Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Marie Luise Zeller (1885-1930) verh. Waizer
Eleganz, künstlerische Fantasie und Lebensfreude gegen Tradition

Von Liesel Reichle, in: Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbands Nr. 16, 2001, S. 44-62.
Ingeborg Storz geb. Reichle hat diesen Text, den ihre Mutter 1990 ursprünglich für die amerikanische Verwandschaft verfasst hatte, aus dem Englischen zurückübersetzt. Über Marie Zeller schreibt sie: „Erzählungen über sie wurden von uns Töchtern stets mit besonderem Interesse aufgenommen. Der Grund dafür mag sein, dass sich Tante Mariechen wie ein besonders lieblicher exotischer Schmetterling so wohltuend abhebt von der langen Reihe oft erdrückend rechtschaffener und wohlanständiger Zeller-Existenzen, die bei allem Respekt als Identifikationsfiguren für NachfahrInnen zuweilen eher belastend wirken."
 
Bild Bild
 

Geblieben von meiner Patentante Mariechen (NFZ 78) ist eine Reihe von Fotos aus den beiden ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, als sie noch jung war - herrliche Bilder, auch als Fotografien fast Kunstwerke.

Sie zeigen ein wunderschönes junges Geschöpf in vielerlei eleganten Kostümen und meist mit großen, von Reiherfedern geschmückten Hüten. Ich glaube kaum, dass diese Garderoben alle ihr Eigentum waren. Aber auch da, wo es sich nicht um Aufnahmen aus einem Studio handelt, zeigt ihre Kleidung Sinn für das Außergewöhnliche, Geschmack und ein sicheres Gefühl für das, was zu ihrer feinen hellen Haut, ihrem goldrötlichen gewellten Haar und ihrer anmutigen, später zur Fülle neigenden Gestalt passt und ihre blendende Schönheit ins günstigste Licht setzt. Sie scheint sich ihrer Wirkung bewusst und doch ganz natürlich - kein Naturkind, aber ein Mensch, der die Schönheit als seine eigentliche Natur und als den Sinn des Daseins anerkannt hat. Dies ist der Grund ihres Lebensgefühls in der Zeit, aus welcher jene Bilder stammen, und in diesem Grund scheint sie ganz selbstverständlich zu ruhen.

Kann man so leben? Kann man so leben, wenn man als Jüngste einer früh des Vaters beraubten, kinderreichen Familie aufwächst, deren Traditionen eher weltflüchtig sind? Deren bei allen Gliedern vorhandene künstlerische Fantasie notgedrungen an bittere Grenzen der äußeren Verhältnisse stößt und sich schließlich, bei den einen, an glühenden Vorstellungen des himmlischen Paradieses oder des freien Geistes genügen lässt, bei einigen anderen aber doch glücklich eingebracht wird in ein liebevolles, reiches Alltagsleben, das sich gerade durch ein sehnsüchtiges Gefühl für das Ungenügen dieser Welt in der Stille zu etwas Wertvollem gestaltet. Kinder, Enkel tragen es weiter - als Gabe oder als Last - jedenfalls als etwas, das die Gegenwart auf eine merkwürdige Weise mit der Vergangenheit verschränkt.

Tante Mariechen trägt nichts weiter, das ist wohl auch nicht ihr Wunsch. Trotz ihrer Anhänglichkeit an die Mama und den Geschwisterkreis will sie ja ganz anders sein, als es damals üblich ist. Ich weiß nicht, ob sie irgendwann ein Glück gefunden hat, das ihr auch innerlich, als Mensch, eine Erfüllung brachte und einigermaßen von Dauer war. Diejenigen ihrer Geschwister, die in ihren späteren Jahren noch leben (es sind merkwürdigerweise gerade die älteren unter ihnen), haben entweder kein Interesse daran, Nachrichten über Mariechens Lebensweise unter Verwandten und Freunden zu verbreiten, oder sie sind gar nicht fähig, diesem Schicksal Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die von Mariechen hinterlassenen Briefe - sehr viele an die Mutter, einige an den Bruder Willy, der lange im Ausland lebt - sind so gut wie alle ohne Datum, meist auch ohne erhaltene Umschläge. Man muss sie nach Schrift und inhaltlichen Bezügen mühsam einordnen, was um so schwieriger ist, als es sich fast immer um flüchtig und in Zeitnot hingeworfene spontane Äußerungen handelt, deren Themen - Geld, Reisepläne, Sorgen um die Gesundheit der Mama - wenig über ihren persönlichen Lebenslauf verraten.

Mein Vater, der durch seinen Tod in Flandern als erster aus dem Kreis der acht Geschwister hinweggerissen wird, hat diese seine jüngste Schwester mehr geliebt als alle seine anderen Schwestern. Schon dies allein (was mir meine Mutter verriet) gibt Tante Mariechen in meinen Augen einen Vorschuss an Vertrauen, Liebe und Verehrung. In der noch erhaltenen Ansprache meines Vaters anlässlich meiner Taufe 1913 drückt er aus, welche Gaben Mariechen nach seinem Willen dem Kindlein fürs Leben mitgeben soll: ,,...die Freiheit und Selbständigkeit, die ihren Lebensweg geht, unbekümmert um das, was die Menschen dazu sagen...“

Auch meine Mutter, obwohl ganz anders geartet, hatte in ihrem Herzen Partei ergriffen für diese Schwägerin - denn Partei musste man werden, wenn man im Schoß ihrer Ursprungsfamilie von Mariechen hörte und sprach. Sie war eben ein Ausnahmewesen - irgendwie brachte sie in den Geruch allzu großer Heiligkeit der sonstigen Umgebung ein angenehm weltliches Parfüm hinein.

Die seltenen Male, zu denen diese Tante in meiner Jugend für ein paar Tage oder auch nur Stunden auftaucht, tragen in der Erinnerung noch heute für mich einen unauslöschlichen Hauch von Frische, Lebendigkeit und Herzlichkeit. Obwohl sie uns Kindern nie etwas mitbringt und immer bald wieder in die Ungeduld des Aufbruchs verfällt, verbreitet sie Freude um sich und die Empfindung, dass die Welt schön ist und dass es dort um Liebe geht - wie muss dieses glänzende, lebhafte, begabte und warmherzige Wesen verehrt, geliebt und verwöhnt werden! Geheimnisse schweben um sie, obwohl sie unbefangen und offen erzählt, oft fröhlich lacht, vernünftig urteilt und einen als jungen Menschen ernst nimmt.

Weil ich deine Briefe gelesen habe, Tante Mariechen, die mich oft ratlos und traurig machten, will ich alles aufschreiben, was ich von dir erzählt bekommen und miterlebt habe.

                                                                                  ***

Jugend
Mariechen, 1885 geboren, war die einzige der acht Geschwister, die nicht in Marburg, sondern in Tübingen geboren wurde, wo ihr Vater bis zu seinem Tod 1887 Universitätsgarteninspektor in dem dortigen Botanischen Garten war. Damals war Mariechen zwei Jahre alt. Sie kann nicht viele von den „goldenen“ Erinnerungen an die Spiele in dem Garten gehabt haben, von denen ihre älteren Brüder und Schwestern lebenslang zehrten; auch spürte sie während ihres Heranwachsens nie die feste Hand eines liebenden Vaters. Die einfache, notgedrungen sehr sparsame Lebensführung der vaterlosen Familie, die von den anderen Kindern bereitwillig angenommen wurde, stand im Widerspruch zu Mariechens naturgegebener Wesensart, die großzügig, weitherzig und freiheitsliebend war, gepaart mit einem großen Bedürfnis nach Schönheit und einem oft unbändigen Temperament, das nach viel Raum zur Entfaltung verlangte.

Oft erzählte meine Mutter mir Geschichten, die sie von meinem im I. Weltkrieg gefallenen Vater, Frieder Zeller, gehört hatte, dem Mariechen im Alter am nächsten stand und der ihr engster Vertrauter in der Familie war.

Großmama Zeller und die älteren Schwestern mit ihren streng religiösen Ansichten versuchten stets, die Bewunderung von Besuchen, denen Mariechens früh sich zeigende Schönheit auffiel, in Grenzen zu halten. So flochten z. B. Jula oder Emma ihr wundervolles langes rotgoldenes Haar morgens in straffe Zöpfe und fügten noch schwarze Schnürsenkel hinzu, um ihren Glanz zu mindern. Mariechen wehrte sich nicht, jedoch nach der ersten Biegung ihres Schulwegs blieb sie stehen, um die Zöpfe zu lösen, so dass ihre rote Mähne frei fließen konnte. Auf dem Heimweg war ein weiterer Aufenthalt nötig, um ihre Zopffrisur einschließlich der schwarzen Schnürsenkel mit Hilfe einer Freundin wieder herzustellen.

Mein Vater erwähnt in seinem Tagebuch aus den Jahren 1896 bis 1898 oft die große Sorge seiner Mutter wegen Mariechens Trotz und Widerspenstigkeit. Ich bewahre einen Brief von ihr an ihren Sohn Franz in Amerika auf, in welchem sie voller Sorge erzählt, dass Frau Professor Paulus, eine Freundin, sie über Mariechens auffälliges und ungehöriges Benehmen Studenten gegenüber unterrichtete, denen sie auf den Straßen Tübingens begegnete. Damals ist Mariechen 12 Jahre alt! Großmama bittet die Familie und andere Verwandte, mit ihr gemeinsam für dieses gefährdete Kind zu beten.

Etwa 1897 erbot sich Jula, die mit einem Pfarrer in Schlesien verheiratet war, Mariechen für einige Zeit bei sich aufzunehmen, um sie zu „bessern“. Natürlich war dies ein ganz vergeblicher Versuch; alle Bemühungen, aus Mariechen ein wohlerzogenes junges Mädchen zu machen, scheiterten. In einem Brief an ihren ältesten Sohn Franz schrieb die besorgte Mama: „Das Mariechen ist mir ja immer noch ein großer Sorgenstein, ich weine viel um sie. Sie sieht gar nicht ein, wie sie mich betrübt, vom Johannes (Julas Mann) mag sie sich nichts sagen lassen und fährt gleich heraus mit ungezogenen Antworten, die sie hernach freilich reuen. Recht arbeiten oder die Jula hübsch pflegen mag sie auch nicht, sie muß immer wieder an ihre Pflichten gemahnt werden. Wie glücklich könnte sie sein, wenn sie ein Schäflein Jesu noch in ihrer Kindheit werden sollte. Sie hat auch immer furchtbares Heimweh nach mir, aber wie kann ich sie zurücknehmen, wenn sie sich gar nicht gebessert ist, und doch das viele schelten und strafen und Moral predigen bessert sie auch nicht, aber Gott kann es wohl machen, wir wollen anhalten im Gebet.“

In einem der darauf folgenden Jahre erhielt Großmama eines Tages den Besuch des alten Major Fritz, Leiter der Tübinger Reitschule für Studenten. Dieser bat die Mama inständig, doch ihren Widerstand gegen Mariechens Ausbildung zur Reiterin aufzugeben, denn sie sei als Reiterin ein wirkliches Naturtalent und könne eines Tages möglicherweise sogar als Kunstreiterin auftreten. Man stelle sich Großmamas Entsetzen vor! Sie hatte keine Ahnung von diesbezüglichen Aktivitäten ihrer Tochter gehabt. Auch konnte sich niemand vorstellen, wie sie sich die nötige Ausrüstung für diesen teuren Sport besorgt hatte. Natürlich war es damit nun vorbei.

Mein Vater erzählte meiner Mutter auch, dass Mariechen als junges Mädchen manchmal bei Nacht aus ihrem Fenster und über ein kleines Vordach kletterte, um von dort dann vollends hinunterzuspringen und im Dunkeln spazieren zu gehen - einfach um frei zu sein und den Reiz dessen zu genießen, dass dies etwas ganz und gar Ungewöhnliches und Verbotenes war. ... Mein Vater, der sie offenbar wieder hereinließ, war sicher, dass sie dabei nichts Böses oder gar Unanständiges tat. Er war übrigens einige Jahre lang der einzige, der mit Mariechen zusammen noch zu Hause bei Großmama lebte, während die anderen Jungen auf Seminaren und die Mädchen bereits verheiratet, Franz und Thilda sogar nach Amerika ausgewandert waren.

In Amerika
Schließlich wurde Mariechen 1900 zu ihrer Schwester Thilda Bond geschickt, die in Germantown/Philadelphia verheiratet war und schon drei kleine Kinder hatte. Thilda, eine energische und ziemlich modern eingestellte junge Frau, hoffte Mariechens schwieriges Wesen zu „heilen“, indem sie sie in ihr eigenes normales und sehr glückliches Familienleben einbezog, wo sie bei der Betreuung der Kinder und der Hausarbeit gut schwesterliche Hilfe brauchen konnte. Jedoch auch dieser Plan scheint vollkommen fehlgeschlagen zu sein. Mariechen ist wohl mit Träumen von Freiheit und lockeren Umgangsformen nach Amerika gefahren. So war sie Thilda keine große Hilfe; auch hatte Mariechen ein Talent, unangenehmen Aufgaben auszuweichen, indem sie Kopfschmerzen, Ohrenweh oder andere kleine Unpässlichkeiten vorschützte. Andererseits schrieb mir David Bond: „Mutter sagte, sie ritt mit größtem Vergnügen auf feurigen Pferden im Fairmont Park..., und Männer pflegten ihr bis nach Hause zu folgen.“

Zwei geheimnisvolle Ereignisse muss es in Amerika gegeben haben. Keines wurde später je in der Familie in Deutschland erwähnt. Es gibt nur eine Bemerkung in Großmamas Briefen an Franz über eine neue große Sorge im Zusammenhang mit Mariechen. Großmama erwog sogar nach Amerika zu fahren, wagte dies aber nicht wegen ihrer Gesundheit und weil ihr das Geld für solch eine Unternehmung fehlte. Als ich meine beiden Vettern aus der Familie Bond fragte, ob sie eine Ahnung hätten, was damals passiert war (beide waren noch nicht einmal geboren, als „Tante Mitzi“ in Philadelphia war), antwortete David, es müsse ein Portrait von Mariechen gegeben haben, das von einem recht berühmten amerikanischen Maler stammte und im Metropolitan Museum in New York ausgestellt gewesen sei. Er glaubte nicht, dass es dort noch zu sehen sei.

Aber Charles erinnerte sich an ein Ereignis etwa aus dem Jahr 1934: „Ich besuchte das Metropolitan Museum of Art in New York City ... und ich fand dieses vermutlich Mariechen darstellende Portrait. Wahrscheinlich hatte meine Mutter mir davon erzählt und ich muss eine ungefähre Vorstellung davon gehabt haben, wonach ich suchen sollte, da es sich nicht um einen Zufall handeln konnte. Bei dem Bild handelte es sich um die Ansicht einer Frau von schräg hinten, die an einem kleinen Tisch vielleicht in einem Cafe saß; die Gesichtszüge waren sehr klar und schön. Als ich es studierte, kam ein Aufseher herbei und bemerkte, da er mein großes Interesse daran sah, dass der Maler gerade hier gewesen sei und gesagt hätte, dass dies sein gelungenstes Werk sei.“

Mehr konnte ich aus den beiden Vettern nicht herausbekommen, obwohl ich natürlich versuchte, sie zu weiteren Nachforschungen zu bewegen. - Charles' Beschreibung von Mariechens Stellung auf jenem Gemälde erinnert mich auch an eine der größeren Fotografien von ihr aus der Zeit, als sie kein junges Mädchen mehr war. Ist es möglich, dass sie absichtlich jenes ältere Gemälde nachahmte, als sie später diese Fotografie machen ließ?

Ich kann jedoch nicht glauben, dass dieses Gemälde die alleinige Ursache für Großmamas große Sorge war. Nicht lang nach dem Brief von Charles erhielt ich einen weiteren von David, welcher schrieb: „Eine der möglichen Sorgen war nach den Erzählungen meiner Mutter, dass Dr. Nitsche (oder Nietzsche?) sie (= Mariechen) heiraten wollte. Ich weiß nichts über seine Stellung um 1900, aber später wurde er Dekan der Universität von Pennsylvania.“

Es ist kaum zu glauben, dass ein Mädchen von gerade mal 15 Jahren solche Abenteuer erlebt und derartige Aufmerksamkeit erregt haben sollte. Aber ein Irrtum ist unmöglich, denn Mariechen war ab Anfang 1902 wieder daheim.

Fotografien aus jener Zeit zeigen eine voll ausgewachsene, für unsere Begriffe sogar ziemlich mollige, aber wohlgeformte junge Frau. Helen Zeller aus Bethlehem erzählte mir, dass ihre Schwiegermutter, Constance Venter Zeller, sich an Mariechens Besuch etwa um 1900 und an ihre „strahlende Schönheit“ erinnerte. Die Leute müssen damals auch von ihrer natürlichen Frische und ihrem fröhlichen Schwung fasziniert gewesen sein.

Am Ende des Aufenthalts bei Thilda standen offenbar ernstliche Gesundheitsprobleme Mariechens im Herbst 1901. Ihre Mutter schreibt auf einer Postkarte an ihren Sohn Willy, dass sie im Krankenwagen vom Bahnhof in eine Klinik in New York gebracht werden musste mit der zunächst vermuteten Diagnose Knochentuberkulose, die sich jedoch später als Knochenhautentzündung herausstellte - wahrscheinlich am Kniegelenk, denn Mariechen erwähnt häufig Knieprobleme in ihren späteren Briefen. Onkel Hermann Zeller, der katholische Priester, erschien als Helfer in der Not und sorgte dafür, dass Mariechen in ein Krankenhaus in Brooklyn verlegt wurde, wo er nach ihr sehen und ihren Aufenthalt bezahlen konnte.

Ausbildung
Zurück in Tübingen konnte Mariechen nicht das Leben fortsetzen, das sie vor ihrem amerikanischen Zwischenspiel geführt hatte. Es scheint, dass die Familie beschlossen hatte, sie müsse einen nützlichen Beruf erlernen. In der Tat hätte ihr das geholfen, sich ein unabhängigeres und befriedigenderes Leben nach ihrem eigenen Geschmack einzurichten. Aber es gab nicht viele Möglichkeiten für ein Mädchen ohne Geld und keine vernünftige Grundlage für einen der interessanteren Berufe, die einen höheren Schulabschluss erforderten. Es gibt einen sehr nachlässig und fehlerhaft auf der Schreibmaschine geschriebenen Brief an ihren Bruder Willy, aus dem hervorgeht, dass Mariechen zumindest angefangen haben muss, sich in Büroarbeit, Schreibmaschinenschreiben und Geschäftskorrespondenz ausbilden zu lassen. Der Ton jenes Briefes ist sehr schnodderig und respektlos gegenüber Menschen, die im Büro arbeiten und ausbilden.

Sehr bald nach diesem Brief finden sich Hinweise auf Gesangsstunden. Tatsächlich hatte Mariechen eine wunderbar warme und offenbar ausgebildete Stimme. Sie sang oft bei Familienanlässen oder sogar in einer Kirche. Ich erinnere mich an die Pfingstkantate von Bach. Sie begleitete sich auch auf einer Laute. Während sie sang, schien sie eine andere Person zu sein, ernsthaft, sogar religiös und erfüllt von echtem Gefühl. Aber meine Erinnerungen kommen aus einer viel späteren Zeit. Auf jeden Fall muss diese Begabung in den Jahren nach ihrem Aufenthalt in Amerika entwickelt worden sein.

Weltdame
Briefe von Großmama an Willy aus jenen Jahren sprechen besorgt von einer Liebesgeschichte Mariechens mit einem jungen Mann namens Rudolf, „den sie mit der ganzen Kraft ihrer armen, betörten Seele liebte“. Nun, ich denke, das war nichts, worum man sich hätte Sorgen machen müssen, sondern ganz natürlich in ihrem Alter! Aber Großmama stellt auch fest, dass Rudolf selbst nicht so viel Interesse an ihr zeigt wie sie an ihm, was das sehr ungeduldige Mariechen zu mancher Träne rührt.

Der nächste Brief, der mir zugänglich wurde, stammt aus Münster in Westfalen, vielleicht von 1905 oder 1906, und ist an ihren Bruder Willy gerichtet. Warum und wie sie dorthin gelangte, bleibt unbekannt; vielleicht gab es einen Zusammenhang mit Großmamas Familie Dietrich, die in Westfalen und Marburg lebte. Auch gab es dort ein Konservatorium, wo sie möglicherweise ihre musikalische Ausbildung fortsetzte? Der Brief sagt nichts darüber aus, was sie tat - außer dass sie glücklich war, viele gute Freunde und „viel Musik“ genoss. Auch erwähnt sie Rudolf, den sie als ihren Verlobten betrachtet: „Wir lernten uns vor drei Jahren kennen und werden noch weitere fünf oder sechs Jahre (bis zur Hochzeit) warten müssen“. Auch noch 1908, als Mariechen nach Dresden übergesiedelt war, versichert sie feierlich, dass keiner ihrer reichen Freunde in jener Stadt sie von Rudolf würde trennen können, nicht einmal dann, wenn sie „noch einmal zehn Jahre“ würde warten müssen. - Die Verlobung muss noch vor Ende des Jahres 1908 gelöst worden sein. Viel später jedoch, in den Zwanzigerjahren, äußert Mariechen, dass sie nie in ihrem Leben einen Mann so sehr geliebt habe wie Rudolf.

Wie kam es, dass Mariechen sich in Dresden niederließ? Nun, sie hatte oft von ihrer Absicht gesprochen, eine „Weltdame“ zu werden, was immer das auch genau sein mochte. Gewiss bedeutete es das Gegenteil dessen, was sie bei ihren Geschwistern und anderen Verwandten erlebt hatte. Sie muss fest davon überzeugt gewesen sein, dass ihre Schönheit und ihre Begabungen für Eleganz, Vergnügen und modischen Lebensstil ausreichen würden, um in der Welt der Reichen, der großen Gesellschaft akzeptiert zu werden, wo es ihr dann irgendwie gelingen würde, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und schließlich - wer weiß? - viel Geld zu machen und vielleicht sogar einen sehr reichen Mann zu heiraten. Ihre Erfahrungen hatten sie bisher sicher ermutigt, und ihre Freunde, die sie so leicht fand, hatten sie bestimmt in ihren Plänen bestärkt.

Mit solchen Ideen im Kopf entsprach es ihren Vorstellungen, ihren Wohnsitz in einem der vornehmen Orte in Vorkriegsdeutschland wie Dresden, Wiesbaden, Frankfurt oder Berlin zu nehmen. Von Anfang an muss sie in Dresden erfolgreich gewesen sein. Als Beschäftigung erwähnt sie in ihren Briefen „Unterrichtsstunden“ - Gesangsunterricht? Oder gab es vielleicht Kurse für Gesellschafterinnen oder Ähnliches? Im Lauf der Zeit scheint sie sich eine Existenz als Gesellschafterin von alten oder leidenden, aber stets reichen Damen der Gesellschaft aufgebaut zu haben, meist von Adel, mit denen sie elegante Kurorte besuchte oder sogar ins Ausland fuhr, oft nach Monte Carlo oder auch einfach zu einem Urlaub nach Italien. Wenn sie nicht in solchen Stellungen auswärts war, ließ sie sich für eine festgelegte Bezahlung zu eleganten Gesellschaften einladen, wo sie Lieder vortrug und sich auf ihrer Laute selbst begleitete, wobei sie ohne Zweifel die Arrangements durch ihren guten Geschmack und ebenso die Unterhaltung durch ihre Schlagfertigkeit und Intelligenz sehr belebte und verschönerte. Ihre Schönheit allein war schon eine Zierde und Ehre für jeglichen Anlass, dessen war sie sich bewusst.

Der Kreis von Häusern und Familien, denen sie auf solche Weise verbunden war, bescherte ihr viele echte Freunde. Einmal schrieb sie von einer Freundin, die zwei Pferde besaß und mit der sie jeden Morgen im Park ausritt. In ihren Briefen erwähnte Mariechen nur die weiblichen Mitglieder ihres Freundeskreises, aber natürlich muss sie auch Männer kennen gelernt haben. Einer, Franz Erich (Schmidt?), ein Geschäftsmann, findet sich oft in ihren Briefen, nicht als ihr Liebhaber, was er aber möglicherweise zu einer gewissen Zeit ihres Lebens war, sondern als getreuer und wahrer Freund, der sie während ihres ganzen ruhelosen, unsteten Lebens verehrte und ihr beistand. Weshalb sie ihn nicht heiratete, weiß ich nicht, aber mir scheint es, als ob ihm die gewisse Brillanz, der Glanz abgingen, die für Mariechens Traum von einem glücklichen Leben unverzichtbar waren. Außerdem brachte sie es, wie sie oft betonte, nicht über sich, ihre Freiheit aufzugeben.

1909 muss es Mariechen, auch finanziell, so gut gegangen sein, dass sie ihre heißgeliebte Mama über Weihnachten, den Winter und den beginnenden Frühling 1910 einladen konnte. Vorher hatte es eine Art Testbesuch in Baden-Baden gegeben, wo Mariechen sich 1909 für kurze Zeit aufhielt. Sie hatte alles überaus sorgfältig geplant, von der Bahnreise in bequemen Abteilen mit Mamas Mädchen Ernestine bis zur Übernachtung in einem Hotel in Nürnberg als Ruhepause zwischendurch und der Wohnung in einem hübschen Haus, wo Mariechen und ihre Mutter diese Monate zusammen verbrachten mit Friederle, meinem Vater, als Gast über die Weihnachtsferien. Mariechen besuchte mit ihrer Mutter die Häuser ihrer Freunde und lud ihre Dresdener Freunde in ihr Haus ein.

Die Mutter fand das Klima milder und ihrer Gesundheit zuträglicher als in Tübingen, so dass sie mit Vergnügen Galerien, Konzerte, sogar den Cinematographen - und natürlich Gottesdienste besuchte. Franz Erich war zeitweise auch zugegen, und Mariechens Mutter konnte mit eigenen Augen sehen, dass alles, was Mariechen tat, auch die „Arbeit“, vollkommen respektabel war. Auch Friederle war sehr beeindruckt von allem, was er sah. Was für ein Triumph, welche Genugtuung für Mariechen! Natürlich hätten Emma und Jula vielleicht nicht alles so leicht gutgeheißen, und es muss bei einem späteren Besuch Mariechens in Tübingen eine schreckliche Szene gegeben haben, als sie ihrer Mutter einen Phonographen mit guter Musik mitbrachte. Mit der ihr manchmal eigenen heftigen Hartnäckigkeit bestand Emma erfolgreich darauf, dass solch ein Apparat Mamas Gesundheit und Nerven angreifen würde, so dass das Geschenk zurückgenommen werden musste. David Bond erzählte mir von dem Drama, dessen Zeuge er war.

Es gibt nicht viele Briefe mit verlässlichem Datum, aber einer an ihre Mutter ungefähr aus dem Jahr 1911 ist erfüllt von Mariechens Begeisterung darüber, dass sie plötzlich bei sich die Begabung entdeckt hat, eigene Gedichte zu schreiben und zu vertonen, die sie dann bei den Gesellschaften ihrer Freunde zum Besten gab. Alle waren ganz aufgeregt darüber; der Dirigent eines Dresdener Orchesters versprach etwas zu unternehmen und „ein bekannter Komponist versicherte mir, dass ich großes Talent hätte und Harmonielehre studieren solle, um meine Musik niederschreiben zu können. ... Die Leute sind sehr an meiner Gesellschaft interessiert. ... Nun brauche ich mir keine Sorgen mehr um meine Zukunft zu machen; jetzt kann ich drei Mal so viel wie bisher für die Abendgesellschaften verlangen und werde darüber hinaus tun können, was mir Spaß macht. Aber ich werde vernünftig bleiben und sehen was passiert.“

Dies ist die einzige Erwähnung dieser wunderbaren Entwicklung in den vorhandenen Briefen, aber ich erinnere mich deutlich an eine gedruckte Postkarte aus den ersten Kriegsjahren, auf welcher ein patriotisches Lied umrahmt von einem schwarz-weiß-roten Band mit Eisernem Kreuz abgedruckt war mit „Worte und Musik von Marie-Luise Waizer“ (ihr Ehename).

In der Zwischenzeit hatten alle ihre Brüder und Schwestern geheiratet. Die Hochzeit meiner Eltern wurde im Februar 1912 in Stuttgart gefeiert, und auch Mariechen war anwesend. Ihre Freundin Gertrud Betzler, eine bekannte Sängerin, sang ein Solo in der Kirche, Mariechen sang bei der Feier am Nachmittag. Ihrem Bruder Willy, der zu jener Zeit in Jaffa in Palästina war, gab sie einen lebendigen und ziemlich begeisterten Bericht von dem Tag und endete mit einer für sie typischen Bemerkung: „Mir geht es so gut, dass ich noch nicht daran denke zu heiraten, obwohl ich, ehrlich gesagt, bald eine alte Jungfer sein werde. Aber wenn es zu spät ist, werde ich bestimmt bereuen, denn man kann nicht umhin sich einen Ehemann zu wünschen, obwohl man ihn dann nachher immer wieder anschimpft.“

Unglückliche Ehe
Nun, im Zellerbuch ist zu lesen, dass noch vor Ende des selben Jahres, am 21. Dezember 1912, Marie Luise Zeller einen Österreicher heiratete, Dr. jur. Julius Waizer, Rechtsanwalt aus Klagenfurt in Kärnten. Was für ein Weihnachtsgeschenk für Mama, welche Erleichterung für die ganze Familie! Die Hochzeit fand in Innsbruck statt, und es scheint keine Feier mit der Familie gegeben zu haben. Aber bald danach besuchte Mariechen ohne ihren Mann ihre Mutter in Tübingen. Dies wissen wir aus einem Brief vom 25. Januar 1913, wieder aus Dresden, in welchem Mariechen ihre Mutter ziemlich ärgerlich angreift wegen ihrer „ständigen und unnötigen Besorgnis. Wenn du das Glauben an Gott nennst, werde ich nie fromm sein wollen. Das war Mr. Bäuml, Elsas Verlobter, der mit mir wegen Elsas Eifersucht sprechen wollte. ... Heute werde ich zu Julius fahren, mit dem ich glücklich und ganz zufrieden bin. Ich habe dir schon gesagt, dass unsere Ehe nicht so sein wird wie die anderer Leute, wir wollen großzügiger sein. Im Übrigen wird mir ein Mann vollauf genügen.“

Die Ehe mit Julius Waizer hielt jedoch nicht einmal ein ganzes Jahr; am 6. August 1913 fand die Scheidung statt. In einem viel späteren Brief erinnert sich Mariechen an die „schreckliche Auseinandersetzung mit Julius Waizer“ in Mamas Wohnung aus diesem Anlass.

Als österreichischer Reserveoffizier fiel Julius Waizer im Sommer 1914 in Serbien, noch bevor der Erste Weltkrieg für Deutschland begonnen hatte. Mariechen war traurig über den frühen Tod ihres geschiedenen Gatten, gab jedoch zu, dass sie seinen Verlust noch viel mehr betrauern würde, wenn sie imstande gewesen wäre, ihn „wirklich als Person zu lieben und zu achten.“

Geheimnisvolle Affäre
1913, das Jahr von Mariechens Scheidung, scheint am ehesten das Datum zu sein für das geheimnisvollste Ereignis in ihrem abenteuerlichen Leben. Ich erfuhr davon nur durch ziemlich vage Bemerkungen meiner Mutter, die, lange bevor ich alt genug war um davon zu erfahren, von ihrem Mann darüber gehört hatte. Mariechen muss die Bekanntschaft eines Sohnes, oder sogar des Erben der Firma Mannesmann gemacht haben, die während des Krieges einer der wichtigsten Industriebetriebe wurde und dies immer noch ist. In der ganzen Familie gibt es keine Korrespondenz über Mariechens Leben zwischen 1913 und etwa 1919. Meiner Meinung nach sieht es aus, als ob alle Briefe, in denen es Andeutungen über diese Affäre gab, absichtlich vernichtet wurden. Als ich jedoch versuchte, Anhaltspunkte dafür in den zahlreichen Briefen von Mariechen zu finden, die ich aus der Zeit nach dem Krieg besitze, fand ich viele Hinweise in Briefen an ihre Mutter aus der Zeit nach der Inflation (1923). Und dort schreibt sie ganz klar, dass sie hofft, mit den Mannesmanns Verbindung aufnehmen zu können mit dem Ziel, die Leibrente wieder zu erhalten, auf die sie immer noch ein Anrecht zu haben glaubt. Sie spricht von einer Goldrente und ist voller Hoffnung.

Wenn Mariechen tatsächlich eine Liebesaffäre mit einem Mannesmann-Erben hatte oder sich sogar auf eine Art Versprechen beziehen konnte, scheint sie wenigstens dieses eine Mal in ihrem Leben die Verwirklichung ihres Lebenstraumes erlebt zu haben. Ein Mal hielt sie diese Trumpfkarte in ihrer Hand - aber irgendwie wurde sie ihr entrissen. Wir wissen nichts darüber.

Wir können sicher sein, dass dieses Kapitel in Mariechens Leben nicht den Beifall ihrer Familie fand, auch wenn es für Mariechen selbst lohnend war, was Glück und Geld betraf. Wie in pietistischen Familien üblich, unterlag so etwas strengster Geheimhaltung. Ihre geliebte Mama jedoch hat sie wohl immer ins Vertrauen gezogen - über die Mannesmann-Angelegenheit und später auch über Franz Erich. Mariechens Briefe an ihre Mutter beweisen dies. Ihre „herzallerliebste“ Mama wird auch nicht einverstanden gewesen sein, aber sie wird akzeptiert haben, dass ihre Tochter bei all ihren verwickelten Verhältnissen ihrer Liebe und vor allem ihrer Gebete bedurfte und nicht ihrer Kritik. Und Mariechen selbst bat sie oft, für sie zu beten, „denn diese Gebete helfen mir immer in schwierigen Situationen“ - wie ein Zauber, fügt sie manchmal hinzu.

Zu Beginn des Krieges finden wir Mariechen in Berlin in einer komfortablen Wohnung mit elektrischem Licht, einem Badezimmer mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und einem Aufzug, „aber nicht teuer“ (was zu bezweifeln ist!). Sie mag Berlin als Stadt nicht, aber es gibt einen bestimmten Grund dafür, dass sie dort ist: Am 25. Oktober 1914 schreibt sie an Bruder Willy: „Die Hilfsgesellschaft für Kriegsflüchtlinge hat mich wegen meiner Erscheinung gebeten, bei den Herausgebern großer Zeitungen und bei berühmten Schriftstellern (Ludwig Fulda, Gerhart Hauptmann; Hermann Sudermann etc.) mit der Bitte vorzusprechen, bei Veranstaltungen der oben genannten Gesellschaft aufzutreten und womöglich einen Beitrag zu leisten. Die besten Künstler Berlins wirken bei den Vorstellungen mit, und auf diese Weise haben wir schon Tausende von Mark erlöst. ... Ich darf auch Geschenkpakete zu verwundeten Soldaten in die Militärhospitäler bringen, eine Beschäftigung, die mir viel Freude bereitet.“ In der Tat, dies sind Aufgaben, bei denen sie ihre angeborenen Gaben und Werte auf eine Weise einsetzen kann, die mit ihrer warmherzigen und lebhaften Persönlichkeit in Einklang sind. Sie ist begierig darauf, ihren Teil zu Hilfsaktionen und an persönlichem Einsatz für ihr geliebtes Land beizutragen.

Im Ganzen gesehen scheint Mariechen einige neue Eigenschaften einer reiferen und ernsthafteren Person erworben zu haben. Ich bewahre immer noch zwei Briefe auf, die sie nach dem Tod meines Vaters in Flandern im Herbst 1916 an meine Mutter geschrieben hat. Diese Briefe sind voller Verständnis und Liebe für meine Mutter; in schönen und bewegenden Worten zeichnet sie ein Bild des edlen und friedliebenden Charakters ihres Bruders und betont, wie viel die Liebe meiner Mutter ihm bedeutet hatte. Ihre Worte stimmen völlig mit den Vorstellungen meiner Mutter über ein künftiges Leben mit seinen Kindern in seinem Geist überein. Es ist hauptsächlich die Haltung, die in solchen Briefen Mariechens zum Ausdruck kommt, die mich ihre wirkliche Natur so hoch schätzen lassen.

Weniger als ein Jahr nach Friederles Tod wurde Emmas Sohn Karl in Nordfrankreich getötet. Es gibt einen Brief an Mariechens Bruder Willy, in welchem sie sich selbst dafür tadelt, dass sie sich zu wenig um ihre Familie kümmert - aber „so ist es mit uns, wir verfehlen oft die besten Dinge in unserem Leben. Dieses Mal war Karls Tod eine ernste Warnung an mich, und ich will alles tun um Mama und Emma zu unterstützen und abzulenken. Wie bewundernswert Emma diesen schweren Schlag getragen und angenommen hat - nur ein Mensch, der von ganzem Herzen an ein Leben nach dem Tod glaubt und dessen Charakter fest in seinem Grund verwurzelt ist, kann sich so verhalten wie sie es getan hat. Ich selbst jedoch bin immer noch zu gehemmt, hauptsächlich durch Äußerlichkeiten. Weißt du, seit meiner Kindheit ist alles, was im Zusammenhang mit Religion steht, für mich verbunden mit hässlichen grauen oder schwarzen Kleidern und verdrießlichen Gesichtern, während ich doch so sehr schöne, elegante und fröhliche Dinge und Menschen um mich herum sehen möchte. Ich wüsste gern, ob man diese beiden Geistesrichtungen nicht zusammenbringen kann?“

Nach Kriegsende kamen ihre Briefe wieder aus Dresden. Dort traf sie immer noch einige von ihren alten Freunden an, auch Franz Erich. Gesellschaften und andere teure Unterhaltungen, auch das Reisen waren in jenen Jahren seltener geworden, fanden jedoch hin und wieder statt.

Einige Male schreibt Mariechen an Willy über Damen aus ihrem vertrauten Gesellschaftskreis, die seelische Leiden haben, eine als Morphinistin, und die sich in der Hoffnung auf Hilfe an sie klammern. Sie kümmert und sorgt sich um sie und begleitet sie zu ihren Kuren oder auf ihren Erholungsreisen. Sie nimmt diese Verantwortung sehr ernst und bekommt vermutlich manchmal, aber nicht immer, Bezahlung für ihre Gegenwart und ihren Beistand.

Freunde von ihr bewundern oft ihre Fröhlichkeit und ihren Mut, die ihr zur damaligen Zeit nicht leicht fallen, wie sie in ihren Briefen zum Ausdruck bringt. Sie entdeckt sogar weitere Möglichkeiten, um etwas Geld zu verdienen: sie kreiert Hüte für ihre Freundinnen, die ganz erpicht darauf scheinen sie zu kaufen. Das ist etwas, was sie oft auch für sich selbst macht. Ihre Hüte sind groß und meistens aus weichem Material hergestellt, ungewöhnlich, aber sie schmeicheln ihr sehr. Oft trägt sie Samtkappen in hellen Farben, auch diese selbst angefertigt.

Übrigens schickte Mariechen während und nach dem Krieg ihre Wäsche an ihre Schwester Emma in Tübingen, die diese Arbeit offenbar ohne Bezahlung erledigte. „Emmelchen“ redete sie diese ihr so ergebene Schwester an - aber die Briefe an sie können eine winzige Spur von Verschmitztheit, ja sogar von Bosheit nicht verbergen, welche diese so anders geartete Gefährtin ihrer frühen Familienjahre hoffentlich nicht entdeckt hat. Immerhin war Mariechen von Emmas Hingabe und Selbstaufopferung in der Pflege und Fürsorge für ihre Mutter abhängig, des Menschen, den Mariechen mehr als alles auf der Welt liebte und verehrte. In den Notjahren während und nach dem Krieg schickte Mariechen Emma manchmal einen Mantel, eine Jacke oder eine Bluse von sich als Entschädigung für all ihre Arbeit in der Hoffnung, dass Emma diese Sachen nach kleinen Veränderungen tragen würde. Ich habe jedoch meine Zweifel, ob Emma dies jemals tat - Emma war nie einverstanden mit Mariechens Art sich zu kleiden und mit ihren hellen Farben; sie tadelte sie oft deshalb, während Mama Mariechens Kleider, ihr Material und ihre Farben lobte. Auch sie liebte schöne und helle Dinge, obwohl in ihrer Wohnung fast gar nichts dergleichen zu finden war.

Ich habe einen Brief von Mariechen an Emma, undatiert, aber ihrer Handschrift nach zu schließen von 1927 oder später. Er bezieht sich auf den Vorschlag Emmas, Mariechen ihre Möbel zu hinterlassen. Mariechen antwortet darauf: „Vielen Dank für Dein Angebot, mir Deine Möbel zu hinterlassen. Aber das kann ich niemals von Dir annehmen; zur Zeit hätte ich keinen Platz für sie, da ich keine Wohnung habe. Aber ich werde Deine Freundlichkeit nie vergessen. Was meinen Schmuck betrifft, der inzwischen einen ziemlich hohen Vermögenswert darstellt, so habe ich den Wunsch, dass Du nach Mamas Tod alles erhalten sollst außer einem Ring für Franz Erich; denn sonst wird der Schmuck unter sieben Erben aufgeteilt, was bedeuten würde, dass niemand von ihnen einen wirklichen Wert erhalten würde. ... Ich bin viel eher in der Gefahr früh zu sterben wegen meines ruhelosen Lebens und der vielen Autofahrten. Dir, liebes Emmelchen, wünsche ich von Herzen ein langes und friedliches Leben, wohingegen ich nicht mehr allzu lang weiter leben möchte. ... Ich danke Dir sehr für Deine Liebe.“

In den Jahren zwischen dem Krieg und der Inflation scheint Mariechen keine Geldprobleme gehabt zu haben. Sie besitzt Aktien, die sogar nach 1923 etwas von ihrem Wert behalten haben, und die Geburtstagsgeschenke für ihre Patenkinder sind sehr großzügig. Ebenso wie ihre Brüder und Schwestern leistet sie ihren Beitrag zu dem sehr kargen Einkommen ihrer Mutter, indem sie ihr eine monatliche Unterstützung schickt. Sie nimmt diese Pflicht sehr ernst.

Während die vorhandenen Briefe Mariechens bis zu dieser Zeit sehr spärlich und wie zufällig über die Jahre und Zeiträume verteilt sind, liegt mir der wahrscheinlich vollständige Briefwechsel zwischen Mariechen und ihrer Mutter aus den Jahren 1923, 1924 und 1925 vor. Diese Briefe erlauben überraschende Einblicke in Mariechens Leben und ihre Probleme und sie belegen auch eine langsame, aber ernstliche Veränderung ihres Charakters und ihrer Gemütsverfassung, die mit der Entwicklung der Währungsprobleme der Inflation einher ging, welche 1923 endete und den Abstieg der sozialen Schicht besiegelte, aus deren Wohlstand Mariechen ihren Lebensunterhalt bezogen hatte.

Geld war für ihre Einstellung dem Leben gegenüber immer von hoher Bedeutung gewesen - moderne Psychologen sehen in Geld einen Ersatz für Liebe. Nun, da der Wert der deutschen Währung immer mehr abnahm, wurden manche Leute möglicherweise von einer Art Schwindel erfasst. Mariechen muss eine von diesen gewesen sein. Paradoxerweise gewährte ihr das Jahr 1923 eine Zeit der Hochstimmung. Sie ist fasziniert von den Milliarden und Billionen Mark, deren Wert sich von einem Tag zum nächsten ändert und es erfordert zu kaufen und sofort zu handeln, bevor der nächste Absturz kommt. Spekulieren ist ein Glücksspiel geworden, und Mariechen entdeckt, dass sie dafür eine Begabung hat. Der Eindruck ihrer Schönheit und Eleganz mag ihren Erfolg noch gefördert haben; wir können glauben, dass sie nicht wirklich Unrecht tat, wenn sie schnell reagierte und die Möglichkeiten ergriff, die sich ihr boten.

Der Ton ihrer Briefe ist triumphierend, wenn sie sich „Mamas Bankier (nennt), aber einen, der nicht betrügt wie diese es tun.“ Denn natürlich hat sie die Tricks der Bankiers herausgefunden und zögert nicht sie anzuwenden zu ihrem eigenen Vorteil und noch mehr für den ihrer Mutter. Es gibt einen einzigen Brief von Großmama, in dem sie ihre ernstlichen Gewissenskonflikte darüber zum Aus druck bringt, ob sie den Gewinn annehmen kann, den ihr Mariechen beim Tausch von ein paar Dollars anbieten darf, die sie von ihren amerikanischen Kindern erhalten hat. Sie wird „keinen Gewinn annehmen, der den Heiland bekümmern würde“; aber schließlich ist sie einverstanden - weil sie in ihrer Situation keine andere Wahl hat. Dollars sind die einzige sichere Währung; und Dollars sollten wenn möglich gar nicht eingewechselt sondern aufbewahrt werden, und „erzähle ja niemandem, dass Du ein paar Dollars hast“, rät Mariechen ihrer Mutter und ihrer unpraktischen Schwester Emma.

Thilda und Franz in Amerika werden ihrer Mutter ihren üblichen Anteil am Unterhalt geschickt haben; mehr lässt ihre Situation vermutlich nicht zu, zumal Thilda mit ihren sieben Kindern verwitwet ist. Aber da gibt es Onkel Hermann, Pater Ignatius, der keine Familie hat und der Mariechen einst am Ende ihres Aufenthalts in Amerika so großzügig geholfen hat! Onkel Hermann hat aus freien Stücken der Witwe seines Bruders Wilhelm ein paar Dollars geschickt, und Mariechen erbietet sich, ihn erneut um Hilfe zu bitten, was offenbar Erfolg hat. (Sie hatte jedoch offenbar keine Ahnung von der finanziellen Lage eines katholischen Priesters, denn sie war völlig verblüfft, als sich nach seinem Tod 1926 die Summe seiner kleinen Hinterlassenschaft für die Tübinger Familie auf einen Dollar belief!)

Als der Alptraum der Inflation vorüber ist, versucht Mariechen ihr gewohntes Leben in Dresden wieder aufzunehmen. Wieder ist ihre finanzielle Lage miserabel trotz der kleinen Zinseinnahmen aus einigen Aktien, die sie immer noch besitzt. Andererseits hat sie keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen als weiterhin das Leben der Gesellschaft zu teilen, zu der ihre Freunde gehören. Ihre Freundschaften bleiben unbeschädigt, aber die alten Vermögen sind geschrumpft, und um ihre gewohnte Rolle bei Gesellschaften und auf Reisen spielen zu können, ist sie darauf angewiesen, ihre elegante Erscheinung zu erhalten, was unweigerlich zu Ausgaben führt. Glücklicherweise ist Mariechen fantasievoll und geschickt genug, um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten, indem sie ihre Garderobe selbst ändert - wenn auch sehr oberflächlich, wie ich selbst bei einem bestimmten Anlass feststellen konnte.

1923 und 1924 muss sie mit den Mannesmanns Verbindung aufgenommen und ein unverbindliches Versprechen erhalten haben, dass ihre Leibrente wieder gezahlt werden würde. Aber sie muss diese Angelegenheit selbst in die Hand nehmen und persönlich dort erscheinen. 1924 fährt sie zwei Mal an den Rhein während eines kurzen Aufenthalts in Wiesbaden, aber beide Male kann sie nicht mit den Verantwortlichen sprechen. Man macht ihr wieder Hoffnungen und vertröstet sie von einem Monat zum anderen. Aus ihren eigenen Briefen entsteht der Eindruck, dass sie zu lange zögerte, aus Gründen, die wie Ausflüchte klingen - wollte sie keine alten Erinnerungen aufrühren? - Schließlich kann sie Mama schreiben, dass sie eine Leibrente erhalten wird, „nicht so hoch wie sie war, nur 200 Mark statt 500“. Aber obwohl sie weiß, dass sie durch Beharrlichkeit mehr herausholen könnte, erklärt sie der Mama, dass sie es müde ist zu kämpfen und nur Frieden will. Jedoch - Franz Erich, der Geschäftsmann, rebelliert. Er konsultiert einen Rechtsanwalt, der Mariechens Anspruch auf 50.000 Mark berechnet und schlussendlich eine Abfindung von 20.000 Mark für Mariechen herausholt - ein Reichtum, dessen sich damals nur wenige rühmen konnten! Ihre Briefe an ihre Mutter klingen triumphierend: Nun endlich wird sie wirklich helfen können; sie spricht von einem monatlichen Taschengeld von 50 Mark für die Mama.

Mariechen muss jedoch in ihrer Begeisterung ihre Freunde sehr großzügig über ihren Glücksfall informiert haben - man kann nun mehr von ihr erwarten, sie selbst braucht keine Hilfe mehr. Und sie führt weiter ihr aufwendiges Leben. Viele ihrer Briefe kommen aus Italien, Monte Carlo usw. - und wie kann jemand wie Mariechen sich einschränken und in einem bescheidenen, billigen Hotel absteigen?

Man kann ihre Briefe nach 1924/25 nicht ohne eine Vorahnung, manchmal sogar etwas wie Schaudern lesen. Praktisch all ihre Briefe handeln von Geld, das sie Mama zu schicken beabsichtigt; aber o weh! - sie hat das Geld, das sie schicken wollte, verloren, oder sie kann es im Moment einfach nicht finden, aber morgen - gewiss! - wird sie welches schicken. Sie verliert auch einiges von ihrem Schmuck; es gibt allerlei Entschuldigungen für das Fehlen von Geld und neue Versprechungen, die kaum jemals erfüllt werden.

Dazu kommt noch, dass Mariechen von unerklärlichen Anfällen von Wut und Verzweiflung berichtet, die auftreten, wenn sie allein zu Hause ist. In einem solchen Anfall hat sie ihren Spiegel zerstört, und sie kann ohne einen solchen doch nicht existieren, da sie ihre Erscheinung überprüfen muss.

Es ist nicht leicht zu verstehen, warum nach solchen Geständnissen es niemand von der Familie für angebracht hält nach Dresden zu fahren, um sie zu besuchen, nach ihr zu schauen und sie dazu zu überreden, sich einem guten Arzt anzuvertrauen. Ein Hindernis mag der dauernde Geldmangel in dieser Familie gewesen sein, ebenso vielleicht gesundheitliche Probleme von anderen Familienmitgliedern. Aber ich habe den Verdacht, dass diese beunruhigenden Nachrichten von den Empfängern solcher Briefe geheim gehalten und als Folge von Mariechens mangelhaftem christlichen Glauben und Verhalten betrachtet wurden. Wir können sicher sein, dass Mama und Emma alle zuverlässigen Mitglieder der Familie anflehten, mit ihnen für das arme verlorene Schaf Mariechen inbrünstig zu beten. Und wir können auch sicher sein, dass sie ehrlich davon überzeugt waren, dass das Gebet helfen würde, wenn überhaupt Hilfe möglich war. Wer wagt ihnen zu widersprechen?

Heimweh
Inzwischen kündigt Mariechen mehrfach ihren Besuch in Tübingen an; sie hat schreckliches Heimweh nach Mama - aber immer taucht etwas auf, das die Reise unmöglich macht.

Ich erschrecke fast bei der Erkenntnis, dass ich mich an einen Besuch Mariechens 1926 oder 1927 erinnern kann, also zu der Zeit, als sie bereits solche beunruhigenden Briefe an Mama schrieb. Sie machte jedoch einen frischen und ausgeglichenen Eindruck und sah in meinen Augen immer noch hinreißend aus, wenn auch etwas zu korpulent. Auf ähnliche Weise muss sie auch ihre Freunde in Dresden getäuscht haben wie auch alle Leute, denen sie begegnete...

Mariechen muss in ihren letzten Lebensjahren ernstliche Probleme mit ihrer Gesundheit gehabt haben; sie schreibt von Sanatoriumsaufenthalten in Dresden, von einem Erholungsaufenthalt in Norderney und 1927 von Radiumbädern in Bad Gastein wegen Gelenkrheumatismus; sie hat auch eine Geschwulst in einem ihrer Knie und erhofft sich Besserung und Gewichtsverlust durch eine Schrothkur, der sie sich in Italien unterzieht. Ohne Zweifel bedeutet dies alles zusätzliche finanzielle Schwierigkeiten, vielleicht Schulden, denn es ist nicht wahrscheinlich, dass Mariechen in irgend einer Phase ihres ruhelosen Lebens eine private Krankenversicherung abgeschlossen hat.

Sehr kurze Kartengrüße treffen ein mit Bemerkungen, dass sie sehr krank sei und Schmerzen habe. Durch Briefe von Emma weiß sie, dass die Gesundheit ihrer Mutter nicht gut ist und dass ihr Leben sich dem Ende zu neigt. Mariechens Verzweiflung ist zu spüren, aber sie kann sich nicht dazu überwinden nach Tübingen zu fahren - sie benützt allerlei Dringlichkeiten als Vorwand, um nicht zu kommen.

Dann, am 15. Februar 1929, stirbt die Mutter Mathilde Zeller in ihrem Heim in Tübingen in der Uhlandstraße 22 in den Armen der getreuen Tochter Emma. Ein Telegramm wird an Mariechen nach Dresden geschickt, aber sie ist krank und kann nicht anreisen, um am Begräbnis teilzunehmen. Die Briefe, die sie nun an Emma richtet, klingen verzweifelt. Doch vergisst sie nicht, sich teilnahmsvoll Gedanken über Emmas Zukunft zu machen. Sie versichert, dass sie nach Tübingen kommen wird, sobald es ihr gut genug geht; Emma drückt in einem Brief an ihren Bruder Willy ihre Hoffnung aus, dass sie, Emma, sie dann pflegen und gesund machen kann, „wie ich das hier oft getan habe.“ Sie erinnert sich daran, dass Mama sie oft gebeten hatte, sich in ihren Worten und ihrem Verhalten gegenüber Mariechen zurückzuhalten: „Du und Mariechen, ihr passt nicht gut zusammen, ihr seid zu verschieden.“ Emma hofft zu Gott, dass sie doch noch die richtige Einstellung gegenüber ihrer Schwester finden möge, falls diese in ihrer Zwangslage nach Tübingen kommen sollte.

Aber sie sorgt sich umsonst: Ihre Freunde in Dresden erzählen Willy, dass Mariechen in den Süden gereist ist; niemand weiß ihre Adresse. Die Ungewissheit über ihren Aufenthalt dauert die ganzen Frühlingsmonate hindurch. Es gibt eine Ansichtskarte aus Monaco, aber keine Adresse, nur die Bemerkung „Ich war sehr krank“.

Endlich kommt Ende Mai die Nachricht, dass Mariechen sich in Marseille aufhält. Sie hat ihren Pass verloren, aber das deutsche Konsulat in Marseille hat ihr ausgeholfen und ihr ein Zimmer besorgt, bis sie reisen kann. Es ist nicht klar, ob sie allein ist oder in Gesellschaft eines Freundes oder einer Freundin. - Dann endlich gibt sie ihrer Familie ihre neue Adresse in Wiesbaden, aber sie fügt hinzu, dass sie unter schrecklichen Schmerzen und hoher Temperatur wegen Gelenkrheumatismus leidet; als sie in Straßburg umsteigen musste, hatte man sie von einem Bahnhof zum andern tragen müssen. Sie wünscht in Ruhe gelassen zu werden, keine Besuche, keine Kontakte, keine Schwierigkeiten mit Behörden.

Es gibt keine weiteren Briefe mehr, die Auskunft über die letzten Monate ihres Lebens geben könnten. Was wir wissen ist, dass sie nie mehr nach Tübingen zurück kommt.

Die letzte Brücke des Vertrauens zwischen ihr und ihrer Familie zerbricht, als ihr Bruder Willy am 15. Juli 1929 an einem Herzschlag stirbt. Zu dieser Zeit ist sie wieder in Dresden, wo ihre Freunde dafür gesorgt haben müssen, dass sie in die berühmte (und sehr teure) Dresdener Kurklinik „Weißer Hirsch“ eingeliefert wird, wo sie in glücklicheren Zeiten einige Wochen mit einer Freundin zur Erholung verbracht hat.

Der Vorhang zwischen Dresden und Mariechens süddeutscher Familie ist gefallen, obgleich ich sicher bin, dass sie weiterhin Briefe von ihren Tübinger Schwestern erhalten hat. Als die Nachricht aus Dresden kommt, dass Mariechen am 6. März 1930 gestorben ist, ist sie dort schon von ihren Freunden begraben worden. Was immer sie hinterlassen haben mag, blieb bei diesen; Wertvolles wie ihr Schmuck muss lang vor ihrem Tod verwendet worden sein, um ihren Aufenthalt und die Behandlung im Sanatorium zu bezahlen.

Und das ist alles - keine Spur bleibt von ihrem Leben außer unserer Erinnerung und jenen Fotografien aus ihren Glanzzeiten.

Aber können nicht gerade diese Bilder immer noch Liebe erwecken in uns, die wir über ihr Leben und ihre Persönlichkeit nachdenken? Eine Liebe und das Versprechen, für die Lebensfreude Partei zu ergreifen und dafür, das Leben gelten zu lassen, indem man es gegen die Bedrohung durch Härte, Bitterkeit und Vorurteil in Schutz nimmt.

(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben