Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Johannes Lepsius
und der Völkermord an den Armeniern

Aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 34, 2005, S. 30-40. - Das folgende eindrückliche Lebensbild des „Anwalts des armenischen Volkes“, Dr. Johannes Lepsius, der durch Eheschließung auch zur Zellerfamilie gehörte (§ 62), hat Hermann Goltz vom Lepsius-Haus in Potsdam, Weinmeisterstr. 45, verfasst. Es wurde der Redaktion von Helga Helm zur Verfügung gestellt und wird hier aus Anlass des Gedenkens an den Armenier-Genozids von 1915 leicht gekürzt abgedruckt. Hans-Ulrich Dapp
 
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Ein Roman von Franz Werfel
Der evangelische Theologe Dr. Johannes Lepsius gilt in vielen Ländern der Welt als einer der großen Deutschen des 20. Jahrhunderts. Im deutschen Bereich dagegen wird er für eine literarische Erfindung in Franz Werfels Epos „Die 40 Tage des Musa Dagh“ gehalten, das noch nach Hitlers Machtergreifung in Berlin, Wien und Leipzig erscheinen konnte, aber bald dem nationalsozialistischen Index verbotener Bücher hinzugeführt wurde. Noch bevor Werfel auf einer Syrienreise mit Alma Mahler-Werfel seine erste Idee zu diesem Roman fasste, der Lepsius als weltliterarischer Gestalt Unsterblichkeit verschaffen sollte, war der historische Lepsius am 3. Februar 1926 schwer krank in Meran gestorben und dort auf dem evangelischen Friedhof begraben worden.

Das Zentralkapitel im Musa Dagh, das „Zwischenspiel der Götter“, in welchem Lepsius und der osmanisch jungtürkische Kriegsminister Enver Pascha im Sommer 1915 in Istanbul zusammentreffen, ist von Werfel auf der Grundlage des Lepsius'schen Gesprächsprotokolls geschrieben worden. Lepsius hatte in dem Dialog mit dem türkischen „Kriegsgott“ versucht, die Deportations- und Mordmaschinerie noch zu stoppen, in welcher das armenische Volk mit Männern, Frauen und Kindern im Osmanisch-Türkischen Reich planmäßig vernichtet und damit zum Opfer des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts wurde.

Der Istanbuler Diskurs zwischen dem Theologen Lepsius und dem Völkermörder Enver im Sommer 1915 wurde von Werfel schon während der Entstehungsphase des Romans als zeitloses und tragisches Symbol der Auseinandersetzung des Guten mit der vernichtenden Macht des Bösen in die politisch-literarische Öffentlichkeit Deutschlands gebracht: Werfel las auf seiner letzten großen Deutschland-Tournee 1932, während welcher er auch den Wahlkampf-Weg des aufsteigenden Diktators Hitler kreuzte, gerade aus diesem Kapitel, in welchem - so die Vision Werfels - „der von Gott gesandte Schutzengel des armenischen Volkes“ auf „das arktische Antlitz des Menschen“, auf den neuen Typus der „vollkommenen Gottlosigkeit“ stößt.

Der planmäßige Genozid an den Armeniern unter dem Deckmantel „militärisch notwendiger“ Deportationen in dem von okzidentaler „Aufklärung“ und „Humanität“ nicht berührten Orient am Anfang des 20. Jahrhunderts war nur das Vorspiel zu noch gewaltigeren Kapitalverbrechen in Gestalt von Völkermord und Holocaust im „aufgeklärten“ Okzident.

Woher kommt Johannes Lepsius?
Woher kommt Johannes Lepsius, dessen Spuren sich trotz aller Verdrängung bis in die Gegenwart ausmachen lassen? Wie war es möglich, dass dieser evangelische Theologe 1915 bis an die Schaltstellen des totalitären Machtmissbrauchs in Istanbul protestierend vordringen konnte?

Er wurde am 15. 12. 1858 in der Familie des Begründers der wissenschaftlichen Ägyptologie in Deutschland, Carl Richard Lepsius, geboren. Die Mutter Elisabeth geb. Klein stammte aus der Berliner Aufklärerfamilie Nicolai und wirkte in den Spuren Wicherns. Nach dem Studium der Philosophie in München und der Theologie in Erlangen, Greifswald und Berlin geht der junge Mann, der zeitlebens biblische Theologie mit Kant und Nietzsche zusammen zu denken versuchte und der bis zum Totenbett seine Ambitionen als Schriftsteller und Dramatiker, Philosoph und Theologe nie aufgegeben hat, von 1884 bis 1886 nach Jerusalem in die Stelle des Hilfspredigers und Lehrers der dortigen deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Hier verwandelt er sich, der gelegentlich noch zwischen dem Typus des Theaterschriftstellers, des Wissenschaftlers, des Politikers oder praktischen Seelsorgers schwankt, unter dem Einfluss seiner Braut Margarethe (Maggie) aus der Jerusalemer württembergischen Missionarsfamilie Zeller in einen erweckten Christen und Theologen, der die akademische Bibeltheologie mit der Gemeinschaftsbewegung ins Gespräch bringen wird.

Nach Jerusalem arbeitet er - mit einem kurzen Intermezzo in Frankfurt (Main) - im Pfarramt von Friesdorf, einem kleinen Harzdorf im Mansfeldischen unter dem Patronat derer von Friesen auf Rammelburg. In der Berliner Hofgeistlichkeit machte der sozial denkende Erweckungsprediger und Literat Lepsius damals schon negative Schlagzeilen, da er sich nicht nur um die Seelen seiner arbeitslosen Friesdorfer Gemeindeglieder sorgte, sondern sich auch zusammen mit seiner Frau Maggie für deren leibliches Wohlergehen durch Gründung einer bescheidenen (orientalischen) Teppichmanufaktur mitten in Friesdorf einsetzte, die etwa zehn Jahre später, 1897, in die türkischen Massakergebiete als Arbeitsmöglichkeit für die überlebenden Armenier transferiert wurde.

Mitgründer der Deutschen Orient-Mission
1895 gründete Lepsius zusammen mit Amtsbrüdern und Freunden, noch in Friesdorf, die „Deutsche Orient-Mission“, die sich besonders der Islam-Mission widmen sollte. Kurz darauf gelangten über deutsche pietistische Kreise die Nachrichten über die großen hamidischen Armeniermassaker im Osmanischen Reich zu ihm, welche die offiziöse reichsdeutsche Presse systematisch auf „englische Lügen“ reduzierte. Zusammen mit dem armenischen Studenten der Nationalökonomie, James Greenfield, reist Lepsius im Frühjahr 1896 in die Massakergebiete. Dort startet er die deutsch-armenische Waisenhausarbeit in Talas beim kappadokischen Kayseri (Caesarea) und im mesopotamischen Urfa (dem alten Edessa) mit der Hilfe von amerikanischen Missionaren und Lehrern, Männern und Frauen vor Ort, wobei er aus Deutschland moralisch und finanziell stark aus pietistischen Kreisen, jedoch auch aus allen anderen Lagern von Kirche und Theologie unterstützt wird. Durch seine weit reichenden Familienverbindungen helfen aber ebenso Mitglieder der obersten Schichten des Bürgertums und des Adels. Mit der Dokumentation „Armenien und Europa“ wird der junge Friesdorfer Pfarrer Lepsius schlagartig eine europäische Größe, denn die äußerst schmale, inhaltlich aber gewichtige Broschüre erscheint fast gleichzeitig zur deutschen Ausgabe in französischer, englischer und auszugsweise auch russischer Sprache. Der britische Ex-Premier Gladstone, seit Jahrzehnten Kämpfer für die Minderheiten im osmanischen Reich, attestiert dem deutschen Dorfpfarrer in einem Handschreiben Zivilcourage.


Die Armenier-Hilfsarbeit
Um die expandierende Armenier-Hilfsarbeit bewältigen zu können, erbittet Lepsius von seiner Magdeburger Kirchenleitung Urlaubsverlängerung. Magdeburg holt sich in Berlin beim preußischen Oberkirchenrat Rückversicherung - und lehnt das Gesuch des Pfarrers ab. Johannes Lepsius legt darauf sein Pfarramt nieder, geht mit seiner Familie nach Berlin und baut ein Armenierhilfswerk auf, das in der ersten Zeit noch mit dem gleichfalls bedeutenden Frankfurter Zweig und dessen Leiter Pfarrer Ernst Lohmann zusammenwirkt.


Beide Zweige, das Berliner und das Frankfurter Hilfswerk, trennen sich aber bald wegen geistiger und politischer Differenzen und arbeiten separat, jedes auf seine Weise wirkungsvoll. Obwohl die praktische Liebestätigkeit des Lohmannschen Hilfsbundes durchaus nicht geringer war als die Hilfsarbeit von Lepsius, ist der Name von Lepsius heute wohl deshalb weniger vergessen, weil dieser sich nicht öffentlicher politischer Wirksamkeit enthielt und an einer positiven Lösung der „armenischen Frage“ auch aktiv auf der diplomatischen Ebene mitarbeitete.

Die Stationen des armenischen Hilfswerkes von Lepsius entstehen seit 1896 nicht nur auf dem Osmanischen Reichsterritorium, sondern auch in Nordpersien und in Bulgarien. Hilfe erhalten neben Überlebenden des armenischen Volkes auch viele christliche Syrer, die ein ganz ähnliches blutiges Schicksal getroffen hatte, daneben aber auch Kurden und Türken. Es geschieht nicht nur einmal, dass Schuldige an den Massakern in dem deutsch-armenischen Hospital geheilt werden und so der Boden für erste Keime ausstehender Versöhnung vorbereitet wird. Lepsius arbeitet nicht nur als Hauptorganisator, sondern theologisch und schriftstellerisch als geistiger Motor für alle am Hilfswerk Beteiligten. Er zieht hervorragende Kräfte für den Dienst auf den Stationen an, von denen hier stellvertretend nur der ehemalige türkisch-slamische Geistliche Schükri Effendi, mit Taufnamen Johannes Awetarian, Übersetzer des Neuen Testaments in die Turksprache des westchinesischen Kaschgar, genannt sein soll. Aber auch im deutschen Büro der Lepsius-Mission wirken jahrzehntelang Mitarbeiter, die Lepsius in allen schwierigen Brüchen und Übergängen die Treue halten, so besonders der Sekretär Richard Schäfer. Besonders gedacht werden muss seiner ersten Frau Maggie, die sich in der ersten Organisationsphase als engste Mitarbeiterin ihres Mannes für die armenische Sache aufrieb und jung 1898 starb. Später waren es besonders Lepsius' Töchter Renate und Brigitta, die den Vater unterstützten.

Neue Aufgabenfelder
Johannes Lepsius öffnete sich auch völlig neuen Aufgabenfeldern. So verstärkte er seit dem russischen Toleranz-Edikt von 1905 die Unterstützung der Evangelischen Kirche im Russischen Reich durch den Aufbau eines Lehrerseminars in Strachanka in der Ukraine. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu betonen, dass im Programm der „Deutschen Orient-Mission“ nicht die „Protestantisierung“ der armenischen oder syrischen Kirche angestrebt wurde. Es ging Lepsius in Hinsicht auf die orientalisch-orthodoxen Kirchen vor allem um Stärkung und Hilfe für diese ehrwürdigen Kirchen in ihrem schwierigen und leidvollen Gegenüber zum Islam. Für die nächste wichtige Phase wird 1907 das deutsche Büro des Armenischen Hilfswerks und der Deutschen Orient-Mission von Berlin nach Potsdam verlegt, wo Johannes Lepsius mit seiner vielköpfigen Familie und seiner zweiten Frau Alice geb. Breuning bis zu seinem Lebensende in der kleinen Villa Große Weinmeisterstr. 45 wohnen bleibt. Bald nach diesem Umzug entsteht in Potsdam ein neuer Zweig in der Arbeit, das von 1909 bis 1912 existierende Muhammedanische Seminar. An ihm wirken neben den deutschen Kräften zwei in der Potsdamer Nikolai-Kirche getaufte ehemals islamische Theologen und der erwähnte Johannes Awetarian mit. Der Lehrplan des Seminars ist zukunftsweisend und ruft in England und den USA Interesse hervor: Im Zentrum stehen die notwendigen Sprachen, die Theologie, das Recht und die Literaturen des Islam. Das Potsdamer Seminar kann trotz seiner Kurzlebigkeit als ein deutscher Vorläufer des Dialogs zwischen Christentum und Islam angesehen werden. Lepsius setzt den Akzent auf eine genauere Kenntnis des Islam. Er nimmt diesen als einen ernsthaften Dialogpartner wahr, nicht im Sinne einer pluralistischen Relativierung der Religionen, sondern im Sinne von sachlicher Information und darauf gegründeter geistiger Auseinandersetzung.


In der Zeit der Balkankriege und des weiteren Niedergangs des Osmanischen Imperiums zeigen sich neue Möglichkeiten der Autonomie der osmanischarmenischen Vilajets (Großprovinzen) in Anatolien bzw. Westarmenien. Johannes Lepsius, lange Jahre hindurch persona non grata in der kaiserlichdeutschen Ostpolitik, wird auf einmal mit seinen Armenier-Kontakten für die Wilhelmstraße interessant. Von 1912 bis 1914 ist er an diplomatischen Aktionen und Konferenzen in Istanbul, Paris und London beteiligt. Er vermittelt besonders zwischen den Zielvorstellungen armenischer Politiker und den Unterschiedlichen Armenien-Plänen der Regierungen Russland, Deutschlands, der Türkei und Englands. Sein Lebenswerk für das armenische Volk scheint im Frühjahr 1914 den Höhepunkt zu erreichen: Die Großmächte, einschließlich der Osmanischen Türkei, unterzeichnen die Verträge zu den „Armenischen Reformen“, d.h. die Pläne für eine Autonomie der armenischen Gebiete des Osmanischen Reiches.

Der 1. Weltkrieg
Aber es bleibt keine Zeit für die Realisierung dieser Reformen. Die regierungsamtliche Ausgabe der armenischen Reformverträge im „Livre Orange“ (1915) erscheint bereits zu Kriegszeiten, als Russland im Kriegslager gegen die Türkei und Deutschland steht. Die osmanische Türkei ist durch geschicktes Taktieren Deutschlands, besonders der deutschen Kriegsmarine, und einer kleinen, aber machtvollen germanophilen Gruppe in Istanbul (mit dem ehemaligen Berliner Militär-Attache Enver Pascha als spiritus rector) an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten. Die letzte Phase der langen Agonie des Osmanischen Imperiums ist angebrochen. Die türkischnationalistischen Diktatoren aus der ehemals jungtürkischen Fraktion nutzen die Gelegenheit des Krieges auch zur Verwirklichung sorgfältig durchgeplanter Deportationen der armenischen Bevölkerung „ins Nichts“. Lepsius, der im Unterschied zur deutschen Kriegspolitik weiterhin konsequent für Leben und Freiheit des armenischen Volkes einsteht, gerät dadurch wieder in Gegensatz zu den „höheren“ deutschen Interessen, die sich allerdings im deutschen Kriegs-Fiasko selber ad absurdum führen. Offiziell sind heftige Mahnungen der deutschen Diplomatie bei der hohen Pforte wegen der Vernichtung der armenischen Bevölkerung registriert, inoffiziell nehmen aber maßgebliche deutsche Militärs und Diplomaten die Deportationen und die Vernichtung der Armenier wegen des deutsch-türkischen Bündnisses in Kauf oder wirken sogar an bestimmten Aktionen mit. An einigen wichtigen Punkten in der Türkei helfen deutsche Offiziere nachweislich, die Maßnahmen' gegen die Armenier durchzusetzen, wie es andererseits auch Beispiele der (inoffiziellen) Hilfe von deutscher Seite gibt (daneben auch Widerstand seitens einer kleinen Gruppe hoher türkischer Beamter). Bekannt ist die entscheidende Artillerie-Unterstützung des Grafen Eberhard Wolffskeel von Reichenberg für die türkischen Truppen von Urfa im September 1916, durch welche die armenische Bevölkerung, die sich in ihrem Stadtviertel vor der Deportation in den sicheren Tod verschanzt hatte, zur Aufgabe gezwungen und dann sofort ermordet oder abgeführt wurde.


Völkermord am armenischen Volk
Durch die ihm im Auswärtigen Amt aus der ,Reform-Phase’ verbliebenen Gesprächspartner schaffte es Lepsius, noch in der ersten Phase des Genozids nach Istanbul zu reisen, wo er das oben erwähnte Gespräch mit Enver Pascha führte. Er, der Direktor der „Deutschen Orient-Mission“ und Präsident der auch von ihm 1914 gegründeten Deutsch-Armenischen Gesellschaft, wird von Freund und Feind als Persönlichkeit beachtet, die in der armenischen Frage' nicht umgangen werden kann. Seinen berühmten Bericht über „Die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ bringt er in Potsdam im Wettlauf mit der deutschen Militärzensur heraus. Einige Druckereien wagen es nicht, den Text mit den grauenhaften Fakten zu setzen, deren öffentliche Bekanntgabe als Desavouierung des türkischen Bundesgenossen in Deutschland untersagt war, so dass Lepsius zunächst mit seinem Manuskript von Offizin zu Offizin eilen musste, um das im Frühjahr 1916 beendete Buch privat versenden zu können (der Vorstand seiner eigenen Hilfsorganisation hatte sich nicht nur von dieser Aufklärungsarbeit seines Vorsitzenden Lepsius distanziert, sondern sich sogar geweigert, das schon versprochene Porto für die Verbreitung des Berichts zur Verfügung zu stellen). Als die Polizei zuschlägt, fallen der Konfiszierung nur noch wenige Exemplare zum Opfer. Danach weicht Lepsius, kurz bevor ihm sein Pass abgenommen werden sollte, in die Niederlande aus und kämpft von dort weiter gegen die vollständige Vernichtung des armenischen Volkes. Politisch gehört er in dieser Zeit in die „Vereinigung Gleichgesinnter“, in welcher u. a. Albert Einstein mitwirkte und deren Arbeit für einen schnellen Verständigungsfrieden er von Den Haag aus unterstützt. Eine wohltuend unangepasste Geste ist die Verleihung des Ehrendoktors an Lepsius durch die Berliner Theologische Fakultät zum Reformationsfest 1917. Dekan war damals der Neutestamentler Adolf Deißmann, Mitglied des Vorstands der Deutschen Orient-Mission, die sich von ihm distanziert hatte und aus der Lepsius damals bereits ausgetreten war. In der Begründung des theologischen Ehrendoktors wird nicht das umfangreiche theologische Werk des so Geehrten, sondern expressis verbis dessen Hilfsarbeit für die orientalische Christenheit in den Vordergrund gestellt.


Eine weitere, auch für die Entstehung von Werfels „Musa Dagh“ wichtige Quelle ist dann der nach Rückkehr in Potsdam von Lepsius herausgegebene Dokumentenband „Deutschland und Armenien 1914-1918“, der auch die von Lepsius angeregten Eingaben evangelischer und katholischer Persönlichkeiten Deutschlands während des Krieges an den Reichskanzler enthält.

Obwohl das Lepsius-Hilfswerk im Orient durch den Krieg und die Ermordung bzw. Ausweisung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nahezu völlig zerstört wird, bleibt Johannes Lepsius auch nach dem Krieg die deutsche Autorität, wenn es um das Schicksal der Armenier geht. So wird er Anfang Juni 1921 von dem Verteidiger W. von Gordon als Gutachter hinzugezogen, um in dem Berliner Prozess gegen den armenischen Attentäter Soghomon Teilirian mitzuwirken, der im März desselben Jahres Talat Pascha, den ehemaligen Innenminister des Osmanischen Reichs und Mitorganisator des armenischen Völkermords, auf offener Straße in Berlin-Charlottenburg erschossen hatte. Nicht zuletzt durch die unbeirrte Position Lepsius' kommt es zu dem sensationellen Ausgang dieses fast vergessenen Jahrhundert-Prozesses: Der Mörder wird freigesprochen - und damit der Ermordete am Völkermord schuldig geheißen. Der Prozess erregt weltweit Aufsehen.

Fortführung des Armenischen Hilfswerks
Die Hilfsaktionen für die Armenier, die Johannes Lepsius Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich von deutscher Seite begonnen hatte, werden trotz aller Zerstörungen auch nach dem 1. Weltkrieg durch die Mitarbeiter Lepsius' aus neutralen Staaten fortgeführt. Diese wirken 1922 beim Exodus von Tausenden armenischer Waisenkinder zu einem neuen Anfang in Syrien und Libanon mit.


Von Anfang an unterstützte Lepsius die unabhängige junge Republik Armenien. Auch nach der Sowjetisierung versuchte seine Deutsch-Armenische Gesellschaft immer wieder im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten das geistige und soziale Leben dieses einzigen staatlichen Gebildes der Armenier zu fördern. Ebenso wirkt diese Gesellschaft dahin, den bedeutenden Beitrag des armenischen Volkes zur Weltkultur im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Seit 1923 bereitete Lepsius die Gründung der Armenischen Akademie in Potsdam vor, für welche er noch 1925 eine Villa in der Nähe seines Hauses anmietete. Der Tod verhinderte die Vollendung dieses Plans bis heute.

So steht das Lebenswerk Johannes Lepsius' als ein beeindruckender Torso vor uns, der zu weiterer Arbeit einlädt. Die christlich-humanitäre Wirkung dieses Mannes und der Männer und Frauen um ihn braucht den Vergleich mit der Albert Schweitzers nicht zu scheuen, ebenso stehen die Stärke seines politisch-ethischen Widerstands und die Weite seines theologischen Horizontes der des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer nach.

So zielt der Hauptszweck des geistigen und praktischen Lebenswerkes Lepsius' in die Zukunft: hin zu einer gewaltlosen Begegnung der Völker und Religionen, in welcher die notwendige Auseinandersetzung nicht mehr zur Ausrottung führt, sondern vielmehr auf geistigem Felde mit der friedlichen Waffe des geschliffenen Wortes geführt wird, der einzigen Waffe, die Lepsius in dieser Auseinandersetzung führen wollte und auch meisterlich geführt hat.

 

Ein Dokument der Solidarität mit den Armeniern
Von Hans-Ulrich Dapp (375.41)

Kürzlich wurde des türkischen Völkermordes an den Armeniern vor 90 Jahren wieder verstärkt gedacht. Dass auch Angehörige der Familie Zeller damals Zeugen des schrecklichen Geschehens und Fürsprecher der Opfer waren, hatte ich bereits 1992 in einem Beitrag der „Nachrichten des Martinszeller Verbands“ (Heft 20, S. 11f) herausgestellt. Doch nun fand ich im Internet ein Dokument, das diesen Einsatz deutlich belegt. Es ist eine Eingabe an den deutschen Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg vom 15. Oktober 1915:

Euer Exzellenz
Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei versetzt sind, dem nach glaubhaften Berichten die Ausrottung droht, wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht schleunigst Einhalt geboten wird.


Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:
Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets (Verwaltungsbezirke im osmanischen Reich, Anm. d. Vf.) geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet wurden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilicien in die arabische Steppe südlich der Bagdadbahn angeordnet worden.


Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastenträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranken und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Misshandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Sapties (Milizionäre) mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, dass in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl blieb, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Moslems auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.

Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1 200 000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, dass ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa eine Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfessionen, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wie viel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, dass der Schlag, den das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird... Was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen fVolke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst. (...) Wird sich nicht die Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, dass es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten (...) konnte? ...

Es ist uns bekannt, dass seitens der Deutschen Regierung wiederholt Schritte getan worden sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.

Die Tatsachen zeigen leider, dass diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, dass auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.

Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. (...) Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, dass wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.

 

Unterzeichnet wurde das Schreiben von 49 Persönlichkeiten der evangelischen Kirche und Mission. Unter ihnen war maßgebend der bekannte Anwalt des armenischen Volkes, Johannes Lepsius (1858-1926), Vorsitzender des Armenischen Hilfswerks und der Deutschen Orientmission. Er war mit Margarethe Zeller aus Nazareth bis zu deren Tod 1898 verheiratet und ist deshalb im Zellerbuch § 62 aufgeführt. Doch ich fand auch die Unterschrift meines Großonkels Adolf Zeller (1886-1920, ZB § 374). Er gibt „Pastor in Zehlendorf“ an, war jedoch seinerzeit Soldatenpfarrer in Marasch im Wilajet Aleppo und Augenzeuge dieses ersten Völkermords im 20. Jahrhundert. Weitere württembergische Unterzeichner waren die Stadtpfarrer Gustav Gerok aus Stuttgart und Pfisterer aus Weinsberg. Unter einer entsprechenden katholischen Eingabe vom 29. Oktober 1915 fällt die Unterschrift von Matthias Erzberger auf, Mitglied des Reichstags und späterer Reichsfinanzminister aus Buttenhausen.

Reichskanzler Bethmann Hollweg reagierte auf die beiden dringlichen Schreiben so, dass er am 10. November den deutschen Geschäftsträger Neurath in Konstantinopel aufforderte, seinen „Einfluss bei der Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen“ und sein Augenmerk darauf zu richten, dass die Maßregeln nicht noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung ausgedehnt würden. Dieser diplomatische Vorstoß seitens des deutschen Bündnispartners brachte für die Armenier keine Erleichterung. Ein Gespräch von Johannes Lepsius mit dem türkischen Kriegsminister Enver Pascha persönlich, das durch Franz Werfels „40 Tage des Musa Dagh“ in die Weltliteratur einging, lässt erkennen, wie unzugänglich die Machthaber für Appelle waren. Dennoch: gut, dass unsere Angehörigen nicht schwiegen.

 

 

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