Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Magnus Zeller 1888-1972
zum 25. Todestag

Renate Bergerhoff, Bereichsleiterin für „Bildende Kunst“ am Potsdamer Museum, Dozentin an der Volkshochschule Potsdam, in: Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN), 25. Februar 1997 (zum 25. Todestag Magnus Zellers)

 
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.                                                                 Selbstporträt 1926

Als Magnus Zeller 1937 in sein Haus nach Caputh am Schwielowsee zieht, liegt bereits ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen hinter dem fast Fünfzigjährigen. Wieder hält er es für ratsam, Berlin zu verlassen - diesmal, um sich den Repressalien der Gestapo zu entziehen. In dem freundlichen, nach seinen Plänen gebauten Haus wird er bis zu seinem Tod am 25. Februar 1972 leben und arbeiten.

Als Sohn eines württembergischen Pfarrers 1988 im Mansfelder Land geboren, lebt er mit den Eltern, nach fünf Magdeburger Jahren, seit 1906 in Berlin. Dem Wunsch der Familie, die theologische Tradition fortzuführen, fügt er sich nicht, sondern geht nach Schulabschluss für drei Jahre zu Lovis Corinth in die „Studien-Ateliers für Malerei und Plastik“ in der Charlottenburger Kantstraße. Durch den frühen Tod des Vaters an Entbehrungen materieller Art gewöhnt, überwindet er auch als Student - besessen von seinem Ziel Maler zu werden - alle Widrigkeiten des täglichen Lebens. 1912 beteiligt er sich zum erstenmal an der Ausstellung der Berliner Secession, stellt später in der Freien Secession aus. Er reist nach Paris (1913) und Italien (1914), bevor sein Leben durch die Einberufung zum Militär (1915) eine einschneidende Veränderung erfährt. Sein Intellekt, gepaart mit hoher Sensibilität, lässt ihn bald das Wesen des Krieges erkennen. In der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost in Kowno (Kaunas), später in Wilna (Vilnius) trifft er auf Intellektuelle und Künstler wie Richard Dehmel, Arnold Zweig, mit dem er freundschaftlich verbunden ist, Karl Schmidt-Rottluff, Franz Radziwill u.a.

„Einig waren wir uns in der Verabscheuung des Preußentums mit Militär und Preußenkult. 1917 noch in Kowno lithographierte ich ein satirisches Blatt “ (mit Kaiser Wilhelm II., Prinz August Wilhelm, General Ludendorf)

In der Nacht wird die große Druckpresse von Ober Ost in Gang gesetzt. Ihr Dröhnen ruft den Wachhabenden auf den Plan. Der Stein kann noch versteckt werden, der Druck des Lithos als Flugblatt wird vereitelt. „Der Krieg wäre nicht beendet worden, aber wir hätten ein paar Jahre Festung bekommen“ (M. Zeller in einem Brief vom 17.10.1965 an den Sohn eines Mitstreiters). In Wilna druckt er heimlich seinen ersten Grafik-Zyklus auf der Presse von Ober Ost - „Entrückung und Aufruhr“ - 12 Lithos, zu denen Arnold Zweig 12 Gedichte schreibt (1917/18), als Mappe 1920 in Deutschland erschienen.

Versetzt nach Dorpat (Tartu) und im gleichen Jahr nach Berlin zur Obersten Heeresleitung, wird er von Bernhard Kellermann und Paul Zech in den Arbeiter- und Soldatenrat aufgenommen und wird Mitglied der u.a. von Max Pechstein gegründeten Novembergruppe. Er erlebt die Novemberrevolution nicht nur als eine Zeit des Aufbruchs, sondern wird „zu einem ihrer bedeutendsten künstlerischen Chronisten.“ (Diether Schmidt) Das Thema Revolution beschäftigt ihn bis in die späten 20er Jahre, anfangs mit übersteigerter Gestik und suggestiver Wirkung wie bei dem Bild „Volksredner“ von 1919 (Los Angeles County Museum of Art), später werden Kampf und Niederlage, Schmerz und Tod stärker verinnerlicht, begleitet auch von Enttäuschung.

Zeller verlässt Berlin, um der Beobachtung und möglicher Verfolgung zu entgehen. In Blomberg, der Heimat seiner ersten Frau, die 1926 an Typhus stirbt, findet er 1919 ein Atelier in der mittelalterlichen Burg. Am gleichen Ort wird 1991 eine Ausstellung mit seinen Werken aus Museen und Privatbesitz der alten Bundesländer veranstaltet. Das Atelier in der Burg konnte er ausbauen und beziehen durch Vermittlung des lippischen Landeskonservators Dr. Karl Vollpracht, der bis zu seinem Tod 1957 sein Mäzen blieb und über die umfangreichste Zeller-Privatsammlung verfügt. Magnus Zeller hat sich nie etwa mit seiner jeweiligen Jahresproduktion an einen Galeristen gebunden.

Ein Lehrauftrag für Grafik ruft ihn in den Jahren 1923 und 1924 an die estnische Staatliche Kunstschule in Dorpat. Durch seine Aufenthalte in Blomberg und Dorpat wurde die Bindung an die Berliner Kunstszene lockerer, Zeller hält sich nur in den Wintermonaten hier auf. Magnus Zeller hatte Visionen; seine Vorstellungen und Voraussichten entstammten einem ausgeprägten Gespür für die Zeit in der er lebte und die er mit seinen Mitteln der Darstellung verändern wollte. Er fand den Mut, offenkundig, oft auch durch das Einbeziehen von Symbolen und Parabeln zu warnen und zu mahnen. Bis etwa 1925 ist seine Formensprache expressiv, mit phantastischen Elementen ausgestattet, grotesk oder bis zur Ekstase übersteigert.

Das Großstadtleben der 20er Jahre mit Alkohol- und Rauschgiftkonsum, Okkultismus, sexueller Ausschweifung lieferte ihm brisante Themen, die er kritisch, jedoch nicht mit der Schärfe und Schonungslosigkeit eines Dix oder Grosz behandelt.

Eine Versachlichung hält nur für einige Jahre an; in den 30er Jahren entsteht manches eher beschauliche Bild. Stille und Schönheit in Porträts und Landschaften täuschen - insgeheim drängt es Zeller, seine Auseinandersetzung mit dem Hitlerfaschismus zu formulieren: „Der totale Staat (Hitlerstaat)“, 1938, und „Staatsbegräbnis“, 1944/45 - beide Bilder im Märkischen Museum Berlin - sind die wichtigsten Beispiele. Das Kriegsende bedeutet ihm die innere Befreiung vom Alptraum Faschismus. Erstmals kommen seine im Atelier verborgenen Bilder ans Licht, können in Ausstellungen gezeigt werden. Er engagiert sich beim kulturellen Wiederaufbau des Landes, gründet mit Otto Nagel und Bernhard Kellermann bereits 1945 den Kulturbund in Potsdam und beteiligt sich an den ersten zentralen und regionalen Kunstausstellungen. Zellers Bedeutung für die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts ist unbestritten. In zahlreichen Ausstellungen und Publikationen erfuhr sein Werk die entsprechende Würdigung. Ein Werkverzeichnis ist das Ergebnis zwanzigjähriger kunsthistorischer Forschung. 1993 erschien die jüngste Publikation: Magnus Zeller. Aufbruch und frühe Feste.

Seine Bilder, Aquarelle, Handzeichnungen und Druckgrafiken befinden sich in Museen der USA, der alten Bundesländer und besonders in den Museen von Halle/ S., Leipzig, Berlin, Potsdam und Frankfurt/ Oder, sowie in Privatsammlungen der alten und neuen Bundesländer. Die Staatliche Galerie Moritzburg Halle kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, 1988 zum 100. Geburtstag des Künstlers eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung mit Katalog nach mehr als dreijähriger Vorbereitungszeit veranstaltet zu haben. Unsere Region hat trotz kleinerer Werkschauen (1955 und 1967) und der ersten größeren Exposition zum Zellerschen Werk überhaupt (1978 von der Galerie Sozialistische Kunst am Bezirksmuseum Potsdam gezeigt) zu wenig für Magnus Zeller getan, der hier 35 Jahre seines Lebens verbrachte.

Die Tochter des Künstlers, Frau Helga Helm, betreut Werk und Nachlass Zellers. Originelle autobiografische Erzählungen, 1926 - 1930 auf Anregung von Arnold Zweig aufgeschrieben, Gedichte und Briefe harren der Veröffentlichung. Die Herausgabe einer Biographie mit unveröffentlichter Grafik ist als Projekt angedacht - lobenswerte Vorhaben, die neue Aspekte zu Leben und Werk Magnus Zellers in Aussicht stellen.

Zur Lebensbeschreibung
Zur Vernissage 2002

 

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