Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Das Gartenbild ("Pinitas-Bild") aus Tübingen

1887 von der 15jährigen Emma Zeller (ZB § 72) gemalt

 
Bild
 
Auf Emmas großem Bild sind im Vordergrund alle Zeller-Kinder und ihre Freunde und Spielkameraden abgebildet, aber rechts im Bild öffnet sich die Kulisse der Bäume, die den Hintergrund bilden, und man sieht in einem kleinen Ausschnitt zwei jüngere Männer, wohl Gehilfen, mit einem älteren Mann mit rötlichem Bart und Mütze, der ihnen einen Handgriff vorführt und erklärt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Mann den Vater Zeller darstellt, der die beginnenden Bauarbeiten zu beaufsichtigen hatte.

Von Agnes Landerer, einer Altersgenossin der Kinder von Wilhelm F. Zeller (ZB 58) gibt es eine Erzählung aus den 30er Jahren für die damals etwa 65jährigen Jula, Emma, Tilda und Franz Zeller aus ihrer gemeinsamen Kinderzeit in Tübingen. Die Familie Landerer wohnte vor 100 Jahren neben dem Botanischen Garten, dem damaligen Wirkungsfeld von Wilhelm Zeller. Mancher wird die Geschichte, wenn auch hier leider nicht in voller Länge, gerade heute wieder gern lesen:

 

Der botanische Garten von Tübingen war um 1885 auf seiner Höhe, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht, auch gärtnerisch und landschaftlich. Wie aus einem Guss vereinten sich Natur und Kunst, Vorhandenes und Angelegtes. Gegründet in den Jahren 1802 oder 1803 waren die damals gepflanzten Bäume und Baumgruppen jetzt herrlich herangewachsen; die Ammer, die ihn durchfloss, war ein lustiger kleiner Bach, an dessen Ufern Enten schlabberten und Nahrung fanden. An diesem Stück der Ammer lag das sogenannte „Arboretum“, ein früherer Friedhof der Stadt, jetzt zum botanischen Garten gehörig, noch umschlossen von der alten Mauer, in deren Längsseite große steinerne Grabplatten eingelassen waren. Er enthielt fast nur Rasenplätze mit seltsam verschnörkelten alten Bäumen, viel Cypressen, die einst auf die Gräber gepflanzt worden waren.

An das Arboretum Schloss sich der zweite Teil des botanischen Gartens an, der sogenannte neue Garten, mit drei bis fünf Glas- und Treibhäusern und vielen Versuchsbeeten. Auch er lief entlang der Ammer und Schloss ab mit dem botanischen Institut. Der dritte, wesentlich größere Hauptteil des botanischen Gartens lag, durch kleine Brücken verbunden, diesseits der Ammer. Eine Anzahl kleiner Teiche mit den entsprechenden Wasserpflanzen bargen Salamander und Frösche; es gab einen kleinen Hain mit einer Grotte darin, einige Brunnen, die im Schatten murmelten, Häuschen und Hütten für Gartengeräte und sonstiges Zubehör, mit duftenden Rosen umwachsen, große und kleine Stege und Wege, viele Bänke, denn der Garten war öffentlich und man konnte ihn, in seinen drei Teilen wirklich stundenlang durchwandern. Vor einer schönen Baumgruppe stand das Hölderlin-Denkmal.

Ziemlich in der Mitte des Gartens lagen zwei große Glas- oder Treibhäuser, die in der Mitte verbunden waren durch ein Wohnhaus, bestimmt für den Obergärtner, die Gärtnergehilfen und im oberen Stock für den Inspektor des botanischen Gartens.

Als solcher kam 1882 hierher aus Marburg a.d. Lahn Herr Zeller mit seiner Frau und sieben Kindern. Mein Vater wurde Arzt in der Familie und dadurch und die gemeinsame Schulbank wurden wir, meine jüngere Schwester Lisa und ich, schnell befreundet mit unseren Altersgenossen und deren Geschwistern. Herr und Frau Zeller waren von einer unbegrenzten Gastfreundschaft und Güte, die ich dankbaren Herzens nie vergessen werde. Statt sieben waren es oft zwölf bis vierzehn Kinder, die sich im und um das Haus herum tummelten. Und ich glaube, ich sage nicht zuviel: einen idealeren Spielplatz als wir ihn hatten, konnte es überhaupt nicht geben! In engster Berührung mit der Erde, mit der Pflanzen- und Tierwelt wuchsen wir auf und immer in Gottes frischer und freier Luft. Und was für ein Lehrmeister ist der botanische Garten für uns geworden! Was haben wir alles gesehen, in uns aufgenommen und gelernt! Die Freude am Edelsten, Schönsten, was es für den Menschen gibt, die Freude an der Natur.

Es war für uns selbstverständlich, dass der Garten von uns geschont wurde, dass nicht auf die Beete und Länder getreten wurde, nichts abgepflückt ohne ausdrückliche Erlaubnis, und dass nur die Bäume im Arboretum erklettert werden durften. Aber wir hatten ja so übergenug Raum und Bewegungsfreiheit! „Verstecken im ganzen Garten“, „Räuber und Landjäger“, „Anschlag an der Topfhütte“ und was es noch für Spiele gab, bei denen gerannt und gesprungen, gelaufen und geklettert werden musste. Im Arboretum war der sogenannte Kletterbaum, eine große Tanne mit einseitig entwickelten Asten, die leiterartig gewachsen waren. Wenn man, vom Verfolger ungesehen, dort hinauf konnte, so fühlte man sich in dem dichten Gipfel wohlverborgen. Auch die sehr großen Ofenlöcher der Warmhäuser waren beliebte Verstecke oder die großen dichten Taxusgebüsche. Gelegentlich rannte man auch zu einem Gartentor hinaus, umging den Garten ein Stück oder ganz und schlüpfte zu einem anderen Türchen wieder herein, oder man verschwand spurlos über die Mauer, irgendwohin, wo man sich sicher glaubte. Jede Jahreszeit brachte ihre besonderen Spiele.

Zeller entstammte der großen und berühmten schwäbischen Zeller-Familie, war selbst hochbegabt und übertrug diese Begabung auch auf einen Teil seiner Kinder. Es war eine lustige Schar, meine Spielgefährten von damals. Jula, die Älteste der Geschwister, war bildschön, mit glänzenden braunen Augen und langen Zöpfen. Sie war ein Mütterchen, für uns ebenso, wie für die Geschwister, deren Strümpfe sie stopfte - und das wollte etwas heißen! - Schularbeiten überwachte, die Kleinen mitbesorgte und nebenher noch eine gute Schülerin war und fleißig Klavier übte. Emma, die Zweite, konnte Märchen erzählen wie weiland Scheherezade und hatte ein großes Zeichentalent. Dann folgte Tilda, meine Altersgenossin, mit einem kecken Stumpfnäschen, darüber zwei lustig graue Augen, immer lustig und ausgelassen, wenig beschwert von Schule und anderen Sorgen. Franz, Gustav und Willy waren echte und rechte Buben, die sich kräftig herumbalgten und bei keinem Streich den Spielverderber machten.

Emma war es, die uns lehrte, Eidechsen zu belauschen. Etwas Feines, Leises und Stilles lag über ihrem ganzen Wesen, auch in ihrer Stimme. Die Eidechsen hausten zu vielen Pärchen in der alten Mauer, die das Arboretum umschloss. Schimmernd goldgrün, mit den klugen Auglein und dem kleinen lebhaften Zünglein, war es schon eine Lust, sie zu erblicken, und nun schlichen wir, geführt von Emma, leise heran an die sonnigen Mauerstellen, wo sie unbeweglich lagen oder blitzschnell hin- und herhuschten. „Nun müßt ihr ganz fein und leise singen, aber eigentlich nur eines - Agnes, sing du!“ Ich bemühte mich, so fein und richtig als möglich zu singen. Und richtig, die Eidechsen kamen näher, immer mehr krochen hervor und lauschten und wir konnten sie nach Herzenslust und mit mehr Ruhe betrachten und uns an den reizenden Tierchen erfreuen. Bis von irgend einer Seite her ein lautes Geräusch erscholl und sie im Nu verschwanden. Auch Eichhörnchen und Eulen gab es irgendwo im Garten, doch sahen wir sie nur selten; häufiger schon die Kröten, die von den Gärtnern wegen ihrer Nützlichkeit sehr geschont wurden und denen auch wir nie etwas zu leid taten.

Wasser übt stets eine besondere Anziehungskraft auf Kinder aus, vollends ein Bächlein. Wie sollte es nicht so sein mit der Ammer, die so behäbig und ruhig, leise plätschernd dahinfloss, in und an welcher sich die Zellerschen Enten tummelten, in deren kleinen Buchten die Vögel ihre Bade- und Trinkstellen hatten, die Libellen glitzernd herumschossen und deren Böschung im Frühjahr übersät war mit Veilchen?

Und warum musste das alles verschwinden und sie, die Ammer, jetzt in rasender Eile dahinschießen, „reguliert“ mit „Gefälle“? Ich bin nicht so furchtbar klug wie die modernen Menschen, die ja so viel klüger sind als die Natur und in ihrer Zerstörung den Fortschritt der Menschheit sehen. Mir ist das unbegreiflich.

Oft spielten wir an der Ammer, hüteten Zellers Enten, sammelten ihre feinen Flaumfederchen zu einem Kissen. Oder wir taten gar nichts und hörten Emma zu, die uns die herrliche Geschichte erzählte von Tila und Titlis, zwei kleinen Mädchen, die von Zigeunern geraubt worden waren und nun unbeschreibliche Schicksale erlebten, bis sie endlich - aber den Schluss erlebte ich nicht mehr, darüber gingen Jahre dahin und einstweilen spann Emma die Geschichte weiter und weiter fort und fesselte uns immer aufs Neue. Emma, die Phantasievolle und Erfindungsreiche, hatte sich ein Häuschen gebaut, in dem sie nistete. Und nun wollten wir alle auch ein Häuschen haben und bald waren alle anderen Spiele darüber vergessen, denn viel schöner als sie war das Bauen und Einrichten der kleinen Hütten und das Getriebe in und um dieselben. „Pinitas“ nannten wir unsere kleine Stadt an den Tannen und wir bildeten einen regelrechten Staat mit einem König an der Spitze.

Entlang einer Reihe alter Tannen zogen sich mächtige Holzbeugen; sie bildeten die Rückwand unserer Häuschen. Zwischen den einzelnen Balken wurden lange Stangen tief hineingesteckt, zwei Meter ungefähr standen sie vor und wurden mit je einer senkrechten, im Boden steckenden Stange fest verbunden. Dieses „Gerüst“ wurde oben - als Dach - und an den Seiten mit dunkelgrünen Rollladen, aus einzelnen Latten bestehend, umkleidet, vorn so, dass noch ein kleiner Eingang übrig blieb, und das Haus war fertig! Und nun die Inneneinrichtung! Hatte doch jeder von uns „Größeren“ den Robinson gelesen und das Selbstschaffen, das Ausdenken, das Nachahmen, das Waltenlassen der Phantasie - gibt es etwas Köstlicheres für Kinder und ihre Entwicklung?

Ein Bänkchen und ein Tischchen waren überall und ziemlich gleich vorhanden, aber weiter hinaus schuf jeder nach seinem Geschmack. Hier waren Blumen angebracht, dies besonders bei Jula und Emma, dort hingen Bilderbogen und ich erinnere mich noch, wie glücklich ich meinen Wandschmuck anbrachte. „Orpheus und Euridike“, Verse und Zeichnung von W. Busch. Jemand hatte sich eine Klingel gebastelt und darunter ein Namensschild. Dort war eine Sonnenuhr eingerichtet mit Hilfe der freundlichen Gärtnergehilfen. Bordbrettchen prangten an der Holzwand, mit Schätzen darauf; Vorhänge flatterten an eigenartigen Fenstern.

Die vielen Gärtnergehilfen waren uns freundlich gesinnt, halfen und hatten selbst ihren Spaß an unserem lustigen Treiben. Bis auf das rücksichtslose Stehlen der „Latten“, wie wir kurzerhand sagten, wobei wir immer schöne neue raubten, und die alten, verbrauchten, die sie uns gern überließen, umgingen. Dies löste mitunter einen großen Zorn aus, mit Flucht und Verfolgung und atemloser Spannung in irgend einem Versteck, wo sie uns nicht vermuteten.

Tildas Haus war aus unerfindlichen Gründen bald nach dem Bau zusammengebrochen. „Das tut nichts“, sagte sie, „weißt du, ich baue jetzt zweistockig, das hält besser. Aber viele Latten brauche ich, gute neue. Gestern sind frische angekommen, sie sind im ,Latten-Tempel“' (einem runden kleinen Bau).

„Ja aber - neue Latten, und Herr Bevering?“ Das war der Obergärtner, der gerade wieder die Neuen streng verboten hatte. „Er ist nicht da“, sagte Tilda, „und wir machen ganz schnell.“

So rasch wir konnten, schlüpften wir zwischen den Warmhäusern hindurch und hinein in die kleine Rotunde, wo an den Wänden aufgestapelt die neuen grünen Rolladen lagen, die für die Glashäuser gebraucht wurden. Kaum waren wir drin, da nahte auch schon das Verhängnis. Starke Schritte und eine laute, scheltende Stimme wurden hörbar. Entrinnen war nicht mehr möglich, also schnell hinauf auf die Latten und dort, möglichst durch sie verdeckt, kauern. Und wir waren kaum oben, da kam Herr Bevering herein. „Tilda, Agnes - wo steckt ihr?“ Wir brauchten nicht zu antworten, denn schon gaben die Latten nach, und mit ihnen rasselten wir herunter auf den Boden. „So, jetzt hab ich euch, ihr Diebsgesindel“, rief er und zog uns an den Zöpfen hoch. „Jetzt geht's euch aber schlecht!“

„Ach, Herr Bevering“, sagte Tilda kläglich, „bitte, tun Sie uns doch nichts. Wir wollten ein paar alte Latten ...“

„Alte Latten! Neue habt ihr stehlen wollen! Dein Haus ist doch fertig, wozu holst du dir schon wieder Latten?“

„Mein Haus ist zusammengebrochen“, sagte Tilda, „und ich baue jetzt zweistockig, da brauche ich mehr Latten.“

„Zweistockig baust du?“ rief Herr Bevering und lachte schallend auf, „das Gebäude muss ich sehen! Jetzt helft die Latten wieder schön aufbeugen, dann geb' ich euch ein paar.“

„Alte?“

„Natürlich. Neue gibt's nicht.“

An Tildas neuem Häuschen war das Gerüst soweit fertig. Die Decke des Erdgeschosses bildete zugleich den Boden der „Beletage“, war aber nur in halber Breite angebracht. Kopfschüttelnd besah sich Herr Bevering den Bau.

„Was bedeutet das Loch in der Decke, und wie kommst du denn hinauf in deinen zweiten Stock?“

„Entweder durch das Loch, mit der Leiter, und wenn ich sie gerade nicht haben kann (sie war Gemeingut), dann muß man auf die Tanne klettern und von dort hineinspringen.“

„Ja - und das Dach?“

„Das brauche ich nicht“, sagte Tilda seelenruhig.

Herr Bevering besah sich auch gern das Innere unserer Hütten. So kroch er heute hinein zu Lisa, die auf ihrem Bänkchen saß und Schularbeiten machte. Das war eigentlich für Pinitas verboten, aber manchmal ging es wirklich nicht anders. Neben ihr lag ihr Butterbrot, und ach! Herr Bevering setzte sich mitten hinein. Es war restlos zerstört und nicht mehr zu genießen. „Sei ruhig“, tröstete er sie, „ich bringe dir ein neues.“ Er verschwand in seine Wohnung und kam mit einem prachtvollen großen Butterbrot wieder. Lisa meinte, so gut hätte ihr noch keins geschmeckt!

Ein solch ereignisvoller Nachmittag - unser mißglückter Raubzug, Herr Beverings Ungnade und Versöhnung, das zersessene und wiedererstattete Butterbrot - er war es wert, in den Annalen der Stadt Pinitas vermerkt zu werden.

Tilda vermietete nicht, wie ihr von einigen geraten wurde, sondern bewohnte ihr Haus ganz allein. Das war natürlich sehr vornehm; sie bekam viel Besuch, meistens „von oben herunter“, und das viele Herabspringen und Hineinspringen erschütterte die „Fundamente“ dieses Gebäudes stark, so dass eines Tages ein Jammergeschrei ertönte und der geniale Architekt verbeult aus den Trümmern hervorgezogen werden musste. Nun baute Tilda zum dritten Mal und begnügte sich mit dem sicheren Erdboden.

An den schönen langen Sommerabenden konnten wir uns gar nicht von Pinitas trennen und hätten es gar zu gerne Emma nachgemacht, die eines Abends ihr Bett heruntertrug, ihr Häuschen zum Schlafzimmer einrichtete und dort übernachtete. Mit der Mieze als Schutz! Es sei wunderschön gewesen, sagte sie; allein die Eltern Zeller kamen dahinter und verboten weiteres übernachten im Freien.

Alle vier Wochen wurde der König gewählt. Jula war der erste, vielmehr Königin. Die nächsten weiß ich nicht mehr. Dann kam es an mich. Ich brütete über einem Aufsatz, als Tilda hereinstürzte: „Schnell, komm herüber - du bist Königin geworden!“ War das hübsch, mit Jubel empfangen zu werden, auf den Königswagen - einen Schubkarren - gesetzt und dreimal ums Haus gefahren zu werden! Dann ging's ans Regieren. Dei König hatte die Gehälter auszuzahlen und am Samstag alle Häuschen und den Platz davor nachzusehen, ob sie in Ordnung waren. Er hatte auch das erste Recht auf den gemeinsamen Besen, um sein eigenes Haus zu kehren.

Mit dem kommenden Herbst wurden die Häuschen abgebrochen, Stangen und Latten sauber aufgeräumt und man freute sich auf die Winterspiele und auf Weihnachten.

Für die leuchtenden Herbstfarben des Gartens hatten wir nicht viel übrig, wie für die glitzernde Pracht des Rauhreifs. Erst wenn Schnee gefallen war und wir mit unseren kleinen Bergschlitten den Abhang hinuntergleiten konnten, hatte der winterliche Garten seinen Reiz für uns. Im November wurden große Haufen geschichtet von Tannenreisern, zum Eindecken der vielen Beete und Pflanzen. Das lockte wieder zum „Bauen“, wenigstens zum Höhlengraben, die wir innen notdürftig stützten und dann „bewohnten“. Aber es war nur ein schwacher Ersatz für Pinitas, denn da drin war es natürlich dunkel und wenig gemütlich und die Vertreibung aus diesem Paradies nahmen wir allemal mit großer Fassung hin.

So gingen die Jahre und es kam der Herbst, wo wir zum letzten Mal unsere Häuschen abbrachen und der Sommer, wo Pinitas nicht wieder aufgebaut wurde. Das große Haus mit den beiden hohen Gewächshäusern wurde selbst abgebrochen, denn es war nicht mehr „zeitgemäß“ - nein, es war ja bloß gemütlich und - ich bleibe dabei - doch seinem Zweck entsprechend. Und noch keine hundert Jahre alt! Noch einmal fand in Pinitas ein glänzender „Schlussverkauf“ statt, bei welchem sämtliche „Gruste“ zum letzten Mal ihren Besitzer wechselten. Und Emma, die Malerin, hielt uns in einem Bild fest, alle die Spielgefährten, so fein, so schön gruppiert, so voller Liebe und Fleiß gemalt, dass man nur staunen und bewundern konnte. - Zellers erhielten neben dem Garten eine sehr viel größere und schönere Wohnung und wir wurden dort mit derselben Güte und Freundlichkeit aufgenommen wenn wir zum Spielen kamen. Wir haben noch viele lustige und frohe Stunden und Nachmittage dort verbracht.

Allmählich begannen wir aus den Kinderschuhen herauszuwachsen. Die Schule nahm uns immer mehr in Anspruch. Und dann kam der Tag, wo unser lieber Herr Zeller bei der Besichtigung des Neubaus stürzte und sich schwere Verletzungen zuzog, an deren Folgen er starb, zum Kummer seiner Familie, zum Kummer aller derer, die ihn kannten. Seiner und seiner lieben guten Frau gedenke ich immer mit Treue und Dankbarkeit!

Wir wurden zerstreut in alle Welt, wir Spielgefährten einer Kinderzeit. Die jüngeren Zellerkinder sind gestorben; Jula und Emma sind in meiner Nähe; Tilda und Franz sind überm Meer in Amerika. Ich grüße Euch alle in treuem Gedenken.

 

Es ist das Band der Kinderzeit,
Das halt uns fest umschlungen.
Und seid Ihr noch so weit, so weit,
Fremd unser jetzig Glück und Leid.
Wir sind uns doch verbunden.


Ein jedes geht den Weg zurück
Im Geist, und das Erinnern
An unserer Kindheit süßes Glück,
So fern dem heutigen Geschick,
Bleibt unser Schatz im Innern.


Was uns das Leben Schweres bringt,
Es läßt sich leichter tragen
Wenn die Erinnerung uns singt,
Das Paradies noch immer klingt - - -
Aus unseren Kindertagen.


(Aus: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 10, 1985, S. 17-23)

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