Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Konrad Vaut (* um 1450)
Der Vogt von Cannstatt (hingerichtet 1516)

 

Aus: Rose Wagner, Mosaik, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 38-43



1. Die Zeit Herzog Ulrichs von Württemberg
Das Schicksal der Württemberger wurde zum Beginn des 16. Jahrhunderts entscheidend bestimmt durch den jungen, unerfahrenen Herzog Ulrich. Der Sohn eines geisteskranken Vaters, des Grafen Heinrich von Württemberg, der für unzurechnungsfähig erklärt worden war, hatte seine leibliche Mutter schon bei der Geburt verloren. Seine Stiefmutter sorgte zwar für das verlassene Kind, aber seine Vormünder kümmerten sich wenig um eine standesgemäße Erziehung oder irgend eine gediegene Ausbildung. Niemand zügelte den Jähzorn und die Verschwendungssucht des Knaben, den die Landstände schon 1498 zum Herzog von Württemberg erklärt hatten. Bis zu seiner Volljährigkeit führte eine Vormundschaftsregierung das Land, während Kaiser Maximilian den jungen Ulrich an seinen Hof zog. 1503 ließ er den erst Sechzehnjährigen für volljährig erklären in der Hoffnung, den jungen Herzog für immer an sich zu binden und durch ihn einen festen Stützpunkt zur Wahrung der Habsburgischen Interessen in Südwestdeutschland zu gewinnen. Doch diese Rechnung sollte nicht aufgehen.


Auch die Verlobung Ulrichs mit der Tochter des Herzogs von Bayern, Sabina von Wittelsbach, die eine hohe Ehre für den Grafensohn bedeutete, sollte diesen politischen Zielen dienen. Zwar hatte Ulrichs Herz für die anmutige Elisabeth von Ansbach geschlagen, aber auf Gefühle nahm der Wille des Kaisers keine Rücksicht. Er band zwei Menschen aneinander, die nicht für einander bestimmt waren, freilich keine Seltenheit an Fürstenhöfen aller Zeiten.

Am 2. März 1511 erwartete der junge, blondgelockte Ulrich vor den Toren Stuttgarts die Ankunft seiner ungeliebten Braut. Dort, wo die Straße von Feuerbach aufsteigend eine kleine Senke bildet, wo einst das Pragwirtshaus stand, und von wo aus sie dann ins Stuttgarter Tal hinabführt, hatte sich der stattliche Bräutigam, umgeben von Rittern und großem Gefolge eingefunden. In einem vergoldeten Wagen fuhr Sabina von Wittelsbach in rotem Festkleid und mit Federhut den Wartenden entgegen. Nach feierlicher Begrüßung und einem Umtrunk wurde zum Turnier geblasen, und das zusammengelaufene Volk sah mit Erstaunen dem ungewohnten Schauspiel aus der Ferne zu.

Die Trauung des herzoglichen Paares vollzog der Bischof von Konstanz in der ehrwürdigen Stiftskirche in Stuttgart, denn Württemberg gehörte zu seiner Diözese. Danach wurde im nahegelegenen Schloss mit großem Prunk die Hochzeit gefeiert. In der Stadt, die damals nur ungefähr 6000 Einwohner zählte, sollen über 1000 Gäste mitgefeiert haben. Eine Woche lang wurde jeder mit Speis und Trank freigehalten, neben den Adligen, die im Schloss tafelten und tanzten. Kein Wunder, dass viel fahrendes Volk zusammengelaufen war, dass Gaukler und Spielleute auf dem Markt, dem einzigen gepflasterten Platz des Stadt, musizierten und ihre derben Späße trieben.

Auch in den Gassen und Gässchen wimmelte es von Leuten. Die Bauern aus der Umgegend, in raues Tuch gekleidet, wurden von Rittern und Landsknechten im bunten Wams und Pluderhosen, die zum Gefolge der Herren im Schloss gehörten, unsanft beiseite geschoben. Das ließen sich die reichen Bürger, die der Ehrbarkeit angehörten, nicht gefallen. Jeder erkannte sie in der Menge durch ihr würdevolles Auftreten im dunklen Rock mit dem kurzen Schwert an der Seite, dem kurz geschorenen Haupthaar und dem langen Bart. Der Einfluss ihrer Familien im Lande war groß, seit der Adel in Württemberg lieber in kaiserliche Dienste trat, wo man es eher zu hohem Ansehen bringen konnte. Aus diesen führenden bürgerlichen Familien und aus dem niederen Adel ernannte der Herzog die Vögte, seine höchsten Verwaltungsbeamten, die in den örtlichen Gerichten den Vorsitz einnahmen und selbst im Namen des Herzogs Anklage erhoben, wo Unrecht geschehen war. Sie mussten ein hohes Vermögen nachweisen, um unbestechlich zu sein, denn sie wachten auch über das Einziehen von Steuern und Abgaben. Kein Wunder, dass die Familien, die sich zur Ehrbarkeit rechneten, sich vielfach unter einander versippten. Ihre Söhne studierten in Tübingen, um später an der Universität die Professoren- und in der Kirche die Prälatenstellen zu besetzen oder wieder als Vögte dem Lande zu dienen.

Sie waren es auch, die als Vertreter der führenden Schicht des Landes, von Ihresgleichen gewählt, die Landstände bildeten, die neben dem spärlich vertretenen Adel den Landtag, die sogenannte „Landschaft“ - das Gegenüber des Herzogs - wählten. Die Landschaft tagte nicht regelmäßig, sondern würde, meist in Notzeiten, vom Herzog einberufen. So im Jahre 1514, als der junge, des Regierens ungeübte und verschwenderische Ulrich seiner Schulden nicht mehr Herr wurde, und Bauern und Bürger durch eine unkluge Steuer- und Finanzpolitik gegen sich aufgebracht hatte. Als die Bauernhaufen des „Armen Konrad“ im Remstal plünderten und brandschatzten, blieb Herzog Ulrich nichts anderes übrig, als die Landschaft nach Tübingen einzuberufen und sie um Hilfe und Unterstützung zu bitten. Die Landstände kamen ihm in den Verhandlungen weit entgegen, indem sie sich bereit erklärten, seine ungeheuren Schulden von 900.000 Gulden zu tilgen und ihm bei der Niederwerfung des Bauernaufstandes zu helfen. Aber sie forderten dafür auch einen Preis. Wichtige Regierungsbeschlüsse, unter anderem die Erhebung von Steuern und die Bewilligung von Geldern zur Kriegsführung, wurden in Zukunft an die vorhergehende Beratung und die Zustimmung der Landstände gebunden und damit der freien Entscheidung des Herzogs entzogen. Anfänge der Gewaltenteilung wurden hier schon 1514 im „Tübinger Vertrag“ verankert.

Der junge, nach Unabhängigkeit strebende Herzog unterschrieb den Vertrag nur notgedrungen und gedachte im Stillen, ihn nicht einzuhalten. Der Druck, den vor allem die Vögte, die der bürgerlichen Ehrbarkeit entstammten, auf ihn ausgeübt hatten, blieb für ihn ärgerlich und unvergessen, obwohl er ihrer Unterstützung die schnelle Niederwerfung des Bauernaufstandes verdankte. Das Land hätte nun in den folgenden Jahren zur Ruhe kommen und sich wirtschaftlich erholen können, hätte nicht eine furchtbare Bluttat des Herzogs neue Schwierigkeiten heraufbeschworen. Im Mai 1515 erstach Ulrich auf der Jagd im Böblinger Wald hinterrücks seinen Stallmeister und Freund, Hans von Hutten. Ein schwerer Vertrauensbruch hatte den jähzornigen Herzog zu diesem Mord hingerissen.

Die zerrüttete Ehe mit seiner ungeliebten und gefühlskalten Frau war der Hintergrund der schrecklichen Tat. Nach der Geburt einer Tochter und eines Sohnes hatte Ulrich sich mehr und mehr anderen Frauen des Hofes zugewandt. Gekränkt zog sich Herzogin Sabina zurück. Ulrich dagegen verliebte sich eines Tages in die Frau seines Freundes, Hans von Hutten. Die tugendsame junge Frau aber wies das stürmische Werben des Herzogs zurück. Dies gestand Ulrich im vertraulichen Gespräch seinem Freunde. Der Stallmeister Hans von Hutten hatte nichts Eiligeres zu tun, als hinter vorgehaltener Hand bei Hofe von der unerwiderten Liebe des Herzogs zu plaudern und ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Ulrich konnte dies nicht lange verborgen bleiben. Zornig rächte er sich an dem ungetreuen Freunde.

Die einfachen Leute im Lande verstanden die unbesonnene Tat, mit der Ulrich seine gekränkte Ehre wiederherzustellen suchte, aber die führenden Männer, besonders die Vögte, die selbst für Recht und Ordnung zuständig waren, konnten über die Bluttat ihres Landesherren nicht einfach hinwegsehen. Einige von ihnen wandten sich an den Kaiser als dem obersten Richter des Reiches. Dies tat natürlich auch die Familie des Toten. In ihrem Namen rief der Dichter, Ulrich von Hutten, ein Vetter des Ermordeten, die Ritterschaft zum Feldzug gegen den Mörder auf. Ulrich sah sich plötzlich auf allen Seiten von Feinden umgeben, er traute keinem mehr. Er musste fürchten, dass ihm sein Land durch einen kaiserlichen Richterspruch aberkannt werden würde und er gezwungen wäre, irgendwo im Ausland Zuflucht zu suchen.

Der alternde Kaiser Maximilian jedoch, der von jeher sein Gönner gewesen war, hielt immer noch seine Hand über ihn. Er ordnete lediglich an, dass ihm ein Rat als Mitregentschaft zur Seite gestellt werden sollte. In diesen Rat sollten teils kaiserliche, teils württembergische Männer berufen werden, und Ulrich hätte damit rechnen können, dass seine Württemberger mit ihm bestrebt gewesen wären, die österreichische Mitverwaltung zu schwächen. Außerdem wäre diese Mitverwaltung mit Sicherheit nach einigen Jahren wieder aufgehoben worden. Das kaiserliche Urteil war also nicht unehrenhaft, aber Ulrich fühlte sich zu sehr bevormundet und lehnte eine Mitregentschaft ab. Diese Auflehnung gegen kaiserliches Gebot trug ihm nun die Reichsacht ein. Sie militärisch gegen Ulrich durchzusetzen, scheute sich der Kaiser. Man verhandelte erneut und kam 1516 zu einem Kompromiss, in dem der Herzog widerwillig einem noch stärkeren Einfluss der Landstände auf seine Regierung zustimmen musste. Zornig plante er, die bürgerlichen Vögte aus der Ehrbarkeit, denen er ein Zusammenspiel hinter seinem Rücken mit dem Kaiser zu seinen Ungunsten vorwarf, möglichst bald fühlen zu lassen, dass er allein der Herr in Württemberg war.

 

2. Der Prozess gegen Konrad Vaut, den Vogt von Cannstatt
Konrad Vaut war einer der Männer, die den Zorn des Herzogs sehr bald zu spüren bekamen. Völlig überraschend erschienen die Häscher am 20. November 1516 in seinem Hause und verhafteten ihn. Sie brachten den siebzigjährigen Vogt von Cannstatt - manche meinen, er sei noch älter gewesen - auf den Hohenasperg, wo er schon Konrad Breuning, den Vogt von Tübingen vorfand.

Konrad Vaut stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie in Zuffenhausen. Seine Mutter, Elisabeth von Plieningen, gehörte dem württembergischen Ministerialadel an, der ebenfalls in der Gegend von Zuffenhausen begütert war[ Ist wohl unrichtig, sie war nicht adelig und hieß einfach Elisabeth Plieninger.]   Vielleicht war Hans Vaut, der einst dem Grafen Eberhard im Bart 21 Morgen Wald für 66 Pfund Heller in der Mönchhalde bei Stuttgart verkaufte, sein Großvater. (Die kleinste Münze, der Heller, wurde tatsächlich nicht gezählt, sondern bei Kauf und Verkauf gewogen.)

Zu den beiden Verhafteten auf dem Asperg gesellten sich bald noch Sebastian Breuning, der Vogt von Weinsberg, der Bruder des Tübingers, und Hans Stickel, der Bürgermeister von Stuttgart. Man warf ihnen Hochverrat vor, denn sie sollten sich nach Ulrichs Bluttat an den Kaiser gewandt haben; und dem Konrad Vaut drohte zudem eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung. Ein unbedachtes Wort nach dem Mord an Hutten sollte ihm zum Verhängnis werden. „Da hat uns der Teufel mit dem Narren beschissen,“ sollte er gesagt und damit gemeint haben, dass ein solcher Narr, wie der Herzog, zum Regieren nicht mehr tauge. Natürlich leugneten die Angeklagten, aber auf Anweisung des Dr. Ambrosius Volland, der des Herzogs Rat und Vertrauter war, wurden die Männer hart gefoltert, bis sie ein Geständnis ablegten. Zeugen für oder gegen die Anklage wurden nicht gesucht. Nach den erpressten Geständnissen wurde die Hauptverhandlung auf den 10. Dezember im Gerichtssaal des Herrenhauses am Stuttgarter Markt festgesetzt.

Niemand, der heute über den Markt schlendert, seine Apfel, sein Filderkraut oder einen Blumenstrauß kauft, denkt daran, dass hier vor Jahrhunderten Recht gesprochen und hingerichtet wurde. Theodor Heuß freilich tat es, zu dessen Vorfahren der Vogt von Cannstatt ebenfalls gehörte. Am Markt stand seit 1435 das große, hohe Herrenhaus, das die Leute auch das „Malefizhaus“ nannten, weil sich im zweiten Stock der große Gerichtssaal befand, in dem auch Konrad Vaut verhört und verurteilt wurde. Es war das herzogliche Gericht, das dort tagte. Ein wenig hinter dem heutigen Rathaus stand dagegen das städtische Gerichtsgebäude, in dem der Vogt von Stuttgart der Ankläger war. Im Eingang dieses Hauses hing seit 1510 ein besonderes Christusbild mit der mahnenden Unterschrift: „Verhör beid Teil, danach sprich Urteil.“ Diese Weisung hätte man auch dem herzoglichen Gericht im Herrenhaus mitgeben müssen. Dort fand die Verhandlung wieder unter dem Vorsitz von Dr. Arnbrosius Volland statt. Alle vier Angeklagten hatten ihre unter der Folter erpressten Geständnisse widerrufen, aber ihre Verurteilung stand schon lange vorher fest. Zeugen wurden wieder nicht gehört. Nach kurzer Verhandlung wurden die drei Vögte zum Tode verurteilt, nur Hans Stickel kam mit dem Leben davon.

Schon einen Tag nach dem Urteil läutete das Armesünderglöcklein am Markt. In härenem Hemd wurden Konrad Vaut und Sebastian Breuning zwischen einem Spalier von Landsknechten mit Schwertern und Spießen unter lauten Trommelwirbeln auf dem Markt zum Richtblock geführt. Konrad Breuning wurde noch ein weiteres Jahr lang gefoltert, ehe er hingerichtet wurde. Entsetzt und stumm sah das zusammengelaufene Volk zu, wie am 11. Dezember 1516 zwei Männer zu Tode gebracht wurden, an deren Schuld niemand glaubte. In einer Strophe, die Professor Brassicus in Tübingen dem Ereignis widmete, kommt zum Ausdruck, dass die Menschen damals in diesen Todesurteilen einen Justizmord erkannt haben. Ob Konrad Vaut wirklich gevierteilt wurde, wie es da heißt, ist nirgends bezeugt. Allerdings war dies die Strafe, die auf Majestätsbeleidigung stand.

In Tübingen gingen die Zeilen von Professor Brassicus von Hand zu Hand:

Für gemeinen Nutzen haben sie gestritten,
darauf den bitteren Tod gelitten.
Darunter waren zwei Biedermann,
da habe ich gar keinen Zweifel dran.
Sie mussten leiden Todesnot.
Der eine, der nennt sich Konrad Vot. (Vaut)
Er war ein achtzigjährig Mann, (wohl eher 70)
so sagen, die ihn gesehen han.
Mit vierteilen ward er hingerichtet,
der andere zu dem Schwert verpflichtet. (enthauptet)


Nach diesen Bluturteilen wagte niemand mehr, an Herzog Ulrich Kritik zu üben. Die Angehörigen der Hingerichteten flohen nach Österreich. Konrad Vauts ältester Sohn, der Jurist, Dr. Johannes Vaut, wurde in Wien zum kaiserlichen Rat ernannt und kehrte als solcher 1520 nach Württemberg zurück, als Ulrich flüchten musste und das Land dann doch vorübergehend unter österreichische Verwaltung geriet.

Herzog Ulrich hatte sich überschätzt. Als ein württembergischer Vogt auf der Achalm ermordet worden war, nahm er dies zum Anlass, die Freie Reichsstadt Reutlingen, die am Fuße der Achalm liegt, ohne Grund zu überfallen. Die Reutlinger hatten mit dem Mord nichts zu tun, aber es war für Ulrich immer ärgerlich gewesen, dass die Reichsstadt wie eine Insel im württembergischen Territorium lag. Mit diesem Überfall hatte Ulrich jedoch den Bogen überspannt. Kaiser Maximilian, sein Gönner, war gestorben und Karl V., sein Nachfolger, machte kurzen Prozess. Der Landfriedensbruch Ulrichs führte schließlich dazu, dass Herzog Ulrich 1520 aus seinem Lande getrieben wurde und Württemberg bis zu seiner Rückkehr 1534 von einem österreichischen Statthalter und von kaiserlichen Räten unter Einbeziehung der Württembergischen Landstände regiert wurde.

Die Familie Vaut erlosch bald im Mannesstamm, aber durch viele Töchter leben unzählige Nachkommen in altwürttembergischen Familien. Der Vogt von Cannstatt war zweimal verheiratet, und aus seiner ersten Ehe mit Katharina Trautwein stammt seine Tochter Katharina, die in unserer Ahnenliste auftaucht. Sie heiratet Leonhard Breitschwert I., der wie ihr Vater Vogt war. Merkwürdigerweise heiratet ihr Sohn, Leonhard Breitschwert II., Luzie Dreher, deren Mutter eine Volland war. Aber diese Verbindung seiner Enkelin mit der Familie seines Richters hat der Großvater nicht mehr erlebt.

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