Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Magnus Zeller 1888-1972
Maler und Graphiker, Ehrenbürger von Caputh

Helga Helm, geb. Zeller (ZB § 107), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell, Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 97-102

 
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                                                                        Magnus Zeller, Selbstbildnis 1970 (60 x 50 cm)

1937 werden zehn Arbeiten des Malers aus deutschen Museen als „entartete Kunst“ durch die Nazis beschlagnahmt, wodurch die Gestapo auf bedrohliche Weise auf seine Berliner Atelierwohnung aufmerksam wird.

Dies veranlaßt Magnus Zeller (ZB § 83), sich noch im gleichen Jahr vor dem vorausgesehenen Bombenkrieg in die Anonymität und Geborgenheit des damals noch stillen Dörfchens Caputh bei Potsdam zurückzuziehen. Die Einheimischen beachten ihn kaum oder nur mit Mißtrauen, denn „Künstler“ ist doch kein „anständiger“ Beruf. Noch ahnt niemand. daß dieser Maler dreißig Jahre später Ehrenbürger von Caputh wird und den Vaterländischen Verdienstorden erhält und daß nach weiteren zwanzig Jahren sogar ein Platz in Potsdam nach ihm benannt wird.

Die Zeit des Faschismus war für Zeller ein Alpdruck. Auf verschiedenste Weise bekam er die Feindseligkeit des Regimes zu spüren, so daß er sich ständig bedroht fühlte. Mit einer Verhaftung mußte er rechnen, denn eine Haussuchung hätte genügend Beweise für seine Freundschaft mit jüdischen und revolutionären Künstlern und vor allem für seine eigene antifaschistische Gesinnung geliefert. in dieser bedrohlichen Zeit entstanden grafische Blätter, die sehr deutlich die Todesangst des Künstlers ausdrücken. (Abbildung: Prometheus, Bleistift, ca 1943)

Anfang der 40er Jahre malt er unter anderem seine bekannten antifaschistischen Bilder „Staatsbegräbnis“ und „Der totale Staat (Der Hitlerstaat)“, die er in seinem Atelier verborgen hielt. Diese Bilder (heute im Märkischen Museum in Berlin) werden seit dem Krieg auch im Ausland oft reproduziert und ausgestellt, um sie als Wahrzeichen antifaschistischen Widerstandes in Deutschland zu würdigen. Wären sie damals entdeckt worden, so hätte das den Künstler Kopf und Kragen gekostet.

Der 8. Mai 1945 ist für Zeller auch eine persönliche Befreiung vom beklemmenden Druck des Faschismus. Er wird einer der „Aktivisten der ersten Stunde“ auf kulturellem Gebiet: Zusammen mit seinen Freunden, dem Maler Otto Nagel und dem Schriftsteller Bernhard Kellermann, gründet er noch im gleichen Jahr den Kulturbund in der schwer getroffenen Stadt Potsdam und organisiert Kunstausstellungen.

1946 beteiligt er sich an der 1. Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Berlin, wo die bislang sorgfältig versteckten Gemälde erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden und Aufsehen erregen.

Aber er nimmt auch andere ehrenamtliche Tätigkeiten auf sich: So wird er 1957 in seinem Wohnort Caputh zum Gemeindevertreter gewählt und kümmert sich um soziale Probleme. Als er 77 jährig aus der örtlichen Volksvertretung ausscheidet, wird er zweiter Ehrenbürger von Caputh (der erste Ehrenbürger war Albert Einstein). Im Sitzungssaal des Caputher Rathauses befindet sich ein Porträt Zellers, das 1964 von einem Kollegen im Auftrag der Gemeinde geschaffen wurde.

Durch einige Ausstellungen werden Anfang der sechziger Jahre junge kunstinteressierte Menschen aufmerksam und besuchen Zeller in der Zurückgezogenheit seines Ateliers, um ihm eigene Arbeiten zur Begutachtung und Korrektur vorzulegen. Zeller geht mit Interesse nicht nur auf ihre Zeichnungen, sondern auch auf ihre persönlichen Probleme ein, auch hier väterlich ratend, wodurch innerhalb kurzer Zeit ein freundschaftlich-familiäres Verhältnis entsteht, offiziell als „Caputher Malzirkel“ bezeichnet und vom Kulturbund gefördert. Mehrere Jahre lang unterrichtet der Künstler seine Schüler jeden Sonntag von 15 bis 18 Uhr in seinem Atelier, bewirtet sie in den Arbeitspausen mit Tee, Butterbroten und manchmal auch mit selbstgedrehten Zigaretten. Dazu erzählt er ihnen die interessantesten Geschichten aus seinem erlebnisreichen Malerleben.

In diesem Kreis spricht er höchst anschaulich über seine Kindheit und Jugend: Als ältester Sohn eines aus Württemberg stammenden protestantischen Pfarrers war er von der konservativen Familie eigentlich für ein Theologiestudium vorgesehen. Aber die krassen sozialen Gegensätze und Ungerechtigkeiten um die Jahrhundertwende, die er hautnah miterlebte, empörten den jungen sensiblen Mann so, daß er beschloß, Maler zu werden, um mit seinen Bildern anzuklagen und zur Änderung der Verhältnisse beizutragen.

Von 1908 bis 1911 studiert er bei Lovis Corinth in Berlin und wird 1913 Mitglied der Berliner Sezession, wo er u.a. das Bild „Der reiche Mann und der arme Lazarus“ ausstellt. Während des ersten Weltkrieges wird er - obwohl nur einfacher Armierungssoldat - Mitarbeiter der Presseabteilung im Oberkommando Ost in Kowno, wo er mit ebenfalls revolutionär gesinnten Malern und Schriftstellern, wie Karl Schmidt-Rottluff und Arnold Zweig, zusammentrifft. In der Militärdruckerei druckt er heimlich nachts mit seinen Freunden seine sozialkritischen und antimilitaristischen Lithografien und handschriftliche Gedichte von Arnold Zweig, die als literarisches Gegenstück zu den Zeichnungen entstanden waren. Wäre man ihm auf die Schliche gekommen, so hätte es ihm einige Jahre Festung einbringen können. Auf abenteuerliche Weise werden diese Lithografien beim überstürzten Rückzug der deutschen Truppen aus dem besetzten Litauen gerettet und werden 1920, in kleiner Auflage (105 Exemplare) als Mappe „Entrückung und Aufruhr“ mit einem Vorwort von Arnold Zweig herausgegeben.

1915 hatte Zeller seine Frau Marie, Tochter eines Amtsgerichtsrates aus Blomberg/Lippe geheiratet, und 1918 wurde seine Tochter Susanne geboren. Seitdem lebte und arbeitete er abwechselnd in Blomberg und Berlin.

Über die Wirren der Inflation rettet ihn ein Lehrauftrag für Grafik an der estnischen Kunstschule „Pallas“ in Dorpat (jetzt Tartu) von 1923 bis 1924, wohin er auch seine Familie mitnahm. Der plötzliche Tod seiner geliebten Frau Marie an Typhus während einer Parisreise 1926 stürzt Zeller in tiefe Verzweiflung. In dieser Situation malt er das dramatische Bild „Reiter im Gewitter“ (einer von drei Reitern wird vom Blitz erschlagen).

1929 heiratet Zeller seine zweite Frau Helga, eine ehemalige Malschülerin von ihm, Rechtsanwaltstochter aus Hamburg. 1931 wird seine Tochter Helga-Marianne und 1939 sein Sohn Conrad geboren. Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Zeller große Schwierigkeiten. Einmal entsprach seine Kunst nicht der geforderten Auffassung, zum anderen gelang es ihm nicht, den lückenlosen Nachweis einer arischen Abstammung bis zur Großelterngeneration zu erbringen, denn seine Frau hatte eine jüdische Großmutter. Über diese berufliche Durststrecke half ihm sein langjähriger Mäzen, der Kunstsammler Karl Vollpracht aus Detmold/Lippe, durch regelmäßige Aufträge und Käufe hinweg.

Über all dies berichtete der 75 jährige Künstler seinen jungen Schülern beim Tee in seinem Atelier. Auch daß seine Frau 1948 zusammen mit dem damals 9 -jährigen Sohn Conrad in ihre Heimatstadt Hamburg übergesiedelt war und ihn mit der Tochter Helga in Caputh zurückgelassen hatte.

Das vom Kulturbund für seine Lehrtätigkeit im „Caputher Malzirkel“ erhaltene Honorar verteilte Zeller gleichmäßig unter seine Schüler, um ihnen den Kauf von Ölfarben, Leinwand und Aquarellpapier zu ermöglichen. Durch seine liebevolle und fachkundige Förderung erlangten fast alle Schüler die Hochschulreife und arbeiten jetzt, nach abgeschlossenem Kunststudium, selbst als angesehene freischaffende Künstler, die ihrem verehrten und geliebten Lehrer bis zu seinem Tode im Jahre 1972 in tiefer Freundschaft verbunden blieben.

Das Caputher Haus ist heute von Angehörigen des Künstlers bewohnt. Sein Atelier ist fast unverändert geblieben. Die Bilder halten die Zellersche Atmosphäre lebendig. Seine wichtigsten Werke hängen in Museen und Kunstgalerien der DDR. Dort erfüllen sie ihre Bestimmung: Sie erinnern und mahnen, wie der Künstler es gewollt hat.

Vom 7.8.-9.10.1988 wird, zum 100. Geburtstag von Magnus Zeller, in der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle (DDR-4020 Halle) ein großer Teil seines Gesamtschaffens in einer umfangreichen Ausstellung zu sehen sein, die internationale Beachtung finden wird.

Zum 25. Todestag Magnus Zellers
Zur Vernissage 2002
Ausstellungskatalog: s. unter "Gedrucktes"

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