Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Württembergs Katastrophenjahre 1634 und 1635
und ihr Niederschlag in den Schicksalen der Ahnen

Vortrag von Gerhard Zeller auf dem Familientag in Rotfelden und Wildberg am 15. Oktober 2005, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands Nr. 34, 2005, S. 6-16
          Vorbemerkung: Als der Familientag in Rotfelden und Wildberg beschlossen war, untersuchte ich die Daten meiner Computer-Genealogie auf diese beiden Orte und stieß dann rasch auf die Jahre 1634 und 1635 als die zwei Jahre, in denen sich ungewöhnlich viele Todesfälle ereignet haben. Daraufhin habe ich eine Liste mit allen Todesfällen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erstellt – es sind etwa 500 –, von denen 120, also fast ein Viertel auf die Jahre 1634 und 1635 entfallen.1) Was ist in diesen beiden Jahren in Württemberg geschehen?
 
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Die Vorgeschichte bis zur Schlacht bei Nördlingen
      Mit dem böhmischen Aufstand beginnt der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). 1629 hatte Kaiser Ferdinand II. das Restitutionsedikt erlassen, nach dem sämtlicher geistlicher Besitz, der zur Zeit des Passauer Vertrags vom 1. August 1552 nicht protestantisch gewesen war, wiederhergestellt werden sollte. Es ist der größte Erfolg der Gegenreformation. Der Herzog von Württemberg verliert ein Drittel seines Herzogtums. Ähnlich ergeht es den hohenloheschen Grafen und den Reichsstädten. 2)
      Die Wende bringt der Kriegseintritt König Gustav Adolfs von Schweden, der 1630 in Pommern landet, um seinen Glaubensgenossen in Oberdeutschland Hilfe zu bringen. Die Fortschritte der Schweden befreien Württemberg von den Kaiserlichen. Es ist eine Pflicht der Selbsterhaltung, dass sich die evangelischen Stände Schwabens dem Schwedenkönig anschließen. Der württembergische Kanzler Jakob Löffler (1582-1638) wird von Gustav Adolf zum Vizekanzler in deutschen Angelegenheiten ernannt. Nach dem Beispiel des Kaisers begabt der siegreiche schwedische König aus eigener Machtvollkommenheit seine neugewonnenen Getreuen mit den eroberten katholischen Gebieten; die bisherigen Erfolge gehen der katholischen Seite zunächst wieder verloren. Württembergische Truppen erobern Ende 1632 die Reichsstadt Rottweil und belagern das vorderösterreichische Villingen.
      Der Heilbronner Bund, ein Bündnis, das der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstjerna auf dem Heilbronner Konvent im April 1633 mit den evangelischen Mitgliedern der vier oberen Reichskreise (des Schwäbischen, Fränkischen, Ober- und Kurrheinischen) zustande bringt, ist eine Erneuerung der evangelischen Union. 3) Als Reichsgesetz bleibt die Confessio Augustana für Württemberg gültig. 4)
      Aber nach dem Tod der drei großen Feldherrn des Krieges - Tilly 1632 in Ingolstadt, König Gustav Adolf von Schweden, der am 16. November 1632 bei Lützen fällt, und Wallenstein, den der Kaiser am 25. Februar 1634 in Eger ermorden lässt - wendet sich das Blatt und das Unheil bricht über Württemberg herein. 5)

Die Schlacht bei Nördlingen und die Verwüstung Württembergs
      Herzog Eberhard III. von Württemberg hatte sich 1633 dem Heilbronner Bund angeschlossen, dem unter der Führung Schwedens viele der protestantischen Fürsten angehören. Als sich nun das kaiserliche Heer unter König Ferdinand (dem späteren Kaiser Ferdinand III.) mit einem spanischen Heer vereinigt und beide Heere Nördlingen belagern, wagen die Mächte des Heilbronner Bundes Ende August 1634 6) eine Schlacht, um Nördlingen zu entsetzen. Diese größte Schlacht des Dreißigjährigen Krieges dauert zwei Tage und führt zur vollkommenen Niederlage des Heilbronner Bundes. Ihr Heer wird aufgerieben; auch die Mehrzahl der aufgebotenen württembergischen Landmiliz fällt. 7) Die kaiserlichen Truppen überfluten jetzt sengend und brennend Württemberg.
      Der württembergische Herzog Eberhard III., gerade erst 20 Jahre alt, flieht nach Straßburg 8), mit ihm unser Ahn Johann Heinrich Wieland, Abt in Maulbronn und Bebenhausen, der dann 1637 als 71jähriger in Straßburg im Exil stirbt 9). Das Land wird von Flüchtlingen und von Soldaten überschwemmt, Hunger und Pest wüten.
In meiner Ahnendatei beginnen die Todesfälle am 7. September mit der Ermordung von Georg Wölfflin, Pfarrer in Owen (Teck). Er ist nach der Schlacht bei Nördlingen nach Nürtingen geflohen und wird dort am Altar der Schlosskapelle ermordet. 10) Die mit seinem Blut befleckte Altarbibel befindet sich in der Landesbibliothek in Stuttgart („Blutbibel von Nürtingen“). Am gleichen Tag stirbt in Nürtingen von den Ahnen: Friedrich Krauss, Beck in Nürtingen, und seine Frau Rosine geb. Fausel 11) (Vorfahren der Familie Weitbrecht).
      Der einfache Bürger kann nicht fliehen. Aus Bietigheim ist überliefert, wie die Menschen nach der ersten Plünderung des 11. September 1634 voller Angst nach Verstecken suchen: „Des andern Tags, als man vernommen, dass die ganze Armee marchiere, haben sich Mann und Weib mit den Kindern in das Feld, Weinberg, Hülen, Klüften und Wäld mehistetails begeben, in Hoffnung daselbsten sicher zue sein. (...) Aber die wurden allerorten durch die Hand der Soldaten ausgespürt, gehetzt, gejagt, gefangen, ranzioniert [ yes">     
Besigheim hat in den ersten Tagen des Einfalls eine gewisse Sonderstellung dadurch, dass der Sieger selbst, König Ferdinand von Ungarn, der spätere Kaiser Ferdinand III., in der Stadt für eine Nacht - vom 12. auf den 13. September - sein Quartier aufschlagen lässt. Die Stadt wird aber trotz der Anwesenheit des Königs, der sogleich eine Salva Guardia gewährt hatte, geplündert. So heißt es im Totenbuch: „Vor 1606 ist kein Todtenregister alhir mehr vorhanden, weil sämtliche Kirchenbücher alhie durch die Plünderung am 12. Sept. 1634 verlohren giengen.“14)
      Am gleichen Tag, dem 12. September 1634, wird in Herrenberg geplündert und gemordet. Von unseren Ahnen stirbt dort Johann Schüz, deutscher Schulmeister in Herrenberg seit 1596. Über ihn heißt es in den Kirchbüchern: „Er hat gar sparsam gehauset und in vielen Jahren keinen Wein getrunken“ und: „starb durch die Hand feindlicher Soldaten an empfangenen Wunden“. 15)
      Einige Tage später ist Wildberg an der Reihe. Von unseren Ahnen trifft es am 16. September Anna Maria Osiander geb. Hailbronner, bei der vermerkt ist: „durch feindliche Horden erschlagen“ 16).
Im September 1634 stehen feindliche Truppenteile auch vor Calw. Dort erlebt Johann Valentin Andreä die Katastrophe. Die Stadt brennt ab und wird geplündert; von 3.822 Einwohnern bleiben 1.528 übrig. Andreä rettet sein Leben, da er über die schrecklichsten Tage nicht in der Stadt war. In einer Predigt ermahnt er die Gemeinde, ihr Kreuz zu tragen, sich nicht erschüttern zu lassen; an den Verheißungen Gottes habe die äußere Not nichts geändert. 17) Andreä bemängelt freilich das Verhalten des Magistrats: „Man ließ den Feind nicht schnell genug ein und machte ihn dadurch unversöhnlicher.“ 18)
      Im Oktober 1634 wird in Calw ein weiterer unserer Ahnen, Johannes Schauber, als 94jähriger Greis von den Kroaten zu Tode gemartert (geröstet). 19) Ebenfalls im Oktober kommt bei Vaihingen (Enz) Johann Wolfgang Mögling, Pfarrer in Lomersheim bei Vaihingen, auf der Flucht vor kroatischen Truppen ums Leben. 20)

Das Pest- und Hungerjahr 1635
      Die Totenbücher mancher Pfarreien enthalten 1634 und 1635 seitenlange Eintragungen von Todesfällen, ganze Dörfer verwüsten; 1640 ist in ganz Dornhan noch 1 Kuh vorhanden, das Amt Güglingen hat 1638 noch 3 Pferde und 2 Kühe; oft gibt es für 2 Dörfer nur 1 Pflug. Wölfe streifen im Land, wegen der Überfälle von Soldaten bleiben viele Felder unbebaut. 1635 sterben 300 Pfarrer, an Weihnachten 1634 findet in zahlreichen Kirchen kein Gottesdienst statt. Die Pfarrer müssen zum Teil betteln, das in Stuttgart unter spanischer Besatzung gebliebene Rumpfkonsistorium kann trotz aller Anstrengungen oft nicht für die Besoldung der Pfarrer sorgen. 21) So erklärt sich auch, dass der Stammvater der Linie Maulbronn Johannes Zeller bei seiner Bewerbung um die Pfarrstelle in Lienzingen im Jahr 1651 unter 40 vakanten Orten die Wahl hatte. 22)
      In Bietigheim war einige Zeit zunächst eine überraschende „Viehwohlfaile“, das heißt, die Preise für Vieh verfielen nach den ersten Plünderungen. Die Erklärung ist einfach: Das von den Soldaten in ganzen Herden gestohlene Vieh konnte nicht mitgeführt werden, als die Heere sich wieder in Marsch setzten; weil aber kaum mehr Futter vorhanden war, wurde es billig losgeschlagen. Nach weiteren Plünderungen gab es in Bietigheim kein Körnlein Salz mehr, zwei Jahre später war in der ganzen Stadt kein Stücklein Brot mehr aufzutreiben. 23)
      Einen wesentlichen Anteil an der nun folgenden Verelendung des ganzen Landes hatte die Pest des Jahres 163524). Die Ursache für den schlimmen Verlauf dieser Seuche war wohl bereits der Hunger nach den Plünderungen des Jahres 1634: Die Soldaten hatten die meisten Vorräte mitgenommen, auch fehlte das Zugvieh, wie wir das aus Bietigheim und vielen anderen Orten wissen und wie es auch aus Besigheim belegt ist. Die Leute versuchten, die Pflüge und Eggen selbst zu ziehen, was natürlich nicht möglich war. Ein Bericht über Ilsfeld ist für das ganze Unterland gültig: „Die Feld in gemein sind so übel gebauen, welches auch billig auf alle andern Orte zu ziehen, denn solche Zeit hero kein einig Pferd [vorhanden war], womit man hätte pflügen können. So haben die arme schaffende Leut, welche von Herzen gern und soviel ihnen immer zu tun möglich etwan etliche Morgen mit der Hauen umgemacht, vor denen täglichs hin und wider marschierenden Soldaten zu Pferd und zu Fuß nicht sicher auf dem Feld und ob ihrer Arbeit bleiben können, denn sie diese Arbeiter angefallen, ihnen ihr bei sich gehabtes Brot und anderes abgedrungen, ja die Kleider und Schuh von den Fußen ausgezogen.“ 25)
      Vielleicht hatte die hohe Sterblichkeit des Jahres 1635 auch Auswirkungen auf den psychischen Zustand der Menschen: So ist in Bietigheim belegt, dass viele Menschen „ganz freudig und mit singendem Mund in Christo seelig eingeschlafen. Auch gemeine Leut des Todes Bitterkait durch seelige Hoffnung des bessern öwigen Lebens also vertrieben, weil sie nichts Bessers, sondern nur Ärgers vor Augen sahen“. 26) Die niedrigen Sterbezahlen der Jahre 1642 bis 1646 27) sind so erschütternd wie die hohen Zahlen des Jahres 1635: Jetzt leben nur noch so wenig Menschen, dass kaum mehr jemand stirbt.
      Die Hungersnot der Jahre 1636 bis 1638 ist landesweit. In der Bietigheimer Stadtschreiberchronik wird sie samt ihren Gründen beschrieben: „Durch diese unerhörte Pressuren, Verjagung der Leut und menschenfressende Pest ist das Land und Feld [1636] öd und wiest worden, daß man selbiges nicht mehr bauen können. Hat auch nichts erschossen, wann schon Menschen an Pflüeg und Eggen als wie das Vieh gezogen oder mit der Hand was umgehacket haben. Darauf ist erfolgt (...) der kohlschwarze bittere Hunger. (...) Kein Hund noch Katzen wurde mehr gesehen. Umb ein umgefallen Pferd schlugen sich die armen Leut. Ja es ist auch glaubwürdig berichtet worden, daß eine Muetter ihr vergraben Kind nach zweyen Tagen wider ußgegraben und dasselbige gegessen habe. Alle Tage wurden Tote in Ställen, auf dem Feld, in Müsten gefunden. (...) Da gedachten wir an die Wort Ezechiels am 37. Unser Gebein sein verdorret, unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.“ 28)
      So wird im Pestjahr nichts oder nur sehr wenig angebaut, und die dadurch bedingte Hungersnot macht die ohnehin schreckliche Seuche, die von den Soldaten im ganzen Reich herumgeschleppt wird, zu einer Katastrophe. Man darf bei der hohen Todesrate in diesen Jahren auch die Verdichtung der Menschen in den Städten nicht übersehen, in die sich die ungeschützt in den Dörfern lebende Landbevölkerung geflüchtet hatte. Durch sie wird die Ansteckungsgefahr vergrößert, der Ernährungszustand verschlechter und durch beides die Zahl der Opfer erhöht. So sind in Bönnigheim, wo sich besonders viele Auswärtige zusammendrängten, 1635 insgesamt 1019 Menschen gestorben. 29)
      Aber nicht nur Pest und Hungertod dezimieren die Bevölkerung, sondern auch Wegzüge: Wer noch kräftig genug war, hat nicht tatenlos zugesehen, wie der Tod näher rückte. Vor allem junge Leute sind in den Krieg gegangen. Dazu kommen Wegzüge aus wirtschaftlicher Not. In Bietigheim ist 1638 überliefert, dass wirtschaftlich ruinierte Familien sich „ins Elend“, das heißt ins Ausland begaben: „Mußte doch mancher endlich, wann er alles aufgesetzt hatte, mit Weib und Kind in das Elend sich begeben.“ 30)

Die Zeller in Rotfelden und Wildberg
      In dieser Notzeit stirbt am 2. Februar 1635 in Rotfelden Johannes Zeller im Alter von 60 Jahren. 31) 22 Jahre lang war er Pfarrer in Rotfelden. Während seiner Amtszeit wird - zwar bereits im Krieg, aber noch einige Jahre vor der Katastrophe von 1634 - die Kirche in Rotfelden komplett neu gebaut und 1626 eingeweiht. Seine Frau Beatrix geb. Bloss stirbt mit 55 Jahren im Herbst desselben Jahres (23. 9. 1635) in Rotfelden.
      Sein Sohn Johann Konrad Zeller 32) wird 1635 zunächst noch Pfarrer in Rotfelden (die dritte Pfarrergeneration in Folge in Rotfelden!), dann Spezial (Dekan) in Wildberg. Er verliert im November 1635 nach vierjähriger Ehe seine 25jährige Frau Anna Maria Essich drei Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes. Möglich, dass auch hier ihr geschwächter Allgemeinzustand die Erholung nach der Geburt verhindert hat 33). Seine zweite Frau, Blandina verw. Schickmann geb. Grückler heiratet er hier in Wildberg. Sie stirbt nach fünfjähriger Ehe 1641 und ist hier in Wildberg begraben. 34) Auch seine dritte Ehe schließt er hier in Wildberg: Judith Schwarz 35) ist die Ahnfrau der Anwesenden aus der Bebenhauser Linie. Von den 15 Kindern Johann Konrad Zellers sind 13 hier in Wildberg geboren.

Die Ordnung kehrt zurück - der Krieg dauert an
      Die Bürger Württembergs waren bis zur Rückkehr Herzog Eberhards III. im Herbst 1638 rechtlos. Erst seine Rückkehr lenkte die ständigen Belastungen in geordnetere Bahnen und brachte den Menschen etwas mehr Sicherheit. 36) Dann tritt langsam eine Besserung ein. Das Volk bringt große Opfer, auch für die Kirche; Schickhardt bleibt trotz glänzender Angebote im Land und verschmäht eine Stellung in Wien; Konrad Wiederholt hat während der ganzen Zeit die Feste Hohentwiel gehalten; Johann Valentin Andreä vom heimgekehrten Herzog 1639 als Mitglied des Konsistoriums nach Stuttgart gerufen. Gestützt auf solche gesunden Kräfte kann der Wiederaufbau beginnen. 37)

Nach dem großen Krieg
      Im Westfälischen Frieden wird dank der Bemühungen des württembergischen Gesandten Varnbüler zwar der gesamte Friedensbestand des Herzogtums erhalten, aber die Folgen des Krieges waren für Württemberg, das seit 1629 immer Operations- und Kriegsgebiet gewesen war, verheerend. Die Bevölkerung des Landes, die vor dem Krieg rund 450 000 betrug, war 1639 weniger durch Schlachten, als durch Gewalttaten und Seuchen auf etwa 100 000 zurückgegangen. Sie zählte 1645 wieder 121 000 und nach dem Krieg 166 000 Seelen. Erst gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Vorkriegszahl erreicht. 38) Die Kriegslasten hat man für die Jahre 1628 bis 1650 auf 58.743.000 fl. berechnet. Neben der äußersten Not macht sich aber vor allem in Stuttgart auch ein hemmungsloses Treiben, Vergnügungssucht und Luxus bemerkbar, alle Zucht ist gelockert; daneben kommen chiliastische Strömungen auf. 39)
      Die Lage ist im allgemeinen in den Städten, die einen gewissen Schutz boten, besser als auf dem Land; diese sind aber durch den Niedergang von Handel und Gewerbe schwer getroffen. Besonders schwer leiden die Orte an großen Heerstraßen. Calw, Giengen und Waiblingen sind niedergebrannt, Aalen, Besigheim, Böblingen und Kirchheim unter Teck hart mitgenommen. Andere Gegenden, so der Schwarzwald, hatten weniger zu leiden. Die Felder können wegen der marodierenden Soldaten aber nur unzureichend bestellt werden; noch 1652 liegt etwa ein Drittel allen Nutzlandes, Äcker, Weinberge, Wiesen und Gärten wüst und verwildert. Der Weinbau geht infolge des Krieges auf die Dauer erheblich zurück.
      Die Regierung bemüht sich um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung des Landes. Es gelingt durch Zusicherung kostenfreier Übergabe verlassenen Bodens und mehrjähriger Steuerfreiheit Neusiedler vor allem aus der Schweiz, aber auch aus anderen Gegenden, z. B. Tirol heranzuziehen. Aus Österreich wandern wieder zahlreiche Exulanten zu, die ihres Glaubens wegen die Heimat verlassen mussten; einzelne Orte, so Schützingen bei Maulbronn, sind fast ausschließlich von ihnen besiedelt worden. 40)
      Die lange Kriegszeit hat auch dem geistlichen Leben des Landes erheblichen Schaden zugefügt. Eberhard III. bemühte sich, die zahlreichen verwaisten Pfarrstellen rasch zu besetzen. Wenn es nicht zu einer Verkümmerung kam, so verdankt das Land dies seinen religiösen und sittlichen Kräften. Die Arbeit des Pfarrstandes hat wesentlich dazu beigetragen, wieder Haltung und innere Zucht im Volk herzustellen. Dem Niedergang des kirchlichen Lebens wirkt besonders Johann Valentin Andreä (1586-1654) entgegen, seit 1638 Hofprediger in Stuttgart, eine der bedeutendsten Gestalten der württembergischen Kirche. Er hat die Landeskirche und ihre Ordnung in klarer Richtung auf Übereinstimmung von Lehre und Leben mit dem Blick auf ein praktisches Christentum wieder aufgebaut und damit zugleich die enge Haltung der Orthodoxie überwunden. 41)

                                                                 ***

Literatur
Gerhard Schäfer, Kleine Württembergische Kirchengeschichte, Stuttgart 1964. (zitiert: Schäfer, Württ. KG)

Karl und Arnold Weller, Württembergische Geschichte im Südwestdeutschen Raum, Stuttgart/Aalen 1972 (7. Aufl.). (zitiert: Weller, Württ. Geschichte)

Eberhard Gutekunst (Hg.), Johann Valentin Andreä 1586-1654. Leben, Werk und Wirkung. Katalog der Ausstellung zum 400. Geburtstag, Bad Liebenzell 1986. (zitiert: Andreä, Leben)

Günther Bentele, Besigheim im Dreißigjährigen Krieg (in: Geschichte der Stadt Besigheim), Besigheim 2003. (zitiert: Bentele, Besigheim)

Karl August Zeller, Die Familie Zeller aus Martinszell, Stuttgart 1974 (zitiert: ZB)

Gerhard Zeller, Familiendaten aus einer Computergenealogie, Bearbeitungsstand 2005. (zitiert: Ahnendatei G. Zeller)

Anmerkungen:
1) Vgl. im Anhang die Liste „Todesfälle ...“. Da es sich um eine Ahnendatei handelt, sind darin nur Personen enthalten, die verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Daraus lässt sich das relativ hohe Durchschnittsalter von etwa 53-62 Jahren erklären, das nur in den Jahren 1625 (46 Jahre) und 1634 (48 Jahre) unterschritten wird.
2) Weller, Württ. Geschichte S. 158
3) Weller, Württ. Geschichte S. 159
4) Schäfer, Württ. KG S. 79
5) Bentele, Besigheim S. 95
6) 27. August 1634 (neues gregorianisches Datum); angegeben wird manchmal auch der 6. September 1634 (altes julianisches Datum)
7) Weller, Württ. Geschichte S. 159
8) Schäfer, Württ. KG S. 79 f.
9) Ahnendatei G. Zeller. Er hatte zwei Monate vor seiner Flucht seine Frau Margarete geb. Gastpar verloren († 9. 6. 1634 Bebenhausen)
10) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8791. Wahrscheinlich auch seine Frau Katharine geb. Tritschler, von der mir aber nur das Todesjahr 1634 bekannt ist (Nr. 8792)
11) Ahnendatei G. Zeller Nr. 20105 und 20106
12) Bentele, Besigheim S. 95
13) Bentele, Besigheim S. 95
14) Bentele, Besigheim S. 96
15) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17688
16) Ahnendatei G. Zeller Nr 19027: Maria Hailbronner, Ehefrau von Daniel Osiander, Superintendent Wildberg 1633. Er stirbt ein Jahr nach seiner Frau im Hungerjahr 1635 in Wildberg (19.9.1635).
17) Schäfer, Württ. KG S. 80
18) Andreä, Leben S. 67
19) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17066: Johannes Schauber ,Ahn von Heinrich Hartmann Zeller (Zellerbuch § 48). Johannes Schauber, genannt „Freudenhans“, war zunächst einfacher Zeugmeister, besaß aber wenige Jahre später 20.000 fl. Vermögen; er gehört zu den Mitstiftern des „Färberstifts“ in Calw (12. 11. 1621). (Reutlinger Geschlechterbuch I, 557)
20) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8987: Johann Wolfgang Mögling, * 24. 10. 1576 in Weißenburg, † 24. 10. 1634 1576, 58 J. alt. Seine Frau Anna Maria geb. Mästlin überlebt, stirbt aber im darauf folgenden Hungerjahr, am 29. 6. 1635 in Vaihingen (Enz)
21) Schäfer, Württ. KG S. 80
22) Zellerbuch § 393. Johannes Zeller, Pfarrer in Neuweiler (mit Breitenberg) 1644; Münklingen (mit Möttlingen) 1649; Lienzingen 1651; Spezial in Waiblingen 1661, Vaihingen (Enz) 1669; Abt in Alpirsbach (designiert 1675, ord.1680); Prälat und Generalsuperintendent in Maulbronn 1689-1694.
23) Bentele, Besigheim S. 97
24) Bentele, Besigheim S. 93: Hinter dem Wort ‚peste' (abgekürzt ‚p') in den Kirchenbüchern können sich aber viele Seuchen verbergen, etwa Ruhr, Pocken, Cholera oder das ‚ungarische Fieber' (Flecktyphus).
25) Bentele, Besigheim S. 98 f.
26) Bentele, Besigheim S. 98
27) vgl. Grafik „Sterbefälle ...“ im Anhang
28) Bentele, Besigheim S. 98
29) Bentele, Besigheim S. 99
30) Bentele, Besigheim S. 99
31) Zellerbuch § 4, Stammvater aller Zellerlinien
32) Zellerbuch § 16
33) Zellerbuch § 16, Anna Maria Essich, ˜ 9. 1. 1610 Neubulach, † 12. 11. 1635 Rotfelden
34) Zellerbuch § 16; * 1604, †† 12.12.1641 Wildberg, Alter 37 Jahre
35) Zellerbuch § 16. 8 19. 9. 1642 Wildberg. Judith Schwarz,], übel tractiert, und tails erbärmlich ermordet“ 12). In der Bietigheimer Stadtschreiberchronik wird berichtet, in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1634 habe man vom Bietigheimer Kirchturm aus 16 brennende Ortschaften gezählt. 13)
      Besigheim hat in den ersten Tagen des Einfalls eine gewisse Sonderstellung dadurch, dass der Sieger selbst, König Ferdinand von Ungarn, der spätere Kaiser Ferdinand III., in der Stadt für eine Nacht - vom 12. auf den 13. September - sein Quartier aufschlagen lässt. Die Stadt wird aber trotz der Anwesenheit des Königs, der sogleich eine Salva Guardia gewährt hatte, geplündert. So heißt es im Totenbuch: „Vor 1606 ist kein Todtenregister alhir mehr vorhanden, weil sämtliche Kirchenbücher alhie durch die Plünderung am 12. Sept. 1634 verlohren giengen.“14)
      Am gleichen Tag, dem 12. September 1634, wird in Herrenberg geplündert und gemordet. Von unseren Ahnen stirbt dort Johann Schüz, deutscher Schulmeister in Herrenberg seit 1596. Über ihn heißt es in den Kirchbüchern: „Er hat gar sparsam gehauset und in vielen Jahren keinen Wein getrunken“ und: „starb durch die Hand feindlicher Soldaten an empfangenen Wunden“. 15)
      Einige Tage später ist Wildberg an der Reihe. Von unseren Ahnen trifft es am 16. September Anna Maria Osiander geb. Hailbronner, bei der vermerkt ist: „durch feindliche Horden erschlagen“ 16).
Im September 1634 stehen feindliche Truppenteile auch vor Calw. Dort erlebt Johann Valentin Andreä die Katastrophe. Die Stadt brennt ab und wird geplündert; von 3.822 Einwohnern bleiben 1.528 übrig. Andreä rettet sein Leben, da er über die schrecklichsten Tage nicht in der Stadt war. In einer Predigt ermahnt er die Gemeinde, ihr Kreuz zu tragen, sich nicht erschüttern zu lassen; an den Verheißungen Gottes habe die äußere Not nichts geändert. 17) Andreä bemängelt freilich das Verhalten des Magistrats: „Man ließ den Feind nicht schnell genug ein und machte ihn dadurch unversöhnlicher.“ 18)
      Im Oktober 1634 wird in Calw ein weiterer unserer Ahnen, Johannes Schauber, als 94jähriger Greis von den Kroaten zu Tode gemartert (geröstet). 19) Ebenfalls im Oktober kommt bei Vaihingen (Enz) Johann Wolfgang Mögling, Pfarrer in Lomersheim bei Vaihingen, auf der Flucht vor kroatischen Truppen ums Leben. 20)

Das Pest- und Hungerjahr 1635
      Die Totenbücher mancher Pfarreien enthalten 1634 und 1635 seitenlange Eintragungen von Todesfällen, ganze Dörfer verwüsten; 1640 ist in ganz Dornhan noch 1 Kuh vorhanden, das Amt Güglingen hat 1638 noch 3 Pferde und 2 Kühe; oft gibt es für 2 Dörfer nur 1 Pflug. Wölfe streifen im Land, wegen der Überfälle von Soldaten bleiben viele Felder unbebaut. 1635 sterben 300 Pfarrer, an Weihnachten 1634 findet in zahlreichen Kirchen kein Gottesdienst statt. Die Pfarrer müssen zum Teil betteln, das in Stuttgart unter spanischer Besatzung gebliebene Rumpfkonsistorium kann trotz aller Anstrengungen oft nicht für die Besoldung der Pfarrer sorgen. 21) So erklärt sich auch, dass der Stammvater der Linie Maulbronn Johannes Zeller bei seiner Bewerbung um die Pfarrstelle in Lienzingen im Jahr 1651 unter 40 vakanten Orten die Wahl hatte. 22)
      In Bietigheim war einige Zeit zunächst eine überraschende „Viehwohlfaile“, das heißt, die Preise für Vieh verfielen nach den ersten Plünderungen. Die Erklärung ist einfach: Das von den Soldaten in ganzen Herden gestohlene Vieh konnte nicht mitgeführt werden, als die Heere sich wieder in Marsch setzten; weil aber kaum mehr Futter vorhanden war, wurde es billig losgeschlagen. Nach weiteren Plünderungen gab es in Bietigheim kein Körnlein Salz mehr, zwei Jahre später war in der ganzen Stadt kein Stücklein Brot mehr aufzutreiben. 23)
      Einen wesentlichen Anteil an der nun folgenden Verelendung des ganzen Landes hatte die Pest des Jahres 163524). Die Ursache für den schlimmen Verlauf dieser Seuche war wohl bereits der Hunger nach den Plünderungen des Jahres 1634: Die Soldaten hatten die meisten Vorräte mitgenommen, auch fehlte das Zugvieh, wie wir das aus Bietigheim und vielen anderen Orten wissen und wie es auch aus Besigheim belegt ist. Die Leute versuchten, die Pflüge und Eggen selbst zu ziehen, was natürlich nicht möglich war. Ein Bericht über Ilsfeld ist für das ganze Unterland gültig: „Die Feld in gemein sind so übel gebauen, welches auch billig auf alle andern Orte zu ziehen, denn solche Zeit hero kein einig Pferd [ yes">     
Vielleicht hatte die hohe Sterblichkeit des Jahres 1635 auch Auswirkungen auf den psychischen Zustand der Menschen: So ist in Bietigheim belegt, dass viele Menschen „ganz freudig und mit singendem Mund in Christo seelig eingeschlafen. Auch gemeine Leut des Todes Bitterkait durch seelige Hoffnung des bessern öwigen Lebens also vertrieben, weil sie nichts Bessers, sondern nur Ärgers vor Augen sahen“. 26) Die niedrigen Sterbezahlen der Jahre 1642 bis 1646 27) sind so erschütternd wie die hohen Zahlen des Jahres 1635: Jetzt leben nur noch so wenig Menschen, dass kaum mehr jemand stirbt.
      Die Hungersnot der Jahre 1636 bis 1638 ist landesweit. In der Bietigheimer Stadtschreiberchronik wird sie samt ihren Gründen beschrieben: „Durch diese unerhörte Pressuren, Verjagung der Leut und menschenfressende Pest ist das Land und Feld [1636] öd und wiest worden, daß man selbiges nicht mehr bauen können. Hat auch nichts erschossen, wann schon Menschen an Pflüeg und Eggen als wie das Vieh gezogen oder mit der Hand was umgehacket haben. Darauf ist erfolgt (...) der kohlschwarze bittere Hunger. (...) Kein Hund noch Katzen wurde mehr gesehen. Umb ein umgefallen Pferd schlugen sich die armen Leut. Ja es ist auch glaubwürdig berichtet worden, daß eine Muetter ihr vergraben Kind nach zweyen Tagen wider ußgegraben und dasselbige gegessen habe. Alle Tage wurden Tote in Ställen, auf dem Feld, in Müsten gefunden. (...) Da gedachten wir an die Wort Ezechiels am 37. Unser Gebein sein verdorret, unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.“ 28)
      So wird im Pestjahr nichts oder nur sehr wenig angebaut, und die dadurch bedingte Hungersnot macht die ohnehin schreckliche Seuche, die von den Soldaten im ganzen Reich herumgeschleppt wird, zu einer Katastrophe. Man darf bei der hohen Todesrate in diesen Jahren auch die Verdichtung der Menschen in den Städten nicht übersehen, in die sich die ungeschützt in den Dörfern lebende Landbevölkerung geflüchtet hatte. Durch sie wird die Ansteckungsgefahr vergrößert, der Ernährungszustand verschlechter und durch beides die Zahl der Opfer erhöht. So sind in Bönnigheim, wo sich besonders viele Auswärtige zusammendrängten, 1635 insgesamt 1019 Menschen gestorben. 29)
      Aber nicht nur Pest und Hungertod dezimieren die Bevölkerung, sondern auch Wegzüge: Wer noch kräftig genug war, hat nicht tatenlos zugesehen, wie der Tod näher rückte. Vor allem junge Leute sind in den Krieg gegangen. Dazu kommen Wegzüge aus wirtschaftlicher Not. In Bietigheim ist 1638 überliefert, dass wirtschaftlich ruinierte Familien sich „ins Elend“, das heißt ins Ausland begaben: „Mußte doch mancher endlich, wann er alles aufgesetzt hatte, mit Weib und Kind in das Elend sich begeben.“ 30)

Die Zeller in Rotfelden und Wildberg
      In dieser Notzeit stirbt am 2. Februar 1635 in Rotfelden Johannes Zeller im Alter von 60 Jahren. 31) 22 Jahre lang war er Pfarrer in Rotfelden. Während seiner Amtszeit wird - zwar bereits im Krieg, aber noch einige Jahre vor der Katastrophe von 1634 - die Kirche in Rotfelden komplett neu gebaut und 1626 eingeweiht. Seine Frau Beatrix geb. Bloss stirbt mit 55 Jahren im Herbst desselben Jahres (23. 9. 1635) in Rotfelden.
      Sein Sohn Johann Konrad Zeller 32) wird 1635 zunächst noch Pfarrer in Rotfelden (die dritte Pfarrergeneration in Folge in Rotfelden!), dann Spezial (Dekan) in Wildberg. Er verliert im November 1635 nach vierjähriger Ehe seine 25jährige Frau Anna Maria Essich drei Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes. Möglich, dass auch hier ihr geschwächter Allgemeinzustand die Erholung nach der Geburt verhindert hat 33). Seine zweite Frau, Blandina verw. Schickmann geb. Grückler heiratet er hier in Wildberg. Sie stirbt nach fünfjähriger Ehe 1641 und ist hier in Wildberg begraben. 34) Auch seine dritte Ehe schließt er hier in Wildberg: Judith Schwarz 35) ist die Ahnfrau der Anwesenden aus der Bebenhauser Linie. Von den 15 Kindern Johann Konrad Zellers sind 13 hier in Wildberg geboren.

Die Ordnung kehrt zurück - der Krieg dauert an
      Die Bürger Württembergs waren bis zur Rückkehr Herzog Eberhards III. im Herbst 1638 rechtlos. Erst seine Rückkehr lenkte die ständigen Belastungen in geordnetere Bahnen und brachte den Menschen etwas mehr Sicherheit. 36) Dann tritt langsam eine Besserung ein. Das Volk bringt große Opfer, auch für die Kirche; Schickhardt bleibt trotz glänzender Angebote im Land und verschmäht eine Stellung in Wien; Konrad Wiederholt hat während der ganzen Zeit die Feste Hohentwiel gehalten; Johann Valentin Andreä vom heimgekehrten Herzog 1639 als Mitglied des Konsistoriums nach Stuttgart gerufen. Gestützt auf solche gesunden Kräfte kann der Wiederaufbau beginnen. 37)

Nach dem großen Krieg
      Im Westfälischen Frieden wird dank der Bemühungen des württembergischen Gesandten Varnbüler zwar der gesamte Friedensbestand des Herzogtums erhalten, aber die Folgen des Krieges waren für Württemberg, das seit 1629 immer Operations- und Kriegsgebiet gewesen war, verheerend. Die Bevölkerung des Landes, die vor dem Krieg rund 450 000 betrug, war 1639 weniger durch Schlachten, als durch Gewalttaten und Seuchen auf etwa 100 000 zurückgegangen. Sie zählte 1645 wieder 121 000 und nach dem Krieg 166 000 Seelen. Erst gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Vorkriegszahl erreicht. 38) Die Kriegslasten hat man für die Jahre 1628 bis 1650 auf 58.743.000 fl. berechnet. Neben der äußersten Not macht sich aber vor allem in Stuttgart auch ein hemmungsloses Treiben, Vergnügungssucht und Luxus bemerkbar, alle Zucht ist gelockert; daneben kommen chiliastische Strömungen auf. 39)
      Die Lage ist im allgemeinen in den Städten, die einen gewissen Schutz boten, besser als auf dem Land; diese sind aber durch den Niedergang von Handel und Gewerbe schwer getroffen. Besonders schwer leiden die Orte an großen Heerstraßen. Calw, Giengen und Waiblingen sind niedergebrannt, Aalen, Besigheim, Böblingen und Kirchheim unter Teck hart mitgenommen. Andere Gegenden, so der Schwarzwald, hatten weniger zu leiden. Die Felder können wegen der marodierenden Soldaten aber nur unzureichend bestellt werden; noch 1652 liegt etwa ein Drittel allen Nutzlandes, Äcker, Weinberge, Wiesen und Gärten wüst und verwildert. Der Weinbau geht infolge des Krieges auf die Dauer erheblich zurück.
      Die Regierung bemüht sich um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung des Landes. Es gelingt durch Zusicherung kostenfreier Übergabe verlassenen Bodens und mehrjähriger Steuerfreiheit Neusiedler vor allem aus der Schweiz, aber auch aus anderen Gegenden, z. B. Tirol heranzuziehen. Aus Österreich wandern wieder zahlreiche Exulanten zu, die ihres Glaubens wegen die Heimat verlassen mussten; einzelne Orte, so Schützingen bei Maulbronn, sind fast ausschließlich von ihnen besiedelt worden. 40)
      Die lange Kriegszeit hat auch dem geistlichen Leben des Landes erheblichen Schaden zugefügt. Eberhard III. bemühte sich, die zahlreichen verwaisten Pfarrstellen rasch zu besetzen. Wenn es nicht zu einer Verkümmerung kam, so verdankt das Land dies seinen religiösen und sittlichen Kräften. Die Arbeit des Pfarrstandes hat wesentlich dazu beigetragen, wieder Haltung und innere Zucht im Volk herzustellen. Dem Niedergang des kirchlichen Lebens wirkt besonders Johann Valentin Andreä (1586-1654) entgegen, seit 1638 Hofprediger in Stuttgart, eine der bedeutendsten Gestalten der württembergischen Kirche. Er hat die Landeskirche und ihre Ordnung in klarer Richtung auf Übereinstimmung von Lehre und Leben mit dem Blick auf ein praktisches Christentum wieder aufgebaut und damit zugleich die enge Haltung der Orthodoxie überwunden. 41)

                                                                 ***

Literatur
Gerhard Schäfer, Kleine Württembergische Kirchengeschichte, Stuttgart 1964. (zitiert: Schäfer, Württ. KG)

Karl und Arnold Weller, Württembergische Geschichte im Südwestdeutschen Raum, Stuttgart/Aalen 1972 (7. Aufl.). (zitiert: Weller, Württ. Geschichte)

Eberhard Gutekunst (Hg.), Johann Valentin Andreä 1586-1654. Leben, Werk und Wirkung. Katalog der Ausstellung zum 400. Geburtstag, Bad Liebenzell 1986. (zitiert: Andreä, Leben)

Günther Bentele, Besigheim im Dreißigjährigen Krieg (in: Geschichte der Stadt Besigheim), Besigheim 2003. (zitiert: Bentele, Besigheim)

Karl August Zeller, Die Familie Zeller aus Martinszell, Stuttgart 1974 (zitiert: ZB)

Gerhard Zeller, Familiendaten aus einer Computergenealogie, Bearbeitungsstand 2005. (zitiert: Ahnendatei G. Zeller)

Anmerkungen:
1) Vgl. im Anhang die Liste „Todesfälle ...“. Da es sich um eine Ahnendatei handelt, sind darin nur Personen enthalten, die verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Daraus lässt sich das relativ hohe Durchschnittsalter von etwa 53-62 Jahren erklären, das nur in den Jahren 1625 (46 Jahre) und 1634 (48 Jahre) unterschritten wird.
2) Weller, Württ. Geschichte S. 158
3) Weller, Württ. Geschichte S. 159
4) Schäfer, Württ. KG S. 79
5) Bentele, Besigheim S. 95
6) 27. August 1634 (neues gregorianisches Datum); angegeben wird manchmal auch der 6. September 1634 (altes julianisches Datum)
7) Weller, Württ. Geschichte S. 159
8) Schäfer, Württ. KG S. 79 f.
9) Ahnendatei G. Zeller. Er hatte zwei Monate vor seiner Flucht seine Frau Margarete geb. Gastpar verloren († 9. 6. 1634 Bebenhausen)
10) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8791. Wahrscheinlich auch seine Frau Katharine geb. Tritschler, von der mir aber nur das Todesjahr 1634 bekannt ist (Nr. 8792)
11) Ahnendatei G. Zeller Nr. 20105 und 20106
12) Bentele, Besigheim S. 95
13) Bentele, Besigheim S. 95
14) Bentele, Besigheim S. 96
15) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17688
16) Ahnendatei G. Zeller Nr 19027: Maria Hailbronner, Ehefrau von Daniel Osiander, Superintendent Wildberg 1633. Er stirbt ein Jahr nach seiner Frau im Hungerjahr 1635 in Wildberg (19.9.1635).
17) Schäfer, Württ. KG S. 80
18) Andreä, Leben S. 67
19) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17066: Johannes Schauber ,Ahn von Heinrich Hartmann Zeller (Zellerbuch § 48). Johannes Schauber, genannt „Freudenhans“, war zunächst einfacher Zeugmeister, besaß aber wenige Jahre später 20.000 fl. Vermögen; er gehört zu den Mitstiftern des „Färberstifts“ in Calw (12. 11. 1621). (Reutlinger Geschlechterbuch I, 557)
20) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8987: Johann Wolfgang Mögling, * 24. 10. 1576 in Weißenburg, † 24. 10. 1634 1576, 58 J. alt. Seine Frau Anna Maria geb. Mästlin überlebt, stirbt aber im darauf folgenden Hungerjahr, am 29. 6. 1635 in Vaihingen (Enz)
21) Schäfer, Württ. KG S. 80
22) Zellerbuch § 393. Johannes Zeller, Pfarrer in Neuweiler (mit Breitenberg) 1644; Münklingen (mit Möttlingen) 1649; Lienzingen 1651; Spezial in Waiblingen 1661, Vaihingen (Enz) 1669; Abt in Alpirsbach (designiert 1675, ord.1680); Prälat und Generalsuperintendent in Maulbronn 1689-1694.
23) Bentele, Besigheim S. 97
24) Bentele, Besigheim S. 93: Hinter dem Wort ‚peste' (abgekürzt ‚p') in den Kirchenbüchern können sich aber viele Seuchen verbergen, etwa Ruhr, Pocken, Cholera oder das ‚ungarische Fieber' (Flecktyphus).
25) Bentele, Besigheim S. 98 f.
26) Bentele, Besigheim S. 98
27) vgl. Grafik „Sterbefälle ...“ im Anhang
28) Bentele, Besigheim S. 98
29) Bentele, Besigheim S. 99
30) Bentele, Besigheim S. 99
31) Zellerbuch § 4, Stammvater aller Zellerlinien
32) Zellerbuch § 16
33) Zel], womit man hätte pflügen können. So haben die arme schaffende Leut, welche von Herzen gern und soviel ihnen immer zu tun möglich etwan etliche Morgen mit der Hauen umgemacht, vor denen täglichs hin und wider marschierenden Soldaten zu Pferd und zu Fuß nicht sicher auf dem Feld und ob ihrer Arbeit bleiben können, denn sie diese Arbeiter angefallen, ihnen ihr bei sich gehabtes Brot und anderes abgedrungen, ja die Kleider und Schuh von den Fußen ausgezogen.“ 25)
      Vielleicht hatte die hohe Sterblichkeit des Jahres 1635 auch Auswirkungen auf den psychischen Zustand der Menschen: So ist in Bietigheim belegt, dass viele Menschen „ganz freudig und mit singendem Mund in Christo seelig eingeschlafen. Auch gemeine Leut des Todes Bitterkait durch seelige Hoffnung des bessern öwigen Lebens also vertrieben, weil sie nichts Bessers, sondern nur Ärgers vor Augen sahen“. 26) Die niedrigen Sterbezahlen der Jahre 1642 bis 1646 27) sind so erschütternd wie die hohen Zahlen des Jahres 1635: Jetzt leben nur noch so wenig Menschen, dass kaum mehr jemand stirbt.
      Die Hungersnot der Jahre 1636 bis 1638 ist landesweit. In der Bietigheimer Stadtschreiberchronik wird sie samt ihren Gründen beschrieben: „Durch diese unerhörte Pressuren, Verjagung der Leut und menschenfressende Pest ist das Land und Feld [ yes">     
So wird im Pestjahr nichts oder nur sehr wenig angebaut, und die dadurch bedingte Hungersnot macht die ohnehin schreckliche Seuche, die von den Soldaten im ganzen Reich herumgeschleppt wird, zu einer Katastrophe. Man darf bei der hohen Todesrate in diesen Jahren auch die Verdichtung der Menschen in den Städten nicht übersehen, in die sich die ungeschützt in den Dörfern lebende Landbevölkerung geflüchtet hatte. Durch sie wird die Ansteckungsgefahr vergrößert, der Ernährungszustand verschlechter und durch beides die Zahl der Opfer erhöht. So sind in Bönnigheim, wo sich besonders viele Auswärtige zusammendrängten, 1635 insgesamt 1019 Menschen gestorben. 29)
      Aber nicht nur Pest und Hungertod dezimieren die Bevölkerung, sondern auch Wegzüge: Wer noch kräftig genug war, hat nicht tatenlos zugesehen, wie der Tod näher rückte. Vor allem junge Leute sind in den Krieg gegangen. Dazu kommen Wegzüge aus wirtschaftlicher Not. In Bietigheim ist 1638 überliefert, dass wirtschaftlich ruinierte Familien sich „ins Elend“, das heißt ins Ausland begaben: „Mußte doch mancher endlich, wann er alles aufgesetzt hatte, mit Weib und Kind in das Elend sich begeben.“ 30)

Die Zeller in Rotfelden und Wildberg
      In dieser Notzeit stirbt am 2. Februar 1635 in Rotfelden Johannes Zeller im Alter von 60 Jahren. 31) 22 Jahre lang war er Pfarrer in Rotfelden. Während seiner Amtszeit wird - zwar bereits im Krieg, aber noch einige Jahre vor der Katastrophe von 1634 - die Kirche in Rotfelden komplett neu gebaut und 1626 eingeweiht. Seine Frau Beatrix geb. Bloss stirbt mit 55 Jahren im Herbst desselben Jahres (23. 9. 1635) in Rotfelden.
      Sein Sohn Johann Konrad Zeller 32) wird 1635 zunächst noch Pfarrer in Rotfelden (die dritte Pfarrergeneration in Folge in Rotfelden!), dann Spezial (Dekan) in Wildberg. Er verliert im November 1635 nach vierjähriger Ehe seine 25jährige Frau Anna Maria Essich drei Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes. Möglich, dass auch hier ihr geschwächter Allgemeinzustand die Erholung nach der Geburt verhindert hat 33). Seine zweite Frau, Blandina verw. Schickmann geb. Grückler heiratet er hier in Wildberg. Sie stirbt nach fünfjähriger Ehe 1641 und ist hier in Wildberg begraben. 34) Auch seine dritte Ehe schließt er hier in Wildberg: Judith Schwarz 35) ist die Ahnfrau der Anwesenden aus der Bebenhauser Linie. Von den 15 Kindern Johann Konrad Zellers sind 13 hier in Wildberg geboren.

Die Ordnung kehrt zurück - der Krieg dauert an
      Die Bürger Württembergs waren bis zur Rückkehr Herzog Eberhards III. im Herbst 1638 rechtlos. Erst seine Rückkehr lenkte die ständigen Belastungen in geordnetere Bahnen und brachte den Menschen etwas mehr Sicherheit. 36) Dann tritt langsam eine Besserung ein. Das Volk bringt große Opfer, auch für die Kirche; Schickhardt bleibt trotz glänzender Angebote im Land und verschmäht eine Stellung in Wien; Konrad Wiederholt hat während der ganzen Zeit die Feste Hohentwiel gehalten; Johann Valentin Andreä vom heimgekehrten Herzog 1639 als Mitglied des Konsistoriums nach Stuttgart gerufen. Gestützt auf solche gesunden Kräfte kann der Wiederaufbau beginnen. 37)

Nach dem großen Krieg
      Im Westfälischen Frieden wird dank der Bemühungen des württembergischen Gesandten Varnbüler zwar der gesamte Friedensbestand des Herzogtums erhalten, aber die Folgen des Krieges waren für Württemberg, das seit 1629 immer Operations- und Kriegsgebiet gewesen war, verheerend. Die Bevölkerung des Landes, die vor dem Krieg rund 450 000 betrug, war 1639 weniger durch Schlachten, als durch Gewalttaten und Seuchen auf etwa 100 000 zurückgegangen. Sie zählte 1645 wieder 121 000 und nach dem Krieg 166 000 Seelen. Erst gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Vorkriegszahl erreicht. 38) Die Kriegslasten hat man für die Jahre 1628 bis 1650 auf 58.743.000 fl. berechnet. Neben der äußersten Not macht sich aber vor allem in Stuttgart auch ein hemmungsloses Treiben, Vergnügungssucht und Luxus bemerkbar, alle Zucht ist gelockert; daneben kommen chiliastische Strömungen auf. 39)
      Die Lage ist im allgemeinen in den Städten, die einen gewissen Schutz boten, besser als auf dem Land; diese sind aber durch den Niedergang von Handel und Gewerbe schwer getroffen. Besonders schwer leiden die Orte an großen Heerstraßen. Calw, Giengen und Waiblingen sind niedergebrannt, Aalen, Besigheim, Böblingen und Kirchheim unter Teck hart mitgenommen. Andere Gegenden, so der Schwarzwald, hatten weniger zu leiden. Die Felder können wegen der marodierenden Soldaten aber nur unzureichend bestellt werden; noch 1652 liegt etwa ein Drittel allen Nutzlandes, Äcker, Weinberge, Wiesen und Gärten wüst und verwildert. Der Weinbau geht infolge des Krieges auf die Dauer erheblich zurück.
      Die Regierung bemüht sich um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung des Landes. Es gelingt durch Zusicherung kostenfreier Übergabe verlassenen Bodens und mehrjähriger Steuerfreiheit Neusiedler vor allem aus der Schweiz, aber auch aus anderen Gegenden, z. B. Tirol heranzuziehen. Aus Österreich wandern wieder zahlreiche Exulanten zu, die ihres Glaubens wegen die Heimat verlassen mussten; einzelne Orte, so Schützingen bei Maulbronn, sind fast ausschließlich von ihnen besiedelt worden. 40)
      Die lange Kriegszeit hat auch dem geistlichen Leben des Landes erheblichen Schaden zugefügt. Eberhard III. bemühte sich, die zahlreichen verwaisten Pfarrstellen rasch zu besetzen. Wenn es nicht zu einer Verkümmerung kam, so verdankt das Land dies seinen religiösen und sittlichen Kräften. Die Arbeit des Pfarrstandes hat wesentlich dazu beigetragen, wieder Haltung und innere Zucht im Volk herzustellen. Dem Niedergang des kirchlichen Lebens wirkt besonders Johann Valentin Andreä (1586-1654) entgegen, seit 1638 Hofprediger in Stuttgart, eine der bedeutendsten Gestalten der württembergischen Kirche. Er hat die Landeskirche und ihre Ordnung in klarer Richtung auf Übereinstimmung von Lehre und Leben mit dem Blick auf ein praktisches Christentum wieder aufgebaut und damit zugleich die enge Haltung der Orthodoxie überwunden. 41)

                                                                 ***

Literatur
Gerhard Schäfer, Kleine Württembergische Kirchengeschichte, Stuttgart 1964. (zitiert: Schäfer, Württ. KG)

Karl und Arnold Weller, Württembergische Geschichte im Südwestdeutschen Raum, Stuttgart/Aalen 1972 (7. Aufl.). (zitiert: Weller, Württ. Geschichte)

Eberhard Gutekunst (Hg.), Johann Valentin Andreä 1586-1654. Leben, Werk und Wirkung. Katalog der Ausstellung zum 400. Geburtstag, Bad Liebenzell 1986. (zitiert: Andreä, Leben)

Günther Bentele, Besigheim im Dreißigjährigen Krieg (in: Geschichte der Stadt Besigheim), Besigheim 2003. (zitiert: Bentele, Besigheim)

Karl August Zeller, Die Familie Zeller aus Martinszell, Stuttgart 1974 (zitiert: ZB)

Gerhard Zeller, Familiendaten aus einer Computergenealogie, Bearbeitungsstand 2005. (zitiert: Ahnendatei G. Zeller)

Anmerkungen:
1) Vgl. im Anhang die Liste „Todesfälle ...“. Da es sich um eine Ahnendatei handelt, sind darin nur Personen enthalten, die verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Daraus lässt sich das relativ hohe Durchschnittsalter von etwa 53-62 Jahren erklären, das nur in den Jahren 1625 (46 Jahre) und 1634 (48 Jahre) unterschritten wird.
2) Weller, Württ. Geschichte S. 158
3) Weller, Württ. Geschichte S. 159
4) Schäfer, Württ. KG S. 79
5) Bentele, Besigheim S. 95
6) 27. August 1634 (neues gregorianisches Datum); angegeben wird manchmal auch der 6. September 1634 (altes julianisches Datum)
7) Weller, Württ. Geschichte S. 159
8) Schäfer, Württ. KG S. 79 f.
9) Ahnendatei G. Zeller. Er hatte zwei Monate vor seiner Flucht seine Frau Margarete geb. Gastpar verloren († 9. 6. 1634 Bebenhausen)
10) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8791. Wahrscheinlich auch seine Frau Katharine geb. Tritschler, von der mir aber nur das Todesjahr 1634 bekannt ist (Nr. 8792)
11) Ahnendatei G. Zeller Nr. 20105 und 20106
12) Bentele, Besigheim S. 95
13) Bentele, Besigheim S. 95
14) Bentele, Besigheim S. 96
15) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17688
16) Ahnendatei G. Zeller Nr 19027: Maria Hailbronner, Ehefrau von Daniel Osiander, Superintendent Wildberg 1633. Er stirbt ein Jahr nach seiner Frau im Hungerjahr 1635 in Wildberg (19.9.1635).
17) Schäfer, Württ. KG S. 80
18) Andreä, Leben S. 67
19) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17066: Johannes Schauber ,Ahn von Heinrich Hartmann Zeller (Zellerbuch § 48). Johannes Schauber, genannt „Freudenhans“, war zunächst einfacher Zeugmeister, besaß aber wenige Jahre später 20.000 fl. Vermögen; er gehört zu den Mitstiftern des „Färberstifts“ in Calw (12. 11. 1621). (Reutlinger Geschlechterbuch I, 557)
20) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8987: Johann Wolfgang Mögling, * 24. 10. 1576 in Weißenburg, † 24. 10. 1634 1576, 58 J. alt. Seine Frau Anna Maria geb. Mästlin überlebt, stirbt aber im darauf folgenden Hungerjahr, am 29. 6. 1635 in Vaihingen (Enz)
21) Schäfer, Württ. KG S. 80
22) Zellerbuch § 393. Johannes Zeller, Pfarrer in Neuweiler (mit Breitenberg) 1644; Münklingen (mit Möttlingen) 1649; Lienzingen 1651; Spezial in Waiblingen 1661, Vaihingen (Enz) 1669; Abt in Alpirsbach (designiert 1675, ord.1680); Prälat und Generalsuperintendent in Maulbronn 1689-1694.
23) Bentele, Besigheim S. 97
24) Bentele, Besigheim S. 93: Hinter dem Wort ‚peste' (abgekürzt ‚p') in den Kirchenbüchern können sich aber viele Seuchen verbergen, etwa Ruhr, Pocken, Cholera oder das ‚ungarische Fieber' (Flecktyphus).
25) Bentele, Besigheim S. 98 f.
26) Bentele] öd und wiest worden, daß man selbiges nicht mehr bauen können. Hat auch nichts erschossen, wann schon Menschen an Pflüeg und Eggen als wie das Vieh gezogen oder mit der Hand was umgehacket haben. Darauf ist erfolgt (...) der kohlschwarze bittere Hunger. (...) Kein Hund noch Katzen wurde mehr gesehen. Umb ein umgefallen Pferd schlugen sich die armen Leut. Ja es ist auch glaubwürdig berichtet worden, daß eine Muetter ihr vergraben Kind nach zweyen Tagen wider ußgegraben und dasselbige gegessen habe. Alle Tage wurden Tote in Ställen, auf dem Feld, in Müsten gefunden. (...) Da gedachten wir an die Wort Ezechiels am 37. Unser Gebein sein verdorret, unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.“ 28)
      So wird im Pestjahr nichts oder nur sehr wenig angebaut, und die dadurch bedingte Hungersnot macht die ohnehin schreckliche Seuche, die von den Soldaten im ganzen Reich herumgeschleppt wird, zu einer Katastrophe. Man darf bei der hohen Todesrate in diesen Jahren auch die Verdichtung der Menschen in den Städten nicht übersehen, in die sich die ungeschützt in den Dörfern lebende Landbevölkerung geflüchtet hatte. Durch sie wird die Ansteckungsgefahr vergrößert, der Ernährungszustand verschlechter und durch beides die Zahl der Opfer erhöht. So sind in Bönnigheim, wo sich besonders viele Auswärtige zusammendrängten, 1635 insgesamt 1019 Menschen gestorben. 29)
      Aber nicht nur Pest und Hungertod dezimieren die Bevölkerung, sondern auch Wegzüge: Wer noch kräftig genug war, hat nicht tatenlos zugesehen, wie der Tod näher rückte. Vor allem junge Leute sind in den Krieg gegangen. Dazu kommen Wegzüge aus wirtschaftlicher Not. In Bietigheim ist 1638 überliefert, dass wirtschaftlich ruinierte Familien sich „ins Elend“, das heißt ins Ausland begaben: „Mußte doch mancher endlich, wann er alles aufgesetzt hatte, mit Weib und Kind in das Elend sich begeben.“ 30)

Die Zeller in Rotfelden und Wildberg
      In dieser Notzeit stirbt am 2. Februar 1635 in Rotfelden Johannes Zeller im Alter von 60 Jahren. 31) 22 Jahre lang war er Pfarrer in Rotfelden. Während seiner Amtszeit wird - zwar bereits im Krieg, aber noch einige Jahre vor der Katastrophe von 1634 - die Kirche in Rotfelden komplett neu gebaut und 1626 eingeweiht. Seine Frau Beatrix geb. Bloss stirbt mit 55 Jahren im Herbst desselben Jahres (23. 9. 1635) in Rotfelden.
      Sein Sohn Johann Konrad Zeller 32) wird 1635 zunächst noch Pfarrer in Rotfelden (die dritte Pfarrergeneration in Folge in Rotfelden!), dann Spezial (Dekan) in Wildberg. Er verliert im November 1635 nach vierjähriger Ehe seine 25jährige Frau Anna Maria Essich drei Wochen nach der Geburt ihres dritten Kindes. Möglich, dass auch hier ihr geschwächter Allgemeinzustand die Erholung nach der Geburt verhindert hat 33). Seine zweite Frau, Blandina verw. Schickmann geb. Grückler heiratet er hier in Wildberg. Sie stirbt nach fünfjähriger Ehe 1641 und ist hier in Wildberg begraben. 34) Auch seine dritte Ehe schließt er hier in Wildberg: Judith Schwarz 35) ist die Ahnfrau der Anwesenden aus der Bebenhauser Linie. Von den 15 Kindern Johann Konrad Zellers sind 13 hier in Wildberg geboren.

Die Ordnung kehrt zurück - der Krieg dauert an
      Die Bürger Württembergs waren bis zur Rückkehr Herzog Eberhards III. im Herbst 1638 rechtlos. Erst seine Rückkehr lenkte die ständigen Belastungen in geordnetere Bahnen und brachte den Menschen etwas mehr Sicherheit. 36) Dann tritt langsam eine Besserung ein. Das Volk bringt große Opfer, auch für die Kirche; Schickhardt bleibt trotz glänzender Angebote im Land und verschmäht eine Stellung in Wien; Konrad Wiederholt hat während der ganzen Zeit die Feste Hohentwiel gehalten; Johann Valentin Andreä vom heimgekehrten Herzog 1639 als Mitglied des Konsistoriums nach Stuttgart gerufen. Gestützt auf solche gesunden Kräfte kann der Wiederaufbau beginnen. 37)

Nach dem großen Krieg
      Im Westfälischen Frieden wird dank der Bemühungen des württembergischen Gesandten Varnbüler zwar der gesamte Friedensbestand des Herzogtums erhalten, aber die Folgen des Krieges waren für Württemberg, das seit 1629 immer Operations- und Kriegsgebiet gewesen war, verheerend. Die Bevölkerung des Landes, die vor dem Krieg rund 450 000 betrug, war 1639 weniger durch Schlachten, als durch Gewalttaten und Seuchen auf etwa 100 000 zurückgegangen. Sie zählte 1645 wieder 121 000 und nach dem Krieg 166 000 Seelen. Erst gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Vorkriegszahl erreicht. 38) Die Kriegslasten hat man für die Jahre 1628 bis 1650 auf 58.743.000 fl. berechnet. Neben der äußersten Not macht sich aber vor allem in Stuttgart auch ein hemmungsloses Treiben, Vergnügungssucht und Luxus bemerkbar, alle Zucht ist gelockert; daneben kommen chiliastische Strömungen auf. 39)
      Die Lage ist im allgemeinen in den Städten, die einen gewissen Schutz boten, besser als auf dem Land; diese sind aber durch den Niedergang von Handel und Gewerbe schwer getroffen. Besonders schwer leiden die Orte an großen Heerstraßen. Calw, Giengen und Waiblingen sind niedergebrannt, Aalen, Besigheim, Böblingen und Kirchheim unter Teck hart mitgenommen. Andere Gegenden, so der Schwarzwald, hatten weniger zu leiden. Die Felder können wegen der marodierenden Soldaten aber nur unzureichend bestellt werden; noch 1652 liegt etwa ein Drittel allen Nutzlandes, Äcker, Weinberge, Wiesen und Gärten wüst und verwildert. Der Weinbau geht infolge des Krieges auf die Dauer erheblich zurück.
      Die Regierung bemüht sich um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung des Landes. Es gelingt durch Zusicherung kostenfreier Übergabe verlassenen Bodens und mehrjähriger Steuerfreiheit Neusiedler vor allem aus der Schweiz, aber auch aus anderen Gegenden, z. B. Tirol heranzuziehen. Aus Österreich wandern wieder zahlreiche Exulanten zu, die ihres Glaubens wegen die Heimat verlassen mussten; einzelne Orte, so Schützingen bei Maulbronn, sind fast ausschließlich von ihnen besiedelt worden. 40)
      Die lange Kriegszeit hat auch dem geistlichen Leben des Landes erheblichen Schaden zugefügt. Eberhard III. bemühte sich, die zahlreichen verwaisten Pfarrstellen rasch zu besetzen. Wenn es nicht zu einer Verkümmerung kam, so verdankt das Land dies seinen religiösen und sittlichen Kräften. Die Arbeit des Pfarrstandes hat wesentlich dazu beigetragen, wieder Haltung und innere Zucht im Volk herzustellen. Dem Niedergang des kirchlichen Lebens wirkt besonders Johann Valentin Andreä (1586-1654) entgegen, seit 1638 Hofprediger in Stuttgart, eine der bedeutendsten Gestalten der württembergischen Kirche. Er hat die Landeskirche und ihre Ordnung in klarer Richtung auf Übereinstimmung von Lehre und Leben mit dem Blick auf ein praktisches Christentum wieder aufgebaut und damit zugleich die enge Haltung der Orthodoxie überwunden. 41)

                                                                 ***

Literatur
Gerhard Schäfer, Kleine Württembergische Kirchengeschichte, Stuttgart 1964. (zitiert: Schäfer, Württ. KG)

Karl und Arnold Weller, Württembergische Geschichte im Südwestdeutschen Raum, Stuttgart/Aalen 1972 (7. Aufl.). (zitiert: Weller, Württ. Geschichte)

Eberhard Gutekunst (Hg.), Johann Valentin Andreä 1586-1654. Leben, Werk und Wirkung. Katalog der Ausstellung zum 400. Geburtstag, Bad Liebenzell 1986. (zitiert: Andreä, Leben)

Günther Bentele, Besigheim im Dreißigjährigen Krieg (in: Geschichte der Stadt Besigheim), Besigheim 2003. (zitiert: Bentele, Besigheim)

Karl August Zeller, Die Familie Zeller aus Martinszell, Stuttgart 1974 (zitiert: ZB)

Gerhard Zeller, Familiendaten aus einer Computergenealogie, Bearbeitungsstand 2005. (zitiert: Ahnendatei G. Zeller)

Anmerkungen:
1) Vgl. im Anhang die Liste „Todesfälle ...“. Da es sich um eine Ahnendatei handelt, sind darin nur Personen enthalten, die verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Daraus lässt sich das relativ hohe Durchschnittsalter von etwa 53-62 Jahren erklären, das nur in den Jahren 1625 (46 Jahre) und 1634 (48 Jahre) unterschritten wird.
2) Weller, Württ. Geschichte S. 158
3) Weller, Württ. Geschichte S. 159
4) Schäfer, Württ. KG S. 79
5) Bentele, Besigheim S. 95
6) 27. August 1634 (neues gregorianisches Datum); angegeben wird manchmal auch der 6. September 1634 (altes julianisches Datum)
7) Weller, Württ. Geschichte S. 159
8) Schäfer, Württ. KG S. 79 f.
9) Ahnendatei G. Zeller. Er hatte zwei Monate vor seiner Flucht seine Frau Margarete geb. Gastpar verloren († 9. 6. 1634 Bebenhausen)
10) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8791. Wahrscheinlich auch seine Frau Katharine geb. Tritschler, von der mir aber nur das Todesjahr 1634 bekannt ist (Nr. 8792)
11) Ahnendatei G. Zeller Nr. 20105 und 20106
12) Bentele, Besigheim S. 95
13) Bentele, Besigheim S. 95
14) Bentele, Besigheim S. 96
15) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17688
16) Ahnendatei G. Zeller Nr 19027: Maria Hailbronner, Ehefrau von Daniel Osiander, Superintendent Wildberg 1633. Er stirbt ein Jahr nach seiner Frau im Hungerjahr 1635 in Wildberg (19.9.1635).
17) Schäfer, Württ. KG S. 80
18) Andreä, Leben S. 67
19) Ahnendatei G. Zeller Nr. 17066: Johannes Schauber ,Ahn von Heinrich Hartmann Zeller (Zellerbuch § 48). Johannes Schauber, genannt „Freudenhans“, war zunächst einfacher Zeugmeister, besaß aber wenige Jahre später 20.000 fl. Vermögen; er gehört zu den Mitstiftern des „Färberstifts“ in Calw (12. 11. 1621). (Reutlinger Geschlechterbuch I, 557)
20) Ahnendatei G. Zeller Nr. 8987: Johann Wolfgang Mögling, * 24. 10. 1576 in Weißenburg, † 24. 10. 1634 1576, 58 J. alt. Seine Frau Anna Maria geb. Mästlin überlebt, stirbt aber im darauf folgenden Hungerjahr, am 29. 6. 1635 in Vaihingen (Enz)
21) Schäfer, Württ. KG S. 80
22) Zellerbuch § 393. Johannes Zeller, Pfarrer in Neuweiler (mit Breitenberg) 1644; Münklingen (mit Möttlingen) 1649; Lienzingen 1651; Spezial in Waiblingen 1661, Vaihingen (Enz) 1669; Abt in Alpirsbach (designiert 1675, ord.1680); Prälat und Generalsuperintendent in Maulbronn 1689-1694.
23) Bentele, Besigheim S. 97
24) Bentele, Besigheim S. 93: Hinter dem Wort ‚peste' (abgekürzt ‚p') in den Kirchenbüchern können sich aber viele Seuchen verbergen, etwa Ruhr, Pocken, Cholera oder das ‚ungarische Fieber' (Flecktyphus).
25) Bentele, Besigheim S. 98 f.
26) Bentele, Besigheim S. 98
27) vgl. Grafik „Sterbefälle ...“ im Anhang
28) Bentele, Besigheim S. 98
29) Bentele, Besigheim S. 99
30) Bentele, Besigheim S. 99
31) Zellerbuch § 4, Stammvater aller Zellerlinien
32) Zellerbuch § 16
33) Zellerbuch § 16, Anna Maria Essich, ˜ 9. 1. 1610 Neubulach, † 12. 11. 1635 Rotfelden
34) Zellerbuch § 16; * 1604, †† 12.12.1641 Wildberg, Alter 37 Jahre
35) Zellerbuch § 16. 8 19. 9. 1642 Wildberg. Judith Schwarz, * 17. 2. 1612 Herbrechtingen, † 9. 2. 1677 in Bebenhausen
36) Bentele, Besigheim S. 100
37) Schäfer, Württ. KG S. 80
38) Weller, Württ. Geschichte S. 177
39) Schäfer, Württ. KG S. 80
40) Weller, Württ. Geschichte S. 177 f.
41) Weller, Württ. Geschichte S. 178 f.
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