Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Erinnerung und Auftrag
Betrachtung zu einem Familienjubiläum

Bernhard Zeller, Festrede zum Jubiläum „450 Jahre Zeller aus Martinszell“ am 8. Oktober 1988 in Tübingen, in: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 14, 1988, S. 8-15
 
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Im August 1860, also vor ziemlich genau 128 Jahren, erhielt der Stuttgarter Obermedizinalrat Dr. Christoph Maximilian Zeller einen Brief von Ludwig Uhland. Zeller, dem alten Hohenecker Pfarrhaus entstammend (und im 10. Grade (ZB 5 254) auf dem Bietigheimer Aste der Denkendorfer Linie sitzend, war seit seiner Tübinger Studienzeit, und d. h. etwa seit Beginn des Jahrhunderts, mit Uhland befreundet. Ein gut gereimter Vierzeiler von seiner Hand findet sich schon 1808 in dessen Stammbuch. Natürlich war man auch verwandt, sogar in zweifacher Weise, was hierzulande eher der Regel entspricht als ungewöhnlich ist. Uhlands Großmutter, Rosine Elisabeth mit Namen, war eine geborene Zeller, die Frau des Obermedizinalrats aber eine geborene Pistorius. Luisa Christiana Heinrika hieß sie wohlklingend und kam aus jenem kunst- und literaturgeselligen Hause des Ferdinand Pistorius, in dem einst auch der wortkarge junge Advokat Uhland zu Gast war, - nicht ohne Gewinn -, hat er doch dort seine Frau Emma kennen gelernt, eine Tochter aus der ersten Ehe von Emilie, der tatkräftigen Frau von Pistorius, die Dannecker höchst eindrucksvoll porträtiert hat.

Uhlands liberales Denken und sein freiheitlicher Geist beherrschten auch die politische Gesinnung im Arzthause Maximilian Zellers. Einer der Söhne musste während der revolutionären Wirren in den Jahren um 1848 nach Amerika flüchten, da ihm der württembergische Boden zu heiß geworden war. Erst nach Jahren kehrte dieser Eduard Maximilian Zeller zurück, um dann sein künftiges Leben als Anwalt, Gemeinderat und Verfasser geistlicher Lieder in Stuttgart zu verbringen.

Auch einer der Schwiegersöhne, nämlich der hochangesehene Ludwig Seeger, bezeugt die nahe Verbindung zu Uhland. Liberaler Abgeordneter des Landtags war er, aktiv im politischen Amte, ein echter 48er, klassischer Philologe und Redakteur, Dichter und Übersetzer. Sozialpolitische Lieder und solche der Liebe hat er geschrieben, Aristophanes und Victor Hugo übertragen.

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Doch zurück zu jenem eingangs erwähnten Brief, den Ludwig Uhland, prominentester Schwabe seiner Zeit, wenige 100 Meter von hier entfernt am 20. August 1860 geschrieben hat.

„Verehrtester Freund“, so beginnt er, „die verbindliche Einladung zum Zellertag ist mir zugekommen und ich bin dafür von Herzen dankbar.“ Leider müsse er aber, heißt es dann unter Anführung verschiedener Gründe, auf sein „persönliches Erscheinen im Cannstatter Kursaal verzichten, begleite jedoch mit den aufrichtigsten Glückwünschen das schöne Fest einer Familie, welcher mitanzugehören mir zur Ehre und Freude gereicht.“

Mag dieses Schreiben auch eine Absage enthalten, so ist es doch ein früher Beweis dafür, dass die Sippe der Zeller als Verband und die Zeller-Tage als feste Einrichtung schon damals durchaus bekannt waren, und sich der Teilnehmerkreis über die eigentlichen Namensträger hinaus erstreckte. (Dies geht auch aus dem Kommentar von Julius Hartmann hervor, der diesen Brief im 4. Band des Uhland-Briefwechsels veröffentlicht hat.)

22 Jahre vor diesem Schreiben und vor diesem Zeller-Tag im Kursaale zu Cannstatt, hatte der erste konstituierende Akt eines Zusammenschlusses von 12 Gliedern der Zeller'schen Familie stattgefunden. Mit aller Deutlichkeit wurden die beiden Hauptmotive formuliert, die dieser Zeller'schen Stiftung zugrunde liegen und ihre Voraussetzung bilden: der Wille zu einer praktischen Humanität im Sinne christlicher Nächstenliebe und eine historisch gewachsene, familiäre Verbundenheit. Die Familie weiß sich „zu gegenseitiger Liebe, Treue und Beistand verpflichtet“ und versteht sich innerhalb der allgemeinen Gesellschaft als eine Einheit mit gemeinsamer Vergangenheit. Doch nicht nur sippengebundene Sozialleistungen sollen erbracht und dadurch die Gemeinschaft der Familie gestärkt werden; es gilt auch, die Tradition in eine lebendige Gegenwärtigkeit umzusetzen und bei Familienzusammenkünften - auch das wurde von den Stifterahnherren zum Ausdruck gebracht, - das persönliche Kennenlernen zu fördern.

Armen- und Familienstiftungen ähnlicher Art waren zu jener Zeit nicht selten und wir wissen, dass z. B. der Rentamtmann von Kleinbottwar, Heinrich Zeller, der 1837 verstorbene ältere Bruder des ersten Vorsitzenden der Zeller-Stiftung (Sohn des Sulzbacher Heinrich Hartmann und Vater des Philosophen Eduard Zeller) im Jahre 1802 eine Armenstiftung ins Leben gerufen hat zur Linderung der Not im Dorfe. Zellers Söhne und Töchter hatten sich mit stattlichen Beiträgen daran beteiligt.

Man macht sich heute - lebend in einem Sozialstaat mit dichtem Netz öffentlicher und privater Versicherungssysteme - nur schwer eine klare Vorstellung von der Härte der Lebensbedingungen vergangener Jahrhunderte - von Not und Armut, von Opfer und Schmerzen, Lasten, die auch in einem normalen, einfachen Leben gleichsam selbstverständlich waren.

Zu den Schicksalen besonderer und besonders furchtbarer Art, die bis weit in das 19. Jahrhundert hinein die Familien erschütterten, gehört die hohe Kindersterblichkeit, der oft auch eine Vielzahl von Geburten nicht gewachsen war. Wer die Familienbücher liest, ist tief betroffen von der großen Zahl der Kinder, die in jüngstem Alter oft reihenweise hingerafft wurden und denen nur zu oft dann auch die Mütter in den Tod folgten. Kindbett, Wiege und Grab waren nahe benachbart, und der Glaube an die Gerechtigkeit und die Güte Gottes war immer wieder schwerster Belastung ausgesetzt, um dieses Leid zu ertragen.

Auch unsere Familie blieb von solchem Geschick nicht verschont. Dies war den Gründern der ersten Familienstiftung sehr wohl bewusst, ging sie doch von den Nachkommen Heinrich Hartmann Zellers (ZB § 48) aus, des Pfarrers in Sulzbach, der 1786 im Alter von 48 Jahren starb und 9 Kinder hinterließ: 18 Jahre war der Älteste, 2½ zählte das jüngste. Die Witwe stand völlig mittellos vor dem Nichts. Den gemeinsamen Familienhaushalt fortzusetzen war unmöglich, die Kinder mussten auf verwandte und befreundete Familien verteilt werden, nur zweien von 5 Söhnen konnte ein Theologiestudium ermöglicht werden. Die Mutter fand mit dem jüngsten in einem kleinen, unheizbaren Zimmer im Walheimer Pfarrhaus Unterkunft. Aber die seelischen, geistigen und körperlichen Kräfte zerbrachen nicht, ja es schien, als ob neue Kräfte zuwuchsen, denn aus den Ehen der Kinder bildeten sich vier neue Äste am Baume der Familie mit einer zahlreichen Nachkommenschaft.

Allerdings eine Generation später wiederholte sich bei dem Besigheimer Dekan Magnus Friedrich Zeller (ZB § 53) dasselbe Schicksal, ja in fast noch grausamerer Art, denn innerhalb eines Vierteljahres - es war 1843 - wurde er und seine Frau durch Typhus hinweggerafft. Neun Kinder, im Alter von 1 bis zu 14 Jahren, standen am Grabe der Eltern. Liesel Reichle hat in einer eindringlichen Studie der Zeller-Hefte, die Geschicke dieser Kinder beschrieben. Ich greife diesen Bericht auf, weil er in exemplarischer Weise zeigt, wie in diesem Falle der Verlust der Mitte, also der Verlust der Familie, zur weltweiten Zerstreuung führte, aber wiederum die Katastrophe überstanden und ganz neue Entwicklungen erreicht wurden. Ein Sohn, es war Johannes, wird Missionar in Palästina. Albert, der zweite, Pastor in Nordamerika, Wilhelm, nach Lehrjahren in der Schweiz, in Belgien und England, Universitätsgärtner in Marburg und Tübingen. Hermann, der jüngste, der auch nach Amerika auswandert, konvertiert zum Katholizismus, wird zum Pater Ignatius und wirkt bis in höchste Jahre als Priester in New York.

Johannes, der Missionar, der in Jerusalem 1859 Hanna Gobat, eine Tochter des Bischofs Samuel Gobat von Jerusalem heiratet, der übrigens Schwiegersohn des Begründers der Beuggener Anstalten Christian Heinrich Zeller war und in Palästina, in Ägypten und Abessinien missioniert hatte, bekam 8 Kinder, Albert der Amerikaner 6, und Wilhelm, der Universitätsgärtner 8. Weit über das Heimatland hinaus wird die Sippe in dieser einen Generation geführt, zugleich zu neuen Anfängen in fernen Kontinenten. In neuen Familien werden neue Mittelpunkte geschaffen, aber auch in der Fremde, die zur neuen Heimat wurde, blieb das Bewusstsein der alten Heimat und Herkunft erhalten.

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Geht der Blick zurück auf die Geschichte und Geschicke der eigenen Familie, - nur einige wenige Hinweise zu geben, ist mir in diesem Zusammenhang möglich - so zeigt sich nicht nur an den ungewöhnlichen Daten der heutigen Jubiläumsfeier, nicht nur in der großartigen Leistung genealogischer Forschung, die in den drei Zeller-Büchern von Felix Zeller, Max Cramer und Karl August Zeller zum Ausdruck kommt, sondern an zahlreichen weiteren Dokumenten, an Briefen, Ahnentafeln, Stammbäumen, Nekrologen, dass sich die Zeller aus Martinszell schon zu sehr früher Zeit ihrer gemeinsamen Tradition besonnen haben, dass die persönliche Verbundenheit, begünstigt natürlich durch die Kleinheit des Landes und durch vielfach verwandte Berufe mit getreuem, auch stolzem Interesse wahrgenommen und gepflegt, dass Ethos und Glauben der Altvorderen als Auftrag und Aufgabe verstanden wurden.

Sich mit seinen Ahnen zu beschäftigen, heißt ja nicht, das Gerüst von Stammtafeln einem Briefmarken-Album gleich mit Namen und Daten zu besetzen oder mit dem kümmerlichen Anspruch des Spätgeborenen sich die Leistung einzelner berühmter Vorfahren, gleichsam als wärens die eigenen, anzueignen, sondern in den Gestalten der Väter, Groß- und Urgroßväter den Typus der Gens, die Charakteristica der Familie zu erkennen, im Einzelnen die Dimensionen geschichtlichen Lebens zu erfahren. Am Schicksal der eigenen Familie kann Geschichte an sich erlebt und begriffen werden. Gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung lassen sich an den Generationenfolgen des eigenen Geschlechts erkennen und unmittelbar nachvollziehen.

Betrachtet man die Geschichte der Völker, so sind es stets die großen und hohen Kulturen gewesen, die ihre Vergangenheit, die die Welt ihrer Väter, in ihre Gegenwart hineingenommen haben. Vornehmes Recht im antiken Rom, um nur ein Beispiel zu nennen, war das jus imaginum, das Recht, berühmte Ahnen im Bilde, genauer in Masken, gegenwärtig zu halten; d. h. im Hause aufzustellen. Die Zukunft wurzelt in der Vergangenheit; Wurzellosigkeit verleugnet den Sinn menschlicher Existenz. Blicken wir in die Gesichter jener Ahnherren, die uns aus alten Kupferstichen, zuweilen auch aus vergilbten Fotographien, entgegentreten, so blicken wir in die verwitterten Gesichter von Pfarrherrn und Ephoren, von Prälaten und Professoren, Amtmännern, Ärzten, Apothekern und Schulmeistern. Gravitas und Severitas, die Würden und Pflichten des Amtes, sprechen aus vielen dieser Gesichter, und wir vermissen die Serenitas, die Heiterkeit des Lebens. Aber wir lesen dafür in einer der Bildlegenden: „e facie pietas nitens“, die Frömmigkeit glänzet aus seinem Antlitz. Zeller'sche Ahnen finden sich auch in der berühmten Bildnissammlung der Tübinger Universität: so Christoph Zeller, der Begründer der Denkendorfer Linie und Johannes Zeller, eine Leuchte der medizinischen Fakultät. Aber in diese Porträt-Galerie gehört auch das kritisch strenge Selbstbildnis von Magnus Zeller, eines großen Künstlers unseres Jahrhunderts, das in der Jubiläumsschrift wiedergegeben ist.

Als Karikatur findet sich übrigens ein Zeller'scher Prälat ausgerechnet an einer Wand der Stiftskirche von Stuttgart überliefert. Dort hat man nämlich vor nicht allzulanger Zeit nahe der Sakristei eine Art von Arrestzelle für unbotmäßige Geistliche des Landes entdeckt mit zahllosen Kritzeleien an den Wänden. „Zellerus in Zella“ entziffert man, und an anderer Stelle ist zu lesen „Ich, Friedrich Jakob Ruoff aus Altburg, bin für zwei Tage hier eingekastelt, weil ich meines Großvaters Weisheit in den Wind geschlagen habe.“ Dazu kommt nun die Karikatur und darunter steht geschrieben: „Das ist der vielgeschäftige Greis mit Namen Zeller“.

Als eine „natura angelica“ wurde Eduard Zeller von David Friedrich Strauß bezeichnet, und jener Albert Zeller, der nach seinen Studien in den großen Irrenanstalten Deutschlands, in England, Schottland und Frankreich, die Nervenheilanstalt Winnental aufgebaut und dort in 44 Dienstjahren 3.600 geisteskranke Menschen behandelt hat - davon zwei Drittel mit Erfolg - muss nach allen Zeugnissen der Zeitgenossen eine Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft und besonderem Charisma gewesen sein, geprägt von Güte, Wissen, Gläubigkeit und der Unermüdlichkeit selbstlosen Handelns. In seinen Gedichten, den „Liedern des Leids“, hat er den Tod seiner Frau, die er 30 Jahre überleben sollte, mit einer schlichten, bewegenden Frömmigkeit beklagt. „Philippe Pinel hatte den Geisteskranken ihre Ketten genommen, Albert Zeller gab ihnen ihre Menschenwürde zurück“, lesen wir in einer kürzlich erschienenen medizin-historischen Abhandlung.

In gleichem Geiste wurde in der Armenschullehreranstalt in Beuggen, wurde in Lichtenstern, wurde schlicht, sparsam und nicht ohne Härte in den Seminaren - sei es in Maulbronn, in Bebenhausen oder Denkendorf - gelebt, gearbeitet, gebetet. Hier in strenger pietistischer Zucht, dort freiheitlicher gesonnen und liberalerer Lebenshaltung zugewandt, hier als Dorfpfarrer in großräumigen, gastfreundlichen Pfarrhäusern einsamer Weiler, dort als Rektor magnificus an der Spitze der Universität oder als Konsistorialpräsident verantwortlich für die Kirche des ganzen Landes.

Aber auch höchst sonderbare, wunderliche, originelle Köpfe finden sich im weiten Kreise. Man erinnere sich etwa an Karl August Zeller, den großen Pädagogen im Geiste Pestalozzis, er verfiel, als er zeitweise in Ostpreußen ein Waisenhaus leitete, auf die absurde Idee, dass der Mensch, analog geschichtlicher Entwicklung, zuerst als Heide, dann als Jude und erst zuletzt als Christ erzogen werden müsse; in einer anderen Funktion - es soll hierzulande gewesen sein -, empfahl er der erstaunten Behörde, ihren Volksschullehrern zur besseren Bewältigung ihres schweren Amtes täglich ein bestimmtes Quantum Rotwein zu bewilligen.

Zu erinnern wäre aber auch an Gustav Zeller (ZB § 123), den vielgeschäftigen, der es als Verwaltungsbeamter bis zum Präsidenten, zum Mitglied des Staatsgerichtshofes und Landtagsabgeordneten gebracht hat, daneben aber ein so leidenschaftlicher Naturforscher, im besonderen Algenforscher war; dass ihm zu Ehren eine auf den Molukken gefundene Rotalgenart. „Zellera“ geannt wurde. (Martin Zeller hat das Leben dieses Ahnherrn in der Jubiläumsschrift sehr lebendig geschildert). Und schließlich mag jener handfesten Christina Heinrike Charlotte Zeller gedacht werden, die zwar mit gutwilliger Nachsicht die pietistischen Erbauungsstunden ihres Bruders Heinrich erduldete, aber ihm dann doch, wie Ottilie Wildermuth köstlich erzählt, erklärte: ;,Nur's Knien, Heiner, s'Hinknien mußt Du mir nicht zumuten, sieh' ich bin zu dick, ich komm nicht wieder auf.“

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Erinnerung an die Familie, an Eltern und Ahnen, heißt stets Besinnung auf Vater und Mutter, auf Großeltern väter- wie mütterlicherseits. Von zwei Seiten her, oft im temperamentvollen Gegensatz, wird das Leben in der Familie bestimmt, werden Einflüsse geformt. Der Name und die berufliche Leistung des Mannes werden häufig genannt, aber ohne die Frauen - und wie viele bedeutende, aktive, große und großherzige Frauengestalten hat es gegeben und gibt es in unserer Familie - ohne die Mütter, die ihren Kindern Geschichten erzählen, die ersten Lieder singen, noch spielen können, Briefe schreiben, und Schulnöte anhören, aber auch ohne die Großmütter und Tanten, die im vielköpfigen Haushalt Regie führten und Geborgenheit schufen, ist Familie nicht denkbar. Viele dieser Frauen haben sich und mussten sich - oftmals nicht ohne große persönliche Opfer -, mit den Berufen des Mannes gleichsam identifizieren: ob sie nun als Frau eines Pfarrers, eines Arztes, eines Lehrers, oder in anderen Funktionen den ihnen zugewiesenen (sozusagen erheirateten) Part zu übernehmen und zu spielen hatten.

Dass jede Eheschließung und Familiengründung zwei Menschen mit meist ganz verschiedenen Familienherkünften, Familienhintergründen und Familienvergangenheiten zusammenführt und dadurch eine neue Einheit geschaffen wird, ist eine banale Weisheit, und doch muss man sich immer wieder bewusst machen, - auch bei einem Feste der Zeller -, dass die Ahnentafel jedes einzelnen von uns Dutzende und Aberdutzende von verschiedenen Familiennamen umfasst, und dass die Werner, die Völter, die Abel und Cramer, die Roth und Paulus, die Hochstetter und Hartmann, und wie sie alle sonst noch heißen, mit in die Vorfahrenschaft eingeschlossen werden müssen. Allerdings zeit ger Rückblick, dass diese vielfach in sich verflochtenen, verschwägerten und versippten Geschlechter hier in Württemberg bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts trotz mancher Ausbrüche, Ein- und Ausheiraten, eine erstaunliche Homogenität aufweisen, eine Geschlossenheit der gesellschaftlichen, sozialen und auch beruflichen Struktur, die zu einem gut Teil mit der sogenannten Ehrbarkeit identisch war, einer mittleren und gehobenen Bürgerschicht also, in der die theologischen, medizinischen, juristischen und pädagogischen Berufe vorherrschten. Schwach nur sind handwerkliche, kaufmännische, naturwissenschaftlich-technische und künstlerische Berufe besetzt, die Landwirtschaft und damit auch überdauernder Grundbesitz fehlen fast ganz.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste die wachsende Mobilität das gesamte Leben; die Auswanderungsbewegung, missionarische Aufgaben und die beginnende Industrialisierung veränderten auch die Lebensverhältnisse jener Familien, die bis dahin einigermaßen konstant gewesen waren.

Über Höhen und Tiefen führten, überblickt man die Jahrhunderte, die Wege der Familie. Im 17. Jahrhundert hat der 30jährige Krieg mit seinen grausamen Plünderungen, seinen Seuchen und Hungersnöten Stadt und Land verödet. Auch mancher Zeller'sche Pfarrherr ist mit seiner Gemeinde in die Wälder geflüchtet; alte Totentafeln zeugen von dem furchtbaren Massensterben besonders im Pestjahr 1635. Wenige Jahrzehnte danach aber findet sich eine mit heutigen Augen gesehen fast unvorstellbare Fruchtbarkeit, ja ein - gedenkt man der Mütter - kaum mehr verantwortbarer Kinderreichtum. Christoph Zeller (ZB § 190), der Begründer der Denkendorfer Linie, hatte aus zwei Ehen 16 Kinder und 69 Enkel, Johannes Zeller (ZB § 444), der Königsbronner Prälat, Abendprediger in Tübingen, Professor der Philosophie und Mitglied des großen Landtagsausschusses, mit den Lebensdaten 1690-1765, hat in drei Ehen 18 Kinder gezeugt. Seine älteste Tochter Rosine hatte ihrerseits 15 Kinder, und das 15. wurde die Mutter Ludwig Uhlands. Insgesamt hatte dieser Ahnherr, einschließlich der Frühverstorbenen, 88 Enkelkinder.

Eingeflochten in den Gang der politischen Geschichte - mithandelnd zuweilen, zumeist aber mitleidend - verläuft auch die Geschichte der Zeller'schen Familie. Auf Napoleons Befehl zog 1812 auch Ludwig Eberhard Zeller (ZB 406.9), Sohn des Hohenentringer Schloßherrn, nach Rußland um nicht wiederzukehren, 19 Glieder der Familie nennt das Zellerbuch, die im ersten Weltkrieg gefallen sind, und wie viele Leben wurden in dem letzten Krieg gewaltsam ausgelöscht? Der Brief des Waiblinger Dekans Hermann Zeller, als ein zeitgeschichtliches Dokument in der Jubiläumsschrift abgedruckt, zieht das erschütternde Fazit dieser Epoche, die für viele von uns Gegenwart gewesen ist und noch nicht zur „bewältigten Vergangenheit“ gehört.

Doch wie steht es heute?

Neue Probleme, Krisen, Gefährdungen bedrohen Familie, Gesellschaft und Staat, und es wäre töricht, mit einer billigen Familienseligkeit und mit naivem Stolz auf vergangene Leistungen darüber hinwegzusehen.

An die Stelle der überwundenen Kindersterblichkeit ist der Geburtenschwund getreten, neben der ehelichen Gemeinschaft als innerster Zelle der Familie sind aus mancherlei und keineswegs nur leichtgewichtigen Gründen freiere, unverbindlichere Formen der Partnerschaft entstanden. Die individuellen Lebensansprüche des nach Unabhängigkeit und Emanzipation strebenden Menschen - des Mannes wie der Frau - beginnen die Strukturen traditioneller Lebensordnungen, aber auch moralische und ethische Normen zu verändern, ohne dass neue Maßstäbe gesetzt, ja überhaupt entwickelt wurden. Eine Umwertung deutet sich an, bei der die Werte des Nutzens über die Werte des Lebens gestellt werden. Traditionen werden Last und Belastung; sich zu befreien gilt es - so tönt die Parole - vom Erbe der Väter, vom Moder der Jahrhunderte.

Mit dem wachsenden Lebensstandard geht die wachsende Zerstörung der Umwelt, mit der Perfektionierung technischer Leistung die Gefahr totaler Vernichtung parallel. Doch längst ist an die Stelle euphorischer Fortschrittsgläubigkeit die Angst vor dem Morgen getreten und der Verlust an Lebensvertrauen ins Unmessbare gewachsen.

Diese Entwicklungen, hier nur mit einigen Stichworten angedeutet, wollen und sollen nicht larmoyant beklagt werden. Sie sind bekannt, analysierbar und geben Anlass zu den verschiedenen Prognosen und Verhaltensweisen. Sicher ist, dass es keine sicheren Rezepte, ebenso sicher aber ist, dass es Gegenkräfte gibt, auch für die Sinnerhaltung des Lebens. Die Bedrohung ist als eine Herausforderung zu verstehen, die jeden angeht und der sich jeder zu stellen hat.

Unter solchen Aspekten, die hier nur gleichsam als Hintergrund skizziert werden können, erhält auch die Erhaltung der Familie als eines notwendigen Kontinuums eine große und neue Bedeutung, auch eine neue Verantwortung, die über den Sinn und Zweck reiner Familien-Traditionsverbände hinausweist. Gegenüber der Nivellierung und der Atomisierung menschlichen Lebens innerhalb der Zivilisation der Moderne gilt es, die Familie als eine lebendige Form menschlicher Gemeinschaft, als ein Element der Hoffnung zu erhalten, als jene innerste Zelle, in der Leben als lebenswert bewahrt und weitergegeben und in der im Blick zurück und im Blick nach vorn auch der Glaube an die Kräfte ständiger Erneuerung wachgehalten wird.
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