Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Jakob Ludwig-Louis Schmuziger (1804-1864) und
Tabitha Salome Marie Zeller (1821-1887)
Mäzen aus sozialer Verantwortung

Aus: Herbert Leube, Familie und christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 15, Lahr 1999, S. 156-158

 
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                                 Jakob Ludwig (Louis) Schmuziger (1804-1864)         Tabitha S. M. Zeller (1821-1887)

Louis Schmuziger, Seidenfabrikant in Aarau in der Schweiz, wurde mit den Schriften Christian Heinrich Zellers bekannt. Er reiste nach Beuggen, um sich mit dem Autor persönlich bekannt zu machen. Im Zellerschen Haus lernte er die Tochter Tabitha kennen und durfte sie 1850 als seine Frau heimführen.

Die Familie Schmu(t)ziger ist eine der alten, seit 1509 in Aarau nachgewiesenen Bürgerfamilien. Sie leitet ihren Namen - ursprünglich Schmitzinger - von dem Dorf Schmitzingen bei Waldshut her. Louis' Vorfahren waren Kaufleute und Wirte in Aarau. Einige sind als Stadtschultheißen bekannt geworden. Der Urgroßvater Joseph Vaucher aus Fleurier NE hatte in Niederlenz bei Lenzburg zur Zeit der aufkommenden Industrialisierung im 18. Jh. eine Baumwolldruckerei betrieben, die im 19. Jh. mehrmals den Besitzer wechselte und heute als Hetex AG vor allem Kunstfasergarne herstellt. (Ahnenliste Schmuziger über die Seite >Genealogie<)

Louis' Vater Marx Daniel Schmuziger war Kaufmann in Aarau. Er war besonders im Seidenhandel tätig. Marx Schmuziger verstarb schon 1817, als Louis erst 13 Jahre alt war. Wie sein Vater wurde Louis zur Kaufmannschaft bestimmt, die er in Aarau erlernte. Er hatte im Dienst seines Prinzipals regelmäßig alle Jahre, vor allem zu Messezeiten, einige Zeit in Frankfurt zuzubringen. Später trat er in eine große Seidenhandlung in Marseille ein. Im Auftrag dieses Hauses führte er zweimal Geschäftsreisen in den Vorderen Orient durch, zunächst nach Konstantinopel, dann nach dem für seine Seidenindustrie und wegen seiner heißen Quellen bekannten Bursa, am Fuß des kleinasiatischen Olymps nicht weit von der Südküste des Marmarameeres gelegen. Fern der Heimat in Konstantinopel fand Louis Schmuziger durch Missionar Schaufler den Weg zu persönlichem, lebendigem Christentum. Mit Schauflers Familie pflegte er herzlichen Verkehr.

Louis' Brüder hatten sich alle im Ausland etabliert. Darum bat die Mutter Louis, nach Aarau zurückzukehren und das väterliche Geschäft weiterzuführen. In Aarau lebte Louis Schmuziger mit seiner Mutter zusammen, bis diese im Jahr 1848 76-jährig verstarb. Louis hatte inzwischen in Aarau eine eigene Seidenfabrik gegründet, in der er zwischen 80 und 100 Arbeiter beschäftigte. Seiner religiösen Einstellung entsprechend pflegte er ein harmonisches Miteinander mit seinen Arbeitern; er versuchte, ihnen ein treuer Ratgeber und Freund zu sein.

Nach dem Tod seiner Mutter war Louis Schmuziger recht vereinsamt. Er hatte die Schriften von Christian Heinrich Zeller kennen gelernt und wünschte den Autor und sein Werk persönlich zu sehen. So suchte er Zeller in Beuggen auf. Zellers Erziehungswerk machte auf ihn einen ganz tiefen Eindruck. So kam er auch in persönlichen Kontakt zu Zellers Familie und er erbat sich Zellers Tochter Tabitha als Gattin. Er fand eine Frau, die seine Auffassung eines erweckten Christentums teilte. Tabitha (Tabja hebräisch Gazelle) war die sechste Tochter aus dem Zellerhaus in Beuggen. Wie ihre Schwestern hatte sie ihre Schulbildung in der Anstalt Beuggen genossen, bei der, wie wir wissen, das Schwergewicht auf der religiösen Persönlichkeitsbildung lag. Das Ansammeln von Bücherwissen war nebensächlich. Nach der Konfirmation hatte sie ihre Aufgaben im Anstaltsbetrieb, bei der Kinderbetreuung, als Hilfe der Hausmutter, als Mitarbeiterin bei der Erziehung der Mädchengruppen erhalten.

Tabitha Zeller und Louis Schmuziger wurden am 14. Juni 1850 in Veltheim bei Aarau von Pfarrer Friedrich Haller, einem Neffen von Sophie ZellerSiegfried, getraut. Louis war 46 Jahre alt, 17 Jahre älter als seine Frau.

Die Seidenfabrik produzierte mit Gewinn, Schmuziger hatte geschäftlichen Erfolg. Er und sein inzwischen aus Italien zurückgekehrter Bruder, der nun Stadtammann von Aarau geworden war, wollten ihrer Dankbarkeit gegen Gott, dem sie das Gedeihen ihrer irdischen Unternehmungen verdankten, und ihrer Verbundenheit mit dem Arbeiterstand und mit den Armen sichtbaren Ausdruck geben. Sie planten, eine Erziehungsanstalt für arme Kinder einzurichten. Zu diesem Ziel kauften sie aus eigenen Mitteln das am östlichen Abhang in einem Seitental des Jura gelegene, gut erhaltene Schloß Kasteln oberhalb Schinznach. Das Schloß war 1643 durch den General Ludwig von Erlach wieder aufgebaut worden. Später war es Sitz des Berner Landvogts. Die Brüder übergaben das Schloß der Gemeinde Aarau, die dann als Betreiberin der Erziehungsanstalt auftrat. Mit Sicherheit hat bei der Errichtung der Anstalt in Kasteln das in Beuggen praktizierte Prinzip Pate gestanden. So hat man sich bei der Berufung des ersten Lehrers und Hausvaters naturgemäß auch nach Beuggen gewandt. Und Zeller empfahl einen seiner liebsten Lehrerzöglinge, Aaron Witzemann aus Tailfingen bei Ebingen. Im Oktober 1855 begann Witzemann seine Arbeit in Kasteln.

Schmuziger war ein Mann des Friedens und der Bescheidenheit. In seiner 14-jährigen Ehe wurden ihm drei Töchter und ein Sohn geboren. Marie ehelichte den Arzt Johann Lehmann aus Südafrika, der später als homöopathischer Arzt in Herrnhut arbeitete. Sophie heiratete ebenfalls einen Mediziner, Johann Peter Nelson aus Schweden; er gründete eine homöopathische Heilanstalt, die Villa Wartheim bei Heiden AR, trennte sich aber wohl 1893 von seiner Frau und verkaufte seinen Besitz Wartheim. Sophie NelsonSchmuziger war später, nach dem Tod ihrer Tante Monika Witzemann, als Hausmutter der Anstalt Kasteln tätig. Die Tochter Tabitha wurde Korrespondentin bei ihrem Onkel Samuel Zeller in der Gebetsheilanstalt Männedorf am Zürichsee. Der Sohn Louis Reinhard Schmuziger ging zunächst als Prediger in die französische Schweiz, später wurde er Pfarrer in seiner Heimatstadt Aarau. Seine Frau Emma Dietrich war die Tochter des Lichtensterner Hausvaters Christian Dietrich (s. Ludwig Völter). Sie entfaltete eine umfangreiche soziale und seelsorgerliche Tätigkeit in der ganzen Schweiz in der Frauenhilfe, in Kinderkrippen und bei den Pfarrfrauentagungen. Die Nachkommenschaft blüht noch heute.

Jakob Ludwig Schmuziger erreichte ein Alter von 60 Jahren; er entschlief sanft im März 1864. Seine Frau Tabitha überlebte ihn um 23 Jahre. Sie lebte im Alter in Männedorf bei ihrem Bruder Samuel und starb 1887.

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