Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Theodor Gustav Zeller (1868-1888)
Bauingenieur im württembergischen Eisenbahndienst

Vortrag von Jutta Dohse auf dem Zellertag in Herrenberg am 7. 10. 2006
 
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 Löwenkopf, Ornament in einem unbekannten Bauwerk - Zeichung von Theodor Zeller

 

Bei der Vorbereitung für den heutigen Zellertag hat Martin Zeller mich gefragt, ob ich nicht etwas über die Gäubahn berichten könnte, bei deren Bau mein Urgroßvater Theodor Zeller (§ 516) von 1868 bis 1888 als Bauingenieur gearbeitet hat. Martin wollte mir dazu noch Unterlagen schicken, aber dazu ist es dann leider nicht mehr gekommen. Ich will deshalb nur kurz sagen, was ich weiß oder mir aus dem Internet zusammengesucht habe.

Eine große Hilfe war mir das Buch „Mosaik, Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte“ von Rose Wagner, die dort auch von ihrem Großvater - und meinem Urgroßvater - Theodor Zeller erzählt.

Ich bin kein Eisenbahnfan. Ich wusste vielleicht gerade noch, dass 1835 die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr. Die Badener zogen dann allmählich nach, und 1845 war die Rheintalstrecke von Mannheim bis Freiburg fertig, die besonders wichtig war als Verbindung nach Basel und in die Schweiz. Sie war auch einfach zu bauen, weil keine Berge zu überwinden waren.

Anders war es in Württemberg. Hier gab es große Schwierigkeiten, denn hier galt es, tiefe Täler zu überbrücken und Berge zu überwinden. Der König wollte auch seine eigene Staatsbahn, er wollte weder eine Fremdfinanzierung noch Privatbahnen. (Außerdem hatten die Badener zunächst eine andere Spurweite, sodass der Anschluss schwierig war). Der Bau verschlang dann auch gewaltige Summen, besonders der Bau des Albaufstiegs bei Geislingen, an dem mehr als 4 000 Leute arbeiteten. Es war die erste Mittelgebirgsüberquerung Europas, vom berühmten Oberbaurat Etzel geleitet, der auch viele andere berühmte Bauwerke geschaffen hat, das Enzviadukt, die Neue Weinsteige, den alten Stuttgarter Centralbahnhof und als letztes noch die Brennerbahn. Theodor Zeller hat ein kleines Portrait von ihm gezeichnet, er war wohl ein großes Vorbild für ihn.

Als die Hauptstrecke von „Stuttgart, Ulm und Biberach“ 1850 fertig war, hatten die 250 km schon 27 Millionen Gulden verschlungen, das war mehr als die Staatshaushalte von drei Jahren. Danach ging man an den Ausbau der Nebenstrecken, denn man sah bald, wie die Orte mit Bahnanschluss aufblühten, während andere wie z.B. Marbach zurückfielen. Eine dieser Nebenstrecken war auch die sogenannte Gäubahn von Stuttgart über Herrenberg – Eutingen im Gäu – Rottweil –Tuttlingen nach Singen, das sich dadurch von einem unbedeutenden Nest zu einer wichtigen Industriestadt entwickelte. Vor zwei Jahren hat die Gäubahn ihr 125jähriges Jubiläum groß gefeiert.

 

Zwei Fragen haben mich bei der Vorbereitung für den heutigen Tag besonders beschäftigt:
- Was hat Theodor Gustav Zeller, das zweite von den zehn Kindern des Pfarrers Ernst Gustav Zeller (§ 513), dazu bewegt, Bauingenieur zu werden? Und:
- Warum wissen wir, seine Nachkommen, so wenig über ihn? Ich habe nicht einmal ein Bild von ihm, aber Rose hat mir eine Kopie geschickt.

Von Rose habe ich auch einen Brief bekommen, in dem sich Theodor Zeller um eine Sekretärsstelle beim Baudepartement der Regierung in St. Gallen bewirbt und seinen beruflichen Werdegang schildert: „Als Sohn des Pfarrers Zeller in Unterhausen , Königreich Württemberg, geboren im Jahr 1829, war ich von frühester Jugend an fürs Baufach bestimmt. In den Jahren 1843 und 44, nach der damals herrschenden Weise erst als Praktikant auf den Werkplätzen tätig, besuchte ich von da an während 5½ Jahren die Polytechnische Schule in Stuttgart, gleichzeitig dem Studium der Architektur wie dem des Ingenieurwesens obliegend. Hierauf leitete ich die Ausführung mehrerer Bauten in Württemberg, bis sich mir im Frühjahr 1853 beim St. Gallischen Eisenbahnbau Gelegenheit bot, auch außer den Grenzen meines Vaterlandes meinen Beruf verfolgen zu können....“

„Ich war von Jugend an fürs Baufach bestimmt“. Wer hat ihn bestimmt? Drei aus seiner Familie kommen in Betracht:
 - Sein Großvater, der Oberjustizrat Johann Friedrich Zeller (§ 505) hatte als Landtagsabgeordneter schon bei der Planung des ersten Eisenbahnprojekts mitgewirkt. In dieser Zeit hatte eine englische Gesellschaft den Württembergern den Vorschlag gemacht, Bau und Betrieb der Hauptbahn zu finanzieren und dafür 80 Jahre lang den Ertrag zu bekommen. Danach sollte die Bahn kostenlos an das Land Württemberg übergehen. Justizrat Zeller hatte sich für diesen Plan eingesetzt, vor allem wegen der finanziellen Entlastung des Staatshaushalts. Aber einige Tübinger Professoren warnten vor der Annahme des Angebots, und Württemberg lehnte ab. Zeller antwortete darauf am im Oktober 1845 mit einer Streitschrift „Der Kampf in Württemberg zwischen dem gesunden Menschenverstand und der Gelehrsamkeit in Eisenbahnsachen“. Vier Monate später ist es gestorben.
- Einer seiner Söhne – nicht der Pfarrer und Vater unseres Bauingenieurs, sondern dessen Bruder – Josef Emil Zeller (§ 505,8) war auch schon Architekt. Er starb 1877 unverheiratet als Stadtbaumeister in Ludwigsburg.
- Und schließlich gab es noch einen, der um 1500 am Hohentwiel gebaut hat. Warum sollte also nicht auch sein Nachfahre Theodor Gustav Zeller Architekt werden?

Als er 1860 die Stelle als Betriebsbauingenieur in Frauenfeld bekommen hatte, heiratete er 31-jährig Selma Schumann, deren Vater Apotheker und Dozent in Hohenheim war. Ihm hat Rose in ihrem Buch ein umfangreiches Kapitel gewidmet. In Frauenfeld kamen die ersten drei Kinder zur Welt, Emilie, die den Pfarrer Emil Paret geheiratet hat und die Großmutter meiner Rollerschen Basen und Vettern war.
Dann kam der Sohn Max, der Vater von Rose Wagner und Annemarie und Ursula Zeller. Er war ein großer, überaus gutaussehender Mann. Er wurde Offizier und war am Ende seiner Laufbahn Generalmajor. Über ihn berichtet Rose im letzten Kapitel ihres Buches.
Das dritte Kind war mein Großvater Ernst Theodor Zeller, der Buchhändler wurde, angeblich weil das Geld nicht gereicht hat für ein Studium.
Als letztes Kind wurde Selma 1870 in Möckmühl geboren. Da hatte der Vater zwei Jahre zuvor schon eine Stelle im württembergischen Eisenbahndienst angetreten. Selma blieb unverheiratet und verdiente ihr Leben – ohne jede Prüfung – als Klavierlehrerin in Stuttgart. Sie hat meinem Vater täglich eine Klavierstunde gegeben, wobei der pädagogische Teil darin bestand, dass sie ihn bei jedem Fehler in den Oberarm kniff – und zwar immer an die gleiche Stelle. Er hat dabei aber außerordentlich gut Klavierspielen gelernt.

Warum Theodor Zeller nach Württemberg zurückgekommen ist, wissen wir nicht. Ich habe auf Anraten Roses im Staatsarchiv in Ludwigsburg nach Hinweisen gefragt, aber dort werden die Personalakten der Beamten der Staatseisenbahnen – anders als in St. Gallen - erst ab 1900 aufbewahrt. Lediglich die Kopien von zwei Dienstalterslisten konnte ich bekommen. Danach war seine erste Anstellung im Januar 1868 mit einem Gehalt von 1500 Gulden plus 250 Gulden „Functionszulage“. Außerdem steht dort „Ritterkreuz II. Klasse des Zähringer Löwen-Ordens“, in einem späteren Eintrag dazu noch „k.w.F. I“, (das heißt: königlich württembergischer Friedrichsorden 1. Klasse) und „keine Prüfung“, also keine Prüfung für die Beamtenlaufbahn. Dann ist noch ein Eintrag da über sein letztes Gehalt, 3990 Gulden plus 726 und 310 für Reise- und Bureauaufwand , „freie Wohnung“ und „gestorben am 15. 2. 1888“.

Die „freie Wohnung“ im Obergeschoß des Bahnhofs gehörte zum Deputat des Beamten. Er hatte nach dem Bau für die Unterhaltung und Sicherung der Bahnanlagen zu sorgen, ebenso wie für die sinnvolle Abwicklung des gesamten Bahnverkehrs. Wenn ein Projekt abgeschlossen war, zog die Familie um zum nächsten: Von Möckmühl nach Gaildorf, dann nach Heidenheim, nach Herrenberg und schließlich ins Bahnbetriebsamt nach Rottweil, wo der Vater mit 59 Jahren starb.

Warum wissen wir alle so wenig über diesen Urgroßvater und auch über meinen Großvater? Warum hat mein Vater nichts über sie erzählt? Ich glaube, es kommt daher, dass sie alle drei nicht einmal das 60. Lebensjahr erreicht habe. Mein Vater starb mit 57 Jahren, der Großvater mit 54, der Urgroßvater mit 59. Die Zeit, in der wir zurückblicken auf unser Leben, unsere Erinnerungen vielleicht auch aufschreiben oder Muße haben, davon zu erzählen , haben sie nicht erlebt. Als mein Vater am Ende seiner zweijährigen Krankheit schließlich Morphium bekam, träumte er manchmal, die Stundenbrüder seien wieder von der Alb gekommen, um an seinem Bett zu knieen und stundenlang mit ihm zu beten. Es war ein Alptraum, es war das Sterben seines Vaters, das er als 18-jähriger erlebt hatte und das wohl vieles überschattete, was er sonst mit ihm erlebt hat.

Immerhin hat er mir einmal erzählt, sein Vater habe sehr gut Trompete blasen können, nicht nur auf dem Instrument, sondern auch auf einem Stuhlbein, und diese Kunst habe er einmal sogar dem König vorführen dürfen. Und von dem Urgroßvater erzählt Rose in ihrem Buch, er sei ein stiller, aufmerksamer und hilfsbereiter Mensch gewesen, der sehr gerne zeichnete, nicht nur Gebäude, sondern auch Bäume und Felslandschaften, besonders aber zeichnete er Plastiken oder Details davon ab.

Was ich von seinen Zeichnungen geerbt habe, habe ich ins Archiv gegeben, denn das Papier ist im Lauf der Zeit braun geworden und zerfällt. Nur ein paar hübsche Bilder hatte ich schon vorher gerahmt und aufgehängt. Mein Mann hat sie fotografiert und vervielfältigt.
Die Vorderseite zeigt einen Löwenkopf im Ornament eines mir unbekannten Bauwerks.
Auf der Rückseite ist einmal der Kopf des Heiligen Thomas von Aquin aus der Disputa des Raffael, einem Fresko im Vatican, zu sehen. Ob der Urgroßvater selber dort war, weiß ich nicht.
Das dritte Bild zeigt ein abgezeichnetes Relief, das sich über der Türe des Treppenturms der sogenannten Kapellenkirche in Rottweil befindet. Dargestellt ist offenbar die Verlobung eines Ritters mit einer Dame, ein sehr hübscher Entwurf, aber die Ausführung ist schwach ausgeführt und flach. Das Original ist in der Rottweiler Lorenzkapelle.
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