Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Ernst Friedrich Hauff (1822-1849)
Württembergischer Offizier und Revolutionär 1848

Aus: Liesel Reichle Zeller, Spuren der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Heft 11, Stuttgart 1992, S. 81ff
 
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Familie des Stadtpfarrers von Waldenbuch, Gottfried August Hauff, mit seiner Ehefrau Christiane Elisabeth geb. Zeller, und ihre neun Kinder. - Aufgenommen 1847

Ernst Friedrich Hauff ... war der älteste Sohn des Gottfried August Hauff, Stadtpfarrers in Waldenbuch, und seiner Frau Christiane Elisabeth (genannt „Nane“) geb. Zeller (ZB § 51) ... Im Zellerbuch wird Ernst Friedrich Hauff, geb. 1822, als „Artillerieleutnant Ludwigsburg, entlassen 1848“ geführt, sein Tod in Rastatt 13.7.1849 erwähnt. Auf dem Familienfoto von 1847 (s. oben) erscheint er in Uniform, inmitten seiner Brüder hinter den Eltern und den jüngeren Geschwistern stehend. Im Hauff-Finckh‘schen Familienarchiv sind aus dieser Familie viele Briefe gesammelt; man hat den Eindruck von Vollständigkeit - außer gerade während der Zeit zwischen dem Frühsommer 1849 und dem Ende dieses Jahres, wo eine auffallende Lücke in der Korrespondenz klafft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass damals Briefe vernichtet worden sind.

Schon in der Zeit vor der Revolution hatte Nane Hauff darüber geklagt, dass mehrere ihrer Söhne es an christlichem Gehorsam und an Demut fehlen ließen. Etwas Genaueres dazu erfahren wir aus Gertrud Schneider-Hauffs Familienerinnerungen („Saurier tauchen auf“), wo diese von ihrem Großvater Alwin Hauff, dem Schieferbruchbesitzer in Holzmaden, erzählt, wie er „als eifriger Demokrat“ im Jahr 1848 (wohl eher 1849) des Nachts aus dem Tübinger Stift ausgebrochen sei, „um nach Rastatt zu eilen“, aber bei dem Versuch, die Dachrinne hinab in den das Stift umgebenden Graben zu gelangen, in die Tiefe gestürzt sei. Der letzte Brief vor der Lücke, vom 15. Juni 1849, stammt von der ältesten von Ernsts Schwestern, Mathilde. Sie erwähnt die Sorge der Familie um den Bruder Ernst, der jetzt in Baden sei, nachdem er ursprünglich die republikanische Bürgerwehr in Heilbronn habe anführen wollen. Aus dem von Ernst Elsenhans im Juli 1849 herausgegebenen „Festungsboten“ erfahren wir dann den Grund, der zu Ernsts Entlassung aus dem Militär führte: Er hatte an einer Versammlung von Demokraten teilgenommen. Eine direkte Äußerung aus dem Munde oder der Feder dieses jungen Menschen ist nirgendwo aufgezeichnet oder erhalten. Als einziges Zeugnis von seiner Person bleibt uns das Bild des stolz blickenden, lebensfrohen Offiziers, dessen junges Leben in einem zur Zeit seines Todes schon aussichtslosen Kampf hingeopfert wurde.

Seine letzten Lebenstage fallen zusammen mit dem tragischen Ende der badischen Revolution mit der Belagerung und dem Fall der Festung Rastatt. Die Übergabe an die Preußen hat er nicht mehr erlebt. Wir wollen uns die Zustände und Ereignisse in diesem Zufluchtsort der letzten Revolutionäre vor Augen führen. Dr. Wolfram von Hauff, Stuttgart-Feuerbach, hat am Ende seiner Familienerinnerungen zwei zeitgenössische Berichte abgeschrieben und eingefügt, die von verschiedenen Standpunkten aus abgefasst wurden, so dass wir hoffen können, ein einigermaßen wirklichkeitsnahes Bild zu bekommen.

Am 19. Juni 1849 hatte Preußen der republikanischen Regierung des Großherzogtums Baden den Krieg erklärt. Nach der Schlacht bei Waghäusel (21.6.), in der Mögling verwundet wurde, „war alles weitere Kämpfen nur noch ein Decken des Rückzugs, der in das Elsaß oder in die Schweiz führte“. Wer von den Truppen bei den Gefechten an der Murg, in der Nähe von Rastatt, nicht entkam, war in einer Falle gefangen. In die Festung Rastatt, deren Ausbau zur „Bundesfestung“, seit 1841, erst Anfang 1849 vollendet war, hatten sich die Reste der badischen Regimenter, der Volkswehren und Freischaren zurückgezogen, darunter auch ‚16 Heilbronner Turner von der dortigen Bürgerwehr und einige preußische Demokraten. Aber auch die Trümmer ausländischer Legionen wie die der Polen und die der Ungarn bevölkerten nun die Festung. Es waren ihrer etwa 5000 bis 6000 Mann, die mit den Einwohnern der Stadt zu verpflegen waren. Die einschließenden Preußen vom 11. Armeekorps unter ihrem Führer, Graf von der Groeben, waren rund 12.500 Mann stark. Unter ihnen befanden sich auch badische Offiziere und vor allem der Erbauer der erneuerten Festung, der österreichische General Eberle, der mit den Gegebenheiten der Bauwerke bestens vertraut war.

Seit dem 1. Juli war die Festung völlig eingeschlossen. In den ersten Tagen gab es kaum Gefechte; erst in der Nacht vom 6. auf 7. Juli warfen die Preußen Bomben und glühende Kugeln in die Stadt. Es bestand zunächst kein Plan, die Sache aufs Äußerste zu treiben. Doch im Innern der Festung gab es bereits einige Meutereien und sonstige Zuchtlosigkeiten. Der Feuerbacher Ernst Elsenhans (geh. 1815) brachte seit 7. Juli den „Festungsboten“ heraus, durch den er die Stimmung hochzuhalten versuchte.

Am Sonntag, dem 8. Juli, machte ein Trupp Volkswehr und Artillerie einen Ausfall aus der Festung mit dem Ziel, sich aus der Umgebung Vorräte zu beschaffen. Während eines zur Deckung des Unternehmens eröffneten Gefechts an der Murg unter dem Gouverneur der Festung, Tiedemann, wurde das Dorf Rheinau „ausgeleert“: Vorräte an Früchten, Vieh und Wein wurden in die Stadt gebracht. Man sah in diesem Zug auch Verwundete. Unter ihnen muss sich Ernst Hauff befunden haben, denn er wurde bei dem Gefecht von einer Spitzkugel in den rechten Schenkel getroffen. Noch während er im Lazarett lag, stellte sich heraus, dass es in der Festung an Blutegeln für die Pflege der Verwundeten fehlte. Ein Parlamentär wurde am 10.Juli zu Graf Groeben gesandt, der sogleich 1000 Blutegel zur Verfügung stellte. Bei dieser Gelegenheit tauschten die beiden Befehlshaber Schreiben aus, die menschliche und ritterliche Gesinnungen ausdrückten; es war von Edelmut die Rede, und Tiedemann ließ einen preußischen Gefangenen frei, obwohl Groeben sich kein anderes „Gegengeschenk“ erbeten hatte als ein Exemplar des Festungsboten.

Schon am 2. Juli hatte Groeben die erste Aufforderung zur Kapitulation an die Einwohner gerichtet, am 8. Juli eine Flaschenpost in mehreren Exemplaren mit der Nachricht von der Übergabe Freiburgs in die Festung werfen lassen. Aber bei den Eingeschlossenen hielt sich hartnäckig die Erwartung, dass der Aufstand in Südbaden andaure und bald eine Armee unter Sigel anrücken werde. Da machte Groeben den Vorschlag, dass zwei Abgeordnete aus der Festung in Zivilkleidung und unter Begleitung eines preußischen Offiziers und zweier Soldaten per Eisenbahn oder Post bis nach Freiburg und Konstanz geführt werden sollten und dann, wenn sie sich überzeugt hätten, dass ihre Armee nicht mehr existiert, unverzüglich nach Rastatt zurückkehren sollten. Nach einem „Kriegsrat“ wurde dieser Vorschlag angenommen. Verzagt kehrten die Ausgesandten zurück - sie hatten nirgends mehr eine Spur von Sigels Entsatzheer gefunden.

Am 22. Juli wurde ein Schreiben an Graf Groeben gerichtet, in dem es heißt, „man sei unter den obwaltenden Umständen (zwar) willens, die Reichsfestung zur Verfügung des Reiches zu stellen... Die ganze Bewegung sei ein Kampf für die Reichsverfassung gewesen, die ja der Großherzog anerkannt habe; da er das Land verlassen, habe man sich einer anderen Regierung unterwerfen müssen“ In der Antwort des preußischen Befehlshabers heißt es trotzdem: „Die Übergabe erfolgt... auf Gnade und Ungnade. Auf besondere Bedingungen kann nicht eingegangen werden“

Am 23. Juli gegen 6 Uhr früh zogen die Sieger mit Musik in die Stadt ein, nachdem den Besiegten die Kasematten der Festung als Kerker angewiesen worden waren. Es waren etwa 5600 Mann, darunter 118 Württemberger. Sie wurden entwaffnet und dem Standrecht unterstellt

 

In dem Bericht von Otto Wermuth wird am Schluss erwähnt: „Nur dem damals 20jährigen Carl Schurz aus Liblar bei Bonn, ... seinem Burschen Adam und einem weiteren preußischen Leutnant namens Neustädter gelang die Flucht durch einen Abwasserkanal unter der Festungsmauer hindurch.“  Wir wissen, wie viel dieser deutsche Republikaner von 1848/49 nach seiner Auswanderung nach Amerika zum Sieg der damaligen republikanischen Partei des Präsidenten Abraham Lincoln beitrug.

Ernst Hauff war am Freitag, 13. Juli, nachts an seiner Verwundung und einem hinzugetretenen Nervenfieber gestorben und wurde am 16. Juli nachmittags 3 Uhr begraben. Sein Landsmann Ernst Elsenhans setzte ihm in seinem Festungsboten vom 17. Juli ein Denkmal in Form eines „Nekrologs“, der mit den Worten schließt:

„Er war der biederste Freund, er war voll Talent und Verstand, voll Begeisterung für alles Schöne, Wahre und Gute, er war der tapferste Soldat, der liebenswürdigste Mensch.“

Wir fragen uns, wie die Familie Hauff mit diesem Tod des Ältesten fertig geworden, wie sie mit ihm umgegangen ist. Schon die Tatsache, dass keiner der Briefe aufbewahrt wurde, die doch sicher nach dem Ereignis eingegangen sind, spricht dafür, dass man den „Revolutionär“ in der Familie für die Nachwelt möglichst mit dem Mantel des Schweigens bedecken wollte. Es ist anzunehmen, dass mindestens die engere Verwandtschaft im Bilde war - man erinnere sich auch an die Verbindung mit der Familie Mögling. Ein Brief der älteren Schwester Wilhelmine (ZB § 135) von Christian Zeller, dem späteren Markgröninger Rektor, vom 29. August 1849 äußert sich zu den beiden Revolutionären in der Verwandtschaft wie folgt: „Heut ist ... des bad. Großherzogs Geburtstag, ... darum interessiert er mich, weil mir‘s schier leid wär, wenn Th. Mögling begnadigt würde. Man kann ja nicht hoffen, dass er für Gott und Welt brauchbar würde. Hauffs haben‘s noch leicht gegen Möglings“. Ein einziger Brief der Mutter, an die ledig gebliebene Tante Lottle (ZB § 50.11), die jüngste der Zellerschwestern, ist gewiss durch Zufall erhalten geblieben. Nane Hauff antwortet am 28. Dezember 1849, wohl auf eine entsprechende Frage in einem Weihnachtsbrief von Lottle: „Ich möchte unseren Ernst nicht zurückrufen, weil ich glaube, dass er nicht ohne besondere Fügung vom Herrn aus seinem Treiben herausgekommen wäre. Der Herr hat ihn hinweggenommen, er wird ihn in der Ewigkeit zur Demuth und Einkehr in sein Herz zu fuhren wissen ...“

So befremdend der Ausdruck dieser kaum biblischen Glaubenshoffnung manchem erscheinen mag, so sehr ist es zu verstehen, dass das Mutterherz sich nichts anderes vorzustellen vermochte, als dass ihr Kind trotz allem in der Ewigkeit noch eine Möglichkeit der Gnade finden werde.

Für die Sprachregelung, die in der Familie getroffen wurde, findet sich ein viel späteres Zeugnis in der Grabrede, die Jonathan Hauff, damals noch Pfarrer in Allmersbach, für seine am 7. 8. 1904 gestorbene Schwester Pauline Hauff gehalten hat. Er spricht dort von den vielen Abschieden in der Familie: „Von den Brüdern, die außer mir alle älter waren als sie (Pauline), war der älteste schon 1849 verunglückt, der zweite nach Amerika gegangen (Bem.: 1848 !), der dritte hatte sich dem Missionsdienst in Indien gewidmet..“.

Mit seiner negativen Einstellung den Freiheitskämpfern gegenüber war der Pfarrer Hauff nicht allein. Von 1873 an bemühte sich ein Ausschuss von Gesinnungsgenossen und früheren Kampfgefährten vergeblich darum, auf dem alten Friedhof von Rastatt, wo früher auch die Grabsteine der in den Kämpfen um die Festung Gefallenen und ihren Verwundungen Erlegenen gestanden hatten, ein Denkmal für die 1849 standrechtlich Erschossenen errichten zu dürfen. Erst am 50. Jahrestag (1899) wurde der vorbereitete Gedenkstein wenigstens aufgestellt. Eine nachträgliche Gedenk- und Enthüllungsfeier konnte aber erst nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, stattfinden, denn die Weimarer Republik sah im Werk der Paulskirche ihr Vorbild. Jetzt durfte auch der Schlußpassus unter den Namen der Erschossenen eingemeißelt werden:

Den Opfern des Unverstandes und der Willkür
Den Kämpfern für Freiheit und Recht
Den Toten die Lebenden

Darunter noch in kleinerer Schrift:

Gewidmet 1899 von Sozialdemokraten und Demokraten aus Deutschland und Amerika
(Hermann Kraemer im Heimatbuch 1/74 des Landkreises Rastatt, 1974)

Die Liste der Namen auf dem Stein wird angeführt von „Elsenhans, Ernst. Literat von Feuerbach“, der, als „der intellectuelle Urheber“, am 7. August morgens 4 Uhr als erster erschossen wurde. Wolfgang Zeller (ZB § 152), der über diesen Freund des Ernst Hauff gearbeitet hat, vermeldet von seinen letzten Augenblicken: „Er nahm seine Brille und schenkte sie dem Offizier (mit den Worten): Nehmen Sie dies als Andenken von mir; es ist doch recht schlimm so früh schon für seine Überzeugung sterben zu müssen.“

Ludwig Häusser beschließt seine „Denkwürdigkeiten zur Geschichte der Badischen Revolution“ mit den Worten: „Diesen süddeutschen Aufruhr, der in Baden und in der Pfalz die Oberhand hatte, in Hessen, Nassau, Württemberg usw. nur wohlfeile Sympathien, aber keine Taten unter den Gleichgesinnten hervorrief, diesen Aufruhr hat die bestehende Autorität niedergeworfen, ohne besonders große Raschheit und mit ziemlich mäßigen militärischen Erfolgen. Sie hat keine Ursache, allzu stolz zu sein auf diesen Sieg, oder gar in siegestrunkener Verblendung die größere Gefahr vor der kleineren zu übersehen.“

Was damit gemeint sein kann, ist uns nach fast 150-jähriger deutscher Geschichte leichter verständlich als den damaligen Lesern von Häussers Buch.

                            (in dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)
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