Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Aus dem Kriegstagebuch von Friedrich Zeller
gefallen bei Ypern 25. Sept. 1916

Von Liesel Reichle-Zeller in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell, Festschrift, Hg. Martinszeller Verband e.V.
zum 150 Jahrestag der Zellerstiftung von 18183, Stuttgart 1988, S. 189-198

 
 

Aus dem Tagebuch:

13. August 1916.
Morgens für Urlaubs- und Fahrschein gesorgt. ...
8 Uhr 59 Abfahrt mit vielen Offizieren nach Brügge. Zuerst war ich in zwei Kirchen, der Kathedrale und der Liebfrauenkirche. Beide standen voll Menschen, so da/ä ich nichts sehen konnte als den Eindruck des Raumes. Die Kathedraleganz bun4 zu viele Farben, marinorner Lettner, darüber die Orgel, aber doch nicht recht harmonisch. Dagegen in der Liebfrauenkirche, da flutete das Licht silberweiß durch den leuchtend hellen Raum, durch die 5 Schiffe hindurch  Wieder durch träumende Gässchen hindurch. Man sah in die Stuben hinein, zu ebener Erde: ein Herd, wo es brotzelte, ein Muttergottesbild zwischen Blumen, ein Tischchen mit Stuhl auf dem reich gemusterten Fliesenboden, alles puppenhaft klein und blitzsauber, dahinter der Hof. Am Großen Markt sind die Hallen, ein trotziges Viereck. ...
Ich kletterte auf den Belfried, von wo alle Viertelstunde das Glockenspiel tönt. Die Aussicht ist sehr schön, man war ganz nahe mit den lichtweißen, zarten Wolken. Leider wurde ich ganz oben von den Fliegerposten gleich wieder heruntergejagt: - 4 Uhr 18 wollte ich nach Ostende fahren. Ich ging in einkleines Cafe, um zu überlegen. Da kamen drei Matrosen herein, die trugen in einem Netz viergroße Glaskugeln. Das sei ein U-Bootnetz, die Glaskugeln sollten es schwebend erhalten. Hier in Brügge seien U-Boote und andere Kriegsschiffe zu sehen. Da ließ ich den Schnellzug nach Ostende und die Liebfrauenkirche mit der berühmten Madonna von Michelangelo und fuhr an die Werft. Dort lagen vier U-Boote, teilweise bemalt mit bösen Augen und Mäulern voller Zähne, was namentlich dann drollig aussah, wenn sie zwei Vorderflossen hatten. Es sind in Wirklichkeit Schutzdeckel für die Steuer. Zwei Taue liefen von dem Ende über den Kommandoturm, das ist, um leichter aus den bösen Netzen wieder herausschlüpfen zu können. ...
In Ostende lockten mich die Dünen, deren scheinbare Nähe mich täuschte. Die Luft war unbeschreiblich klar, und alle Dinge leuchteten vom nahen Meer. In den Dünen steckten die Strandbatterien. Ich ließ mir Erlaubnis geben, und mit meinem Urlaubspaß durfte ich alles sehen, den elektrisch geladenen Stacheldraht, die Infanteriestellungen, hinter den Dünen die vier Achtundzwanziger. ...
Am Badestrand von Ostende leuchtend gelber Sonnenuntergang wenig Muscheln, nur an einer Stelle war interessantes Tierleben: da lagen in gemeinsamer Luftnot nach Wasser schnappend allerhand Krabben und Krebse, auch glitzernde Fischlein, eines mit drei schwarzen Stacheln auf dem Rücken, und eine Qualle, die geradeso aussah wie für 50 Pfg. Sulze in Friedenszeiten Der Zug zurück war übervoll, ich kletterte in so ein Türmchen, wo sonst Schaffner sitzen, und hatte es dort famos, es war ein kleines Stübchen, in das der Mond oben hereinschien, und wenn ich die beiden Türen öffnete, war man wie im Freien in der herrlichen Mondnacht. So fuhren wir an unserem stillen Park von Thourout vorbei, wo die weißen Seerosen im Teich leuchteten. Zu Hause in Cortemarck blitzte es, bald im großen Bären, dann in der Waage oder am Polarstern, von Fliegerbeschießung, man hörte Bombenwurf zwischen die platzenden Schrapnelle, es war eine tolle Schießerei Ich ging noch lange spazieren, man konnte sogar das Schwirren der Sprengstücke unterscheiden. Dann ging ich noch durch die Stuben von Haus 62, wo meine Mannschaft brav schnarchte.

Schützengraben, 19. August.
Endlich am Ziel! Ich sitze auf meinem Hockerle im Unterstand und bin vergnügt, während rings die Granaten einschlagen, in Abständen von etwa 20 Sekunden, aber keine so nahe, daß es uns beunruhigen könnte, nur einige Splitter fliegen an den Unterstand. Gestern nachmittag Orgelspiel in Couckelaere. Wenn ich nur mehr könnte! ... Inzwischen war ich in meinem neuen Ruhequartier in einem ,kleinen Bauernhof an der Straße nach Staden. Ein großes, ziemlich sauberes Zimmer. Da stand mein Gepäck, und da sprang mir auch der Assfalk (Bursche) entgegen wie ein Hündchen, hatte die Schlüssel, viel Post, meine Bereitschaftsbüchse und die blaue Flagge. So konnte ich bequem das für den Graben Nötige in den Tornister packen. Mein Herz war so voll. Die ungelesenen Briefe der Gertrud im Tornister, wollte ich nachts im Mondschein auf und davon, bis ich in irgendeinen Schützengraben käme. ...
Morgens nach ... gefahren, dann Fußmarsch, mit 300m Abstand alle zehn Mann, bis an die Straße, die von Dixmuiden nach Ypern führt. Es geht später ein Laufsteg über das Überschwemmungsgebiet, das ist entzückend. Üppige Wasserpflanzen, Wildenten und Teichhühner, Laubfrösche, meist grün bewachsene Wasserfläche. So geht es wohl eine Viertelstunde. Dann durch ein lustiges Eichenwäldchen, dann noch 3 Viertelstunden lang durch Gräben. Man geht auf Brettern und sieht über den Sandsäcken nichts als üppige Blumen, Kamillen, Kornblumen und hohes Gras. Bisweilen Ausblick auf Ruinen, zerschossene Bäume, Wasserlöcher. - Essen nur einmal, nachts 12 Uhr, sonst nur Brot Die Leute faulenzen bei Tag meistens in den Unterständen. Interessant ist's beim ersten Zug, in der ...-Stellung wo ich eben herumgestrolcht bin. Wasserlöcher, in denen sich das Abendrot spiegelz, Glucksen und Quaken, verschluckte Laute seltsamer Tiere, über den trostlos zerschossenen Baumstümpfen leise klagende Wasservögel im Keil oder vorn geschlossenem Halbkreis nach Süden fliegend, leises Rauschen in den Büschen, und drüben feindliches Rufen und Sprechen, französisch oder was für Sprachen? – Natur- und Kriegserleben sind zu einem hohen Lebensgefühl vereinigt. ... Jetzt noch ein wenig lesen, an meine hieben denken und schlafen.

20. August
Heute nacht kitzelte mich etwas an der Fußsohle und biss schließlich herzhaft zu, woran ich vollends erwachte. Es kam mir langsam zum Bewusstsein, dass es eine Ratte war. Ich war ihr gar nicht böse, denn es sind doch auch unsere Grabengenossen, und hier habe ich die Tiere besonders gern. Gestern sprang eine von den rötlich-weißen Katzen quer über den Graben, als ich unten durchging. Abends singen die Schnaken über einem, manchmal meint man, es sei das helle Singen eines Geschosses Die Drahtbetten knistern wie ein Sack voll Nüsse. ... Ziemlicher Artilleriekampf „Handwägele“. „Rollwägele“ sind die schweren Minen, die lange durch die Luft sausen, die nahen heißen Bum-Ratsch. Der Max Belgus oder Max Knaller; auch Knallmax geheißen, das ist der, der schon morgens allemal ein paar Patronen über oder neben unseren Unterstand jagt. ...

20/21. August
Gegen 2 Uhr. Der Halbmond steigt empor über den trüben Gewässern, wundervoller Sternenhimmel. Ich bin in Lt. Rösles Unterstand. Er hatte die letzten 4 Nächte fast nicht geschlafen, da nehme ich heute den Dienst für ihn. Landwehrleute von der 4. Kompanie (die 900 Kinder hat!) müssen Pionierdienst tun am Brückle, über das man immer leise und schnell schleichen muss, weil er da immer herüberschießt. Zum Glück geht sein Maschinengewehr heute zu hoch. - Ich fühle mich so frei und glücklich wie selten in meinem Leben. Wie gerne wäre ich mit einer Patrouille vorgekrochen an den Yserkanal. Ich sah ihnen lange nach, wie sie gebückt davonzogen, wie eine Reihe Elephantenkitzle, und wie das gluckste und quatschte, denn nach dem Regen heute sind solche Patrouillen doppelt nass. ... Im allgemeinen Ruhe. Nur nachmittags schossen sie nach den Teeträgern, wie sie gerade über den Steg gingen. Ein paar schmissen ihren Kessel ins Wasser und sprangen davon. So auf der schmalen Brücke, wo man keine Deckung nehmen kann, ist das Artilleriefeuer nicht angenehm. Jetzt gibt es bei Tag überhaupt kein Essen mehr..

22. August
Meistens gegenseitige Artilleriebeschießung über unsre Köpfe weg, dann Flieger, leuchtend in der Abendsonne. Die feindlichen sind viel durchsichtiger als unsere, oft glänzen sie wie ein Spiegelchen in der Sonne. Oft sieht man fast nichts als die Propeller. Sie beschrieben Kreise über uns, warfen Bomben auf ein Pionierdepot hinten (natürlich in den Sumpf) und beschrieben Kreise über dem Zugführerunterstand. ... Heute nacht wieder beim ersten Zug, aberrecht müde. Viele Leute, heute über 200, müssen nachts vorn schanzen. Auch drüben fahren die Rollbahnen, sogar Waren auf gepflasterten Straßen. Da wird geschimpft und kommandiert, französische Gassenhauer gepfiffen und dazwischen blindlings oder auch aus festgeschraubten Gewehren auf unsere Arbeiten geschossen. Dann beleuchten die Leuchtkugeln geisterhaft die Gegend; die schauerlichen Gewässer des ...hofs, eines vom Ringgraben hufeisenförmig umgebenen Hofes, dessen Bäume als kahle Stumpen in die Luft ragen, spiegeln das fahle Licht wider. Dann ruht der lange Spaten einen Augenblick, und man bückt sich, bis es wieder dunkel wird. Das sind wunderbare und unvergessliche Eindrücke. Dann geht man allein heim übers böse Brückle und die ...sappe, und die Ratten pfeifen und rascheln dicht neben einem in den Faschinen. Vielleicht zeige ich noch diesem oder jenem Soldaten im Glas den Halbmond oder die Plejaden oder die Jupitermonde. Dann ins Drahtbett.

23. August
Nachmittags beschoss unsere Artillerie den Sparrenhof, wo denen ihre Stellung durchgeht, mit vielleicht einem Dutzend Granaten. Antwort: etwa 40, 50 mittlere Kaliber auf unsere Stellung. Wir hörten sie herumfauchen, sprangen in den Unterstand, der beim Aufschlag etwas zitterte; wenn's ein Blindgänger war, lachten wir ihn aus und kamen dann heraus, um die hohe schwarze Wolke anzusehen. Die Soldaten brachten triumphierend sehr dicke, anscheinend gusseiserne Sprengstücke.... Wenn dann zwischen die Beschießung der Max klopfte, dann klang das lächerlich und kindisch. Er passt übrigens gut auf: als ich vorhin einen Kamillenstrauß von der Böschung herunterholte, knallte er gleich darüber hin. Wir haben heute ziemlich viel Kamillen gesammelt und trocknen sie in der Sonne. - Heute nacht Ablösung. Hoffentlich geht alles gut Wir sangen: „Nun leb wohl, du kleine Gasse, nun leb wohl, du stilles Haus ...“ nämlich der Unterstand und das Gässchen dahinter.

Zarren, 25. August
Morgens 5 Uhr in Zarren, Gott sei Dank, alle meine Leute unversehrt, auch die Kompanie ohne Tote! - Der Hahn kräht, der Morgenstern und die schmale Mondsichel stehen am Himmel. Welche Seligkeiten! Ein Bett, Waschen, sich Ausziehen, Assfalk hat einen Liter Milch gekauft und bringt Braten, Salat und guten Kaffee, den er den durstigen Unteroffizieren bringt. Und Briefe von den Lieben - wie schön ist das alles! Jetzt dann ein tiefer Schlaf in den hellen Morgen! - 1 Uhrmittags. Aber es war noch eine schwierige Nacht. Zuerst, in der Dämmerung, wurde alles sauber gemacht, gepackt, einiges im Öfle gekocht. Dann saß man im Graben herum. Ich sprach mit meinen heuten, ich hätte jedem die Hand drücken mögen, wenn ich sie nur alle vollends heil herausbringe....

30. August, Park Merckem.
Mittwoch früh. Regen und durchdringendes Nass von Bäumen und Sträuchern und dem hohen Gras. Ich habe einen wunderbaren Unterstand gefunden, merkwürdiger Weise leer. Der Assfalk bringt Tornister und Kaffee. Ein Ofchen brennt und trocknet mein Sach. - Gestern Abend ein sehr starkes und langes Gewitter, dann blutiger Sonnenuntergang. Abfahrt im dunklen Zug Diesmal ging ich mit ganz anderem Gefühl hinaus, es war mir, als müsste ich vorher etwas Heiliges anbeten und verehren.
Marsch in die Front unterklarem Sternenhimmel. Der wohlbekannte Beleuchtungszauber, das Geknatter und Geschieße kommt immer näher. An einer Wegkreuzung zum Empfang zwei leichte Granaten auf die Straße, Deckung nehmen im Straßengraben, wo einige wie Frösche im Wasser herumhopfen. Durch das zerschossene Dorf Merckem. Einen feierlichen Augenblick brachte ich in der Kirche zu. So ungefähr sah es in der Klosterruine in Hude aus, aber dies war noch feinere Arbeit: was die Granaten übriggelassen hatten, erschien hier im Sternenschein als ein waghalsiges und kunstvolles Gebilde einer seltsamen Baukunst. Dann durch einen Wald, der im Wasser stand, über einen langen Steg. ... Morgens in starkem Regen in der Dämmerung hierher. Ein Ofchen, zweimal so hoch als mein Federhalter, aber ein marmorner Stein, auf dem es ruht. Und wenn man in die anderen Unterstände geht, da sind kostbare Draperien, Glockenzüge mit schweren Quasten, Löwenknäufe oder eingelegte Marmorarbeiten oder gar ein Bild, auf dem vielleicht einst das Auge einer schönen vornehmen Dame geruht, und man begreift, dass dies ein Park eines nahen Schlosses ist. Zedern- und Stechpalmenzweige schmücken unseren Unterstand, aus den verwilderten Gärten holte ich einen Strauß Dahlien, Magnolien, Astern und Zweige von Rhododendren und anderen Ziersträuchern. Eine Sturmsymphonie war in den Lüften, die Eichen schüttelten und bogen sich, scharfen Regen peitschte es einem ins Gesicht. Ich war in der Kirche. Der Turm sieht etwa aus wie ein Termitenhügel der Boden der Kirche liegt voller Schutt ... dazwischen Köpfe, Glieder, vergoldete Säume von Kleidern der vielen Heiligen von den Altären der Kirche. Einen Engelsflügel nahm ich mit, das ist meine zweite Requisition in Belgien. ...

Freitag, 1. September
Trüb. Listen aufgenommen. – Die hiesige Stellung ist ruhiger, da ist mehr Raum für Humor in den Unterständen. Da gibt es eine Villa zum blauen Heinrich oder zum schwarzen Satan, eine Villa Rattenloch, oder da ist ein Plakat: „Villa Küstenschutz. Eine kräftige Jungfrau findet liebevolle Aufnahme beim Kistenschutz.“ Das Brustbild einer lieblichen kräftigen Jungfrau war dazugemalt.
Abends halb 12 Uhr. Um die Zeit schießen sie ihre obligaten Granaten herein, hinter uns, sie sind eben pünktlich krepiert Ich war mit Asslalk ganz vorn bei der Feldwache. Wenn wir beide daherkommen, er wie ein Hundle hinter mir drein, der kleine Naseweis in den großen Stiefeln steckend, dann lacht immer alles. Er aber ist überglücklich, dass er mit darf. ... Es geht auf Laufstegen über die Sümpfe. Dann eine Fähre - über das heilige Wasser des Yserkanals! Das hatte ich mir schon längst gewünscht Charon, der Fährmann über das styg'sche Wasser - aber der Charon hieß Brodbeck und wohnt in Tübingen in der Gogerei am Schleifmühleweg und erkannte mich als Zeller. ...

Samstag, 2. September
Morgens vielstimmiger Vogelsang Wenn es noch so still im Wäldchen ist, da ist es am schönsten. Die Taubengurren, die Rufe der Wasservögel dringen von draußen herein, Zaunkönige, Rotkehlchen und Meisen zwitschern, auch andere Vögel, die ich von zu Hause nicht kenne. Selten fällt ein Schuss, bis dann die Granatenmusik einsetzt Dann singt und rauscht der ganze Wald mit, lose Blätter und Zweige fallen von der Erschütterung durch die darüber hinsausenden Geschosse. - Lesen und Ausleihen der Bücher von Mimir, Jeremias Gotthelf, Elsi, die seltsame Magd. ... Abends ... unter Sternen Sandschaufeln und Betonsäcke verladen. Leise Züge kamen und brachten, was vorn nötig ist, zum Ausbau der Stellungen. Auf dem Heimweg wieder ein feierlicher Augenblick in der zerschossenen Kirche. Um halb drei Uhr zu Bett.

Samstag, 9. September
Abends 5 Minuten nach 8 Uhr sank die Sonne in eine schmale Nebelschicht, die den Horizont umsäumte, ohne Sonnenflecken. Also bleibt wohl das schöne Wetter? 10 Minuten später sah man die Schrapnellwölkchen rosa aufleuchten, so hoch schossen die nach den Fliegern. Wir fuhren im Schifflein hinaus, der Mond sah hinter dem schwarzgrünen Eichenwald hervor, es war ein leichter Nordostwind, da zitterte der Spiegel der hohen Schilfgräser, die Glut des Abendhimmels ließ uns in Gold und Purpur fahren. Viele Wildenten und etwa 8 Reiher. Der Abendflug der Vögel hat so etwas Sehnsüchtiges.

Sonntag, 17. September
Schützengraben Vor der Morgenröte einen alten Plan ausgeführt: Ich suchte die kleine zerschossene Kapelle auf, das war eine Sonntagmorgenandacht, es stand ein Heiligenbild darin ohne Kopf, und der Mond schien durchs Dach herein. Einen hölzernen Leuchter nahm ich mit. Auf der seit lange von keinem Menschen begangenen Straße malten Zaunwinden wunderliche Figuren. Ich zog an einigen und hatte gleich 4-5 Meter lange Schnüre mit den hübschen pfeilförmigen Blättern in der Hand. ... Mit Lt. Kramer am K.hof. Sehrschönes Sonntagswetter. Mein Vorgänger hatte eine Latrine neben dem Unterstand angelegt und hinter dem Unterstand durch einen Bretterverschlag fast alles zumachen lassen. Darüber sind wir heute ganz unglücklich. Ich ließ aus der Latrine Tisch und Bänkchen machen und sitze jetzt dort zu edleren Zwecken. Zuerst hatte ich das Bänkchen weiter drüben anlegen wollen und ließ dazu Erde abgraben. Da kam ein Stiefel mit Franzosenbein zum Vorschein. Ich befahl, nicht ohne Widerspruch, ihn ganz auszugraben und richtig wieder einzugraben. ... Seine ganze Ausrüstung kam zum Vorschein, auch Patronen. Eine französische, mit dicken Grünspanschichten überzogen, hatte er anscheinend im Leib. Ekel empfanden wir nicht, aber I nteresse, namentlich als in einem Tuchfetzen 70 Franken in Gold und nachher auf der Brust die Erkennungsmarke zum Vorschein kam. Jetzt haben wir ihm ein Kreuzgesetzt, darauf steht: Hier ruht Jean Franchomme, begraben 17. 9. 16. - St. Omer.909. – Hoch sagte: „Dann heißt es später, die Barbaren haben ihn 2 Jahre unbeerdigt liegen lassen!“....

Freitag, 22. September
Schönes Fliegerwetter .... Was in der vergangenen Nacht beobachtet wurde, die einen behaupten, es seien Rattengewesen, andere versichern, Menschen. Vielleicht Kerle, die sich vor der Front rumtreiben, um Fallschirme von Leuchtpatronen zu suchen? Auch nicht. Rätselhaft.

Samstag, 23. September
Früh in Klosehofstellung umgezogen. Sehr schönes Wetter. Viele Flieger. Abends viel Leben. Wiederum 2 rätselhafte Gestalten, die sich längs des Grenzgrabens heranschlichen. Augentäuschung? Eigene Leute, die verbotenermaßen Enten schossen und sie suchten? Nein. Eigene Posten? Aber die gingen um x Uhr y Minuten, und die Beobachtung wurde eine Viertelstunde vorher gemacht. Schließlich horchten alle Der Wolfersberger hatte angefangen sich katzenhaft zu ducken, das merkten die andern und horchten auch. Ein Brett klapperte. Im Schilf raschelte es: Ratten. Metall klirrte: Die Sachsen löffelten ihre Suppe. - Rätselhafte Leuchtsignale in verschiedenen Farben. Ich schlief von 1 bis halb 3 und von Sonntag, 24. Sept. halb 4 bis 6 Uhr. Dann ging ich mit W. in den K.hof Bretter über Sümpfe, Gräben, Granatlöcher, Mauerreste, eine Mistpumpe, Kellerlöcher. Dann eine Brücke entdeckt und einen Draht, der etwas bedeutet. Es tagt, aber Nebel lag über dem Kanal, deshalb konnten wir ruhig noch draußen bleiben.

Der letzte Brief nach Hause, vom 24. Sept. 1916, ein Tag vor seinem Tod
Mein liebster Schatz, es ist so wunderbar still und friedlich hier,150 Meter, vor dem Feind, wirklich ein tieferer Friede als 600 oder 1000 m dahinter. Denn hier hört das Zanken und Fluchen auf, es darf nicht lautgesprochen werden, die Mannschaft schläft in den Unterständen, wegen Fliegern oder Artillerie darf sich niemand draußen zeigen. Ich kann Dir nicht sagen, wie wohl mir der Friede tut nach dem Betrieb, der in der T-Stellung war, wo ich beim Feldwebel im Dienstzimmer in einem Unterstand hauste. Allerdings ist mein Haus, vor dem ich jetzt auf dem Bänklein sitze, sehr eng und so niedrig, dass man fast nur auf dem Boden sitzen kann, wenn man nicht mit dem Kopf an die Eisenschienen der Decke stoßen will. Darin hausen; hocken und liegen außer mir der Telefoner, der Tambour Herb und der Bursche Wolfersberger.
Himmel und Wolken sind heute so schön wie nur auf der Insel der Seligen. In leichten Wellen kräuseln sie sich am Rand des blauen Himmelsmeers zu zartestem Schaum. Die zerschossenen Pappeln, an denen noch einige Äste grünen, fächeln mit ihren Blättchen im leichten Morgenwind, ab und zu zirpt ein Meischen daher und tanzt zwitschernd, in den Faschinen rascheln die fleißigen Ratten So still es hier bei Tag ist, so betriebsam bei Nacht Da wird gepumpt, geschaufelt, die Rollbahnen fahren. ...
Heute morgen stand die schmale Mondsichel ganz nahe beim Morgenstern. Morgen wird der Mond kaum mehr sichtbar sein, dann zwei finstere Nächte, da möge uns das Licht der göttlichen Gnade leuchten
Ich grüße Dich aus tiefster Seele, Euch, liebe Kinder. Bis Weihnachten sind es noch 3 Monate. Euer treuer Vater.
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