Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Die unerschrockne Ungarin

STUTTGART - Kinga von Gyökössy-Rudersdorf ist ein ungewöhnlicher Mensch: Als Pfarrerstochter in Ungarn aufgewachsen,  wurde sie in Württemberg zu einer aktiven Kämpferin für die Rechte von Frauen und Migrantinnen. Für ihre Verdienste wurde der 69-Jährigen die Brenz-Medaille verliehen.
(von Brigitte Jähnigen Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 4 / 2012)

 
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Kinga von Gyökössy gehört zur Nachkommenschaft
von Christian-Heinrich Zeller (s. Leube Nr. G 5111 und G 5312)

 

      Ihre Mutter, eine Schweizerin, hatte ihren Wohlstand aufgegeben, um ihrem Vater, einem Schüler von Karl Barth und Pfarrer der reformierten ungarischen Kirche, in ein fremdes Land zu folgen und unter bescheidenen Verhältnissen in Üjpest (Neu-Budapest) zu leben.

      Tochter Kinga, geboren 1942, eines von vier Kindern, wuchs in eine kommunistische Gesellschaft hinein. Für das Pfarrerskind war es schon in jungen Jahren selbstverständlich, in der Kirche aktiv zu sein. Mit kaum zehn Jahren kannte sie die Bedeutung des Johannes-Evangeliums, in dem es in Kapitel 14 heißt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen." Dass Kirche nicht außerhalb der Gesellschaft existieren kann, sondern nur mittendrin: Auch das lehrten die familiären Vorbilder. Ihr Urgroßvater war Samuel Gobat (1799 - 1879), Mitglied der Basler Mission und evangelischer Bischof von Jerusalem. „Er ist auf dem Ölberg begraben", sagt Kinga, die sich von Frauen gern mit ihrem Vornamen ansprechen lässt. Ihren Mann, damals Tübinger Student, lernte die couragierte junge Dame in Budapest kennen: 1972 heirateten die beiden, das Ehepaar siedelte nach Deutschland um. „Ich war kreuzunglücklich, denn ich traf zu viele antikommunistisch gesinnte, bornierte Menschen , sagt Kinga von Gyökössy-Rudersdorf.

Ihre Hände sprechen lebhaft mit, ihr afghanischer Silberschmuck leuchtet matt. Das Ehepaar ging in den Entwicklungsdienst nach Afghanistan, später in den Jemen. 30 000 junge Frauen und Männer haben bisher vom Freundeskreis Afghanistan e.V., dessen Mitglied Kinga ist, eine Ausbildung bezahlt bekommen. Sorgen bereitet ihr die Vorstellung, dass die Taliban ihren Einfluss in Afghanistan ausweiten könnten.

      Seit 1980 engagiert sich die temperamentvolle Dame beim Autonomen Frauenhaus in Stuttgart und als Gewerkschaftsmitglied. Überdies ist sie in der ungarischen Gemeinde in Württemberg aktiv. Sie gründete den ersten Deutsch-Migrantinnen-Arbeitskreis in Stuttgart und engagiert sich jährlich beim Internationalen Frauentag in Stuttgart.

      Seit 1988 ist sie durch ihre ehrenamtliche Mitarbeit in der Evangelischen Frauenarbeit der Landeskirche Württemberg präsent, seit 2006 auch bei den Evangelischen Frauen in Württemberg in mehreren Arbeitskreisen. Und sie engagiert sich beim Bündnis gegen Zwangsprostitution Baden-Württemberg, wehrt sich, wann immer sie kann, gegen Gewalt an Mädchen und Frauen.

      „Auch wenn dein Deutsch nicht perfekt ist, du kannst überzeugen", wandten sich zu Beginn ihrer Stuttgarter Zeit Frauen aus der Kirche an Kinga von Gyökössy-Rudersdorf. „Ich war die erste Frau in der Landeskirche, die aus der autonomen Szene und der Gewerkschaft kam und Migrationsverbindungen hatte", sagt Kinga. Um tagsüber an Sitzungen teilnehmen zu können, arbeitete die Mutter einer Tochter nachts. Und sie hat einen Ehemann, der ihr den Rücken stärkt. „Da gibt's nicht jeden Tag das heiße Mittagessen auf dem Tisch", sagt die attraktive Frau und lacht. Entscheidend für eine gute Ehe sei, dieselben Ziele, denselben Glauben und die gleichen Prioritäten zu haben. Ungerechtigkeit von und an Frauen wird ihre Herzensangelegenheit bleiben – Frauen sind immer noch zu wenig eigenständig, sie haben zu viele Ängste, auch vor der angeblichen Macht der Männer", sagt Kinga von Gyökössy-Rudersdorf.
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