Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Maria Andreä geborene Moser (1550-1632)
Die „Hofapothekerin“

 

Aus: Rose Wagner-Zeller, Mosaik, Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 93-98


Maria war die Tochter des Vogts von Herrenberg, Valentin Moser, und die Enkelin des Vogts Balthasar Moser, von dem schon die Rede war. Sie verlor ihre Mutter mit neun Jahren und lebte von da an im Hause der Großmutter, die - aus vermögender Familie - es sich erlauben konnte, sich in großzügiger Weise um Kranke, Arme und Obdachlose zu kümmern. Das aufgeweckte und lernwillige Mädchen wurde von ihr bald neben den Pflichten des Haushalts als Hilfe bei ihrer pflegerischen Tätigkeit herangezogen. Zum Spielen mag wenig Zeit übrig geblieben sein, denn das Lesen in Bibel und Gesangbuch gehörte ganz selbstverständlich zum Tagesablauf nicht nur dieser Familie. Schließlich lag die Reformation noch nicht lange zurück, Vater und Großmutter waren Zeitzeugen dieser großen geistigen Bewegung gewesen, und seither gehörte die tägliche Andacht der Hausgemeinschaft zur Tradition der gebildeten Schicht in Württemberg. Maria hat zeitlebens an dieser Tradition festgehalten, jedes Jahr soll sie die Bibel durchgelesen haben, so berichtet ihr Sohn Johann Valentin, dessen kleiner lateinischer Lebensgeschichte seiner Mutter wir unser Wissen über sie verdanken. Die Bibel war dazumal das Buch, mit dem die Kinder lesen lernten, das sie als Richtschnur des Lebens, aber auch als Quelle des Trostes und der Kraft durch die oft harten Anforderungen des Alltags begleitete.



Als Marias Vater die dritte Ehefrau durch den Tod verloren hatte, übernahm die herangewachsene Tochter die Führung seines Haushalts und die Pflege des alten Mannes, der an einer schmerzhaften „Gliederkrankheit“ litt. Als er im Mai 1576 starb, war Maria Moser schon verlobt mit dem Pfarrer Johannes Andreä, den sie im Oktober desselben Jahres heiratete. Dadurch kam Maria Moser in eine Familie, mit der sich die unsrige mehrfach versippt hat, eine Familie, die gerade eine Generation zuvor vom Handwerk ins Akademikertum aufgestiegen war. Ursprünglich aus Bayern zugewandert, hatte sich Jakob Andreä, der Altere, der Großvater von Marias Ehemann, in der Freien Reichsstadt Waiblingen als Hufschmied niedergelassen. Er war noch ein guter Katholik, der zu Fuß eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela unternommen hatte. Sein Sohn, Jakob Andreä, der Jüngere, fiel schon als Zehnjähriger durch seine Begabung auf. Der Bürgermeister soll den Vater bewogen haben, den Buben mit finanzieller Unterstützung der Stadt nach Stuttgart aufs Pädagogium, die angesehene Lateinschule, zu schicken. Es war dieselbe Schule, die der junge Georg Burckhardt aus Wettelsheim und später der Enkel des Postboten, Carl Bardili, besucht hatten. Der Weg von dort mit einem herzoglichen Stipendium zum Studium im Stift in Tübingen war damit vorgezeichnet. Jakob Andreä gehörte zu den ersten „Stiftlern“, die sich noch nicht durch die dunkle, mönchsartige Tracht der späteren Stiftler von ihren Kommilitonen unterschieden, sondern wie die anderen Studenten trugen sie Mützen und Bänder, den kurzen Mantel und an der Seite ein langes Schwert, die Kleidung, die sich bis heute bei manchen studentischen Korporationen erhalten hat.

Der spätere Kanzler der Universität, Jakob Andreä, heiratete Anna Entringer, die Tochter oder Enkelin jenes aufmüpfigen Soldaten, der seinem Landesherrn, Herzog Ulrich, auch während der Verbannung unverbrüchlich die Treue gehalten hatte. Achtzehn Kinder wurden dem Ehepaar geboren, von denen nicht alle groß wurden. Sie haben den Vater wohl selten gesehen, denn er bereiste im Auftrag Herzog Christophs als einer der führenden protestantischen Theologen Universitäten und Fürstenhöfe, um für die von ihm mit Hilfe anderer Theologen erarbeitete, gemeinsame Auslegung des Augsburger Bekenntnisses, das einst Melanchthon verfasst hatte, allgemeine Zustimmung zu gewinnen. In einem Buch hatte Jakob Andreä zuvor die zahlreichen, in Einzelheiten oft abweichenden protestantischen Glaubensschriften zusammengefasst, in dem Bestreben, eine einheitliche und allgemein verbindliche Grundlage protestantischer Theologie zu schaffen. Das Ergebnis war die „Formula Concordiae“, die 1577 vorlag und von den Lutheranern hinfort als verbindlich anerkannt wurde, jedoch nicht von den Calvinisten, was Jakob Andreä sehr bedauerte.

Seit jenen Tagen steht beim Eintritt in den Kirchendienst jedes württembergischen Theologen: „Er unterschrieb die Konkordienformel am: ...“. Einer der wenigen, der sich weigerte zu unterschreiben, weil er in der Abendmahlslehre der Meinung Calvins folgte, war Johannes Kepler, der deshalb nie die erhoffte Professur in Tübingen bekam. Die Konkordienformel trug zwar zur Geschlossenheit der Lutherischen Kirche bei, gab ihr eine feste Form und grenzte sie von den „Reformierten“, wie sich die Calvinisten später nannten, ab, aber die Form erstarrte bald, engte ein und lähmte. Neue Impulse kirchlichen Lebens hatten es schwer, sich in der Zukunft durchzusetzen.

Zurück zu Maria und Johannes Andreä. Der junge Ehemann machte schnell Karriere. Erst war er Pfarrer in Hagelloch und in Mössingen, dann wurde er Dekan in Herrenberg. Schließlich wurde er 1591 als Prälat an die Klosterschule in Königsbronn berufen und gleichzeitig zum herzoglichen Rat ernannt. In die Herrenberger Zeit fiel eine Episode, die zeigt, dass die Pfarrfrau Maria Andreä keine Scheu kannte, auch Männern ins Gewissen zu reden. Neben dem Dekan war damals auch der junge Pfarrer Hafenreffer in Herrenberg tätig. Er war mit einer früh verwitweten Tochter des Reformators Brenz verlobt, dachte aber daran, die Verlobung aufzulösen, da man ihm Hoffnung auf eine reichere und schönere Braut gemacht hatte. Aber Maria fand das nicht gut; sie meinte, dass es eines Geistlichen unwürdig sei, seine Braut, die sich schon in einer ersten Ehe bewährt habe, wegen einer anderen, die reicher und schöner sei, sitzen zu lassen. Hafenreffer beherzigte ihre Worte, und seine Ehe soll sehr glücklich geworden sein.

Marias eigene Ehe wurde es nicht. Zwar tummelten sich bald sieben Kinder in Haus und Garten, aber die Eheleute gingen inzwischen, freilich ohne Streit, ihren eigenen Interessen nach. Sie experimentierten beide, aber auf sehr verschiedene Weise. Maria war nebenher eine gesuchte Krankenpflegerin; sie sammelte Kräuter und Wurzeln und bereitete ihre Salben und Arzneien selbst zu, um danach ihre Wirkung zu beobachten. Auch ohne wissenschaftliche Begründung wusste sie aus Erfahrung, wie ansteckend manche Krankheiten waren und dass man Berührung der Kranken vermeiden musste. Eine schwerkranke Magd isolierte sie deshalb in einer Stube, verbot jedermann, die Stube zu betreten, und pflegte unerschrocken die Magd gesund. An Festlichkeiten, wie ihr Ehemann sie liebte, nahm sie selten teil.

Der Prälat Johannes Andreä dagegen war ein geselliger, lebenslustiger Mann, der sich neben seinem Amt höchst weltlichen Beschäftigungen widmete. Er hatte sich der Alchemie ergeben, dem Versuch, aus allerlei metallischen Mischungen Gold zu machen. Mit großer Sorge sah Maria, wie das beträchtliche Vermögen, das sie in die Ehe eingebracht hatte, zusammenschmolz. Auch der Sohn Johann Valentin spricht von den „unnützen und dem Familienvermögen schädlichen chemischen Versuchen des Vaters“, die aber immerhin zu einer bedeutsamen Begegnung des Ehepaares mit Herzog Friedrich 1. und Herzogin Sibylla führen sollten.

Herzog Friedrich I. war in Mömpelgard aufgewachsen und hatte dort französische Lebensart kennen gelernt. Seine Hofhaltung in Stuttgart war zu prunkvoll und verschwenderisch für sein kleines Ländchen, so dass er ständig in Geldnot war. Auch er setzte auf die „wunderbare Tinktur“, die ihm aus verschiedenen Legierungen Gold schenken würde. Wer für ihn arbeitete, meist Betrüger, die des Herzogs Hoffnungen bald enttäuschten, musste oft mit dem Leben zahlen. Der Galgen wartete auf sie. Solches hatte der Prälat natürlich nicht zu fürchten. Als der Herzog, begleitet von der Herzogin und zwei Töchtern im Jahre 1598 sich für mehrere Wochen in Königsbronn aufhielt, um zu jagen, kam es zu einem regen Gedankenaustausch zwischen ihm und Johann Andreä über das gemeinsame Experimentieren. Eine Hofdame, die mit der Familie Moser in Herrenberg befreundet war, machte inzwischen die Herzogin mit der Frau des Prälaten bekannt. Die beiden Frauen befreundeten sich schnell. Beide sahen mit offenen Augen die Not vieler Menschen im Lande, beide versuchten auf dieselbe Weise zu helfen, indem auch sie medizinisch-chemische Versuche machten, um wirkungsvolle Arzneien zu finden und herzustellen. Nach der Abreise des hohen Paares blieb die Herzogin mit Maria in loser Verbindung, und dies führte zu einem Angebot der Herzogin Sibylla, als Maria mit 51 Jahren durch den plötzlichen Tod ihres Mannes Witwe geworden war. Sie sollte im persönlichen Gefolge der Fürstin am Hofe zu Stuttgart als „Apothekermagd“ sich der Kranken und Armen annehmen. Aber Maria lehnte zunächst ab, sie wollte ihre Kinder, drei Töchter und vier Söhne, nicht dem zügellosen Hofleben aussetzen. Statt dessen zog sie nach Tübingen, wo sie wie Viele einen Mittagstisch für wohlhabende Studenten einrichtete. Von den Resten des Mahles wird sie sich und die Kinder verköstigt haben. Da wird wohl oft „Schmalhans“ Küchenmeister gewesen sein. Dennoch hielt Maria daran fest, dass die Söhne alle studieren sollten, koste es, was es wolle, und sie wies es entrüstet zurück, als ein Freund des Hauses ihr riet, die beiden jüngeren doch lieber ein Handwerk lernen zu lassen. Durch äußerste Sparsamkeit und mit Hilfe von Stipendien haben alle vier Theologie studiert. Erst als die Töchter verheiratet waren und die Söhne am Anfang einer Laufbahn standen, gab sie dem Drängen von Herzogin Sibylla nach, die im Einverständnis mit dem Herzog 1607 Maria erneut bat, an den Stuttgarter Hof zu kommen. Jetzt war sie dazu bereit, und so begann sie mit 57 Jahren eine berufliche Tätigkeit.

Gewiss, sie war keine akademisch ausgebildete Pharmazeutin. Der offizielle Hofapotheker war Caspar Gebhard, dem 1608 Jakob Kienlin folgte. Maria Andreä waren mehr die „Frauenzimmer“ bei Hofe anvertraut. Sie unterstützte die Landesmutter bei ihren caritativen und medizinischen Bestrebungen. Es war nämlich ein alter Brauch, dass die Hofapotheke Heilmittel aller Art an Arme und Kranke verteilte, nur nahm man es schon lange damit nicht mehr so genau. Statt dessen bedienten sich die Hofleute ihres Privilegs, um sich dort kostenlos Schönheitssalben, Schminke und Süßigkeiten vielerlei Art herstellen zu lassen. Es war der Wille der Herzogin, dass

Maria wieder die wohltätigen und fürsorgerischen Aufgaben der Apotheke aufnehmen und fördern sollte. Sie wurde so zwischen der Bevölkerung und der Hofapotheke zur Mittlerin, was ihr den Ruf als „Hofapothekerin“ eingetragen haben mag. Angemessener wurde sie von den Leuten „Mutter der Armen“ genannt, was der Vielseitigkeit ihrer Arbeit besser entsprach. Sie pflegte und heilte, wusch und verband Wunden, aber nicht nur das. Sie setzte auch durch, dass die Reste der üppigen herzoglichen Tafel jeden Tag an die Armen der Stadt verteilt wurden. Dass sie bei allen Geburten bei Hofe als sehr geschätzte Hebamme diente, war selbstverständlich.

Anfangs lächelten die Hofleute über sie oder lachten offen hinter ihrem Rücken, weil sie sich nicht dazu herbeiließ, ihr schlichtes und strenges, dunkles Witwenkleid gegen die bunte höfische Tracht umzutauschen. Sie wusste sich trotzdem sehr bald Respekt zu verschaffen. Sie diente; aber in dem Arbeitsbereich, den die Herzogin ihr anvertraut hatte, herrschte sie. War sie eine Asketin? Vielleicht. Sie war sicherlich eine Frau mit äußerster Selbstdisziplin, die immer wusste, was sie wollte, die selbstbestimmt und unbeirrt ihren Weg ging, die sich durch ihre Leistung überall Achtung verschaffte und durch ihre menschliche Zuwendung sich Freundschaft und Liebe erwarb.

Nach dem Tode Herzog Friedrichs I. folgte sie Herzogin Sibylla auf ihren Witwensitz im Schloss zu Leonberg. Auch dort wurde sie bald zur „Mutter der Armen“, so dass die Stadt nach dem Tode Sibyllas sich sehr bemühte, sie zum Bleiben zu bewegen. Man bot ihr freies Wohnen und ein gutes Jahrgeld an, aber die nun 64-jährige Maria Andreä ließ sich nicht darauf ein. Auch der junge Herzog Johann Friedrich hätte sie gern wieder an den Hof nach Stuttgart geholt, aber auch das sagte sie ab. Immerhin erhielt sie von ihm als Dank für ihre Dienste ein monatliches Ruhegehalt, eine Leibrente, eine große Seltenheit für Frauen zu damaliger Zeit. Maria Andreä lebte danach erst bei ihrer Tochter Anna, die mit dem Vogt Sixtus Brauch verheiratet war, und auch hier setzte sie ihre fürsorgerische Tätigkeit fort mit dem Geld, über das sie verfügte, und unterstützt von ihrem vermögenden Schwiegersohn. Es war ein schwerer Schlag für die Familie, als dieser im besten Mannesalter starb.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Maria Andreä im Pfarrhaus in Calw bei ihrem Lieblingssohn Johann Valentin. Auch dort versorgte sie Schwerkranke und stand vor allem Sterbenden bei, aber das Gehen fiel ihr allmählich schwer. Ihr Geist blieb wach und lebendig, auch wenn die Kräfte nachließen. Am liebsten saß sie lesend in der Studierstube des gelehrten Sohnes. Es war wohl bezeichnend für sie, dass das letzte Buch, das der Tod ihr aus der Hand nahm, den Titel trug: „Das praktische Christentum“. Es blieb ihr erspart zu erleben, dass Johann Valentins wertvolle Bibliothek im 30-jährigen Krieg beim großen Brand von Calw mit allen Häusern der Stadt ein Raub der Flammen wurde. Aber ein anderer großer persönlicher Kummer dagegen traf sie hart; es war die zerrüttete Ehe ihres Sohnes Jakob und sein früher Tod durch die Hand eines Mörders. Lange verheimlichte man ihr, dass der Geliebte der Ehefrau des Pfarrers von Birkenfeld oder sie selbst den Mörder bestellt haben sollte.

So ist ihr Leben durch Höhen und Tiefen gegangen, als sie 1632 mit 81 Jahren nach kurzer Krankheit starb. Mit hohen Ehren wurde sie zu Grabe getragen, vier Pfarrer und zwei Ratsherren trugen ihren Sarg zur letzten Ruhestätte in Calw. Ihr Sohn Johann Valentin Andreä, der ihr immer am nächsten gestanden hatte, und der wusste, was sie sich zeitlebens vergeblich gewünscht hatte, nämlich ein eigenes, großes Hospital zu versorgen und zu leiten, hielt ihr die Leichenrede. Sein Nachruf endete mit diesen Worten: „So bist du doch endlich ferne von uns und zugegen bei den himmlischen Chören, geliebte Mutter. Du freilich warst schon lange lebenssatt, aber uns wird die Sehnsucht nach deinem Umgang nie verlassen. Und ich, dein Sohn, den du unter dem Herzen getragen und unter Schmerzen geboren, reichlich genährt, zärtlich geliebt, in heilsamer Liebe unterrichtet, mit deiner Strenge gezüchtigt, durch deine Tugend empfohlen, mit deinem Segen bereichert, durch deine Gegenwart und dein Zusammenleben geehrt, - ich bringe als dein größter Schuldner diesen Dank deiner heiligen Asche dar! Ein rühmliches Gedächtnis bleibe dir auf Erden und dein Segen komme auf deine Hinterbliebenen! Sanft ruhe deine Asche nach langer Arbeitszeit, und höre bald mit Jauchzen den Ton der Posaunen! Von deiner ganzen Hinterlassenschaft begehre ich nur deine edlen Eigenschaften zu erben, dann bin ich reich genug. Und so lebe wohl auf ewig, Landesmutter, Armenmutter, meine Mutter! Lebe wohl, beste, süßeste, meine Mutter!“



 

Von den „Weisen Frauen“

Seit Urzeiten sind es die Frauen, die von Geburt und Tod sehr nahe berührt werden. Sie standen von jeher den Gebärenden bei und wurden an das Lager der Sterbenden gerufen. Als „Weise Frauen“ beherrschten sie bis zum Beginn der Neuzeit das mündlich weitergegebene Wissen der Volksmedizin, das mit seinen Wurzeln bis in die Antike zurückreicht.


Ihr Ansehen als Heilerin und ihre durch volksmedizinische Kenntnisse und lange praktische Erfahrung erworbene Macht hielt sich ungebrochen bis ins ausgehende Mittelalter. Noch um 1200 pilgerten auch Männer zur kräuterkundigen Nonne Hildegard von Bingen, um sich von ihr über die Heilung körperlicher Gebrechen und krankhafter Gemütszustände belehren zu lassen. Ihr Traktat über mehr als 700 Kräuter und deren Wirkung stellt eine Zusammenfassung des damaligen volksmedizinischen Wissens dar. In der Folgezeit aber sank das bisherige Ansehen der Frauen ganz allgemein und damit auch ihr sozialer und rechtlicher Status, bis er um 1600 einen Tiefstand erreichte; und diese Entwicklung betraf auch die Stellung der „Weisen Frauen“, die lange verehrt, aber auch gefürchtet waren, denn nur sie wussten Bescheid über die Wirkung ihrer pflanzlichen Arzneien. Auf die Dosierung kam es an, ob ihre Medikamente heilten, Schmerzen linderten oder als schädliche Droge und Narcoticum wirkten, als Gift sogar töteten. Sie kannten den erotisierenden Liebestrank, aber auch Kräuter, die eine Empfängnis verhüteten oder eine Abtreibung bewirkten. Jahrhunderte lang übten die „Weisen Frauen“ so eine mehr oder weniger stillschweigend geduldete Geburtenkontrolle aus, wenn sie auch von Obrigkeit und Kirche nicht gerade erwünscht war.

Es war nie ein Geheimnis gewesen, dass Drogen aus heimischen Pflanzen auch rauschartige Zustände hervorrufen konnten. Frauen, deren Alltag nur schwerste Arbeit kannte, mögen sich hin und wieder und häufiger als Männer, denen Alkohol bei der Zecherei im Wirtshaus unbeschränkt zur Verfügung stand, der berauschenden Wirkung von Kräutern hingegeben haben. Auch heute geht der oder die Süchtige „auf einen Trip“, der ihn oder sie vorübergehend in eine Traumwelt entrückt. „Flugerlebnisse“, die eine gewisse „Leichtigkeit des Seins“ vorgaukeln, sind bis heute bekannt. Solche Drogen und ihre Wirkung kamen erst in Verruf, als man sie mit dem Teufel in Verbindung brachte und so Frauen als Hexen „verteufelte“.

Manche der Frauen bediente sich bei der Zubereitung ihrer Medikamente unverständlicher Zauberformeln und magischer Rituale, die oft schwer erkennen ließen, ob es sich bei ihnen um geldgierige Quacksalberinnen oder um echte Heilerinnen handelte. Dies wurde zum willkommenen Anlass, sie anzuzeigen und damit die Anwendung volksmedizinischen Wissens, das sich der Kontrolle der Männer so lange und hartnäckig entzogen hatte, zu verbieten. Hexenwahn und oft auch persönliche Motive, Neid und Rachegedanken, dazu uralter Aberglauben, der Frauen magische Kräfte zutraute, taten das Ihrige, um die Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert einem schaurigen Höhepunkt zuzutreiben.

Von 1497-1750 wurde in Württemberg gegen mehr als 450 Menschen wegen Schadenzauber und Hexerei ermittelt. 85 % von ihnen waren Frauen, und mindestens 116 der Angeklagten - also etwa ein Drittel - wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das war schlimm genug, zeigt aber doch das Bestreben der Obrigkeit, nicht leichtfertig jeder Verleumdung nachzugeben, sondern jeden Fall sorgfältig zu prüfen. Verstärkt wurde die Verfolgung der „Weisen Frauen“ auch durch das Aufkommen und die zunehmende Verbreitung der Schulmedizin. Außer an der italienischen Universität von Salerno, wo besonders arabische Medizin gelehrt wurde, unterrichtete man an den anderen Universitäten theoretische Medizin, noch gemeinsam mit Naturwissenschaften und Chemie. Erst später wurden Medizin und Pharmazie zu selbständigen Wissenschaften. Unterricht in Anatomie war von der Kirche, welche an die leibliche Auferstehung der Toten glaubte, sehr lange verboten. An praktischer Erfahrung waren die Frauen also den akademisch geschulten Ärzten weit überlegen, deshalb war ihre Konkurrenz als Heilerin am Krankenlager oder als kenntnisreiche, aber nicht studierte Herstellerin von Arzneien höchst unerwünscht.

Andererseits war an ein Studium von Frauen nicht zu denken. Die allgemeine Geringschätzung ihrer geistigen Fähigkeiten und ihre Unkenntnis der lateinischen Sprache verboten ganz von selbst ihre Zulassung zu einer Universität. Im medizinischen Bereich wurde die Frau am längsten als Hebamme und als „Beiständerin“ bei Geburten geduldet, da Männern bis ins 17. Jahrhundert der Zutritt zur Wochenstube als Arzt verwehrt blieb; aber zunehmend wurden von den Männern Hebammenordnungen erstellt, und damit wurden die Frauen, die für Geburtshilfe zuständig waren, der Kontrolle von männlichen Ärzten unterworfen, vor denen sie für ihre Tätigkeit Rechenschaft ablegen mussten. Schließlich durften die Frauen nur noch als Handlangerinnen des Arztes bei der Pflege helfen. Erst im Anfang des 20. Jahrhunderts haben sie sich das Recht zu einem medizinischen Studium erobert und damit die Möglichkeit, als Ärztinnen, Pharmazeutinnen und „Heilerinnen“ zu wirken, zurückgewonnen.

Katharina Kepler und Maria Andreä sind sicher den „Weisen Frauen“ zuzurechnen, denn sie verfügten beide über ein hohes medizinisches Wissen, das sie von Frauen aus der Verwandtschaft gelernt und übernommen hatten, das sie aber, wie ihre Söhne berichteten, durch eigenes Experimentieren zu erweitern suchten. Auch der Lebensweg der beiden fast gleichaltrigen Frauen ähnelt sich äußerlich. Der frühe Tod ihrer Mütter und die frühe Witwenschaft stellten sie vor ähnliche Herausforderungen. Was sie aber sehr wesentlich unterschied, war ihre soziale Herkunft. Vermutlich sind sie sich nie begegnet, obwohl sie für kurze Zeit beide in Leonberg wohnten; Katharina Kepler in einem schmalen Häuschen nicht weit vom Markt, Maria Andreä als Begleiterin der Herzogin Sibylla oben auf dem Schloss.

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