Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Der „Elsbeth- und Hermann-Zeller Platz“ in Waiblingen

Das Dekans-Ehepaar Zeller hat im Dritten Reich ein jüdisches Ehepaar versteckt
- Dafür wird es von der Stadt Waiblingen mit der Benennung eines Platzes posthum ausgezeichnet -

 
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Waiblingen. Der Karolinger-Schulhof ist seit jeher ein Ort, an dem sich Menschen begegnen und Kinder spielen und kicken dürfen. Seit dem 9. November 2008  ist er auch ein Ort der Erinnerung. In einer Feierstunde wurde er in Erinnerung an das Waiblinger Dekansehepaar, das die Juden Max und Ines Krakauer vor den Nazis rettete, in Elsbeth-und-Hermann-Zeller-Platz umbenannt.
      „Menschen brauchen zum Erinnern Symbole, Rituale und vor allem Orte, sagte Oberbürgermeister Andreas Hesky bei der Feierstunde. Der Karolinger-Schulhof sei ein solcher Ort, der durch seine Nähe zur Michaelskirche, zum Nonnenkirchle und zur Nikolauskirche, die auf dem Weg zum Alten Dekanat liegt, prädestiniert sei, zu einem Ort der Erinnerung und des Gedenkens zu werden.
      Mit dem neuen Namen solle daran erinnert werden, dass es auch im Dritten Reich möglich war, sich der Verblendung zu Entziehen und inneren und äußeren Widerstand zu leisten. Dekan Zeller und seine Frau Elsbeth hätten Max und Ines Krakauer unter Einsatz des eigenen Lebens geholfen. Die posthume Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“, mit denen Israel das Ehepaar im Februar ehrte, sei ein großartiges Zeichen der Versöhnung des Staates Israel mit den früheren Feinden. „Die Auszeichnung einzelner Personen zeigt, dass es keine kollektive Schuld und keine kollektive Verurteilung durch die den Holocaust überlebenden Menschen und ihre Nachfahren gibt“, sagte Hesky. Israel zeige damit auch, dass es auch in einem Volk, das sich scheinbar blind und entschlossen hinter eine Ideologie und Rassenhass stellte, Menschen gab, die aufrecht blieben und ihre Würde bewahrt hätten.
Mehrere Helfer, durch die Gegnerschaft zum Hitlerregime verbunden, seien damals für die Krakauers aktiv gewesen. „Es ist auch heute noch gut zu wissen, dass es in Waiblingen und anderswo Menschen gab, die nicht nach Herkunft, Religion, Nationalität und ideologischem Gedankengut fragten, sondern den Menschen als Gottes Geschöpf sahen, über den zu richten wir nicht befugt sind“, sagte Hesky weiter.
      „Licht im Dunkel“ hatte Max Krakauer später sein Buch genannt, in dem er die Jahre der Flucht beschrieb. „Das Licht im Dunkel, das vom Waiblinger Dekanat ausstrahlte, möge ein Mahnmal sein“, so Hesky. „Mahnmal dafür, zu handeln, zu helfen und zuerst nach den Mitmenschen in Not zu schauen und erst dann nach sich selbst.“
                                    „Wir sind in der Gefahr, Geschichte zu entsorgen“
       Vor der Feierstunde hatte Dekan Eberhard Gröner in einem Gedenkgottesdienst zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht die Hintergründe beleuchtet und dabei auch die Rolle der Kirche nicht ausgespart. Das Ehepaar Zeller habe in dunkler Zeit Mut bewiesen und Menschlichkeit hochgehalten. „Wie ich selbst gewesen wäre, ich weiß es nicht. Ich könnte nur hoffen, menschlich geblieben zu sein im Wissen, dass das Widerstehen gegen Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten damals sehr mutig war und heute in der Demokratie bis auf einen Ruf als Störenfried eher folgenlos bliebe.“ Bis heute tun sich die Menschen nach Ansicht Gröners mit dem Dritten Reich und seinen Folgen schwer. „Wir sind in der Gefahr, Geschichte zu entsorgen, uns ein gutes Gewissen zu leisten, je größer und pathetischer die Denkmäler.“ Und ganz besonders schwer tun sich Gröner zufolge die Christen, die von einer langen unheilvollen antijudaistischen Tradition begleitet seien. „Durch die Geschichte des Christentums zieht sich eine Blutspur - endlich und hoffentlich für immer gebrochen durch Ansätze einer Aufklärung, die weitergehen muss, um die Menschenwürde aller zu gewährleisten.“ Ebenso ziehe sich durch die Kirche eine Spur der Verachtung Andersdenkender und -glaubender.
      Wenn nun der Karolinger-Schulhof mit dem Namen eines Ehepaars benannt wird, das mitten in Waiblingen zeichenhaft Humanität hochhielt, dann sei er, Gröner, mehr als dankbar, dass dieser Platz noch nicht perfekt ist. „Noch in den Brüchen, der Unvollkommenheit dieses Ortes bleibt etwas von den vielen Fragen übrig, bleibt ein Reiben, ein Überlegen auf lange Zeit, wie ein solcher Platz gestaltet werden kann, als Ort der Erinnerung, des Denkanstoßes, als Ort, an dem man Spuren der Geschichte nachdenkend erfährt und Geschichte eben ganz und gar nicht entsorgt.“

                                                                   Zitate:
-  Sie waren zunächst einmal Christen.

-  Hermann Zeller war es gewohnt, öffentlich Verantwortung zu tragen, auch als es unbequem wurde.
   Als sich Widerstand formierte, war er dabei.
-  Sie war eine warmherzige Frau. (Jan Probst, Enkel von Elsbeth und Hermann Zeller)
-  Gerade die Intelligenz, eine bestimmte Art von Intelligenz des Bürgertums auch in Lehrerschaft
    und Pfarrerschaft, war rasch zur Anpassung bereit. (Dekan Gröner)

                                                    (Jutta Pöschko in: Waiblinger Kreiszeitung 9. 11. 2008).
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