Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Ein Semester in Lund

von Eva Leube   (153.312)
(aus: Nachrichten des Martinszeller Verbands 2012, S. 29-31)

 
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     Nach meinem Abitur 2008 habe ich als au pair für ein Jahr in Stockholm gelebt. In dieser Zeit habe ich Schweden als Land kennen und vor allem lieben gelernt. Wieder in Deutschland habe ich in Tübingen das Studium der Skandinavistik begonnen und konnte mir somit vor allem Schweden, aber auch die anderen nordischen Länder ein Stück weit in meinen Alltag holen. Für ein Auslandssemester in Schweden entschied ich mich deshalb, weil ich es als eine Chance sah, mich noch intensiver mit der schwedischen Sprache zu beschäftigen und in Schweden Schwedisch zu studieren. Außerdem habe ich mich sehr darauf gefreut, noch einmal eine längere Zeit in Schweden leben zu können. Da ich unbedingt Südschweden kennen lernen wollte, entschied ich mich für die Universität in Lund.
     Die Universität in Lund wurde 1666 gegründet und gehört zu den größten Universitäten Skandinaviens. Mehr als ein Drittel der Bewohner der Stadt sind Studenten, allein dadurch war ich im Alltag an der Uni schnell angekommen. Die Universitätsbibliothek ist ein beeindruckendes Gebäude und an alten Tischen mit grünen Bibliothekslampen, Gemälden von alten Herren an den Wänden und dicken Büchern um einen herum macht das Lesen und Lernen auch gleich viel mehr Spaß.
     Ich hatte die Möglichkeit, zwei Seminare über Kinderliteratur zu besuchen, was es so in Deutschland gar nicht gibt. Der eine Kurs hatte verschiedene Genres von Kinderliteratur zum Thema, der zweite sollte einen Überblick über Kinderliteratur von 1850 bis heute geben. Es war spannend und interessant, auch wissenschaftliche Bücher und Aufsätze über Kinderbücher lesen zu können. Bekannte Werke wie zum Beispiel Alice im Wunderland, Momo, Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson und natürlich Pippi Langstrumpf mit einem „erwachsenen Blick“ zu betrachten, macht einfach Spaß und eröffnet auch andere Blickwinkel auf das eine oder andere Werk. Was mir darüber hinaus gefallen hat, war, dass diese Seminare nicht unbedingt für Austauschstudenten angelegt sind und ich dadurch erfahren und miterleben konnte, wie ein ganz normales Seminar an einer schwedischen Universität abläuft.
     Außer diesen zwei Seminaren besuchte ich einen Konversationskurs für ausländische Studierende. Da es keine Muttersprachler gab, wurde viel mehr Wert auf die schwedische Sprache und die Erweiterung des Wortschatzes gelegt. Parallel zu Aufsätzen und Texten haben wir anhand eines dicken Romans Grammatik und die schwedische Sprache intensiv besprochen. Darüber hinaus macht es großen Spaß, sich mit Studenten aus den verschiedensten Ländern auf Schwedisch als gemeinsamer Sprache zu unterhalten und sich auf den Kurs vorzubereiten.
     In allen meinen Seminaren habe ich sehr viel gelernt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich während eines Semesters jemals so viel Literatur gelesen habe. Aber es waren so viele spannende und gute Bücher dabei, dass es alles andere als ermüdend war und gegen Ende des Semesters habe ich gemerkt, wie unglaublich interessant Sprache doch sein kann!

     Neben der Universität habe ich es mir aber natürlich nicht nehmen lassen, auch Lund selbst und die Gegend drum herum kennen zu lernen. Ich hatte das Glück, sehr zentral in der Stadt wohnen zu können und konnte dadurch das wunderschöne Lund sehr schnell erkunden. An vielen Stellen in der Stadt merkt man heute noch, dass Lund alter Bischofssitz ist. Allein der Dom ist sehr beeindruckend und auch sonst stößt man immer wieder auf herrschaftliche Häuser. Mitten in der Stadt befindet sich auch das wunderschöne Freilichtmuseum „Kulturen“, in dem ich den Nationalfeiertag am 6. Juni als eine von Vielen mitgefeiert habe. Die Gegend um Lund herum und auch die Provinz Schonen allgemein ist sehr ländlich. Die Landschaft ist geprägt von Feldern und typisch schonischen Bauernhöfen. Mit dem Fahrrad hat man Lund schnell hinter sich gelassen und kann weite Wege und gelbe Rapsfelder genießen. Und da Lund so nahe am Öresund (der Meerenge zwischen Schweden und Dänemark) liegt, kann man sogar an den Strand radeln. In Schweden barfuß durch den Sandstrand zu spazieren und am Horizont ganz deutlich das Nachbarland Dänemark sehen zu können ist schon etwas Besonderes. Mit vielen anderen Austauschstudenten habe ich bei einer organisierten Schonen-Tour „Ales Stenar“, die älteste Steinsetzung Skandinaviens, angeschaut, die mittelalterliche Burg „Glimmingehus“ und das Fischerdorf „Simrishamn“ besucht. Und natürlich musste ich einen Ausflug nach Ystad machen, das mir durch die vielen Kriminalromane von Henning Mankell schon sehr bekannt war.

Alles in allem habe ich ein wunderschönes Semester in Lund verbracht. Ich habe es sehr genossen, an einer schwedischen Universität Schwedisch zu studieren. Sowohl an der Universität als auch im Alltag und für mich selbst habe ich viel gelernt und bin um viele Erfahrungen reicher geworden. Ich konnte mich in dieser Zeit mit lieben und netten Menschen in einer neuen Stadt gemeinsam zuhause fühlen, Spaß haben und ein tolles halbes Jahr genießen. Ich konnte all das, was Schweden für mich so schön und liebenswert macht, in meinem Alltag haben und dazu gehört nicht nur die Zimtschnecke, die immer und überall gegessen wird. Vor allem aber bin ich glücklich darüber, dass ich noch einmal die Chance bekommen habe, eine längere Zeit in Schweden leben zu können. Es ist ein tolles Gefühl, eine Zeit lang ein schwedisches Leben zu leben.

Für die Unterstützung des Martinszeller Verbandes dafür ein herzliches Dankeschön,
tack så jättemycket!

Eva Leube
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