vorarbeit auf.

Die ungleichen Brüder Christian Heinrich und Karl August

Die biographischen Berührungspunkte sind nicht so häufig, wie man sie eigentlich bei Brüdern vermuten könnte. Karl August wird als sechsjähriger von Hohenentringen nach Böblingen zur Großmutter gegeben; und erst sechs Jahre später kommt er wieder zu seinen Eltern und Geschwistern, nachdem der Vater das Schloss an Herzog Carl Eugen verkauft hatte. Schon nach zwei Jahren, Christian Heinrich ist gerade neun Jahre alt, muss der ältere Bruder seine Laufbahn in den Seminaren Denkendorf und Maulbronn antreten.

Vielleicht liegt in diesem frühen und sich wiederholenden Herausgerissenwerden aus der vertrauten Umgebung der Grund für die spätere Unrast? Karl August beklagt sich in einem Brief an seinen Bruder (17. 11. 1798) über die lange Zeit seines Klosterlebens, zu der er verdammt war, sich selbst überlassen, ohne Freund und Führer. Im Oktober 1796 treffen die Brüder in Tübingen wieder zusammen. Karl August steht in seinem letzten Theologiesemester, Christian Heinrich im ersten Jurasemester.

Aus Brünn, seiner ersten beruflichen Station als Lehrer und Hilfsprediger, schreibt Karl August im oben zitierten Brief:

„Lieber guter Heinrich! ... Dass wir uns doch einander jetzt erst und nur schriftlich in unsrer wahren Gestalt zeigen mussten- Wie schlugen wir uns mit Syllogismen und Fäusten herum; und wann wagte es je einer - kannst du die Ursache dieser närrischen Erscheinung begreifen - Empfindungen der Liebe und Freundschaft gegen den anderen zu äußern?“

Christian Heinrich hat sich dem Bruder nicht allzuweit geöffnet. So verschweigt er ihm die für ihn so wichtige Geschichte seiner Verlobung mit Henriette von Rad aus Augsburg. Ich vermute, dass es ihm vor allem um die pädagogische Diskussion mit dem erfahreneren Bruder geht. Er sucht Ratschläge und erhält sie; Karl August spinnt Pläne für eine gemeinsame pädagogische Arbeit und hilft bei der Stellensuche. Es scheint, als hätten die Brüder im Interesse an der Erziehung ein Thema gefunden, das es ihnen ermöglicht, die aus den unterschiedlichen Charakteren entstehenden Schwierigkeiten zu überbrücken.

Im August 1803 besuchte Karl August Zeller Pestalozzi in Burgdorf. Sein Bruder nutzt die Herbstferien in St. Gallen ebenfalls zu einem Besuch. Vielleicht haben sich die Brüder in den ersten Oktobertagen getroffen. Für Karl August beginnt nach diesem Besuch die Zeit der rastlosen Suche nach einem Wirkungskreis, in dem er im Sinne Pestalozzis arbeiten könnte. Christian Heinrich verarbeitet die Eindrücke behutsam in seinem Denken und in seinem täglichen Unterricht. Pestalozzi wird zu seinem verehrten Vorbild. Seiner Braut schreibt er (21. 10. 1803):

„Lieb Jette, ich dachte eben an Pestalozzi. Seitdem ich ihn und seine Zwecke kenne, kann ich Ihnen nicht sagen, mit welcher Wichtigkeit ich eine Mutter betrachte. Es ist unaussprechlich, wieviel Gutes eine Mutter ausrichten kann, wenn sie nur allein den natürlichsten Trieben, die der Schöpfer ihr gegen die Kinder eingepflanzt, mit Vernunft sich überläßt.“

Und er kommentiert seine Schularbeit im Winterhalbjahr 1803/04:

„Die Pestalozzische Rechenmethode hat ihre Nützlichkeit und psychologische Zweckmäßigkeit auch in unserer Schule bestätigt.“

Im Juli 1805 bewirbt sich Karl August um eine Lehrerstelle am Gymnasium in St. Gallen, die er im September dann antritt. Das Schulratsprotokoll berichtet:

„Der Herr Magister Zeller und der Herr Pfarrer Zollikofer haben... nun ihre Lehrstellen angetreten, und es läßt sich von beyden, besonders von dem erstern, alles gute verhoffen.“

Am 18. 9. legte Karl August einen Aufsatz über Schuldisziplin vor, den man für sehr gut befindet und dann heißt es am 23. 10. 1805 im Protokoll:

„Der Herr Magister Zeller hat, unter dem Vorwand, dass er in einen weitern Wirkungskreis gesezt zu werden wünschte, und solchen in Ulm zu erhalten hoffe, schriftlich seine Demission von seinem Lehrposten eingegeben. Dieser so ganz unerwartete Entschluß des H. Zeller erregte nicht geringes Befremden, und gab Anlaß den wankelmüthigen Charakter dieses Mannes näher kennenzulernen, indessen glaubte man doch einen Versuch machen zu müssen, um denselben, wo möglich, auf andere Gesinnungen zu leiten.“

Als der Ulmer Plan scheitert, versucht Karl August seine Stelle nocheinmal zu verlängern, was wiederum Verärgerung auslöste. Ohne Zweifel, der Name Zeller hatte in der Stadt Schaden erlitten, und es war sicher nicht einfach für den jüngeren Bruder, diese Vorgänge vergessen zu machen. Das Verhältnis der Brüder hat eine Belastung erfahren.

In Zofingen (1808) ist der nächste Berührungspunkt. Karl August Zeller wird seit seinen Züricher Schulmeisterkursen zu den bekannten Schülern Pestalozzis gezählt und soll das Schulwesen der kleinen, aufstrebenden Stadt verbessern. Als er die Stelle nicht antreten kann, weil ihn der württembergische König nach Heilbronn beruft (auch Württemberg ist an der neuen Lehrart interessiert), schlägt er seinen Bruder vor. Doch dieser zögert, die neue Tätigkeit anzunehmen, obwohl sie ihm eine wesentliche Verbesserung seines Einkommens verspricht. Er kann zwischen seiner Begeisterung für die neue Pädagogik und seinem eigenen Wissen und Können unterscheiden. Erst nach etlichen zusprechenden Briefen des Zofinger Pfarrers, einem Studienfreund aus Tübingen, überwindet er seine Skrupel und nimmt die Stelle an. In seinem 11 jährigen Wirken erweist er sich als begnadeter Pädagoge mit großem Planungs- und Organisationsgeschick. 1814 besucht ihn sein Bruder. Welche Gefühle wohl in Karl August aufstiegen, als er sieht, in welcher Kontinuität sein Bruder arbeitet und dies mit seinem Scheitern in Preußen - er war damals nach Königsberg in Marienburg - vergleicht! Er hinterlässt seinem Bruder eine Ladung seiner Bücher zum verkaufen. Danach reißt die Verbindung für vier Jahre ab.

Am 21. 10. 1818 schreibt Christian Heinrich an Karl August nach Münsterwalde:

„Es sind nun bald 10 Jahre, dass ich hier in Zofingen lebe und wirke. Freylich im Stillen, ohne Aufsehm in der Welt, die von mir nichts weiß, außer dass sie mich manchmal mit Dir, meinem berühmten Bruder verwechselt. Erst jetzt scheint dieser Bach auf einmal eine andere Richtung nehmen zu wollen ... Ich strecke meine Hand aus nach Dir und Deinem Rate, lieber Karl! ...“

Er steht vor der schweren Entscheidung, sein Amt als Stadtschuldirektor mit der ungewissen Zukunft als Leiter einer Armenschullehreranstalt zu vertauschen. Weißt Du einen besseren und tauglicheren Mann als ich bin für diese Anstalt?

1834 besucht Karl August, inzwischen nach Württemberg zurückgekehrt, Beuggen. Noch einmal versucht er nach dem Vorbild des Bruders etwas Bleibendes zu schaffen. Aber nach 1 ½ Jahren übergibt er die Armenkinderanstalt in Lichtenstern an Ludwig Völter, der die Anstalt nach der Konzeption seines Schwiegervaters, Ch. H. Zeller, gestaltet. Karl August zieht sich nach Stuttgart zurück. Der Kreis schließt sich 1839, als Karl August in einem Brief äußert:

„Jedenfalls sage ich dir, dass es mein Lieblingswunsch ist, mit beiden Kleinen nach Beuggen zu ziehen und unter deinen Gebeten die müden Augen zu schließen.“

Karl August Zeller stirbt am 23. 3. 1846 in Stuttgart.

Zwei Wege zur Verbesserung des Schulwesens und der Lehrerbildung

Die unterschiedliche Auseinandersetzung mit Pestalozzi charakterisiert die Persönlichkeiten der beiden Brüder. Karl August geht es um die rasche Umsetzung des Pestalozzischen Ansatzes in einer Verbesserung des Schulwesens. Sein Schwerpunkt wird so die Methodik, der Christian Heinrich (s. o.) einen geringeren Rang zuspricht. Er geht dem Meister auf den Grund, begreift die tieferen Zusammenhänge der Menschenbildung und räumt diesen Gedanken und Empfindungen genügend Zeit zur Reifung ein. Von dieser Basis aus kann er in Zofigen und in Beuggen sein Arbeitsfeld im Sinne Pestalozzis gestalten.

Die Lehrerbildung hat für beide Brüder zentrale Bedeutung. Karl August hat früh erkannt, dass zur Verbesserung des Schulwesens gut ausdebildete Lehrer die Voraussetzung sind. Drei Wege waren möglich:

1. Die Verbesserung der handwerksmäßigen Ausbildung zum Schulmeister. Dieser Weg schien zu punktuell und langwierig. Man brauchte viele Meister, die die neue Methode verstanden.

2. Die Reform der bestehenden Schullehrerseminare. Dieser Weg war den meisten Staaten zu teuer. Außerdem erforderte er mindestens drei Jahre Zeit, bis die ersten Absolventen in die Praxis kamen.

3. Die Einrichtung von sogenannten Normalinstituten: An einem schon bestehenden Waisenhaus wird eine Musterschule eingerichtet, an der im Beruf stehende Lehrer nachgebildet werden. Gleichzeitig kann aus den Waisenkindern der erforderliche Nachwuchs herangezogen werden.

Das war der Weg Karl Augusts. Er hält in Zürich (1806 und 1807) und in Heilbronn (1808/09) Lehrerkurse ab und wird zum Vertreter dieser Konzeption in Preußen.

Die Arbeitsweise der Schullehrerkurse in Normalinstituten kommt Karl August in verhängnisvoller Weise entgegen: Kurzfristige (große) Anstrengungen, die rasch zu einem Ziel führen sollen. In Zürich bildet er 1807 234 Lehrer aus! Sein Generalplan für Preußen sieht vor, dass der gesamte Schullehrerstand des Landes in 2 bis 3 Jahren veredelt sein sollte. Überspitzt läßt sich sagen, dass Karl August kaum über Schulmeisterferienkurse hinaus kommt. Die inhaltliche Vertiefung, das kontinuierliche Arbeiten, Bildung im Sinne Pestalozzis konnte so nicht verwirklicht werden. Dennoch hat er den Boden für ein neues Verständnis von Schule, Methode und Unterricht in Württemberg und Preußen vorbereitet.

Christian Heinrich muss zum ersten Mal in Zofingen Lehrerbildung treiben und planen. Er versammelt die Lehrerinnen und Lehrer einmal wöchentlich abends in seiner Wohnung, um sie von der Wichtigkeit, ja „Heiligkeit“ des Erzieherberufes zu überzeugen und sie mit den neuen Methoden vertraut zu machen. Für die Lehrer des Kantons richtet er Fortbildungskurse ein. 1815, ein Jahr nach dem Besuch seines Bruders, legt er der Bezirksbehörde einen umfangreichen Vorschlag zur Verbesserung des Kantonschulwesens vor. Zur Lehrerbildung schreibt er:

„Alles was der Staat bisher für den Unterricht von Landschullehrern gethan hat, ist unzulänglich gewesen. Denn wenigstens in unserm Bezirk ist nun bereits die ganze Zahl der in zwey Sommerhalbjahren unterrichteten Männer in den seitdem erledigten Landschulen angestellt worden, und schon seit einiger Zeit mu%lten zu den jüngsterledigten Schulstellen Leute ernannt werden, die in keiner öffentlichen Lehranstalt gebildet werden konnten ...“

Sein Vorschlag sieht die Errichtung eines stehenden Kantons-Schullehrer-Seminarium vor, das an eine vorhandene Armenschule sich so anschließt,

„dass nicht nur die Armenschüler selbst, falls sie sich dem Schullehrerstande wiedmen würden bey erprobten Fähigkeiten dazu, in den respectiven Gemeinden als Lehrer das Vorzugsrecht erhalten könnten, sondern es könnte auch alljährlich eine bestimmte Zahl Schullehrer oder Schullehrerkandidaten einberuf?n werden, und theils als Schüler theils als Gehülfen des Armen Lehrers einen oder mehrmals wiederholte Lehrkurse ... mitmachen.“

In der Konzeption knüpft also Christian Heinrich an das Normalinstitut seines Bruders an.

Vier Jahre später, beim Entwurf für die zukünftige Armenschullehrer- und Armenkinderanstalt, hat er den Gedanken des Normalinstituts hinter sich gelassen. Beuggen soll im Sinne Pestalozzis nicht nur ein herkömmliches Seminar sein, in dem - so lautet die Kritik - die Lehrer zu Hochmut erzogen, mit Theorie, Wissen und Buchstaben vollgestopft werden und die Zöglinge ihrer armen Sphäre entrissen sich von ihrer Basis entfremden. Beuggen soll auch kein Normalinstitut werden. Nein, ihm schwebt etwas anderes vor:

„Stellten (die) Seminare ein christliches Familienleben, eine arme, stille Christenhaushaltung dar? ... Der Menschenfreund sieht sich mit Mühe nach einer solchen Anstalt um, so viel es auch Schullehrerseminare gibt, und der alte Pestalozzi seufzt noch am Abend seines Lebens nach einer Armenschule, wie sie jetzt nur in seinem Gemüth lebt. Meines Wissens gibt es in deutschen Landen noch keine, von einem Privatverein von Christen errichtete, mit einer Kinderanstalt verbundene, mit Lehre, Lernen, Handarbeit und häuslicher Erbauug abwechselnde, eine christliche Haushaltung bildende, christliche Armenschullehreranstalt.“

Die Anstalt als Familie mit Vater, Mutter, Kindern und Brüder, in der gemeinsam gelebt, gelernt, das Gelernte angewandt und gearbeitet wird.

Der Armenschullehrer als Vermächtnis Pestalozzis, die Armenerziehungsanstalt als große Haushaltung, in der die Kräfte der Familie wohltätig und fördernd auf die Glieder einwirken - Christian Heinrich Zeller und wohl auch Pestalozzi waren der Meinung, dass dieses Vermächtnis in Beuggen erfüllt wurde.
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