Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Der Universitätsgärtner
Wilhelm Zeller (1835 - 1887)
(ZB § 58)

In: Liesel Reichle-Zeller, Der Universitätsgätnrer Wilhelm Zeller und seine Töchter Jula, emma und Marie, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Heft 16, Stuttgart 2001, herausgegeben vom Martinszeller Verband e.V.

 
Bild
 

Jugend

Es scheint an der Zeit, dass über den dritten Sohn des früh verstorbenen Dekansehepaares in Besigheim einige Nachrichten gesammelt werden, nachdem über seine Brüder Johannes, Albert und Hermann Zeller in den letzten Jahren Biographien geschrieben worden sind. Warum bisher nicht auch über Wilhelm?

Der Grund für diese Verzögerung liegt sicher nicht im mangelnden Interesse der Nachkommen. Doch war Wilhelm unter den Brüdern der einzige, der nicht in ein fernes Land auswanderte, ein großer Briefeschreiber war er wohl auch nie gewesen; wer sich in der Heimat niederlässt, der braucht seiner Familie keine Briefe zu schreiben. Allenfalls wird er kurz erwähnt in dem oder jenem Verwandtenbrief aus seinen Wanderjahren. Von seiner Hand aber ist kein einziger Brief erhalten.

Zudem hat ein Familienvater, der schon mit 52 Jahren von seinen noch unmündigen Kindern wegstirbt, keine Gelegenheit bekommen, länger als für diese eine Generation nach ihm eine persönliche Erinnerung zu hinterlassen - anders als seine Witwe, die bis zu ihrem Tode mit 81 Jahren der unbestrittene Mittelpunkt der großen Familie von Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln geblieben ist. Nach dem Großvater fragte kaum eines der Enkelkinder, die auch noch aus dem fernen Amerika ganz selbstverständlich bei der vielgeliebten Großmama in Tübingen Gastrecht genossen.

Umso wichtiger scheint es, aus den Informationen, die uns noch zugänglich sind, ein Bild dieses viel zu früh Verstorbenen zu zeichnen.

Aus einer Niederschrift seiner Schwester Sophie kann man entnehmen, dass Wilhelm rötlich-blonde Haare hatte. Ein Familienfoto aus der Zeit um 1885 (s. Rückseite dieses Heftes) zeigt ihn als würdigen Familienvater mit seiner um 13 Jahre jüngeren Frau und den sieben noch in Marburg geborenen Kindern. Etwas später ist wohl eine Art Passfoto zu datieren, das er vielleicht für seine im Ausland lebenden Brüder hat machen lassen, denn von dort her ist dieses Bild zu uns gekommen (s. S. 4).

Von seiner zweiten Tochter Emma, der begabten Malerin und Zeichnerin, wurde, wahrscheinlich während seiner letzten Monate im botanischen Garten in Tübingen, das große Bild der Zeller-Kinder mit ihren zahlreichen Spielkameraden gemalt. Farbige Reproduktionen von diesem Gartenbild befinden sich seit einigen Jahren im Besitz der meisten der von Wilhelm und Mathilde Zeller abstammenden Familien.

Nicht lange nach dieser Darstellung des glücklichen Kinderlebens im Garten hat Emma den toten Vater auf den Kissen seines Sterbelagers gemalt. Es ist ein erschütterndes, aber auch wunderbares Bild (s. S. 28). Die Blumen und Ranken, mit denen ihn seine Kinder bekränzt haben, scheinen von seinen Gärtnerhänden auszugehen, seine vom Leiden scharf gezeichneten, aber friedlichen und schönen Züge, vor allem die hohe Stirn, liegen in einem unirdischen weißen Licht, das aber nicht geisterhaft wirkt, sondern von der Fünfzehnjährigen gewiss als das Leuchten der himmlischen Herrlichkeit gedacht und geglaubt worden ist. So überirdisch verklärt mögen nach diesem Bild seine Kinder den Vater weiter im Herzen getragen haben.

Das Original des Gartenbildes ist heute in den Händen der amerikanischen Nachkommen des ältesten Sohnes Franz.

 

Wilhelm Friedrich Zeller wird am 6. August 1835 in Nellingen auf den Fildern, der ersten Pfarrstelle seines Vaters, geboren. Er ist das sechste Kind seiner Eltern. Der Vater, der schon vorher als „diaconus“ in Besigheim gewirkt hatte, wird 1840 als Dekan wieder in diese Stadt geholt. Als beide Eltern - zuerst die Mutter, eine Tochter des Esslinger Dekans Herwig - kurz hintereinander an Typhus sterben, ist Wilhelm erst acht Jahre alt. Mit diesem Ereignis beginnt für jedes der neun Waisenkinder ein eigener Lebenslauf. Ein gewisser Mittelpunkt für sie ist anfangs noch das Haus der seit 1839 verwitweten Großmutter Herwig in Esslingen. Dort wachsen die vier Schwestern zusammen auf, während Wilhelms zwei ältere Brüder, Johannes und Albert, in Esslingen zu Rektor Schmid in Kost und Schule kommen. Wilhelm bleibt anfangs weiter in Besigheim bei seinem Onkel Wilhelm Heinrich Zeller, einem Vetter seines Vaters (ZB § 117.6), der dessen Nachfolge als Dekan angetreten hatte. Dieser ist aber nicht verheiratet, also ohne Familie, und so ist es gewiss für den Buben gut, als er schon im Sommer 1844 ins Haus des Pfarrers Gottfried August Hauff in Waldenbuch aufgenommen wird, dessen Gattin die älteste Schwester von Wilhelms Vater, Christiane (Nane) Hauff (ZB 51), ist. In dieser Familie gibt es mehrere Kinder, die im Alter zu Wilhelm passen. Er bleibt dort, bis auch er nach Esslingen in die Lateinschule kommt. Die Verwandten sorgen dafür, dass die Verbindung zwischen den Geschwistern erhalten bleibt; besonders die Pflegemutter des kleinen Hermann, Friederike Herwig geb. Zeller (ZB § 119), Pfarrfrau in Schafhausen und später in Neuneck, und die Waldenbucher Familie Hauff bieten den Kindern ein Heim für viele fröhliche Treffen an Sonntagen, in den Ferien und später, vor allem in Neuneck, nach Krankheitszeiten zur Erholung. Albert Zeller berichtet davon in seinem Tagebuch, und Hermann Zeller, der spätere Father Ignatius, erinnert sich später in Amerika an eine wunderbare Weihnachtsüberraschung, als seine „Mutter“ ihm die Brüder Albert und Wilhelm von Esslingen hergeschmuggelt hatte. Er fand sie auf ihn wartend in einer von vielen Kerzen erhellten Tannenlaube.

Julius Schumann, ein etwas jüngerer Vetter Wilhelms aus dessen mütterlicher Verwandtschaft (siehe ZB § 121) in Esslingen, erwähnt in seinen Erinnerungen ein prägendes Erlebnis aus Wilhelms Esslinger Schulzeit. Zitat:

„Er (Wilhelm) war eng befreundet mit einem Sohn des Oberjustizprokurators Nagel, der durch Lederstrumpf oder Seeromane sein geistiges Gleichgewicht verlor und um das Jahr 1847 durchbrannte, um in der Ferne sein Glück zu suchen. Mein Vetter, der darum wusste, ihn aber nicht begleiten wollte, weigerte sich in den ersten Tagen nach dem Verschwinden seines Freundes in knabenhaftem Ehrgefühl, anzugeben, wohin der Flüchtling sich gewendet. Als er endlich ein Bekenntnis ablegte, reiste der Vater seinem Sohn den Rhein hinab nach und kam an, als dieser ein paar Stunden zuvor sich erschossen hatte. Für meinen Vetter war das Unheil eine Quelle von Vorwürfen, vor allem von Selbstvorwürfen, die ihm nicht bloß seine Jugend vergifteten.“

In der Tat erfahren wir vor allem aus Bemerkungen und Nachrichten in Albert Zellers Tagebuch, dass der Bruder Wilhelm des öfteren wegen nicht genau bezeichneter ernstlicher Krankheiten, auch vor und während seiner Ausbildungszeit, ärztliche Hilfe braucht. Heute würde man bei solchen Fällen auch an einen seelischen Ursprung denken, der gerade bei Wilhelm nahe lag. Als er durch sein an sich für einen Freund ehrenwertes Verhalten unvermittelt zum Mitschuldigen am Tod eines Menschen geworden ist, kann er sich in seiner Not nicht zu Vater und Mutter flüchten, die ihr Kind liebevoll ans Herz genommen hätten. Die Verwandten müssen sich angesichts dieser Verstrickung recht hilflos vorgekommen sein, denn die üblichen religiösen Trostworte, wie sie in vielen Verwandtenbriefen der Zeit ausgetauscht wurden, können dem zwölfjährigen elternlosen Jungen in dieser Lage nicht gerecht werden.

Die beiden älteren Brüder haben um diese Zeit wohl die Esslinger Schule schon verlassen, um zunächst ein Handwerk zu erlernen, wie es auch für Wilhelm vor gesehen ist. Johannes lernt damals noch die Schreiberei in Gaildorf, später, in Neckarsulm, das ihm mehr zusagende Büchsenmacherhandwerk. Albert ist seit Frühjahr 1848 in der Lehre bei Schlosser Gutbrod in Tübingen. Es ist eine gute Entscheidung der Verwandten, Wilhelm nach seiner Konfirmation, 1849, eben falls nach Tübingen in eine Lehre zu geben, und zwar in den dortigen botanischen Garten. Wir erfahren dies aus Alberts Schilderung seines eigenen Abschieds von Tübingen Anfang Februar 1851 nach Bestehen der Gesellenprüfung. Die Brüder sind damals noch bei Alberts Abschiedsbesuchen und einigen ziemlich fidelen Unternehmungen mit Kameraden und Vettern zusammen. Erwähnt ist der „Bierkeller“ in Lustnau, wo sie noch „etwas getrunken und geraucht“ hätten. Während Albert bei seinen Besuchen ausschließlich Andachtsbücher und Testamente als Geschenk erhält, schenkt ihm sein Bruder Wilhelm „Schillers Gedichte“.

Alberts bester Freund in Tübingen ist Hugo Beck, der Sohn des bekannten Theologieprofessors Tobias Beck, dessen Haus ganz in der Nähe des botanischen Gartens liegt. Dort ist auch Wilhelm häufig ein willkommener Gast. Albert erwähnt ein paar fröhliche Stunden, wie sie die beiden nun 16 und 18 Jahre alten Burschen an Sonntagen erleben: Am Sonntag, 9. März 1851, zum Beispiel, als Albert schon in Ludwigsburg eine Arbeit bei Orgelbauer Walcker gefunden hat, treffen sich die Brüder schon morgens um 9 Uhr in Waldenbuch. Wilhelm bringt Hugo Beck und den Freund August Ege mit; alle haben schon lange Fußmärsche hinter sich. Zuerst geht es in Onkel Hauffs Kirche, nachmittags gehen sie zusammen „spatzieren, schoßen und machten Erdbeben u. dgl.“ - was für ein Spiel das auch ist , es scheint dabei recht vergnügt zugegangen sein. Um ½5 Uhr nachmittags trennen sie sich für den Heimweg. Albert bemerkt, dass es im Wald, dem Schönbuch, sehr schmutzig war, „weil es den Tag über aufgethaut war“. Am Morgen - es ist ja noch Winter! - muss es für alle noch dunkel und gefroren gewesen sein.

Bei einem Besuch des Bruders Johannes aus der Basler Missionsanstalt, wo dieser nun aufgenommen ist, trifft sich Wilhelm mit ihm in Sielmingen, wo eine Tante der beiden mit Pfarrer Seeger verheiratet ist. So gibt es im Gebiet des mittleren Neckartals manchen „Stützpunkt“ für die rüstigen Wanderer von damals. Auch Briefe werden zwischen den Brüdern gewechselt, aber wir lesen auch eine Klage von Albert, dass Wilhelm seine Briefe nicht beantworte.

Das Pfingstfest (1851?) verbringen Albrecht und Wilhelm noch bei der Großmutter in Esslingen, wo sie mit ihren vier Schwestern zusammen sein können.

Da Albert nach kurzer Zeit Ludwigsburg verlässt, um nach Basel zu wandern, wo er in der Nähe von Johannes eine Arbeit als Schlosser zu finden hofft, werden die Nachrichten von Wilhelm in Alberts Tagebuch seltener.

 

Aus Wilhelms viel später (Ende 1881) bei seiner Bewerbung um die Tübinger Stelle eingereichten Lebenslauf wird deutlich, wie er sich während der Lehre für seine Weiterbildung über das rein Gärtnerische hinaus die Möglichkeiten der Universität zunutze macht. Von Garteninspektor W. Hochstetter erhält er die erste Anregung zu energischem Selbststudium. Er hört Prof. Mohls Pflanzenphysiologie und Allgemeine Botanik, besucht auch Vorlesungen über Chemie, Mineralogie und Astronomie. Schon vorher hat er zwei Winter lang in der Tübinger Oberrealschule Kurse in Mathematik, Physik und Zeichnen besucht.

Aus dem erhaltenen Konzept einer Lebensbeschreibung Wilhelms von seiner Schwester Sophie erfahren wir, dass Wilhelm nach Abschluss seiner vierjährigen Lehre - mit guten Zeugnissen, betont Sophie! - im Frühjahr 1853 eine Stelle als Gärtnergehilfe in Bollviller im Elsass antrat. Bei dieser noch heute unter dem Namen Herisse-Baumann betriebenen Gärtnerei handelt es sich damals wie heute um eine „pepiniere“, eine seit dem 17. Jahrhundert bestehende Baum- und Pflanzschule, die international besonders für ihre Obstbaumzüchtungen und Rosen bekannt ist. Möglicherweise ist Wilhelm auf der damals für Handwerksgesellen üblichen Wanderung zufällig nach Bollviller gekommen. Da aber in den Jahren 1853 und 1854 seine beiden älteren Brüder, für kurze Zeit noch zusammen, in der Basler Missionsanstalt leben, liegt es für Wilhelm nahe, sich auch in diese Gegend zwischen drei Ländern zu wenden, wo gerade zwischen der Anstalt in Basel `and dem südlichen Elsass gewisse Beziehungen bestanden haben müssen, denn wir lesen in Alberts Tagebuch, dass er an Weihnachten 1855 und an Ostern 1856 zur Entlastung des Pfarrers Burkhardt nach Guebviller (Gebweiler) vermittelt wird.

Aber schon ein knappes Jahr nach Wilhelms Aufzug in Bollviller, am 1. März 1854, lesen wir in Alberts Tagebuch: „Abends kam Wilhelm von Bollviller, wo er seit 1 Jahr als Gärtner bei A. V. Baumann gearbeitet hatte.“ Wegen einer nicht näher bezeichneten Krankheit hat Wilhelm seine Stelle verlassen und sich an seinen Bruder gewandt. Am 4. März reisen die beiden zusammen nach Esslingen, für Albert ist es die Ostervakanz. Albert erwähnt den Fahrpreis: 8 fl 20 für ein Billett; Wilhelms Koffer, 70 Pfund schwer, kostete 2 fl 24. Dieser muss von Albert zu seinem eigenen Gepäck hin getragen werden, Wilhelm ist nicht mehr dazu imstande. Am 7. März liefert Albert den Bruder ins Stuttgarter Krankenhaus ein, wo es offenbar so schlimm um ihn steht, dass Albert ihn am 10. nicht besuchen darf.

Albert erwähnt später, dass Wilhelms Genesung länger gedauert habe und dass ihn der Münchener Professor der Naturwissenschaft und Hofrat Gotthilf Heinrich von Schubert zur Erholung in sein Haus eingeladen habe. Marie Zeller, Wilhelms altere Schwester, lebt dort als Pflegetochter und Gesellschafterin für von Schuberts Gattin. Das gastfreie Haus in München und der Feriensitz der Schuberts in Pähl in Oberbayern ist für alle Geschwister Maries bei den verschiedensten Gelegenheiten ein Ort der Erholung und auch der geistigen Anregung und Förderung. Sobald es möglich ist, vermittelt von Schubert dem wieder genesenen Wilhelm auch eine vorübergehende Stelle in den königlichen Gärten des Schlosses Nymphenburg.

Inzwischen stellt sich für Wilhelm das Problem der Rekrutierung zum Militär. Der Pfleger der Zeller-Kinder, Dr. Gustav Zeller in Stuttgart, schreibt in einem Brief vom Januar 1856 an Sophie: „Für Wilhelm wird, wenn er bei der Rekrutierung nicht glücklich ist, ein Mann gestellt werden müssen.“ Diese Frage scheint sich jedoch von selbst gelöst zu haben, denn Wilhelm wird „durch das Los frei“, obwohl ihm bei der ärztlichen Untersuchung ein einwandfreier Gesundheitszustand bescheinigt wird, wie Sophie in der oben erwähnten Lebensbeschreibung versichert.

Am 17. April 1856 verabschiedet sich Wilhelm von den Verwandten und macht sich wieder auf den Weg, dieses Mal nach Belgien, wo er in Brüssel für kurze Zeit Arbeit findet. Schon im September 1856 aber schifft er sich nach England ein, In London geht es ihm so schlecht, dass er sich beinahe nach Indien unter die Soldaten hätte rekrutieren lassen, wie Marie Zeller an Albert nach Amerika schreibt. Er findet jedoch im Februar 1857 schließlich Arbeit, zuerst in der offenbar „großartigsten Gärtnerei für Kultur und Einführung seltener und neuer Pflanzen“, James Veitch’s Royal Exotic Nursery in Chelsea. Dessen Empfehlung bringt ihn im Herbst 1857 „in einen Privatgarten ersten Ranges“, Sir William Middleton’s Shrubland Park bei Ipswich. In den ausgedehnten Blumengärten ist ihm die Anzucht vieler neuer Pflanzen anvertraut. Jedoch das englische Klima und mehr noch die fast ausschließliche Beschäftigung in sehr heißen und niedrigen Treibhäusern setzen Wilhelm schließlich so zu, dass er, wieder mit guten Zeugnissen, in die Heimat zurückkehrt. Zur Erholung darf er diesmal die gute Schwarzwaldluft in der Pfarrei Neuneck bei Freudenstadt genießen.

Versuche, als „Handelsgärtner“ zu einem eigenen Geschäft zu kommen, schlagen fehl „wegen mangelnden Kapitals“. Für kurze Zeit findet Wilhelm Beschäftigung als Obergehilfe am Pomologischen Institut in Reutlingen.

Freilich hat vor seiner Rückkehr nach Deutschland oder in Reutlingen offenbar ein in Sophies Beschreibung und im Lebenslauf nicht erwähnter Vorfall stattgefunden: Wir finden „Bill“ - wie man ihn in England wohl genannt hat - im August 1861 in Deizisau bei seinem Onkel Wilhelm Zeller (ZB § 117.6), dem selben, der ihn für die erste Zeit nach dem Tod seiner Eltern damals in Besigheim aufgenommen hatte. Dieser schreibt an Sophie, wohl auf eine Frage von ihr: „Bill hätte freilich gegen seinen aufbrausenden Herrn nicht wieder aufbrausen sollten, bereut jedoch den Fehler...“. War dies etwa der eigentliche Anlass zur Beendigung der Arbeit? - Bill habe sich inzwischen auf eine Anzeige im „Christenbote“ hin bei einem wohlhabenden Privatmann, Herrn Böhringer in Bönnigheim, vorgestellt, der sich im ehemaligen Institut von D. Hahn niedergelassen und jetzt den Garten erweitert habe. Dort wird Wilhelm angenommen und bleibt als Obergärtner bis 1863.

In der Schrift Hermann Zellers über seinen Übertritt zur katholischen Kirche in Amerika findet sich ein Abschnitt über die Vorbereitungen und Abschiedsbesuche vor seiner Reise nach Nordamerika, wo Albert Zeller schon seit fünf Jahren, inzwischen als Pastor, lebt. Hermann soll zusammen mit Alberts Braut, Auguste Burk, reisen. Deren Vater, Pfarrer Christian Burk, hat die Verwandten zu einem Abschiedsessen nach Echterdingen eingeladen. Hermann sieht dabei auch seinen Bruder Wilhelm wieder und berichtet, dass diesem vor kurzem, also 1876, ein russischer Universitätsprofessor aus Kiew eine Stelle dort angeboten habe, die ihm sehr verlockend erschienen sei wegen einiger Vorteile gegenüber seiner augenblicklichen Situation. Man unterhält sich darüber, und Pfarrer Burk bittet einen in der Nähe wohnenden Kollegen, der mehrere Jahre in Russland gelebt hat, um seine Meinung dazu. Dieser rät dringend von einer Annahme ab: Die russischen Behörden seien sehr großzügig darin, hochtrabende und gleichzeitig nicht ganz eindeutige Versprechungen zu machen, an die sie sich später meist nicht mehr erinnerten. Ein Fremder müsse entweder ein Adliger sein oder die Unterützung einer höheren Stelle haben, andernfalls werde er behandelt, wie man dort manchmal die Leibeigenen behandle, nämlich mit der Knute. Der Mann rät ihm, bessere Bedingungen zu verlangen als die angebotenen und auf einem ordnungsgemäß unterzeichneten und gesetzlich gültigen Vertrag zu bestehen. Diese Auskunft schreckt Wilhelm so ab, dass er auf die weitere Verfolgung dieses Planes verzichtet und im Land bleibt.

Der oben erwähnte Brief des Onkels in Deizisau beschäftigt sich auch mit Wilhelms Gesundheit, die ein Gegenstand der Sorge für die ganze Familie ist. „Wenn nur seine Gesundheit sich bewährte, die bis jetzt noch nicht fest war! Daher könnte er schwerlich mit Sicherheit überallhin gehen; auch eigenes Geschäft, an das er schon gedacht hat, wird ihm dadurch ... erschwert werden.“ Auch zwei andere „Onkelbriefe“, von 1856, vom Pfleger Dr. Gustav Zeller an Sophie und an den Bruder Albert in Amerika, beschäftigen sich mit Wilhelms labilem Gesundheitszustand, auch ein Unterton von Zweifel hinsichtlich seines Wissens und seiner Tüchtigkeit ist spürbar. Auch in der Jugendgeschichte der älteren Brüder spielen die Briefe der meist pfarrherrlichen Onkel übrigens eine ähnliche Rolle. Sie zeugen von der Verantwortung, welche die ganze Verwandtschaft gegenüber den verwaisten Kindern des Besigheimer Dekans fühlt. Andererseits kann man sich vorstellen, dass solche Verwandtensorge für einen jungen Mann auch zu einer Last werden kann. Wilhelm ist etwa seit 1856, seit seine älteren Brüder im Ausland eine Lebensaufgabe gefunden haben, noch das einzige Objekt solcher allerdings noch öfters notwendigen Fürsorge. Dabei legt gerade Wilhelm - ohne den Rückhalt einer Anstalt wie der in Basel, von der man ausgesendet wurde - trotz seiner häufigen Krankheitsanfälle großen jugendlichen Unternehmungsgeist und einen spürbaren Drang in die Ferne an den Tag - manchmal kann man fast an eine Art Flucht aus der Enge der schwäbischen Heimat denken.

Ein Eintrag in Wilhelms Stammbuch, das er seit seiner Konfirmation führt, stammt von seinem „stets treuen Freunde Frz. Keppler aus Schernbach“, Bönnigheim, 1. Juni 1863. In schwungvoller Schrift steht dort von diesem Freund ein Zweizeiler, der auf jugendliche Erlebnisse schließen lässt: „Leb’ wohl du Thurm und blaues Zimmer, / Euch sehe ich von Heut’ an nimmer! / Keppler.“

Marburg

Bei dem oben angegebenen Datum handelt es sich um Wilhelms Abschied von Bönnigheim. Die nächste Veränderung, die Wilhelms Leben nun eine beständigere Richtung gibt, ist der Beginn seiner Arbeit in Marburg im Jahre 1863, zuerst als Obergehilfe, dann, seit 1866, als Universitätsgärtner am botanischen Garten. Nach einer Bemerkung von Julius Schumann in seinen Erinnerungen (S. 77) verdankt er die Stelle „der Fürsorge der Tante Emilie Zeller, Oheim Eduards Frau“. Der Philosoph Eduard Zeller, ebenfalls aus der Kleinbottwarer Familie (§ 117) wie Friederike Herwig, der Pfleger Gustav Zeller und Dekan Wilhelm Zeller, war 1849 bis 1862 Professor der Philosophie in Marburg.

In Marburg arbeitet Wilhelm zunächst als Amtsverweser nach dem Tod des Vorgängers und wird erst ab Juli 1866 von der preußischen Regierung definitiv als Universitätsgärtner angestellt. Von 1863 bis 1867 wird unter dem neu ernannten Direktor des Gartens, Prof. Dr. Wigand, der Marburger Garten umgestaltet. Dazu gehört auch ein modernes Gewächshaus, an dessen Bau Wilhelm beteiligt ist. Auch wird er jeweils gegen gesonderte Bezahlung bei der Anlage und Verwaltung der um die Universitätsinstitute gelegenen Gärten herangezogen. Seine Marburger Stelle ist pensionsberechtigt.

Aus den neunzehn Jahren, in denen Wilhelm am botanischen Garten in Marburg arbeitet, ist wenig an Aufzeichnungen von seiner Hand erhalten, abgesehen von dem Bericht über „Das Gedeihen fremder Nadelhölzer in den Gärten Mitte~ deutschlands“ (1876) und einigen Bleistifteintragungen im Bestimmungsbuch

Dr. J. W. Albert Wigand (1859). Dieses Buch muss Wilhelm gleich nach seinem Erscheinen bekommen haben, möglicherweise von seinem Onkel Eduard Zeller, denn seine ersten Eintragen macht er bereits 1859 und 1860 in Neuneck.

Doch wir wissen ja, dass er sich bereits am 28. September 1869 mit der dreizehn Jahre jüngeren Mathilde Rosalie Franziska Dietrich verheiratet, der zweiten Tochter des D. Franz Eduard Christoph Dietrich, Professor der Theologie in Marburg. Wie kam es wohl, dass Wilhelm mit der Familie des Prof. Dietrich bekannt wurde? Nach dem „Tagebuch“ von Wilhelms zweiter Tochter Emma aus dem Jahre 1885 geschah dies durch den Marburger Theologen Prof. Heinrich Thiersch. Ein Blick ins Zellerbuch 1974 (§§ 431 und 431.10) belehrt uns, dass die Familie Thiersch mit Christian Heinrich Zeller in Beuggen (§ 427) nah verwandt ist. Eine von dessen Töchtern, Marie, heiratete Heinrich W. J. Thiersch, der 1842 bis 1850 Professor der Theologie war und danach, bis 1864, die Leitung der apostolischen Gemeinde in Marburg innehatte. Eine von dessen Töchtern heiratete übrigens später, 1881, Paul Wigand, den Sohn des oben erwähnten Professors der Botanik in Marburg. Nur vier Jahre vor Wilhelm Zellers Erscheinen in Marburg hatte sich Hannah Gobat, Tochter einer älteren Schwester von Prof. Thierschs Gattin, mit dem Palästinamissionar Johannes Zeller verheiratet, und dieser war niemand anderes als Wilhelms ältester Bruder! Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Wilhelm es schon wegen seines Zeller-Namens nicht schwer hat, mit Marburger Universitätskreisen in Verbindung zu treten, wozu natürlich auch noch die frische Erinnerung an Eduard Zeller kommt, der erst 1862 Marburg verließ. Man wird Wilhelm auch ohne diese Beziehungen bald angenommen haben, denn er ist von sehr angenehmem Äußeren, ein schon gesetzterer junger Mann von etwas über dreißig Jahren mit Auslandserfahrungen und Sprachkenntnissen, dazu mit Leib und Seele mit der Natur und seinem gärtnerischen Beruf verbunden.

Von seinem Schwiegervater wird erzählt, dass neben der großen Vielfalt seiner Fächer - er war auch Dozent für indogermanische und orientalische Sprachen - auch die Botanik zu seinen Interessen gehörte. Mein Vater, Wilhelms jüngster Sohn Friedrich Zeller, Botaniker und Geologe, besaß ein Buch, einem Herbarium ähnlich, mit dem Titel „Sammlung deutscher Laubmoose, Lebermoose und Flechten“ von Dr. D. Dietrich (D. = Dr. theol.), „verlegt in Jena bei dem Verfassern 1846“. Dieses Buch ist auf Umwegen in meinen Besitz zurückgekommen. Es enthält noch die meisten der gepressten und aufgeklebten Exemplare.

Emma, die ihre Mama um Einzelheiten ihrer Verlobungsgeschichte bestürmt hatte, schreibt auf den Rand einer der ersten Seiten ihres „Tagebuchs“, dass Wilhelm zu Mathildes Geburtstag am 17. August (1868) ihr schon einen Korb voll Blumen und ein Büchlein mit eigenen Gedichten („zu jeder Pflanze einen eigenen Vers“) geschickt habe. Am 22. Februar 1869 kommt es dann zur Verlobung, am 28. September desselben Jahres findet die Hochzeit in Marburg statt. Es ist die erste Hochzeit einer Tochter des Hauses; sieben weitere Töchter hat der Professor, der deswegen in Marburg den Spitznamen „der Mädchenpapa“ hat.

Hier sei der Bericht von der Geschichte dieser Verbindung gebracht, wie die vierzehnjährige Emma sie nach den Erzählungen ihrer Mama sich vorstellte. Der Text, teilweise im Telegrammstil, ist das Konzept für ihr Tagebuch:

„Am Abend der (Verlobungs-) Gesellschaft hatte die Mama eine Taille von weißem, feinstem Tüll und einen rosafarbenen weiten Rock an. Der Papa trug damals hie und da eine Brille, denn er war kurzsichtig. Man kann sich vorstellen, dass er sich an jenem Abend in den besten Staat warf, mit Frack, Cilinder und geschorenem (rothem) Bärtchen erschien. An diesem Nachmittag ging nun der junge Herr Zeller zu Prof. Dietrichs und erbat sich die Hand ihrer Tochter zur Frau. Er bekam keinen Korb von der Großmama und wurde für den Abend zum Thee eingeladen, und da sollte das Verlobungsfest stattfinden. Am Abend saßen nun der glückliche Wilhelm und das selige Mathildchen zusammen, nannten sich gewiss schon „Du“ und hatten sich wahrscheinlich auch schon einen Brautkuss gegeben. ...Papa besuchte die Mama, so oft es erlaubt war, nämlich etwa drei Abende in der Woche und Sonntags nach der Kirche für den ganzen Tag; von 11 bis 12 Uhr wurden oft gemeinsame Besuche gemacht, und nachmittags wurden Spaziergänge gemacht. Die Woche über musste die Mama sehr arbeiten, die Aussteuer wurde genäht. ... Mama nahm nicht viel Hilfe. ...Zur Hochzeit wurden 40 Personen eingeladen, in der Wohnung unter uns war ein großer Saal, Tische gedeckt. Eingeladen war auch Onkel Eduard mit Tante, aber ob sie kamen? - Blumenschmuck reichlich und herrlich, Gemüse von Erfurt; Leute wurden für die Küche genommen. Vorher Polterabend, nach dem Abendessen gab es Torte und Wein und Aufführungen. Otto Münscher kam weinend als Bauernjunge mit einem Körbchen Kartoffeln, weil er Mama ‚zuerst hätte heiraten wollen’.

Wundervolles sonniges Herbstwetter in jenen Tagen, morgens sehr kalt! Trauung in der lutherischen Kirche (ca. 1 Uhr), man ging zu Fuß durch alte Gässchen, am alten (Kugelherren-) Kloster vorbei. Den Zug eröffnete das Dienstmädchen mit dem zweijährigen Agneschen, dann folgten die beiden Kinder Helene und Mariechen, Blumen streuend in weißen Kleidchen und mit Kränzchen auf dem Kopf, dann folgte das glückliche Brautpaar. ...“

Der vater- und mutterlose Wilhelm hat nun zu dem Glück der Liebe und einer eigenen Familie zugleich ein Elternhaus gewonnen, überhaupt scheint das Dunkel aus den schweren Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend und das Labile in seiner körperlichen Verfassung, das ihn zum Sorgenkind der Verwandten gemacht hatte, an der Seite dieser fröhlichen, herzlich frommen und seelisch gesunden Frau aufgelöst und im wahrsten Sinne geheilt worden zu sein. Auch die Verbindung mit den Brüdern im Ausland ist nun, in Alberts Tagebuch, durch die Erwähnung von Briefen bezeugt. Albert ist damals Pfarrer in Centreville, Illinois, und legt dort einen großen Garten an. Die Blumen, die er auf dem Gelände zieht und im Tagebuch aufzählt: „Balsaminen, Cynnia, Dahlien, Kapuzinerkresse, Kaiserkronen, Löwenmaul, Lupinen, Lilien, Rittersporn, Tulpen, Türkenbund, Strohblumen und viele andere“ erinnern an deutsche Gärten; es ist sehr wahrscheinlich, dass Wilhelm die Samen dafür an Albert geschickt hat. Jedenfalls hat Albert dafür von seinem Bruder Rat erbeten, denn gerade während der Zeit vor dem Anlegen des Gartens sind besonders viele Briefe von und an Wilhelm notiert.

Die Wohnung des jungen Paares ist anscheinend zunächst im Marburger Barfüßerkloster, wo auch die Eltern Dietrich wohnen. Später, als die Schar der Kinder wächst, muss ein anderes Quartier gemietet werden, von dem aus man in 15 Minuten zu Fuß zu den Großeltern kommt, wie Thilda sich später erinnert.

Sieben der acht Kinder von Wilhelm und Mathilde kommen in Marburg zur Welt. In dieser über der Lahn in Terrassen hoch bis zum Schloss hinauf gebauten alten Stadt spielen die Kinder meist nicht in dem zum Haus gehörenden großen Garten, sondern lieber mit anderen Kindern auf der Straße und „auf den Stufen der Kathedrale“. Dies ist wohl nicht die berühmte Elisabethkirche, die weiter unten nahe der Lahn liegt, sondern die unterhalb des Schlosses gelegene lutherische Pfarrkirche, in der die Eltern getraut worden waren. Thilda berichtet, wie sie oft durchgegangen sei, manchmal bis ans Ufer der Lahn, wo es nicht ungefährlich war, und dass man zu Hause keine Ahnung davon hatte, weil es keine Beaufsichtigung der Kinder gab - wie bei den meisten kinderreichen Familien damals, weil man sich darauf verließ, dass die Älteren auf die Kleinen Acht gaben.

Tübingen

Eine große Veränderung für Eltern und Kinder bedeutet der Wechsel nach Tübingen im Jahre 1882. Wilhelm hat sich um die frei gewordene Stelle des Universitätsgärtners beworben. Als Grund für seinen Wunsch gibt er in seinem Bewerbungsschreiben „die Sehnsucht nach seinem engeren Vaterland“ an, auch bedeute es für ihn die Erfüllung eines Herzenswunsches, wenn er seine Dienste dem Tübinger botanischen Garten widmen könne, in dem er seine erste Ausbildung genossen hatte. Besonders anziehend für ihn ist die Lage der dortigen Dienstwohnung inmitten des Gartens, während er in Marburg mit seiner Familie ziemlich weit von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnen muss. Auch denkt er an das spätere Fortkommen seiner Söhne, die in Württemberg in den Genuss von Familienstipendien kämen; auch die württembergischen Seminare und das Tübinger Stift werden ihm vor Augen gestanden haben. Gewisse Bedenken scheinen anfangs bei der naturwissenschaftlichen Fakultät Tübingen seine damals sechs noch nicht erwachsenen Kinder geweckt zu haben, die bei der Lage der Dienstwohnung den Garten als Tummelplatz benutzen würden. Wie sich dieser Punkt in der Praxis, bei schließlich acht Kindern, entwickelt hat, werden wir noch ausführlich zu hören bekommen. Prof. Wigands glänzendes Zeugnis über Wilhelms Marburger Tätigkeit und der Eindruck des Vorstands des Tübinger botanischen Gartens, Prof. Pfeffer, der Wilhelm in seiner Marburger Zeit als „einen vortrefflichen Gärtner und Menschen“ schätzen gelernt hatte, haben dann wohl den Ausschlag für die Wahl gegeben.

Von jetzt ab liegt das Leben Wilhelms und seiner Familie nicht mehr nur durch zufällige Einzelfunde wie von Streiflichtern erhellt, sondern vielfach auch in seiner ganzen Eigenart und seiner Wirkung auf andere ziemlich offen vor uns, auch wenn Briefe weiterhin fehlen.

Die sieben Kinder sind zur Zeit des Umzugs zwischen 11 und 1 Jahr alt, ein achtes Kind, Mariechen, wird in Tübingen 1885 geboren.

Die Zeller’sche Wohnung liegt mitten im Garten, als Bindeglied zwischen zwei großen Treibhäusern. Wie der Garten angelegt war, ist nachzulesen in der Geschichte „Pinitas“ von Agnes Hürthle-Landerer, wo sie dieses Paradies ihrer Kindheit schildert. Da dieses Dokument weithin in der Familie bekannt ist, wird hier aus den „Memoirs“ der dritten Tochter Thilda (spätere Bond in den USA) zitiert, die 1940 ihre Kindheitserinnerungen einer ihrer Töchter diktiert. Sie starb 1943 im Jefferson Hospital in Philadelphia und fühlt sich noch während ihres dortigen Aufenthaltes in ihren Phantasien in ihre Kinderheimat mit ihren Spielen versetzt. Sie spricht wie ein Kind, meint einen Baum zu erklettern und ruft ihrer Schwester Jula „Juhu!“ zu.

Wir übersetzen aus dem Englischen: „Während wir im Garten wohnten, bauten wir Kinder ein Miniaturdorf. Wir hatten einen Stapel Bauholz entdeckt, in den wir waagrechte Stangen hineintrieben und Bodenbretter darauflegten, so dass wir ziemlich sichere, zweistöckige Häuser erhielten. Wir setzten sogar Dächer obenauf. Schließlich hatte jedes von uns ein eigenes Haus und mehrere andere für unsere Spielkameraden aus der Nachbarschaft. Später entwickelten wir ein richtiges Gemeinschaftsleben mit Gesetzen und Regeln, das von einem König und einer Königin regiert wurde... Wir machten uns selbst Geld aus goldenem, silbernem oder kupferfarbenem Karton. Wir hatten auch kleine Läden, wenn unsere Mütter uns irgend etwas gaben, was wir veräußern konnten. Auch unsere Puppen saßen friedlich in den Häuschen. - Zuerst spielten wir, wir seien Römer, später Griechen, dann alte Germanen, und schließlich wurden wir `modern’. Einmal gab es eine `Revolution’, als eines der Mädchen keine Gelegenheit bekommen hatte, Königin zu werden, als es an der Reihe war. Wir kämpften mit hölzernen Speeren und Schilden. Zu meiner großen Überraschung kam eine große Horde Feinde in mein Häuschen und überrannte es. Wir kämpften tapfer, verloren aber die Schlacht, und ich wurde, als gefährliche Person, in den Kesselraum der Treibhäuser gesteckt - und prompt vergessen. Ich erinnere mich, dass wir mit großer Leidenschaft und Glut spielten und jede Neuerung in der Regierungsform, der Architektur oder Verbesserungen in der Örtlichkeit ausprobierten. Nach einiger Zeit kamen Leute, um unser Dorf zu besichtigen. Wir hatten oft Besuch, darunter auch von meinem Lehrer, der gekommen war, um sich bei meinem Vater über mich zu beklagen. Aber wir hielten ihn in solcher Spannung beim Betrachten und Erklären, dass er ganz vergaß, meinen Vater zu besuchen.“

Es liegt auf der Hand, dass solche nicht nur phantasievollen, sondern oft recht wilden Spiele nicht möglich gewesen wären, wenn nicht die Eltern Zeller mehr Verständnis und Toleranz für die Bedürfnisse gesunder Kinder gehabt hätten, als man damals sonst in gutbürgerlichen Kreisen antraf. So vergisst auch die Autorin von „Pinitas“ nicht, ihre Dankbarkeit für die wunderbaren Erlebnisse im botanischen Garten auszudrücken, indem sie schreibt: „Herr und Frau Zeller waren von einer unbegrenzten Gastfreundschaft und Güte, die ich dankbaren Herzens nie vergessen werde. Statt sieben waren es oft 12 bis 14 Kinder, die sich im und ums Haus tummelten.“

Übrigens folgen auch die vielen im Garten angestellten Gärtnergehilfen und Arbeiter dem Beispiel der Eltern, ja, die Kinder wissen, dass sie, wenn es irgend geht, besonders bei der Materialbeschaffung für Spiele, gerne und oft auch diskret Hilfe leisten.

Freilich, eines wird unbedingt von den Kindern verlangt, und darauf gründet sich das Vertrauen, das ihren Spielen gewährt wird: „Es war für uns selbstverständlich, dass der Garten von uns geschont wurde; dass nicht auf Beete und Länder getreten wurde, nichts abgepflückt wurde ohne ausdrückliche Erlaubnis und dass nur die Bäume im Arboretum erklettert werden durften.“ (A. Hürthle-Landerer)

Auch Wilhelms Bruder Johannes und dessen sechs Kinder bekommen bei einem Besuch in Deutschland einen Eindruck von dieser für sie recht ungewöhnlichen Familie. Die jüngste Tochter, Johanna, genannt Hansi (später Joanna Masterman) erzählt in ihren Erinnerungen von einem Zirkus, den die beiden Kinderscharen als Festvorstellung für Eltern und Freunde im Garten gegründet und eingeübt hatten. Emma, die begabte Malerin mit ihrer großen Phantasie, hatte die Idee dazu. Die selbst entworfenen Kostüme werden von Hansi beschrieben, und hier scheint auch die Toleranz der Eltern eine Grenze gefunden zu haben: „Die 8 Vettern und Basen waren die aufregendste Familie, der man begegnen konnte. ... Am Tag der Vorführung wurden Eltern und Freunde, etwa 20 an der Zahl, von zwei wunderschönen Prinzessinnen ... und einigen Pagen, darunter Friederle, in kurzen Hosen und Federkappen, in ihre Plätze auf Bänken unter Bäumen eingewiesen. ... Hansi schockierte ihre Eltern sehr, indem sie in einem sehr kurzen Höschen auftrat, ihre lange rote Mähne offen über den Rücken fallend und über der Stirn in Fransen geschnitten, worüber ein Samtbarett mit Federn saß. Emma, in Weiß und Silber gekleidet, mit offen wallendem Haar, stieg auf eine Leiter und spazierte auf dem Seil, zum sprachlosen Entsetzen der Zuschauer. Aber der Stein des Anstoßes waren zwei kohlschwarze Neger in sehr spärlicher Bekleidung, die zu den Trommelwirbeln einer verkleideten Kapelle einen wilden Negertanz aufführten. Als die Tante (Mathilde Zeller) und ihre Freundin ihre Sprösslinge erkannten, erhoben sie sich entrüstet, und die Vorführung wurde sehr gestört.“ (Aus dem Englischen)

An diese Szene mag sich Johannes erinnert haben, als er wenige Jahre später sich Gedanken über die Vormundschaft für die vaterlos gewordenen Kinder macht. Er schreibt an seine Schwester Sophie: „Mathilde ist wegen der Pflegschaft in großer Anfechtung. ... Tübingen ist gerade kein guter Ort, so lebhafte Kinder zu erziehen.“

Doch Thilda erzählt auch vom häuslichen Leben der Familie und von ruhigeren Unternehmungen der Eltern mit ihren Kindern. Nach ihren Erinnerungen wird viel Hausmusik getrieben. Vor dem Abendessen werden Volkslieder und Choräle gesunden, die Emma auf dem Klavier begleitet. Jula hat eine sehr schöne Stimme, mit der sie besonders gerne Lieder von Schubert und Schumann singt. Gustav und Emma spielen Geige. Samstags und an Mittwochnachmittagen macht man oft lange Spaziergänge, bei denen die Botanisiertrommel nicht fehlen darf. An Sonntagnachmittagen wandern oft mehrere Familien, alt und jung, zusammen durch Wälder und Felder zu irgendeinem Lieblingsplatz, wo man Kaffee und andere Erfrischungen bekommt. Besonders beliebt ist Schwärzloch, wo eine uralte romanische Kapelle zu einem Wirtshaus umgebaut worden ist.

Dass die Eltern Zeller selbst, nicht nur durch die Gartenfreundschaften der Kinder, viel freundschaftlichen Verkehr in der Universitätsstadt pflegen, das zeigt sich erst so richtig nach dem Tod des Vaters. Aber mir fiel ein ganz unerwartetes Zeugnis dafür in die Hände, als ich die Lebenserinnerungen meines Großvaters mütterlicherseits, Eugen Bonhöffer, zu lesen bekam. Dessen jüngerer Bruder. Adolf Bonhöffer, verheiratete sich am 17. Juni 1884 mit der Tochter des Tübinger Apothekers Mayer. Bei dieser Hochzeit war auch mein Großvater eingeladen. Er schreibt später:

„Bei derselben lernte ich als Freund von Adolfs Schwiegervater den Garteninspektor Wilhelm Zeller kennen, dessen Sohn Dr. Friedrich Zeller später mein lieber Schwiegersohn wurde. Zeller hat die Hochzeitstafel im ‚Museum’ mit einer blühenden Königin der Nacht’ geziert. Inspektor Zeller begleitete seine `Königin der Nacht’ mit folgenden Versen:
Die Königin der Nacht
Sie
hat sich aufgemacht,
Das Brautpaar zu begrüßen
Und stirbt zu ihren Füßen,
Wenn Segen sie gebracht,
Wohl noch
in dieser Nacht.“

Mein Vater Friedrich Zeller hat eine schöne Erinnerung an seinen Vater festgehalten in seinem Bericht über seinen letzten Besuch in Tübingen vor seinem Auszug ins Feld, am 17. Juni 1916. Er wanderte allein frühmorgens über den alten Friedhof hinaus ins Elysium und in den Steinebergwald, ein Lieblingsziel der Zeller-Kinder. Er schreibt:

„Hier wuchsen die seltenen Blumen meiner Sehnsucht, ... die Orchideen. Mein Bruder Franz zeigte mir die Plätze, als ich noch klein war, dem hat sie unser Vater gezeigt, und jeder musste versprechen, die Plätze niemandem zu zeigen. Im niedrigen, struppigen Föhrenwald wuchsen zwischen kleinen Bachrinnen auf rötlichem Mergelboden die ‚Muckenblümle’. Sie waren schwer zu finden, sie entzogen sich dem Blick wie durch Zauberei, denn oft sah man sie erst, wenn man dieselbe Stelle mehrmals abgestreift hatte. Dann aber stand ich still in atemloser Freude.“

Frieder, der jüngste der Zeller-Buben, hat lange nach seines Vaters Tod dessen altes Stammbuch entdeckt und auf eine der leeren Seiten, sicher ganz heimlich, zwei Verse des Gesangbuchliedes „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ geschrieben, darunter: „Dein ewig treuer Sohn Friederle Zeller, Tübingen, den 10. November 1892.“

Viele Leser werden das große Gartenbild kennen, das Emma mit fünfzehn Jahren gemalt hat. Es hat wohl den Charakter einer Abschiedsvorstellung, denn die Jahre des Wohnens im Garten gehen ihrem Ende zu: 1885 wird damit begonnen, ein neues, als hochmodern empfundenes Gewächshaus aus Glas und Stahl zu bauen, und dazu müssen die beiden alten Treibhäuser und das dazwischenliegende Wohnhaus abgerissen werden. Der Familie Zeller wird eine größere Wohnung in der nahen Grabenstraße zugewiesen, von wo aus gewiss noch eine Weile im Garten gespielt werden kann, aber dort ist nun eine Baustelle, und die jahrelangen Bauarbeiten hängen ja mit dem schweren Schicksalsschlag zusammen, der das Leben von Wilhelms Familie völlig verändert. Auf Emmas großem Bild sind im Vordergrund alle Zeller-Kinder und ihre Freunde und Spielkameraden abgebildet, aber rechts im Bild öffnet sich die Kulisse der Bäume, die den Hintergrund bilden, und man sieht in einem kleinen Ausschnitt zwei jüngere Männer, wohl Gehilfen, mit einem älteren Mann mit rötlichem Bart und Mütze, der ihnen einen Handgriff vorführt und erklärt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Mann den Vater Zeller darstellt, der die beginnenden Bauarbeiten zu beaufsichtigen hatte.

Thilda erzählt von ihres Vaters Unfall: „Er betrat ein über das Fundament des neuen Gebäudes gelegtes Brett, das unter ihm einbrach, und erlitt einen komplizierten Beinbruch am Fuß, dessen sehr schmerzhafte Behandlung ihn wochenlang im Krankenhaus festhielt. Die Wunde heilte nie vollständig und wurde die Ursache der Blutvergiftung, der er im Juni 1887 erlag.“

 

Krankheit und Sterben

Nur fünf Jahre hat Wilhelm Zellers Arbeit und Leben Im Tübinger botanischen Garten gedauert. Wir lernen ihn dabei kennen - hauptsächlich indirekt - als den Vater einer höchst lebendigen, glücklichen und phantasievollen Kinderschar, der er, zusammen mit seiner Frau, durch große Toleranz und liebevolles Verständnis herrliche Jugendjahre verschafft, die für alle prägend sind. Gerade Wilhelm, dessen Kindheit und Jugend durch den Tod beider Eltern so früh überschattet und eingeschränkt war, muss die Fröhlichkeit und das körperliche und seelische Gedeihen seiner Familie mit Dankbarkeit und Genugtuung erlebt haben. Dabei hat er seine eigene Liebe zur Natur in die Kinderseelen eingepflanzt und sie die Ehrfurcht vor der Schöpfung gelehrt. Diese fordert, besser und wirkungsvoller als alle Verbote, auch die Beachtung der Grenzen für die eigene Betätigung und den allzu ungestümen Bewegungsdrang.

Noch zur Zeit von Wilhelms eigenem traurigem Waisenschicksal, kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, waren ähnliche Vorkommnisse wie der Tod von Vater oder Mutter auch in der Zeller’schen Familienge­schichte gar nicht selten, wenn auch der fast gleichzeitige Verlust beider Eltern für die Mitwelt doch etwas Außergewöhnliches war. Inzwischen ist eine Generation vergangen und hat in der Medizin große Fortschritte gebracht und damit auch den Menschen etwas von dem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der Unerbittlichkeit des Todesschicksals genommen. Dass trotz allem damals menschenmöglichen Einsatz der medizinischen Wissenschaft und auch der in diesem Einzelfall eindrucksvoll dokumentierten Hilfsbereitschaft der Verwandten und Freunde das Leben des kranken Wilhelm Zeller nicht gerettet werden kann, verstärkt in uns Nachkommen das Bedauern darüber, dass hier ein tragisches Schicksal mit einem uns Menschen unverständlichen Schlag etwas besonders Schönes und Lebensvolles ausgelöscht hat.

Es gehört zu dieser Geschichte, darzustellen, welche Beweise von Freundschaft, ehrlicher Anteilnahme und tatkräftigem Einsatz der Ärzte bei dieser Gelegenheit zutage traten und wie dieser Schlag vor allem durch Wilhelms Witwe hingenommen und getragen wurde.

Noch ein Vierteljahrhundert später hat diese Frau, der eine für ihre Zartheit ungemein schwere Last aufgebürdet wurde, für ihre Kinder aufgeschrieben, was sie damals für Hilfe erfuhr. Dies tat sie in dem Gefühl, bei all diesen Helfern in einer dauernden Dankesschuld zu stehen. Dass es ihre tiefe Gläubigkeit war, die sie durch alle Nöte und Schwierigkeiten hindurch getragen hat, war für ihre Kinder und alle, die sie kannten, in allem spürbar, auch in der Heiterkeit, die selbst in ihren späteren Leidensjahren noch um sie war.

Diese einleitenden Bemerkungen schienen mir wichtig zu sein, bevor ich im folgenden, weithin auch zitierend, dem Leser zumute, nach dem hellen ersten Teil der Geschichte nun auch das dunkle und schmerzvolle Geschehen in Krankheit und Sterben von Wilhelm Zeller mehr als nur oberflächlich nachzuerleben.

 

Der unheilvolle Sturz auf der Baustelle muss sich im Herbst 1885 ereignet haben. Damals sind die Arbeiten für das sogenannte Palmenhaus auf ihrem Höhepunkt. Da dieses an gleicher Stelle wie der frühere Baukomplex errichtet wird, hat man während der Bauzeit die Pflanzen aus ihren bisherigen Behausungen in provisorischen Quartieren untergebracht. Vor Einbruch des Winters wird von den vielen Gärtnern, die unter der Anleitung des Inspektors arbeiten, noch für die Überwinterung der wärmebedürftigen tropischen und subtropischen Pflanzen gesorgt, wohl in einem schon fertiggestellten Teil des neuen Komplexes. Wie es bei den gleichzeitig noch weitergehenden Bauarbeiten auf dem Gelände des Gartens aussieht, hat sich indirekt auch in den Berichten über die Spiele der Kinder niedergeschlagen: Dort ist die Rede von gestapeltem Bauholz, von Stangen und Latten, die von den Kindern heimlich mit Beschlag belegt werden, aber auch vom augenzwinkernden Verständnis der Arbeiter und Gärtner. Das auf dem großen Gartenbild erkennbare ungefähre Alter der Kinder, unter denen auch das 1885 geborene Mariechen zu sehen ist, passt zu den Jahren 1886/87, als die Familie bereits in der Grabenstraße wohnt, aber die Spiele der Kinder noch im weniger betroffenen Arboretum weitergehen.

Gerade in dieser Zeit muss Wilhelm Zeller den Schauplatz seiner Arbeit verlassen. Bei einem komplizierten Bruch von Fußknochen ist eine Krankenhausbehandlung unumgänglich. Diese gestaltet sich unerwartet langwierig und schmerzhaft, und die Wunde verheilt auch nach seiner Entlassung nur ungenügend. In den seltenen mündlichen Erwähnungen des Sturzes ist gelegentlich auch von einem rostigen Nagel die Rede, doch ist dies eine ungesicherte Vermutung.

Schon während seines Krankenhausaufenthaltes, so erinnert sich seine Frau später in einem Brief aus dem Jahr 1887, sagt Wilhelm in den Zuständen seiner schweren Schmerzen einmal zu ihr: „Der Fuß bekommt nicht eher Ruhe, als bis er unter Blumen gebettet liegt.“ Dieses poetische Wort spricht von einer Todesahnung, die ihn schon damals heimgesucht haben muss.

Dass Wilhelm eine Nachkur in Wildbad verordnet wird, geht aus der Existenz einer Art Passfoto hervor, das er bei einem Wildbader Fotografen machen lässt. Es zeigt ihn, sehr ernst, mit krausem, ziemlich langem Haupthaar, wenn auch oben schon etwas gelichtet, und einem Vollbart. Ein Exemplar dieses Bildes kam erst vor einigen Jahren wieder aus dem Ausland zurück, aus den Händen der Nachkommen des Bruders Johannes. In amtlichen Berichten wird aber später erwähnt, dass Wilhelm diese Kur nicht mehr habe antreten können. Das Foto mag bei einem vorbereitenden Besuch in Wildbad entstanden sein.

Das Jahr 1886 bringt die Fertigstellung des neuen Palmenhauses samt seinen Nebengebäuden, mit den Wohnräumen für das Personal, einem Inspektoren- und Samenzimmer, dem Herbarium und der Holzsammlung.

Während der Zeit nach der Wiederaufnahme seiner Arbeit scheint Wilhelm noch einmal in relativer Gesundheit seinen Pflichten nachzugehen, denn als im Frühsommer 1887 erste Anzeichen einer allgemeineren Erkrankung auftreten, sehen andere, seine Familie und der Arzt, eher als er selbst, dass es diesmal sehr ernst um ihn stehen muss. Seine Frau schreibt von ihren Befürchtungen an seinen Bruder Johannes in Palästina; ein zweiter Brief von ihr, gleich nach Wilhelms Tod, ist wenigstens zur Hälfte erhalten. Aus ihm erfahren wir den Verlauf der Krankheit und deren Ausgang, mit erstaunlicher Fassung und sachlicher Genauigkeit wiedergegeben. Ein glücklicher Umstand brachte uns ein detailliertes medizinisches Bulletin über seine letzten Tage und die Maßnahmen seiner Ärzte in die Hände. Es handelt sich um ein kleines, tagebuchähnliches Heftchen, das der Großvater von Dr. Martin Zeller, Dr. med. Heinrich Zeller (ZB § 142), in den Jahren 1886 bis 1888 in der Zeit um den Abschluss seines Studiums und das Examen im Hause Zeller als Helfer bei der Pflege seines Vetters verbringt.

Verwandte und Freunde nehmen damals nicht nur durch Worte und Briefe an diesem schweren Krankheitsgeschick teil: Wilhelms Frau wird nicht alleingelassen mit der Pflege ihres Mannes, ganz abgesehen von der aufopfernden Tätigkeit der Ärzte, die später gewürdigt werden soll. Offenbar eilten früher bei der häuslichen Pflege eines männlichen Verwandten Vettern und Neffen desselben zur Hilfe herbei, während man bei Wochenbetten und Erkrankungen von Hausfrauen und Müttern mit der Anwesenheit der oft erwähnten, meist ledigen „Familientanten“ rechnen durfte. Man darf sich erinnern: Als 44 Jahre vorher Wilhelms Eltern in Besigheim an Typhus erkrankt waren, hatte Eduard Zeller, damals Dozent an der Universität Tübingen, seinen Vetter, der eben zuvor seine Frau verloren hatte, gepflegt, dann allerdings im Vertrauen auf eine scheinbare Besserung eine Reise nach Köln angetreten, wo ihn die Nachricht vom Tod des Kranken erreichte.

In dem oben erwähnten Brief schreibt Mathilde dankbar, dass auch Friedrich Zeller, der älteste Sohn des Bruders Johannes, der unmittelbar vor Antritt seiner ersten Pfarrstelle in Biesenrode am Harz stand, von Häslach gekommen ist, um eine Nachtwache und die Verrichtungen des folgenden Vormittages zu übernehmen. Bei den sonstigen Nachtwachen wechseln sich der oben genannte Vetter Heinrich und der Nachbar Dr. Nagel ab.

 

Bei der Schilderung des Verlaufs der Krankheit verwenden wir also außer Mathildes Brief an Johannes die medizinisch genaue Aufzeichnung von Heinrich Zeller, die aus einem ausführlichen, auch persönliche Bemerkungen enthaltenden Text und einer Tabelle über die Behandlung besteht, die vom Sonntag, 25. Juni, bis zur Todesstunde am Abend des Donnerstag, 30. Juni 1887, von ihm geführt wurde. Sie gibt mit der jeweils genauen Stunde die in Celsiusgraden gemessenen Fiebertemperaturen, die Pulszahlen, die Gaben des verordneten Medikaments Antipyrin und die Anwendungen an. Letztere bestehen aus kalten Bädern von 16 Grad Reaumur, bis zu sechsmal täglich, später aus kalten Waschungen sowie aus Einläufen und Aderlässen. Man kann daran ablesen, welch großer Pflegeaufwand von den beteiligten Ärzten und Familiengliedern zu bewältigen ist. Heinrich Zeller ist vom 27. Juni nachmittags an bei der Pflege anwesend, er hat erst am Tag vorher von der Sache erfahren.

Mathilde schreibt vom Beginn der Krankheit: „Wilhelm hatte keine Ahnung, wie krank er war, bis sich auf einmal große rote Flecke am Fuß zeigten. ... Da erschrak er selber, ebenso auch die Ärzte. Wir sahen alle, dass die Sache sehr ernst war, deshalb schrieb ich dann auch an Euch. Von da an ging es immer so zwischen Furcht und Hoffnung, es wurde von Tag zu Tag bedenklicher. Dazu stellten sich noch steigende Atmungsbeschwerden ein, man musste auch fürs Herz fürchten, kurzum, die Krankheit breitete sich über den ganzen Körper aus, ohne dass man genau sagen konnte, was es war. Vier Ärzte mühten sich ab, es zu ergründen und sein Leben zu retten. Unser Hausarzt Dr. Landerer kam gewöhnlich fünfmal täglich. Alles, was Menschen tun konnten, das teure Leben zu erhalten, das geschah...“

Dazu hören wir aus Heinrichs Bericht, der auch den Verlauf seit Beginn der Krankheit umfasst: „Vetter Garteninspektor erkrankt am 14.6.1887 nachts 11 Uhr mit Schmerzen im linken Bein, das er vor 1¾ Jahren gebrochen hatte. Zwei Tage darauf stellt sich ein Schüttelfrost ein; nachher Temperaturen bis zu 41,3. An dem kranken Bein zeigt sich ein Erysipel besonders in der Umgebung der noch klein als Fistel bestehenden Bruchwunde. Außerdem traten noch Schmerzen im Nacken und im linken Knie auf, in dem ein Erguss deutlich nachzuweisen war, so dass Priv. Dozent Dr. Müller die Diagnose akuter Gelenkrheumatismus stellte. ... Prof. Bruns, der nun beigezogen wurde, erklärte, das hohe Fieber könne jedenfalls nicht allein vom Fuße herrühren. Es tauchte nun der Gedanke an akute Tuberkulose auf, für das auch der Lungenbefund stimmen würde. ... Am 25.6 wurde nun Liebermeister konsultiert, der sagt, eine Pneumonie mit merkwürdiger Lokalisation sei nicht auszuschließen, es sei jedoch nicht möglich, eine Diagnose zu stellen. Am Montag (27.6.) half ich den Vetter baden mit Herrn Dr. Landerer, und zwar um 2¾ Uhr, dann um 6½ Uhr nochmals, wobei dann auch Herr Prof. Liebermeister anwesend war und mir für die Nacht einige Anweisungen gab, nämlich vor Mitternacht 39,5 und nachher bei 39 Grad zu baden. Die Bäder 16 Grad R 10 Minuten hielt der Vetter sehr gut aus und wehrte sich auch nie dagegen, er war überhaupt sehr geduldig. Zum Baden und Waschen war noch ein Lazarettgehilfe da. ...“

Im weiteren Verlauf wird berichtet von einer sehr schmerzhaften Rötung und Schwellung des linken Zeigefingers, dann von einem Erguss am linken Knie und schließlich von einem Ausschlag auf der Haut. Auch ein Ödem des rechten Beines und der Arme ist nachweisbar sowie eine Herzdämpfung.

„Das Sensorium (= Bewusstsein) kaum je ein Mal benommen, doch spricht er dann immer vom botanischen Garten. Die Schwäche hat bedeutend zugenommen, so dass auch Liebermeister meint, man sollte die Bäder lieber mit kalten Abwaschungen des ganzen Körpers ersetzen. ... Er bekam nun nachts auf Mittwoch früh 4 Uhr (29.6.) einen Anfall von Herzbeklemmung, klagte sehr über Schmerzen in der Herzgegend und konnte nur mit großer Anstrengung atmen. Herr Dr. Landerer wurde nun geholt und machte einen Aderlass, den ersten, den ich gesehen habe, worauf der Puls von 148 auf 126 zurückging und überhaupt das ganze Befinden sich besserte. Stark 200,0 Blut wurden abgelassen am linken Arm. ... Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war sehr ordentlich, er konnte von 9 bis 11½ Uhr schlummern, und auch das Atmen war weniger hörbar, dann konnte er sein Glas zum Trinken selbst in die Hand nehmen und bewegte sich auch im Bett etwas leichter. Das Fieber war weniger hoch, alles Zeichen, die die gedrückte Stimmung der lieben Tante Mathilde wieder etwas hoben und ihr auch jetzt noch einige Hoffnung auf Genesung einflößten. ... Nachmittags jedoch fingen die Extremitäten an kalt zu werden, erwärmten sich zwar wieder etwas nach kräftiger Verabreichung von Champagner. Um 5 Uhr wurde das Atmen beschwerlicher, das Sensorium benommen.“

Mathilde schreibt über Wilhelms Sterben: „Wenige Stunden, nachdem Friedrich wieder abgereist war, merkte ich plötzlich dass sich sein Aussehen veränderte, dass der eine Arm kalt wurde. Ich rief alle Kinder herbei außer den zwei Kleinsten, welche nicht da waren, ließ auch den Doktor noch einmal kommen. Er ließ zum zweiten Mal zur Ader, doch das Blut sprang nicht mehr, er atmete schwer und stöhnte. ... Manchmal sprach er etwas Unverständliches, vom Garten, dann aber flüsterte er mir zu: ‚Ihr kommt auch nach.’ Da nahm ich Abschied von ihm, dann war’s bald aus. Der Atem wurde schwächer, die Seufzer setzten aus, dann taten sich seine Augen noch einmal weit auf, er sah ganz hinauf, dann fielen sie zu, und er schlummerte sanft ein.“

Am 1. Juli morgens malt die 15-jährige Tochter Emma das Bild vom Vater auf dem Totenbett, nachdem ihn wohl die Kinder noch mit Blumen geschmückt hatten.

Die Beerdigung findet am 3. Juli statt und wird von Oberhelfer Elsäßer gehalten, der Wilhelm in seiner Krankheit noch besucht hat. Der Geistliche nimmt in seiner Rede auch ausführlich Bezug auf das Geschehen beim Tod von Wilhelms Eltern in Besigheim im Jahre 1843 und auf den Zeller’schen Wahlspruch „Mit Freunden hindurch“. Seine Grabrede wird von den älteren Kindern in mehreren Exemplaren abgeschrieben, um sie an Verwandte zu schicken.

 

Obwohl dort manches als Wiederholung des Bisherigen erscheint, ist doch der Brief von Mathilde Zeller an ihre Kinder vom 6. November 1913 ein so ungewöhnliches und nach allem Schlimmen auch versöhnliches Dokument, dass ich mit seiner Wiedergabe meine Arbeit zu Wilhelm Zellers Leben beschließen möchte. Sie schreibt:

„Liebe Kinder, damit ihr wisset, und es nicht vergesset, was Gott durch gute Menschen an uns getan hat, als der Papa starb, so will ich versuchen, es euch hier aufzuschreiben. Wohl in dem Bewusstsein, dass wir bei fast gänzlicher Mittellosigkeit, wenn er uns jetzt schon verlassen müsste, ganz besonders auf Gottes Hülfe angewiesen sein würden, so hat er es gar nicht angefangen, Bestimmungen zu treffen oder auch nur Andeutungen zu machen, wie es mit den Kindern nach seinem Tode gehalten werden sollte, sondern hat es schweigend Gott überlassen als dem Vater und Versorger der Witwen und Waisen, der sich denn auch sogleich als Helfer eingestellt und alles aufs beste hinausführte.

Zuerst will ich den großen Wohltäter und Freund, Hofrat Mayer, nennen, aus dessen Apotheke all die vielen Salben, Arzneien, Pulver und sonstigen Medikamente, die von den Ärzten angeordnet wurden, in der Hoffnung, das teure Leben zu erhalten, umsonst gegeben wurden; von all diesen Fläschchen, Schachteln, Büchschen und Dosen stand, nachdem der Papa gestorben war, die Kommode, welche am Fußende seines Bettes stand, zuletzt ganz voll. - Ferner nahm keiner der Ärzte, welche sich während der 16 Tage seines Krankseins – er starb an Blutvergiftung – die größte Mühe gaben, ihn zu retten, von diesen nahm keiner eine Bezahlung von mir an. Vor allem muss da unser guter edler Herr Doktor Landerer genannt werden, der unermüdlich mehrmals am Tag kam und welcher auch beim Sterben zugegen war. Ferner kamen Herr Professor Liebermeister, Herr Professor Bruns und Herr Dr. Müller, der, welcher jetzt eine orthopädische Anstalt in Stuttgart hat. Zu Nachtwachen kamen abwechselungsweise Herr Dr. Otto Nagel und der Vetter Dr. Heinrich Zeller, Sohn vom Markgröninger Onkel. Professor Henke schickte dem Schwerkranken Wein und Professor Nagel Wein, Champagner und Eis, auch Frau Professor Liebermeister und andere schickten Erquickungen, die liebe Fräulein Lina Schütz nicht zu vergessen, welche Erdbeeren brachte. Aber mit aller Liebe und Sorgfalt war er nicht aufzuhalten, er eilte der Heimat zu, wie er sich öfters noch durch seine Jula und deren Freundin Emma Dinkelacker singen ließ: ‚Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu.’ Am 30. Juni (1887) abends 8 Uhr tat er die Augen für immer zu, und ich und die 6 ältesten Kinder umstanden weinend und mit stillem Seufzen das Sterbelager. Die beiden Kleinen, der 5jährige Friederle und das zweijährige Mariechen wurden von Professor Pfeffers, wo sie den Tag über waren, herbeigeholt. Sie wussten noch nicht, was sie verloren hatten. Das kleine Mariechen wollte gleich ihrem Papa getrocknete Zwetschgen, die es geschenkt bekommen hatte, in den Mund stecken.

Kaum hörte Herr Professor Pfeffer, der Vorstand des botanischen Gartens, die Trauerkunde, so kam er zu uns noch zwischen 8 und 9 Uhr und bot sich von selbst an, sich für mich beim Ministerium zu verwenden, damit ich ein jährliches Witwengratial bekäme, denn die Stelle des Universitätsgärtners sei nicht pensionsberechtigt. Seine Verwendung hatte dann zur Folge, dass ich lebenslang 400 Mark Gratial, jetzt ist es etwas mehr, und für jedes der 8 Kinder 80 Mark jährlich Erziehungsgeld bekam bis zu ihrem 18. Jahr. Da die meisten noch weit unter 18 Jahren waren, so machte das zuerst viel aus. Auch kam noch den selben Abend der Onkel Mögling (Bem.: ZB § 54.3, Professor am Gymnasium Tübingen) und nahm auf meine Bitte hin das Amt eines Vormundes der Kinder an. Ich hatte nun an ihm einen vortrefflichen, klugen und treuen Beistand und Ratgeber. Da es zuerst sehr viel zu tun, zu entscheiden und zu schreiben gab, so kam er jeden Tag von der Schule aus zu mir, um zu sehen, ob es etwas zu tun oder zu helfen gab. Für Trauerkleider wurde ohne mein Zutun gesorgt: Frau Prof. Liebermeister brachte mir einen guten wollenen schwarzen Stoff zu einem Kleid und Frau Rittmeister Haffner, welche oben im Hause wohnte, brachte Stoff zu Kleidern für Jula und Emma. Für die Thilda kam, wie auch Verabredung, von Frau Professor Eimer ein Kleid, welches sie sogleich in ihrem Haus machen ließ, wie sie auch sonst viel tat. Sie hatte zum Beispiel während Papas Krankheit, um ihm Ruhe zu verschaffen, tagsüber die beiden Kleinsten bei sich, abwechselnd mit Frau Prof. Pfeffer.

Bald nach Papas Tod traten 4 Männer zusammen, Onkel Mögling, Hofrat Mayer, Prof. Eimer und Herr Sandberger, der damals hier Dekan war, und berieten darüber, wie man pekuniär helfen könne. Sie beschlossen, eine Sammlung in der Stadt für die verwaiste Familie zu veranstalten, da eine ungewöhnlich große Teilnahme herrschte. Die Liste wurde hauptsächlich zu den Professoren, aber auch zu anderen gut gestellten Leuten geschickt, und es kam viel mehr Geld zusammen, als man gedacht hatte. Eine zweite Liste wurde auf Anregung von Onkel und Tante Münscher in Marburg nach auswärts an Familienglieder geschickt. Auch diese war mit wunderbarem Segen begleitet, denn als dieselbe nach Berlin kam zum Onkel Hagewaldt, der ein Neffe der Tante Tony ist, so fühlte dieser sich gedrungen, nicht nur eine einmalige Gabe zu geben, sondern auch zu einer monatlichen Unterstützung von jedesmal 100 Mark herzugeben. Dies setzte der treue Mann so lange pünktlich fort, bis ich durchaus nimmer so viel brauchte und ihm dies schrieb, da mehrere Kinder nach auswärts gekommen waren und die Familie viel kleiner geworden war. Ich nahm von da an nur noch 50 Mark an, später noch weniger, bis dann jetzt schon seit einer Reihe von Jahren ihr Kinder eingetreten seid zu einer regelmäßigen Unterstützung eurer alternden Mutter. Gott wolle es einem jeden mit reichlichem Segen vergelten, was ihr an mir getan habt!

Dies alles ist aber nicht das einzige, was Gott getan hat, noch viele Wohltaten, Durchhilfen und Gebetserhörungen fügte er hinzu. Gustav und Willy kamen ins Seminar und Stift, die Emma wurde auf Kosten ihrer zwei Onkels, Onkel Eduard (ZB § 124) und Onkel Zeller (wohl § 136) zur Lehrerin in Markgröningen ausgebildet. Besonders merkwürdig war die göttliche Fürsorge für die noch nicht 14jährige Thilda, denn einen Tag vor Papas Tod kam von der Tante Marie Zeller, Witwe des Onkels Gustav Zeller, Präsident in Stuttgart, welche aber gar nichts von Papas schwerer Krankheit wusste, eine Anfrage an mich ob wir nicht, da wir ja so viele Kinder hätten, die kleine Thilda an eine englische Dame abgeben würden, welche für ihre Kinder ein solches deutsches Kind suchte, damit ihre Kinder im Umgang mit demselben deutsch lernen könnten, sie wolle die Thilda aufs beste versorgen und sie auch mit ihren fünf Kindern unterrichten lassen. Nach noch nicht 3 Wochen war die Thilda schon auf der Reise nach Koblenz, wo sie die Familie Gillespie treffen sollte, um mit dieser dann zusammen nach England zu reisen. Es erboten sich auch nach Papas Tod einige Verwandte, um Kinder aufzunehmen, nämlich Möglings wollten den Franz nehmen und der Bruder der Tante Tony, welcher Pastor in Hamburg war, wollte den Gustav an Kindesstatt annehmen, doch ich lehnte beides dankend ab, da nun auch mit Jula, welche auf den Wunsch von Onkel Mögling eine Stelle annahm, schon 3 Kinder, die drei Ältesten, aus dem Hause waren; so blieben die jüngeren Kinder noch einige Jahre zusammen.“

Zur Zeit der Zusammenstellung dieser Zeugnisse zu Wilhelm Zellers Leben und Sterben ist zwar der Bestand an noch lebenden Enkeln auf vier zurückgegangen, und die weiteren Familien von Nachkommen in Deutschland sind nicht sehr zahlreich. Aber in den USA ist Wilhelms und Mathildes Nachkommenschaft inzwischen fast unüberschaubar. Sie besteht aus den Abkömmlingen zweier kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert nach Amerika ausgewanderter Kinder des Paares, Thilda Zeller-Bond und des ältesten Sohnes Franz Zeller. Inzwischen gibt es dort zahlreiche Familien von Urururenkeln in vielen Staaten der USA, die ihrerseits zum Teil in ihren noch kleinen Kindern schon eine weitere Generation eröffnet haben.

Im Jahre 1984 wurden alle bis dahin existierenden Nachkommen in einer Sonderveröffentlichung des Martinszeller Verbands erfasst. Wenn auch heute bei den neuesten Generationen das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum Zeller-Stamm nicht mehr durchgehend vorausgesetzt werden kann, so erweckt dieser Blick auf das bis heute Gewordene doch vielleicht in denjenigen, die bis hierher unserer Darstellung gefolgt sind, das Gefühl einer späten Genugtuung über das Weiterwirken der Lebens- und Liebeskraft eines Menschendaseins, dem wir selbst unser Leben verdanken.

(1993/94)
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