Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Hans Zeller († 1569/1574)
Der Weg des Stammvaters von Martinszell nach Tuttlingen

Vor dem Familientag am 8. Mai 1976 hat Prof. Dr. Hans-Martin Decker-Hauff, Stuttgart, einen Vortrag gehalten unter dem Thema: „Die Baumeister Zeller und das Problem der Baumeisterwanderung in der deutschen Kunstgeschichte.“ Er hat sich dabei auch auf Ergebnisse eigener neuer Forschungen gestützt, mit denen er großes Interesse und in seiner allgemein verständlichen Darstellung dankbare Anerkennung gefunden hat. – Wir berichten hier aufgrund von Aufzeichnungen für den Martinszeller Verband.
                 (---->  s. auch den Aufsatz von Liesel Reichle: Hans Zeller, Baumeister in Wurmlingen)
 
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Tuttlingen

Hannß Zeller Maurer hatt Innen Ain Lehen, Das vor Zeythen Ulrich Vesperts gewesen, Ist meines gnedigen Fürsten vnnd Herrn Aigenthumb, vnnd sein des Innhabers erbgut, Darauß zinßt er Irn fürstlichen Gnaden, Jährlichs vf Martini, zu Tuttlingen vff der Kellerey casten, zu antworten vnnd zu wehren, Nemblichen Ain Malter Vier vierthel Vesen, Allt Tuttlinger meß thuot (ohne die zway egklin vnnd einem halben vierttelin eines egkh- lins,so der gültgeber mit Acht schilling Sechs Heller hieuon gelößt) Ain schöffel achthalben Simerin Landtmeß, fünff vierthel habern, Alt Tuttlinger meß, thuot ohne das halb egklin, so der gült- geber mit zween Schilling heller abge- lößt, Drew Simerin vierthalben vierling Landtmeß.

Ideen
Vesen                                                  1 Schöfl
Siry
Hauern (Habern?)                               3 Siry
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Zum Beruf des Baumeisters

Die Stammväter der Familie Zeller, Konrad Zeller (ZB § 1) und sein Sohn Hans Zeller (ZB § 2) lebten im 16. Jahrhundert. Der Vater wird als Steinmetz und Baumeister, der Sohn als Maurer und Decker ausgewiesen. Ist es da nicht vielleicht eine eitle Übertreibung der Nachfahren, die Vorfahren vom Bauhandwerker zum Baumeister befördern zu wollen?
Bis in unsere Zeit verstand man unter einem Baumeister einen Meister der Bautechnik, der an eine handwerkliche Ausbildung - wir würden heute sagen, zum Facharbeiter - eine schulische Ausbildung zum Bautechniker anschloß; nach mehreren Praxisjahren kann dann der Grad eines Baumeisters erworben werden. Bei geeigneten Voraussetzungen ist eine höhere Ausbildung zum Architekten oder zum Bauingenieur möglich.
Ausbildungen an Universitäten, Hochschulen, Fachhochschulen, Technikerschulen gibt es auf den Gebieten Technik und Architektur erst in neuerer Zeit. In früheren Jahrhunderten war die Weiterentwicklung aus dem Bauhandwerk der Initiative einzelner Gruppen, so der sogenannten Bauhütten, überlassen. Sicherlich sind die meisten Handwerker auch Handwerker in unserem heutigen Sinne geblieben. Ob einer zum Baumeister oder Architekten, Meistern der Bautechnik und der Gestaltung, aufgestiegen ist, müssen wir aus seiner beruflichen Entwicklung erschließen.
Der Handwerker hat sich nach seiner Ausbildung oft nach einigen Wanderjahren im wesentlichen auf eine Lebensarbeit im engeren Heimatbereich eingerichtet. Mitunter war dies nicht so einfach. So liegt der Umgang mit Naturstein in Gebirgsräumen zwar nahe; das Bauen wird aber in dort oft menschenleeren Gegenden so wenig gebraucht, dass Bauhandwerker zur Ausübung ihres Berufes im Sommer in unter Umständen weit abgelegene Gebiete wandern und außerhalb ihrer Heimat arbeiten müssen, in die sie im Winter wieder zurückkehren. Um der Konkurrenz gewachsen zu sein, entwickelten sich im Bregenzer Wald, in Vorarlberg, Oberbayern und auch im Allgäu Zusammenschlüsse von 20 und mehr Mitgliedern in weitgehender Arbeitsteilung und Spezialisierung mit besonderen Kenntnissen und Fähigkeiten. Es ist alles beieinander: Planer, Bauleiter, Bauführer, Maurer, Dachdecker, Stukkateure, Maler, Fliesenleger, Glaser, die in Familientrupps und Werkstätten zusammenarbeiten. Das Weiträumige gehört zum Leben solcher Arbeitsgemeinschaften, die natürlich vor allem größere Aufgaben suchen. Wenn Konrad Zeller und sein Sohn, vermutlich führend, schon am Hohentwiel tätig gewesen sind, ist ein solcher Zug zwar vielleicht etwas besonderes, aber doch nichts ungewöhnliches. Der Vater Konrad kehrte wieder nach Martinszell zurück, wo er seinen Besitz hatte, der Sohn Hans strebte eine Niederlassung am Amtssitz für den Hohentwiel, dies ist Tuttlingen, an.

Die heutige, mit Recht angestrebte Trennung von Bauplanung und Bauausführung gab es nur insoweit, als der Landesherr einen herzoglichen Baumeister, also einen gleichsam beamteten Landesarchitekten hatte, der Einzelplanung und Bauausführung z. B. an freie Gruppen vergeben hat. Sie mussten auch Kenntnisse und Erfahrungen in Baustatik und in künstlerischer Gestaltung mitbringen.

Hans Zellers Bauen am Hohentwiel

Herzog Christoph von Wirtemberg (Regierungszeit 1550 bis 1568), Nachfolger seines Vaters Herzog Ulrich von Wirtemberg, ließ die Festung Hohentwiel mit großen Um- und Neubauten Instandsetzen. Dazu wurde auch Hans Zeller herangezogen. Es gibt einen Kontrakt, mit dem ihm verdingt wird, über den großen Vorratskeller der Festung ein Dach aufzusetzen; er hatte wahrscheinlich einen Fachwerkbau zu errichten mit dem zugehörigen Dach. Aus der Abrechnung ist uns bekannt, dass dazu mindestens 20 000 Dachziegel notwendig waren. Bei einem heutigen Falzziegeldach sind 15 Ziegel je m2 notwendig. Auch bei einfachen Flachziegeln muß es sich also um eine Dachfläche von etwa 12 bis 14 ar (1200 m2 bis 1400 m2) gehandelt haben, ein recht stattliches Bauwerk.

Dass die Planungs- und Baugruppen - gleichsam Unternehmer der damaligen Zeit - eine Art Siegel führten, mit dem sie ihre fertige Arbeit signierten, liegt nahe. Ein solches Signum ist das Winkelhakenzeichen mit Dornen, das sich mit einem Jahreszahl-Schild 1553 in einem Gewölbe am Hohentwiel findet. Das Zeichen könnten auch die Zeller-Baumeister benutzt haben.

Seine Z-Form würde als Zeller-Signum besonders passen. Aber auch wenn sich dies als gesichert nicht nachweisen läßt, erscheint seine Wiedergabe auf dem Umschlag des Zellerbuches von 1974 als ein mindestens die Zeit der Anfänge der württembergischen Zeller-Familie kennzeichnendes Signum berechtigt.

Im Jahre 1560 wird Hans Zeller als „herrschaftlicher Decker“ angestellt, wir würden sagen, in den Staatsdienst übernommen, mit einem Jahresentgelt von 4 Malter Dinkel, also hochwertiges Getreide, das er wahrscheinlich auf dem Kornmarkt in Schaffhausen verkauft hat. In der Schweiz waren dies 600 l. Dazu bekam er eine Dienstkleidung, die Winterkleid hieß, und nach 5 Jahren erneuert wurde. Schließlich gab es noch das, was wir heute eine Dienstaufwands-Entschädigung nennen würden. Sehr wesentlich war das Recht, auch private Bauten in eigener Regie übernehmen zu dürfen. So wissen wir, dass er 1571 das Landschloß in Wurmlingen bei Tuttlingen gebaut hat.
Bürger von Tuttlingen war Hans Zeller sicher vor 1553, wo er in der Musterungsliste als Maurer genannt ist. In der vorhergehenden Liste von 1546 ist er noch nicht aufgeführt; er war noch nicht ortsanwesend, noch nicht Bürger. Sein erster Sohn, Johannes (ZB § 3), später Pfarrer, ist 1548 geboren. Man kann also annehmen, dass Hans Zeller 1546 oder 1547 geheiratet hat und deshalb zu dieser Zeit auch Bürger in Tuttlingen, seinem erstrebten Wohn- und Berufssitz, geworden sein musste.

Hans Zellers wird Bürger in Tuttlingen

Hans Zeller, Sohn von Konrad Zeller und Elisabeth geb. Loscher, ist 1546 aus Martinszell nach Württemberg eingewandert; Bürger konnte er nur werden, wenn er das Ausscheiden aus einer anderweitigen Leibeigenschaft nachgewiesen hat. Leibeigenschaft bedeutet, z. B. der Gerichtshoheit eines Leibherren unterstellt zu sein. Eine Leibeigenschaft blieb erhalten, auch wenn der Leibeigene aus dem Territorium seines Landesherren, eben seines Leibherren, weggezogen war. Der Leibeigene hatte seinem Leibherren eine Steuer zu bezahlen. Württemberg ließ fremde Leibeigene nicht als Bürger zu. Wer Bürger werden wollte, musste nachweisen, dass er seine Leibeigenschaft abgelöst hat. Die vorzulegende Urkunde hieß Mannrechtsbrief; sie war für Hans Zeller u. a. zur Heirat notwendig; in ihr ist Vater und Mutter genannt.

In einer viel späteren Leichenpredigt (im 18. Jahrhundert) wird erzählt, Hans Zeller habe sich seinerzeit an Seneca Nachtrüb gewandt mit der Bitte zu bestätigen, er sei aus der Leibeigenschaft entlassen worden. Nachtrüb, Burgvogt des Schlosses Fluhenstein, stand in Diensten des Kardinals Otto von Augsburg. Hans Zeller war in Martinszell Untertan des Fürstabts von Kempten wie sein Vater Konrad, der auch in augsburgischen Diensten gebaut hat. Fluhenstein liegt bei Sonthofen, nicht weit von Martinszell; Burg Fluhenstein gehörte aber in den Herrschaftsbereich des Bischofs von Augsburg. Da nun - und dies ist wichtig - die Leibeigenschaft stets nur von der Mutter vererbt wird, musste er zur Lösung von der Leibeigenschaft der Mutter nachgehen; sie, Elisabeth Loscher, war augsburgische Untertanin (Leibeigene), weil sie zur Herrschaft Fluhenstein gehört hat; und dies ist sie geblieben, auch wenn sie dort nicht mehr wohnte. Hans Zeller war also über seine Mutter augsburgischer Leibeigener. Der Gewährsmann Nachtrüb nennt sich Burgvogt des Kardinals. Da aber Otto Truchseß von Waldburg, Bischof von Augsburg, erst im Januar 1545 Kardinal geworden ist, muß die Urkunde später ausgestellt worden sein.

Hans Zeller hat danach 1546 oder 1547 in Tuttlingen geheiratet, nachdem seine Leibeigenschaft abgelöst war, und er damit Bürger von Tuttlingen werden konnte.

Hans Zeller  als Schöpfer einer bemerkenswerten Familientradition

überschaut man die Entwicklung von Hans Zeller vom Handwerker, Maurer und Decker, über seine Wanderung, seine Bauaufgaben zum anerkannten Baumeister und Architekten, der sich in der Zentrale seiner späteren Tätigkeit, in Tuttlingen, das Bürgerrecht - vielleicht könnte man heute auch sagen, die württembergische Staatsangehörigkeit - erworben hat, wird man wohl kaum fehlgehen, in ihm einen gesuchten Bauschaffenden in seinem Wirkungsfeld zu sehen.

Dies wird auch noch besonders naheliegen, wenn man bedenkt, dass seine Mutter, Elisabeth geb. Loscher, aus Augsburg stammend, zur gleichen Zeit lebte, zu der sich aus der Augsburger Künstlerfamilie Loscher der bedeutende Bildschnitzer Sebastian Loscher hervortat. Sicher bestand eine enge verwandtschaftliche Beziehung, denn der Name Loscher war nicht häufig; es könnte sein, dass Elisabeth Loscher die Tochter von Sebastian Loscher war. Im Hinblick auf ein solch mögliches Erbe paßt es auch in den Weitblick von Hans Zeller, wenn einer seiner Söhne, Jakob, und ein Schwiegersohn Schreiner gewesen sind und so die Baugemeinschaft in Richtung auf die Innenarchitektur ergänzt haben könnten. Alles spricht für einen größeren Gesichtskreis von Hans Zeller mit einem möglichen Erbe aus einer Familie mit musischer Begabung. Auch die Tatsache, dass sein erster Sohn Johannes sich der Theologie widmete und später als Rotfelder Pfarrer 1580 die Konkordienformel unterschrieb, eine Sammlung der für das Luthertum verbindlichen Bekenntnisschriften, liegt in der Linie einer ausgreifenden Intelligenz dieses unseres Stammvaters.

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