Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Johannes Paul Langbein (1840-1915)
Herausgeber der Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912

1990 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag von Paul Langbein, eine Gelegenheit, sich dieses schwäbischen, durch den Geist des Pietismus des 19. Jahrhunderts geprägten Theologen und Bibel-Interpreten zu erinnern. Paul Langbein hat sich am Abend eines erfüllten Pfarrerlebens als Herausgeber der Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912 einen Namen gemacht. Mit der Familie Zeller trat er durch seine Frau Tabitha in verwandtschaftliche Bindung. Sie war als Tochter des Pfarrers in Fellbach, Karl Fr. Werner, und seiner Frau Therese Zeller die Enkeltochter von Christian Heinrich Zeller, Inspektor der Anstalt Beuggen am Oberrhein.
Von Herbert Leube, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands, Nr. 17, 1991, S. 19-23
 
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Der schwäbische Pfarrer
      Paul Langbein wurde im Oktober 1840 in Göppingen als Sohn des Zeugmachers - er hatte eine Bauwollweberei - Johannes Langbein geboren. Der Vater starb schon, als der Sohn noch nicht drei Jahre alt war. Paul hatte Freude am Lernen und konnte nach bestandenem Landexamen 1854 von der Göppinger Lateinschule ins Seminar Urach, 1858 ins Stift nach Tübingen übertreten, um dort Theologie zu studieren. Nach seiner ersten Dienstprüfung wurde er 1862 in Hermaringen in der Nähe von Heidenheim ordiniert, wo er als Vikar tätig war. Weitere urständige Pfarrstellen versah er in Westheim bei Schwäbisch Hall, Göttingen-Albeck, Hochdorf-Schietingen bei Horb am Neckar und Emmingen-Pfrondorf bei Nagold. 1870 erhielt er mit 30 Jahren seine erste ständige Pfarrstelle in Enzklösterle im Schwarzwald und konnte damit eine Familie gründen.
      Paul Langbein verheiratete sich noch im selben Jahr, am 9. Juni 1870 - wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges mit Frankreich - in Fellbach mit Tabitha Wilhelmine Werner. Tabithas Vater Karl Werner war dort seit 1849 Pfarrer, nachdem er früher schon Lehrer am Missionshaus in Basel gewesen war, einen Ruf als Leiter der Missionsanstalt aber 1834 abgelehnt hatte. Dem Missionswerk blieb Pfarrer Werner dennoch über Jahrzehnte verbunden als Herausgeber der "Basler Sammlungen", später, seit 1859, auch des Gemeinschaftsblattes. Seit 1857 war er Vorstand des Ausschusses der Stuttgarter Brüderkonferenz, eines Zusammenschlusses pietistischer Gemeinschaften. Tabithas Mutter, Therese Zeller aus Beuggen, stammte, wie ihr Mann, aus einem von sozialer Verantwortung für den Mitmenschen geprägten Haus, das sich durch ein persönlich-inniges Verhältnis zum Heiland und Erlöser Jesus Christus getragen fühlte. Auch die Kinderrettungs- und Armenschullehreranstalt in Beuggen hatte ja enge Beziehungen zur Basler Mission. Beide sind Gründungen der Christentumsgesellschaft unter ihrem tatkräftigen Sekretär Christian Friedrich Spittler zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Vom Großvater Christian Heinrich Zeller in Beuggen hatte die Enkelin Tabitha Werner zur Taufe ein Gedicht bekommen, in dem er wünscht:
            Du mögest mir eine rechte Tabitha sein,
            voll Liebe zu den Armen
            dich ihrer mild erbarmen
            und gehn voran den schmalen Steg.

Für Paul Langbein folgten auf die Pfarrei Enzklösterle 1879 Würtingen und Ble:chstetten bei Reutlingen und 1893 Dettingen an der Erms bei Urach, wo er als Nachfolger seines Freundes Friedrich Roos aufzog. Bei der Visitation 1887 in Würtingen urteilte der Dekan: "Sein Haus ist ein Pfarrhaus erster Art, mit trefflicher Kinderzucht, ist eine Stütze der Armen." 1910 wurde Pfarrer Langbein nach 48 Dienstjahren im 70. Lebensjahr pensioniert. In den Jahren nach dem aktiven Dienst lebten die Langbeins in Pfullingen. Paul starb dort 1915, seine Frau 1929 in hohem Alter. In Dettingen steht die Erinnerung an Paul Langbein in hohem Ansehen: Seit 1987 zum 175. Jubiläum der Württembergischen Bibelgesellschaft wird sein Andenken in der Gedenkstätte im J:-L.-Fricker-Haus gepflegt.

Der Förderer von Bibelkenntnis und Bibelverständnis
      30 Jahre lang war Paul Langbein im Brüderrat der Altpietistischen Gemeinschaften tätig. Er genoss ein hohes Ansehen bei den Gemeinschaften, unterrichtete die "Dienenden Brüder" und sprach in den Monatsstunden. Und im Pietismus des 19. Jahrhunderts wurzelte seine Glaubensgewissheit, die in seinen zahlreichen Schriften ihren Ausdruck fand. Lange Zeit war ein Evangelisches Haus-Predigtbuch in Gebrauch, das Paul Langbein 1890, geschmückt mit Bildern von Schnorr von Carolsfeld, herausgegeben hatte. In dem Buch sind vor allem Predigten der Häupter des Pietismus des 18. und 19. Jahrhunderts gesammelt, angefangen von Bengel und Gerok über Philipp Matthäus Hahn, Ludwig Hofacker, den Basler Missionsinspektor Josenhans und Spitta bis zu Langbeins Schwiegervater Karl Werner. In den dem Band beigegebenen Lebensläufen der Prediger ist in der für den Pietismus kennzeichnenden Weise stets das Erlebnis der Erweckung zum Glauben wichtig. Am lebhaftesten hat sich Paul Langbein mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Bibel auch in modernen Zeiten ein Haus- und Gebrauchsbuch sein und bleiben konnte. Er bemerkte richtig, dass mit einer besseren Kenntnis des Umfeldes auch ein vertieftes Bibelverständnis einhergeht. In den Jahren 1897/98 gab er im Verlag Enßlin & Laiblin das Neue und Alte Testament in Form einer illustrierten Haus- und Familienbibel heraus. In Großquart-Format war es ein umfangreiches Werk, das Erklärungen zum Luthertext, Bilder, Zeittafeln, Karten, einen Bibelleseplan und eine Familienchronik enthält. Dieses große Bibelwerk war geschaffen für die evangelische Familie, die wissbegierig und aufgeschlossen ist für den historischen und kulturellen Rahmen ihres wichtigsten Buches, der Heiligen Schrift. Es ist noch heute sehens- und lesenswert. Paul Langbein ließ dem großen Werk ein kleines Bibelbüchlein folgen, das 1904 bei Steinkopf erschien und ein Hilfsbuch zum Verständnis der Heiligen Schrift sein will. Auch hier sind Bilder und Landkarten angefügt.
      Das bedeutendste Werk im Leben Paul Langbeins war die Herausgabe der Stuttgarter Jubiläumsbibel. 1909 fasste der Verwaltungsrat der Württembergischen Bibelgesellschaft den Plan, aus Anlass ihres 100jährigen Bestehens 1912 eine Bibel mit erklärenden Anmerkungen herauszugeben. Der damals 69jährige Pfarrer Langbein wurde um einen Entwurf gebeten. Dieser schlug zur Bearbeitung der einzelnen Bibelteile verschiedene Mitarbeiter vor. Langbein wurde vom Verwaltungsrat nahegelegt, "dafür besorgt zu sein, dass die Einheitlichkeit des ganzen Werkes durch die vielen Mitarbeiter nicht notleide". Es folgten Jahre intensiver Arbeit, die sich für den unermüdlichen Paul Langbein weit in den "Ruhestand" hinüberzog. Jedes Buch der Bibel erhielt eine Einleitung, in der die Bedeutung der Schrift im Rahmen der Bibel, ihre Entstehung und ihr historisches Umfeld gewürdigt sind. Ferner sind im Text von Vers zu Vers Erklärungen zum Verständnis und zahlreiche Verweisungen eingefügt. Ein Anhang mit Worterklärungen, Maßen und Gewichten, einer Zeittafel, Lesevorschläge für besondere Fälle des Lebens sowie Landkarten beschließen das Werk.
      Im Vorwort der Jubiläumsbibel lesen wir: Eine Anzahl evangelischer Geistlicher Württembergs haben zum Werk zusammengeholfen. Die letzte, abschließende Arbeit am Ganzen lag in den Händen des in den evangelischchristlichen Kreisen unseres württembergischen Volkes als Förderer von Bibelkenntnis und Bibelverständnis wohlbekannten Pfarrers a. D. Paul Langbein, der seine Kraft in den letzten Jahren hauptsächlich dieser Arbeit gewidmet hat.
Die Jubiläumsbibel hat ihre Bedeutung, auch für den praktischen Gebrauch, bis in unsere Tage behalten. Worin liegt das Besondere dieses Werkes? Bibelkommentare sind seit dem frühen Mittelalter bekannt. Die Jubiläumsbibel unterscheidet sich von früheren, mit Kommentaren versehenen Bibeln dadurch, dass sie in ihren Erläuterungen eigentlich nicht die theologische Erkenntnis des Interpreten hineintragen, sondern Sacherklärungen zum Verständnis geben will. Sie hat darum nicht weniger prägend, aber vielleicht auf eine subtilere Weise auf ganze Generationen von Bibellesern gewirkt, da sie eben doch von einem in seinem Wirken und Wollen fest umrissenen Gott und seinem Sichtbarwerden in den Menschen ausgeht. Im Vorwort lesen wir: "...Wer tiefer in das Verständnis des ganzen Schriftinhalts eindringt, erkennt immer deutlicher, wie die Bibel in sich ein Ganzes ist und in dieser ihrer Einheit und Gesamtheit den Heilsratschluss Gottes über die Welt enthüllt." Und in der Einleitung zum Alten Testament: "Ehe uns im Neuen Testament der Blick völlig geöffnet wird für das Heil, das Gott der ganzen Welt zugedacht und in Christus bereitet hat, wird uns im Alten Testament an der Geschichte Israels gezeigt, wie Gott in freier Liebe sich zunächst eines Volkes in besonderer Weise annimmt." Dabei nimmt die Jubiläumsbibel religionsgeschichtliche Erkenntnisse, wie sie die Theologie zu Ende des letzten Jahrhunderts in großer Fülle ans Licht brachte, nicht auf. Sie konzentriert sich auf eine harmonisierende, heilsgeschichtlich zielgerichtete Haltung. Soweit ethische Probleme betroffen sind, bleibt sie konservativ-moralisierend. Ein Grundgedanke erscheint immer wieder: Gott redet mit uns durch die Heilige Schrift; sie ist Gottes Wort, auch wenn sie in ihrer Unvollkommenheit, vor allem im Alten Testament, manches Menschliche aufscheinen lässt. Und es gilt als selbstverständlich, dass es nur den einen Gott gibt, den Gott Israels, der sich allein durch die Heilige Schrift äußert. Von diesem Alleinanspruch des Absoluten haben wir uns heute entfernt. Neben der Bibelkunde befasste sich Paul Langbein auch mit der Lokalgeschichte. 1906 hatte er als Ortsgeistlicher eine Pfarrbeschreibung zu erstellen (1982 neu aufgelegt). Daraus erwuchs in den Jahren 1907-1909 im "Dettinger Volksfreund" eine Fortsetzungsreihe "Bilder aus der Vergangenheit von Dettingen a. E.": Sie zeugen von profunder Kenntnis der Orts-, Landesund Kirchengeschichte.

Die Familie Langbein
      Paul und Tabitha Langbein hatten neun Kinder. Zwei starben am Tag der Geburt. Der Jüngste Sohn Gotthilf starb 20jährig in Dettingen. Die Tochter Charlotte lebte bei den Eltern und blieb, ebenso wie ihr Bruder Heinrich, Oberreallehrer am Seminar in Urach, unverheiratet. Die älteste Tochter Johanna wurde 1898 in Kamerun mit dem Missionar Friedrich Lutz getraut. Friedrich Lutz blieb bis zu seiner Internierung zu Beginn des Weltkriegs in Afrika und war zuletzt Missionspräses in Kamerun. Später entfaltete er eine überaus fruchtbare Tätigkeit in Württemberg als Reiseprediger, Inspektor der Evangelischen Gesellschaft und Altpietistischer Gemeinschaftsverbände, als Mitglied des Landeskirchentages und 1934 als tätiges Glied der Bekennenden Kirche. Sein Sohn Paul Lutz war 1956-1965 Personalreferent im Oberkirchenrat in Stuttgart und in der Nachfolge von Prälat Hartenstein Vorsitzender des Stuttgarter Hilfskommittees für die Basler Mission.
     Paul Langbeins ältester Sohn Paul wurde Pfarrer im württembergischen Kirchendienst. Seine Frau Auguste Mährlen, die vom Elfinger Hof bei Maulbronn stammte, hatte einen Namen als Kinderbuch-Autorin. In ihren Werken beherrschte sie beides, Dichtung und künstlerische Gestaltung (Beispiel: Wie die Elflein durch den Winter kamen).
Auch der zweite Sohn Siegfried wurde Pfarrer, von 1910 bis 1919 in Ohnastetten bei Reutlingen, verheiratet mit Thusnelde Dettinger; er starb früh.
     Die Tochter Martha schließlich folgte dem Missionar Ernst Dinkelacker nach Afrika; wie ihre älteste Schwester heiratete sie in Kamerun. Der Schwager Lutz und Missionar Johannes Gutbrod, ein angeheirateter Wernerscher Vetter, waren Trauzeugen. Missionar Dinkelacker kam schon vor dem Weltkrieg 1913 aus Afrika zurück und wurde Pfarrer an verschiedenen Orten in Württemberg.
      Aus den Familien Lutz, Langbein und Dinkelacker lebt heute eine weit ausgebreitete Nachkommenschaft, vor allem in Württemberg.
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