Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Martinszell
Eine Fahrt in die Geschichte der Familie Zeller

Am 9. Oktober 1982 haben sich zum erstenmal in ihrer 500jährigen Geschichte die Zellers zu einem Familientag an den Ort begeben, in dem Konrad Zeller gelebt hat, bis zu dem wir die Familiengeschichte zurückverfolgen können. brachte ein großer Omnibus von Stuttgart aus Verwandte aller Generationen nach Martinszell im Allgäu, wo sie sich mit in Privatwagen aus verschiedenen Gauen der Bundesrepublik und aus dem Ausland angereisten Verwandten zu einer stattlichen Runde von 70 Teilnehmern vereinigten.

Zusammenfassung eines Vortrags, den Ulrich Zeller am 9. Oktober 1982 in Martinszell gehalten hat. In: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 7, 1982, 9-12.
 
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                                                                                           Martinszell

1485 hat Kaiser Friedrich III. das Dorf Martinszell zum Markt erhoben. Im Bauernkrieg einigen sich der Kemptener Fürstabt und die Bauern 1525 im Martinszeller Vertrag. Martinszell kommt zur Landvogtei Kempten. Die gemeindliche Eigenständigkeit verlor Martinszell erst 1976 durch Eingemeindung nach Waltenhofen.

Woher wissen wir überhaupt, dass unser Ahnherr aus Martinszell stammt? Wir können dies weder aus Kirchenbüchern noch aus Aufzeichnungen bei der Gemeinde entnehmen. Es gibt aber familiäre Dokumente, die uns den Weg nach Martinszell weisen.

Die älteste Quelle ist ein noch vorhandener Brief des Bebenhäuser Prälaten Johann Konrad Zeller (ZB 16) an seinen Neffen Christoph Zeller (ZB 203), den er ihm am 11. August 1669 geschrieben hat. Anlass war der Tod seines jüngeren Bruders, Christoph Zeller (ZB 190), des Stifts- und Hofpredigers sowie Probsts zu Denkendorf, am 27. Juli 1669. Offenbar wollte der Neffe, der damals Diakonus in Tübingen war, von seinem Onkel in Bebenhausen noch einige Angaben für den Lebenslauf seines Vaters haben, wie er nach dem Tod „ehrbarer“ Persönlichkeiten verfasst wurde. In dem Brief schreibt Johann Konrad Zeller aus Bebenhausen u. a., er habe von Mag. Leonhard Grückler in (Neu-)Bulach gehört, dass er (Grückler) als junger Mann mit (seinem Onkel) Johannes Zeller (ZB 3, dem ersten Rotfelder Pfarrer) und dessen Söhnen „ihre Heimat visitieret“ hätten. Sie seien

„in der Raise in das Dorf im Allgöw khommen, aus welchem mein Uhr-Ehni bürtig gewesen, allda auch Ihnen von den Freunden große Ehre erwiesen worden. Der UhrEhni seye, da Herzog Ulrich Hohentwiel erkhauffet, und gebawet, dahingezogen als ein Steinmetz, und habe geholfen bawen, allda Er das Evangelium hören predigen und angenommen und darüber zu Tuttlingen sich bürgerlich eingelassen. Welches ich auch dem Vater S. (dem verstorbenen Christoph) ettlichmal erzählet, Er hats aber nicht allerdings glauben wöllen.“

Bei dem „Uhr-Ehni“ handelte es sich um den Maurer und Decker Hans Zeller (ZB 2). Der Name des „Dorfes im Allgöw“ ist leider nicht in dem Brief erwähnt. Es gibt aber eine „Zellerische Genealogie“, die sich in den Händen des Königsbronner Prälaten Johannes Zeller (ZB 444) befand. Von ihrer Existenz wissen wir, weil er dem am 7. April 1734 verstorbenen Bruder seines Vaters, dem Tübinger Medizinprofessor Dr. Johannes Zeller (ZB 396) als Tübinger Archidiakonus die Leichenpredigt zu halten hatte. Dieser fügte er wie üblich einen Lebenslauf bei, der erhalten ist, und bei dem er auf die „Zellerische Genealogie“ zurückgreifen konnte. Es muß also damals unter den Nachkommen des Maulbronner Prälaten Johannes Zeller (ZB 393) ein Interesse für Familienkunde gewesen sein. Leider existiert diese Genealogie nicht mehr. Aber der Königsbronner Prälat Johannes Zeller oder sein Sohn, der Lauffener Physikus Christoph Matthäus Zeller (ZB 504), hat aus dieser Genealogie einen „Extrakt der Zellerischen Genealogie“ angefertigt, der erhalten geblieben ist. Christoph Matthäus Zeller ist der Großvater von Albert Zeller 1) (ZB 515), des Gründers und ersten Leiters der „Heilanstalt Winnental“ (heute psychiatrisches Landeskrankenhaus). In dem Extrakt wird berichtet, dass um 1500 in Martinszell neben anderen Zellern ein Konrad Zeller (ZB 1) gelebt habe, Bürger, Steinmetz und namhafter Baumeister. Er hatte mit seiner Frau Elisabeth Loscher mehrere Kinder. Nur der Name des Sohnes wird genannt: Johannes, der sich später Hans nennt. Er übte den gleichen Beruf wie sein Vater aus, Maurer und Steinmetz. Vater und Sohn hätten unter Herzog Ulrich am Hohentwiel gebaut, was ganz offensichtlich mit den Angaben im Brief des Bebenhäuser Prälaten Johann Konrad Zeller (ZB 16) übereinstimmt. Wie es dazu kam, dass der Herzog in Stuttgart zwei Männer aus einem verlassenen Winkel im Allgäu, aus dem oberen Illertal zu Arbeiten auf den Hohentwiel rief, hat uns 1976 H.-M. Decker-Hauff eindrucksvoll gezeigt. Martinszell, die Heimat unserer Vorfahren lag damals im südlichsten Zipfel der Fürstabtei Kempten. Sie grenzte im Osten an das Bistum Augsburg, das sich wie ein breites Band von Augsburg im Norden nach Südwesten bis zur Iller erstreckte. Diese war die Grenze zu der westlich liegenden Grafschaft Montfort, später im Besitz der Fürsten von Waldburg. Im Nordwesten grenzte das Gebiet der Freien Reichsstadt Memmingen an, im Norden das der Abtei Ottobeuren. Kempten selbst, einst als Cambodunum von den Römern gegründet, hatte schon sehr früh ein Kloster, aus dem die Fürstabtei hervorging. Der Fürstabt hatte in Kempten seinen Sitz, während die Stadt selber Freie Reichsstadt wurde.

Konrad Zeller (ZB 1), von dem wir leider nur sehr spärliche Nachricht haben, ist ein Zeitgenosse Martin Luthers, er ist wie Luther 1546 verstorben. In seiner Zeit gärte es gewaltig unter den Bauern Deutschlands. Im Bauernkrieg sind zahlreiche Burgen, Klöster und Ortschaften in Flammen aufgegangen. In der Folgezeit brauchte man Bau-Fachleute zum Wiederaufbau. Und so berichtet die „Zellerische Genealogie“, dass Konrad und Hans Zeller einst in Diensten des Fürstabts von Kempten, Sebastian von Breitenstein, und des Bischofs von Augsburg, Otto Truchsess von Waldburg, dem späteren Kardinal, gestanden seien. Im Herzogtum Wirtemberg herrschte seit 1503 der junge Herzog Ulrich, der nach allerlei familiären und kriegerischen Wirren den Hohentwiel in seinen Besitz bringen konnte. Er ließ das alte Schloß zu einer Festung ausbauen, die in Jahrhunderten nie erobert wurde. Und hier arbeiteten nun Konrad und sein Sohn Hans Zeller, etwa in den Jahren zwischen 1538 und 1545. Von Hans Zeller wissen wir, dass er ein Meister in seinem Beruf war. Denn in der Quittung vom 28. 8. 1569, die er dem „Keller uff Thwiel“ ausstellt, und die bei den Festungsbaurechnungen erhalten ist, schreibt er:

„Ich maister Hanß K. Zeller, Maurer von Thutlingen, bekenn mit dieser Quittung, dass der ersam Hermann Jeger, Keller uff Thwiel mich mit 20 Gulden ausbezahlt hat.“

Und dass man mit seinen Leistungen zufrieden war, das ergibt sich aus dem Eintrag im rentkammerlichen Dienerbuch von 1560, wo es heißt:

„Hanß Zeller von Thutlingen. Dem hat mein gn. Herr bewilligt, solange er seiner fürstl. Gnaden als ein Decker schafft, Jahrs vier malter veesen tutlinger mess und ein Winterclaid zu geben und so ers gebraucht soll im tags sieben Schilling gegeben werden.“

Vesen oder Dinkel war das Getreide der Leute mit gehobenem Lebensstandard. 4 Malter waren so viel, dass es auch von einer großen Familie nicht in einem Jahr verzehrt werden konnte. Überreichlich gibt man aber nur jemand, mit dessen Leistung man zufrieden ist. Was Konrad und Hans Zeller am Hohentwiel gebaut haben, ob jeder für sich oder beide miteinander, wissen wir leider nicht. Alfred Zeller (ZB 418) und Adolf Zeller (ZB 483) haben in Verbindung mit den Jahreszahlen 1553 und 1554 Steinmetzzeichen gefunden, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Hans Zeller zuzurechnen sind und von denen eines auf der Vorderseite des Zellerbuches 1974 abgebildet ist. Als symbolisiertes Parlierbrett war es aber damals ein weitverbreitetes Steinmetzzeichen.

Der Hohentwieler Bergkegel gehörte seit damals als Exklave zu Wirtemberg, eine Kuriosität, die bis in die jüngste Vergangenheit bestand. Singen und die weitere Umgebung waren österreichisch oder gehörten zu Konstanz oder Fürstenberg. Das zuständige Wirtembergische Amt war Tuttlingen. Von dort kamen die Anweisungen, Baumaterial und Geld. So erscheint es naheliegend, dass sich dort auch persönliche Beziehungen ergeben haben und engere Bindungen angeknüpft worden sind. Während der Vater Konrad eines Tages für immer wieder in die Heimat Martinszell zurückkehrte, lernt Hans, der Sohn, in Tuttlingen eine Walpurga kennen. Er wollte Tuttlinger Bürger werden, um sie heiraten zu können. Dazu brauchte er aus seiner Heimat einen Mannrechtsbrief, mit dem er nachweisen konnte, dass er nicht oder nicht mehr leibeigen ist. Was es damit auf sich hatte, schilderte uns H.-M. Decker-Hauff 2) vor Jahren auch in seinem Vortrag. Der erste, 1548 geborene Sohn, Johannes, ist vom Vater zum geistlichen Beruf bestimmt worden, er wurde der erste Rotfelder Pfarrer, der Großvater der vier Brüder, von denen die verschiedenen Linien der Familie Zeller abstammen.
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