Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Ulrich Zeller (1884-1985)
Pädagoge, Historiker, Politiker

Gerhard Nick, in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell,
Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 93-96

 
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Als eine in sich ruhende Persönlichkeit, geistvoll, charakterfest in den Wirren unserer Zeit, so erscheint Ulrich Zeller (ZB § 79) dem Betrachter.

Er wurde in Waiblingen geboren, wuchs in Freudenstadt auf als Sohn des dortigen Dekans zusammen mit zwei Schwestern und erhielt seine Bildung in den Seminaren von Maulbronn und Blaubeuren. Als Philologiestudent in Tübingen trat er der Verbindung Normannia bei. Diesem Freundesbund blieb er zeitlebens treu. Der Anglist und Romanist vervollkommnete seine Sprachkenntnisse in Paris und London, ein für die damalige Zeit recht ungewöhnliches Unternehmen. Seine ganz besondere Liebe galt im Laufe seines Lebens der Geschichte und den Zusammenhängen der politischen Welt. Dieser Interessenschwerpunkt führte ihn in die Gedankenwelt und in den Kreis von Friedrich Naumann.

Was wollte Friedrich Naumann? Dieser hatte 1896 den national-sozialen Verein gegründet; das Programm war einleuchtend und aktuell: der Arbeiter fühlte sich im Frühkapitalismus deklassiert und verschrieb sich Marx und der Internationale, der Unternehmer fühlte national, war aber häufig unsozial, ein Ausbeuter. Die Sozialdemokratie bekämpfte die Verbindung von „Thron und Altar“ und setzte ihren Atheismus dagegen. Naumann forderte ein Doppeltes: Ausbau der Bismarckschen Sozialgesetze unter dem Schutz eines starken Kaisertums, also ein soziales Kaisertum und eine nationale Arbeiterschaft. Eine eigene Parteigründung scheiterte. Dafür gelang Naumann der Zusammenschluß liberaler Einzelgruppen zur „fortschrittlichen Volkspartei“ (DVP, später FDP). Ihr trat Ulrich Zeller bei. Der nationalen, liberalen und sozialen Idee blieb er sein ganzes Leben treu und rückte auch keinen Schritt im Dritten Reich von ihr ab.

In der mehrheitlich süddeutschen, mittelständischen Partei fand er seine Freunde: Theodor Heuss, Johannes Hieber, den württembergischen Staatspräsidenten von 1920-1924, Reinhold Maier, mehrfachen Ministerpräsidenten, den populären liberalen Politiker Johannes Fischer, die Frauenrechtlerinnen Gertrud Bäumer und Mathilde Planck. Die Parteifreunde und Anwälte Friedrich Payer und Conrad Haußmann trugen unter dem Eindruck des Schweizer Vorbildes einer Basisdemokratie zum Entwurf der Weimarer Verfassung (Volksbegehren / Volksentscheid) bei. In diesem Kreis bedeutender Persönlichkeiten fühlte sich Ulrich Zeller wohl. Nach Conrad Haußmanns Tod gab er dessen Reichstagsbriefe und Aufzeichnungen unter dem Titel „Schlaglichter“ heraus, ein sehr lebendiges Zeitbild.

Glückliche Jahre waren es, in denen er zahlreiche Aufsätze, Buchbesprechungen zur modernen Geschichte veröffentlichte, die im Stuttgarter „Beobachter“, im „Stuttgarter Neuen Tagblatt“ und in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen. - Glücklich auch darin, daß er 1916 Liesel Hopfengärtner heiratete. Aus der Ehe gingen die beiden Töchter Susanne und Barbara hervor. 1912 hatte er eine ständige Anstellung am Schwäbisch Haller Gymnasium erhalten. In selbstverständlicher Pflichterfüllung nahm er am 1. Weltkrieg teil, immer in vorderster Linie als Offizier im Württ. Infanterieregiment 121. - Von Schwäbisch Hall zog er mit seiner Familie 1925 nach Ludwigsburg. Dadurch war er Stuttgart näher und den Möglichkeiten, welche die Bibliotheken boten und der Austausch mit den Freunden in der Parteizentrale. In Ludwigsburg wie vorher in Schwäbisch Hall gehörte er dem Vorstand der DVP an; dazu kam noch, daß er sich im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ an führender Stelle exponierte. Hart getroffen wurden er und seine noch kleinen Kinder durch den Tod seiner Frau Liesel 1930. Eine verständnisvolle Gefährtin wurde ihm 1932 zuteil durch seine zweite Frau Elsbeth Miller. Sie trug die Kämpfe mit den Nationalsozialisten tapfer mit. Eine dritte Tochter Erika verband die kleine Familie noch fester. 1933 wurde Ulrich Zeller nach Göppingen strafversetzt von dem neuen System; es war rechtlich ein unmöglicher Vorgang, denn gerade er hatte der noch gültigen Verfassung die Treue gehalten. Hier lebte er in den nächsten Jahren zurückgezogen seiner wissenschaftlichen Arbeit und den Aufgaben der Schule. 1940, also im Alter von 56 Jahren, stellte er sich aufs neue dem Vaterland zur Verfügung und kam in mancherlei militärischen Verwendungen bis nach Estland.

Es war eine berechtigte Wiedergutmachung, ihn 1945 zum Schulleiter des Hohenstaufen-Gymnasiums Göppingen zu ernennen. Dies Amt füllte er vorbildlich aus bis zu seiner Pensionierung 1951. Trotz Raum- und materieller Not wurde er den aus dem Felde heimkehrenden Kollegen, Soldaten und Flakhelfern gerecht. Von Schülern und Lehrern verehrt und geschätzt und getreu seiner liberalen und demokratischc Überzeugung, verstand er es, alle zu einer harmonischen Zusammenarbeit zu führen. Hier entstand als erste im Land die Schüler-Mitverwaltung und -Verantwortung, bei der die Schülerschaft in Teilen des Schullebens initiativ werden kann.

Worauf beruhte die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit? Auf seinem umfassenden Wissen, seinem entschiedenen, ruhigen Wesen und auch auf der versöhnlichen Art gegen die, die auf der anderen politischen Seite gestanden waren. Er glaubte, daß der immerwährende Appell an die Vernunft, was die Griechen Sophrosyne nannten, zur Einsicht und zum demokratischen Konsens führen müsse. Der Pädagoge, Historiker und Politiker vereinigte diese drei Elemente glücklich in sich.

In die lange Zeit des Ruhestandes fallen manche schriftstellerischen Arbeiten, Aufsätze, Buchbesprechungen und Literaturberichte zur Geschichte. Erwähnt soll hier nur eine große Arbeit werden von 1959: „Die Epoche der Weltkriege - Überblick über die deutsche Geschichte von 1914-1958“ und geschichtsphilosophische Arbeiten über Spengler und Toynbee (die letztere ungedruckt). Den Begriffen „nationalsozial“ und „nationalsozialistisch“ widmete er eine Arbeit von 1969. Auch in der Loge „zur Katharinenlinde“ Eßlingen-Göppingen war er ein anregendes und tätiges Mitglied.

Von seiner Frau mit Hingabe gepflegt nahm er die zunehmende Erblindung und die Beschwerden des Alters mit Würde auf sich. Unter großer Teilnahme der Öffentlichkeit konnte er noch 1984 seinen 100. Geburtstag begehen. 1985 durfte er heimgehen. Wer Ulrich Zeller persönlich näher kannte, wußte: hinter seiner scheinbar kühlen Sachlichkeit verbarg sich ein warmes und gütiges Herz.
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