Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Aaron Witzemann (1827-1909) und
Monika Katharina Dorothea Zeller (1829-1893)
Armenkinderanstalt in Kasteln

Aus: Herbert Leube, Familie und christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 15, Lahr 1999, S. 170-175
 
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                                    Monika K. D. Zeller (1829-1893)                                                    Aaron Witzemann (1827-1909)

Als der Aarauer Seidenfabrikant Louis Schmuziger 1855 im Schloß Kasteln bei Brugg, das er zu diesem Zweck zusammen mit seinem Bruder gekauft hatte, eine Erziehungsanstalt für arme Kinder einrichten wollte, wandte er sich an seinen Schwiegervater Christian Heinrich Zeller mit der Bitte um einen geeigneten Lehrer. Zeller empfahl Aaron Witzemann, der in Beuggen groß geworden war und dort schon seit Jahren als Lehrer wirkte.

Aaron Witzemann stammte aus Tailfingen bei Ebingen auf der Schwäbischen Alb. Seine Vorfahren waren, soweit man zurückdenken kann, Bauern und Handwerker in Tailfingen und der Umgegend gewesen. Viele Weber waren darunter, schon früh hatte sich in Tailfingen die Textilmanufaktur ausgebreitet. Tailfingen wird das „ABC-Städtchen“ genannt; und tatsächlich hieß ein Gutteil der Bevölkerung damals Ammann, Bitzer oder Blickle und Conzelmann. So finden wir diese Namen auch auf Aaron Witzemanns Ahnentafel. Sein mütterlicher Großvater, der Wagner Johann Georg Maute, genannt der Speidelhansjörg, war der Gründer der pietistischen Gemeinschaft in Tailfingen. (Ahnenliste Witzemann über die Genealogieseite)

Als Aaron noch nicht zwölf Jahre alt war, starb 1839 der Vater, der Maurermeister Martin Witzemann, und hinterließ seine Witwe nach einer nicht einmal 14-jährigen Ehe mit neun Kindern. Zwei waren schon als Säugling gestorben. Aaron war der Älteste. Treue Freunde nahmen sich der bedrängten Mutter an. Es war gewiß für die Witwe mit ihren neun Kindern ein Geschenk des Himmels, dass Aaron in die Kinderanstalt in Beuggen aufgenommen wurde. Von den übrigen Geschwistern verheirateten sich sechs in Tailfingen; zwei Brüder wanderten, als sie erwachsen waren, nach Amerika aus.

Nach der Konfirmation durfte Aaron in der Beuggener Anstalt bleiben, er arbeitete zwei Jahre lang als Gärtner. Er war ein aufgeweckter Junge; so wurde er für den Kursus zur Ausbildung als Armenschullehrer ausgewählt. Auch in der Lehrerausbildung bewies er in seiner christlichen Gesinnung und seiner Einsatzfreudigkeit, dass er entsprechend den Erziehungszielen der Anstalt bereit war, als Lehrer dem Herrn zu dienen. Nach Ende seiner Ausbildung wurde Aaron Witzemann schließlich von den Vorstehern in Beuggen 1849 als Anstaltslehrer und Erziehungsgehilfe für Zeller angestellt. In dieser Stellung erwarb er sich das besondere Vertrauen Zellers. Als im Jahr 1855 die Brüder Schmuziger (s. Louis Schmuziger) für ihre soeben gegründete Erziehungsanstalt für arme Kinder einen fähigen Lehrer und Anstaltsleiter suchten, wandten sie sich an Zeller in Beuggen und dieser empfahl seinen treuen Adlatus Aaron Witzemann. Am 15. Oktober 1855 folgte Witzemann dem Ruf nach Kasteln.

Die ersten Knaben rückten Anfang November in die neue Anstalt ein. Witzemann leitete sie zunächst allein mit Hilfe der Familie des früheren Besitzers Käser. Doch es musste notwendig auch eine geschickte Hausmutter gewonnen werden. Zeller berichtete in den „Monatsblättern“: „Witzemann wurde von seinen neuen Vorstehern ermuntert, sich eine tüchtige Hausmutter für die armen Kinder in Kasteln zu suchen und zu diesem Zwecke sich nach Beuggen zu wenden. So wandte er sich denn, nach einer vorangegangenen schriftlichen Anfrage eines seiner Vorsteher, hierher und hielt im März 1856 um die Hand unserer Tochter Monika an und erhielt von ihr und uns Eltern das Jawort.“ Im November desselben Jahres traute der Bruder Reinhard Zeller Monika und Aaron Witzemann, und so wurde Kasteln in mehr als einem Sinne eine Tochteranstalt von Beuggen.

Monika Zeller war die jüngste Tochter des Paares Zeller-Siegfried. Der Name Monika, wie die Mutter des Heiligen Augustinus, die den Sohn zum Christentum bekehrte, war sicher mit Bedacht gewählt. Nach ihr folgte nur noch ihr Bruder Samuel. Monika war, als sie in die Ehe trat, fast 28 Jahre alt und bis dahin eine treue Stütze ihrer Mutter im Beuggener Anstaltsbetrieb gewesen. Ihre Aufgabe war es, in der Haushaltsführung mitzuwirken, während Sophie die Arbeitsschule für Mädchen leitete. Monika war daher bestens vertraut mit den Erwartungen und Anforderungen, die an eine Anstaltsmutter gestellt wurden. Gerne hätte Monika nach der Schulzeit noch eine höhere Bildung genossen, der Vater meinte aber: „Es ist mir lieber, wenn du den armen Kindern die Kleider flickst.“

Monika Zeller und Aaron Witzemann kannten sich ja von früher Jugend an: sie war zehn Jahre alt, als Aaron nach Beuggen kam. So lebten sie auch eines Sinnes, geprägt durch die Beuggener Erziehungsgrundsätze mit dem Ziel einer bewußt christlichen Lebensführung. Über 36 Jahre lang leiteten sie die Armenkinderanstalt Kasteln gemeinsam mit Freudigkeit und Hingabe. Die Wohnverhältnisse in dem geräumigen Schloß waren angenehm. Dennoch war der Lebensstil der Anstaltsgemeinschaft bescheiden. Mit dem Kauf des Schlosses war nur ein Jauchart Acker an die neuen Besitzer gekommen; die große Domäne war früher stückweise verkauft worden. Erst allmählich konnten die Brüder Schmuziger - zu damals hohen Preisen - Land dazuerwerben. Nach dem Tod der Brüder setzte Witzemann mit Hilfe seiner Ersparnisse die Grundstückskäufe fort und verpachtete das dazugewonnene Land der Anstalt. Das Leben auf Burg Kasteln wurde zu Anfang sehr dürftig geführt: nur eine Kuh und eine Ziege waren im Stall. 25 Jahre lang hatte man kein eigenes Fuhrwerk. Ein befreundeter Bauer musste beim Heu- und Korneinfahren helfen. Das tägliche Viehfutter oder Waren aus dem Ort Schinznach zogen die Knaben selbst mit einem Handwagen den Berg hinauf. Oft kippte der Wagen um; die Buben verletzten sich oft schwer, die Hausmutter musste die Verletzten verbinden. Erst 1882 konnte man eine eigene Scheune erwerben, 1892 kamen zwei Pferde in den Stall. Mit ihrem praktischen Sinn fand die Anstaltsmutter immer wieder Wege, wie die Anstaltskinder selbst zu ihrem Unterhalt beitragen konnten. Bei einem Besuch der Wernerschen Anstalten in Reutlingen sah sie, wie die Kinder Seile flochten. Das führte sie auch in Kasteln ein; sie fand auch Gelegenheit, die Seile bei Freunden und Bekannten an den Mann zu bringen. Es gelang ihr, mit einer Spende von 100 Fr. eine Krankenkasse für austretende Pflegekinder einzurichten, in die dann auch diese Ausgetretenen freiwillige Beiträge entrichteten.

Ihre Erziehungsarbeit machten sich die Hauseltern nicht leicht. Unter den armen Kindern, die ins Haus kamen, waren naturgemäß viele Schwererziehbare. Ihre unerschütterliche christliche Grundhaltung gab Monika und Aaron Witzemann die Basis, auch solche Kinder in der rechten Weise zu erziehen, die in scheinbar aussichtsloser Verfassung nach Kasteln kamen. Ein früherer Zögling, der selbst Lehrer wurde, schrieb 1905 etwa: Kasteln ist ein Segenshaus! Mir schwebt im Geist ein Bild von vor 20 Jahren vor Augen: Wir betrachteten in der Morgenandacht die Reise Israels durch die Wüste. Wie waren wir alle gefesselt! Und dann am Abend draußen auf der Terrasse unter dem klaren Sternenhimmel, als wir den Vorsatz faßten: „Jetzt muss es besser mit uns werden!“ Für mich stand fest: Die Bibelbetrachtungen waren nicht nur interessant, sie bildeten das Gemüt, den sittlichen Charakter und waren Nahrung für die Seele.

Den Kontakt mit ausgetretenen Pflegekindern behielt vor allem die Anstaltsmutter in schriftlichem Verkehr; und von vielen wurde sie noch nach Jahrzehnten als Mutter verehrt. Wenig Zeit blieb ihr, außerhalb des Hauses zu wirken. Fast 30 Jahre lang leitete sie die Sonntagsschule in dem am Fuße von Kasteln gelegenen Oberflachs. Von Veltheim kamen an Sonntagen regelmäßig Frauen und Mädchen zu Andacht und Gesang. Eine große Freude war es für die Witzemanns, dass sie vor allem im Sommer mit ihren Geschwistern Schmuziger aus Aarau und den Zellers von Beuggen bei regelmäßigen Besuchen zusammen sein konnten. Die Familie Schmuziger verbrachte oft die ganzen Sommerferien auf Kasteln.

Um die Jahreswende 1892/1893 wurde Monika Witzemann von Gelenkrheumatismus heimgesucht. Im April wurde auch das Herz angegriffen, darauf die Lungen. Von ihren Leiden wurde sie, gerade 64 Jahre alt, am 23. Mai 1893 erlöst. Aaron Witzemann verlor mit seiner lieben Frau seine treue Mitarbeiterin im Amt der Hausmutter. Sie fand ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Schinznach. Nun war die Stelle der Anstaltsmutter verwaist. Es war für die Anstalt ein großer Segen, dass die Nichte Sophie Schmuziger von Aarau für sieben Jahre in die Leitung als Hausmutter eintreten konnte bis zu dem Tag, da auch Aaron Witzemann sein Amt als Anstaltsleiter niederlegen musste.

Aaron Witzemann hatte im Schinznacher Tal und den umliegenden Städtchen viele Freunde gewonnen. Jahrelang war er Aktuar der Schulpflege in Oberflachs unterhalb Kasteln und Mitglied der Schulpflege der Bezirksschule des nahen Schinznach. Bis ins hohe Alter blieb er im Vorstand des Armenerziehungsvereins Brugg. Als Vorstand und Lehrer der Armenkinderanstalt in Kasteln hat Witzemann 45 Jahre lang bis 1900 gewirkt. Er hatte sich immer gewünscht, im Amt sterben zu dürfen. Doch im Januar 1900, als er fast 73 Jahre alt war, traf ihn ein Hirnschlag und lähmte seine linke Seite. Der Sohn Gotthilf, der in Gebenstorf im Aargau Pfarrer war, nahm ihn zu sich. 1905, als die Pflege schwerer wurde, konnte Vater Witzemann nach Männedorf übersiedeln zu Schwager Samuel und Schwägerin Sophie Zeller; dort wurde er liebevoll gepflegt. Männedorf wurde immer mehr zu einem Sammelpunkt für Zeller-Verwandte. In Männedorf hatte ja auch die Schwägerin Tabitha Schmuziger, geb. Zeller ihren Lebensabend verlebt. In Männedorf starb Aaron Witzemann 82 Jahre alt im April 1909 an einem Hirnschlag. Die Kinder erfüllten seien Wunsch und ließen ihn in Schinznach an der Seite seiner Frau beisetzen.

Aaron und Monika Witzemann hatten zusammen sieben Kinder. Sie mussten aber erleben, dass vier schon am Tag der Geburt starben, das Töchterchen Sophie mussten sie als Vierjährige begraben. Der nach dem Onkel in Beuggen benannte Sohn Nathanael war in seiner Jugend Lehrer in Genua und wirkte dann jahrzehntelang als Lehrer in Zürich. Der Sohn Gotthilf wurde Pfarrer zunächst in Gebenstorf im Aargau, dann in Holderbank nicht weit von Kasteln, schließlich in Rothrist im Aargau. Nachkommen leben vor allem in der Schweiz.

Das Schloß Kasteln wurde am 27. 8. 1907 durch einen Brand zerstört.
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