Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Ein Sucher nach Versöhnung
Alter von 86 Jahren starb Pfarrer Dankwart Paul Zeller

(Aus: Schwäbisches Tagblatt, 11. Dez. 2010 – von Hans-Joachim Lang)
         (Weiter zu: Nachruf von Karl Schmidt für die Akademische Vebindung Föhrberg)
 
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Tübingen. "Auf der Suche nach Gerechtigkeit und Versöhnung" hieß ein Vortrag von ihm, den er vor wenigen Jahren in der Hirsch-Begegnungsstätte gehalten hat. Darin ging es um Tübingens russische Partnerstadt Petrosawodsk und um die dortige jüdische Gemeinde - aber auch um ihn selbst. Denn Pfarrer Dankwart Paul Zeller war fast lebenslang ein Sucher nach Gerechtigkeit und Versöhnung, der Vortrag hätte sein Lebensmotto sein können.

Geboren wurde Zeller vor 86 Jahren in Tübingen als ältester von drei Brüdern. Aufgewachsen ist er auf der Schwäbischen Alb, wo sein Vater protestantischer Pfarrer war. Auch sein Großvater war Pfarrer, und sein Urgroßvater und - ja, Gott, zwölf Generationen lang waren seine Vorväter Pfarrer. Zeller hätte sich gut vorstellen können, Arzt zu werden. Aber die verflixte 13! Er scherte dann doch nicht aus der Reihe aus. Das blieb der nächsten Generation vorbehalten. Sieben Kinder hatte er mit seiner Frau, eine Nichte des Tübinger Ehrenbürgers Theodor Haering. Aber keinen der sechs Söhne zog es in ein geistliches Amt.

Ehe Dankwart Paul Zeller Pfarrer wurde, musste, nein: wollte er erst noch in den Krieg. Viele Tübinger kennen den Bruch im Leben dieses Theologen, in einem Buch hat er darüber Rechenschaft abgelegt. In "Galerie Kneipe", erschienen vor zwölf fahren, berichtete er von seinem nationalistischen Elternhaus, dass sein Vater auch mal den Talar über die SA-Uniform zog, dass er sich begeistert an die Front meldete. Er hat nicht, wie viele seiner Generation, drumherumgeredet. Für seine Einsichten und seine Umkehr hatte er allerdings eine außergewöhnlich harte Lernzeit durchleben müssen. Vier Jahre hielt ihn die Sowjetunion in verschiedenen Lagern gefangen. Ausgezehrt kam er 1949 zu seiner Familie zurück, der fast 1,90 Meter große Mann wog nur noch 44 Kilo.

In der Gefangenschaft hatte er beschlossen, nun doch der 13. Pfarrer zu werden. Mit einem unbändigbaren Selbstvertrauen ging er seinen Weg, ohne Rücksicht auf die Erwartungen von anderen. Er engagierte sich in frühen Initiativen gegen die Wiederbewaffnung, begann - nach dem Theologiestudium in Tübingen und dem Vikariat - bereits auf seiner ersten Pfarrerstelle, Kriegsdienstverweigerer zu. beraten. Wie Gustav Heinemann war er zunächst Mitglied der Deutschen Friedensunion, verließ die Partei aber, als sie zu nahe ins Fahrwasser der DKP kam.

"Willy wählen" war danach mehr als nur Positionsbestimmung zugunsten von Willy Brandt. Pfarrer Zeller baute in Köngen, seiner zweiten Gemeinde, einen SPD-Ortsverband mit auf, was ihm so viel Gegenwind eintrug, dass selbst ein Tanker wie er lieber abdrehte. Er bewarb sich auf eine Pfarrstelle in Neukölln, und schneller als sich seine Familie versah, stand der Möbelwagen vor der Tür. Acht Jahre wurden daraus, 1977 wechselte er nach Trossingen und 1984 in den Ruhestand.

Aktiv blieb Zeller bis zuletzt. Er stiftete einen Gedenkstein für den 1527 in Rottenburg hingerichteten "Ketzer" Michael Sattler, und er trug dazu. bei, dass in Tübingen Geld gesammelt wurde zugunsten einer Thorarolle für die Juden in Petrosawodsk - jetzt gibt es dort wieder eine jüdische Gemeinde. Das Thema gab ihm Stichworte für einen "theologischen Kriminalroman", Titel: "Das Geheimnis der Partisanen-Thora".

Spätfolgen eines vor einem Jahr erlittenen Verkehrsunfalls zwangen Dankwart Paul Zeller vor wenigen Tagen aufs Krankenbett. Er hat dort noch letzte Korrekturen an seinem neuen Kriminalroman abgeschlossen. Vorgestern starb er; trotz Krankheit unerwartet, nur drei Monate nach dem Tod seiner Frau. Die Abschiedsfeier ist am Freitag, 17. Dezember, um 13 Uhr in der Martinskirche.
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