Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Johannes Zeller (1877-1964)
Baurat der württembergischen Staatseisenbbahnen und
Reichsbahndirektor

Lebensbild, verfasst von seinem Sohn Eberhard Zeller (ZB § 159), vorgetragen am Tag der Beerdigung von Johannes Zeller
                          (--->  zu Lebensbeschreibung von Antonie geb. Werner)
 
Bild
 

Antonie Werner (1879-1971) und Johannes Zeller (1877-1964)

ZEITTAFEL

1877

4. Januar Johannes Zeller in Markgröningen geboren
Vater
Christian Zeller, evangelischer Theologe, Vorsteher des Waisenhauses und Rektor des Lehrerinnenseminars in Markgröningen
Mutter: Sophie geb. Völter, Enkelin des
Christian Heinrich Zeller, des Begründers der Anstalt Beuggen

1883

Schüler der Waisenhausschule, später der Lateinschule in Markgröningen

1889

Schüler des humanistischen Karls-Gymnasiums in Stuttgart, Kostgänger in befreundeter Familie im Waisenhaus an der Planie (neben dem Alten Schloss)

1895

Reifezeugnis des Gymnasiums, anschließend (1. Oktober) Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Inf.-Rgt. „Alt-Württemberg“ 121. Befähigung zum Reserveoffizier

1896

Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule in Stuttgart
Mitglied der Studentenverbindung Akademischer Liederkranz Schwaben

1901

Erste Staatsprüfung (Diplomprüfung) und Eintritt in den Dienst der Generaldirektion der Kgl. Württ. Staatseisenbahnen
Kgl. Regierungsbauführer
in Aalen (Bahnhofserweiterung), später in Stuttgart (Entwurfsarbeit zum Hauptbahnhofsumbau)

1905

Zweite Staatsprüfung. Regierungsbaumeister in Ulm
21.
September Heirat mit Toni geb. Werner, jüngster Tochter von San.-Rat Dr. Hermann Werner, bis zu seinem Tode (1897) Stadt- und Distriktsarzt in Markgröningen. Hochzeit in Markgröningen.

1908

Versetzung nach Stuttgart auf die Generaldirektion (Referat Bahnhofumbau)

1911

Bauinspektor und Chef der neuerrichteten Eisenbahnbausektion in Spaichingen (Bau der Heubergbahn Spaichingen-Reichenbach)

1919

Rückberufung in die Generaldirektion Stuttgart (Februar)
Baurat und Mitglied der Generaldirektion
(April)
Bautechnisches Streckenreferat für ein größeres Gebiet der württembergischen Eisenbahnstrecken (vier Bauinspektionsbezirke im Südwesten)

1920

Regierungs- und Baurat, Reichsbeamter. Übergang der Württ. Staatseisenbahnen an das Reich (1. April), Reichsbahndirektion (Direktorialsystem an Stelle der seitherigen Kollegialverfassung). Oberregierungsbaurat (1921), Reichsbahnoberrat (1927), Oberreichsbahnrat (1938), Reichsbahndirektor (1938)
Mitglied des Reichsausschusses für die Vereinheitlichung bei der Zulassung von Privatgleisanschlüssen (1920)
Mitglied der Deutschen Forschungsgesellschaft für Bodenmechanik (1928)
Mitglied der Württ, Prüfungskommission für
die Staatsprüfung im Bauingenieursfach (1923-1936). Prüfungsfächer Eisenbahnwesen, Baustoffkunde
Mitglied des Prüfungsausschusses für
die Baumeisterprüfung an der Staatsbauschule in Stuttgart

1928

25. Mai Einweihung der Nebenbahn Spaichingen-Reichenbach (beispielhaft für das Bauen in Rutschgebieten)

1933

die neu- bzw. umgebauten Bahnhöfe Tuttlingen und Eutingen in Betrieb genommen

1940

zweigleisiger Ausbau Horb-Tuttlingen beendet
Kriegsbedingte Aufgaben. Bauholzkommissar der Reichsbahndirektion
Stuttgart. Eisenbahnanschlüsse für unterirdische Rüstungsstätten und für Ölgewinnungsanlagen in Schieferbrüchen, Mitwirkung an Entwurf Transeuropa-Großbahn

1943

6. August Verlagerung der Bauabteilung von Stuttgart nach Ebingen

1944

16. Februar Tod des jüngsten Sohnes Hans als Hauptmann und Kompaniechef bei den Kämpfen südlich von Rom
25. Juli schwerer Luftangriff der Alliierten auf Stuttgart, Zerstörungen in der Wohnung Zeppelinstraße 4
Dezember: Ausscheiden aus dem Dienst bei der Reichsbahndirektion, zeitweise Übersiedlung nach Markgröningen

1945

1. Februar Beginn des Ruhestandes, Wirren des Kriegsendes in Markgröningen, Pfingsten Rückkehr nach Stuttgart

1955

21. September Feier der Goldenen Hochzeit in Markgröningen 1964

1956

30. Juni Tod

 

Mögt Ihr mir erlauben, ehe wir auseinandergehen, noch etwas zu sagen. Ich möchte mich bedanken, dass Ihr alle aus den uns nahen Häusern gekommen seid, um den Vater zu geleiten, und ich möchte mit einigen Worten, wie sie der Augenblick gibt, versuchen, das Eigene dieses Mannes und seines Hingangs noch einmal in den Sinn zu rufen. Er, den wir nach einem langen Leben begruben, war als der weitaus Jüngste seiner Generation durch Jahre der Älteste in unserer nahen und weiteren Familie. Mit ihm hat etwas unter uns Dauer gehabt, was in ganz anderer Zeit zuhause war. Der Abschied von ihm mutet an wie ein Abschied von einer ganzen Zeit. Für ihn war das Stammgefühl, die engere Gemeinschaft derer, die durch Blut oder Heirat zusammengehören, noch etwas das Leben Bestimmendes. Die Ahnen - ob angesehene Herren, gestrenge Stirnen, ob schlicht oder heiter sich plagende Fromme - waren ihm (wenn ich vergleichen darf: wie denen im alten Rom) eine in sich ruhende mächtige Gemeinschaft, mit der man sich im Leben misst, ehe man selbst in sie aufgenommen wird. Er hatte einen besonderen Sinn für die Folge der Geschlechter. Stammtafeln und Stammbuch waren für ihn nicht so sehr Papier als lebendiger Garten, Laub, Knospe und Hoffnung. Mit seiner Zugewandtheit zu allem Anverwandten, seiner darin betätigten Milde und Herzensart war soviel Verbindendes und Bestärkendes gegenwärtig, dass es vielleicht durch ihn am meisten noch dies Gefühl des Einsseins unter uns gab, so wie es Schicksalseinheit gab zwischen Rektorat und Doktorhaus in Markgröningen. Nach ihm wird es so nicht mehr sein. Die Aufzweigung des Baumes, das Individuelle der Familien wird sich stärker zeigen und die vom Jahrhundert beliebte weite Streuung der Tätigen und Mischung der Stämme werden ein übriges tun, dass der Familiensinn nur noch kleinere Gruppen überschaut, pflegt und zusammenbindet. Hoffen wir, dass sich aber auch vom Persönlicheren her noch immer die Bahn des sich verwandten und vertrauten Bluts offen hält!

Das Leben des Vaters umfasste mit seinen fast 88 Jahren die Abfolge von Schicksalen unseres Vaterlandes, die wir Heutigen kaum als Inhalt eines Lebens denken können. Er wurde in den Jahren nach der Krönung eines deutschen Kaisers in Versailles geboren, wuchs auf, als im konstitutionell-königlichen Württemberg für und gegen Bismarck zu sein noch eine die Menschen ernstlich entzweiende Losung war. Er erlebte 37jährig im Städtchen Spaichingen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dem er selbst nur Heimataufgaben erhielt, später die Republik mit Straßenkämpfen in Stuttgart beginnend, mit 56 Jahren das Kommen Hitlers, dann den Zweiten Weltkrieg, als Mann des Ruhestandes die Nachkriegsschicksale, die Zerteilung und Überfremdung Deutschlands und die babylonische Gefangenschaft des politisch gesichtslosen Staats im wirtschaftlichen Wunder.

Durch alle diese Wechsel führt sein Weg stetig: durch ein gutes Jahrzehnt ist er der den älteren sechs Geschwistern freier nachwachsende jüngste Rektorsbub, Spross einer zweiten Ehe des Vaters, dann durch Jahre Kostgänger in befreundetem Haus in Stuttgart als Schüler des Karls-Gymnasiums, Student an der Technischen Hochschule in Stuttgart, dann Eisenbahnbauer fast 20 Jahre im Dienst der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen, 25 Jahre in der Direktion der Deutschen Reichsbahn in Stuttgart und 20 Jahre tätiger emeritus über der Altersgrenze.

Von eigenartigem Reiz die Aufwuchsjahre in der fachwerkgiebligen, heiter-frohen Landstadt, einst Reichslehen und Bergeort der Reichssturmfahne, Markgröningen, in dem damals noch keine Fabriken, nur Handwerker waren und Bauern noch Wein und Dinkel bauten und ihr Öl selbst schlugen, das elterliche Haus bestimmt von der patriarchalischen, unwidersprüchlichen Würde des Rektorvaters (mit der nie fehlenden schwarzen Samtkappe) und von der kunstfertigen, mildstrengen Mutter, das Leben in Garten und Feld auch voll Übermut durch die Kumpanei wildblütiger begabter Vettern, durch Einholungen, Begleitungen, Überfeldbesuche auf Schusters Rappen, dazu die Schäferlauffeste als Sommergipfel Markgröningens und die familienfestlichen Hochzeiten, Verlobungen, Taufen...

Durfte sich beim ältesten Bruder die Naturlust der Botanik nur als Pfropfreis auf theologischem Stamm entfalten, so konnte der Jüngste den Durchbruch wagen. Auch er wuchs auf in dem nach Herkunft und Ort üblichen Humanismus und in der erasmischen Sitte des Alltagslateins (ich las von ihm eine aus Stuttgart gesandte Postkarte, die vom Vater eine Sonderzusteuer für Schuhflicken erbittet, etwa mit den Worten: caligae dilaceratae sunt, venerande mi pater, et sarciendae ... und der gleiche Schreiber hat noch mit seinen eigenen Söhnen später lateinische Komposition und griechische Formenlehre bis in ihre Oberprima getrieben). Aber er drängte, als es den Beruf zu wählen galt, auf ein anderes Gebiet. Er war verlockt, sich nicht mehr mit der theologisch unterlegten Naturwissenschaft und Mathematik zufriedenzugeben, sondern beides durch ein damals erst standesgemäß werdendes Ingenieur-Studium frontal anzugehen. Wiewohl ihm vom Rektorvater her gewiss auch die Begabung zu so mathematischen Beruf kam - Euklid Kepler Newton waren, wie ich aus schweinsledernen Bänden vermute, Genien seines Studierzimmers und anmutig von ihm gefertigte schiebbare Leitern und Kreise, die Mondstände seit Christi Geburt und Osterdaten bis Nimmerleins-Jahr angeben, sprechen die gleiche Sprache - wiewohl also hier Gleichgerichtetes war, so wurde der offene Schritt zur Technik hin, wie wir wissen, gegen Widerstände und Missdeutungen durchgesetzt, wenn auch vom Vater gedeckt. („Der größte Schmerz in meinem Leben war, dass Johannes kein Pfarrer wurde“, bekannte damals die Mutter zur Frau ihres Sohnes.)

Nun muss ich erinnern, dass man um diese Zeit den uns eingebürgert klingenden Namen Ingenieur gern noch französisch aussprach. Er kam aus Frankreich und bezeichnete den, der den festungs-, straßen- und brückenbauenden Truppen, den Genie-Truppen, sagte, was sie zu tun hatten. Der neue Zivil-Ingenieur, der den Klang von Ingenium und Genie behielt, war frei von Heer und Krieg und fand wachsende Aufgaben in der Zeit, so auch die des Eisenbahnbaus. Die Verantwortung, die der Bauende und im Materiellen Gestaltende jetzt übernahm, verlangte größeren Überblick und geistiges Eindringen. Dem jungen Studenten, der im Herbst 1896 in Stuttgart begann, ist davon vielleicht noch wenig bewusst geworden. Aber schaut man auf das Ganze der Lebensarbeit des Mannes, der mit Hingabe seinem Beruf lebte, so glaubt man sagen zu dürfen, er habe diese seine Ingenieur-Aufgabe in doppelter Art angefasst: als technisch-naturwissen­schaftliche Bewältigung, die auch das Wagnis des Neuen und der Improvisation mit einschloss, und als soziale und menschliche Forderung im Umgang mit den Gemeinden, dem Staat, den Interessen von Gewerbe und Wirtschaft, mit den zum Bau herangeholten Arbeitern und den Mitarbeitern, im Umgang mit der unversehrten Natur und dem Gebot des Landschaftsschutzes. In einer Niederschrift vom Dezember 1951 berichtet er selbst über seine 44 Berufsjahre in sachlicher Aufreihung dessen, was zu leisten war, ohne eigene Berühmung. Von reinen Entwurfs- und untergeordneten Bauaufgaben geht er aus, steigt zu Entscheidungen in größerem Rahmen auf und hat dann vom lenkenden Kollegium einer RBD aus weitreichende sachliche und menschliche Verantwortung zu tragen, die ihm zuletzt unterm Gebot eines „totalen Krieges“ über das Maß aufgeladen sind. Sorglichkeit und tägliche Mühe eines so aufgefassten Berufs, aber auch eine weite Sachkunde und klare Durchdringung, die abwägende Reife des Urteils, das Ergebnis vielfältiger Erfahrung, hat, wie ich erlebte und von anderen urteilen hörte, den Oberbaurat und Direktor ausgezeichnet. Kein Gedanke: vor bald siebzig Jahren hätte er sich zu einem andern Beruf entscheiden können und sollen!

Nun spielten damals um die Jahrhundertwende nach den Häckelschen Welträtseln die Auseinandersetzungen zwischen Glaube und Naturwissenschaft, liberaler und orthodoxer Theologie, und Schwaben war darin mit F. T. Vischer, D. F. Strauß, Christoph Schrempf, Paul Sakmann bedeutend vertreten. Trotz seiner Teilnahme an manchen dieser Kontroversen blieb für Johannes Zeller die Einheit der Welt gemäß seinem von Kind auf bestätigten, in ihm lebendigen Christenglauben stets erhalten, und er tat nie zerklüftende oder revolutionäre Schritte, die seiner Natur nicht lagen. Er gehörte, wenn ich so trennen darf, nicht zur Linie der Grübler und Tiefendenker unter den Schwaben, sondern zur Linie der hierzuland gleichfalls endemisch wurzelnden Vitalisten - Paracelsus war einer von ihnen -, der unrationalen Synoptiker - mir fallen eben keine besseren Worte ein. Das zeigte sich bei ihm, dem Ingenieur, darin, dass er mit besonderer Liebe den Boden der Heimat erforschte, und zwar nicht nur als Geologe, der den Baugrund prüft, sondern auch als Morphologe, als Paläontologe und Frühgeschichtler. Uns Buben erreichten früh schon so geheimnisvolle Worte wie Liasbeta Ammoniten Bohnerz Perm Pterygosaurier Cromagnon und Hockergräber. Wir schauderten mit, wenn ein Alemannengrab mit Schmuck und Speer und mit Kampfesspuren am Schädel des Toten auf dem Bau ergraben wurde oder ein Stück terra sigillata, das noch die Legionsnummer der einst uns besatzenden Römer aufwies. Wir rochen noch Opferbrände, wenn uns gesagt wurde, es hätte das nahe Rottweil dazumal arae Flaviae - die flavischen Altäre-geheißen.

Diesem Bodenforscher aber war der Boden nicht nur Bau- und Brückengrundlage, die er etwa auf dem Heuberg in einem berühmten Alleingang zu bändigen hatte, und Fundgrube für Vergangenes, sondern auch der von Landstrich zu Landstrich, ja von Hang zu Hang verschiedene Wachstumsort der Pflanzen. Gradmann, Das Pflanzenleben der Schwäbischen Alb (oder so ähnlich) stand damals, als wir noch in Spaichingen waren, wenn ich mich recht erinnere, zuvorderst unter den Büchern zuhaus oder auf der „Bausektion“, und man exkurrierte auch einmal mit Vater weglos querfeldein durch die Denkinger Heide, um eine besondere Art Kreuzblume oder Frauenschuh, oder um an einer Bergkuppe an der Enz die ruta graveolens aufzuspüren.

Dieser Mann war, solang ich mich erinnere, Mitglied im „Verein für vaterländische Naturkunde“ und gerade das Vaterländische bezeichnet sein Lebensgefühl und seine auf den von uns bewohnten Raum gehende Natur- und Geschichtskunde, die dem auch sehr nüchternen Mann zugleich seine Tiefenproportionen gab.

Ich müsste hinzufügen, dass wie Boden, Wasser, Wind und Pflanze so auch das Tun des Menschen in der Landschaft, sein Siedeln, Bauen, Pflegen, Zerstören sein Interesse ansprach und ich weiß, dass er seinerzeit Alwin Seiferts Buch „Vom Bauen im Lebendigen“ mit viel Zustimmung und wie eine Bestätigung eigener Gedanken aufnahm. Es gefiel ihm, im Gespräch mit jedwedem an der Straße, in einer Werkstatt oder Fabrik, auf Baustellen oder mit Bauern - vielleicht manchmal auch als lästiger Sokrates - teilzunehmen, sich belehren zu lassen, mitzudenken und in des andern Tun und Art sich hineinzuversetzen. Das ging bei ihm so weit, dass er noch im Ruhestand von dem Fenster in der Zeppelinstraße aus sich für die tätigen Zusammenhänge und erratbaren Schicksale derer interessierte, die er jeden Tag zur gleichen Stunde unten vorbeikommen sah, ja mit einigen von ihnen - auch Kindern -, ohne dass man sich wohl je sprach, in eine seltsame entente cordiale par distance trat. Seine Art zu fragen und neugierig zu sein, hat ihm über das sachliche Ergebnis hinaus, wo er auch war, menschliche Zusammenhänge geschaffen. Auch im Leben der Großstadt begründete er sich damit seinen persönlichen Bezirk. Die Besorgerin konnte seinen erstaunten Tadel auf sich ziehen, wenn sie nicht angeben konnte, wo der Christbaum, die Kirschen oder Orangen gewachsen waren, die sie gekauft oder wenn sie vergessen hatte, sein Lob für besonders gut gelungenes Brot oder Backwerk dem Bäcker auszurichten.

So wenig es ihm lag, gegen Forderungen und Ansinnen, die an ihn kamen, sein Eigenrecht zu behaupten und seine Leistung auch gegenüber Vorgesetzten oder bei offiziellem Anlag zu vertreten oder gefeiert zu sehen - er tat die Arbeit und „ließ andere Senator werden“, wie die Mutter sagte -, so ganz setzte er sich zur Weiterbildung und Beförderung für die ein, die mit ihm und unter ihm arbeiteten. Aus Dienstverhältnissen erwuchsen, schon in seinen früheren Jahren beginnend, jahrelange auf besondere Wertschätzung gegründete Freundschaften, wie sie sich auch noch zu seinem Tod von einzelnen Überlebenden bekundet haben. Solche Verhältnisse der Hochschätzung und Zuneigung - dies hat mich mehrfach besonders erstaunt - gingen auch von solchen aus, die als Prüflinge im Eisenbahnbau an der Technischen Hochschule ihn als Prüfer gehabt und ihm nahe gekommen waren. Vielleicht, so denke ich, hätte man strenger prüfen können, aber kaum gerechter: ich erinnere mich, welche unentwegte Mühe er sich - meist in Nachtarbeit - nahm, etwa bei einer im ersten Wurf verfehlten Entwurfsarbeit herauszufinden, wie viel dennoch an Wissen und praktischer Vernunft beim Verfasser zu bewerten sei. Und ich glaube, es ist eine nicht ganz kleine und nicht unbewährte Generation Eisenbahnbauer von diesem Paten ins Leben gehoben worden.

Vielleicht ist es aber auch erinnernswert, dass dieser sonst fast zarte und wie geschildert vorm Offiziellen scheue Mann, der Kränkungen nicht ganz leicht verwand, mit seinen handfesten Bauarbeitern, mit denen er in Spaichingen zu tun hatte, auf gutem Fuße stand. Man wusste von ihm, dass er keine Traufe und keinen Juramorast scheute, wenn er mit Stock und zweistöckigem „Havelock“ und Regenfilz erschien, und dass er in jeden Stollen selbst stieg (ihm wurde nur einmal bang, seinen hohen Chef wieder ans Oberlicht zu hieven, der mit eingestiegen war). Ich entsinne mich - ich ging vielleicht im ersten Jahr zur Schule - wie wir einmal mit ihm beim Brückenbau Besuch machten und die Arbeiter ihm mit Lust, so schien mir, vorführten, wie sie im Takt an Seilen einen Rammklotz auf eine Stütze sausen ließen und dazu stampfende Kraftstrophen sagten oder sangen, in denen etwa vorkam

er muß hinein
durch Fels und
Stein
durch Wasser und Sand
dem König ins Land
dem Kaiser ins Reich
zieht alle zugleich.

Ich sehe auch noch, wie wir mit Vater die Italiener in ihrer Baracke besuchten, die eben - für uns damals neu - aus „Sonnewirbili“ (Löwenzahn) ihren Salat machten, wie er mit ihnen Brocken wälsch redete und wie sie zuletzt beim Vorzeigen ihre Menage noch sagten „Bonasalada is a no da“. Aus diesen Bauzeiten in Spaichingen - es war Zeit des ersten Weltkrieges - erinnere ich mich an vieles Handwerken in Haus und Garten, an dem der Vater selbst oder durch sein oft ungehobeltes, aber für uns wunderbares Faktotum, den Bürodiener Etter, teilnahm und durch das er die Einfälle und das Geschick der Söhne sich gern erproben ließ. Es gibt bis heute den uns damals geschenkten Nagelkasten. Die Mutter hatte in ihn, für uns unübertrefflich, die Verse hineingeschrieben:

Wenn jeder seines Glückes Schmied,
Heißts: Hämmere und klopf!
Ihr Buben trefft, wie Vater
tut,
Den
Nagel auf den Kopf!

Die Bahn hatte zu den früheren Zeiten noch das geflügelte Rad als Zeichen und gab ihren   Oberen, wenn sie wollten, Freischeine in aller Herren Länder. Dass Vater uns Buben dies Vorrecht überließ, wird heute nicht zu verstehen sein. Er selbst war, wie ich glaube mit seinem Bruder Heinrich, früh einmal in Rom und Pompeji und hat den damals fauchenden Vesuv bestiegen - er erzählte uns später vom Brandgeruch ihrer Ledersohlen -, er war einmal in Triest und Bozen und vielleicht dreimal zu Hochzeits-, Urlaubs- oder Badereise in der Schweiz. Sonst ging er nicht über die deutschen Grenzen, kannte aber Schwaben vom Schwarzen Grat bis zur Hornisgrinde und bis hinter Künzelsau, von der Baar bis ins Härtsfeld vom steten Augenschein. Wo ich heut durch dies Land komme, spricht mich etwas an, was an ihn erinnert, an sein reisendes Wirken als Baudezernent und an seine Bemerkungen zu Land und Leuten. Er fuhr als ein Edler der Bahn, auch als es noch vier Klassen gab, oft als der einzige Insasse im roten Plüsch der ersten Klasse, was uns gebührend neidvoll hinriss, während er es, wie mir scheint, mehr zum ungestörten Arbeiten benutzte. Aber im Grunde stammte er noch aus der Zeit, in der die Fußstunde die geographische Währung zwischen den Menschen und ihren Wohnsitzen bestimmte. Uns fahrenden, zu rasch fahrenden Heutigen ist diese Währung wie Gulden und Kreuzer dahin. Er rechnete noch damit und hätte „ut mine Stromtid“ am Heuberg, als der aufregende Bahnbau es verlangte, Tage mit 40, ja 50 Kilometern Fußmarsch nachweisen können. Er ging auch noch gern, als man ihm ein embonpoint nicht mehr absprechen konnte. Ob er als Gänger so alt geworden ist, da es gewiss nicht durch den von ihm nie gern geschmeckten Joghurt der Alt-Burgaren kam und es ihn beim Gedanken zu bircher-bennern je und je geschüttelt hat?

Ein Leben, so eng beschlossen in Geschicken und Kräften der Heimat, mutet heute schon altertümlich an und die jungen unter uns finden in dem, was ich schildere, die Zeit der Postkutsche, des Landpfarrhausidylls und goldigen Provinzlertums, rührend, aber eng, so wie ihnen wohl auch Raabe, Reuter, Sapper, Supper, die darin galten, kaum mehr viel sagen. Gut - aber beim Hingang dessen, den ich hier vergegenwärtige, möchte doch als echte Kraft gesehen werden, was einen Menschen wie ihn bewegte und aus dem Bezirk „vaterländischer Naturkunde“ zur Rühmung des Creator omnium vordringen und ein rechtschaffen tätiges Leben führen ließ. Vielleicht ist es - um ein Wort dafür zu suchen - „Ehrfurcht vor dem Leben“, die seine Haltung bestimmt hat und um deretwillen ihm wohl auch der im Urwald tätige Albert Schweitzer (ihm fast gleich an Jahren) besonders vorbildlich war.

Aalen, Stuttgart, Ulm, Stuttgart, Spaichingen, Stuttgart waren die beruflichen Stationen des Johannes Zeller, zu denen zuletzt noch, als die Bomben in den großen Städten hausten, ein Ausweichquartier in Ebingen kam. Im Dezember 1944 nahm er 68jährig, obwohl ihn Ministerium und Präsident zu halten versuchten, seinen Abschied. Mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer, aber auch immer neuer Beweglichkeit war er für die zusätzlichen Aufgaben des Krieges tätig gewesen: Wiederherstellung des von Bomben Zerstörten, rascheste Schaffung von Transportwegen für unterirdische Rüstungsstätten und Zentren neuartiger Ölgewinnung aus Schieferbrüchen, Entwurf einer autobahnbreiten Eisenbahngroßbahn Ukraine-Paris, soweit württembergisches Gebiet berührt war. Am meisten Kraft hat ihn wohl zuletzt die Mitwirkung am Ölschieferprojekt „Wüste“ gekostet, das in Sinn und Methode höchst fragwürdig auf Zwangsarbeit durch Häftlinge von Konzentrationslagern gebaut und auch ihm selbst mit brutaler Drohung auferlegt war. Im Februar 1944 war 24jährig der jüngste von uns Brüdern in Italien gefallen. Zu ihm als Nachgeborenem hatte der Vater eine besondere Liebe. Hans schien, obwohl schon seit 1937 im Arbeits- und Wehrdienst und junger Offizier, lange im Fortgang des Krieges ein Günstling des Glücks, so wie die Sicherheit seines offenen Blicks und sein bewegendes Lächeln uns in Erinnerung ist. Aber in der furchtbaren Abwehrschlacht von Nettuno nahm den jungen Hauptmann, der sich nicht schonte und von einem Scharfschützen gesichtet war, der Tod. Er wurde im Albanergebirge und später mit Tausenden anderen in Pomezia beigesetzt. Ich glaube, nie ist Vater von einem gleichen Schmerz ergriffen worden. Aus seinem Glauben heraus ging er den Weg, den Verlust als das ihm Zubedungene zu tragen („Geh den Weg, den Gott dich sendet! Er begann und er vollendet“), indes die Mutter, die ihren jüngsten gleich im Herzen trug - ich darf es wohl vor ihr sagen - mit dem in ihr besonders lebendigen Opfersinn fürs Vaterland auch über diesen Schmerz Herr zu werden verstand. In den Jahren des Ruhestandes, deren Grundlagen nach Zerstörung der Behausung, im engen Zusammenwohnen mit Fremden, beim Mangel käuflicher Nahrung erst mühsam wieder geschaffen werden mussten, hat der stets Tätige genug der Tätigkeit gefunden. Viel beschäftigte ihn - ich sprach schon davon - die Ahnenkunde, der Familienverein, die lebende Familie, in der zu helfen und zu raten war. Er las viel und fertigte noch immer, wie er es stets tat, Auszüge und Zusammenfassungen darüber. Er machte Gutachten, die von ihm noch immer erbeten wurden, und schrieb seine besonderen Erfahrungen des Bauens, besonders in Rutschgebieten, nieder. Er besuchte Vorträge religiöser, naturkundlicher, philosophischer Art und machte als treuer Beobachter der Elemente noch einen Kurs der Wetter- und Wolkenkunde mit. Mit einer besonderen Sorgfalt, schön beschriftet und übersichtlich, ordnete er um sich, was zu ordnen war, und hatte immer zur Hand, was er brauchte. Noch ging er auch im Haus gern mit Hammer, Säge, Nägeln um wie oft im Leben, er sorgte für seine Feuerbohnen und Wicken, die jedes Jahr wieder die Kulisse für seinen hängenden Semiramisgarten auf der Asphaltterrasse abgeben mussten, und zog mit Vorliebe besondere Pflanzen - noch zuletzt schrieb er, wie wir nachher fanden, Tagebuch über das Sprossen und Aufblühen seiner japanischen Trichterwinden. Stets dachte er noch mit den Söhnen. Wo in seinen vielen Zeitungen Wissenswertes erschien, wurde es ausgeschnitten und dem Zuständigen der beiden gesandt. Mit dem Ältesten, dem er einst selbst das Studium der technischen Physik nahegebracht und der nun aus seinen weitreichenden Erfahrungen als beratender Ingenieur zu berichten hatte, verbanden viele und von beiden Seiten gern gesuchte Gespräche. Wohl ging es dabei um das Aktuelle, neue Arten und Projekte des Bauens, von denen der Ältere zu erfahren nicht müde wurde, mehr aber um ein Umreißen und Skizzieren wesentlicher Zusammenhänge, das bei der gleichgestimmten Art der Berufserfahrung keiner vielen Details bedurfte, um doch klärend und nährend zu sein. Der den 70- und 80jährigen treu begleitende Arzt konnte die Wirkung solchen Austausches bis in das leibliche Wohlgefühl des ihm Anbefohlenen hinein feststellen.

Noch der 85jährige machte seine Besorgungen, seine Wege zum Bartschneider und nicht ganz kleine Spaziergänge und wollte sich noch immer mit der gleichen Neugier und mit eigenen Augen Kenntnis verschaffen von dem, was ihm Wichtiges etwa im Bauwesen vorging. Wahrscheinlich ist erst im letzten halben Jahr seine Kraft spürbar zurückgegangen. Träume plagten ihn und ein schwerer Sinn zog ihn nieder, so dass es manchmal allen Aufschwungs der Mutter bedurfte, um das tägliche Lebensschiff der Drei wieder vor den Wind zu bekommen. Besuchern begegnete aber auch in dieser Zeit oft noch sein Lachen, seine Offenheit und Herzenshöflichkeit, und das sehr Haushälterische seiner Patriarchengewohnheit ließ in Wohltätigkeit und persönlicher Gabe jetzt oft eine besondere Freiheit zu.

Noch vor wenigen Wochen trug er dem jüngsten Enkel, der bei ihm in Stuttgart ein Fieber zu absolvieren hatte, alles was ihn freute, ans Bett und war ihm ein hingegebener Unterhalter. Der Enkel wurde gesund, aber ihn ergriff, was ihn in kurzer Zeit von uns nahm. Zwei Tage vor seinem Tod hielt er mich im Spital für den besuchenden Arzt und stellte mir in einer gelösten, völligen Noblesse die andern im Zimmer als seine Eigenen vor. Es war für mich ein besonderer Eindruck, dass alles Bedingende, Lastende von ihm abgefallen war und sein schmaler gewordenes, fast faltenlos scheinendes Gesicht plötzlich an Züge erinnerte, wie ich sie von einem Bild des etwa Zwanzigjährigen kannte: hindeutend darauf, dass das menschliche Leben in seinem Wachstum doch auch Identität in sich selbst ist oder, wie die Urworte orphisch sagen „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ und dass auch der fast 90jährige in mancher Schicksalskehre verwandelt, doch als die unverwechselbare Monade in die Schöpferhand zurückkehrt, die ihn ins Leben gesandt hat.

Vielleicht sage ich damit zu Persönliches. Aber ich glaube, ich müsste nicht der Sohn sein, um so von diesem Mann zu reden. Ihm selbst wäre wohl am meisten leid, wollte wir ihn an seinem Grab mit großen Worten über sein Maß hinausheben. Er wollte nicht mehr, aber dies ganz sein, was er war. Seine Schlichtheit und Echtheit, sein Handeln aus Gottvertrauen, seine Treue zu Dienst und Amt, sein Sehen und Geltenlassenkönnen des Andern, seine Unmittelbarkeit zu Menschen, seine aus dem Herzen kommende Höflichkeit, die sich mehr im Schauen der Augen als in einer leichten Gebärde verriet, wurzelhaftes Verbundensein mit dem Boden der Heimat und allem, was uns als Gott-Natur umgibt und trägt, seine Liebe zu den Eigenen und zum Stamm, woraus wir wurden - all dies und manches mehr müsste ich berufen, um die Einheit dieses Lebens zu zeigen, das, aus anderer Zeit kommend, sich so unter uns entfaltet und sich in sich selbst erfüllt hat.
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