Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Dienst an der Hausgemeinschaft in der Stille
- Sophie Zeller, Hausmutter der Gebetsheilanstalt Männedorf -

in: Herbert Leube, Familie und Christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Nr. 15, Lahr 1999, S. 131-135

 
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                                                               M. Sophie M. Zeller 1816-1899  (Archiv Andreas Zeller)


Die vierte Tochter von Christian Heinrich Zeller und seiner Frau Sophie Siegfried war Marie Sophie Luise, geboren im Hungerjahr 1816 kurz vor dem Weihnachtsfest. Sie kam noch in Zofingen zur Welt. Als sie drei Jahre alt war, zog die Familie um nach Beuggen, als der Vater dort Inspektor der neu gegründeten Armenschullehrer- und Kinderrettungsanstalt wurde. Und Beuggen wurde ihre Heimat, hier fand sie ihre Aufgabe, bis sie 1863 ihrem Bruder Samuel als Hausmutter nach Männedorf folgte.

Wie ihre Schwestern wurde Sophie zusammen mit den Anstaltskindern erzogen, ging mit ihnen zur Schule und wuchs hinein in eine von Gottvertrauen und Liebe zum Heiland geprägte Umgebung. Die Lebensführung war eher spartanisch, aber alle Hausgenossen wirkten in Liebe und Eifer für die Erziehungsaufgaben des Hauses zusammen. Sophie muß ein heiteres Kind gewesen sein, zu Streichen aufgelegt. Dabei war sie recht begabt. Als der Lehrer in der Schule anregte, jeder solle ein Lied dichten, schrieb sie ein „Hochzeitslied“:

Nun, so teilet Freud und Schmerz, teilet Sorg' und Mühen,
denn es ist fürwahr kein Scherz, Kinder zu erziehen!

Nach der Konfirmation kam Sophie für eine Zeit nach Zofingen zu Verwandten. Sie lernte dort Weißzeugnähen und konnte etwas weltlichere Luft schnuppern. Sogar in ihre erste und einzige Theateraufführung geriet sie dort. Sie sagte später: „Es mußte so sein, um mir für immer einen Abscheu davor zu geben.“ Nach ihrer Rückkehr nach Beuggen wurde Sophie als Arbeitslehrerin und Aufseherin einer Mädchengruppe von dreizehn Kindern eingesetzt. Als Arbeitslehrerin hatte sie vor allem die ihr anvertrauten Kinder bei Handarbeiten zu beaufsichtigen. Ihre heitere Art und ihr gesetztes Wesen machten sie schon in der Jugend dazu fähig. Damit mußte sie weitgehend aus dem Verbund der engeren Familie ausscheiden; ihr Stundenplan erlaubte nur noch wenig Freizeit:

5 Uhr (winters 6 Uhr) Aufstehen,
                    Aufsicht der Mädchen beim Lernen für die Schule,
7-8 Uhr        Frühstück und Morgensegen,
8-11.30 Uhr Arbeitsschule mit den kleinen Mädchen,
11.30           Mittagessen und Aufsicht in der Freistunde,
1-4 Uhr        während der Schule der Kleinen,
                    Arbeitsschule mit den Größeren,
4 Uhr           Abendessen und Aufsicht in der Freistunde,
5-7 Uhr        Arbeitsschule,
7 Uhr           Nachtessen und Abendsegen,
8-9 Uhr        gehen die Kinder zu Bett.

Sophie mußte auch bei den Mädchen schlafen. Dieser Dienst ist ihr sehr schwer geworden. Doch gewann Sophie die Anhänglichkeit ihrer Schützlinge, die sie ihr noch nach vielen Jahren bewiesen.

Als die Schwestern eine nach der anderen aus dem Haus gingen und sich verheirateten, wurde Sophie von ihrem Lehrerinnen- und Aufsichtsamt entbunden und zur Hilfe der Mutter bei der Leitung des Hauswesens herangezogen. Die Schwester Bertha hatte im Jahr 1840 den Marburger Professor Heinrich Thiersch geheiratet. In das Geschwisterhaus wurde Sophie in den Jahren 1848-1849 für sechs Monate eingeladen. Sie sollte bei der Kindererziehung behilflich sein - es waren im Haus Thiersch in rascher Folge drei Söhne und zwei Töchter angekommen. Sie machte natürlich in der Universitätsstadt Marburg viele Erfahrungen, die ihr in Beuggen verschlossen waren. Sie fühlte aber, daß sie für den freieren Geist des Studentenlebens nicht geschaffen war. Einen Ball hat sie natürlich nie besucht; sie versuchte ihre Freundin Marianne Stamm, die sie in Marburg kennenlernte, vom Ballbesuch abzuhalten: „Denke doch, wenn plötzlich der Herr Jesus käme, oder ich würde mitten im Ball sterben, wie schrecklich wäre es, so in die Ewigkeit gehen zu müssen!“ Gern kehrte Sophie nach Beuggen zurück. Dort war sie zuhause, dort fühlte sie, daß sie gebraucht wurde. In Beuggen war sie die Stütze der Eltern, von ihren Schwägern geliebt; besonders ihre Neffen - noch mehr als die Nichten - hingen mit Zärtlichkeit und Verehrung an ihr.

Offenbar hat es an Bewerbern um ihre Hand in jener Zeit nicht gefehlt, sie mußten aber unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sophie war mit voller Überzeugung ledig geblieben. Im Vertrauen bekannte sie einmal, es müsse doch etwas Langweiliges sein, so viele Jahre beständig mit einem Mann leben zu müssen. Nun, später hat sie es 36 Jahre mit ihrem jüngsten Bruder Samuel ertragen und ihm treulich hausgehalten.

Sophies besondere Liebe gehörte den Vögeln. Eine Eule hielt sie im Zimmer, und im Vorfenster eine Menge kleiner gefiederter Gesellen. Ihr Bruder Reinhard, damals Student in Basel, fürchtete aber, die Liebe zu den Vöglein könne zwischen seine Schwester und den Herrn Jesus treten, und entließ eines Tages die kleinen Gäste.

Besonders wichtig war Sophies Hilfe in der letzten Krankheit der Mutter. Die Mutter war in den Jahren 1857 bis 1858 monatelang bettlägerig; sie hatte Wassersucht, und Sophie wurde in ihrer Pflege nie müde, bis die Mutter Ende Juli 1858 heimgehen durfte. Nach ihrem Tod übernahm Sophie das schwere Amt der Hausmutter. Nachdem nur zwei Jahre nach der Mutter auch der Vater gestorben war, wurde der Sohn Reinhard zum Nachfolger des Vaters im Amt des Inspektors bestimmt. Reinhard fand bald in Elise Bohn eine Gattin, die natürlich in die Aufgaben der Hausmutter in Beuggen hineinwuchs. Als Lehrer und Verwalter des Hauswesens fungierte der Bruder Nathan. So war es für Sophie naheliegend, sich einen anderen Wirkungskreis zu suchen.

Nun hatte im Jahr 1862 der Bruder Samuel die Gebetsheilanstalt der Jungfer Dorothea Trudel in Männedorf bei Zürich nach deren Tod übernommen und war dankbar, daß seine Schwester bereit war, hier die Aufgaben der Hausmutter zu übernehmen. Über die Ziele und Führung der Gebetsheilanstalt wird unten bei Samuel Zeller berichtet. Sophies Aufgaben in der Verwaltung waren Empfang und Betreuung der Gäste, die Kassenführung, Aufsicht in der Küche, Pflege der Wäsche. Daneben war ihr die seelsorgerliche Betreuung des Hauspersonals ein Herzensanliegen. In ihrer liebevollen Treuherzigkeit, ihrer ausgleichenden Herzlichkeit konnte sie niemand ernsthaft böse sein. Alle schloß sie in ihr tägliches Gebet ein, von ihrem Bruder bis zum jüngsten Mägdlein. Dabei hatte sie ihre Leute fest im Griff und duldete keine Unregelmäßigkeiten.

Von Beuggen hatte Sophie ein Magenleiden mitgebracht, das sie sich während der anstrengenden Pflege ihrer Mutter zugezogen hatte und das trotz Badekur nicht weichen wollte. Durch Gebet und Handauflegen wurde sie in Männedorf vom Herrn geheilt und durfte sich von Erkältungen abgesehen bis ins hohe Alter guter Gesundheit erfreuen. Der Umgangston im Haus war naturgemäß stark durch den erwecklichen Geist geprägt, in dem der Bruder Samuel die Anstalt leitete. Dennoch bewahrte sich Sophie ihre natürliche Art; ihre schlagfertigen Ausrufe, ihre handfesten und trockenen Bemerkungen blieben in Erinnerung. Eine Nichte bemerkte: „Ich denke oft an dich, auch wenn ich dir nicht schreibe!“ Die Tante meint: „Wobei soll ich das erkennen?“ Ein Gast am Tisch erlaubte sich anhand seiner phrenologischen Kenntnisse Bemerkungen über seine Mitgäste. Das paßte Tante Sophie nicht. Sie ließ den Gast wissen, es säße jemand am Tisch, der habe mit Hilfe der Physiognomik einen Zug in seinem Gesicht erkannt, der bedeute: „Dem Weibervolk in Unehren zugetan.“ Der Gast reiste sofort ab.

Tante Sophie erfreute sich eines ungewöhnlich guten Gedächtnisses. Nicht nur hatte sie einen reichen Schatz an Liedern und Bibelstellen parat, sie erinnerte sich auch an eine Fülle von Einzelheiten aus der Geschichte Beuggens und aus der Familie. Dabei lag ihr das Schönfärben keineswegs; bei ihren peinlich genauen Schilderungen kamen oft genug auch die Schattenseiten der Betroffenen zutage. Sie konnte besser vergeben als vergessen. So erhielt sie gelegentlich den Beinamen „drittes Buch der Chronik“; er paßte ebensogut wie der, den sie sich gelegentlich selbst gab: Ein lebendiges Gesangbuch, zwar ohne Goldschnitt, aber mit Rück- und Eckleder. Ihr Bruder beehrte sie manchmal mit dem Titel „Advokat“, weil sie es verstand für Menschen, die sie liebte, oder deren Not ihr zu Herzen ging, beim Bruder Fürsprache einzulegen.

Tante Sophie war nicht nur ein lebendes Gesangbuch, sie verfaßte auch selbst zahlreiche Lieder und Gedichte und hatte darin eine Gabe, womit sie auf erbauliche und liebliche Weise vielen eine Freude bereitete. Die Lieder spiegeln ihren natürlichen, einfältigen, kindlichfrommen Charakter. Von den Büchern, die sie las, lagen ihr die Schriften von Lavater lebenslang besonders am Herzen.

Als Sophie Zeller alt wurde, fiel es ihr immer schwerer, den zahlreichen Pflichten einer Hausmutter nachzukommen. Es war ihr aber auch schmerzlich, Verantwortung abgeben zu müssen, und es gab dabei immer einen Kampf mit ihrem 18 Jahre jüngeren Bruder, der mehr und mehr sah, daß seine Schwester überfordert wurde. Doch bis zu ihrem Ende blieb sie der seelische Zufluchtsort für viele der Hausgenossen. Dieses Amt konnte sie auch noch vom Lehnstuhl in ihrem Stübchen aus wahrnehmen. Als Tante Sophie fast 82 Jahre alt war, fesselte ein schlimmer Fall im November 1898 sie ganz ans Bett und den Lehnstuhl. Sie hatte sich das Handgelenk und die Hüfte schwer verletzt. Sie sah es als Züchtigung des Herrn an. Und noch im Leiden wirkte sie durch Fürbitte und Seelsorge. Schließlich wiederholten sich kleinere Schlaganfälle; und durch einen Schlaganfall wurde sie in der Nacht des 14. Juli 1899, kurz vor 12 Uhr, heimgeholt.

 

Abendlied von Sophie Zeller, in Beuggen seit 1841 oft gesungen:

Die Nacht ist nun hier,
und dankend geh'n wir
auch heute nun wieder zu Bette.
Dank sei dir auch heut
für Leid und für Freud';
denn beides schickt, Herr, deine Gnade.

Auch heute hast du
nach Arbeit uns Ruh',
du liebender Vater gegönnet.
Neig' zu uns dein Ohr;
es steigt noch empor
ein Seufzer, ein Wunsch, eine Bitte!

Du wollest, o Herr,
je länger je mehr
den heiligen Geist uns bescheren!
Er zeig' uns den Weg,
er führ' uns den Steg,
der endlich zur Seligkeit führet.

Besiege den Feind,
der's bös mit uns meint,
und immer nur sucht uns zu schaden.
Steh' selber heut Nacht
uns Schlafenden Wacht,
und lasse kein Unglück geschehen!

 

(In dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)
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