Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Max Gustav Zeller (1864-1928)
ein württembergischer Offizier
und seine Frau Hedwig Kieschke (1882-1979)

Aus: Rose Wagner, Mosaik – Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte,
Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 205-218

 
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Warum Max Gustav Zeller Offizier werden wollte, weiß niemand. Vorbilder gab es nur wenige in der Familie. Sein Vater, der Eisenbahnbau- und Betriebsinspektor Theodor Gustav Zeller, dem der älteste Sohn in Frauenfeld in der Schweiz geboren wurde, dachte sicher nicht im Traum daran, ihn später als Offizier unter der Fahne dienen zu lassen. Er schickte den kleinen Max nach der Rückkehr in den württembergischen Staatsdienst erst in die Lateinschule am Ort, und später ins Gymnasium nach Kirchheim unter Teck. Dort gab er den Zwölfjährigen zu Rektor Strölin in Kost und Logis, um ihm den ständigen Schulwechsel zu ersparen, denn er selbst wurde betriebsbedingt fast jährlich versetzt.

Der Junge ist immer mit schwerem Herzen aus den Ferien daheim wieder weggefahren, denn er hing an den Eltern und den drei Geschwistern und fühlte sich wohl in dem heiteren Familienleben, das besonders durch die gesellige und musikliebende Mutter bestimmt wurde. Vater Zeller war ein stiller Mann, der gern zuhörte und sich, ohne viel Worte zu machen, auch außer Haus für das gemeine Wohl einsetzte. In seiner knappen Freizeit nahm er den Zeichenstift zur Hand und hielt mit feinen Strichen und zarten Schattierungen Motive aus Landschaft und Natur auf losen Blättern fest.

Das belebende Element in der Familie war die kontaktfreudige, gesprächige und fröhliche Mutter. Selma Schumann aus Esslingen hatte schon in der Schulzeit von sich reden gemacht und temperamentvoll gezeigt, dass sie sich nicht alles gefallen ließ. Einer ihrer Lehrer hatte die unangenehme Gewohnheit, wenn er durch die Bankreihen in der Klasse ging, seine Schülerinnen in die Backe zu kneifen. Voller Zorn hat ihm Selma dafür ein gefülltes, offenes Tintenfass, wie es damals auf den Bänken stand, auf den Rücken geschleudert. Sie war es auch, von der die Kinder erzogen wurden, und wenn ihr dabei manchmal die Hand ausrutschte, soll der zartfühlende Vater schnell die Tür hinter sich zugemacht haben. Viel lieber jedoch scharte Mutter Selma ihre Familie um das Tafelklavier, das sie vorzüglich zu spielen verstand. Berge von Noten sind aus jener Zeit auf uns gekommen. Auch Max hätte gern, wie seine Geschwister, gelernt, ein Musikinstrument zu spielen, aber der teure auswärtige Schulbesuch ließ das nicht zu.

Als er nach dem Abitur den Eltern seinen Berufswunsch vortrug, fand er dafür zunächst wenig Verständnis. Wohl war man vaterländisch gesinnt, aber einen Sohn beim Militär zu haben, war nicht, was sie sich vorgestellt hatten. War es der Glanz des Kaiserreichs, dessen Gründung der Siebenjährige miterlebt hatte, war es der Aufbruch in eine Zeit mit neuen Möglichkeiten, der Max lockte? Erst ein guter Freund der Familie, Oberst Reinhardt, konnte die Eltern bewegen, dem Wunsch des Sohnes nachzugeben. Im September 1883 konnte Max als Fahnenjunker in das württembergische Infanterie-Regiment 122 eintreten. Als Premierleutnant wechselte er in das traditionsreiche Infanterie-Regiment 121 „Alt-Württemberg“ in Ludwigsburg, das 1716 aufgestellt worden war, um unter Prinz Eugen, geführt von Karl Alexander von Württemberg, gegen die Türken zu kämpfen, und mit dem mein Vater trotz vieler Unterbrechungen bis zum bitteren Ende verbunden blieb.

Es war ein schwerer Schlag für die ganze Familie, als sein Vater schon 1888 mit 59 Jahren starb. Die Pension der Witwe war gering, der jüngere Sohn Ernst hatte seine Ausbildung zum Buchhändler noch nicht beendet, und die beiden Töchter lebten noch unverheiratet zu Hause. Da konnte die Mutter dem Leutnant in Ludwigsburg nur ein kleines Taschengeld zukommen lassen, um das schmale Gehalt aufzubessern. Max sparte jeden Pfennig, den er beim Bezahlen herausbekam, um sich am Monatsende beim Stammtisch mit den Kameraden zum Bier treffen zu können. Umso mehr genoss er ein Privileg, das der König seinen jungen Offizieren eingeräumt hatte. Für ein sehr geringes Eintrittsgeld konnten sie die Oper in Stuttgart besuchen, und das hat Max Zeller häufig und mit großem Vergnügen wahrgenommen. Weniger schätzte er es, dass es Pflicht der jungen Offiziere war, anzutreten, wenn beim Hofball in Stuttgart Tänzer fehlten. Zwar tanzte er gern und gut, war ein liebenswürdiger Unterhalter und ein gutaussehender, stattlicher Mann, mit dem sich seine Schwestern sehr gern auf der Straße blicken ließen, aber Max Zeller musste es sich verbieten, mit einer der jungen Tänzerinnen zu flirten, denn der unvermögende Oberleutnant konnte nicht daran denken, eine der hübschen jungen Damen zu heiraten, es sei denn, ein reicher Schwiegervater hätte für das geforderte höhere Einkommen gebürgt. Das aber war nicht Max Zellers Sache.

Im Gegenteil, er machte aus der Not eine Tugend und genoss seine Unabhängigkeit, indem er eine sich plötzlich ergebende Gelegenheit nutzte, die weite Welt kennen zu lernen. Anlass für diese Möglichkeit war der sogenannte „Boxeraufstand“ in China. Das ferne Land in Ostasien war seit Jahrzehnten durch inneren Aufruhr, aber ebenso durch den militärisch und wirtschaftlich erzwungenen Einfluss der westlichen Großmächte politisch sehr geschwächt. Schon der „Opiumkrieg“ (1840-1842) hatte damit geendet, dass China fünf große Häfen für den Handel mit westlichen Waren - auch für Opium, das die Engländer in Indien anbauten - öffnen musste, dass außerdem christliche Missionare ungehindert in ganz China missionieren durften und dass in den westlichen Niederlassungen die chinesischen Hoheitsrechte immer mehr eingeschränkt wurden. Dies hatte im Reich der Mitte zu einem großen Hass auf die unerwünschten Fremden geführt. Die „Boxer“, eine fremdenfeindliche, religiös-patriotische Bewegung, hatte um 1900 einen gewaltsamen Versuch gemacht, die „fremden Teufel“ zu vertreiben. Um ihre Handelsinteressen zu wahren, hatten sich die westlichen Großmächte, darunter Deutschland und sogar Japan, verbündet und den Aufstand blutig niedergeschlagen.

Schon seit 1897 war der kleine Hafen Tsingtau in der Provinz Schantung auf Befehl Kaiser Wilhelms II. besetzt worden, weil dort kurz zuvor zwei deutsche Missionare ermordet worden waren. Obwohl die Chinesen alle deutschen Forderungen als Sühne für die Morde erfüllten, blieben die deutschen Soldaten in der Bucht von Kiautschou, und China wurde im März 1898 gezwungen, ein Territorium etwa so groß wie der Bodensee auf 99 Jahre an die Deutschen zu verpachten. Dem machte zwar der Erste Weltkrieg ein schnelles Ende, aber zunächst bemühte man sich, eine Musterkolonie en miniature zu errichten mit Kirche, Rathaus, Garnison, zwei Eisenbahnlinien ins Innere Chinas und natürlich mit einer Brauerei für bayrisches Bier. Sie besteht noch heute.

Schon für den „Boxeraufstand“, später als Besatzung zur Sicherung der kleinen Kolonie, suchte der Kaiser Freiwillige. So meldete sich Max Zeller, damals bereits Hauptmann, im Jahr 1900 zum III. Seebataillon nach Kiel und trat damit vorübergehend in den Dienst von Kaiser und Reich. 1902 brachte ihn das Schiff nach Ostasien, auf einer langen, immer wieder durch Landgänge unterbrochenen Reise, denn oft mussten unterwegs Lebensmittel und frisches Wasser aufgenommen werden.

In der kleinen Kolonie herrschte ein reges gesellschaftliches Leben, an dem die Offiziere teilnahmen, aber lieber nutzte Hauptmann Zeller die Zeit, um auch das Inland und die großen Städte Chinas kennen zu lernen.

Es war viele Jahre später für die ganze Familie ein Sonntagsvergnügen, wenn mein Vater die vielen großformatigen und teilweise colorierten Fotografien aus China auf dem Tisch ausbreitete, Bilder von Tempeln und Teehäusern mit geschwungenen Dächern, von zierlichen Holzbrücken oder von seltsam gewandeten Frauen, die mit künstlich verkrüppelten Füßen in kleinen, hochhackigen Schuhen daherkamen, wenn sie sich nicht von einem schlanken Läufer in einer Rikscha fahren ließen. Vom Fleiß der Bevölkerung und der Zuverlässigkeit der Handwerker und der chinesischen Diener war Max Zeller sehr beeindruckt. Er hätte sich gern in dem fremden Land mit der alten Kultur länger umgesehen, wenn er nicht sehr schwer erkrankt wäre. Trotz bester Pflege in dem vorzüglichen deutschen Krankenhaus war er danach nicht mehr tropentauglich und wurde 1904 in die Heimat zurückgerufen.

Vielleicht war das aber ein besonderes Glück, denn nun bot sich ihm die Gelegenheit, die Welt zu umrunden. Mit einer unbekannten Aufgabe betraut, blieb er zunächst einige Zeit in Japan, überquerte danach den Pazifik zu Schiff und die Vereinigten Staaten mit der Eisenbahn, um nach einem Aufenthalt in London nach Deutschland zurückzukehren. Nach einer Übergangszeit bei der Marineinfanterie in Wilhelmshaven trat er, zum Major und Bataillonskommandeur befördert, wieder in württembergische Dienste. Der Kreis schloss sich, 1911 nahm sich Max Zeller wieder eine Wohnung in Ludwigsburg.

Endlich war die Zeit gekommen, dass sich der 47-Jährige nach einer Frau umsehen konnte, denn für den Major fiel der Zwang weg, bei der Heirat eine Kaution stellen zu müssen, um ein standesgemäßes Leben zu garantieren. Auf einer Urlaubsreise 1911 in Florenz lernte er Hedwig Kieschke kennen, die auf einer Bildungsreise mit ihrer Freundin Anne Mommsen, einer Tochter des bekannten Professors, in derselben Pension nächtigte. Bei gemeinsamem Kunstgenuss in den Uffizien und bei Ausflügen in die Umgebung kam man sich schnell näher. Gemeinsam setzten die Drei ihre Reise nach Rom fort, und bald kam es zur Verlobung des württembergischen Offiziers mit der 18 Jahre jüngeren Berlinerin. Der Regimentskommandeur machte in Begleitung seines Adjutanten seinen Besuch in der Villa im Grunewald, um die Braut und ihren familiären Hintergrund zu begutachten. Im September desselben Jahres wurde der Heiratskonsens erteilt, und im Oktober wurde geheiratet. Das junge Paar zog nach Ludwigsburg in die Schlossstraße, die nur auf einer Seite bebaut, auf der Gegenseite von einer alten Lindenallee begleitet wurde, hinter der sich der Schlossgarten ausdehnte.

Für die junge Frau war das eine große Veränderung. Sie war fast nur in Großstädten aufgewachsen und ähnlich wie ihr Ehemann als Beamtentochter mit ihren Eltern viele Male umgezogen, denn ihr Vater stand ebenfalls im Dienste der Eisenbahn, war als Jurist freilich in der Verwaltung tätig. Ein halbes Jahr vor Hedwigs Verlobung war er als Präsident der Eisenbahndirektion in Essen verstorben, worauf die Mutter mit der Familie - soweit sie nicht schon beruflich auswärts lebte - in die bislang vermietete, schon 1895 gebaute stattliche Villa in Berlin-Grunewald zurückgekehrt war.

Hedwig war in einem wohlhabenden und großbürgerlichen Haus aufgewachsen, aber der Wohlstand in der Familie bestand erst in der zweiten Generation. Ursprünglich lebten die Vorfahren in bescheidenen Verhältnissen als Kleinbauern und Handwerker in Brunswig bei Cottbus. Der Aufstieg gelang ihnen durch die Freiheitskriege. Als der preußische König Friedrich Wilhelm III. im März 1813 in Breslau den „Aufruf an mein Volk“ verkündet hatte, um nach dem Bündnis mit Russland Freiwillige zu sammeln, mit denen er gegen Napoleon zu ziehen gedachte, machte sich auch der junge Friedrich Wilhelm Kieschke auf, um sich zum Dienst mit der Waffe zur Befreiung des Vaterlandes zu melden. Angeblich, um sich bei seinen Großeltern im kleinen niederschlesischen Ort Züllichau im Kreis Grünberg nach Arbeit umzusehen, beantragte und bekam er einen Passierschein, um die Heimat zu verlassen, in Wahrheit aber, um sich in Breslau dem Heer anzuschließen. Er trat in das 2. kgl. Preußische Leibhusarenregiment ein und zeichnete sich in den Freiheitskriegen mehrfach durch Tapferkeit aus. So wurde er 1816 als Secondeleutnant aus dem Heeresdienst entlassen. Dadurch kam ihm, der ursprünglich als „Sekretär“, also ungefähr als Bürogehilfe ausgebildet worden war, ein Erlass zugute, mit dem der preußische König angeordnet hatte, tüchtige, entlassene, junge Soldaten in den preußischen Staatsdienst zu übernehmen. Friedrich Wilhelm Kieschke kam in die preußische Finanzverwaltung und wurde 1853 als Oberregierungsrat mit Erreichung der Altersgrenze entlassen.

Erst sein Sohn Friedrich Julius studierte Jura und machte eine steilere Karriere. Zunächst ebenfalls in der Finanzverwaltung tätig, stieg er 1867 aus der Beamtenlaufbahn aus, nachdem ihn die Stadt Königsberg zum Oberbürgermeister gewählt hatte. Schon 1872 legte Julius Kieschke dieses Amt nieder und trat in den Vorstand des Vereins für die Rübenzuckerindustrie in Deutschland ein, dessen Vorsitzender er 1877 wurde. Mit der Stadt Königsberg blieb er dennoch eng verbunden, denn sie wählte ihn 22 Jahre lang als ihren Abgeordneten in den Preußischen Landtag, wo man ihn besonders als Fachmann für Steuerfragen schätzte. Tüchtigkeit und große Sparsamkeit allein waren es aber nicht, was der Familie zu Reichtum verhalf, es war vielmehr die reiche Erbschaft von kinderlos verstorbenen Verwandten, die Hedwig Kieschkes Mutter, Clara, geborene Stephany, in die Familie gebracht hatte. Diese gehörten zu ihren jüdischen Vorfahren, die seit den Tagen Friedrichs des Großen zu der angesehenen jüdischen Gemeinde in Berlin zählten. Schon früh waren sie zum christlichen Glauben übergetreten und retteten so die Nachkommen vor den schrecklichen Ereignissen des III. Reiches. Als Kaufleute, Bankiers und Unternehmer hatten sie es zu beträchtlichem Reichtum gebracht, den sie nicht nur vererbten, sondern auch in zwei Stiftungen für Bedürftige einbrachten, die in Berlin in die Stiftungsrolle eingetragen bis zur Inflation bestanden.

Trotz des Wohlstands wuchs Hedwig Kieschke als die älteste Tochter von sieben Kindern mit vielen Pflichten auf. Häufig wurde ihr die Aufsicht über die jüngeren Geschwister anvertraut, mehr noch seufzte sie über das ständige Flicken und Stopfen und das Nähen von Kleidung und Unterwäsche. Neben der Schule gehörten Klavierspiel, Tennis und große Bälle zu den Pflichtübungen einer „höheren Tochter“. Sie brachten zwar etwas Abwechslung, waren aber im Grunde oft langweilig, obwohl Hedwig eine gute und begehrte Tänzerin war. Mehr Anregung und vor allem lebenslange enge Freundschaften mit gleichaltrigen Mädchen brachte der Besuch der „Pension“ in St. Blaise am Genfer See, wo nur französisch gesprochen und unterrichtet wurde, keine Schwierigkeit für Hedwig, da schon im Elternhaus bei Tisch die Unterhaltung mit der französischen „Bonne“ und der englischen „Miss“ in deren Sprache geführt wurde.

Auf den Besuch der „Pension“ folgte die Ausbildung in der großherzoglichen Haushaltungsschule in Baden-Baden, wo Hedwig nach sehr üppigen Rezepten kochen lernte. Die Vorschriften in diesem Institut waren sehr streng, obwohl die jungen Mädchen schon zwischen 18 und 20 Jahre alt waren. Als Hedwigs ältester Bruder sie dort besuchte, immerhin schon Dr. jur. und Assessor, durfte sie mit ihm nur im Park der Haushaltungsschule spazieren gehen und nicht, wie sie gern getan hätten, ein Kaffeehaus in dem hübschen Badeort aufsuchen. Solche Erfahrungen hatten auch die beiden Schwestern Krupp gemacht, mit denen Hedwig bald Bekanntschaft machte, denn ihr Vater war inzwischen als Präsident der Eisenbahndirektion nach Essen versetzt worden.

Ihren ersten Besuch auf Villa Hügel schildert Hedwig im November 1905 in einem Brief an ihre Großmutter in Berlin:

„Liebe Großmama,

gestern war der große Tag, wo wir zum ersten Mal bei Krupps draußen waren, Abendessen von 34 Personen. Ich schicke Dir die Tischordnung und das Menue ... Na also, es war einfach großartig gestern! Frau Krupp, sehr leutselige, kluge und energische Dame. Die Töchter sehr nett, hübsche, kluge und unbefangene Mädchen. Bertha, die Älteste, Erbin der ganzen Werke, ist 20 und die zweite ein Jahr jünger. Es waren, wie du aus der Tischordnung ersehen wirst, gar keine jüngeren Herren da, das war gerade angenehm, da hatten wir bei Tisch und auch nachher die Mädchen ganz für uns und konnten sie gleich ein bisschen kennen lernen. Am allermeisten hat mir das Haus imponiert, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Erst nachdem man aus der Stadt heraus ist, fährt man noch wenigstens zehn Minuten durch den Buchenwald und den Park. Sowie man ins Haus tritt, kommt man durch Vorhallen und palmengeschmückte Wandelgänge in die Garderobe. Die Begrüßungsräume waren meterhoch mit schwerer Holztäfelung bedeckt, und wohin du siehst, bemerkst du herrliche Bilder, prachtvolle japanische Bronzen, kurz der Speisesaal, auch zu ebener Erde gelegen, ebenfalls mit Holz getäfelt, darüber Wandmalereien und Gobelins nach modernen Entwürfen. In der Mitte des riesig breiten Tisches etwa sieben mächtige Silberkandelaber, dazwischen tiefe Schalen aus ganz weißem Meißener Porzellan mit rötlichen Chrysanthemen, und rechts und links davon kleinere Schalen mit schönen Orchideen, und jede von den weißen Schalen stand auf einem roten Samtplättchen. Nach Tisch ging es in geordnetem Zuge Papa mit Frau Krupp voran - eine schöne große Holztreppe hinauf in die oberen Gesellschaftsräume. Die sind voll der herrlichsten Sachen, manche königliche Hoheit wird es nicht so haben. An den Wänden hängt Bild an Bild. In dem Salon der Töchter z. B. Liebermanns, Piglheims ... u.s.w ... Auf den Tischen Kopenhagener Tiere und Vasen, Bilder von Prinzen und exotischen Offizieren u.s.w ... Da die jungen Mädchen sahen, dass wir uns dafür interessierten, führten sie uns in den verschiedenen Zimmern umher und zeigten und erklärten. Wir haben auch über Fräulein Schück und die Haushaltungsschule geplaudert, die beiden Schwestern sind nämlich auch da gewesen. Um 11 Uhr erschien ein Diener und meldete: ‚Die Wagen sind da’, es wurde aufgebrochen, und die Herrlichkeit hatte ein Ende.“

Solche Erlebnisse waren zwar interessant, füllten Hedwig aber je länger, desto weniger aus. Sie erreichte es wenigstens, dass sie in Berlin, bei der Großmutter wohnend, eine Ausbildung als Sprachlehrerin für Französisch absolvieren durfte. Danach konnte sie, was ihr viel mehr entsprach, die erste Soziale Frauenschule in Deutschland besuchen, die Alice Salomon in Berlin gegründet hatte, an der auch Gertrud Bäumer und Frieda Duensing unterrichteten. Nach dem Abschluss war Hedwig Kieschke als Fürsorgerin im Außendienst tätig und vertrat dort auch eine Zeit lang Frau Elly Heuß-Knapp, als diese sich vor der Geburt ihres ersten Kindes beurlauben ließ. Mit dieser Frau verband Hedwig Kieschke nicht nur das soziale Engagement, sondern auch die Begeisterung für die Bestrebungen der Frauenbewegung. Sie fand es empörend, dass „Lehrlinge, Geisteskranke und Frauen“ vom Stimmrecht und damit von der Mitwirkung bei politischen Entscheidungen ausgeschlossen waren. Die elenden Lebensbedingungen, unter denen Heimarbeiterinnen und die Arbeiterinnen bei Siemens-Borsig in Berlin leben mussten, für deren Betreuung sie zuständig war, fand sie ebenso ungerecht und unhaltbar. Als Fürsorgerin kam sie unmittelbar mit diesen Zuständen in Berührung und lernte erkennen, welch verhängnisvolle Rolle der Alkohol in den Familien spielte. Zeitlebens hat sie deshalb die Trinkerfürsorge und den Kinderschutzbund unterstützt, auch noch, als sie mit der Heirat aus der Berufsarbeit ausgeschieden war.

Der erste Sommer als junge Frau in dem kleinen Garnisonstädtchen Ludwigsburg ließ die Bilder aus der Großstadt verblassen. Der Duft der Linden in der Allee gegenüber, der durchs geöffnete Fenster strömte, die Rosen im Schlossgarten dahinter, die Bänke im Schatten der alten Kastanien, der Blick auf das heitere Barockschloss mit seiner breitausschwingenden Freitreppe und das Plätschern des Springbrunnens im runden Schlossteich luden die junge Frau, die ihr erstes Kind erwartete, zum Träumen ein. Am Sonntag fuhr der Major mit seiner Frau im Krümperwagen vor die Stadt zum „Osterholz“, einem kleinen Wäldchen, oder nach „Monrepos“, einem Lustschlösschen am romantischen, künstlich angelegten See. Ein paar Stufen führten zum Wasser, wo sanft schaukelnde Kähne auf Ruderer warteten, die ihr Boot um kleine Inseln gleiten ließen, deren ufernahe Bäume ihre Zweige tief ins Wasser tauchten.

Nur zwei glückliche Sommer wurden Max und Hedwig geschenkt, dann zog Oberstleutnant Zeller 1914 in den Krieg. Schon Ende September wurde er bei Kämpfen in Frankreich schwer verwundet. Sein treuer Bursche suchte und fand ihn auf dem Schlachtfeld und brachte ihn ins Lazarett in Luxemburg. Wieder genesen wurde er als Regimentskommandeur des Reserve-Infanterieregiments 221 an die Ostfront geschickt, wo er einen sehr strengen Winter in den Karpaten erlebte. Nach dem Übergang über den Dnjestr lernte er den Stellungskampf, eine bislang unbekannte Art der Kriegsführung, kennen. Zwischen dem wochenlangen Leben in tief ins Erdreich eingegrabenen Stellungen gab es einmal eine kurze Einquartierung bei einem polnischen katholischen Pfarrer, mit dem sich der deutsche Offizier auf lateinisch verständigte. Von 1916 an wurde Max Zeller als Oberstleutnant und Regimentskommandeur wieder bei den schweren Kämpfen im Westen eingesetzt.

Von seinen Kriegstagebüchern ist nur ein nüchterner Bericht über die Schlacht an der Somme vom 5.-21. September 1916 erhalten. Er beginnt mit der Schilderung einer Idylle: „Der erste Spatenstich belehrte uns, dass wir in der Kreide waren. Nach kurzer Zeit hatten wir eine Höhle, die mein Adjutant, Oberleutnant Sautter, ein Geometer von Beruf, kunstvoll anfertigen ließ. Das Wetter war schön. Wir machten es uns behaglich. Aus Driencourt wurden Tische und Stühle geholt. Bald entwickelte sich ein lustiges Biwakleben. Drei Leute hatten sich aus Driencourt Civilkleider geholt und gingen Arm in Arm, der eine in Gehrock und Cylinder, der andere als Frau verkleidet unter allgemeinem Gelächter durch das Biwak. Ein Glück, dass die feindlichen Flieger das Biwak noch nicht erspäht hatten. Drei Tage später, als die Stellung schon wieder geräumt war, sollen mehrere hundert Granaten darüber abgeworfen worden sein.“

Es kam schlimmer. Voller Erbitterung berichtet mein Vater, dass seine Leute tagelang durch die eigene Artillerie beschossen wurden. „Wiederholte Meldungen an die vorgesetzten Stellen und an die Artillerie, sowie auch das Abschießen zahlreicher grüner Leuchtkugeln blieben ohne Erfolg.“ Die telephonische Verbindung war sehr oft unterbrochen, immer wieder wurden Meldegänger losgeschickt „nach allen umliegenden Batterien, um sie zu beschwören, endlich auf den Feind und nicht auf uns zu schießen. Es half aber leider nichts ... Unsere Verluste hierdurch waren nicht unbeträchtlich.“ Solche Vorkommnisse sollen auch beim Gegner nicht selten gewesen sein. Was für eine Sinnlosigkeit! Überhaupt, als ob durch das Töten möglichst vieler Menschen irgendein Problem gelöst werden könnte.

Auch Gasgranaten setzte der Gegner ein. Ohne Erfolg, wie berichtet wird. Dann, am 20. September, sollte auf breiter Front gestürmt werden. Trommelfeuer sollte den Angriff vorbereiten, aber die Infanterie wartete vergeblich auf die Unterstützung durch die deutsche Artillerie ... Trotzdem begann der Angriff genau zur befohlenen Minute. Die Schlacht an der Somme ging verloren. Die Reste des Regiments wurden am folgenden Tag abgelöst. Mit den wenigen Überlebenden wurden neue Reserve-Infanterie-Brigaden aufgestellt. 1917 wird Max Zeller zum Oberst befördert und nimmt als Brigadekommandeur an den schweren Schlachten im Westen teil, bis er nach dem Waffenstillstand vom 11. November in Compiegne am Heiligen Abend 1918 zum Kommandeur seines Stammregiments 121 „Alt-Württemberg“ ernannt wird mit der Aufgabe, die Letzten dieser Truppe zu ihrem Standort in Ludwigsburg zurückzuführen und die Auflösung des Regiments in die Wege zu leiten. Bei seiner letzten Ansprache vor den Soldaten auf dem Arsenalplatz in Ludwigsburg endete er mit der Bitte an die Heimkehrer, auch künftig dem Wohl des Landes unter der Republik zu dienen.

Im Laufe des Jahres 1919 reichte Max Zeller sein Abschiedsgesuch ein, das im November 1919 mit der Verleihung des Charakters als Generalmajor genehmigt wurde. Gleichzeitig wurde er zur Wiedereinstellung zur Disposition gestellt. Als jedoch General Reinhardt ihn zum Eintritt in die neue Reichswehr aufforderte, lehnte er zugunsten jüngerer Offiziere ab, obwohl er sich mit 57 Jahren noch rüstig fühlte. Als Glück empfand ich es, dass ich nun den lange entbehrten Vater täglich in der Familie erleben durfte, ein Geschenk des Schicksals, das mir durch seinen plötzlichen Tod wenige Jahre später wieder genommen wurde.

Für kurze Zeit hatte in Ludwigsburg ein Soldatenrat das Sagen gehabt, aber der Spuk war schnell vorbei. Tiefer bewegte alle königstreuen Ludwigsburger die Absetzung des beliebten Königs, Wilhelms II. von Württemberg, und seine Flucht mit der Königin bei Nacht und Nebel aus der Landeshauptstadt nach Bebenhausen. Mit Verwunderung sah ich als Kind am Tag danach beim Milchholen, wie Erwachsene darüber auf der Straße weinten. Ein unvergesslicher Eindruck. Als 1921 König Wilhelm starb und der Trauerzug - unter Umgehung von Stuttgart - in Ludwigsburg an unserem Haus vorbeizog, folgte mein Vater hinter Herzog Albrecht, dem Oberkommandierenden der württembergischen Truppen im Kriege, dem Sarg, der auf der schlichten Grabstätte neben der frühverstorbenen ersten Gemahlin des Königs, Marie, beigesetzt wurde.

Vaterlandsliebend, traditionsbewusst und voller Trauer über den nach so vielen Opfern verlorenen Krieg war mein Vater, waren wir fast alle, aber blinder Patriotismus war nicht Max Zellers Art. Er sah manches kritisch, auch durch seine Auslandserfahrung, und verstand sich als Liberaler alter württembergischer Prägung. Auch der Republik fühlte er sich verpflichtet, und deshalb gründete er bald in Ludwigsburg eine Gruppe der Deutschen Volkspartei. Nie war er ein Eiferer für seine Überzeugung, sondern immer auf Ausgleich und Verständigung bedacht. Er hörte gern zu, ging auf andere Standpunkte ein und versuchte, Wege zu finden, die nicht trennten, sondern einvernehmliches Handeln ermöglichten. - Auch für die Kümmernisse seiner ihm anvertrauten Soldaten hatte er immer ein Ohr gehabt, so sehr, dass sich seine Unteroffiziere bei ihm beklagten, er kümmere sich zu viel um die „schwarzen Schafe“ in der Kompanie. Wo er Ungerechtigkeit bemerkte, nahm er auch vor Vorgesetzten kein Blatt vor den Mund. Die Zuwendung zum Mitmenschen hat nicht zuletzt zu seiner Beliebtheit als Kommandeur beigetragen. Bei den Qualifikationsberichten, die vor der Beförderung eines Offiziers eingereicht werden mussten, wurde diese Wesensart nicht übersehen. Es heißt darin oft: „Max Zeller ist allgemein geachtet und beliebt, treu besorgt für das Wohl seiner Untergebenen.“ Die Freundschaft, die er sich damit erworben hatte, habe ich nach seinem Tode oft wohltuend zu spüren bekommen, wenn ich bei Ämtern oder Behörden vorsprechen musste und als seine Tochter erkannt wurde.

Der Ruhestand wurde zunächst von den Sorgen der Inflation überschattet. Wenn das Gehalt überwiesen wurde, war es oft schon fast nichts mehr wert. Geholfen hat uns da ein zwei Morgen großer Garten, den wir pachten konnten. Ein alter Freund überließ ihn uns gegen ein geringes Entgelt. Um ihn zu erreichen, mussten wir den Schlossgarten und den angrenzenden Park, die „Hinteren Anlagen“, durchqueren, ein zu jeder Jahreszeit schöner Weg. Max Zeller erwies sich als ein ausgezeichneter Gärtner. Gemüse, Tomaten und Kartoffeln, Beerensträucher und Obstbäume gediehen unter seinen Händen, während wir Kinder seufzten unter der Fülle des Geernteten, das in Körben im Leiterwagen heimgefahren werden musste. Die saftigen Birnen wurden an einen Markthändler verkauft, Berge von Zwetschgen zu Mus verkocht, Fallobst und kleine, sehr süße Birnen zu Most ausgepresst. Die großen Fässer lagerten im steinern gewölbten Keller des sehr alten Hauses, neben ihnen die Glaskolben mit dem angesetzten Mostessig und die Steinguttöpfe mit dem eingestampften Sauerkraut. Mit den Nüssen hörte die Ernte auf, sie mussten in einer großen Kiste trocknen, in der beim Umwenden einmal meiner Mutter der Ehering von der mageren Hand rutschte. Erst im Frühjahr fand er sich auf dem Boden der Kiste wieder.

Fast täglich mussten wir Kinder mit dem Leiterwagen den Weg zum Garten fahren. Die zwei Ziegen, die im Stall hinten im Hof uns mit Milch versorgten, mussten Frischfutter und Heu haben, und wenn es Stein und Bein fror, wurde der Wagen mit Holzscheiten beladen, die aus den großen Ästen gespitzt wurden, die beim Auslichten der Bäume anfielen. Damit wurde das Feuer im Küchenherd und im eisernen Wohnzimmerofen angeheizt. Für Fleischmahlzeiten sorgten die Hasen, die Vater auf der Jagd erlegte. Er hatte das Revier gemeinsam mit anderen Herren gepachtet. Der wohlschmeckende Hasenrücken wurde oft an den Wildhändler verkauft, wir bekamen nur „Hasenpfeffer“ vorgesetzt. Viele Jahre lang konnte ich ihn buchstäblich nicht mehr riechen.

Nach dem Tagewerk gehörten die Abendstunden meinen Eltern allein. Während Mutter unter der Lampe unermüdlich Strümpfe stopfte, Wäsche flickte und Kleider änderte, las ihr Vater die dreibändige „Geschichte der Kunst“ von Dehio vor. Gemeinsam beugten sie sich über die Bildbände, die zwischen Flickzeug und Stopfgarn auf dem Tisch lagen und den Text begleiteten. - So gingen ein paar Jahre ins Land, und die Zeiten besserten sich allmählich. Die Eltern konnten ein Grundstück an der Stadtgrenze von Stuttgart kaufen und ein Haus darauf bauen; sie wollten es nicht zuletzt deshalb, weil ihre Älteste als Fahrschülerin das Gymnasium in Stuttgart besuchte. Im Herbst 1927 konnten wir in das Haus auf der Gänsheide in Stuttgart einziehen, und voller Vorfreude pflanzte Vater noch viele Rosen in das Gärtchen hinter dem Haus, darunter auch einige, die er in Ludwigsburg selbst okuliert hatte. Er durfte sich nicht mehr an ihrer Blüte freuen. Im April 1928 starb Max Zeller an einer Lungenembolie als Spätfolge seines Lungenschusses von 1914.

Mit militärischen Ehren wurde er auf dem Waldfriedhof in Stuttgart beigesetzt. Kirchenrat Mauch aus Ludwigsburg, der die Trauerrede hielt, erinnerte daran, „dass die weitverzweigte altwürttembergische Familie, welcher der Dahingeschiedene entstammte, ... dem Staat, dem Land und der Kirche seit 400 Jahren ausgezeichnete Männer gegeben“ habe und „die Zellerische Art, schlichte Natürlichkeit und Freundlichkeit sei auch dem Wesen General Zellers eigen gewesen;“ so berichtete der Nekrolog im Stuttgarter Tageblatt.

Dem sei noch ein anderes Wort hinzugefügt, das mein Vater mir 1920 in mein Poesiealbum schrieb:

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Auferstehn.
Lass diesen Glauben Dir nicht rauben,
trotz allem, allem, was gescheh'n.
Und handeln sollst du so als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär' dein.
J. G. Fichte

Dieses Wort mag heute manchem seltsam klingen. Es sind, gottlob, jetzt andere und sehr viel bessere Zeiten als damals, als Fichte seine „Reden an die Deutsche Nation“ hielt, und auch die Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sind nicht mit unseren Tagen vergleichbar. Aber ist die Forderung nach verantwortlichem Handeln für das Gemeinwohl nicht zeitlos gültig? Die Vorfahren fühlten sich dazu verpflichtet, und es wäre nicht gut, wenn es die Nachfahren anders hielten.
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