Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

JOHANNES ZELLER 1656-1734
Herzoglich-Württembergischer Leibarzt

Karl August Zeller (§ 421), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell,
Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 54-60

 
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Der erste Mediziner unserer Zellerfamilie, Johannes Zeller (ZB § 396), war 1656 in Lienzingen geboren als zweiter Sohn des nachmaligen Prälaten in Alpirsbach und Maulbronn, Mag. Johannes Zeller, der von 1651-1660 Pfarrer in Lienzingen war. Des Vaters ältester Bruder, Mag. Johann Konrad Zeller, später Prälat in Bebenhausen, war von 1654-1660 Spezialsuperintendent (= Dekan) in dem nur etwa zehn Kilometer von Lienzingen entfernten Städtchen Vaihingen an der Enz. Bei der engen Verbundenheit der Brüder herrschte unter ihnen offenbar ein reger Verkehr. So wurde der neugeborene Johannes auch von seinem Onkel Johann Konrad getauft.

In seiner Jugend hatte der kleine Johannes viel unter schweren Krankheiten zu leiden. Einmal konnte er zehn Tage lang nicht die geringste Speise zu sich nehmen und war bereits für tot aufgegeben, als sein Onkel Johann Konrad von Vaihingen dazu kam, ihm Wein zu trinken gab und ihn damit so erquickte, daß er ganz munter wurde. Darauf gab ihm die Magd von ihrem Zugemüse zu essen und brachte ihn also wieder zu sich selbst. Mit zunehmenden Jahren erstarkte der Körper des Knaben.

Frühzeitig zeigte sich seine gute geistige Veranlagung. Da der Vater 1661 als Spezialsuperintendent nach Waiblingen und 1669 in gleicher Eigenschaft nach Vaihingen/Enz versetzt worden war, besuchte der Junge mit Nutzen die Schulen in Waiblingen und Vaihingen. Zum Studium der Theologie bestimmt, ging er viermal nach Stuttgart ins Landexamen, wo er seine Mitbewerber an Gaben und Wissen übertraf. Den erwarteten Freiplatz in einem der damals „Klosterschulen“ genannten evangelischtheologischen Seminare erhielt er aber nicht, weil sein älterer Bruder Christoph schon einen solchen innegehabt hatte. Dafür bekam er einen Freiplatz im Martinstift in Tübingen, dem sogenannten Martinianum. Schon 1671, mit 15½ Jahren, ward er in Tübingen immatrikuliert und trieb zunächst unter Anleitung durch seinen Bruder Christoph philologische und philosophische Studien, in der Absicht, dann zur Theologie überzugehen. Als aber sein Vater während dieser Zeit einmal nach Tübingen kam, schlug ihm der Professor der Medizin, Dr. Georg Balthasar Metzger, der Ephorus des Martinstifts war, vor: weil bereits Theologen und Juristen in der Zellerischen Familie seien, und der junge Sohn Johannes Interesse für die Medizin bezeige, möchte er ihn doch Arzt werden lassen. Der Vater willigte ein, und Johannes Zeller widmete sich nun mit vollem Eifer in Tübingen dem medizinischen Studium, absolvierte 1680 mit Ruhm den Cursum medicum und erhielt 1681 nach öffentlicher Disputation den Grad eines Licentiaten der Medizin. Schon 1680 war er zum Physicus von Stadt und Amt Freudenstadt ernannt worden.

Am 1. Mai 1681 trat er dann mit Erlaubnis des Herzogs von Württemberg und mit Zustimmung von Stadt und Amt Freudenstadt eine Reise nach Frankreich an, um sich in der Anatomie und Chirurgie und in der medizinischen Praxis noch weiterzubilden. In Paris konnte er bei dem berühmten Anatomen Simon Lescot vieles lernen. Ferner erwarb er sich bei dem königlichen Anatomen Joseph Du Vernoy gute Kenntnisse in der Geburtshilfe. Auch mit dem vortrefflichen Chirurgen des Prinzen von Conde, Monsieur Buissiere, wurde er bekannt. Viele Deutsche, hoch und niedrig, bedienten sich Johannes Zellers ärztlicher Hilfe, der dadurch eine große Praxis erlangte. Selbst ein Professor der Sorbonne begab sich einer Augenkrankheit halber in seine Behandlung. Als er Saumur an der Loire besuchte, um dort den berühmten Johannes Clericus und andere Gelehrte kennen zu lernen, stieß ihn jemand in der Loire unter Wasser, trat auf ihn und wollte ihn nicht mehr herauslassen. Er wäre ertrunken, hätten ihn nicht Clericus und besonders der Schweizer Friedrich von Wattenwyl gerettet.

Nach 2 Jahren, anno 1683, reiste er durch Brabant und Holland, wo er mit zahlreichen Gelehrten in Löwen, Leyden, Rotterdam und Amsterdam bekannt wurde. Mit diesen korrespondierte er in der Folge viel über gelehrte Sachen. Die Reise wurde fortgesetzt über Köln, Mainz, Frankfurt nach Nürnberg. Dort besuchte er den Chemiker Andreas Korn und lernte bei ihm viel auf dem Gebiet der Chemie. Medizinisch-chemische und mathematische Studien trieb er dann auch noch an der Nürnbergischen Universität in Altdorf, wo er sich im Mai 1683 immatrikulieren ließ. Dem um seine Weiterbildung so bemühten Mediziner gewährte sein Landesherr eine Unterstützung von 200 fl. Der Herzog wußte aber auch seinen Untertanen in Schutz zu nehmen. Johannes Zeller hatte sich nämlich genötigt gesehen, sich in Altdorf mit dem seit 1682 dort immatrikulierten Studenten der Rechte Andreas Scheidlin, der vorher von April 1680 an in Tübingen studiert hatte und dort aus dem Arrest gewichen war, zu duellieren. Offenbar hatte die Reichsstadt Nürnberg als Trägerin der Universität Altdorf beim Herzog von Württemberg sich wegen dieses Vorfalls nach Johannes Zeller erkundigt. Denn Herzog Friedrich Carl schrieb am 14.9.1683 an die Reichsstadt Nürnberg, Johannes Zeller sei „der vor einiger Zeit in unserer Stadt Freudenstadt angenommene Medicus und Stadtphysicus“. 1684 kehrte Johannes Zeller in die Heimat zurück. Er wurde am 5.7.1684 in Tübingen zum Doktor der Medizin promoviert, und bezog sein Physicat Freudenstadt.

Die Rückkehr hing auch mit Heiratsabsichten des jungen Arztes zusammen. Dieser hatte die aus einer angesehenen Gernsbacher Familie stammende anmutige, wohlerzogene und gut ausgebildete Tochter Anna Christina des Bürgermeisters und Hauptschiffers Jakob Weyler und seiner Frau Anna Christina, geb. Kast, als seine künftige Gattin ins Auge gefaßt. Es gelang ihm, unter mehreren Bewerbern ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen. Am 18.7.1684 fand die Hochzeit in Gernsbach statt. Das junge Paar reiste dann zu den Eltern Zeller in die Prälatur nach Alpirsbach, willens, von dort aus in den künftigen Wohnort Freudenstadt zu ziehen, wohin man das Mobiliar bereits hatte abführen lassen. Aber es kam anders.

Ein junger, 15 Jahre alter Vetter des Herzogs von Württemberg, der Erbprinz Albert Ernst zu Öttingen-Öttingen, sollte eine Reise in fremde Länder antreten, und der württembergische Herzog hatte den neugebackenen Dr. med. Johannes Zeller zum Reisemedicus seines Verwandten bestimmt. Drei express abgesandte reitende und fußgehende Boten des Herzogs überbrachten den ehrenvollen Ruf. Diesem Drängen des Herzogs vermochten weder Johannes Zeller noch seine Eltern, noch auch die junge Ehefrau und deren Eltern zu widerstehen, zumal der Herzog dem auserkorenen Arzt zusagte, ihm nach seiner Rückkehr eine Professur der Medizin in Tübingen zu verleihen. So reiste Johannes Zeller mit dem Erbprinzen sofort ab. Seine Gattin aber verblieb bei den Schwiegereltern in Alpirsbach, denen sie sich durch Ehrerbietung und Dienstfertigkeit sehr lieb und wert machte.

Die Reise des Erbprinzen und seines Arztes ging durch Holland nach Frankreich. Von Paris aus wurden verschiedene französische Provinzen besucht. Die 1685 erfolgte Aufhebung des Edikts von Nantes und der Beginn der Hugenottenverfolgungen gestatteten aber keinen längeren Aufenthalt in den Provinzen. So kehrte man bald nach Paris zurück. Dort erkrankte der Erbprinz gefährlich. Man befürchtete stündlich sein Ende und traf schon Anstalten zu seinem Begräbnis, weil man bei dem hohen Patienten weder Empfindung noch Atmen mehr bemerken konnte. Dr. Johannes Zeller hatte bei der Behandlung des Kranken einen schweren Stand, da die drei königlichen Leibmedici ihm „widrige“ Sachen anrieten. Der Schwabe Zeller ermannte sich aber in Gott und trieb tapfer die königlichen Medici zurück, indem er sagte, der Prinz sei seiner und nicht Anderer Treu anvertraut. Johannes Zellers Gottvertrauen wurde nicht zuschanden. Nach sechswöchigem Krankenlager war der fürstliche Kranke unter seines ärztlichen Begleiters sorgsamer Behandlung und Pflege gerettet, und Arzt und Patient kehrten im März 1686 glücklich nach Stuttgart zurück. Zu den von den natürlich katholischen königlich französischen Leibärzten in Paris angeratenen „widrigen“ Heilmitteln ist zu bemerken, daß die Gefahr einer absichtlichen Vergiftung nicht von der Hand zu weisen war. Der erkrankte Erbprinz war der letzte Sproß der protestantischen Linie Öttingen, während die zwei anderen Linien Öttingen-Wallerstein und Öttingen-Spielberg der katholischen Kirche angehörten. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes brauchte man am französischen Hof auf Evangelische keine besondere Rücksicht mehr zu nehmen, zumal, wenn das Aussterben eines protestantischen Fürstenhauses in Frage kam. Die von Johannes Zeller dem Erbprinzen zu Öttingen-Öttingen geleisteten treuen Dienste blieben unvergessen, wie auch die Schwester des geretteten Erbprinzen und deren Gatte, der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, ihm stets sehr gewogen blieben.

In Württemberg bei den Seinen im März 1686 angelangt, begab sich Dr. Johannes Zeller sogleich nach Tübingen, wo er im September zunächst mit halber Besoldung eine außerordentliche Professur übertragen erhielt, der aber nach wenigen Jahren die vollbesoldete ordentliche Professur folgte. Im September 1686 war dann auch der Zeitpunkt gekommen, daß die Gattin nach Tübingen übersiedelte und die Haushaltsgeschäfte übernahm. 47 Jahre lang wirkte Johannes Zeller nun in Tübingen, stets sehr tätig und unermüdlich fleißig. Viele junge Leute aus Deutschland und aus dem Ausland zogen großen Nutzen aus seinen Collegien, Vorlesungen und anatomischen und chirurgischen Demonstrationen. Seine „Disputationen“ erlebten drei und vier Auflagen. Er nahm sich sehr der medizinischen Institute an und erwirkte von dem ihm wohlgesinnten Herzog von Württemberg, daß 1696 die baufällige Kapelle auf dem St. Jakobsfriedhof in ein „anatomisches Theater“ umgebaut wurde. Alle Cadaver aus dem Lande sollten dahin umsonst geliefert werden. In Tübingen lehrte Johannes Zeller auch Chemie und ließ zuerst dort ein chemisches Laboratorium einrichten. Er sorgte ferner für Verbesserung der Apothekertaxe, für eine gründlichere Ausbildung und Prüfung der Hebammen, für die Visitation der Hof- und Landapotheken und für die jährliche Untersuchung und Verbesserung der Sauerbrunnen-Anlagen und Gesundbäder im Lande.

1692 und 1701 war er Rektor der Universität und 36 mal Dekan der medizinischen Fakultät. Auch hatte er das Broll'sche, Faber'sche und Reinhard'sche Stipendium zu verwalten. Einen der Höhepunkte seiner medizinischen Laufbahn konnte er 1728 erleben, als er sechzehn Bewerbern, teils Professoren der Medizin, teils Leib- und Hofmedicis, teils vornehmen Practicis großer Städte die medizinische Doktorwürde übertragen durfte. Hatte schon eine große Praxis, in der er viele Menschen aller Stände erfolgreich behandelte, Johannes Zellers Lehrtätigkeit beeinträchtigt, so war das noch in höherem Maße der Fall durch seine Ernennung zum herzoglichen Leibarzt. Von 1693 an hatte er in fünfzehn Campagnen während der Franzosenkriege und des spanischen Erbfolgekriegs die württembergischen Herzöge Friedrich Carl und Eberhard Ludwig zu begleiten, mußte auch in Friedenszeiten sich oft am württembergischen Hofe aufhalten und wurde als überaus geschickter Geburtshelfer wiederholt an die Höfe in Öttingen, Blankenburg im Harz und Wolfenbüttel berufen. Ja, 1716 holte man ihn an den Kaiserhof nach Wien, um der nach achtjähriger Ehe ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Kaiserin Elisabeth Christine, Gattin Kaiser Karls VI., des letzten Habsburgers, bei der Schwangerschaft und Niederkunft zur Seite zu stehen. Am 13.4.1716 erfolgte dann die glückliche Geburt des Erzherzogs Leopold. Dieser starb aber halbjährig im November 1716, so daß seine Schwester Maria Theresia nachmals Herrscherin über die österreichischen Lande und als Gattin des Kaisers Franz deutsche Kaiserin wurde. Zeller war also praktisch viele Jahre seiner Hochschule entzogen. Der Universität Tübingen leistete er aber durch guten Rat mehr Nutzen, als er durch seine ordentliche Arbeit hätte tun können, wiewohl ihm auch diese sehr am Herzen lag. Nur fehlte ihm die nötige Ruhe wegen des beständigen, bis in die letzten Monate seines Lebens andauernden Hin- und Herreisens. Auf diesen Reisen hatte er viel Hartes und Schweres auszustehen, besonders in den Kriegen 1688-1697 und 1700-1714. Öfters war er durch Feinde und schwere Krankheiten in Lebensgefahr. Einmal befiel ihn die rote Ruhr auf dem Marsch. Halbtot mußte er fortreisen. Mehrmals stürzte er mit dem Pferd.

Auch in seinem Familienleben blieb er von Leid nicht verschont. Seine schon erwähnte Frau Anna Christina, geb. Weyler, starb nach kaum einjährigem glücklichem Zusammenleben in Tübingen 1687, an den Folgen einer schweren Geburt, und auch das neugeborene Töchterlein Anna Christina verschied nach wenigen Wochen. Wegen des Todes der geliebten Schwiegertochter erlitt seine Mutter Anna Maria, die Frau des damaligen Prälaten Johannes Zeller in Alpirsbach, einen Schlaganfall, der sie nach wenigen Tagen hinwegraffte.

Erst nach fast zwei Jahren schritt Johannes Zeller 1689 zu einer zweiten Eheschließung mit der 29 Jahre alten Christine Dorothea, Tochter des hochangesehenen Tübinger Professors der Rechte, Dr. Burkhard Bardili, und Witwe des Tübinger Professors der Moral, Benedikt Hopfer. Sie brachte fünf Kinder aus ihrer ersten Ehe mit, denen Johannes Zeller ein treuer Vater wurde. Ihrem nunmehrigen zweiten Gatten schenkte Frau Christine Dorothea neun Kinder, von denen zwei auch Johannes benannte Söhne und zwei Töchter im Kindesalter starben. Weitere fünf Töchter aber wuchsen heran und verheirateten sich. 1719 mußte Johannes Zeller auch seine zweite Frau hergeben, die ihm nach fast dreißig Ehejahren an ihrem 59. Geburtstag nach nur kurzer Krankheit entrissen wurde.

In seinem letzten Lebensabschnitt wurde Johannes Zeller während des Winters von einem hitzigen Fieber heimgesucht, das bei zunehmendem Alter seine Kräfte erschöpfte. Die Nachricht vom Tode des 1731 verschiedenen Fürsten von Öttingen-Öttingen, mit dem er ja in jungen Jahren die denkwürdige Frankreich-Reise gemacht hatte und seitdem in freundschaftlicher Verbindung geblieben war, erschütterte ihn sehr. Fast vom Schlage gerührt, konnte er sich lange nicht erholen. Nicht weniger traurig stimmte ihn 1733 der Tod des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg, dem er mehr als vierzig Jahre lang treu gedient hatte. Im Winter 1733/34 stellte sich bei ihm ein langsam auszehrendes Fieber ein, das vermutlich mit einer brandartigen Entzündung in der Bauchhöhle zusammenhing. Geduldig ertrug der Patient die sich allmählich steigernden kolikartigen Schmerzen und wünschte nur seine baldige Auflösung herbei. Bei vollen Sinnen wollte er sich am 7.4.1734 nach vorhergegangenen Kolikbeschwerden aus dem Bett in einen Sessel setzen lassen, wobei er in Todesschwäche verfiel. Neben dem Bett, noch vor dem Sessel stehend, verschied er sanft im 79. Lebensjahr.

Johannes Zeller war der erste aus unserer Familie, der eine Professur an der Universität Tübingen erlangte. So ist noch anzufügen, daß ein interessantes Ölbild von Johannes Zeller, gemalt von J. Dramburg, wohl aus dem Jahr 1692, in der Tübinger Aula hängt. Ein zweites Ölbild aus späteren Jahren, nach welchem wohl ein noch vorhandenes Kupferstich-Portrait gestochen ist, hing bis in den zweiten Weltkrieg bei Dr. med. Hermann Zeller in Stuttgart-Bad Cannstatt, wo es leider mit der Wohnung bei einem Fliegerangriff vernichtet wurde.
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