Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Pietistische Volkspädagogik in Württemberg

- Johann Ludwig Völter und Helene Marie Zeller -

in: Herbert Leube, Familie und Christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Nr. 15, Lahr 1999, S. 58-71

 
Bild Bild
 

                                     J. Ludwig Völter 1809-1888                                   Helene M. Zeller 1812-1856

 

Ludwig Völters Herkunft und Eltern

Wir treten ein in das Haus des Schulmeisters Christoph Erhard Michael Völter in Metzingen. Der Ort, 1831 zur Stadt erhoben, liegt zwischen Urach und Reutlingen. Das Schulmeisterhaus ist nicht die typische Unterkunft eines schwäbischen Dorfschulmeisters. Lange hieß es das „Schloß“, die dahinter liegenden Gärten „Schloßgärten“. Tatsächlich war das Anwesen früher der Pfleghof des Klosters Zwiefalten. Im großen, gewölbten Weinkeller hatte man ehemals den für die Zwiefalter Klosterbrüder gekelterten, geschätzten Metzinger Wein gelagert. Die Küche mit ihrem Kreuzgewölbe war vielleicht früher die Hauskapelle, der kreuzgewölbte Ohrn der Kreuzgang.

Die Familie Völter war ursprünglich von der Schwäbischen Alb und von Urach gekommen, war aber seit bald 200 Jahren in Metzingen ansässig, nachdem dort in der Zeit des 30-jährigen Krieges Nikolaus Völter ein paar Jahre Pfarrer gewesen war und sein Sohn Konrad sich als Schuhmacher niedergelassen hatte. Konrads Enkel Christoph war im Spanischen Erbfolgekrieg Militärmusiker gewesen, wurde aber dann als Schulmeister seßhaft, zuletzt in seiner Heimatstadt Metzingen. Von ihm erbte sich der Schulmeisterberuf weiter bis zum Urenkel Christoph Erhard Michael Völter, der 50 Jahre die Stelle eines Mädchenschulmeisters in Metzingen innehatte.

Als Schulmeister hatte Erhard Völter nur eine geringe Besoldung. Sein jährliches Gehalt betrug 250 Gulden; davon mußte er noch seinen Provisor mit Kost, Wohnung und Wäsche versorgen. Sein Gehalt konnte er dadurch geringfügig aufbessern, daß er regelmäßig Hochzeits- und Leichenreden ausarbeitete, die er vorzutragen hatte. Es war zudem ein Glück für die Familie, daß sich neben den Grundstücken, die er als Schulmeister bewirtschaften durfte, einige Acker und Wiesen in der Familie vererbt hatten, daß auch Völters zweite Frau Katharine Barner landwirtschaftliches Vermögen in die Ehe einbrachte. So hat die Familie zeitweise bis zu zehn Morgen bewirtschaftet; drei Kühe standen im Stall, am Haus lag ein großer Obst- und Krautgarten. Daneben hatte Völter auf der Alb einige Jahre lang eine Schäferei mit 400-500 Tieren, die von einem Schäfer betreut wurden. Auch mit Weinhandel beschäftigte er sich; zu Fuß ging er im Herbst ins Unterland, um Wein zu kaufen, oft viele tausend Liter. Auch Metzinger Wein lagerte er ein. Der große, gewölbte Keller des Lehrerhauses kam da gerade recht. Drei Mägde halfen in der Wirtschaft, bis die eigenen Töchter groß genug waren, deren Arbeit zu übernehmen. Eine große Hilfe in der Versorgung der zahlreichen Hausgenossen war ein Anteil an der Metzinger Bannmühle, den Völter besaß; jeden Freitag wurde der Realertrag an die Anteilsinhaber verteilt, so war immer genug Mehl im Haus.

Erhard Völter mußte schon mit 14 Jahren seinem Vater, der kränklich war, im Schuldienst zur Seite stehen, bis er in Stuttgart eine eigene Anstellung als Provisor erhielt. Als der Vater starb, trat er schon mit 19 Jahren dessen Nachfolge an der Mädchenschule in Metzingen an; mit seinem musikalischen Talent setzte er sich gegen andere Bewerber durch. In der Knaben- und in der Mädchenschule waren vom Schulmeister und einem Provisor jeweils um die 120 Kinder zu unterrichten. Erst später hatten Schulmeister und Provisor getrennte Schulräume. Im Unterricht war Völter pünktlich und streng; er unterrichtete neben den vorgeschriebenen Lehrfächern auch Geographie und Geschichte von Württemberg und Palästina. Samstags bereitete er seine Schülerinnen auf den Sonntagsgottesdienst vor, montags fragte er die Predigt ab, die er selbst mitgeschrieben hatte. Zweimal erhielt er nach der Dekanatsvisitation von der Synode ein Prämium. Bis in sein hohes Alter war Völter Organist und stand als Rektor der Kirchenmusik vor; dabei spielte er Violine. Nach 50 Dienstjahren schied Erhard Völter 70-jährig aus dem Dienst aus; bei einem Festakt wurde er mit der goldenen württembergischen Zivilverdienstmedaille ausgezeichnet.

Ihre Frauen hatten die Völter aus Metzinger Bürger- und Handwerkerfamilien gewählt, so daß sie schließlich als eigentliche Metzinger Familie galten. Der Großvater von Erhard Völters Mutter Elisabeth Kath. Hallwachs war der Metzger und Rappenwirt Johann Christoph Hallwachs. Sein Bruder, Professor in Tübingen, errichtete eine Studienstiftung, die 100 Jahre später auch den Söhnen Erhard Völters zugute kommen sollte. Auch die Ehefrauen Erhard Völters stammten aus Metzingen: die erste Frau, Regine Flamm, war die Tochter des Metzgers Johann Michael Flamm, die zweite, Katharine Barner, Tochter des Metzinger Knabenschulmeisters Johann Barner (s. Ahnenliste Völter, S. 561).

Erhard Völter hatte aus seinen beiden Ehen von 1794 bis 1830 20 Kinder. Er durfte es erleben, daß davon 14 Kinder das Erwachsenenalter erreichten. Erhard Völter plante ursprünglich, alle seine Söhne als Schulmeister auszubilden. Da eröffnete sich die Möglichkeit, die Söhne mit Hilfe des Hallwachs’schen Stipendiums, auf das sie Anrecht hatten, in Tübingen studieren zu lassen. Darum ergriffen nur zwei, Ferdinand und Daniel, den Lehrerberuf. Johannes, Ludwig und Friedrich wurden Theologen, Christian Arzt. Zwei Töchter, Christiane und Dorothee, blieben unverheiratet. Von zwölf Söhnen und Töchtern gehen zwölf Völtersippen aus:

- Adam wurde Apotheker und heiratete mit Charlotte Hebsacker in die Bönnigheimer Apotheke ein. Sein Sohn, der Apotheker und Hauptmann der Artillerie Georg Christian Völter, fungierte zeitweilig als Außenminister der Schweiz.

- Erhard erlernte das Konditorhandwerk und verheiratete sich in Metzingen mit der Tochter des Pulvermüllers Johann Friedrich Binder.

- Friederike ehelichte Pfarrer Gottlob Bunz in Grunbach bei Waiblingen, eines Weißgerbers Sohn aus Waiblingen.

- Johannes war lange Pfarrer in Münchingen bei Ludwigsburg, geehrt mit dem Friedrichs-Orden 1. Klasse und dem Olga-Orden; er war zuerst mit Christiane Luz aus Güglingen , einer Kaufmannstochter verheiratet, seine 2. Frau war Friedrike, Tochter des Chemikers (Drogisten) Bonz in Böblingen . Der Sohn Immanuel Völter war 1865 Lehrer der Pilgermission auf St. Chrischona, später in Korntal, seit 1874 betreute er die Judenmission. Die Tochter Marie heiratete den Lehrer am Basler Missionshaus Friedrich Reiff.

- Ferdinand heiratete, als er Lehrer am Töchterinstitut in Korntal war, Heinrike Böhringer, Tochter des Kellereiküfers Joh. Georg Böhringer in Horrheim bei Vaihingen an der Enz. Er unterrichtete später als Reallehrer in Sindelfingen.

- Regine und ihr Mann Christian Mayer wurden Hauseltern in der Armenschullehreranstalt Lichtenstern zu der Zeit, als der Bruder Ludwig dort zum Inspektor berufen wurde. Ihr Sohn Otto war Rektor des Gymnasiums in Esslingen und heiratete Sofie, Tochter des Ephorus Metzger in Schöntal.

- Ludwig und seine Frau Helene Zeller betrachten wir anschließend.

- Katharina wurde die Frau des Metzinger Kaufmanns Johannes Auer, Sohn eines Bortenmachers.

- Daniel studierte in Tübingen und wurde Professor am Lehrerseminar in Esslingen, er war als Geograph anerkannt; seine Frau war Pauline Eitel, Tochter von Joh. Jak. Eitel, Speisemeister in Esslingen. Der Sohn Daniel wurde Professor für Theologie in Amsterdam. Die Tochter Charlotte verheiratete sich mit dem Ephorus des Blaubeurer Seminars Hermann Planck.

- Christian wurde Arzt in Metzingen. Seine erste Frau war Dorothea, Tochter des Metzinger Tuchfabrikanten Michael Raifstänger, die zweite Pauline, Tochter des Metzinger Stadtschultheißen Georg Fr. Gussmann. Der Sohn Christian aus erster Ehe war Tuchfabrikant in Metzingen und ein großer Mäzen der Stadt.

- Charlotte folgte Immanuel Linder, einem Unruhgeist in die Ehe. Linder war erst Landwirt, dann Kaufmann, schließlich Kanzlist beim statistisch-topographischen Büro in Stuttgart.

- Friedrich, der jüngste schließlich, versah schon in jungen Jahren die Inspektorstelle der von der Inneren Mission gegründeten Lehrerbildungsanstalt Tempelhof bei Crailsheim, später war er Pfarrer in Nußdorf, er war viermal verheiratet: 1. mit Antonie, Tochter des Eisenwerksdirektors Beringer in Michelstadt im Odenwald, 2. mit Karoline Völter, einer Base, 3. mit Pauline Klaiber, Tochter des Prälaten Klaiber, 4. mit Thekla, Tochter des Gerichtsdirektors von Ege in Esslingen.

Wir sehen, daß es dem arbeitsamen Metzinger Mädchenschulmeister und seiner unermüdlichen Hausfrau trotz ihrer überquellenden Kinderschar gelang, sechs Söhne studieren zu lassen. Und auch die andern Kinder konnten ein Handwerk erlernen, oder als Ehefrauen eine sozial gesicherte Familie gründen. Insgesamt wurden Erhard Völter und seinen beiden Frauen 105 Enkel beschert, von denen immerhin 54 eine Ehe geschlossen haben. 36 der 105 Enkel sind allerdings schon als kleine Kinder gestorben.

Im Völterschen Haushalt lebten mehr oder weniger eng mit der Familie verbunden die jeweiligen, an der Schule tätigen Provisoren. Darunter waren der spätere Schwiegersohn Christian Mayer, der dann Hausvater in Lichtenstern wurde, sowie Andreas Barner (s. Anm. 44), nachmals Hausvater im Korntaler Kinderheim, der die Schwester seines Nachfolgers in Metzingen, Christine Kullen heiratete. Dieser auf Barner folgende Provisor Johannes Kullen (s. Anm. 53) stammte aus Hülben auf der Alb, aus einem Haus, das als Zentrum der pietistischen Gemeinden der Umgegend galt. Er nahm besonderen Einfluß auf die Kindererziehung im Völterschen Haus. Er unterrichtete nicht nur die Knaben in Latein, sondern machte vor allem in seinen religiösen Kinderstunden - morgens um 6 Uhr vor Schulbeginn - durch seine Gewandtheit im Katechisieren, durch die Lebendigkeit und Erwecklichkeit seiner kindgerechten Ansprachen einen tiefen, nachhaltigen Eindruck auf die Kinder ebenso wie auf die Erwachsenen, die regelmäßig an den Stunden teilnahmen.

Das Bild Erhard Völters bliebe unvollständig ohne seine Rolle in der inneren und äußeren Mission zu erwähnen. Durch Kullen war er für die Fragen der Mission gewonnen worden, die ihm immer mehr zur Herzensangelegenheit wurde. 30 Jahre lang hat er sich für die verschiedenen Missionswerke eingesetzt. 1819, drei Jahre nach Gründung der Basler Missionsgesellschaft, stifteten Metzinger Bürger in Völters Haus einen Verein zur Unterhaltung mindestens eines Missionszöglings in Basel. Völter war Sekretär und Kassier des Vereins, der sich bald auf über 60 Orte in der Umgegend ausdehnte. Von Anfang an wurde nicht nur die Heidenmission bedacht, sondern auch Einrichtungen der Inneren Mission. 1846 erhielten außer Basel folgende Anstalten Beträge:

- Mission der Brüdergemeine, Judenmission,

- die Rettungshäuser in Korntal und Wilhelmsdorf, samt Taubstummenanstalt, Kinderheim und Schullehreranstalt in Lichtenstern,

- die Winnender Anstalten,

- die Rettungshäuser in Stammheim, Tuttlingen und Ludwigsburg,

- die Wernersche Kinderheilanstalt in Ludwigsburg,

- die Lehrerbildungsanstalt Tempelhof und

- die Evangelische Gesellschaft Stuttgart.

Ins Ausland gingen Beträge an die evangelische Schule in Lille, an Geistliche im Waadtland, in Böhmen und in Nordamerika, für verfolgte Armenier, an die Mission in China, zu einem Kirchenbau in Jerusalem. Völter hielt auch im eigenen Haus wöchentliche Missionsstunden ab, sorgte für die Unterbringung verwahrloster Kinder, sammelte Beiträge ein, verteilte jede Woche das Missionsblatt, vertrieb Traktate und Bücher. So stand er auch mit allen bekannten Vertretern der pietistischen Bewegung in engem Kontakt. Endlich ging auch sein Herzenswunsch in Erfüllung: seit 1846 wird in Metzingen ein jährliches Missionsfest gefeiert.

Während seines 77-jährigen Lebens war Erhard Völter von mancher Krankheit geplagt. Schon mit 30 erkrankte er schwer an Tuberkulose, von der er sich nach Monaten erholte. Den Mühen und Beschwerden des Alters erlag er am 31. Dezember 1849 und wurde im Beisein aller seiner Kinder am 3. Januar beigesetzt. Seine zweite Frau Katharine geb. Barner, die 47 Jahre an seiner Seite der großen Familie vorstand, wurde beinahe 85 Jahre alt; sie überlebte ihren Gatten um fast 18 Jahre, geliebt und verehrt von Kindern, Enkeln und Urenkeln.

 

Kindheit und Jugend

Johann Ludwig Völter war das fünfte Kind aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Katharine Barner. In der Familie lebten sechs ältere Geschwister, sieben folgten ihm nach; er stand also altersmäßig in der Mitte. Neben dem Grundschulunterricht beim Vater unterrichtete ihn der Provisor Johannes Kullenin Latein; er kam dann mit seinem älteren Bruder Ferdinand nach Blaubeuren in die Lateinschule zu Präzeptor Pfleiderer. Dieser führte als eifriger Pietist ein gottseliges Leben; er hatte großen Einfluß auf den zur selben Zeit am Seminar als Repetent lehrenden Karl Werner. Pfleiderer muß es gewesen sein, der den jungen Ludwig Völter dazu bewog, die theologische Laufbahn einzuschlagen. Ludwig konnte jedenfalls nach bestandenem Landexamen 1822 ins Seminar Urach eintreten; 2 Jahre später wechselte er nach Blaubeuren über.

In Tübingen studierte Ludwig Völter seit Herbst 1826, einen Freiplatz im theologischen Stift hat er nicht erhalten, ebensowenig wie sein älterer Bruder Johannes, doch konnten die Brüder drei bzw. zwei Jahre lang das von ihrem Urgroßonkel Hallwachs gestiftete Stipendium genießen. Ludwig wurde bereits 1830 zum Magister promoviert, er war der Jüngste seiner Promotion. Sein Jahrgang ging als die sogenannte „Geniepromotion“ in das Schrifttum ein. Zu ihr gehörten der Theologe David Friedrich Strauß als Primus, der durch sein „Leben Jesu“ bald für Furore sorgen sollte, der Pfarrer Wilhelm Zimmermann, 1848 Abgeordneter im Frankfurter Paulskirchenparlament, Friedrich Theodor Vischer, ebenfalls Abgeordneter in Frankfurt, später als Ästhet und Literaturkritiker bekannt geworden, ein Exponent der antipietistischen Richtung; dazu gehörten ferner der Schriftsteller Gustav Pfizer, der spätere Direktor der Kultministerialabteilung Gustav Binder, aber auch ausgesprochene Pietisten, wie Johann Georg Vaihinger, Lehrer am Basler Missionshaus, oder Ernst Reinhold Wunderlich, Direktor der Erziehungsanstalt Stetten. Während seiner Tübinger Studienzeit hatte sich Ludwig Völter besonders an Professor Fr. Heinrich Kern angeschlossen. Kern war 1826 zusammen mit Ferdinand Christian. Baur und der „Geniepromotion“ von Blaubeuren nach Tübingen als 2. Professor für Theologie gekommen. Er vertrat die Schleiermachersche Theologie. Nach einer Vikariatszeit in Dürrmenz bei Mühlacker finden wir Ludwig Völter seit 1833 in Winnenden als Lehrer am Privatschullehrerseminar des Stadtpfarrers Heim 74 und gleichzeitig als dessen Vikar an den dortigen Kinderrettungs- und Taubstummenanstalten. Pfarrer Heim hatte 1823 diese als „Paulinenpflege“ bekannt gewordenen Einrichtungen gegründet. 1835 wurde Völter, als sich Heim ganz den Aufgaben in seinen Anstalten widmete, zum Pfarrverweser in Winnenden berufen. Den Lehrauftrag am Lehrerseminar behielt er bei.

 

Inspektor der Anstalt Lichtenstern

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich allgemein, vielfach unter dem Einfluß Pestalozzis, ein Wandel in der Einstellung gegenüber der Fürsorge und Erziehung minderbemittelter Kinder vollzogen. Bis 1825 wurden württembergische Waisen noch im Zuchthaus Ludwigsburg untergebracht, jetzt fanden sie im Kloster Weingarten Unterkunft. Ein besonders starker Einfluß auf die Rettungsarbeit ging von Christian Heinrich Zeller aus (s. oben). Pestalozzi soll bei seinem Besuch in Beuggen gesagt haben. „Das ist es, das habe ich gewollt!“ (Lang S. 15). Anstalten nach Beuggener Muster wurden an vielen Orten gegründet. In dieser Zeit - 1834 - hatte der Löwensteiner Stadtpfarrer Hegler den Gedanken, das zerfallende Frauenkloster Lichtenstern, nicht weit von Löwenstein, das zum Verkauf stand, für eine Kinderrettungsanstalt zu nutzen. Löwensteiner Bürger, voran die Brüder Schmidgall, waren rasch für das Werk gewonnen. Doch fehlten die finanziellen Mittel. In dieser Situation schaltete sich Karl August Zeller, der Bruder des Beuggener Anstaltsleiters mit seinem unermüdlichen Unternehmungsgeist ein. Er erwärmte Justinus Kerner in Weinsberg für das Projekt, verhandelte mit dem Finanzministerium. Kloster und Güter wurden von Zeller angekauft. Zeller nahm die ersten sieben Kinder im Mai 1835 auf, er war damals schon 61 Jahre alt. Ein Verein betreute in der Folge das Unternehmen, und Zeller übertrug dem Verein dann sein Eigentumsrecht an der Anstalt. Der eigentliche Schulbetrieb begann im Januar 1836; die Zahl der Zöglinge - es waren 6- bis 10-jährige - wuchs rasch auf 36. Der erste Hausvater wurde als K. A. Zellers Mitarbeiter der 22-jährige Provisor Johann Gottlieb Frohnmeyer, der aus dem Esslinger Lehrerseminar kam. Bald wurde aber an seiner Stelle ein Ehepaar als Hauseltern bestellt, um den Familiengedanken stärker zu betonen. Der neue Hausvater Bandle war in Beuggen ausgebildet worden und danach an der Paulinenpflege in Kirchheim unter Teck tätig gewesen. In der Erziehung der Kinder und im Lehrplan gab Zellers Geist den Ton an. Seine Idee war, die Kinder sollten sich gegenseitig erziehen, also gleichzeitig lernend und lehrend wirken. Auch die Gebote für die Lebensführung und die Hausordnung sollten von den Kindern selbst aufgestellt werden. Über Vergehen urteilten die Kinder in einem Kindergericht. 1837 verließ Karl August Zeller die Anstalt und den Förderverein. Er verstand sich nicht besonders gut mit Bandle, der K. A. Zellers Erziehungssystem reserviert gegenüberstand.

An Zellers Stelle traten 1838 der Korntaler Vorsteher Gottlieb Wilhelm Hoffmann und sein Sohn, der Diakon in Winnenden Wilhelm Hoffmann, seit 1839 Inspektor der Basler Mission, dem Verein bei. Man wollte den alten Plan Zellers realisieren und neben der Kinderrettungsanstalt eine Lehrerbildungstätte ins Leben rufen. Vikar Ludwig Völter wurde als Inspektor berufen. Das Ministerium des Innern und das Konsistorium stimmten der Gründung einer Lehrerbildungsanstalt aus Spendenmitteln zu, der Dekan von Weinsberg hatte die Aufsicht. Völter nannte im Jahresbericht 1839 das Ziel: „Wir wollen nicht armen jungen Leuten dazu verhelfen, Schulmeister zu werden, sondern wir wollen Schullehrer für Arme bilden.“ (Lichtenstern S. 84). Voraussetzung zur Aufnahme waren neben christlicher Gesinnung, guten Schulkenntnissen und Gesundheit Kenntnis eines Handwerks oder des Landbaus. Der Zögling mußte es am Ende seiner vierjährigen Ausbildung dem Inspektor überlassen, wohin er ausgesandt wurde.

Eine große Freude war es für Karl August Zeller, als im Mai 1840 sein Bruder Heinrich mit seiner Frau Sophie von Beuggen kam, mit ihm Heinrichs Tochter Helene an der Hand ihres Verlobten Ludwig Völter, der als Inspektor der Lichtensterner Anstalt bestimmt worden war. K. A. Zeller schrieb: „Das waren liebliche Tage. Vergessen war so manche bittere Stunde, die Aussaat gerettet und die vielversprechende Ernte gesichert.“ (Lichtenstern S. 75). In seinem Testament vermachte er der Anstalt Lichtenstern eine Reihe von Pretiosen, darunter einen Saphirring, den er von der Königin Luise erhalten hatte, zur Versteigerung. Der Enkel Alfred kaufte sie aber zurück und bewahrte sie für die Familie.

Der neue Inspektor Völter hatte in Helene, der ältesten Tochter aus dem Beuggener Zellerhaus, die ideale Gattin für seine Aufgabe gefunden. Sie war als junges Mädchen drei Jahre in Le Locle in der französischen Schweiz zur Ausbildung in einer Pension bei „Jungfer Calame“ gewesen. Vater Zeller hatte zunächst gehofft, er könne Völter dazu bewegen, zu ihm nach Beuggen als Coadjutor zu kommen und so mit dem Schwiegersohn auch den Nachfolger zu gewinnen. Doch da lehnte Völter ab; er glaubte die kaum in Lichtenstern begonnene Arbeit nicht im Stich lassen zu dürfen und fürchtete auch dem großen Werk in Beuggen nicht gewachsen zu sein. Helene Zeller wußte, welche Aufgaben sie in Lichtenstern erwarteten, sie hatte ja lange in Beuggen bei der Kindererziehung sowie bei der Arbeit in Haus und Hof mitgewirkt. Die Ehe wurde in Metzingen, in Völters Vaterstadt, vom Schwager Karl Werner im Mai 1840 eingesegnet. Mit Helene kam ihr 17-jähriger Bruder Nathan nach Lichtenstern zur Ausbildung zu seinem strengen Schwager.

Der neue Inspektor der Armenschullehrer- und Armenkinderanstalt Lichtenstern war der richtige, für diese Aufgabe geschaffene Mann. Er stammte aus einem Schulmeisterhaus, hatte feste pädagogische Grundsätze, die er auf die besondere Lage seiner Schutzbefohlenen anzuwenden verstand, und besaß eine gründliche theologische Bildung. Seine geistige Überlegenheit, seine ruhige Sicherheit, seine charaktervolle Haltung verliehen dem damals 30-jährigen eine starke Autorität. Beim Jahresfest 1839 sagte Völter: „Mein Wille ist es nicht, daß ich hier bin; aber daß es Sein Wille ist, dessen bin ich unerschütterlich gewiß, und das ist mein Trost, mein Schild, meine Zuversicht.“ Die praktische Arbeit erforderte vom Inspektor viel Organisationstalent. An vielen Gebäuden waren umfangreiche Reparaturarbeiten nötig. Um die Landwirtschaft rationeller zu betreiben, wurde zur Anleitung der Zöglinge ein Knecht eingestellt. Ein neuer Stall wurde gebaut. Die Wasserzuleitung vom Wald her war zu erneuern. Die vielerlei Ausgaben führten zu akutem Geldmangel, die Schulden der Anstalt stiegen, teilweise mitverursacht durch Grundstückskäufe, die notwendig waren, um die landwirtschaftliche Basis zu verbessern. Die Kinder, auch die Mädchen mußten sommers, soweit es die Ausbildung erlaubte, in Feld und Garten mitarbeiten. Im Winter wurden sie mit Bürsten- und Besenbinden beschäftigt.

Den Unterricht der Lehrerzöglinge besorgte Völter zusammen mit Hausvater Mayer. Dieser war mit Völters Schwester verheiratet. Alle zwei Jahre wurden zehn Zöglinge aufgenommen. Bei einer vierjährigen Ausbildungszeit gab es also zwei Kurse, die allerdings wegen des Lehrermangels in den meisten Fächern gemeinsam unterrichtet wurden. Anfangs war die Nachfrage nach Absolventen sehr groß. Viele der frisch gebackenen Lehrer gingen an württembergische und Schweizer Anstalten, namentlich auch in deutsche Gemeinden in Südrußland, einige wurden Pastoren in der Neuen Welt. Erstmals 1847 traten Zöglinge in den öffentlichen Dienst, nachdem sie mit Erfolg die staatliche Prüfung abgelegt hatten.

Die Revolutionszeit von 1848 bewirkte eine Rückbesinnung auf die Basis, auf den Sinn der Anstalt Lichtenstern. Ein Zentralkomitee für Lichtenstern und Tempelhof wurde gegründet, das zur kräftigen Unterstützung der Anstalten aufrief. „Die Anstalten sollen nicht nur auf gründliche Bildung zum Lehrerberuf überhaupt, sondern vornehmlich auf eine wahrhaft christlich-evangelische Bildung, auf lebendige Erkenntnis der in der Heiligen Schrift enthaltenen göttlichen Heilswahrheit und auf Erweckung einer lauteren Gottesfurcht und eines demütigen, unsträflichen Wandels vor dem Herrn und vor den Menschen hinarbeiten.“ (Lichtenstern S. 91). Die kräftige Unterstützung durch das Komitee und der Wunsch der Oberschulbehörde führten zu einer gründlichen Reorganisation der Lichtensterner Anstalt, so daß nun die Zöglinge in erster Linie für den öffentlichen Schuldienst vorbereitet wurden. Ein weiterer Lehrer, der schon 1854 verstorbene Hermann Ulrich Eisenlohr aus Ellwangen wurde 1850 bestellt, um die beiden Kurse stets getrennt unterrichten zu können.

 

Pfarrer in Zuffenhausen

Im Jahr 1850 schied Völter aus der Leitung der Anstalt Lichtenstern aus. Was ihn dazu bewog, das Werk, mit dem er nun fest verwachsen war, aufzugeben, ist unklar. Vermutlich zog es ihn zu einem Pfarramt in der Gemeinde. Er übernahm im Juli die Pfarrei Zuffenhausen bei Stuttgart. In Lichtenstern steht er neben Karl August Zeller als zweiter Gründer der Anstalt in Erinnerung.

Neben seinen Aufgaben als Lehrer und Leiter der Lehrerbildungs- und Armenkinderanstalten fand Völter Zeit zu literarischen Arbeiten. Während seiner Lichtensterner Zeit verfaßte er mehrere Anleitungen zum Geographieunterricht, eine Schrift über christliche Pädagogik, eine Geschichte der Rettungsanstalten in Württemberg, ein Büchlein über Lichtenstern. Später schrieb er ein Buch über das Heilige Land und das Land der israelitischen Wanderung und im Alter zwei Bände „Pädagogische Früchte“. Völters Hauptwerk über Jahrzehnte war die Herausgabe des „Süddeutschen Schulboten“, einer Zeitschrift für Volksschullehrer, die er von Jahrgang 6 (1842) bis Jahrgang 35 (1871) redigierte. Mit dieser Zeitschrift hat er seine Leserschaft fast 30 Jahre lang in christlichem Sinn begleitet. Eine Bibliographie der Schriften Ludwig Völters findet man anschließend.

Helene Zeller und Ludwig Völter wurden zehn Kinder geschenkt; vier starben schon im Kindesalter. Die Töchter Berta und Selma sowie der Sohn Ernst blieben unverheiratet; Ernst wurde Apotheker in Esslingen. Die Tochter Helene wurde Pfarrfrau als Gattin von Johannes Roos zunächst in Schöckingen bei Leonberg, dann in Weil im Schönbuch, schließlich in Mötzingen bei Herrenberg. Sophie heiratete mit 31 Jahren den 22 Jahre älteren Christian Zeller aus einem anderen Zweig der großen Zeller-Familie, als dieser zum Rektor des Lehrerinnenseminars in Markgröningen berufen wurde. Christian Zeller hatte kurz zuvor seine erste Frau Käthe Roth verloren, die ihm sechs Kinder zurückgelassen hatte. Der Sohn Eugen Völter erlernte Verwaltungswissenschaften und wurde Kameralverwalter in Freudenstadt und Stuttgart. Er verheiratete sich mit Helene Zeller, einer Tochter seines Schwagers Christian Zeller.

Ludwig Völter hatte 1856 seine treue Helene bei der zehnten Geburt durch einen Geburtshilfefehler verloren. Ludwig Völter schrieb am Tag nach ihrem Tod an seine Schwägerin Sophie Zeller in Beuggen: „Sie ist nicht prunkend gestorben, wie im Leben so hat sie auch im Sterben nichts aus sich gemacht, wie ein Kind ist sie gestorben, wie sie auch im Leben nie über eine gewisse Kindlichkeit hinausging. Aber dem Heiland ist gewiß die liebe Seele teuer gewesen und er hat sie gewiß auch im Tod mit seinen Armen umfangen.“ Ein Jahr nach ihrem Tod trat Ludwig Völter in eine zweite Ehe mit Wilhelmine Zeller, Schwester seines Schwiegersohnes Christian Zeller. So wurden mehrfache Familienbande zwischen den Familien Zeller und Völter geknüpft. Das Töchterchen Klara aus dieser Ehe verstarb allerdings schon nach wenigen Monaten.

In seiner religiösen Einstellung muß Ludwig Völter eher nüchtern gewesen sein. In der schwärmerischen pietistischen, manchmal nach außen gerichteten Darstellung religiöser Gefühle, sah er eine Gefahr. Bezeichnend dafür ist ein Brief an seine Töchter Helene und Sophie, die 1860 zur Ausbildung in einem Pensionat in Moutier in der französischen Schweiz weilten. Dort wurde erwartet, daß die Mädchen vor der versammelten Gemeinschaft aus dem Herzen beteten. Vater Völter schrieb: „Ich freue mich, daß der Heiland Eure Herzen zum Gebet erweckt. Aber ich sehe darin auch eine große Versuchung für Euch. Wenn diejenige, welche vorbetet, sich selbst mit Wohlgefallen beten hört, wenn die Eitelkeit sich einmischt, damit man sich vor den anderen als eine rechte Beterin zeige. ... Wollt Ihr beide ... in Eurem Kämmerlein im Verborgenen miteinander beten, dagegen habe ich nichts...“

Ludwig Völter konnte seinen Pfarrdienst in Zuffenhausen bis 1880 versehen; er war nun 79 Jahre alt und fast erblindet. Im Ruhestand zog er nach Stuttgart, dort war er seinem Sohn nah, der in Degerloch wohnte. 1888 schloß er für immer die Augen. Seine Frau Wilhelmine überlebte ihn nur um ein Jahr.

 

Schriften von Ludwig Völter

- Geographische Beschreibung von Württemberg, hinsichtlich der Gestalt seiner Oberfläche, seiner Erzeugnisse und Bewohner. Als Grundlage des ersten geographischen Unterrichts sowie zur Selbstbelehrung. Stuttgart 1836.

- Christ. Gottlob Kern, Predigten auf alle Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Nach dem Tode des Verfassers heraugegeben von Wilhelm Hoffmann und Ludwig Völter. Stuttgart 1837.

- Der Unterricht in der Erdkunde. Andeutungen zur Gestaltung desselben auf christlich-wissenschaftlichem Standpunkte. Reutlingen 1839.

- Württemberg, das Land und seine Geschichte. Ein Lese- und Lehrbuch für Volk und Jugend. Stuttgart 1839; 2. Auflage 1847.

- Süddeutscher Schulbote. Eine Zeitschrift für Volks-Schullehrer. Jahrgang 6 (1842) bis Jahrg. 35 (1871) herausgegeben von Ludwig Völter.

- Beiträge zur christlichen Pädagogik und Didaktik. Heilbronn 1845; 2. Auflage Stuttgart 1852.

- Geschichte und Statistik der Rettungs-Anstalten für arme verwahrloste Kinder in Württemberg. Mit Erörterungen und Vorschlägen. Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Pauperismus. Stuttgart 1845.

- Lichtenstern. Ein Gedenkbüchlein für die Kinder der dortigen Rettungs-Anstalten und zum Besten der letzteren herausgegeben. Stuttgart 1840; 2. Auflage 1846.

- Die kirchlichen Fragen der Gegenwart. Heilbronn 1847.

- Glas oder Diamant? Evangelisches Zeugniß wider das falsche Zeugniß des Herrn Dr. Alban Stolz. Stuttgart 1851.

- Das heilige Land und das Land der israelitischen Wanderung. Für Bibelfreunde geschildert. Stuttgart 1855; 2. Auflage Stuttgart 1864.

- Was geht uns das Concordat an? Zur Belehrung des evangelischen Volkes im Auftrag eines Vereins von Geistlichen verfaßt. Stuttgart 1860; 2. Auflage, 1864.

- Pädagogische Früchte, 2 Bände. Stuttgart 1872.

(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben