Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Theodor Mögling und die Revolution 1848/49

Aus: Liesel Reichle-Zeller, Spuren der Geschichte 1789-1849, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbands Heft 11, S. 54-80
 
Bild
 
Der „Vormärz“ in Baden
    
Dreißig Jahre, eine ganze Generation, waren seit den Karlsbader Beschlüssen in Deutschland vergangen, da flog, wieder aus Paris, ein Funke her, und dieses Mal zündete er! Von 22. bis 24. Februar 1848 haben die Franzosen in Barrikadenkämpfen die Abdankung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe erzwungen und rufen die Republik aus. In Wien und Berlin waren die Volksaufstände zunächst erfolgreich verlaufen. In beiden Hauptstädten wurden Truppen eingesetzt, die Kämpfe waren blutig und erbittert. Metternich, der 40 Jahre lang die österreichische Politik bestimmt hatte, musste fliehen; der preußische König Friedrich Wilhelm IV. musste eine Verfassung in Aussicht stellen und versprechen, sich für die Lösung der nationalen Frage einzusetzen.
     Im Nachbarland Baden, an Frankreich angrenzend, hatten schon im „Vormärz“ die radikalen und republikanischen Gedanken eine Gestalt angenommen, die nun die Vorkämpfer einer Revolution, HECKER und STRUVE, auf den Plan rief. Hecker sammelte am Oberrhein, im Markgräfler Land, Freischaren um sich, mit denen er in seinem Land die Republik erkämpfen wollte. Er bekam Verstärkung aus Frankreich: Der dort lebende deutsche Dichter Georg HERWEGH wollte Hecker 6000 brotlose, aber als Nationalgardisten bewaffnete Arbeiter zuführen, darunter nicht nur Deutsche, sondern auch Polen. Schließlich rechnete man sogar mit mehr als 10 000 von ihnen. Gerüchte über diese Gefahr aus Frankreich liefen schon vor den offiziellen Nachrichten auch in Württemberg um. ...
     Von den Badenern wusste man, dass Konstanz ohne Zweifel der Hauptherd der Unruhen war - dort standen für die Aufständischen 4 Kanonen, und die Republikaner waren bewaffnet. Die regulären badischen Truppen waren das Hauptziel republikanischer Propaganda; es war nicht sicher, wie zuverlässig sie bleiben würden. Besonders im Seekreis glaubte die Bevölkerung, dass die Bestimmung der Bundestruppen nicht der Schutz vor einmarschierenden Arbeitertruppen sei, sondern den Zweck hätten, die badischen Freiheitsbestrebungen zu unterdrücken. Freilich entsprach diese argwöhnische Auslegung durchaus der Stimmung konservativer Kräfte in Württemberg. Die Freischärler unter Hecker, die Mitte April von Konstanz aufgebrochen waren, liefen in eine vorbereitete Falle – 40.000 Bundessoldaten standen an der Saar, am Rhein, am Bodensee und am oberen Neckar. Da traf die Nachricht ein, dass Herwegh mit der ersten Kolonne deutscher Arbeiter am 11. April in Straßburg eingetroffen sei. Am 16. April überschritten die württembergischen Truppen unter Generalleutnant Moritz VON MILLER die badische Grenze und besetzten Donaueschingen. Am 20. April wurde die Heckersche Truppe auf der Scheideck östlich von Kandern nach anfänglichen Erfolgen von hessischen Truppen zerschlagen, Struve zog sich kampflos aus Steinen im Wiesental zurück und wurde in Säckingen verhaftet, wurde aber nach Drohungen der Freischärler vom dortigen Amtmann freigelassen. Diese Befreiung und Struves Überbringung in die Schweiz gelang dem Württemberger Theodor MÖGLING.

Theodor Möglings Jugend- und Studienjahre
     Theodor Mögling, geboren 1814, mit dem Spitznamen „Seidenhannes“, taucht als Hauptmann in Struves „Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden“ nicht weniger als 23mal auf, und zwar immer in nächster Umgebung der führenden Köpfe der Aufständischen, auch Herweghs. Er war der älteste Sohn des Pfarrers Wilhelm Mögling in Brackenheim, später, ab 1840, in Aldingen bei Rottweil, aus dessen erster Ehe. Wilhelm Mögling hat 1835 in dritter Ehe Henriette Eleonore ZELLER (ZB §54) geheiratet. Auch für sie war es die dritte Ehe. Theodor hat sich zu ihrer Zeit auch in Aldingen bei seinem Vater aufgehalten, zumal er seit 1848 Landtagsabgeordneter für die Opposition für den Oberamtsbezirk Tuttlingen war. Wir werden später noch mehr von diesem unermüdlichen Kämpfer für die Sache der Republikaner hören. -
     General Miller rückte nun nach Süden ins Wiesental vor. Am 27. April stieß er auf eine 800-900 Mann starke, von Herwegh angeführte Arbeiterkolonne, die bei Dossenbach (auch Schwörstadt) völlig aufgerieben wurde. Mit neuen Arbeitereinfällen war nun nicht mehr zu rechnen.
     Im Herbst folgte eine zweite Erhebung, die mit der „Ausrufung der Republik“ durch Struve am 21. September gerade in Lörrach begann, und eine dritte im Sommer 1849, die mit der Belagerung und Entsetzung der Festung Rastatt im Juli 1849 ihr Ende fand.
     Die Ideen der Revolution 1848 bedeuteten für den damals 34-jährigen Theodor MÖGLING ein volles Lebensschicksal. An seiner Geschichte wollen wir auch die weitere Entwicklung der Revolution darstellen.
     Theodor Mögling war in mehr als einer Hinsicht eine ungewöhnliche Erscheinung unter den militärischen Führern der badischen Revolution. Seine „Briefe an meine Freunde“ stellen seine Biographie dar, der wir die hier wiedergegebenen Daten und Ereignisse entnehmen.
     Er selbst bezeichnet es als merkwürdig, dass er schon als 16-jähriger, beeinflusst durch die Nachrichten von der französischen Julirevolution 1830, ein entschiedener Republikaner war, obwohl sein Vater, den er einen aufrichtigen Royalisten nennt, die Ansichten seines Sohnes wie auch dessen Wunsch, Soldat zu werden, nicht billigte. Der Pfarrer Wilhelm Mögling erfreute sich der besonderen Gunst des damaligen württembergischen Königs Wilhelm I., der umgekehrt auch viel von seinem Rat hielt. Dieser König hat an vielen Stationen von Theodors bewegtem Leben, auch während und nach der Revolution, zuerst fördernd, dann diskret schützend eingegriffen. Theodor selbst betont an mehreren Stellen seiner „Briefe“, wie unbedingt zuverlässig und ehrenhaft dessen Charakter sei - im Gegensatz zu dem, was er vom badischen Großherzog dachte und erlebte: im Unterschied zu Baden, so schreibt er einmal, stehe in Württemberg an der Spitze des Staates „ein Mann“. Noch 1856, sobald er wieder so weit war, dass er einen zusammenhängenden Brief schreiben konnte, dankte er dem König von Württemberg für seinen „großmütigen Schutz“. Da Pfarrer Mögling sowohl religiös als auch in seiner. Erziehung tolerant war und beide das strittige politische Thema im Gespräch vermeiden lernten, blieb der Friede und ein liebevoller Zusammenhalt in dieser Familie durch die ganze Revolutionszeit und danach gewahrt. Dies bezog sich auch auf Theodors Verhältnis zu seiner dritten Mutter, Henriette geb. Zeller (ZB § 54), von der - ohne Namensnennung - in den Briefen mehrfach die Rede ist. Die Eltern Mögling schienen trotz ihrer Ablehnung seiner politischen Einstellung das Vertrauen gehabt zu haben, dass die Sache, für die sich ihr Sohn so entschieden einsetzte, keine ganz schlechte sein konnte. -
     Als Tübinger Student wechselte der junge Mögling von der Medizin zur Landwirtschaft. Im Auftrag der württembergischen Regierung erhielt er die Aufgabe, die französischen Einrichtungen zur Seidenzucht an Ort und Stelle zu studieren. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich wurde ihm ein Lehrauftrag an der königlichen Akademie in Hohenheim übertragen. Bei seinen häufigen Aufenthalten in Stuttgart verkehrte er am liebsten mit württembergischen Offizieren seines Alters. Dies führte später dazu, dass einmal ein Mitglied des württembergischen Generalstabs sich Eintritt ins Lager der Freischärler verschaffte, um Möglings Kameraden vor ihm zu warnen, da er es unmöglich mit ihnen ehrlich meinen könne! - Auch bei seiner Tätigkeit in der württembergischen Ständeversammlung irritierte er seine Gesinnungsgenossen von der Opposition dadurch, dass er im Hungerjahr 1847 es nicht für richtig hielt, gegen das Staatssekretariat, also gegen die von ihm sonst bekämpfte Bürokratie, aufzutreten und ihm die Kosten für die damals nötigen Mittel zu verweigern. Er war ein Feind jeder Prinzipienreiterei und für den Vorrang der Praxis vor der Theorie. Als er sich der badischen Revolution anschloss, stellte er sich nicht mehr zur Wahl in die Ständeversammlung.

Theodor Mögling, der Revolutionär
     Mögling war weder ein Freund des Vorparlaments noch der Frankfurter Nationalversammlung, die ja die konstitutionelle Monarchie erstrebte. Was ihn bewog, sich gleich zu Beginn an dem kommenden republikanischen Aufstand in Baden zu beteiligen, war nicht nur seine unveränderte Ansicht, dass die Republik die einzig vernünftige Staatsform sei, sondern vor allem die Tatsache, dass es sich in Baden wirklich um eine Volkserhebung, einen Volksaufstand handelte. Trotz seiner oft kritischen Gedanken über Leitung und Erfolgsaussichten des Unternehmens hielt er der Sache die Treue. Als militärischer Führer und als Mensch genoss er hohe Achtung bei Kameraden und selbst bei Gegnern, wie sich später zeigte. Ganz anders Friedrich HECKER; der ursprünglich Hauptorganisator der badischen Revolution war. Er floh im Frühjahr 1848 in die Schweiz und emigrierte schon im Herbst nach Amerika, nachdem er sich mit Struve und anderen Führern entzweit hatte. - Mögling dagegen blieb ein Mann der ersten und letzten Stunde. Obwohl er nicht viel von den Führungsqualitäten von Hecker und Struve hielt, bezeichnete er sie noch 1858 in einem Buch als seine „Freunde“. - Für Mögling hatte die Laufbahn als Revolutionär am 13. April 1848 begonnen, als er mit 56 „Wehrmännern“ unter Hecker und Struve zunächst durch den Seekreis marschierte, wo sie viel Zuzug erhielten. Am Abend dieses Tages rückten sie in Stockach ein („einem Landstädtchen, nahe an der württ. Grenze gelegen, im Großherzogtum Baden liegt nämlich alles an der Grenze.“) Spät abends, als er kaum eingeschlafen war, wurde er aufgefordert, sich zu erheben (Briefe, S. 55-57)
     „Während ich mich ankleidete, wurde mir berichtet, auf der Straße von Tuttlingen sei ein Gefährt bei unseren Vorposten angekommen, in welchem nur eine Frau gesessen. Diese habe unseren Leuten verdächtig erschienen, sie haben das Gefährt angehalten und gefragt, wohin die Reise hingehen soll, darauf nahe die Frau erwidert, nach Konstanz.. Sigel (einer der Führer) habe die Frau nach dem Zwecke ihrer Reise gefragt, worauf sie erwidert habe, sie seie zu so ungewöhnlicher Zeit noch auf der Straße, weil sie möglichst schnell nach Konstanz kommen wolle, um ihren Sohn aufzusuchen. Auf die Frage, wer dieser Sohn seie, habe sie erwiedert, Theodor Mögling... Vor meiner Abreise von Tuttlingen [ Pfarrer Mögling amtierte damals in Aldingen, etwa halbwegs zwischen Rottweil und Tuttlingen] hatte ich meinen Eltern meine Reise nach Konstanz gemeldet und sie zwischen den Zeilen lesen lassen, warum ich dorthin gehe. Als ich nun in die Gaststube hineinkam, war ich gar nicht erstaunt, meine Mutter zu treffen... Meine Mutter erzählte mir nun, gleich nach Empfang meines Schreibens seien sie zu Hause in große Sorgen gekommen, dass ich mich in eine Unternehmung eingelassen habe, die nach den mir bekannten Begriffen meines Vaters ein großes Verbrechen seie und auch gar keine Aussicht auf einen günstigen Erfolg habe.
     Da nun mein Vater wisse, dass sie, meine Mutter, mehr bei mir erlangen werde als er, so habe er ihr gestattet, mir nachzureisen, um mir von einer Betheiligung an der Sache abzurathen, und mich zu bewegen, mit ihr zurückzukehren. Zuerst fragte ich nun meine Mutter, was für Gepäcke sie bei sich habe, worauf sie mir erwiderte, sie wisse, ich habe sehr wenig Weißzeug von Hause mitgenommen, deßhalb habe sie mir solches mitgebracht. Ich sagte darauf, liebe Mutter, daraus ersehe ich, dass du dir wenig Hoffnung gemacht hast, mich zur Rückkehr zu bewegen. Es freut mich, dass du mich so richtig beurtheilt hast. Ich habe mein Wort gegeben, mich der Bewegung anzuschließen, und habe es gehalten, was würdest du von mir denken, wenn ich ... jetzt ohne Weiteres mich davon wieder zurückziehen und meine Freunde verlassen wollte, nicht wahr, du würdest mich für einen erbärmlichen Buben halten und dich in deinem Innersten schämen... Das dürfe sie überzeugt sein, dass ich, wenn ich dabei zu Grunde gehe, jedenfalls mit Ehren zu Grunde gehen werde. Dieß war nun für meine Mutter im Augenblick kein großer Trost, doch wußte sie sich in das Unvermeidliche zu fügen, und wir schieden nach einem Zusammensein von mehreren Stunden mit großer Fassung, obgleich wir uns das letzte Mal in diesem Leben gesprochen zu haben glaubten..“
    
Nach wechselvollen, meist unglücklich ausgehenden Unternehmungen ergab sich eine Periode des Stillstands, während welcher Mögling sich mit anderen Führern des Aufstands teils in der Schweiz, teils in Frankreich aufhielt. Die Hoffnung der Revolutionäre, auch in Württemberg Anhang zu finden, erfüllte sich nicht; auch der Zug des Gottlieb RAU im Raum Rottweil / Schramberg hatte keinen Erfolg. Nur der Waffenstillstand von Malmö im August 1848 wegen der Angliederung Schleswigs an Dänemark löste allgemeine nationale Entrüstung in ganz Deutschland aus und brachte im September 1848 die Frankfurter Nationalversammlung in Gefahr.
     Nachdem am 29.März 1849 in Frankfurt die Grundrechte und die Reichsverfassung verkündet worden waren, führte die Weigerung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., die ihm von der Versammlung angetragene Würde eines Erbkaisers anzunehmen, zur Auflösung der Paulskirche. Im Mai versammelte sich das „Rumpfparlament“, dem nur noch Demokraten angehörten, in Stuttgart; es wurde aber im Juli durch württembergisches Militär gesprengt. Radikale Volkserhebungen folgten an vielen Stellen Deutschlands. In Baden aber war im Mai 1849 die großherzogliche Regierung „entlaufen“, wie sich Mögling ausdrückt; der Großherzog selbst wurde „gegen seinen Willen“ entführt. In Offenburg war am 12. und 13. Mai die Republik verkündet worden, das Heer und die Volkswehr vereinigten sich. Ein Landesausschuss unter Minister Brentano zog als einzige tatsächliche Regierung in Karlsruhe ein. Mögling war wieder dabei. Der Großherzog aber hatte die Preußen um Militärhilfe gebeten - sie kam, unter Führung des „Kartätschenprinzen“ Wilhelm, des späteren deutschen Kaisers. Damit begann das letzte Kapitel der Revolution.

Das Ende der Revolution, Prozess gegen Theodor Mögling und die letzten Jahre
     In dieser Zeit kämpfte Theodor Mögling mit den Freischaren und dem badischen Militär in Nordbaden und an der Bergstraße. In Mannheim fand am 27.Mai 1849 ein Verbrüderungsfest zwischen Volks- und Bürgerwehren und dem badischen Linienmilitär statt. Eine Verbindung mit dem hessen-darmstädtischen Hanau wurde hergestellt. Die Feinde waren württembergische, hessische und bayrische Reichstruppen und nun auch die Preußen. Mögling wurde zum Hauptmann ernannt. Die Ankunft des polnischen Generals Mieroslawski brachte mehr Ordnung in die militärischen Operationen der Aufständischen. Mögling wurde sein Stabsoffizier. Mieroslawskis Absicht, ihn zum Oberst zu befördern, wich Mögling jedoch aus. Am 20./21. Juni warf sich MIEROSLAWSKI mit seinen 12.000 Mann den in Baden eingedrungenen Preußen bei Waghäusel (Kreis Bruchsal) entgegen. Hier erreichte Mögling sein Schicksal: Als er hoch zu Roß mit einer von ihm gebildeten Sturmkolonne den ganzen linken Flügel der Preußen zwang, sich mit Verlusten aus einem Wald zurückzuziehen, erhielt er von einem Scharfschützen einen Schuß, der ihm den linken Schenkelknochen zerschmetterte. Noch bevor sich die Schlacht aus einem anfänglichen Sieg für die Republikaner in eine Niederlage verwandelte, wurde der Verwundete nach Heidelberg ins Spital gebracht. Die Ärzte hielten eine Amputation für unumgänglich, aber Mögling verweigerte eine solche so nachdrücklich, dass man schließlich auf Möglings eigene Verantwortung davon abstand. Unter guter Pflege nahm die Heilung einen guten Fortgang, und seine Freunde trafen schon Maßnahmen, um ihn zu entführen. Mögling, der im Spital nicht unter seinem Namen bekannt war, schreibt (S. 247/248):
„Ein eigenthümliches Ereignis vereitelte alle Bemühungen. Eine meiner Schwestern, die ich schon seit mehreren Wochen auf ihrer Reise von Indien zu meinen Eltern zurück in Baden erwartet hatte, kam in den letzten Tagen des Juni in Heidelberg an und logierte im Badischen Hofe... Sie übergab dem Oberkellner ... einen Brief an meinen Vater, um ihn auf die Post zu besorgen. Als dieser die Adresse sah, fragte er meine Schwester, ob sie vielleicht einen Verwandten habe, der in unserer Armee gedient, worauf meine Schwester sagte, ja meinen Bruder, worauf sie die Nachricht erhielt, ich liege hier im Spitale mit abgeschossenem Bein... Ohne lang zu überlegen, ließ sich meine Schwester ans Spital führen, dort angekommen, wurde ihr der Eintritt ohne Erlaubniskarte verweigert. Auf ihre Frage, wo sie eine solche Karte erhalten könne, sagte man ihr, auf der Kommandantur... Auf die Frage des Kommandanten, wen sie dort besuchen wolle, nannte meine Schwester meinen Namen, worauf der Kommandant äußerte, so, den haben wir, dann meiner Schwester sagte, er werde ihr gleich einen Offizier zur Begleitung mitgeben... Ein junger Handwerker, welcher während der Revolution mich kennen gelernt hatte, war gerade auf dem Büro ... und hatte die Sache mit angehört. Dieser eilte sogleich zu mir, um mich von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen. - Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich schrieb folgende Zeilen an meine Schwester: „Liebe Schwester! Kommst du in mein Zimmer, so erkenne mich nicht, später mehr, dein Bruder Theodor.“ (Der Überbringer des Briefchens konnte die Schwester natürlich nicht ansprechen, ohne den Offizier aufmerksam zu machen.)
     „Ich, in der Meinung, meine Schwester habe das Billett bekommen, sah sie beim Eintreten ... ganz fremd an, worauf sie mir sagte, habe ich mich in den 10 Jahren so verändert, dass du mich nicht mehr erkennst?“
    
Da nun bekannt war, welchen wichtigen Patienten man in sicherem Gewahrsam hatte, bekam Mögling eine Wache vor die Tür, und mit den Plänen der Freunde hatte es ein Ende. Sobald es möglich war, wurde Mögling in eine noch nicht ausgebaute Zelle des Gefängnisses gebracht, das sonst mit Gefangenen völlig überbelegt war. Ärztliche Pflege fiel nun ganz weg, und Mögling hielt es angesichts der bevorstehenden Exekutionen durch das Standgericht nicht für nötig, sein Bein frisch einrichten zu lassen, was nach den Transporten notwendig gewesen wäre. So blieb ihm ein verkürztes Bein.
     Die Festung Rastatt, die letzte Bastion der Revolution, war inzwischen gefallen (23. Juli 1849). Mögling erhielt viele Besuche, einmal auch von seinem Vater, der sich übertriebene Hoffnungen im Blick auf die Zukunft seines Sohnes machte. Der König, an den er sich gewandt hatte, wollte jedoch alles tun, was in seiner Macht stehe, um wenigstens das Schlimmste zu verhüten. Im Oktober wurde Mögling nach Mannheim überstellt, wo er bis zu seiner Verhandlung, am 20.10., im Zuchthaus untergebracht war. Eine Verurteilung auf Hochverrat konnte nicht erfolgen, da er ja als württembergischer „Ausländer“ gegen die großherzogliche Regierung keine Treueverpflichtung gehabt hatte. Wegen „ausgezeichneter Teilnahme am Kampfe“ wurde er zum Tode verurteilt, das Gericht empfahl ihn aber „wegen seiner körperlichen Zustände“ dringend zur Begnadigung, da „die Vollziehung des Urteils ein zu großes öffentliches Ärgernis geben würde“. Die Karlsruher Regierung konnte nicht anders als dieser Empfehlung zu folgen, da die eigenen Truppen als Teilnehmer der Revolution entwaffnet waren und die Preußen erklärt hatten, ihre Truppen nicht für eine solche Exekution herzugeben. Die Strafe wurde in eine 10-jährige Zuchthausstrafe in Bruchsal umgewandelt, die auf 6 Jahre 8 Monate ermäßigt wurde, da Mögling, vor die Wahl gestellt, sich mit Einzelhaft einverstanden erklärt hatte. Er schrieb später, er hätte ohnedies Einzelhaft vorgezogen, da sie ihm ermögliche, die Zeit seiner Haft für wissenschaftliche Studien in vielen Fächern und für die Erlernung von Fremdsprachen zu nutzen. Nie verwunden hat Theodor Mögling aber die Schmach, dass er nicht als Kriegsgefangener behandelt worden war, wie er es vor dem preußischen Standgericht verlangt hatte, sondern dass man ihn durch Versetzung in ein Zuchthaus für ehrlos erklärt hatte. Von einem ähnlichen Fall, bei dem der König (von Preußen) in einem Gnadenakt die Todesstrafe in eine lebenslängliche Festungsstrafe umgewandelt hatte, berichtet Carl SCHURZ, der sich damals als preußischer Demokrat den badischen Freiheitskämpfern angeschlossen hatte. Der preußische General von Hirschfeld verfügte aber, dass diese Festungsstrafe in einem Zuchthaus abzubüßen sei. Selbst Andersdenkende empörten sich über die grausame Willkür, die nicht allein bestrafen, sondern beschimpfen wollte. Dieser Fall - der des Dichters und Kunstgelehrten Johann Gottfried KINKEL - ist nachzulesen in den Lebenserinnerungen des Carl Schurz (S. 184/85). Dieser hat seinen Freund und Lehrer im November 1850 mit einer fast unglaublichen Aktion aus dem Zuchthaus in Spandau befreit. - Als Mögling am 20. Juli 1856 entlassen wurde - er spricht von seiner „Entgnadigung“ - stand ein früherer Bekannter von ihm da, um ihn sicher nach Stuttgart zu bringen. Erst nach einigen ausweichenden Antworten stellte sich heraus, dass ihm nun auch in Württemberg eine Untersuchung wegen Hochverrats drohte, dass aber der König ihn durch Entsendung jenes Mannes gerade davor bewahren wollte. Nach weiteren Aufregungen besorgte sich der Abholer telegrafisch von Stuttgart die Auskunft, dass Mögling sofort frei sei, überallhin zu reisen.
     Zu allererst besuchte er seine Mutter, die nun in Göppingen wohnte. Sie war so erschrocken über Theodors Aussehen, dass sie sofort den Hausarzt rief. Schmerzlich war es für ihn, dass während seiner Haft außer seinem Vater auch zwei seiner Geschwister, die ihm besonders lieb gewesen waren, gestorben waren (wohl ZB § 54,4 und 5). Freunde hatten ihm großzügig Mittel zur Verfügung gestellt, damit er sich neue, für seine sehr veränderte Gestalt passende Kleidung verschaffen und sich für ein paar Monate der Wiederherstellung seiner Gesundheit widmen konnte. Nach Aufenthalten in Wildbad und für längere Zeit in der Schweiz glaubt er körperlich und nervlich wieder auf der Höhe zu sein; er ist stolz darauf, dass ihm in geistiger Hinsicht die lange Haft nichts hatte anhaben können. -
     In dem mir zur Verfügung stehenden Exemplar seiner „Briefe“ aber entdeckte ich auf der Innenseite des Einbandes hinter der letzten Seite die folgende handschriftliche Eintragung eines Benutzers:
     „Mögling war mehrere Jahre Besitzer des Trailhofes O.A. Backnang, wurde kurz vor Ausbruch des Krieges 1866 irrsinnig und musste von dort in die Landerer'sche Heilanstalt Göppingen gebracht werden, wo er 1867 starb.“
(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben