Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Reinhard Jonathan Friedrich Zeller (1826-1891)und
Elise Katharina Bohn (1834-1909)
Pädagogisches Erbe in Beuggen

Aus: Herbert Leube, Familie und christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 15, Lahr 1999, S. 159-169
 
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                                    Reinhard J. F. Zeller 1826-1891                                                          Elise K. Bohn 1834-190

Im Jahr 1824 war den Eheleuten Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried das Söhnlein Renatus schon nach zwei Monaten gestorben. Doch bereits am 21. März 1826 durften sie wieder einen Sohn begrüßen. Der Freund Pfarrer Spleiß (s. Anm. 54) aus Buch bei Schaffhausen sollte ihn am 9. April taufen. Noch im letzten Augenblick waren die Eltern unschlüssig, wie das Kind heißen solle. Da zog sich Antistes Spleiß in sein Zimmer zurück und ließ die Taufgesellschaft warten. Plötzlich trat er mit einem Freudensprung hervor und rief: „Der Knabe soll Reinhard heißen - der Herr gebe ihm ein reines Herz!“

Reinhard Zellers Jugend und Ausbildung
Reinhard Zeller besaß eine gute Auffassungsgabe und hatte keine Mühe mit dem Lernen. Er kam zu Ostern 1841, als er 15 Jahre alt war, nach Erlangen zu seiner Schwester Bertha, deren Gatte Heinrich Thiersch dort als Universitätsdozent lehrte. In Erlangen besuchte Reinhard das Gymnasium. Im folgenden Jahr wurde er in München im Kreis der Familie Thiersch von Dekan Böckh konfirmiert. 1843 siedelte er mit nach Marburg über, wo Thiersch eine Professur erhalten hatte. Hier besuchte er drei Jahre das Gymnasium, das damals unter Vilmars Leitung stand. Die Unruhen unter den Studenten, die dann zwei Jahre später zum offenen Aufstand führten, ließen den fleißigen Gymnasiasten offenbar unberührt. Das Maturitätsexamen bestand er 1846 in Aarau in der Schweiz. Sogleich begann er sein Universitätsstudium in Basel unter Wilhelm Hoffmann. Der Vater erlebte die große Freude, dass der junge Mann sich mit ganzem Herzen dem Herrn hingab, um ihm zu dienen. Als ihn sein Vater einst zu Beginn des Studiums aufforderte, regelmäßig die Bibel zu lesen, traf ihn das Wort des Vaters im Innersten, und er trieb von da an regelmäßige Bibelstudien. 1848 siedelte Reinhard von Basel nach Tübingen über. Sein Mentor war dort Johann Tobias Beck, ein Württemberger, der 1843 von Basel nach Tübingen gekommen war; er galt als Supranaturalist. Eng den Kirchenvätern Bengel, Oetinger, Philipp Matthäus Hahn und Roos verbunden, beschritt er doch eigene Wege. In Basel hatte er die vom „Verein zur Beförderung christlich-theologischer Wissenschaft und christlichen Lebens“ begründete Dozentenstelle, die seither öfters Schwaben als Sprungbrett ins akademische Lehramt diente. Beck stand allerdings in Distanz zum Missionshaus, indem er die damals betriebene gefühlvolle, nach außen gerichtete Frömmigkeit kritisierte.

Reinhard Zeller erhielt 1851 in Aarau die Ordination. Seine erste Stelle war die eines Amtsgehilfen seines Vaters in Beuggen, der ja nicht ordinierter Theologe war. Reinhard übernahm die geistlichen Amtshandlungen, die Seelsorge und einen Teil der Predigten und Katechesen. Daneben arbeitete er die neun Jahre bis zu des Vaters Tod als dessen Lehrgehilfe. Er gab den Kindern Unterricht im Rechnen und in der Geographie, den Schullehrerzöglingen im Rechnen und Singen, in Physik und Algebra. So war er eine besondere Stütze seines Vaters im Alter, als dieser mehr und mehr Pflichten und Aufgaben auf andere verteilen musste. Als dann 1852 der Bruder Nathan aus Jerusalem zurückkam, um als Lehrer in Beuggen einzutreten, und 1855 Samuel seine Lehrerausbildung abgeschlossen hatte, durften die Eltern mit der Tochter Sophie also mit vier ihrer Kinder in Beuggen zusammenarbeiten. So war dem Beuggener Werk auch nach dem allmählichen Ausscheiden der Eltern die Kontinuität garantiert. Als Vater Zeller 1860 starb, wollte das Komitee sogleich den Sohn Reinhard zum Nachfolger bestimmen. Reinhard zögerte; die Patriarchengestalt des Vaters stand ihm vor Augen. Er fühlte, wie schwer es ist, eines großen Mannes Nachfolge anzutreten. Mit Gottvertrauen nahm Reinhard dann die Herausforderung an.

Seit Mutter Zellers Tod 1858 hatte die Tochter Sophie das Hausmutteramt verwaltet. Die Geschwister Reinhard und Sophie verstanden und ergänzten sich gut. Aber der junge Hausvater hatte doch das Bedürfnis, einen eigenen Hausstand zu gründen. Die Lebensgefährtin, die er suchte, musste natürlich auch das Geschick und die Fähigkeit mitbringen, das Amt einer Anstaltsmutter zu übernehmen. Reinhard fand sie in Elise Bohn, die damals Lehrerin in einem Mädchenpensionat in Straßburg war.

Elise Bohn
Elise Bohn stammte aus Mülhausen im Elsaß. Dort wurde sie im Oktober 1834 geboren. Ihr Vater Jacques Bohn war Walzengraveur für Textildruckmaschinen. Jacques, oder wie er eigentlich getauft war Jakob Bohn war aus Meisenheim in der Kurpfalz in das Textilzentrum Mülhausen gekommen, weil er dort gute Arbeit finden konnte. 1746 hatten in Mülhausen Jean-Jacques Schmaltzer, Samuel Koechlin und Jean-Henri Dollfus die erste Stoffdruck-Manufaktur gegründet. Zahlreiche Spinnereien und Webereien folgten. Mülhausen wuchs zu einem Zentrum der Textilindustrie, die noch heute dort blüht. Jacques Bohn kam in seinem Metier allmählich zu Wohlstand und betrieb zusammen mit seinem Schwager Keller eine Stoffdruckerei. Die Familien Bohn und Keller wohnten im selben Haus bei der Fabrik. Als der Gang des Geschäfts eine Erweiterung erforderte und das Wohnhaus für beide Familien zu eng wurde, trennte man sich in Frieden; jeder gründete ein eigenes Geschäft.

1833 hatte Jacques Bohn Marguerite Keller, die Tochter eines Walzengraveurs in Mülhausen geheiratet; ein Jahr später wurde das Töchterchen Elise geboren, aber schon fünf Monate nach der Geburt musste Jacques Bohn seine erst 23 Jahre alte Frau zu Grabe tragen. Zwei Tanten zogen die kleine Elise im Haus des Großvaters auf. Zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Jacques Bohn Julie Bühler. Die zweite Mutter schenkte ihrer Stieftochter alle Liebe und zog sie wie ihr eigenes Fleisch und Blut auf, es bildete sich ein inniges Freundschaftsverhältnis. So war das Zusammenleben mit den Geschwistern aus der zweiten Ehe - es wurden mit der Zeit sieben - harmonisch, vollends, da die Familien der beiden Ehefrauen eng befreundet waren.

Elise erhielt den ersten Schulunterricht von einer Verwandten. Nach der Konfirmation 1850 kam sie für ein Jahr in eine Höhere Töchterschule nach Morges VD, am Genfer See. Fächer waren Religion, Literatur, Pädagogik. Mit Frau Cartier, bei der sie mit fünf anderen Mädchen in Pension war, blieb Elise bis an deren Ende in Freundschaft verbunden. Nach der Rückkehr wurde ihr der Unterricht zweier jüngerer Schwestern übertragen. Elise führte ein striktes Regiment; vormittags war Unterricht nach einer genauen Einteilung, nachmittags wurden Handarbeiten gemacht. Nebenher bereitete sie sich auf das Lehrerinnenexamen vor, das sie gut bestand. Kurz danach wurde Elise die Stelle einer Lehrerin am Töchterinstitut von Fräulein Fanny Friedel in Straßburg angeboten. Der Vater zögerte, er wollte keinen Blaustrumpf als Tochter haben, ließ Elise aber dann doch ziehen, zumal die Schwestern inzwischen soweit gefördert waren, dass sie als Pensionärinnen mit nach Straßburg gehen konnten. Mit Frl. Friedel verstand sich Elise gut, sie durfte frei schalten im Haus. Nicht immer einfach war es, mit den Mädchen des Instituts, die sich ja aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern rekrutierten, zurechtzukommen.

Ans Heiraten dachte Elise nicht, denn sie hatte den Tod eines jungen Mannes erleben müssen, zu dem sie eine stille Neigung trug, die auch erwidert wurde. Sie wollte sich Gottes Leitung überlassen, bat aber, wenn sie zur Ehe bestimmt sei, der Herr möge ihr doch ja auch eine rechte Arbeit dazu geben. Da kam im Sommer 1861 die Frage des Inspektors Reinhard Zeller, ob sie seine Gehilfin und Mutter seines „kinderreichen“ Hauses werden wolle. Nach einem Besuch in Beuggen überließen die Eltern Bohn der Tochter die Entscheidung. Elise war glücklich. Elise und Reinhard verlobten sich am 5. September 1861; die Hochzeit fand in Mülhausen am 16. Januar 1862 statt.

Junge Hauseltern in Beuggen
Für Elise war es nicht leicht, sich in das Amt der Hausmutter in Beuggen einzuleben; sie hatte ja keine Lücke auszufüllen. Vielmehr musste sie sich mit ihrer Schwägerin Sophie einigen, die in Beuggen groß geworden war und nach dem Tod der Mutter als Hausmutter waltete. Auch die Dienstboten waren nicht geneigt, sich von einer jungen, unerfahrenen Frau anweisen zu lassen. Doch Reinhard stand seiner Frau zur Seite. Als dann im Jahr 1863 Sophie ausschied, um in Männedorf bei ihrem Bruder Samuel einzutreten, waren klare Verhältnisse geschaffen. Elises ruhige, energische Art, ihre hervorragende Organisationsgabe sowie ihre nie sentimentale, aber gefühlswarme Mütterlichkeit machten sie für ihre Doppelaufgabe als Anstalts- und Familienmutter besonders geeignet. Sie hat 40 Jahre das Amt der Hausmutter in Beuggen geführt.

Nun zeigten sich bei Reinhard Zeller schon im zweiten Jahr seiner Ehe - er war noch nicht 40 Jahre alt - die ersten Anzeichen der so überaus schmerzhaften Gichterkrankung, die ihn bis zu seinem Tod nicht losließ. Man kann kaum ermessen, was es für den Anstaltsbetrieb bedeutete, dass der Leiter im Lauf der Jahre immer unbeweglicher wurde, jahrelang konnte er sein Amt nur vom Rollstuhl aus führen. In der Anfangszeit des Leidens, als er noch gehen konnte, war er für Monate nachts stundenlang von Schmerzen geplagt im Zimmer auf und ab gegangen. Mehrfach dachte er an Rücktritt von seinem Posten. Das Bemühen seiner Hausgenossen, ihm die Krankheit tragen zu helfen, gab ihm Kraft, sein Amt weiterzuführen. 28 Jahre lang hat Reinhard Zeller bis kurz vor seinem Tod als Gichtkranker das Inspektorat verwaltet. In dieser Lage kamen die vorzüglichen Begabungen seiner Frau als Anstaltsmutter besonders zur Geltung. Ungewöhnlich selbständig war sie; Verstand, Energie und Wille waren bei ihr stärker ausgeprägt als Gefühl und Phantasie. Sentimentalität war ihr fremd; sie behielt einen nüchternen Blick für die Wirklichkeit, so durchschaute sie unlautere Menschen sehr schnell. Sie packte ihre Aufgaben mit Umsicht und Entschlossenheit an, ruhte nur, um umso besser arbeiten zu können. Dennoch spürten die Hausgenossen hinter ihrem starken Willen ihr warmes Herz und die treue Liebe der Hausmutter. Aufrichtige Anhänglichkeit und Dankbarkeit wurden ihr von ihren Pflegekindern und Lehrerzöglingen entgegengebracht. Noch nach Jahren und Jahrzehnten durfte sie erfahren, wie sehr ihr die ehemaligen Schutzbefohlenen zugetan waren.

Inzwischen war im Kriegsjahr 1870 die Anstalt 50 Jahre alt geworden. Aber noch immer hing ihr Weiterbestehen vom Wohlwollen der Badischen Domänenkammer ab, von der die Anlage ja noch immer gemietet war. 1870 bot die Domänenkammer tatsächlich das Beuggener Schloß zur öffentlichen Versteigerung an. Glücklicherweise fanden sich keine Kaufinteressenten; doch die Pacht wurde um über 60 % auf 840 Gulden erhöht. Man fühlte sich also in Beuggen noch immer wie der Vogel, der kein Nest gefunden hat. Es war auch gar nicht verlockend, an dem alten Gemäuer dringend notwendige bauliche Verbesserungen vorzunehmen, solange die Aussicht bestand, bald an die Luft gesetzt zu werden. Schließlich entschloß sich das Basler Komitee, das Anwesen zu erwerben. Die maßgebenden Leute im Komiteee waren damals:

- Pfarrer Wilhelm Legrand, 54 Jahre lang Komiteemitglied; er war zugleich Präsident des Komitees
der Pilgermission und Hausvater des Theologischen Alumneums in Basel;
- Hieronymus Bischoff-Respinger, Bankier in Basel, er war der Gründer der Diakonissenanstalt in Riehen;
- Johannes Schnell, Professor für Zivil- und Strafrecht in Basel und Zivilgerichtspräsident;
- Karl Felix Burckhardt, Altbürgermeister von Basel;
- Rudolf Sarasin-Stählin;
- Komiteepräsident war Christoph Johann Riggenbach, Professor für Theologie in Basel, zugleich Präsident der Basler Missionsanstalt; Spittler war 1868 hochbetagt gestorben.

Die treibende Kraft für den Kauf Beuggens war das Komiteemitglied Karl Felix Burckhardt; er führte die Verhandlungen mit der Badischen Domänenkammer, und am 25. Mai 1877 gingen die Anstaltsgebäude für 50.000 Gulden (107.000 Franken) in den Besitz des Komitees über. Bis 1878 waren schon 70.000 Franken beisammen; Reich und Arm spendete, Freunde des Hauses in Basel und anderwärts, auch ehemalige Zöglinge. Nun konnte man an den Umbau der Anlage und eine Modernisierung gehen. Bisher war noch alles Wasser am Brunnen geholt worden, viele Schlafkammern hatten keine Fenster. Die Zahl der Lehrsäle wurde erweitert. Ein eigenes Wirtschaftsgebäude entstand für die Bäckerei, Waschküche und Plätterei. In acht Monaten wurden 58.000 Franken verbaut.

Reinhard Zellers Bemühen war es, an den Erziehungsgrundsätzen der Anstalt festzuhalten, wie sie von seinem Vater 1820 festgelegt worden waren: Ausbildung von Lehrern für Arme und Minderbemittelte. Es wurden wenige Fächer gründlich gelehrt. Das Schwergewicht lag auf einer christlichen Gesinnung. Neben die Lernarbeit trat die Handarbeit; jeder sollte Erfahrungen in einem Beruf in den Werkstätten des Hauses erwerben. Die Absolventen mussten sich verpflichten, dorthin zu gehen, wo das Komitee sie hinschickte. Wer seine spätere Stelle selbst wählen wollte, zahlte ein jährliches Kostgeld von 200 Franken. Die jungen Lehrer fanden Verwendung in öffentlichen und privaten Schulen, in Armenanstalten und als Hausväter.

Mit der Zeit wurde es immer schwerer, am ursprünglichen Bildungsprinzip festzuhalten, da der Staat die Anforderungen an die Lehrer steigerte und keine Lehrer mehr anstellen wollte, die nicht die staatliche Prüfung absolviert hatten. So entschloß sich Zeller notgedrungen, wenigstens die für den Staatsdienst geforderten Mindestkenntnisse in seinen Lehrplan aufzunehmen, um den Zöglingen die Teilnahme am Staatsexamen zu ermöglichen. Immerhin hielt die Nachfrage nach Beuggener Lehrern unvermindert an, und Zeller hielt am Grundprinzip fest: „An Lehrern fehlt es uns nicht mehr, aber an wahrhaft christlichen, und solche müssen wir haben. Eine Verbesserung unseres Unterrichts in qualitativer Beziehung ist wünschbar, sofern sie zu noch größerer Gründlichkeit führt. Ein Volksschullehrer hat nicht so viele Fächer nötig und braucht kein so gelehrter Mann zu sein.“ Entsprechend den geänderten Erfordernissen wurde festgelegt: Aspiranten sollten mindestens 19 Jahre alt sein und ordentliche Vorkenntnisse und ausreichende Begabung mitbringen. Der dreijährige Ausbildungsgang wurde auf vier Jahre ausgedehnt, die völlige Unentgeltlichkeit aufgegeben, ebenso die Pflicht, sich versenden zu lassen nach Abschluß der Ausbildung. Der Stoff der Wissensfächer wurde verbreitert; es wird von 32 Fächern des staatlichen Prüfungsreglements gesprochen. Die Furcht blieb, dass neben der Anhäufung von Kenntnissen die Charakterbildung zu kurz komme.

Leidenstage in Beuggen
Eine so große, auf engem Raum zusammenlebende Gemeinschaft wie die Anstalt in Beuggen ist natürlich gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. So wurden, als 1873 Typhus ausbrach, gleich 13 Personen erfasst, dazu zwei Kinder der Hauseltern. Ein Seminarist starb. Auch im Jahr 1879/1880 grassierte Typhus, die Hausmutter selbst und das zehnjährige Töchterchen Bertha lagen krank. Schließlich schickte man die Patienten ins Spital nach Basel. 1885 starb einer der Knabenaufseher an Lungenentzündung, die schon zehn Personen erfasst hatte. Ein paar Jahre vorher war einer der Knaben durch den Sturz von einem Holzstoß zu Tode gekommem. Auch Badeunfälle ereigneten sich immer wieder. Zwei Mädchen ertranken im Rhein in der gerade bei Beuggen reißenden Strömung. Für die Hinterbliebenen war es ein Trost, dass der himmlische Vater die Verunglückten in ein besseres Land holte.


Ausbreitung der Familie
Reinhard und Elise Zeller wurden fünf Kinder geschenkt. Die Tochter Frieda folgte 1885 Ernst Zaeslin in die Ehe. Er war damals Pfarrer in Bözberg bei Brugg. Ein Jahr danach wurde er nach Beuggen geholt als Hilfe des Hausvaters in Unterricht, Erziehung und Seelsorge; 1890 wurde er ans Diakonissenhaus in Straßburg berufen. Der Sohn Eugen wurde als Pfarrer ausgebildet. Er trat 1907, lange nach des Vaters Tod, in die Nachfolge als Inspektor der Anstalt Beuggen ein bis zu deren Zwangsauflösung in der nationalsozialistischen Zeit 1937. Heinrich wurde schon 1888 Sekundarlehrer in Beuggen, dazu 1890 auch Okonomieverwalter, ein Amt das er bis zum Jahr 1938 verwaltete. Bertha war seit 1907 die Partnerin ihres Bruders als Hausmutter in Beuggen, so dass lange Zeit drei Geschwister Zeller die Anstalt Beuggen leiteten. Der jüngste Sohn Alfred übernahm von seinem Onkel Samuel die Leitung der Zellerschen Anstalten Männedorf. Seine drei Kinder Hanny, Elisabeth und Reinhard, die alle unverheiratet geblieben sind, haben gemeinschaftlich in Männedorf bis zu ihrem Tod Ende der 1980er Jahre gewirkt.

Reinhard Zeller und seine Umgebung hatten sich im Laufe der Jahre mit seiner körperlichen Behinderung abgefunden. Keines seiner fünf Kinder hat den Vater je gesund gesehen. Seine Schutzbefohlenen konnte er, der früher ein froher Wanderer war, schon seit den 60er Jahren nicht mehr auf ihren Ausflügen zu Fuß begleiten; er fuhr im Wagen mit. Mit der Zeit wurden ihm auch Schreiben und Essen immer mühsamer. Kuren in den verschiedensten Bädern schafften Erleichterung, aber keine Besserung. Die Seminaristen trugen ihn auf einem Tragsessel in den Unterricht oder in den Speisesaal. Schließlich musste er gefüttert werden. Er selbst litt am meisten darunter, dass er sein Amt nicht so führen konnte, wie er es wünschte. Im Winter 1888 feierte er sein „Krankenjubiläum“: „Ich jubiliere, dass keine Kreatur, auch keine Krankheit mich scheiden wird von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist.“ Mitte der 80er Jahre nahm seine Sehkraft ab, es war wohl der graue Star. War Zeller nun körperlich gebunden, so führte er doch die Anstalt mit Gottes Wort und Gebet, und es blieb ihm seine große Liebe zu Groß und Klein, die aus ihm strahlte und mit der er seine Hausgemeinde in eine große Familie band. Er sagte: „Den ganzen Tag werde ich bedient wie ein König, wer könnt's besser haben?“ Und jeder, der einen Kummer hatte, konnte bei ihm sein Herz ausschütten, konnte bei ihm Rat und Hilfe finden. Auch nach ihrem Ausscheiden blieb er mit seinen Zöglingen in Kontakt, nahm an ihrem Werdegang Anteil.

1889 schließlich wurde als Nachfolger für Zeller Bernhard Beck, damals Lehrer an der Predigerschule in Basel berufen. Der Schwiegersohn Zaeslin kam nach Straßburg. Bruder Nathan sollte ebenfalls ausscheiden, starb aber im März 1890 mitten im Umzug. Reinhard Zeller wurde im Winter 1890/1891 von Schlaganfällen heimgesucht. Am Sonntag, 5. Juli 1891 erlöste der Herr den müden Streiter.

Nach Zellers Tod erwog das Komitee, das Lehrerseminar aufzugeben und nur die Kinderanstalt weiterzuführen. Beck war zurückgetreten. Doch entschloß sich das Komitee zur Weiterführung in der früheren Art. So wurde der Sohn Eugen Zeller, damals Vikar im badischen Kirchendienst, berufen und nahm im November 1891 die Berufung an. Erleichtert wurde ihm die Arbeit durch die Mutter, die ja schon seit 30 Jahren als Hausmutter waltete, durch den Bruder Heinrich, der seit 1888 Vaters Gehilfe und Mitarbeiter war, durch die Schwester Bertha, die jah relang den Vater gepflegt hatte, schließlich durch den Freund Rudolf Hunziker, der mit dem Bruder Eugen in Beuggen groß geworden war und als Lehrer wirkte.

Mutter Elise Zeller führte nach dem Tod ihres Mannes das Hausmutteramt noch zehn Jahre, unterstützt von ihren Kindern. 1903 übergab sie ihre Arbeit an ihre Tochter Bertha und zog mit dem Sohn Eugen nach Windisch im Aargau, wo dieser Pfarrer geworden war. Sie sehnte sich aber danach, in Beuggen zu sterben und kam mit Eugen gerne zurück, als er das Beuggener Inspektorat wieder übernahm. Im Juli 1908 erkrankte sie schwer, zu Herzbeklemmungen und Erstickungsanfällen kamen Depressionen. Nach einer mehrmonatigen Leidenszeit verschied sie am 16. März 1909.

Eugen Zeller leitete die Anstalt Beuggen mit einer vierjährigen Unterbrechung, während der er im Pfarramt war, bis die Anstalt 1937 in ein Kinderheim umgewandelt wurde. Er wurde dabei in treuer Liebe unterstützt von seinen Geschwistern.

Schriften von Reinhard Zeller

-..Monatsblatt von Beuggen. Hrsg. von dem Verein der freiwilligen ArmenSchullehrer-Anstalt
   daselbst. Jhrg. 31 (1859) bis 62 (1890) Basel. Redakteur Reinhard Zeller.
-..Anton Hippin: Ein verborgenes Leben. Basel 1876.
-..Lieder der freiwilligen Armen-Schullehrer-Anstalt Beuggen. Basel 1871; 2. Auflage Basel 1887.
-..Anleitung und Aufmunterung zum Bibellesen. Aus „Beuggenblatt“. Basel 1878.
-..Mutter Zeller (geborene Sophie Siegfried 1791-1858) in Beuggen. Basel 1882; 4. Auflage Basel 1901.
-..Brauchet eure Bibel! Ein Mahnwort. 6. Auflage Basel 1888; 17. Auflage Basel 1928.
-..Frühe! Täglich! Heute! Immer wieder! Ein Mahnwort. Basel 1888; 7. Auflage Basel 1920.
-..Zur Erinnerung an Nathanael Zeller, Verwalter und Lehrer in Beuggen, geboren 1823, gestorben den 19. März 1890. Basel 1890.
-..Seligkeit ohne Verdienst, aber nicht ohne Arbeit. Ein Mahnwort. Basel 1891; 4. Auflage Basel 1928.
-..Ein seliges Haus. Eine Betrachtung über Johannes Kap. 2, V. 1-11. Aus dem Monatsblatt von Beuggen. Basel o. J.
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