Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Anna Maria Zeller geb. Geisel (1626-1687)
Stammutter der Maulbronner Linie

von Karl August Zeller (§ 421), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell,
Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 48-53

 
Bild
 

1961 habe ich beim Zellertag das Lebensbild der Stammutter der BebenhausenerZeller-Linie, Judith Zeller, geb. Schwarz, zu zeichnen versucht. Heute soll nun über das Leben der Stammutter der Maulbronner Zeller-Linie, Frau Anna Maria Zeller, geb. Geisel (ZB § 393), geboren am 3.2.1626 in Calw, gestorben am 9.8.1687 in Alpirsbach, berichtet werden. Auch dieses Leben fällt in die Notzeit des 30jährigen Kriegs und der auf ihn folgenden Jahrzehnte.

Anna Maria entstammte dem angesehenen Geschlecht der Geisel in der Stadt Calw, das eine führende Rolle im Calwer Wirtschaftsleben spielte. Letzteres war gegen Ende des 16. Jahrhunderts mächtig aufgeblüht. Es wurde nämlich die bisherige Tuchherstellung abgelöst durch die Gewinnung von leichten Wollstoffen, sogenannten „Zeugen“. Die neuen Stoffe, vor allem der sogenannte „Engelsait“, fanden glänzenden Absatz. Es kam zu einer richtigen Hochkonjunktur. Der Begriff „Engelsait“ wurde sogar zur Berufsbezeichnung für die die neuen Stoffe herstellenden Zeugmacher oder Knappen, die man nun „Engelsaiter“ hieß. Wie auf der einen Seite eine große Zahl von arbeitsuchenden „Knappen“ nach Calw strömte, so fanden sich andererseits besondere „Verleger“, das heißt markt- und messekundige Personen, die mit den Absatzmärkten, den Wege- und Transportverhältnissen, den auf den Absatzmärkten herrschenden „Usancen“, den Währungen und Geschmacksrichtungen vertraut waren. Bald mußten, da die Wollerzeugung des nächsten Umkreises nicht mehr ausreichte, diese „Verleger“ auch die Belieferung mit dem wesentlichen Rohstoff „Wolle“ in die Hand nehmen, wozu gewisses Kapital erforderlich war. Das fertige Produkt Engelsait wurde z.B. nach einer Notiz aus den württ. Landtagsakten vom Jahre 1599 in einer Höhe von 5 000 bis 6 000 Stück zur Frankfurter Messe gebracht und dort zum Stückpreis von durchschnittlich 6 fl. verkauft. Aber auch die Messen zu Worms, Nördlingen, Straßburg und Basel wurden besucht. Man kann sich vorstellen, daß die Verleger bald zu großem Wohlstand gelangten.

Eine unter ihnen besonders hervortretende Persönlichkeit war Noa Geisel, der auch das Ehrenamt des Calwer Bürgermeisters innehatte und seit 1594 immer wieder Angehöriger des altwürttembergischen Landtags und seiner Ausschüsse war. Zu dieser Familie Geisel gehörte auch Josef Geisel, der mit Maria Essich aus Neubulach verheiratete Vater unserer Anna Maria. Joseph Geisel, ein offenbar in Calw sehr angesehener Mann, war Gerichtsverwandter, betätigte sich sicherlich ebenfalls als Verleger der Engelsait-Erzeugnisse und war dabei sehr vermögend geworden. Mit ihm und 11 anderen Calwer Bürgern gründete der seit 1620 in Calw wirkende Dekan Johann Valentin Andreae im November 1621 eine Stiftung zu wohltätigen Zwecken, in die jeder der Beteiligten ein ansehnliches Kapital einbrachte. Die Beteiligten hießen „Compagnieverwandte“. Die Stiftung war teils für Kirche und Schule, teils auch als Vorsorge für die Nachwelt gedacht und hat unter dem Namen „Färberstift“ bis zum Inflationsjahr 1923 bestanden.

Aber nicht bloß durch seine Teilnahme bei der Gründung dieser Stiftung zeigte Joseph Geisel seine soziale Gesinnung. Er bekundete diese auch, als nach der Niederlage der Evangelischen bei Nördlingen im Herbst 1634 das Württemberger Land feindliche Besetzung zu erleiden und schlimme Kriegsnöte zu erdulden hatte. Schon 14 Tage nach der genannten Schlacht waren kaiserliche Truppen auch nach Calw gekommen, das gänzlich niederbrannte. Die Bewohner, so auch die Eltern Geisel mit der 8jährigen Anna Maria mußten in die Wälder flüchten, dort - von feindlichen Horden hin- und hergejagt - kampieren und Hunger und Durst leiden. Als die Rückkehr nach Calw endlich möglich war, lagen wie die anderen Gebäude, so auch die 3 Häuser der Familie Geisel in Schutt und Asche. Das Land konnte der feindlichen Besetzung wegen nicht bebaut werden. Hungersnot und Armut waren die Folge. Da kauften etliche Compagnieverwandte, darunter Joseph Geisel, um teures Geld Brot und ließen es auf gewisse Tage der Woche unter die vielen Hunderte von Armen verteilen. Joseph Geisel vertraute diese Verteilung seinem jungen Töchterlein Anna Maria an, die dieser Aufgabe, wie die Leichenrede es ausdrückt, „mit großer Bescheidenheit Treue und Liebe“ nachkam, so daß die bedachten Armen ihr zuliefen und ihr Segenswünsche zuriefen. Die gut geartete, von ihren Eltern wohl erzogene und neben der Schule schon früh zu häuslichen Arbeiten angehaltene Anna Maria hatte bald Gelegenheit, ihre Kenntnisse im Hauswesen anzuwenden. Die Feindbesetzung brachte die Pest nach Württemberg. Als alle anderen Familienglieder an ihr krank darniederlagen, mußte das kaum 9 Jahre alte Kind die Küche und die ganze Haushaltung versehen. Die kleine Person war dabei genötigt, sich beim Herd eines Schemels zu bedienen, was sie später oft erzählte. Mit den Jahren waren ihr Küchen- und Haushaltungsgeschäfte so vertraut, daß sie keinen Augenblick müßig gehen wollte und mehr Lust bei ihrer Arbeit empfand als andere bei reinen Vergnügungen.

Zwischen den Familien Geisel und Zeller hatte es schon früher verwandtschaftliche Beziehungen gegeben. Johann Konrad Zeller, der nachmalige Prälat von Bebenhausen und ältester Bruder des späteren Maulbronner Prälaten Johannes Zeller, war in 1. Ehe mit Anna Maria Essich, einer leiblichen Base unserer Anna Maria Geisel, verheiratet. Zudem stand Johann Valentin Andreae, der Initiator der Calwer Compagnie und des Färberstifts, wo ja Joseph Geisel eine wichtige Rolle spielte, seit Jahren in freundschaftlichen Beziehungen zur Familie Zeller. So fand die Brautwerbung Johann Konrad Zellers für seinen Bruder Johannes Zeller, den damaligen jungen Pfarrer von Neuweiler, Kreis Calw, eine günstige Aufnahme. Offenbar bemühte sich die erst 20jährige Anna Maria schon vor der am 8. Juli 1646 in Calw stattgefundenen Trauung, ihrem künftigen Gatten eine gute Hilfe zu sein. Denn aus den noch erhaltenen Kirchenbüchern der damals vom Pfarramt Neuweiler mitversehenen Gemeinde Breitenberg ist zu entnehmen, daß schon bei einer Taufe in Breitenberg am 11. Juni 1646 Maria Geisel von Calw, „pastoris sponsa“, also die Braut des Pfarrers Patin war.

Pfarrfrau geworden, hatte sie sicher keinen leichten Einstand. Ihr Gatte hatte trotz damals nicht ganz fester Gesundheit von Neuweiler aus zugleich noch die je mehrere Kilometer entfernten Dörfer Breitenberg und Oberkollwangen als Pfarrer zu betreuen. Es handelte sich um eine rauhe, waldreiche Gegend mit einer Höhe zwischen 600 und 700 Metern über dem Meeresspiegel. Der Ertrag an Feldfrüchten, in dieser Landschaft schon in normalen Zeiten kein allzu großer, war wegen der Kriegsverhältnisse und der deshalb vielfach brachliegenden Flächen ein minimaler, so daß auch die dem Pfarrer zustehenden „Zehnten“ kaum der Rede wert waren. Dabei mußte der Pfarrer Johannes Zeller, wie aus einer Bemerkung in seiner Leichenrede hervorgeht , damals „ohne Besoldung dienen“, erhielt also kein Bargeld. Es wird schon der ganzen Einteilungskunst der Pfarrfrau bedurft haben, mit ihrem Mann über diese ersten Ehejahre hinwegzukommen.

Etwas leichter wurde es für die Familie, als Johannes Zeller 1649 die nicht ganz so hoch und nur im Schwarzwaldvorland gelegene Pfarrei Münklingen im Kreis Leonberg erhielt, wobei er das nahe Möttlingen mit zu versehen hatte. Schon nach 2 Jahren folgte eine neue Versetzung, diesmal nach Lienzingen unweit von Maulbronn. Diese Stelle hatte Johannes Zeller unter 40 freien Pfarreien aussuchen können. Das erhellt so recht die großen Lücken, die vor allem nach der Schlacht bei Nördlingen Kriegsnöte, Pest und Hunger unter den schwäbischen Pfarrern gerissen hatten. Lienzingen lag im Unterland und hatte einen recht fruchtbaren Ackerboden.

Auch begann sich allmählich der 1648 geschlossene Westfälische Frieden auszuwirken. So werden die in Lienzingen von 1649 bis 1661 verbrachten Jahre wirtschaftlich etwas leichter gewesen sein. 1661 wurde Anna Marias Gatte zum Dekan in der damals noch stark zerstörten Amtsstadt Waiblingen befördert. 1669 verließ er sie, um das Dekanat in dem vom Dreißigjährigen Krieg nicht so stark mitgenommenen Städtchen Vaihingen an der Enz zu übernehmen. Dort in Vaihingen war schon der ältere Bruder Johann Konrad, nachmaliger Prälat von Bebenhausen, in den Jahren 1654 bis 1660 Dekan gewesen.

Und noch ein Ortswechsel und Umzug war unserer Ahnfrau beschieden. Im Sommer 1680 mußte ihr Gatte auf Anordnung des Herzogs von Württemberg mit seiner Familie die ihm übertragene Prälatur Alpirsbach beziehen. So kehrte die gebürtige Schwarzwälderin wieder in die Schwarzwaldlandschaft zurück, in der sie 7 Jahre später auch ihre letzte Ruhestätte finden sollte.

In allen Wirkungsorten war Anna Maria ihrem Gatten eine treue Helferin, eine echte Pfarrfrau, fromm und gottesfürchtig, guttätig gegen Arme, wie sie das ja von Jugend auf gewohnt war, liebreich und frei freundlich gegen ihre Mitmenschen, gleich welchen Standes, von denen so manche mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr kamen, dazu eine tüchtige und fleißige Wirtschafterin.

Wie das äußere Zeitgeschehen damals recht wechselvoll verlief, so war unserer Ahnfrau auch in der Familie Freud und Leid beschieden. Von den 8 Kindern, 3 Söhnen und 5 Töchtern, denen sie das Leben schenkte, mußte sie das älteste Kind schon im ersten Lebensjahr dahingeben. Ein Sohn Joseph starb siebenjährig in Waiblingen im Frühjahr 1667. Zwei Töchter, Beate Maria und Christine wurden im blühenden Alter von 18 und 22 Jahren in Vaihingen/Enz im Jahre 1676 innerhalb von 8 Wochen zu Grabe getragen, die ältere davon, Christine, ganz kurz vor ihrer Hochzeit mit dem Stadtschreiber Georg Ludwig Hofstetter von Neuffen, mit dem sie bereits aufgeboten war. Aber 2 Söhne und 2 Töchter durfte die Mutter heranwachsen sehen und sich daran freuen, daß der ältere Sohn Christoph als 1. Klosterpräzeptor und Prediger in Maulbronn, der jüngere Sohn Johannes als Arzt, zuletzt als Professor der Medizin in Tübingen, angesehene Stellung .n erlangten und beide sich, ebenso wie die ältere der beiden Töchter verheirateten. Die Geburt von 13 Enkeln, von denen immerhin 8 am Leben blieben, war für die Großmutter besonders schön. Ein außerordentlich herzliches Verhältnis verband sie mit der Frau ihres jüngeren Sohnes Johannes. Dieser hatte sich, soeben zum Dr. med. promoviert und vom Herzog von Württemberg zum Physicus in Freudenstadt ernannt, im Juli 1684 mit Anna Christine Weyler aus Gernsbach vermählt, mußte aber auf herzoglichen Wunsch alsbald nach der Hochzeit mit dem Erbprinzen von Oettingen eine ausgedehnte Reise nach Holland und Frankreich antreten. Die lange Zeit der Abwesenheit des Gatten verbrachte die junge Frau bei den Schwiegereltern in Alpirsbach, wobei sie insbesondere ihrer Schwiegermutter Anna Maria Zeller sehr nahe kam. Diese warme Verbundenheit blieb auch bestehen, als die Schwiegertochter mit dem heimgekehrten Gatten 1686 nach Tübingen übersiedelte, wo ihm eine außerordentliche Professur der Medizin übertragen worden war. Anna Maria war deshalb sehr bekümmert, als diese Schwiegertochter bei der Geburt ihres ersten Kindes, eines Töchterleins, Anna Christine, am 14. Juli 1687 in Lebensgefahr geriet, und der Zustand der Wöchnerin nach anfänglicher Besserung sich bald wieder verschlimmerte. Eine plötzliche Unpäßlichkeit, die in diesen Tagen den Prälaten Johannes Zeller frühmorgens bei einer Predigt in der Alpirsbacher Klosterkirche zum vorzeitigen Verlassen der Kanzel zwang, nahm die Frau Prälatin noch mehr mit. Und als sie am 1. August 1687 in der Frühe als erste den Postillon erblickte, der die Nachricht von dem am 31. Juli 1687 erfolgten Ableben der Tübinger Schwiegertochter überbrachte, erschrak sie so heftig, daß sie, vom Schlag gerührt; über die Türschwelle zur Erde niederfiel. Linksseitig gelähmt, mußte die arme Leidende unter großen Schmerzen noch acht Tage bei vollem Bewußtsein auf dem Krankenlager zubringen. Sie nahm bewegten Abschied von ihrem Gatten und ihren Kindern und verschied endlich nach hartem Todeskampf betend und unter dem Gebet ihrer Lieben am 9. August 1687. Am 12. August 1687 wurde sie auf dem Gottesacker in Alpirsbach begraben. Eine große Zahl von heute Lebenden aus allen Ständen darf sich zu den Nachkommen dieser vortrefflichen Frau, einer Vorfahrin Ludwig Uhlands, rechnen. Wir wollen ihr ein dankbares Gedenken bewahren.
(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben