Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Die Pilgermission und St. Chrischona -
Carl Heinrich Rappard und Sophie Rosine Dora Gobat

in: Herbert Leube, Familie und Christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Nr. 15, Lahr 1999, S. 100-113

 
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                     J. Carl Heinrich Rappard (1837-1909)                                                 S.R. Dorothea (Dora) Gobat (1842-1923)

 

So wie die Familie Zeller-Siegfried eng mit der Armenschullehrer- und Kinderrettungsanstalt in Beuggen verknüpft war, ist die Pilgermissionsanstalt auf St. Chrischona bei Basel nicht ohne die Familie Heinrich und Dora Rappard (G 5) zu denken. Auch hier hat sich eine ganze Familie in den Dienst einer diakonischen Aufgabe gestellt. Der Untertitel einer biographischen Schrift von Friedhelm Rudersdorf über Dora Rappard-Gobat „Die Mutter von St. Chrischona“ deutet diese Identifikation der Familie mit dem diakonischen Werk an.

Heinrich Rappards Elternhaus

Heinrich Rappard war schon durch seine Herkunft tief verwurzelt in der Gedankenwelt der Erweckungsbewegung. Sein Vater Carl August Rappard stammte aus einer ursprünglich schweizerischen Familie, die aber seit Generationen im Rheinland lebte. Der Vater war Pfarrer in Neukirchen bei Moers. Der Ort wurde später bekannt durch Erziehungsvereine und Missionsanstalten. Carl August Rappard studierte Theologie. Unter dem Einfluß von Tholuck (s. Anm. 118) in Halle wandte er sich vom Rationalismus ab und fand den Weg zu einem persönlichen, lebendigen Christentum. In Tübingen schloß er sich einem Freundeskreis um Ludwig Hofacker (s. Anm. 109) an, aus dem ihm eine lebenslange Freundschaft erwuchs mit dem späteren Schaffhauser Pfarrer Johann Burckhardt aus Basel und dem Basler Andreas Bräm, der von Frau von Krüdener stark beeinflußt, später als „Vater der Erziehungsvereine im evangelischen Deutschland“ galt.

Als junger Geistlicher im Rheinland kam Carl August Rappard mit einem kleinen Kreis von Versammlungsleuten in Kontakt, die noch ganz unter dem Einfluß des aus dieser Gegend stammenden Tersteegen lebten. Er fand immer mehr in der Bibel die alleinige Richtschnur für seinen Glauben und entfernte sich mehr und mehr von der Amtskirche. Bei einem zweijährigen Urlaub in Basel bei Bräm, damals Lehrer an einer höheren Töchterschule und inzwischen Schwager Rappards, suchte er sich in seinem Bibelglauben zu festigen. Schließlich lernte er auf einer Reise durch die Schweiz in Yverdon eine Gemeinschaft kennen, die nach völliger Ähnlichkeit mit dem biblischen Vorbild trachtete.

Carl August Rappard gab seine theologisch-kirchliche Laufbahn auf und trat in diesen Kreis ein. Er wurde Hauslehrer bei der jungen Witwe Adelaide de Rham-Doxat. Deren erst 18jährige Tochter Marie wurde 1836 die Frau des 16 Jahre älteren Carl August Rappard. Getreu dem apostolischen Wort, daß ein Christ mit seiner Hände Arbeit sein Brot essen soll, erlernte Rappard erst das Uhrmacherhandwerk und erwarb dann einen landwirtschaftlichen Betrieb in Giez, VD. Dort erschien ihm aber der Einfluß weltlicher Sitten zu groß, darum kaufte er 1845 das abgelegenere Gut Löwenstein bei Schaffhausen. Seine 12 Kinder wollte Rappard fern vom traditionellen christlichen Leben erziehen; Gottes Geist und Wort sollten bei ihnen auf einen leeren Raum treffen, um ihre originale Wirkung auszuüben. Verzicht auf Sättigung hinieden sollte Sehnsucht nach den Gütern droben erwecken. So gab er auch gegen einen Geldbetrag das Bürgerrecht in seiner Heimatgemeinde auf, um nicht an ein irdisches Vaterland gebunden zu sein. Seinen Kindern wünschte er den Beruf des Landwirts und erwarb für die ältesten vier das Gut Iben bei Stein am Rhein. Er empfahl auch seinen Kindern die Ehelosigkeit. Als aber die älteste Tochter sich entschloß, den Hof zu verlassen um Diakonisse zu werden, und als der älteste Sohn Heinrich Missionar wurde und dann auch heiratete, gab er gern seine Zustimmung. Er selbst suchte später unter dem Einfluß des Missionars und Erweckungspredigers Samuel Hebich wieder den Anschluß an die Kirche und an erweckte Christen und verkehrte, gefördert durch seinen Freund Burckhardt, mit Spittler, mit Reinhard und Samuel Zeller.

 

Entwicklungsjahre

Heinrich war Carl August Rappards ältester Sohn. Er wurde am 2. Weihnachtstag 1837 geboren. Ebenso wie der Vater war auch die Mutter Marie de Rham fest verwurzelt in der Erweckungsbewegung. Schulunterricht erhielt Heinrich mit seinen Geschwistern vom Vater. Doch auch zur Feldarbeit wurden die Kinder angehalten. 1856, als Heinrich 18 war, kaufte der Vater für die vier ältesten Geschwister - 19 bis 16 Jahre alt - das Gut Iben bei Stein am Rhein zur Bewirtschaftung. Freunde berieten die jungen Leute, Knechte und Mägde waren zur Hilfe da. Heinrich leitete die tägliche Hausandacht. Mit dem Rest der Familie blieb man in regem Kontakt. Heinrich hatte den Wunsch, Theologie zu studieren; der Vater erlaubte es nicht im Hinblick auf die ungläubigen Strömungen an den Universitäten. Heinrich muß indessen schon als junger Mann selbstbewußt seine christliche Haltung vertreten haben; auf Gut Iben wurde seine edle, ritterliche Art hervorgehoben; er habe das Ideal seines Vaters verwirklicht: Patriarch und Hauspriester, Landmann und Herrscher (Rappard S. 27). Immer mehr fühlte Heinrich den inneren Drang, das Wort Gottes zu verkünden und den vom Vater ins Auge gefaßten Lebensweg als Landwirt zu verlassen. So wählte 1860 der Vater für Heinrich die Pilgermissionsanstalt zu St. Chrischona als Ausbildungsstätte.

 

Die Pilgermission

Die „Pilgermission“ geht auf Ideen des Basler Jünglingsvereins zurück, der zusammen mit Spittler sich entschloß, nicht allein die eigene Erbauung zu pflegen, sondern sich in den Dienst der Ausbreitung des Evangeliums zu stellen. Mitglieder des Jünglingsvereins wurden als Evangelisten und Kolporteure von Bibeln und Traktaten ausgesandt. Als erster Evangelist reiste 1829 der württembergische Bäckergeselle Joh. Mühlhäuser von Basel nach Wien, saß allerdings in Brünn im Gefängnis als „Begründer geheimer religiöser Vereine“. Eine Pilger-Missions-Gesellschaft konstituierte sich formell 1833 in Basel, Zeller aus Beuggen war von Anfang an Mitglied des Komitees. Vom Pilgermissionar wurde erwartet, daß er seinen Unterhalt mit seiner Hände Arbeit bestreitet. Die auszusendenden Evangelisten sollten aber eine biblische Schulung erhalten; daher wurde beschlossen, eine Pilger-Missions-Anstalt zu gründen.

Nach verschiedenen Anläufen, ein geeignetes, finanzierbares Heim zu finden, sowie bei den Basler Behörden eine Genehmigung für eine solche Schule zu erhalten, gelang es, das verwahrloste Chrischona-Kirchlein auf dem Berg bei Basel von den Basler Behörden zu erwerben. Am 7. 2. 1840 erschien der erste Chrischona-Bruder, der Zimmermann Joseph Mohr (18141884) von Appenberg bei Ravensburg, um mit dem Aufbau zu beginnen. So gilt 1840 als das Gründungsjahr der Pilgermissionsanstalt St. Chrischona. Lange Jahre wohnten die Lehrer im Turmzimmer des Kirchleins, gegessen wurde unten im Turm, im Estrichraum über dem Chor der Kirche waren Lehr- und Schlafsäle der Zöglinge.

Zahlreiche Pilgermissionare wurden nach Südrußland ausgesandt zu den dortigen deutschen Gemeinden. 1846 verließ der erste einer langen Reihe von Zöglingen Richtung Nordamerika die Anstalt; mehrere folgten dorthin. 1881 waren 189 Zöglinge der Basler Mission und der Pilgermission in Nordamerika tätig. Damit lieferte die Mission einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau der evangelischen Kirche Nordamerikas. 1846 trafen auch die ersten Chrischona-Brüder in Palästina ein und gründeten unter Bischof Gobats Leitung das Brüderhaus in Jerusalem. Bischof Gobat plante 1852, mit Hilfe von Chrischona-Brüdern die Abessinien-Mission wieder zu beleben.

Hausvater und Lehrer auf St. Chrischona war seit 1847 Ludwig Schneller; 1854 reiste er mit sechs Brüdern nach Jerusalem, um das dortige Brüderhaus zu übernehmen. Die sechs Pilgermissionare sollten die von Gobat ins Auge gefaßten Pilgerstationen an der „Apostelstraße“ von Alexandrien über Kairo, Assuan durch den Sudan bis nach Abessinien besetzen. Trotz schwieriger politischer Verhältnisse gelang es, sechs Stationen bis nach Khartum zu gründen.

1860 wurde auf St. Chrischona das erste Haus erbaut, das Brüderhaus, um die auf 40-50 angewachsene Zahl der Zöglinge aufzunehmen. 1861, in dem Jahr, in dem Heinrich Rappard eintrat, wurde eine Druckerei installiert zur Verbreitung von Bibeln und Erbauungsschriften. Inspektor und Leiter war zu der Zeit Chr. Fr. Schlienz. Rappard selbst hat später die Geschichte der Pilgermission beschrieben (Fünfzig Jahre der Pilgermission auf St. Chrischona, 1890).

Rappard war älter als die meisten seiner Kameraden, überragte sie auch an Körpergröße und gewann durch seine geistige Überlegenheit, seinen sittlichen Ernst und seinen frischen Humor rasch Einfluß auf seine Mitbrüder, wurde von ihnen gar als Mitlehrer angesehen. Schon in der Chrischona-Zeit hielt Rappard Predigten und Versammlungen in der Umgegend; er war erfüllt von dem Verlangen, die Botschaft des Evangeliums weiterzutragen. Im August 1864 wurde er für den Dienst eingesegnet und auf Anregung des Vaters zur weiteren Ausbildung nach Edinburgh gesandt. Dort lebte er im Haus von Mr. Erskine Scott, einem Freund christlicher Jünglingsvereine. Neben dem Studium an der Universität widmete sich Rappard auch in Edinburgh der Evangelisation unter deutschen Matrosen. Rappard sollte nach seinem Englandaufenthalt die von Bischof Gobat geplante Pilgermissionsstation in Alexandrien übernehmen. Auf dem Rückweg nach Basel lernte Heinrich Rappard beim Jahresfest der British Bible Soc. in London u. a. den Baptistenprediger Spurgeon den Missionar Dr. Livingstone und William Pennefather, den Begründer der Mildmay-Mission kennen.

Vor Beginn seiner Arbeit in Alexandrien wurde Rappard am 27. 8. 1865 in Leonberg von Dekan Wächter ordiniert. Die Station Alexandrien sollte ein Glied der „Apostelstraße“ werden, die den in dem abgeschotteten Abessinien arbeitenden Missionaren helfen sollte, mit der Zentrale in Jerusalem in Verbindung zu bleiben. Außer Alexandrien wurden zunächst Stationen in Kairo, Assuan, Khartum und Matammeh in Angriff genommen. Als Rappard in Alexandrien eintraf, war von der zu übernehmenden Station noch nichts vorhanden. Er schlief auf den Bänken in der deutschen Kirche. Nach einem Vorstellungsbesuch in Jerusalem bei Bischof Gobat begann Rappard in Alexandrien aus kleinen Anfängen heraus zunächst im arabischen, später im europäischen Teil der Stadt eine Schule aufzubauen. Die Station sollte ja nichts kosten; darum war die Schule mit dem Schulgeld der Schüler als Rückhalt notwendig. Schon nach einem Jahr waren 100, später 200 Schüler eingeschrieben, und Rappard erbat sich seinen Freund Bauder als Lehrer. Neben der Schularbeit war es Rappards besonderes Anliegen, zu predigen; er fand dazu in verschiedenen Kirchen auf deutsch, französisch und englisch Gelegenheit.

 

Dora Gobat wird Rappards Frau

Im November 1867 verheiratete sich Rappard mit Dora Gobat, der zweiten Tochter von Bischof Gobat in Jerusalem und Marie Zeller. Dora Gobat war auf Malta geboren, als ihr Vater die dortige Missionsdruckerei leitete. Schon als 10-jährige kam Dora für vier Jahre zur Erziehung in das herrnhutische Töchterpensionat in Montmirail bei Neuchätel in der Schweiz. Zurück in Jerusalem legte sie durch ein intensives Privatstudium, durch Pflege von Musik und Gesang die Grundlage für ihre spätere ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit. Auch die zahlreichen kirchlichen Würdenträger, Gelehrte, schlichte Pilger und fürstliche Persönlichkeiten, die in ihrem Elternhaus verkehrten, erweiterten ihren Gesichtskreis. Ein tiefgreifendes Erweckungserlebnis und die Gewißheit der Erlösung durch Christus hatte sie im Frühjahr des Jahres 1858 im Alter von 151/2 Jahren. Von da an schrieb sie täglich kurze biblische Meditationen nieder, bis hin zu dem 1919 veröffentlichten Andachtsbuch „Sprich du zu mir!“ 1861-1862 wurde Dora Gobat abgesandt, um ihrem Bruder Benoni den Haushalt zu führen, der in Romsey in der Nähe von Southampton eine Vikarstelle angetreten hatte. Dort bot sich ihr die Gelegenheit, sich als Sängerin ausbilden zu lassen. Sie zog es aber vor, in der Gemeinde seelsorgerlich tätig zu werden bei Krankenbesuchen und in der Sonntagsschule. Nach ihrer Rückkehr nach Jerusalem übernahm sie die Leitung einer Schule, in der Christen, Juden und Moslems gemeinsam unterrichtet wurden, mußte diese Aufgabe aber 1866 wegen der hohen stimmlichen Belastung an ihre Schwester Marie abgeben.

Auf der Rückreise von England nach Jerusalem war Dora Gobat über Basel gereist und hatte mit ihren Eltern die Anstalt auf St. Chrischona besucht. Dort machte auf sie unter den Zöglingen der hochgewachsene, vornehm gekleidete Henri Rappard besonderen Eindruck. Ein zweites Mal traf sie mit ihm zusammen, als er sich nach seiner Berufung auf den Posten in Alexandrien bei ihrem Vater in Jerusalem vorstellte. Sie begegneten sich wieder, als Dora eine Einladung zur Behandlung ihres Kehlkopfleidens im Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonissen in Ramleh bei Alexandrien erhielt. Ostern 1867 verbrachte Rappard bei seinem Schwager Joh. Hermann in Jerusalem. Er war inzwischen, von Spittler ermuntert, fest entschlossen zu heiraten. In Jerusalem warb er sogleich um Dora Gobat, die das schon freudig erwartet hatte. Die Eltern Gobat waren von Herzen einverstanden. Doch schon am Tag danach brach Familie Gobat nach Europa auf. Erst im Herbst sahen sich die Brautleute in Schaffhausen wieder, als Heinrich aus Ägypten eintraf. Die Hochzeit wurde im November in Beuggen gefeiert. Es wurde der Grund gelegt für einen 42-jährigen Bund, in dem Mann und Frau in treuer Liebe in Geistesgemeinschaft dem Herrn dienten und lebten. Die erste Etappe der Hochzeitsreise war merkwürdigerweise St. Chrischona. In Basel sahen sie Spittler, der wenige Tage danach starb. Mitte Dezember begann der Dienst in Ägypten und zwar in Kairo, wo die kleine deutsch-schweizerische Gemeinde Rappard sich als Prediger erbeten hatte.

Doch schon im Sommer 1868 kamen ernste Nachrichten aus Basel: Schon Jahre zuvor hatte der als Lehrer berufene Immanuel Völter (Neffe von Ludwig Völter) versucht, die Anstalt in streng konfessionell-lutherische Bahnen zu lenken. Die Pilgermission stand aber auf dem Boden der Einheit aller Gotteskinder, und Völter mußte 1868 gehen. Kurz darauf verstarb Kaplan Schlienz, der jahrzehntelang als Inspektor auf St. Chrischona gewirkt hatte. Hausvater Keßler mußte wegen Lungenblutungen längeren Urlaub nehmen. Lehrer Kölzle nahm seinen Abschied; er hatte eine Evangelistenstelle angenommen. So war es für die Pilgermission ein Neuanfang in der Not, als Spittlers Nachfolger Louis Jäger den Ruf an Heinrich Rappard richtete, die Leitung der Pilgermissionsanstalt auf St. Chrischona zu übernehmen. Rappard nahm die Berufung nicht ohne Bedenken an. Er hatte sich schon früher ernste Gedanken um Aufgaben und Ziele der Pilgermission gemacht. Unter seiner über 40-jährigen Leitung erhielt die Anstalt dann ihr ganz besonderes Gepräge. Er gestaltete sie zur ersten Evangelistenschule im deutschen Sprachgebiet und stellte die Pilgermission in den Dienst sowohl der Evangelisation als auch der Gemeinschaftspflege.

 

Familie Rappard auf St. Chrischona

Schon Ende August 1868 begann die neue Aufgabe „auf dem Berg“ als ein Neuanfang für Lehrer und Zöglinge. Die Anstalt war stark verschuldet, eiserne Sparsamkeit war notwendig. Es war schwer, neue Lehrer zu finden; erst allmählich konnten alle Stellen mit Dauerkräften besetzt werden. Über die Aufgaben schrieb Rappard (Jahresbericht 1869): „Unsere Anstalt ist kein wissenschaftliches Seminar und will auch keines sein; sondern sie ist dafür da, allerlei Kräfte und Gaben, auch geringere, für die verschiedensten Tätigkeiten im großen Felde des Herrn flüssig zu machen, indem sie den aufgenommenen Jünglingen eine einfache, aber möglichst gründliche Ausbildung gibt. - Die biblische Ausbildung hat zur Basis das christliche Gemeinschaftswesen ... und besteht aus Bibelerklärung mit Hinweglassung aller Kritik. Lehrer und Schüler ... suchen den ganzen Heilsplan in seinem Zusammenhang aufzufassen, aber auch jede einzelne Stelle im Licht des Ganzen zu verstehen ... Weitere Fächer sind Biblische Geschichte, Bibeleinleitung, Glaubenslehre, Sittenlehre, Kirchengeschichte, Symbolik und Praktische Theologie sowie Analyse, Ausarbeitung und Halten von Predigten ... St. Chrischona hat sich das Ziel menschlich niedrig, aber göttlich hoch gestellt.“ (Rappard S. 122). Die Anstalt sollte eine wirkliche Evangelistenschule werden. Der Unterricht wurde intensiviert, der Lehrkurs auf vier Jahre ausgedehnt. Die Anstalt sollte darüberhinaus für die Zöglinge ein Mutterhaus werden, in dem auch ihrer Erziehung und Seelsorge Anregung und Förderung zuteil werden sollte. Sie sollten auch dann noch, wenn sie nach Verlassen der Schule auf ihren Arbeitsfeldern stehen, von sorgender Liebe und gläubiger Fürbitte getragen sein.

Heinrich Rappard nahm 1874 an der durch den Amerikaner Pearsall Smith veranstalteten Glaubenstagung in Oxford teil, die unter dem Wort „Heiligung durch den Glauben“ als „Oxford-Bewegung“ weite Kreise in ganz Westeuropa erfaßte. Rappard trug die Botschaft in vielen Versammlungen weiter. Noch im Herbst des selben Jahres gründete er zusammen mit seinem Schwager, dem Buchhändler Kober in Basel die Monatsschrift: „Des Christen Glaubensweg, Blätter zur Weckung und Förderung christlichen Lebens.“ An die Stelle dieses Blattes trat ab 1878 der „Glaubensbote“, der mit den bis dahin erschienenen „Mitteilungen aus der Pilgermission“ verschmolz. Wohl mit durch die Oxford-Bewegung angeregt wurden in Basel Evangelisationswochen abgehalten, bei denen neben dem Erweckungsprediger Elias Schrenk (1831-1913), den Pfarrern J. J. Riggenbach und Otto Stockmayer 103 auch Rappard predigte. An diesen Veranstaltungen, die z. B. 1882 über zwei Wochen gingen, nahmen täglich mehrere tausend Männer und Frauen teil. Viele traten hervor, um öffentlich ihren Glauben zu bekennen. Das Werk wurde später weitergeführt durch einen „Verein für Evangelisation und Gemeinschaftspflege“.

Rappard wurde immer mehr zum Evangelisten; er fürchtete, seine Arbeit als Anstaltsleiter auf St. Chrischona werde leiden. So wurde 1883 Theodor Haarbeck l04 als Inspektor berufen, bisher Lehrer am Lerber-Gymnasium in Bern und mit Rappards Schwester Hanna verheiratet. Die Familie Rappard zog nach Basel, Heinrich widmete sich von da an dem ganzen Werk der Pilgermission. Er führte die Korrespondenz mit den in der ganzen Welt arbeitenden Evangelistenbrüdern, redigierte die Zeitschrift, wirkte bei Evangelisationsversammlungen mit. Dazu kam eine ausgedehnte Reisetätigkeit zu den Stationen der Pilgermission. So besuchte er 1881 die in Südrußland arbeitenden Brüder, 1883 reiste er durch Ostpreußen, Osterreich und den Balkan. 1887 folgte eine längere Reise durch Nordamerika. Überall predigte Rappard in großen Versammlungen und besprach sich im kleineren Kreis mit den verschiedenen lokalen Synoden über praktische und dogmatische Fragen. Über 100 ehemalige Chrischona-Brüder konnte er allein auf der Amerikareise begrüßen. 1888 nahm er an der großen Missionskonferenz in London teil. Im selben Jahr gründete er mit Haarbeck und anderen zusammen die Gnadauer Gemeinschaftskonferenz.

Eine neue Wendung im Leben der Familie ergab sich durch die Berufung Haarbecks als Leiter der Evangelistenschule in Bonn, später Barmen. Das Inspektorat auf St. Chrischona war wieder unbesetzt, und Rappard kehrte auf den Berg zurück. Doch trotz der wieder aufgenommenen Arbeit in der Bildungsanstalt wurde Rappard mehr und mehr in der Evangelisation tätig und entsprach damit seinem innersten Anliegen. Rappard wurde verschiedentlich direkt als „Bahnbrecher für die moderne Evangelisation“ angesprochen. So fand auch die ganze Pilgermission neben der Arbeit unter Nichtchristen in fernen Ländern einen zweiten Grundpfeiler in der Evangelisation und im Gemeinschaftswesen in der Nähe, der später zu ihrem Hauptarbeitsgebiet wurde. Die Betreuung von pietistischen Gemeinschaften durch ausgebildete Prediger breitete sich rasch aus. In vielen Orten, vor allem der Schweiz, aber auch in Deutschland und Osterreich wurde das Gemeinschaftsleben zur festen Einrichtung, und es wurden für die Bedürfnisse der Gemeinschaften Betsäle errichtet. Kurz vor seinem Tod 1909 konnte Rappard in Landschlacht bei Mattwil, TG das 62. Vereinshaus der Pilgermission eröffnen.

Bis zu seinem Ende blieb Rappard mit allen von St. Chrischona ausgegangenen Predigern in Kontakt. War er früher viel gereist, um die Arbeit seiner Pilgermissionare an Ort und Stelle kennen zu lernen und ihnen Mut zu machen in ihrem manchmal schweren Amt, so führte er im Alter eine ausgedehnte Korrespondenz, um überall gegenwärtig zu sein. Doch konnte er noch bis zuletzt Reisen ins nördliche Deutschland und in die Schweiz ausführen. In seinem Todesjahr 1909 wurde sein Schwiegersohn Veiel, der bisherige Hausvater des „Hauses zu den Bergen“ und Lehrer auf St. Chrischona zu Rappards Vertreter bei seiner Abwesenheit bestimmt; die Tochter Marie, bisher Stadtmissionarin in London, wurde Hausmutter „zu den Bergen“. Das Haus war Erholungsheim im Sommer, im Winter wurde hier eine Bibelschule für Schwestern eingerichtet. Bis in seine letzten Lebenstage war Rappard unermüdlich für sein Werk, die Evangelisation tätig. Im September 1909 sollte in Siegen eine Gemeinschaftskonferenz unter seiner Mitwirkung stattfinden. Auf dem Weg dorthin, bei den Gemeinschaftsbrüdern in Gießen, ist er in der Nacht nach einem Erntedankgottesdienst friedlich eingeschlafen. Er wurde auf dem Chrischona-Friedhof in Riehen bei Basel bestattet.

 

Dora Rappard-Gobat

Wie Heinrich Rappard seine Frau kennen lernte, haben wir schon betrachtet; wie sie aufwuchs im Haus des Abessinienmissionars und Bischofs in Jerusalem Samuel Gobat, ist dort nachzulesen. Wir haben aber ein unvollständiges Bild der Familie Rappard, ohne Dora Rappard-Gobat als treue Mutter und Hausmutter, als Verkünderin des Wortes Gottes in Schrift und Lied und in der Betreuung von Gemeinschaftsgruppen zu würdigen.

Dora Rappard war begabt mit einem zuverlässigen Gedächtnis; von ihrem Mann wurde sie scherzhaft als lebende Bibelkonkordanz bezeichnet. Sie konnte ausgezeichnet singen und hatte eine besondere Gabe, ihre Gedanken schriftstellerisch und in Versen festzuhalten. Von zu Hause aus war ihr ein Leben ganz im Geist eines erweckten Christentums Herzensanliegen, und sie war darin mit ihrem Mann eines Sinnes. Als seine Partnerin und Gehilfin verstand sie sich während des 42-jährigen Ehestandes. So wuchs sie ganz selbstverständlich in die mannigfachen Pflichten einer Hausmutter hinein, als ihr Mann die Inspektorstelle auf St. Chrischona übernahm. 50 Jahre betreute sie mit Freuden die Kasse; durch diese Aufgabe kam sie mit reichen und armen Gebern in Kontakt, mit Leuten, die sich in glücklichen Tagen und in seelischer Not an die Missionsanstalt erinnerten. Und natürlich hatte sie den großen Anstaltsbetrieb mit zu leiten mit Küche, Wäscherei, Schlächterei und vielen anderen Dingen. Jahrzehntelang versah sie den sonntäglichen Organistendienst. Dabei achtete sie sehr darauf, daß die eigene Familie, die integriert in der großen Gemeinschaft heranwuchs, die erste Stelle in ihrem Herzen behielt.

Durch ihren Mann wurde Dora Rappard eng vertraut mit der auf dem Boden der Erweckung gewachsenen Heiligungsbewegung (Oxford-Bewegung). Auf mehreren diesem Thema gewidmeten Konferenzen (z. B. BrightonTagung 1875, Keswick-Konferenz 1900) konnte sie ihren Mann begleiten und persönlichen Anteil nehmen. Mit ihm zusammen besuchte sie die jährlichen Versammlungen der „Allianz“, einem Vorläufer der Ökumene der christlichen Bekenntnisse. Mit ihm zusammen gab sie den „Glaubensboten“ und andere Schriften heraus. Sie lebte so sehr dem Anliegen, Menschen zur Begegnung mit dem lebendigen Gott zu führen, daß sie neben der Betreuung der Anstaltszöglinge vielfältig in der Frauenarbeit der Gemeinschaften tätig wurde. Daraus entsprang eine weitreichende evangelistische Tätigkeit, aus ihren Bibelstunden für Frauen und Mädchen wurde ganz ungesucht eine seelsorgerliche Arbeit. So gab sie Stütze, Rat und Trost und zarte Mahnung; mit weiblichem Takt verband sie große Liebe und tiefen Ernst. Dora Rappard besaß die Gabe, auch in großen Versammlungen mit Hunderten von Teilnehmerinnen zu Herzen zu sprechen. Sie konnte in Konferenzen von Jungfrauenvereins-Leiterinnen das rechte Wort finden und die Diskussion lenken. Das öffentliche Auftreten einer Frau war damals, als es noch keine Heilsarmee gab, ungewöhnlich. Aber Dora Rappard war sich ihrer Verantwortung bewußt. Sie legte sich in einem Heftchen „Frauenarbeit im Reiche Gottes“ Richtlinien fest über Bestimmung, Befugnisse, Schranken und Gefahren, über Wandel und irdischen Beruf der Frau und natürlich die himmlische Kraftquelle. Das Heft fand, als es gedruckt wurde, weite Verbreitung. So hielt sie es nicht für richtig, vor Männern zu reden; sie tat das auch in der Anstalt nie öffentlich vor den Brüdern. Aber in Frauenkonferenzen landauf, landab in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich und England hat sie eine vielfache segensreiche Wirkung entfaltet.

80 Jahre alt war Dora Rappard 1922 geworden. Noch immer arbeitete sie mit bei Bibelstunden und Andachten in der Bibelschule für Schwestern im „Haus zu den Bergen“, die ihre Tochter leitete. Stets hatte sie auch ein offenes Ohr für Hausgenossen oder Besucher, die mit Sorgen oder Fragen zu ihr kamen. Freudig begrüßte sie die Ankunft von Enkeln und Urenkeln. Vier eigene Kinder mußten vor ihr sterben. Obwohl ihre eigenen Kräfte abnahmen, versammelten sich noch jeden Sonntag in ihrem Zimmer Kinder, Enkel und liebe Gäste zur Kaffeestunde. Zunehmend stellten sich aber Leiden und Beschwerden ein; 81 Jahre alt verschied Dora Rappard am 10. 10. 1923 und wurde neben ihrem Mann in Riehen bestattet.

Kinder und Enkel blieben dem Werk der Eltern treu:

- Die älteste Tochter Dora wurde die Frau des Frankfurter Stadtmissionars Hermann Hanke, der später als Lehrer auf St. Chrischona wirkte.

- Marie (Mia) blieb unverheiratet und leitete seit 1909 das Bibel- und Erholungshaus „zu den Bergen“ auf St. Chrischona.

- Emmy war jahrelang Sekretärin ihres Vaters auf St. Chrischona; sie heiratete 1900 Friedrich Veiel, der 1909 Nachfolger seines Schwiegervaters als Inspektor der Pilgermissionsanstalt St. Chrischona wurde.

- August starb als junger Theologiestudent.

- Heinrich wirkte als Pfarrer und Missionar in Saida in Algerien.

- Hildegard wurde Diakonisse und entfaltete als Evangelistin und Vizepräsidentin des französischen Jungfrauenbundes eine weitgespannte Tätigkeit.

- Elisabeth heiratete Otto Simon, der als Missionar nach Südwestafrika ging.

- Helene wurde 1907 die Frau des Pfarrers Georges de Tribolet, der als Missionar in den Dienst der Mission Romande in Südafrika trat.

 

Schriften von Dora Rappard

Schon als junges Mädchen hatte Dora Rappard begonnen, Aphorismen, Lieder und Gedichte, die ihr bedeutsam erschienen, aufzuschreiben und füllte so im Lauf ihres Lebens zwölf stattliche Bände. Allmählich kamen dazu viele eigene Lieder und Gedichte. Aber erst nach dem Tod ihres Mannes trat sie schriftstellerisch an die Öffentlichkeit:

- Carl Heinrich Rappard, Ein Lebensbild, Von seiner Gattin, 1910; 7. Aufl. 1929. - Eine umfangreiche, liebevolle Biographie ihres Mannes.
- In der Felsenkluft geborgen. Nachklänge aus Bibelstunden. 1911.
- Ich suche dein Antlitz. Kaiserslautern 1912.
- Lichte Spuren. Erinnerungen aus meinem Leben. 1914; 10. Aufl. 1961.
- Johannes Hus 1415-1915, Zur 500. Gedenkfeier seines Martyriums 6. 7. 1415; Gießen 1915.
- Durch Leiden zur Herrlichkeit. Ein Buch für leidende und trauernde Menschen. 1916. - Unter dem Eindruck der Leiden des Weltkriegs entstanden.
- Die heilige Woche. Das Leiden, Sterben und Auferstehen unsers Herrn Jesu Christi in den Worten der vier Evangelisten. 1916; 4. Aufl. 1945.
- Sprich du zu mir! Kurze Betrachtungen über biblische Texte für alle Tage des Jahres. 1919; 2. Aufl. 1962.
- Habt nicht lieb die Welt! Meiringen 1920.
- Frohes Alter. 1922; 9. Aufl. 1962. - Entstand ein Jahr vor ihrem Tod.
- Der Dienst der Frau in der Gemeinde Gottes. Kaiserslautern, Leipzig 1922.
- Lichtstrahlen, Gedanken über den Glauben, die Liebe und die Hoffnung der Christen, aus den Schriften zusammengestellt von E. Veiel-Rappard. 1927; 5. Aufl. 1942.
- Seit 1916 arbeitete Dora Rappard mit an dem Wochenblatt „Friedensgruß“ für Frauen und Mädchen.
- Mit ihrem Mann zusammen hatte Dora Rappard 1875 zum erstenmal die „Gemeinschaftslieder“ zum Druck gebracht. Sie wurden jahrzehntelang verwendet, 1914 revidiert herausgegeben.
- Unter dem Titel „Fort, fort, mein Herz zum Himmel“ kam 1899 ein Band mit Dora Rappards eigenen Liedern zum Druck; 3. Aufl. 1921.
- Die Liedsammlung „Abendglocken“ erschien erst nach ihrem Tod.

(In dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)
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