Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Einmal selbst im Reichstag debattieren
300 Jugendliche aus ganz Deutschland kommen zum Planspiel „Jugend und Parlament" in die Hauptstadt

Die Rheinpfalz Nr. 149, 1. Juli 2009. Von Lisa Zeller (147.111) - Vier Tage lang in die Rolle von Bundestagsabgeordneten schlüpfen, ausgestattet mit fiktivem Namen, fiktivem Profil und vorgeschriebener politischer Gesinnung: Das durften rund 300 an Politik interessierte junge Leute aus ganz Deutschland beim Planspiel Jugend und Parlament" in Berlin. Dabei diskutierten die 16- bis 20-Jährigen über Themen wie Biokraftstoffe und direkte Demokratie.
Mittendrin: XXpress-Mitarbeiterin Lisa Zeller
 
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 Geben zum Abschluss des Planspiels Presserklärungen im Reichstagsgebäude ab: Lisa Zeller (dritte von links) und die anderen Vorsitzenden der fiktiven Bundestagsfraktionen. (Foto: Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde)

      Gleich nach unserer Ankunft wurden wir in ebenfalls fiktive Parteien eingeteilt, die den tatsächlich im Bundestag vertretenen grob nachempfunden waren. So stand „ÖSP" (Ökologisch Soziale Partei) in großen Druckbuchstaben auf dem mir zugeteilten Ordner mit Informationsmaterialien. Damit ging mein Wunsch in Erfüllung, im Planspiel eine Position zu vertreten, die meiner wirklichen politischen Gesinnung nicht entspricht - eine interessante Herausforderung!
      In einer kurzen Vorbereitungszeit hatte nun jeder Teilnehmer die Möglichkeit, sich in seine Rolle einzufinden und die zugeteilte Biografie zu verinnerlichen. Ich, alias Charlotte Stein, schlüpfte für die nächsten vier Tage in die Rolle einer 28-jährigen Politikwissenschaftlerin aus Koblenz.
      Nach den begrüßenden Worten der Bundestagsvizepräsidentin, Ger- da Haselfeld, sollte das Planspiel offiziell beginnen. Für die kleinen Fraktionen ÖSP, LRP (Liberale Reformpartei) und PSG (Partei der sozialen Gerechtigkeit) begannen die ersten Fraktionssitzungen. Die beiden großen Parteien KVP (Konservative Volkspartei) und APD (Arbeiterpartei Deutschlands) trafen sich zunächst in den kleineren Landesgruppen. Dort wurden organisatorische Dinge besprochen - noch ohne Fraktionsvorsitzenden.
      Diesen galt es am nächsten Tag zu bestimmen. In meiner Fraktion wollte ich für diesen Posten kandidieren. Schließlich einigten wir uns auf eine Doppelspitze aus Männlein und Weiblein - wie es bei Bündnis 90/Die Grünen geregelt ist, die als „Vorbild" für die ÖSP diente.
      Nach der gewonnenen Wahl änderte sich für meinen Mitvorsitzenden Emil Müller-Wums und mich einiges: Von der „Chefreihe" aus sollten wir nun die Fraktion anleiten, die Meinungen bei teilwgise hitzigen Diskussionen auf einen Konsens brin gen und die Fraktionsstrategie festlegen. Das war nicht immer einfach, sondern genau genommen anspruchsvoll und nervenaufreibend.
      In Arbeitsgruppen innerhalb der Fraktion wurden zum Beispiel vier Gesetzesvorlagen zu den Themen Biokraftstoffe, Direkte Demokratie, Rentenreform und Bundeswehreinsatz im fiktiven Staat Orinokien beraten. Als Vorsitzende hatten Emil und ich die Aufgabe, durch Abstimmungen die Position der ÖSP dazu festzulegen. In den Ausschüssen sollten unsere Abgeordneten unsere politische Linie so gut wie möglich vertreten - mit dem Ziel, zufriedenstellende Ergebnisse in der Dritten Lesung, der endgültigen Abstimmung im Plenarsaal, zu erreichen.
Da die Mehrheitsverhältnisse im Planspiel an die im echten Bundestag herrschenden angelehnt waren, hatte die Große Koalition aus KVP und APD eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Für Oppositionsparteien wie unsere war es somit unmöglich, Einfluss auf die Ergebnisse der Abstimmungen zu nehmen oder Änderungsanträge einzubringen. Das Ohnmachtsgefühl der Opposition spürten wir daher am eigenen Leib. In den Gesichtern mancher Abgeordneter spiegelte sich gegen Ende des Spiels ein gewisses Maß an Deprimiertheit wider. Im Gegensatz dazu plagten einige Abgeordnete der großen Parteien über Gewissensbisse bei Entscheidungen, die nur nötig waren, um die Vereinbarungen mit dem Koalitionspartner einzuhalten. So erfuhren wir sehr anschaulich, wie Politik einem bisweilen „unter die Haut" gehen kann.
      Außerhalb des Spiels gab es einen regen Austausch mit den anderen Teilnehmern, wobei nicht jeder die nötige Toleranz an den Tag legte. Manche Zeitgenossen hielten ihre Meinung gar für die einzig richtige. Dazu sagte Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, in seiner Abschlussrede: „Die Mehrheit legt lediglich fest, was umgesetzt wird. Das bedeutet nicht, dass die Mehrheit mit der Wahrheit gleichzusetzen ist."
Das Planspiel hat großen Spaß gemacht, war lehrreich und hat zumindest mir klar gemacht: Wir, die junge Generation, sollten über unser Wahlrecht hinaus die Möglichkeit nutzen, Politik mit zu gestalten. Denn nur so können wir über unsere Zukunft mit entscheiden. (Isz)
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