Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

ALBERT ZELLER 1833 – 1921

Pionier der Zellerfamilie in Nordamerika
(Zellerbuch § 57)

In: Liesel Reichle-Zeller, Die Brüder Albert und Hermann Zeller - Zwei Amerikafahrer des 19. Jahrhunderts Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Heft 5, Stuttgart 1986, herausgegeben vom Martinszeller Verband e.V.

 
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Eine der erschütterndsten Lebensgeschichten, die das Zellerbuch einem aufmerksamen Leser in kurzen Daten andeutet, ist sicher die der Familie des Magnus Friedrich Zeller, Dekan in Besigheim (ZB § 53), und seiner Frau Friederike Dorothee, geb. Herwig, einer Tochter des Eßlinger Dekans Friedrich August Herwig. Dieses Elternpaar starb 1843 innerhalb eines Vierteljahrs voneinander an Typhus und hinterließ neun Kinder im Alter zwischen einem und vierzehn Jahren. Die Waisen fanden Aufnahme bei verwandten Familien; von den vier Töchtern starben zwei schon früh, wie auch ein Bruder, Karl. Die andern beiden Schwestern, Marie und Sophie, blieben unverheiratet. Die drei älteren Söhne Johannes, Albert und Wilhelm sind in der Welt weit herumgekommen - Johannes als Missionar in Palästina, Albert als Pastor in Nordamerika und Wilhelm, nach Lehrjahren in der Schweiz, Belgien und England, als Universitätsgärtner in Marburg und Tübingen. Der Jüngste der Geschwister, Hermann, wanderte nach USA aus, konvertierte dort zum Katholizismus und wirkte als Priester (Father Ignatius) vor allem im Staat New York.

Der frühe Tod der Eltern zog natürlich trotz der liebevollen Fürsorge der meist ebenfalls kinderreichen Verwandten eine Verminderung der Chancen für Ausbildung und Beruf nach sich. Eine weitere Folge war, daß mit dem Wegfall eines gemeinsamen Familienzentrums auch eine Lücke in der gemeinsamen Tradition entstand. Da ist es ein Glücksfall, daß Albert Zeller in den Jahren 1851 - 1865 ein Tagebuch schrieb, das von einer seiner Enkelinnen, Cornelia Zeller (ZB § 68), im elterlichen Haus erst um 1960 wieder aufgefunden wurde und aus dem nicht nur Alberts eigene Erlebnisse, sondern auch die Lebensumstände seiner Geschwister zu entnehmen sind.

Albert Zeller wurde in Besigheim, der ersten Pfarrstelle seines Vaters, am 13. Februar 1833 geboren. Er war der vierte in der Zahl der Geschwister. Den ersten Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen genoß er bei seiner Mutter, die vor ihrer Heirat 8 Jahre lang als Erzieherin im Freiherr von Palm'schen Hause in Mühlhausen bei Esslingen gearbeitet hatte. In die Grundkenntnisse des Lateinischen, wie auch in Geographie und Geschichte, hatte ihn sein Vater schon eingeführt, bevor er mit 7 Jahren in die Besigheimer Lateinschule eintrat. Als seine Eltern starben, war er 10 Jahre alt. Zusammen mit seinem ältesten Bruder Johannes kam er „in Kost und Schule" zu seinem Paten, Rektor Schmid in Esslingen, wohl deshalb, damit die beiden Brüder in der Nähe der Großmutter Herwig und der dort zunächst untergebrachten vier Schwestern blieben. Nach seiner Konfirmation trat er, da er das Landexamen nicht bestand, in die Oberrealschule in Esslingen ein, die er im Frühjahr 1848, wohl mit dem Einjährigen, verließ. Während dieser Zeit lebte er bei dem Apotheker Gotthilf David Schumann (ZB §§ 119,121 und 516), der von seiner ersten Frau, einer Schwester von Alberts Mutter, eine große Kinderschar im Alter der Zellerschen Geschwister hatte und in 2. Ehe mit einer Base von Albert Zellers Vater verheiratet war.

Albert war 15 Jahre alt, als er Esslingen verließ, um in Tübingen eine Lehre bei Schlosser Gutbrod anzutreten. Diese Stelle hatte ihm sein Onkel, Gottfried August Hauff, verschafft, der im nahen Waldenbuch Pfarrer war und eine ältere Schwester von Alberts Vater zur Frau hatte. Im Pfarrhaus in Waldenbuch hatte Albert Heimatrecht, - solange er in Tübingen war. Auch hier gab es unter den jüngeren Kindern Gleichaltrige, und als Bruder Wilhelm im botanischen Garten in Tübingen seine Lehre machte, scheint auch er in Waldenbuch wie zu Hause gewesen zu sein. Mit seinem Lehrherrn hatte Albert kein Glück; er schreibt: ...den mußte ich nach zwei Jahren wegen allzu roher Behandlung bei meinem Vormund in Stuttgart verklagen, wodurch er genöthigt wurde, meine Lehrzeit um ein halb Jahr zu verkürzen.

Dieser Vormund war der kinderlose Onkel Pfleger, Gustav Hermann Zeller (ZB § 123, 1812-1884), ein mit vielen Ämtern betrauter Stuttgarter Jurist. Sein Rat und seine häufige finanzielle Unterstützung spielen eine wichtige und hilfreiche Rolle im Leben aller Geschwister.

Anfang Februar 1851 hatte Albert vor dem Zunftobermeister die Gesellenprüfung als Schlosser gut bestanden. In der damaligen Zeit war es aber in Deutschland nicht leicht, Arbeit zu finden. Sowohl Onkel Pfleger als auch Onkel Schumann hatten kein Hehl daraus gemacht, daß in der Heimat für ihn wohl kaum ein Arbeitsplatz zu finden sein würde, er also in die Fremde ziehen müsse. Es wurde auch von dem Ziel Basel gesprochen, wo Johannes schon seit einigen Jahren als Missionszögling weilte. Die hochgemute Stimmung des jungen Gesellen hatte sich bei diesen Aussichten verwandelt; er verlor aber den Mut nicht, denn er schreibt:

Auf diesem Wege wurde es mir sehr ernst zu Muthe, da fiel es mir zum erstenmale ein, daß es doch keine so Kleinigkeit sei, fremd und allein in die fremde Welt hinauszuwandern. Ich fühlte mich im ersten Gedanken daran so traurig allein. Was fehlte mir - ein inniger Freund, ein Bruder – aber ich wußte da noch, dass ich einen Freund habe im Himmel, der mich nicht verläßt....

Ludwigsburg

Zunächst wanderte Albert nach Ludwigsburg, denn Onkel Hauff hatte ihm ein Empfehlungsschreiben an den dortigen Orgelbauer Walker mitgegeben. Dort hatte er Glück: Er bekam gleich Arbeit in dessen Werkstatt. Dies bedeutete, daß er im Hause Walker auch Kost und Wohnung erhielt, und er scheint es dort auch recht gut gehabt zu haben. Seine Arbeit am ersten Tag, dem 11.2.1851, bestand darin, dass er vormittags in großer Menge Messingdrähte abschneiden mußte. Nachmittags wurden von 1 bis 7 Uhr Windladenschraufen geschmiedet, dazwischen bekam er um 4 Uhr einen Schoppen Most zum Vesperbrot. In der Werkstatt stand eine Dampf- und eine Hebelmaschine. In seinen Aufzeichnungen bricht er in die Worte aus: Ach, ich kann dem lieben Gott nicht genug danken, da/3 er so treu für mich gesorgt hat denn ich bin bei guten Leuten, hier wird auch tüchtig gearbeitet, aber ohne geflucht.

Am Samstagabend hatte er offenbar bis 6½ Uhr zu arbeiten. Den ersten Sonntag nach seinem Arbeitsantritt verbrachte er zunächst bei seinem kleinen Bruder Hermann und dessen Pflegeeltern in Schafhausen (südlich von Weil der Stadt), und nach einem sehr starken Marsch reichte es ihm am Abend noch zu einem Besuch beim Onkel Pfleger in Stuttgart, mit dem er wegen einer Uhr zu sprechen hatte. Daß Albert eine solche unbedingt brauchte, leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß er sonntags seine vielen Verwandten im mittleren Neckarraum besuchte. Zwar lagen Besigheim, Ludwigsburg, Esslingen und Stuttgart an der damals noch einzigen württembergischen Bahnlinie, aber zu den anderen, oft abgelegenen Orten mußte er beträchtliche Fußwanderungen in Kauf nehmen, um am nächsten Morgen rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Er hat die Uhr am Sonntag 9. März 1851 in Empfang nehmen dürfen. Auf dieses Ereignis hat ihn der Onkel Pfleger in einem Brief vom 6. März vorbereitet, in welchem er ihm genaue Anweisungen für die Behandlung einer Uhr gab, die Albert getreulich in sein Tagebuch eintrug. Dieser „Uhrenbrief“ ist noch erhalten, er ist in den Händen von Alberts Enkelin Martha Webster Adams in Buffalo.

Die Arbeit bei Walker ging zu beiderseitiger Zufriedenheit ihren Gang; es ist auch die Rede von einer Ausbildung im Zeichnen, die Herr Walker seinem Gehilfen bei Mechanikus Stoll in Cannstatt verschaffen will. Das dazu nötige Reißzeug kann sich Albert mit einem Zuschuß von 6 Gulden - wieder vom Onkel Pfleger - ebenso beschaffen wie ein Chemiebuch. Er ist voll Eifer bei dem Vorsatz, sich in seinem Beruf fortzubilden, und so oft er Zeit hat, etwas für sich zu arbeiten.

Daneben taucht auch das Thema Basler Missionsanstalt unversehens wieder auf. Zunächst erschien eines Nachmittags, während er arbeitete, Onkel Pfleger und eröffnete ihm, sein Freund Christian Bühler sei vom Militär frei und gehe wieder nach Basel. Wenn Albert mitreisen wolle, so solle er sich bis Anfang April dazu rüsten. Albert scheint dies aber noch nicht im Sinn zu haben, besonders da Herr Walker zu erkennen gibt, daß er Albert gern noch länger behalten und ihm auch später für eine gute Unterkunft sorgen will.

Eine freudige Überraschung ist für Albert der Besuch seines Bruders Johannes aus Basel am Abend des folgenden Samstags. Die Brüder bleiben lange in vertrauten Gesprächen auf Alberts Zimmer und verbringen auch den Sonntag zusammen mit Besuchen bei Christian Bühler, der sich offenbar in der Dr. Werner'schen Kinderheilanstalt auf dem „Salon“, einem Außenbezirk von Ludwigsburg, aufhält, und bei den Verwandten in den Orten am Neckar, bis Albert in Besigheim den letzten Zug nach Ludwigsburg besteigen muß.

Nach diesem seltenen Erlebnis des vertrauten Zusammenseins mit seinem Bruder lag Albert eine ganze Woche mit schwerem Kopfweh zu Bett. Er fühlte sich elend und verlassen. Aber:

Den 1. April Dienstag ... fieng ich wieder an zu arbeiten. Morgens wollte es noch nicht recht gehen, ich war noch zu schwach, zu müde, aber ich ließ nicht nach, schmiedete fast den ganzen Tag und trank um 4 Uhr einen guten Schoppen Wein. Dadurch gelangte ich wieder zu Kraft.

Eine große Wende in seinem Leben brachte am Pfingstmontag (9. Juni 1851) der Besuch eines Missionsfestes in Esslingen zusammen mit seiner Schwester Sophie. Darüber berichtet er:

Dieses Missionsfest und das, was ich hörte, ergriff mich tief Ich erwachte aus meinem trägen Dahinleben, mein Gewissen sagte mir mit ernster Stimme, wozu ich verpflichtet sei für meinen Heiland und wie wenig ich diesen Pflichten nachgekommen sei. Es sagte mir, da/3 es meine heilige Pflicht sei, Ihm, der durch sein Leiden und Sterben mich erlöst hat von Sünde und Tod, mich ganz hinzugeben und mein ganzes Leben seinem Dienst zu widmen. Daraus kam mein Entschluß, zuerst mit allem Ernst und Eifer nach meiner Seligkeit und dem Reich Gottes zu trachten, dann aber, wenn mir Gott Gnade dazu gegeben hat und mich in seine Dienste beruft, mich ins Missionshaus zu melden In der vorhergehenden Zeit waren meine Gedanken ganz andere gewesen. Mein jugendlicher Geist sehnte sich nach Arbeit und Thätigkeit. ... Aber ein Menschengeist wird niemals satt, der nicht in Jesu Fülle hat. Die Bibel genügt mir jetzt.

Nachdem Albert vom Freund Christian Bühler gehört hat, daß es für ihn als Schlosser in Basel Arbeit gebe, teilt er bei Besuchen in Esslingen und Stuttgart den Verwandten seine Entscheidung mit und erhält deren Zustimmung. Bis 6. September 1851 scheint er bei Walker gearbeitet zu haben. Schon am 8. September reist er ab. Die letzten Tage in der Heimat verbringt er in Tübingen bei Professor Beck, dessen Sohn Hugo sein bester Freund gewesen war und dem in jüngeren Jahren an der Baseler Universität die bibeltheologische Ausbildung der Missionszöglinge anvertraut gewesen war.

Wandernder Geselle

Als wandernder Geselle begann er am 18. September 1851 von Tübingen aus seine Reise. Zu Fuß legte er mit seinem schweren Felleisen am ersten Tag eine Strecke von etwa 60 km zurück, wobei er hinter Reutlingen-Pfullingen den steilen Albaufstieg zu bewältigen hatte und an Schloß Lichtenstein vorbei bis zum Dorf Huldstetten kam (NW von Zwiefalten). Der zweite Tag brachte ihn über Riedlingen und Buchau bis Schussenried und damit an die württembergische Eisenbahn, mit der er noch am selben Tag bis Friedrichshafen kam. Am 20. September fuhr er per Schiff nach Romanshorn, wanderte zu Fuß bis Gottlieben ( 2 Stund unter Constanz ), bestieg das Dampfschiff und fuhr auf dem Rhein bis Schaffhausen. Am nächsten Morgen um 5 Uhr nahm er dort ein Floß, auf dem er - offenbar allein - bis Lauffenburg fuhr, wo er ganz durchfroren ankam und deshalb ohne Aufenthalt bis abends zum Rittenhaus durchwanderte, nicht mehr weit von Basel entfernt, das er am 21. September morgens ½8 Uhr erreichte. Die Arbeitssuche dort erwies sich als schwierig; bei drei Meistern hintereinander arbeitete er bis zum 25. Januar 1852 jeweils nur für ein paar Wochen. Nach soviel Wechsel mußte er die Stadt verlassen. Das fiel ihm schwer, denn bei aller Unbill der dortigen Verhältnisse - vor allem unter dem gottlosen Fluchen der Mitgesellen hat er gelitten - war ihm doch das allabendliche Zusammensein mit Johannes im Missionshaus eine Erquickung gewesen. - Seine Bewerbung um Aufnahme in die Missionsanstalt hatte er aber bis dahin noch nicht geschrieben.

Bis zum Abschied von Basel, am 28.1.1852, hatte er im Missionshaus logieren dürfen. Nun wollte er sich nach München wenden, wo seine Schwester Marie als Pflegetochter im Hause des Hofrats und Professors Gotthilf Heinrich von Schubert lebte. - Auf dem Dampfschiff von Schaffhausen bis Friedrichshafen schloß er sich einem Tuttlinger Hammerschmied an, der ihm für die zu erwartenden Gebühren für das Visieren an den Grenzen zwischen Württemberg und Bayern 10 Gulden lieh. Um diese Schulden zurückzuzahlen, mußte Albert in München seine Schwester um Geld bitten, was ihm sehr schwerfiel.

Im Hause von Schuberts - am Carlsplatz - wurde Albert aufs herzlichste empfangen und zum Bleiben aufgefordert. Auch beschaffte ihm Professor Schubert eine Stelle in einer mechanischen Fabrik. In den 4 Wochen, bis er dort eintreten konnte, beschäftigte Albert sich im Hause des Hofrats mit dem Zeichnen von Land- und Himmelskarten, mit Lesen und Übersetzen aus dem Griechischen und mit dem Besuch der Münchener Museen. Häufig durfte er dabei auch Fräulein Auguste Burk begleiten, die offenbar zu den vielen christlich gesinnten jungen Leuten gehörte, die im gastfreien Hause des Hofrats willkommen waren.

Nach seinem Eintritt in die Fabrik, im März 1852, bezog er ein eigenes Logis . Schöne Urlaubstage verbrachte er mehrmals in Pähl in Oberbayern, dem Sommeraufenthalt der v. Schuberts. Seine Arbeitsstelle in München mußte er jedoch mehrmals wechseln; und schließlich, im Januar 1853, sah er ein, daß es in München für ihn keine Arbeit mehr gab. Auch in Augsburg schaute er sich vergeblich bei 16 Meistern um.

Dies alles erscheint ihm als ein Zeichen, daß er sich jetzt ernstlich um seine Aufnahme ins Basler Missionshaus bemühen solle. Von Augsburg aus wandert er aber nach Mittelfranken. Sein Ziel ist Ansbach, wo die einzige Tochter des Hofrats v. Schubert mit dem Consistorialrat Ranke verheiratet ist. Bei ihm gedenkt er seine Meldung zu schreiben. Doch fand er dort anfangs nicht die dafür nötige Ruhe: Die Tochter Ranke und ihre Freundin, zwei lustige Backfische, nahmen Albert für seinen Geschmack zu sehr in Anspruch, besonders indem sie ihn immer wieder zum Singen zu ihrer Klavierbegleitung heranzogen. Dagegen suchte er sich zuerst mit allerlei Schlosserarbeiten zu wehren; er schmierte sämtliche Zimmertüren, brach alle Schlösser ab, um sie zu putzen, reparierte den Türöffner und machte einen neuen Glockenzug. Als all das nichts half, zeigte er sich grob gegen sie, um sich endlich Ruhe zu seinem Meldebrief zu verschaffen. Trotzdem trennte man sich in großer Herzlichkeit, als Albert sich auf den Weg nach Nürnberg machte, wo er bei Bekannten von Hofrat von Schubert ein Arbeitsverhältnis in Aussicht hatte. Für den Fußmarsch von Ansbach nach Nürnberg, am 19. Februar 1853, brauchte er von morgens 10 bis abends 8 Uhr:

Ich hatte einen fürchterlichen Marsch vorm, denn es gieng ununterbrochen ein heftiger, sehr kalter Sturm und fiel Schnee den ganzen Tag, so daß ich auf der linken Seite ganz mit Eis überzogen war, und das Gehen im Schnee war im Wald mit dem schweren Felleisen sehr ermüdend. Doch kam ich bei sinkender Nacht um 8 Uhr in Nürnberg an, durch und durch eingefroren. Schlafen konnte ich gut.

In Nürnberg arbeitete er in der Cramer-Klett'schen Maschinenfabrik. Der Lohn war gut, und an Beziehungen zu gleichgesinnten Menschen scheint es ihm nicht gefehlt zu haben. An den Sonntagen war er im Haus Ranke stets willkommen. Nach einem nächtlichen Marsch, meistens durch Wald, gelangte er um 3½ Uhr ans Haus und kletterte über den Gartenzaun, da aber merkte ich erst, daß ich ganz steif geworden war von der Kälte. Doch kam ich glücklich in den Garten, von da in den Hof, und vom Hof konnte ich der Verabredung gemäß leicht durch das offene Fenster in das Stübchen steigen, das ich früher bewohnt hatte.

Auch Auguste Burk besuchte er mehrmals; sie scheint damals in der Rettungsanstalt Buckenhof bei Erlangen gearbeitet zu haben. Albert fühlte sich glücklich; er schreibt:

Ja, es kamen mir auch Stunden, wo es mich gereute, daß ich mich nach Basel gemeldet hatte, und doch wartete ich mit großer Spannung und Sehnsucht auf eine Antwort von da.

Aber: Am 26. (Juni) Sonntag erhielt ich das Dekret meiner Aufnahme ins Missionshaus __________________ (langer Gedankenstrich!). Ich schrieb nun sogleich an Onkel Pfleger, nach Esslingen, München u.s.w., verlangte meine Entlassung aus der Fabrick, die ich jedoch ungerne erhielt, Die Erlaubniß von Onkel Pfleger, meinen bisherigen Beruf aufzugeben und nach Basel zu reisen, erhielt ich am Mittwoch 29. Juni. 3. Juli machte ich meine Abschiedsbesuche in Nürnberg 1. Juli Freitag bat ich um meine Entlassung aus der Fabrick, die ich am 2. Juli bekam. Es war ein Samstag, daher verabschiedete ich mich auch sogleich von allen meinen Vorgesetzten und Nebenarbeitern Keiner sah mich gerne ziehen, und ich wäre auch nicht gerne gegangen, wenn ich nicht ins Missionshaus berufen gewesen wäre. Ich hatte noch mehrere Briefe zu schreiben und viel Anderes ins Reine zu bringen. - Juli 3. richtete ich meine, Effekten zusammen und packte sie in zwei Kisten. Ein benachbarter Schlosserlehrling half mir sie auf den Bahnhof schaffen.

Wieder heißt es für Albert Abschied nehmen. Über Ansbach wandert er nach Donauwörth und fährt von dort nach München und Pähl. In Ulm traf er sich mit Johannes, der von Basel Urlaub hatte. Nach den üblichen Besuchen in Esslingen und Tübingen ging im August die Reise der beiden Brüder nach Basel, wo Albert gleich im Missionshaus aufgenommen und seiner Klasse zugeteilt wurde. Der Leiter des Hauses war damals Inspektor Josenhans. Die Nachrichten aus der ersten Zeit in Basel sind im Tagebuch recht knapp behandelt. In den Sommerferien 1854 macht Albert mit Kandidat Mörike und Bruder Schauffler eine Tour in die Baseler Landschaft und weiter nach Luzern und Zürich. Nach dieser Vakanz sieht er in Basel Fräulein Lilly Burk, Augustes Schwester, die als Braut des in Indien tätigen Missionars Mörike mit zwei anderen Missionaren über Paris und London ums Cap (der guten Hoffnung) zu ihrem zukünftigen Mann fährt.

Im Basler Missionshaus

Im Tagebuch liest man wenig über den Lehrplan in der Anstalt, aber Albert vertraut ihm manches Bedrückende an, nicht nur die vielen schlimmen Nachrichten, die immer wieder aus Indien und vor allem aus Afrika über schwer erkrankte oder dort umgekommene Missionare eintreffen. Abgesehen von solchen Sorgen scheint Albert im Zusammenleben mit seinen Basler Brüdern Schwierigkeiten zu haben. Er leidet unter der unbrüderlichen und engen Einstellung der meisten gegen Kameraden, die sich etwas zuschulden kommen ließen, und er scheint durch ungebetene Ehrlichkeit und häufige Ermahnungen sich bei vielen unbeliebt gemacht zu haben. Seine in solcher Stimmung verfaßten Katechesen und Übungspredigten werden von seinen Lehrern als matt und leblos kritisiert. Auch Alberts viele Schlosserarbeiten, die er teils zum Nutzen des Hauses, teils auch für Mitschüler und für die Frau des Inspektors oft bis nach Mitternacht ausführt, erregen den Ärger der Klassengenossen. All dies macht Albert unglücklich und mutlos.

Wir verstehen, warum es Albert schwerer fällt als anderen, sich an die Enge des Zusammenlebens der Missionszöglinge anzupassen. Hat er doch gerade in der Zeit vor seinem Eintritt erlebt, wie er in einem geachteten Beruf vorwärts kam und durch sein Wesen eine große Anzahl zahl guter Freunde in den verschiedensten Alters- und Berufsgruppen gewonnen hatte. Die Welt stand ihm offen, ein gelingendes Leben und ein einfaches Glück schienen ihm vorgezeichnet. Hier in Basel gibt es nur ganz wenige Menschen, bei denen er sich aussprechen kann; vor allem ging sein Bruder Johannes im Juli 1854 nach Examen und Einsegnung von der Anstalt ab, um nach Palästina ausgesandt zu werden, wozu er in England bei der anglikanischen Kirche noch eine zweite Ordination abzulegen hatte.

In der Folgezeit erscheinen zwar öfters auch ermutigende Urteile über seine Predigten; viele handwerkliche Arbeiten werden ihm von der Leitung anvertraut - er ist ja zu allem zu gebrauchen und ist häufig auch in den Ferien im Hause, da er keine Heimat hat. Aber das Verhältnis zu den Mitbrüdern bleibt gespannt. Besonders hat ihn der Vorwurf verletzt, er verwalte die Hauptschlüssel eigenmächtig und habe seine eigenen Pult- und Kastenschlüssel verändert, bevor er das Schlosseramt abgab.

Am 10. tritt Auguste Burk ins neugegründete Missionskinderhaus haus ein, wie aus einer knappen Notiz im Tagebuch hervorgeht. Sie wird aber im weiteren Verlauf nicht mehr erwähnt.

In den Weihnachtsferien wird Albert als Entlastung für Pastor Burkhardt nach Guebviller (Gebweiler) im benachbarten Elsaß bestellt. Der Aufenthalt dort und die Begegnung mit wohlwollenden, im Leben stehenden Menschen tut ihm gut; er kehrt reichlich gesegnet nach Basel zurück. Als in der Ostervakanz 1856 Pastor Burkhardt ernstlich erkrankt, verlangt er ausdrücklich wieder Albert zu seiner Vertretung. Der Inspektor kommt diesem Wunsch entgegen, obwohl er eigentlich einen anderen Bruder dafür bestimmt hatte.

Kurz darauf enden die Tagebucheinträge aus Basel mit einer überraschenden Wendung: Da am 26ten (März) schon Herr Insp. Mir gesagt hatte, dass ich vielleicht im Bremer Dienst nach Afrika gesandt werde und Knecht und Illg dafür bestimmt waren, so bat ich, mich jetzt nicht dahin zu schicken. Insp. sagte, daß die Comitee mich entlassen werde und forderte mich auf, meine Entlassung zu nehmen, was ich aber nicht that, sondern Gott Alles überlassen wollte.

Eine Aufklärung dieser etwas rätselhaften Angaben gibt das Tagebuch nicht. Albert reist am 5. April 1856 von Basel ab. In der württembergischen Heimat werden seine Probleme mit den Verwandten besprochen. Aus Basler Zeugnissen und einigen erhaltenen Briefen seiner Onkel ergibt sich, was nach der Unterredung mit Josenhans geschehen ist: Albert hat an seinem Einwand gegen die Aussendung nach Afrika festgehalten und sich damit des Ungehorsams schuldig gemacht. Darauf hat das Basler Komitee mit Alberts Ausschluß aus der Anstalt geantwortet.

In dem Komiteeprotokoll vom 3. 4. 1856 sind für seine Entlassung allerdings vorwiegend andere Gründe angegeben. In seinen früheren Monaten im Seminar habe er keine enge Beziehung zu seinen Kommilitonen gehabt, dagegen sei er gelegentlich mit einem ihm (wahrscheinlich aus seiner Basler Schlosserzeit 1851/52) bekannten Lehrling im Wirtshaus Bier trinken gegangen. Für die Selbstprüfungen, die von ihm verlangt waren, sei er zu burschikos gewesen. Er sei allerdings ein ehrlicher Mann und auch von seiner Berufung zu einem liebenden Missionar überzeugt. Aus diesem Grunde hätten ihn das Komitee und die älteren Lehrer behalten wollen. Nun sei er aber im Frühling 1856 auf einem Ausflug betrunken geworden, und dieser Vorfall habe die Zweifel des Komitees an seiner Berufung bestätigt.

Die Einschätzung Alberts wirft ein Licht auf die Maßstäbe, nach denen ein junger Mensch damals im Missionshaus beurteilt wurde. Zweifellos war Albert ein Außenseiter, dem die Anpassung an den Geist der Anstalt nicht in allem gelang. Seine persönlichen Eintragungen ins Tagebuch sprechen immer wieder von der Not seiner inneren Einsamkeit. Dazu ein wörtliches Zitat vom 2. Mai 1855:

Ich erzählte dem Christian Bühler von meiner Bedrängniß, dann gieng ich in die Conferenz, schwieg aber völlig, wie ich das oft that, weil ich fühlte, daß mich die Brüder eigentlich nicht als Bruderansehen, und deßwegen konnte ich mit keinem über Herzensangelegenheiten reden.

Der letzte Eintrag vor der Auseinandersetzung mit Josenhans lautet: 29. März 1856: Samstag der Auszug der Kinderanstalt in das neue Gebäude vor der Stadt. Mit Wagen und Karren wurden die Meubles hinausgeschafft Abends wurde etwas Wein gebracht. Ich trank zu schnell. Darauf gieng ich in die Luftheizung welche stark geheizt war. Da wurde mir schwindlich und als ich herauskam sehr übel.

War dieser Auszug vor die Stadt etwa der im Protokoll erwähnte Ausflug ? Es findet sich sonst im Frühjahr 1856 kein Ausflug im Tagebuch.

Der Inspektor hat seinen Zögling nicht einfach fallen gelassen, sondern ihm durch Empfehlungsschreiben für Bremen und Amerika den weiteren Weg geebnet und ihm ein inoffizielles Zeugnis angeboten, wovon Albert allerdings keinen Gebrauch machen wollte.

Aus dem Bericht der Pflegemutter des jüngsten Bruders Hermann, den er in jenen Wochen besucht hatte, geht hervor, daß der erzwungene Abschied von Basel und seine Umstände Albert schwer zu schaffen gemacht haben. Nicht aufgegeben hat er aber seinen Entschluß, sein Leben dem Herrn zu weihen. Mit den Verwandten sprach er davon, daß er sich vielleicht ein Jahr lang in der Heimat mit Hilfe von Unterrichtsstunden bei einem der pfarrherrlichen Onkels so weit vorbereiten könnte, daß er danach in Basel zur Abschlußprüfung zugelassen würde. Vernünftigerweise rieten ihm all seine väterlichen Berater ab, nicht nur weil keiner von ihnen neben seinem eigenen Dienst soviel Zeit aufwenden konnte, sondern vor allem deshalb, weil es wenig wahrscheinlich war, daß die Basler ihn nach Jahresfrist wieder aufnehmen würden.

Nun geht es Schlag auf Schlag. Am 4. Mai heißt es im Tagebuch: Meldung nach Bremen . Mit der Bremer Mission stand die Basler Anstalt in enger Verbindung. Am 24.5. erhält er einen Antwortbrief aus Bremen, und am 31.5. schreibt er. Reise nach Amerika entschieden.

Amerika

Bis zum 11. August, an dem Albert von Stuttgart aus über Frankfurt, Marburg und Hannover nach Bremen fährt, ist er fast jeden Tag an einem anderen Ort, um von Geschwistern und Verwandten Abschied zu nehmen. Die letzten Freunde, mit denen er sich vor seiner Abreise in Stuttgart trifft, sind Auguste und Pauline Burk. - Als er am 20. August 1856 morgens früh um 4 Uhr Bremerhaven auf dem Segelschiff Helene verläßt, ist es ein Abschied für immer: Albert ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Fahrt, deren seemännische Daten Albert in seinem Tagebuch festgehalten hat, ging an der englischen und schottischen Ostküste entlang nach Norden, um die Orkney-Inseln herum und dann nach Westen über den Atlantik. Am 27. September warf die „Helene“ in der Nähe von Castle Garden, New York, Anker. Stadt New York erlebt Albert zuerst an einem Sonntag. Er erwähnt ein Glockenspiel mit der Melodie Wie schön leucht't uns der Morgenstern. Auch sonst kann er sich fast heimisch fühlen: Ein Vetter Schumann, ein Vetter Hauff arbeiten hier; er macht Besuche bei deutschen Pastoren, besucht auch die Oper mit Pastor Otto Schnurrer. Der Eintrag vom 18. Oktober lautet: Entschluß in den Westen zu gehen. Sein Ziel ist das Evangelische Predigerseminar in Marthasville bei St. Louis, Missouri. Er reist am 28. Oktober von New York ab und gelangt mit der Eisenbahn über Elmira, die Niagara Falls und Detroit zunächst nach Arm Arbor, wo sich damals der Sitz der Deutschen Evangelischen Synode von Nordamerika befand, die seit ihrer Gründung 1832 in Verbindung mit dem Basler Missionshaus gestanden hatte. In der Nähe von Ann Arbor traf Albert einen Bruder seines Basler Inspektors Josenhans, der dort eine Farm hatte. An Josenhans hat er am 21. April 1857 in einem langen Brief von seinen ersten Monaten in Amerika berichtet und zugleich Rechenschaft abgelegt über die Gefühle der Dankbarkeit und der Anhänglichkeit, die er nach Jahresfrist der Basler Anstalt und seinen dortigen Lehrern gegenüber empfand. Das Bewußtsein seiner Verschuldung habe ihn bisher vom Schreiben abgehalten, aber nun sei Bruder Schauffler aus Basel mit einem Zeichen liebevollen Andenkens ihm zuvorgekommen, und er fühlt sich unwiderstehlich gedrungen, auch meinerseits das Band der Liebe und des Friedens aufrecht zu erhalten, welches mir jetzt recht theuer geworden ist und in welchem ich fortan mit Ihnen und den lieben Brüdern stehen möchte.

Der selbe Brief enthält eine lebendige Schilderung seiner Eisenbahnfahrt von New York in den Westen: Ich muß bekennen, daß mir in der ersten Nacht wirklich Hören und Sehen vergehen wollte, da ich mich auf dem Bahnzug so entsetzlich dahingerissen sah durch Felder, Wälder und Tunnels, über Sümpfe und Seen, über wacklichte Schienen, die kaum noch aus dem Wasser hervorragten, und auf schwankenden Brücken über reißende Flüsse. Ich bin sonst nicht furchtsam, aber da hat es m ch geschaudert bei dem Gedanken an ein Eisenbahnunglück.

Von Arm Arbor aus reist er vom 4. bis 8. November über Chicago nach St. Louis, zuletzt per Dampfschiff auf dem Mississippi. Auf der ganzen Fahrt war er in Gesellschaft von deutschen Brüdern, meist Pastoren. In St. Louis meldet er sich bei Präses Baltzer und lernt die Pastoren Nollau, Will und Wall kennen. Man nimmt ihn mit in Gemeinden der Umgebung; und zur Aufnahme ins Seminar (am 14. 11. 1856) heißt es bereits: Ins Seminar geritten. Die vorhergehende Nacht hatte er im Blockhaus eines Farmers im Busch zugebracht. Bei all diesen neuen und fremden Eindrücken wundert es einen nicht, daß er von etwas Fieber und Kopfweh spricht.

Alberts Aufnahme ins Seminar war zunächst fraglich erschienen, weil das Haus bereits viel zu voll belegt war: 14 Brüder mußten sich in zwei Schlafkammern und zwei Lehrzimmer teilen. Albert war jedoch bereit, mit einem Bett unmittelbar unter dem Schindeldach vorlieb zu nehmen. Er meint, die Annehmlichkeit dieses Platzes werde er genießen, wenn die amerikanische Hitze hereinbricht.

Die Lektionen am Seminar, anfangs unter der Leitung von Inspektor Binner, später Professor Irion, begannen am 17. Oktober. Sie wurden in Deutsch gehalten, denn die zukünftigen Pastoren sollten bei den deutschstämmigen lutherischen Siedlern in den Staaten des Nordens und des Mittleren Westens eingesetzt werden.

Den Tageslauf am Seminar schildert er in seinem Brief an Josenhans: Morgens 5 - 6 Uhr Privatarbeit 6 Uhr Frühstück, dann gleich Andacht; 7 -12 Uhr Lektionen und Privatarbeitsstunden, je nachdem es die 3 Klassen haben. Von 1- 4 ebenso; um 4 Uhr Kaffee, dann bis 6 ½ Holzspalten, hierauf Nachtessen, Andacht und Privatarbeitszeit bis 10 Uhr.

In den knappen Notizen des Tagebuchs liest man viele Namen von Menschen, zu denen Albert eingeladen ist - er ist in der neuen Gemeinschaft gut aufgenommen. Albert nennt verschiedene Gemeinden, in denen die Kandidaten teils Predigten der Pastoren anhören, teils selbst zu predigen haben (Femme Osage, Augusta, St. Charles, Evansville).

Schon am 15. Juni 1857 legt Albert das theologische Examen ab. Nun ist er Pastor im Dienste des Evangelischen Deutschen Kirchenvereins im Westen der USA . Seine erste Gemeinde soll Brunswick am Missouri werden. Nach seiner Ordination durch Pastor Wall (am 29. Oktober) reist er am 3. November per Dampfboot auf dem Missouri dorthin.

Eine Vorstellung von seiner Tätigkeit in Brunswick und von den Menschen, mit denen er es zu tun hatte, bekommen wir am besten, indem wir zitieren, was er in ungewohnter Ausführlichkeit seinem Tagebuch anvertraute:

(6 Juli 1858) ... reiste (ich) mit zwei Jungen nach Carrolton (18 Meilen westlich Brunswick). Unterwegs in der Stadt wurde dem einen der Maulesel weggenommen, da wir nach 40 Meilen Ritt abgestiegen waren. Darüber gab es Zank und Rauferei und Process. Mayor Buchanan nahm die Betheihgten mit und forderte von mir Zeugniß darüber. Ich erzählte die Geschichte in Englisch, die Schuldigen wurden bestraft und auf meine Bitte riefen die Americaner „boys, take your mule“, worein das Volk zu Hunderten einstimmte. Wir ritten noch 12 Meilen zu Wenzel. Trank aus einem verdächtigen Brunnen und blieb über Nacht, gieng am anderen Tag weiter und fand den alten Phil Stamm tot, wegen dessen ich gekommen war. Er hatte noch sehr nach dem Heil. Abendmahl verlangt. - 7. Beerdigung von Phil Stamm. Über Nacht bei Vogt. - 8. Einkehr Mittags beim gottlosen Heisinger und vielen anderen, die noch keinen Prediger gesehen hatten. Suchte den Weg durchs Prairiegrass mit dem Compass. - 11. Predigt.  - 12. Rückweg nach Brunswick zum gewöhnlichen Absteigequartier bei Brunner. Besuche in der Bowling Green Prairie. - 21. Trauungsformular übersetzt. - 22. Bücherkiste erhalten. - 27. 28. Fieber, Besuche. - August 1858. - 6. Rieses Kind beerdigt. - 7. nach Carrolton, viele Besuche auf der oberen Prairie. - 14ten wieder nach Brunswick. - 16. mit Karstens beim Kirchenbau. - 17. Im Bottom (Stromniederung am Missouri) bei Alban Moore. Abends Hanfgemäht bei Korf. - 22. H. Sasses Kind beerdigt, war in den Brunnen gefallen. ...  20 Miles nördl. von Brunswick Ehestreit, Trost der französischen Frau. - 25. Vier Acker (acres = etwa je 40,5 Ar) Kirchenland abgemessen. Steine für die Ecken im Sack geholt. - Sonntag 29. krank in Brunswick bei Brunner... 31. Johanna Schäfer beerdigt und Kind getauft. - Sept. 5.-8. Verhandlung wegen Kirchenland. - 10. nach Brunswick geritten durch viel Wasser. Endlich mußte das Pferd über dem Fluß bleiben. Am anderen Morgen konnte es erst geholt werden... - Ende Sept. Reise nach Carrolton. Debatte in der Method. Kirche gehört zwischen einem Campbelliten und einem Methodisten, beides gelehrte Amerikaner.... Als ich heimkam, war Florine, die rothaarige Sclavin, gestorben und begraben. Ihr Vater, ein früher reicher Sclavenhalter, wohnt 3Meilen von hier. Viele Neger kamen Abends zu mir, und ich unterhielt mich mit ihnen manchmal bis Mitternacht. Heinr. Grotjahn warnte mich, wenn es die Sclavenhalter erfahren, werde ich erschossen. Mit der zunehmenden Kälte blieben die Neger weg. Es waren manchmal 26gekommen. Zwei davon besaßen ein Neues Testament und lasen darin.

Für 1859 können wir einen zusammenfassenden Text lesen: In der Bowling Green Prairie wohnte ich immer noch beim alten Grotjahn und hielt Schule mit 6 Kindern. Februar 6ten mußte ich der Gemeinde aufkünden, weil sie keine Gemeindeordnung annehmen und auch den versprochenen Gehalt nicht bezahlen wollten. Daran war hauptsächlich schuld Theodor Schnitzler, ein Deutscher in der Presbyterian Synode des Rev. Beebec, ordinirter Prediger, der sich vom Alten Manse Land gerentet (= gepachtet) und gesagt hatte, er halte ihnen Gottesdienst umsonst Als ich den rückständigen Gehalt empfangen sollte, läugneten sie mir Alles weg. Der Alte Manse und Louis Grotjahn drohten mir noch, bis die Alte Mutter Manse ausrief „Um Gottes willen, lasset den Mann in Ruhe, er verklagt uns am jüngsten Tag noch!“ So zog ich vom Alten Grotjahn aus und wohnte beim Korf 14 Tage darnach bezog ich Ende März ein leeres Haus, in dem ich auch den Gottesdienst hielt und selber kochte. Da wurde mir eines Abends eingebrochen, und mein Gewehr und Tuchrock gestohlen. Darnach wurde ich krank und hatte heftiges Gallenfieber, lag 3 Tage bewußtlos, kroch endlich zum Nachbar Strömen Diese pflegten mich nach Kräften Korfallezn gab mir30Dollars und viele Lebensmittel und sorgte f'ür eine Gehaltcollecte von $ 200,00. Vor Ostern kam sogar der Alte Manse mit Geld, und Lebensmittel und meldete sich zum Abendmahl. 8. Juni reiste ich ab zur Konferenz und nahm Alles mit, damit es nicht gestohlen werde. 13. Pfingstmontag predigte ich für Nestel in Hermann. War von der Krankheit noch sehrgeschwächt.“ Im August: „7. Predigt in Drewels Filial. Im Canoe über den Ruß gesetzt sammt allen Kirchbesuchern.... 9. kam ich nach Hermann, traf einen Brief von Wall an mit Weisung nach Wisconsin.

Seine neue Pfarrstelle tritt er am 24. September 1859 an mit einer Predigt in der St. Johanneskirche in T. (Township) Hermann, Wisc. Er soll bei Mr. Brückbauer in T. Rhine (bei Sheboygan) wohnen und hat sonntags einmal in T. Rhine und T. Russel, das andre Mal in T. Hermann und an der Plankroad bei Mr. Bächly zu predigen. Auch hier trifft er schwierige Verhältnisse an, nicht zuletzt durch die Konkurrenz anderer protestantischer (d.h. vor allem reformierter) Kirchen in der Nachbarschaft, die sehr unchristliche Streitereien in die Gemeinde hereintragen und Alberts Stellung, auch in finanzieller Hinsicht, erschweren.

Familiengründung

Trotzdem scheint an diesem Ort in Alberts Leben soweit Frieden und Ordnung eingekehrt zu sein, daß er daran denken kann, eine Familie zu gründen. Am 4. Februar 1861 schreibt er Briefe an Auguste Burk und an ihren Vater, Pfarrer Christian Burk in Echterdingen (heute Flughafen Stuttgart). Der Brief an Auguste sei hier verkürzt wiedergegeben: Geehrte Freundin! Der Friede Gottes sei mit Ihnen! Wenn Ihr hochwürdiger Herr Vater den Inhalt meines Briefes an Ihn Ihnen mitgetheilthat, so hoffe ich wird es mir leichter werden, nun auch vor Sie selbst meine entscheidende Bitte zu bringen, welche schon seit langer Zeit meines Herzens Anliegen ist Meine Einladung beruft Sie nicht zu Reichthum noch zu irdischen Gütern und bequemem Leben, was Ihnen vielleicht im Vaterland eher in Aussicht stünde, sondern zur Arbeit, zu eigentlicher Missionsarbeit. ... Mit inniger Hochachtung grüßt Sie, geehrte Freundin, Ihr geringer   P. Albert Zeller.

Auch Augustes Antwort ist erhalten: Echterdingen, d. 4. März 1861. Lieber Albert! Ihr inhaltsreicher Brief vom 4.Feb., der eine für mein ganzes Leben so entscheidungsvolle Frage an mein Herz legt, ist gestern früh hier angekommen u. mir von meinem lb. Vater mitgetheilt worden. Schon hieraus erkennen Sie, daß so schwer es ihm auch ankommt, auch mich in so weite Ferne ziehen zu lassen, er doch Ihrem Wunsche in keiner Weise entgegentreten, sondern vor allem dessen gewiß werden wollte, ob ich Freudigkeit gewinnen könnte, Ihre Anfrage als eine mir vom Herrn nahegelegte aufzunehmen? Sie haben nach Ihrer aufrichtigen Treue es mir nicht verhehlt, daß es ein Missionsberuf ist, den ich Hand in Hand mit Ihnen zu erfüllen haben würde, und ob ich auch zweifle, ob mir all die Kraft und Fähigkeit inwohnt, welche hiezu erforderlich ist, so darf ich doch sagen, daß ich die Willigkeit habe, zu thun, was mir möglich sein wird, u. das Vertrauen zu Ihnen hege, Sie werden Geduld haben mit meiner Schwachheit und Ihr Rath, Ihre Belehrung u. Ihre Beihilfe werde es mir unter dem Segen Gottes ... möglich machen, wenigstens zum Theil Ihnen u. Ihrer lb. Gemeinde das zu sein u. zu leisten, was meine Aufgabesein wird. So gebe ich Ihnen denn mein volles freudiges Ja! und bitte den Herrn, daß Er in Gnaden unsern Bund befestigen u. zu Seiner Ehre gedeihen lassen wolle...

Albert hatte schon für einen Reisebegleiter gesorgt, Pastor Otto Schnurrer. Ende Mai 1861 traf sich unter dessen Führung in Hamburg eine kleine Reisegesellschaft zur Abfahrt nach Nordamerika: Schnurrers Frau, Auguste Burk (deren Vater sie bis Hamburg begleitet hatte), Alberts jüngster Bruder Hermann und 4 junge Damen, von welchen 2 mit amerikanischen Pastoren verlobt waren. Am 18. Juni 1861 kamen sie in New York an. Wie aus einem Brief Augustes an Albert aus New York (1. Juli 1861) hervorgeht, konnte Albert seine Braut nicht selbst dort abholen. Sie war bis zu ihrer Abreise aus New York bei einer Familie Schwab untergebracht. Am 11. Juli fuhr sie nach Milwaukee, Wisc. Albert war ihr bis zu dieser Stadt entgegengefahren, und hier fand noch am selben Tag die Trauung der beiden statt. Über diesen Tag und die erste Zeit der jungen Ehe gibt das Tagebuch keine Auskunft; nur aus knappen Einträgen über Einkäufe in Sheboygan entnehmen wir, daß ein Hauswesen entsteht. Alberts Enkelin Frances Webster Thomas erinnert sich aber an Erzählungen ihrer Mutter:
Ich glaube, das Leben muß außerordentlich schwierig für sie (Auguste) gewesen sein, als sie, aus einem Heim in Deutschland kommend, nun in einer kleinen Blockhütte in Nord-Wisconsin leben sollte. Sie hatte handgewobene Damast-Tafeltücher und Servietten aus Deutschland gebracht. Aber wie konnte man diese benützen in einer Hütte mit nur zwei oder drei Räumen, die alle sehr klein waren? Großmutter brachte auch daunengefüllte Deckbetten und Wolldecken mit. Diese müssen die am höchsten geschätzten Dinge aus den 8 oder 10 großen Truhen gewesen sein.
Unter den Frauen in der kleinen Siedlung - kaum eine Stadt -gab es nicht viel geselliges Leben, obwohl sie manchmal zusammenkamen, um zu nähen, und eine Art dieser Näharbeiten waren die „patchwork quilts“
(Steppdecken aus Stoff-Flicken). Eine Frau konnte die andere um ein Muster bitten und eines der ihren zum Tausch anbieten. Großmutter hatte „patchwork“ noch nicht gekannt und hatte kein Muster anzubieten, so bat sie Großvater, ein paar für sie zu entwerfen. Dies tat er ... in den Jahren 1861/62. Die Muster sind alle von einem gleichseitigen Dreieck abgeleitet. ... Mama (Marie Webster) sagte, ihre Mutter habe nach diesen Mustern mehrere Deckengearbeitet; sie nahm sie sogar nach Chicago mit, wo sie eine oder zwei verkaufte, nachdem sie in einer Ausstellung gezeigt worden waren. Sie verwendete das Geld, um Arzneien zu kaufen, die sie in die Siedlung zurückbrachte, wo sie lebten.

Albert war durch die Konferenzen der Synode jedes Jahr eine Woche oder länger abwesend. In den Briefen, die sie ihm in solchen Zeiten fast täglich schrieb, versäumte Auguste es nie, ihn zu bitten, in der Stadt Bänder, Krepp und anderes für ihre Näharbeit einzukaufen. Sie muß eine sehr geschickte Schneiderin gewesen sein. –

Eine drollige Geschichte erzählt Frances Thomas ebenfalls noch aus Wisconsin: Großvater war ausgeritten und traf zwei Indianer, die zur Siedlung unterwegs waren, um Arzneien für eine krankes Kind zu holen. Er sagte, sie sollten zu seinem Blockhausgehen, wo seine Frau die nötigen Mittel habe. Als sie dorthin kamen, traten sie einfach in die Stube ein. Großmutter lag gerade auf einer Liege mit einem Ach über der Stirn, da sie starkes Kopfweh hatte. Sie nahm das Tuch ab und sah die beiden Indianer Im ersten Augenblick wußte sie nicht, was sie tun sollte. Sie konnte nicht genug Englisch und auch nicht ihre Sprache, in der sie mit ihnen hätte sprechen können, und war sehr in Angst Dann sagte sie „Pocken!“- und sie rannten geradezu aus der Hütte. Eine Stunde später kam Großvater mit den beiden Indianern zurück und erklärte ihr und den beiden die Lage. Die Indianer brachen bald mit der Medizin auf, die sie brauchten. - Großvater hatte etwas Indianisch gelernt, als er in Missouri war 

Das älteste Kind des Paares, Marie Eleonore (ZB § 57,1 und § 67) ist noch in Rhine, Wisc., geboren (am 20. Oktober 1862). Ein Brief, den Albert am 4. Juli 1863 an seinen Amtsbruder Dresel wegen eines beabsichtigten Wechsels nach Belden, Indiana, schrieb, gibt Einblick in die Verhältnisse, unter denen Albert und Auguste in ihren ersten Ehejahren lebten und arbeiteten:

... Der Antrag der Gemeinde in Belden hat mich fast überrascht, denn nachdem ich es bisher kaum gewagt hatte, an einen Wechsel zu denken, so ist mir jetzt ein solcher zur raschen Entscheidung vorgelegt. ... Auf der einen Seite bin ich mir darüber klar, daß ich hier nicht mehr lange aushalten kann. Auf der anderen Seite aber ist der Brief von der Gemeinde so mager, dass ich daraus nichts ersehen kann, als daß die Gemeinde 250-300Dollar Gehalt (jährlich) nebst freier Wohnung anbietet, sie will einstweilen eine Wohnung renten und, wenn es die Umstände erlauben, nächstes Jahr ein Pfarrhaus bauen. ... Die andere Frage bezieht sich auf die Wohnung und ist mir von Wichtigkeit, weil meine lb. Frau bei ihrer gegenwärtig so sehr geschwächten Gesundheit von einer zu kleinen oder sonst schlechten Wohnung viel zu leiden haben würde Die Entfernung beträgt 300 Meilen, die Reise samt Gepäck kann also auf 30-38 Dollar kommen. Die Unkosten, die es mir macht, meinen Hausrath hierzu verkaufen (im Busch!) und dort wieder anzuschaffen, können fast ebensoviel ausmachen, darum hielte ich es nicht für unbillig wenn die Gemeinde entweder mir 25 Dollargeben oder dafür von obengenanntem Hausgeräthe machen lassen wollte, soviel als die Summe ausreicht. - Auch sollte mir die Gemeinde das Feuerholz liefern, wenn die Leute eigenes Holz haben, wenigstens als Cordholz. ... Von Accidentien ist auch keine Rede in der Berufung, es könnte wohl sein, daß diese wie das Schulgeld im Gehalt eingeschlossen sind Und doch kann ich die Bedienung von T Mosel fast nicht fortsetzen, das Reiten kann ich auf der Brust nicht ertragen, wenn ich gleich darauf predigen muß; mein uraltes Buggy kann jeden Augenblick vollends zusammenbrechen, es ist in allen Theilen so vielfach geflickt, daß nichts mehr daran zu bessern ist, und für meine lb. Frau sind die Tage meiner Abwesenheit fast immer Tage der größten Noth. Ihre Nerven sind zu sehr angegriffen. Am Mittwoch ließ sie sich einen Zahn ausziehen, wir mußten 8 Meilen weit fahren zum Doktor. Seitdem ist sie so schwach, daß sie am Samstag noch 5mal ohnmächtig wurde und gestern also mußte sie von früh morgens bis abends 9 Uhr ganz allein sein mit dem Kinde...

In Belden ist dann am 3. April 1864 der Sohn Paul Emmanuel geboren. In den Jahren 1866-72 hatte Albert 3 Pfarrstellen in Illinois inne: Millstadt (ca. 15 Meilen SSO St. Louis), East St. Louis und Pinckneyville (ca. 60 Meilen SO St. Louis). Für diese Zeit existiert ein weiteres, sehr knapp abgefaßtes Tagebuch von Alberts Hand. Vor dem Umzug von Belden nach Millstadt wurde der Hausrat in Auktion verkauft; dafür trägt Albert einen Erlös von 200 $ ein. Die neue Einrichtung mit allen Hausgeräten kostete 426 $, dazu kam noch ein Buggy (210 $), ein Pferd mit Sattel und Zaum (136 $) und eine Kuh (50 $). Die Wohnung der Familie war in Centreville (ca. 7 Meilen SO St. Louis), zu Einkäufen fuhr man meist weitere 10 Meilen südöstlich, nach Belleville. In Millstadt wurden 1866 und 1868 zwei Söhne geboren, Albert und Otto; eine Tochter Martha kam kurz nach dem Umzug nach East St. Louis im Januar 1872 zur Welt. Die Paten aller dieser Kinder waren Geschwister und andere Verwandte in der schwäbischen Heimat.

Der jüngste von Alberts Brüdern, Hermann, besuchte die Familie im Sommer 1866 von Baltimore aus, wo er als katholischer Subdiakon wirkte. Albert schreibt: „Wir hatten uns seit 10 Jahren nicht gesehen... Hermann gab sich mit den Kindern viel ab, spielte mit ihnen und pflegte sie aufs beste.“ Von Alberts anderen Geschwistern kam keines je nach Amerika, aber er pflegte einen regen Briefwechsel mit ihnen, was leider nur aus seinen eigenen Eintragungen hervorgeht, denn Briefe von ihm aus der ganzen Zeit nach seiner Auswanderung sind in Deutschland bisher keine gefunden worden. -

Seit Januar 1866 war Albert Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Synode der USA; diese Stellung hatte er 24 Jahre lang inne. 1870 wurde er in das Direktorium und die Aufsichtsbehörde des Seminars im nahen St. Louis berufen.

Von dem Anwesen, das Albert im Lauf der Jahre in Centreville aufgebaut hat, existiert ein winziges Papiermodell, das er für die Verwandten in der alten Heimat angefertigt hat. Einen Stall mit Boxen für Pferd und Kuh und ein Backhaus hat er auf dem Gelände des Hauses gleich im ersten Frühjahr erstellt, sowie die Fenz (Zaun) um den Garten ausgebessert. Ein Hühnerstall und Schweinestall folgen später. Das Modell zeigt auch einen Platz für Enten, einen Verschlag für Steinkohlen, ein Räucherhaus und den Pumpbrunnen mit Trog. Neben seinem eigenen Grundstück bearbeitet Albert noch einen größeren Gras- und Obstgarten, den er für 7 $ jährlich gepachtet hat. Darin gibt es alle Arten von Obstbäumen, auch Pfirsiche und Quitten, Himbeer-, Brombeer- und Johannisbeersträucher und Erdbeerbeete. Auch Reben sind vorhanden, die zum Teil eine Laube bilden, und natürlich Gemüsebeete. Ein Platz zum Spielen für die Kinder ist nicht vergessen. Im Garten muß die Blumenpracht eines schwäbischen Bauerngartens geleuchtet haben, denn für 1870 erscheint ein ganzes Tagebuchblatt mit Blumensamen, die er gesät hat, darunter Balsaminen, Cynnia, Dahlien, Kapuzinerkresse, Kaiserkrone, Lupinen, Lilien, Rittersporn, Tulpen, Türkenbund und viele andere. Unter den ebenfalls aufgezählten Gemüsesorten sind auch Tomaten, Melonen und Gurken erwähnt.

In der neuen Gemeinde führt er gleich eine neue Gemeindeordnung und das neue Gesangbuch ein. Eine neue Orgel mit 8 Registern wird für 725 $ geliefert und eingebaut. Die Gemeinde beschließt auch, ihre Schule mit neuen Bänken zu versehen. Dagegen übernehme ich die Schule zu halten für diesen Winter, schreibt Albert dazu. In seinen ersten Pfarrgemeinden gehörte der ganze Schulunterricht zu seinen Pflichten; hier nun liest man von mehreren, nicht immer tüchtigen Hilfskräften. Ohne Erfolg scheinen die Bemühungen des Schwiegervaters Burk gewesen zu sein, für einen württembergischen Lehrer zu sorgen. - Für seinen Erdkundeunterricht hat Albert selbst 3 Landkarten gezeichnet: Palästina, Mittelmeerländer und die Vereinigten Staaten.

Die Gesundheit Augustes und der Kinder gab immer wieder Anlaß zu schweren Sorgen; selbst Albert hat öfters unter dem Fieber zu leiden, für das die Gegend am Mississippi südlich von St. Louis bekannt war. Vielleicht war dies einer der Gründe, weshalb Albert 1873 eine Pfarrstelle in Neustadt, Ontario, also in Canada, antrat. Über die Verhältnisse dort erfahren wir aus einem Brief, den Auguste an die Schwägerin Sophie Zeller schrieb, kurz bevor die Familie, im März 1875, wieder einmal ihre Zelte abbrach, um einem Ruf nach Cleveland zu folgen. Auguste erhofft sich davon eine Arbeitserleichterung für ihren Mann, schon durch den Wegfall der weiten Wege zu mehreren Gemeinden, ein gesundes und weniger kaltes Klima als in Ontario und für die Kinder eine gute Schule. Auch Auguste wird es in der Stadt in vielem leichter und bequemer haben. - Von dem Alltag in Neustadt (ca. 5 Meilen S von Hanover) erzählt sie:

Neustadt, Grey County, Ontario, / Canada West 24. Januar 1875
Geliebte Schwester Sophie!
Am Christfest hast Du Deinen lieben Briefgeschrieben, der gestern Abend, Samstag d. 22. Jan., in unsre Hände kam und mit tausend Freuden gelesen wurde Ach, Du hättest heute die Fahrt mit uns machen sollen nach der 6 Meilen entfernten Jakobuskirche! Es würde Dir gewiß angst und bange geworden sein vor solchen Strapazen, es war diesen Winter die erste Schlittenfahrt, die ich mit Albert teilte. Da ging's bei Sturm und Schneegestöber und ziemlicher Kälte, wo 3 Röcke nicht zu warm sind, durch Berge und Löcher von Schnee. Heute ging's noch gut, aber vor 8 Tagen fiel der Schlitten dreimal mit Albert um, und schließlich mußte er auf der Straße das Pferd ausspannen, den Schlitten aus dem Schneeberg herausheben und zuletzt noch bei grimmiger Kälte zu Fuß weitergehen. Da kam er statt um 2 Uhr um 4 Uhr zum Gottesdienst. - Die Beschwerden in einer solch kalten Gegend sind so groß, daß es uns wirklich zuviel ist Alberts Gesundheit ist nicht mehr von solcher Dauerhaftigkeit, daß er sie ohne Schaden für die Länge ertragen könnte. Es ist mir immer ganz merkwürdig mit wieviel Hingebung und Aufopferung mein lieber Albert sich in die größten Beschwerlichkeiten schicken kann, er ist immer frohen Mutes und, Gott sei Dank, abgesehen von seiner Engbrüstigkeit nach der Predigt auch recht gesund. Gerade die Jakobusgemeinde ist der Ort, wo er am meisten Liebe und Anhänglichkeit genießt. Die Leute denken sehr viel von ihm, und alle, einer wie der andere, möchten ihn samt seiner Familie unter ihrem Dach beherbergt haben. Albert bringt jede Woche 2-3 Tage drüben zu, um Konfirmandenunterricht zu halten. Da geht er jeden Mittag und jeden Abend in irgend ein Haus, näher oder ferner, manche bis zu 6 Meilen weit, um sein Mittagessen und Nachtlager zu nehmen. Sage selber, liebe Schwester, ist das nicht beschwerlich ? wenn er dann nach Hause kommt am Mittwoch, dann heißt's oftmals Holzhacken, Pferdestall misten, Schneeschaufeln und dies und das. Am Donnerstag, Freitag und Samstag ist hier in Neustadt Konfirmandenunterricht und am Sonntag 2 Predigten. Wo bleibt eine Stunde zur Ruhe? ... Eine solch unruhige Haushaltung haben wir noch nie gehabt wie hier, so viele Farmerbesuche, oft 6-8 an einem Tag, und so die ganze Woche hindurch. Ich kann gar manchen Tag keine halbe Stunde nähen oder stricken, es bleibt alles liegen für die Nacht, und jetzt wollen meine Kräfte nicht mehr ausreichen. Seit Nov. bin ich wieder viel unwohl... deshalb mußten wir, so schweres uns wurde, doch ein Mägdlein halten, und seit 2 Wochen nicht bloß ein kleines, sondern eine gute starke Magd Der Umzug nach Cleveland soll in der ersten Märzwoche stattfinden. Es sind ca. 360 Meilen dorthin, das bedeutet 18 Stunden Eisenbahnfahrt.“
Die künftige Adresse ist angegeben: 132 Scoville Ave., Cleveland, Ohio.

Die Zeit in Cleveland dauerte nur bis 1878; dort ist dem Paar ein 6. Kind, Hedwig Eleonore, geboren, das aber nur 2 Wochen alt wurde.

Von 1878 bis 1883 lebte die Familie in Buffalo, N.Y. Aus dieser Zeit ist ein fröhliches Gedicht über eine Fahrt mit allen Kindern zu den Niagarafällen erhalten. Der Gesellschaft gehörten noch 2 Damen Siebenpfeiffer, 3 Damen Peseler, Herr und Frl. Henn an. Albert hat dieses Gemeinschaftserzeugnis auf seiner eigenen Druckmaschine gesetzt, und es besteht Grund zu der Annahme, daß er diese auch selbst gebaut hat.

Vielleicht auch in Buffalo entstanden ist ein Manuskript für eine wohl in der Kirche aufgeführte biblische Szene Das Gleichnis von den 10 Jungfrauen . Dabei treten auf ein Vorleser, der in Abschnitten den Text aus dem Matthäus-Evangelium aufsagt, und ein Wächter mit den Strophen des Liedes Hört ihr Herrn und laßt euch sagen... Die Jungfrauen spielen das erzählte Geschehen und haben einzelne Sprechrollen, oder sie singen gemeinsam Texte, die wohl von Albert selbst gedichtet sind. In den Hergang eingefügt sind vom Kirchenchor oder den klugen Jungfrauen gesungene Strophen von Wachet auf ruft uns die Stimme und anderen Chorälen. Eine der klugen Jungfrauen, offenbar eine gute Sängerin aus dem Chor, singt die 5 Strophen eines Volkslieds ca. 1500 : „Ein Blümlein auf der Haide / das liegt mir in dem Sinn“. Es ist ein Laienspiel ähnlich denen, wie sie Gruppen aus der deutschen Jugendbewegung besonders in den zwanziger Jahren aufgeführt haben.

Aber auch viel Leid und Sorge hat die Familie in Buffalo erlebt. 1882 war dort eine Epidemie von Genickstarre (spinale Meningitis), an der 17 Kinder aus Alberts Gemeinde starben, darunter auch seine Tochter Martha, damals 10 Jahre alt. Auch der jüngste Sohn, Otto, war sehr krank, aber er erholte sich schließlich, wenn es auch Jahre dauerte. Die Eltern, Marie und die Söhne Paul und Albert blieben von der Krankheit verschont.

Die nächste Station war die Stadt Rochester, N.Y., wo Albert bis 1895 blieb. Der älteste Sohn, Paul, verläßt das Haus für sein theologisches Studium, das er, wie einst sein Vater, am Seminar in St. Louis absolviert. 1887 wird er Pastor in Bennett, Alleghany Co., Pa. Die Freude, den Sohn als Seelsorger wirken zu sehen, hat Auguste nicht lange überlebt: sie starb am 2. August 1888. Aus diesen schweren Tagen ist nichts überliefert, aber zu Weihnachten 1891 schreibt Albert ein Gedicht an seine Kinder Marie und Albert, die ihm ein lebensgroßes Bild der lieben seligen Mama geschenkt haben. Die letzte Strophe des Gedichtes lautet:

Wie sie war des Hauses Krone,
Bleib' ihr Bild der Schmuck im Haus.
Herzensdank Euch Kindern lohne,
Ob Ihr zöget fern hinaus,
Doppelt zieht der Liebe Blick
Euch zum Vaterhaus zurück!

1893 bezieht der Sohn Paul die Pfarrei der Bethania Gemeinde in Buffalo, N.Y. Sein Vater hielt die „Introductionsrede am Altar“. Paul hat inzwischen in Alleghany geheiratet. In Auburn, N.Y., ist Alberts erstes Enkelkind, Adelheid, genannt Zoe, geboren.

Als Albert Rochester verließ, um die letzten 13 Jahre seiner Amtszeit als Pastor in seiner früheren Pfarrei Newstadt (Neustadt) in Ontario zu verbringen, hatte er etwa ein Jahr Zeit bis zum Antritt der neuen Stelle. Er verbrachte sie in Town Line, N.Y., als Pastor an der dortigen Kirche St. John's. Dort war seine älteste Tochter Marie im Begriff, den Farmer John Lincoln Webster zu heiraten. Albert hat sie am 8. April 1896 getraut.

Vorher schon, am 19. Juni 1895, traute er in dieser Kirche Mathilde (Thilda) Zeller, eine Tochter seines verstorbenen Bruders Wilhelm, mit Charles Bond (ZB § 73). Thilda hatte nach dem Tod ihres Vaters (in Tübingen 1887) bei der Familie Gillespie in England gelebt und war zunächst zu ihrem Onkel Albert nach Rochester gekommen. Zusammen mit ihm und Marie war sie dann nach Town Line umgezogen. Auch Mariechen (Marie Luise) Zeller, Thildas jüngste Schwester (ZB § 78), lebte um 1900 einige Zeit zuerst in Philadelphia bei Thilda, danach auch bei den Familien Webster und Paul Zeller. Dabei hat sie auch ihren Onkel Albert kennnengelernt. So bestand in der jüngeren Zeller-Generation erneut eine auch räumlich engere Verbindung mit den nahen Verwandten aus Württemberg, besonders seit auch Franz Zeller, der älteste Sohn Wilhelms, als Pfarrer mit seiner jungen Familie in Pennsylvania lebte.

In den Familien von Marie Webster sowie Paul, Albert und Otto Zeller wuchs dem Großvater bald eine Schar von Enkeln heran. Marie Webster verbrachte gewöhnlich mit ihren 4 kleinen Mädchen einen Teil des Sommers beim Großvater in Newstadt.

Als Albert im Jahre 1909 sich in den Ruhestand verabschiedete, schenkte ihm die Gemeinde in Newstadt einen Bärenfellmantel und eine Biberfellmütze.

Ruhestand

Für seine letzten etwa 13 Lebensjahre fand er ein Heim bei Farmer Webster. Das Problem, den Großvater mit seinen Möbeln und vor allem mehreren tausend Büchern in der damals noch kleinen Wohnung der wachsenden jungen Familie unterzubringen, wurde gelöst, indem John Webster in Alden eine kleine, aber solide gebaute Hütte von ca. 5 x 7 m Grundfläche kaufte, die zur Farm transportiert und durch einen überdeckten Gang mit dem Wohnhaus verbunden wurde. Der Raum hatte 4 Fenster und ergab ein Studierzimmer, nachdem man ihn rings mit selbstgezimmerten Bücherregalen ausgestattet hatte. Dieser Anbau wurde von der Familie und allen Bekannten Germany genannt. - In den ersten Jahren nach seiner Pensionierung verbrachte Albert einen Teil des Jahres noch als Vertreter des Pastors an einer kleinen Kirche in Alleghany, Pa. 1913 zog die Familie Webster in ein eigenes, größeres Haus, wo der Großvater bequem untergebracht werden konnte.

Und was für ein Großvater muß er gewesen sein! Martha Webster Adams erinnert sich: Großpapa Zeller, so dachten wir, konnte alles: Bücher binden, drucken, Wasserpistolen herstellen, Papierschlangen schneiden, die sich über aufsteigender Wärme drehten, mindestens 10 Sprachen lesen. Er machte eine mechanische Krippe von Bethlehem, wozu er die Tiere selbst schnitzte, er beherrschte die Schönschreibekunst und konnte Tinte herstellen; er hatte eine Laterna magica, ein Stereoskop, baute ein Stroboskop, dessen Bilder er selbst zeichnete und anmalte.

Viele Fotos zeigen ihn umgeben von seinen Enkeln, mit dem jeweils Jüngsten auf dem Schoß. Der Bruder Johannes, inzwischen im Ruhestand in Wernigerode im Harz, bemerkt nach dem Erhalt solcher Bilder in einem Brief vom September 1900: Auf den Photos ist Dein Gesicht immer das vergnügteste. Das ist recht. Wie an seinem Hochzeitstag trägt er sein nun weiß gewordenes, welliges Haar ziemlich lang; über seinem weißen Vollbart steckt manchmal eine Zigarre.

Alberts letzter Enkel ist 1909 geboren; bei seinem Tod im April 1921 waren schon 2 Urenkel da. Von seinen Geschwistern hat ihn nur sein jüngster Bruder Hermann überlebt.

Das deutsche Schicksal im Ersten Weltkrieg mag ihn aus der Ferne schwer betroffen haben. Doch ist er wohl im Lauf der Jahrzehnte ein überzeugter Amerikaner geworden, wie drei von ihm gedichtete nationale Lieder (zwei davon in deutscher und englischer Sprache) beweisen, die 1873 in einem Liederbuch Aufnahme fanden. Aus einem von ihnen geht hervor, worauf sich seine Dankbarkeit dem Land Amerika gegenüber gründet und was den Techniker in ihm fasziniert haben mag:

(1) Von atlant'scher Küst;
Die den Pilger grüßt
Bis ans stille Meer zum goldnen Land;
Wo der Bergstrom fließt,
See in See sich gießt,
Bis nach Süden zu des Golfes Strand,
Liegt ein weites Land, liegt mein Heimathland
Vereinte Staaten von Amerika.

(2) Wo's der fleißgen Hand
Glückt in jedem Stand,
Schöner sich das süße Heim zu bau’n,
Wo des Geistes Kraft
Riesenwerke schafft,
Wo sich Menschen aller Länder schau'n,
Dieses große Land ist mein Heimathland,
Vereinter Staaten großes, reiches Land.

Seine große Nachkommenschaft lebt heute noch fast ausnahmslos in den Vereinigten Staaten.

Beim Blick über das Leben dieses ersten Amerikafahrers aus der Zellerfamilie kommt uns der Erzvater Abraham in den Sinn, von dem es heißt, daß er „starb in einem ruhigen Alter, da er alt und lebenssatt war“ (1. Mose 25,8). Wahrhaftig ein Leben, das reich war an harter Arbeit und manchem Ungemach, aber noch mehr an Liebe zu den ihm Anvertrauten, an Glück, an Brüderlichkeit und an Treue gegenüber seiner Berufung.

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