Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Der Philosoph Eduard Zeller (1814-1908)

Vortrag bei der Feier anläßlich seines 175. Geburtstages
in Kleinbottwar am 22. Januar
1989
Prof. Dr. Bernhard Zeller


Anhang zur Festschrift »Eduard Zeller zum 175. Geburtstag«
herausgegeben vom evangelischen Pfarramt Kleinbottwar
7141 Steinheim-Kleinbottwar, verantwortlich Pfarrer Uber

 
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Am 19. März 1908 ist Eduard Zeller, dessen wir heute gedenken, in Stuttgart gestorben. Menschen, die heute ein Alter von acht Jahrzehnten erreicht haben, waren also noch seine Zeitgenossen. Geht man aber seinem über 94 Jahre zählenden Leben entlang in die Zeiten zurück, zurück hinter die Jahrhundertwende und das Zeitalter Bismarcks, hinter den Krieg mit Frankreich 1870/71 und die Gründung des Deutschen Reiches, zurück auch hinter die gescheiterte Revolution von 1848 und die Juli-Revolution von 1830 und erreicht dann das Jahr 1814, in dem Eduard Zeller hier in Kleinbottwar geboren wurde, so steht man im Zeitalter Napoleons und des Wiener Kongresses, in den ersten Anfängen des Königreichs Württemberg und im Jahre, in dem Goethe den »West-östlichen Divan«, in dem Uhland und Kerner ihre frühen Gedichte geschrieben, und Beethoven den »Fidelio« komponiert hat.

Nahezu ein Jahrhundert umspannt das Leben dieses Mannes, ein Jahrhundert, in dem die Welt grundlegender, eingreifender, verhängnisvoller als je zuvor in der Menschheitsgeschichte verändert wurde.

Als im Sommer 1908 in der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der vornehmsten und angesehensten wissenschaftlichen Institution des einstigen Deutschlands, eine Gedächtnisfeier zu Ehren Eduard Zellers stattfand, begann Professor Hermann Diels, ein klassischer Philologe von Rang, seine Gedenkrede auf das verstorbene Akademiemitglied mit den Worten:

»Eduard Zeller ist der letzte in der Schar jener großen Akademiker des vorigen Jahrhunderts, zu denen wir Nachfahren mit bewundernder Scheu emporblicken. Neben den beiden ausgeprägten Norddeutschen, Helmholtz, dem Heroen der Naturwissenschaft, und Mommsen, dem Geschichtsschreiber Roms, dem Organisator der historischen Arbeit, steht als Dritter, mit beiden innig befreundet und an beider Forschung teilnehmend und doch durchaus eigenartig und bodenständig, der schwäbische Theologe mit seinem weltumfassenden Philosophenblick. « Eine Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften und ein Deutsches Reich gibt es heute nicht mehr, und auch Berlin ist nicht mehr der unbestrittene geistige und politische Mittelpunkt Deutschlands. Traditionen - auch solche des Gedenkens und der Gedenkorte - wurden in unserem Jahrhundert in vielfacher Weise zerbrochen und zerstört. Umso bemerkenswerter ist es und umso mehr an Beachtung verdient es, dass sich die Heimatgemeinde, dass sich Kleinbottwar, der Ort, wo Eduard Zeller vor 175 Jahren zur Welt kam, seiner besonnen hat, dass hier des Gelehrten, des Theologen und großen Historikers der Philosophie gedacht wird, eines Mannes, dessen Werk und dessen eigentliche Lebensleistung schwerlich in eine direkte Verbindung mit dem damaligen wie heutigen Kleinbottwar gebracht werden kann, und der doch, wie der heutige Tag und wie die Jubiläumsschrift beweisen, gerade hier nicht vergessen ist.

Bevor ich den Versuch mache, die Gestalt Eduard Zellers ein wenig zu vergegenwärtigen, einen Versuch, der natürlich im Rahmen eines knappen Vortrags weder den Weg seines weit ausgreifenden Lebens mit einiger Vollständigkeit nachzeichnen kann noch in seine wissenschaftliche Welt tiefer einzudringen vermag, möchte ich daher von meiner Seite aus, nicht zuletzt auch als Angehöriger des Zeller'schen Familienverbands und Mitglied seines Beirats, all denen, die sich für diesen Tag der Erinnerung eingesetzt und Beiträge für die Festschrift geliefert haben, im besonderen Herrn Pfarrer Uber, großen und herzlichen Dank sagen. Das Geleistete ist keineswegs selbstverständlich. Der Name Zeller ist nicht selten in unserem Lande. Eduard Zeller gehört zu jenem Geschlecht, dessen erster bekannt gewordener Vorfahre aus Martinszell bei Kempten stammt und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Steinmetz und Baumeister auf der Feste Hohentwiel nachgewiesen werden kann. Der Enkel und die Urenkel dieses Konrad Zellers wurden württembergische Pfarrer, und die protestantische Theologie bestimmte für Jahrhunderte die Berufswahl innerhalb der Familie. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts waren die Prälaturen beziehungsweise Ephorate an den evangelischen Klosterschulen in Maulbronn, in Denkendorf und Bebenhausen von drei Zeller-Brüdern besetzt, und der vierte amtierte als Geheimrat am herzoglichen Hof in Stuttgart. Diese vier Brüder wurden zu Stammvätern der sich weit verzweigenden Familie. Der Ur-Ur-Enkel des Bebenhausener Prälaten und Generalsuperintendenten Johann Konrad Zeller war der Sulzbacher Pfarrer Heinrich Hartmann Zeller, des Großvaters von Eduard Zeller. Dieser Heinrich Hartmann-Zeller, ein gläubiger Pietist, starb 1786 im Alter von 48 Jahren. Lange Krankheit hatte all seinen Besitz aufgezehrt, und so stand die Witwe, Agathe Maria, geb. Laux, die ihm zehn Kinder geboren hatte, von denen noch neun lebten - das älteste mit 18, das jüngste mit 2½ Jahren -, buchstäblich vor dem Nichts. Die Kinder mussten auf verschiedene Familien verteilt werden, konnten großenteils nicht studieren; sie selbst fand zusammen mit dem Jüngsten in einem kleinen Zimmer im Walheimer Pfarrhaus Unterkunft. Aber, so wird berichtet: »Ihr Wesen war fest, abgehärtet, kernhaft, dabei von einer rührenden Bescheidenheit. Ein weiches, sentimentales Christentum war ihr zuwider. Nie hörte man von ihr ein Wort der Klage ... «

Johann Heinrich, ihr fünfter Sohn, dem wie anderen seiner Brüder das Studium versagt war, musste die für Württemberg damals typische Schreiberlaufbahn einschlagen. Der Knabe verbrachte eine grausam strenge Lehre bei einem Verwandten in Denkendorf, der er nach drei Jahren in völliger Verzweiflung entlief. Er kam dann als Gehilfe auf die Kanzlei eines Onkels in Bietigheim, gewann das Vertrauen des Landschaftskonsulenten Mader und wurde dank seiner Tüchtigkeit schon im Alter von 23 Jahren zunächst provisorischer, bald aber ständiger Amtmann in Kleinbottwar. Von 1795 an - 42 Jahre hindurch - war er hier tätig als Stabamtmann, das heißt als erster Ortsvorsteher und ab 1806, als das Dorf Württemberg einverleibt wurde, als Rentamtmann der Gutsherrschaft von Kniestädt.

Eduard Zeller, der als das achte von insgesamt neun Kindern geboren wurde, schildert seinen Vater als eine Erscheinung, die »durch die Schlichtheit, Geradheit, Zuverlässigkeit« etwas Vertrauenserweckendes gehabt habe, ein Vorbild der Gewissenhaftigkeit, der Wahrheitsliebe und Rechtschaffenheit war, besonnen und gerecht in der Beurteilung und Behandlung von Menschen und Dingen. Groß war sein Ansehen auch weit über den Ort hinaus, gerühmt wurde seine soziale Haltung, und zu seinen weit wirkenden Leistungen gehörte die Gründung einer privaten Armenkasse. Die Mutter, Johanna Christiane, eine geborene Camerer, aus ländlichem Pfarrhaus stammend, besaß, so schreibt der Sohn später, ein reiches Gemüt und einen hellen, durch und durch gesunden Verstand, der sich mit großer Herzensgüte verband. In einem Briefe Zellers an Henriette Valentin lesen wir über sie: »Durchaus tüchtig und einfach verständig in ihrem Wesen hat sie ein langes Leben mit unendlicher Tätigkeit, Liebe und Treue ausgefüllt; sie hatte das seltene Glück, dass ihr von neun Kindern keines im Tod voranging, dass alle ihre Töchter, mit Ausnahme einer früh verwitweten, verheiratet, alle ihre Söhne zu einer entsprechenden Stellung im Leben und mit Ausnahme eines einzigen auch alle zu Frauen mit denen sie glücklich lebten, gelangt waren ...«

In den »Erinnerungen eines 90jährigen«, einer bescheidenen und vornehmen Darstellung des eigenen Lebens, auf der meine biographische Skizze - neben der großen Würdigung Diels - im wesentlichen fußt, erzählt Eduard Zeller mit Liebe von den Kleinbottwarer Kinderjahren, von dem bäuerlichen Leben, vor allem von dem bunten Fest der jährlichen Weinlese, von der landwirtschaftlichen Tätigkeit des Vaters, von Geschwistern, Verwandten und dem Geiste des praktischen, undogmatischen, liberalen Christentums, das im Hause herrschte. In anschaulicher Weise hat Frau Barbara Hlauschka-Steffe in dem Lebensbild von Eduard Zeller, das sie für die Jubiläumsschrift geschrieben hat, davon berichtet. Die Dorfschule des Ortes, der dazumal 784 Einwohner in 123 Häusern, 42 Scheuern und 61 Stallplätze für Pferde zählte, wurde nicht besucht. Der Provisor kam ins Haus, und der Vater unterrichtete seine Kinder selbst; ja als zur Aufnahme in die Backnanger Lateinschule Anfangskenntnisse im Griechischen vorausgesetzt wurden, begann der Vater selbst Griechisch zu lernen; er war seinem Sohne Eduard jeweils nur zwei oder drei Lektionen im Jakobschen Lehrbuche voraus.

Ergänzt wurde der Unterricht durch den »Schwäbischen Merkur«, aus dem der Vater alles Wissenswerte vorlas, und durch die Bücher seiner kleinen Bibliothek, in der die Werke von Klopstock, Gellert und Hagedorn standen, Goethe kaum, Schiller gar nicht vertreten war. Im Frühjahr 1822, also mit acht Jahren, musste Eduard Zeller sein Elternhaus verlassen. Er wird für fünf Jahre in das Haus und in die Lateinschule des Präzeptors Scheid nach Backnang gebracht, eine der für Württemberg typischen kleinen Gelehrtenschulen, wo zur Vorbereitung auf das Landexamen, die überaus schwierige Zulassungsprüfung zur Aufnahme in eines der niederen evangelischen Seminare, vorwiegend Latein und Griechisch und bald auch Hebräisch gepaukt wurden. Aber der Unterricht macht dem begabten Knaben keine Schwierigkeiten. Er besteht die Prüfungen, verbringt noch ein halbes Jahr im Stuttgarter Gymnasium illustre und bezieht dann im Oktober 1827 das Seminar in Maulbronn. Dass die theologische Laufbahn angestrebt wird, ist von Anfang an gleichsam selbstverständlich und scheint kaum besonderer Erörterungen bedurft zu haben.

In den vier Maulbronner Jahren, die Eduard Zeller als Primus seiner Promotion durchläuft, bilden die alten Sprachen den Schwerpunkt der Ausbildung. Ja, er beschäftigt sich winters von 5 bis 6 Uhr früh noch im Selbststudium mit Griechisch, findet einen Repetenten, der freiwillig englische Sprachstunden gibt und treibt zusammen mit Hermann Kurz, dem Stubengenossen und Freunde, dessen dichterische Phantasie und Begabung früh schon deutlich wurden, Italienisch. Gemeinsam, wenn auch anonym, geben die Freunde 1832 »Ausgewählte Poesien von Lord Byron, Thomas Moore, Walter Scott und anderen« englischen Dichtern in deutschen Übertragungen heraus, und Anerkennung findet die Formsicherheit von Zellers Aufsätzen. Seine ungewöhnliche philologische Begabung, besonders sein Gefühl für die Eigentümlichkeiten der griechischen Sprache sind bereits im Seminar unübersehbar.

Zu den Maulbronner Kompromotionalen, also den Mitgliedern seines Jahrgangs, zählt übrigens auch Hermann Gundert, der einmal der verehrte Großvater Hermann Hesses werden sollte; auch er eine Sprachbegabung hohen Ranges. 25 Jahre war er später Missionar in Malabar und erwarb sich große Verdienste um die Erforschung der Sprache der Malayam. In die letzten Maulbronner Wochen fällt als Ausdruck der allgemeinen Begeisterung und Hilfsbereitschaft für die aus ihrer Heimat geflüchteten Polen ein im Hörsaal des Seminars veranstaltetes Konzert »Zum Benefiz der edelen Polonen« und wird von Seminaristen vor Polenfreunden aus nah und fern »mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung« die Posse »Hedwig, die Banditenbraut« von Theodor Körner aufgeführt.

Für einige Monate war David Friedrich Strauß, den Eduard Zeller schon während dessen Kleiningersheimer Vikariatszeit näher kennen gelernt hatte, Repetent in Maulbronn. »Unser neuer Lehrer Strauß«, so heißt es in der Erinnerung, »gewann uns bald durch die Klarheit und Lebendigkeit seines Unterrichts wie durch seine Persönlichkeit«.

Die vorgezeichnete Laufbahn führt im Herbst 1831 vom Maulbronner Stift nach Tübingen, wo gleichzeitig der älteste Bruder, der nachmalige Besigheimer Dekan Wilhelm Zeller, als Repetent eintritt und der um zwei Jahre ältere Bruder Gustav, der später hohe Verwaltungsämter innehatte, Präsident, Mitglied des Staatsgerichtshof und Landtagsabgeordneter wurde, mit dem Studium der Verwaltungswissenschaften beginnt.

Für den Studiengang ist die traditionelle Stiftungsordnung maßgebend. Sie schreibt nach altem Brauch einen Kursus von acht Semestern vor, von denen die drei ersten der Philosophie, die fünf weiteren dem Studium der Theologie gelten. Geschichte der Philosophie, die Lektüre von Platons Republik und der Hauptschriften von Kant, Jacobi, Fichte und Schelling stehen also zunächst im Vordergrund. »Über die historische Entwicklung des transzendentalen Idealismus« lautet der Titel einer der ersten Stiftsaufsätze des 1 8jährigen. Kapff, damals Repetent, später Prälat und führender Pietist in Stuttgart, schließt seine glänzende Beurteilung dieser Arbeit mit dem Satz: »Schärfe, Klarheit und Tiefe zeichnen den Verfasser auf gleiche Weise aus«. »Über die Beziehungen zwischen Griechenland und Ägypten bis auf Herodot« war das Thema einer Preisaufgabe, die Zeller bereits im dritten Semester gewann.

Bedeutsam für ihn wurde die Philosophie Hegels, die von dem nunmehrigen Stiftsrepetenten Strauß, der noch kurz vor Hegels Tod ein Semester in Berlin studiert hatte, vorgetragen und vertreten wurde. Auch in Tübingen galt der in Ludwigsburg geborene und damals erst 24 Jahre zählende Strauß als faszinierender und allgemein beliebter Lehrer, der ungewöhnlichen Zulauf hatte. Hermann Kurz wie Hermann Gundert berichteten in ihren Briefen aus jener Zeit begeistert von dem starken Eindruck seiner Vorlesungen über »Logik und Metaphysik«.

Bei Ludwig Uhland, der als Dichter wie als Universitätslehrer, als Freiheitsmann und Führer der Opposition verehrt wird, hört Eduard Zeller Vorlesungen über deutsche Sagen; er beteiligt sich auch an seinem sogenannten »Stylisticum« , und bald verbindet ihn mit dem Dichter eine nähere persönliche Bekanntschaft. 1833, als Uhland zu allgemeiner Empörung der Urlaub für die Ausübung seines Landtagsmandats vom König verweigert wird, und der stolze Mann die Erniedrigung mit der Niederlegung seiner Professur beantwortet, lässt die Studentenschaft zu seiner Ehrung einen wertvollen Pokal herstellen und Zeller erhält den Auftrag, ihn mit einer Ansprache dem Dichter zu überreichen.

Zu den Freunden und Bekannten der Studienjahre gehören neben Hermann Kurz, Karl Gerok und Gustav Bockshammer auch Gustav Rümelin, der spätere Kanzler der Universität, Berthold Auerbach, Gustav Reuschle, Moritz Rapp und Robert Mayer, der als Entdecker der mechanischen Wärmetheorie und der Lehre von der Erhaltung der Kraft berühmt geworden ist.

Von den theologischen Lehrern - die Fakultät zählte vier Professoren - gewann tieferen und bleibenderen Einfluss nur Ferdinand Christian Baur, der damals mit seinen historisch-kritischen Untersuchungen über das Ur-Christentum und die neutestamentlichen Schriften begann. Er war ein imponierender, geistvoller, gründlicher Lehrer und Forscher, ein kühner wissenschaftlicher Neuerer, war der einzige Theologe, als dessen Schüler sich Zeller betrachtete. Unter seiner Führung erlebte er die Wandlungen der protestantischen Theologie seit Schleiermacher und Hegel. Die Begegnung mit ihm entschied über sein Leben.

Interessant ist übrigens, dass Zeller Kirchengeschichte nicht nur bei Baur, sondern zum zweiten Mal auch bei dessen berühmtem katholischen Gegner, Professor Möhler, hörte, dem größten Gelehrten, den die katholische Theologie im 19. Jahrhundert neben Döllinger besaß.

1836 beendete Eduard Zeller seine theologischen Studien mit der Note la, beschäftigte sich aber noch ein neuntes Semester mit dem Einfluß der griechischen Philosophie auf die christliche Religion und schrieb eine Arbeit über »Philosophie, Platonismus und Christentum«.

Das ungewöhnliche wissenschaftliche Interesse und die besondere Begabung für philosophische und theologische Probleme wiesen Zeller wie selbstverständlich auf eine akademische Laufbahn. Doch inzwischen hatte sich ein wissenschaftliches Ereignis vollzogen, das auch ihn aufs tiefste ergriff und einen Sturm in der protestantischen Theologie entfesseln sollte. Im Sommer 1835 war »Das Leben Jesu kritisch bearbeitet« von David Friedrich Strauß erschienen. »Man muss es miterlebt haben«, schrieb der 90jährige in seinen Erinnerungen, »um sich eine ausreichende Vorstellung von dem Eindruck zu machen, den dieses Werk auf die Zeitgenossen und besonders auf die Theologen hervorbrachte, unter die es wie eine Bombe fiel, sie für immer aus der Sorglosigkeit und Vertrauensseligkeit aufschreckend, mit der Männer aller Parteien, Rationalisten wie Supranaturalisten und nicht zum Wenigsten die Schüler Schleiermachers und Hegels, fast ohne Ausnahme die evangelischen Erzählungen behandelten. Wir jungen Leute, soweit wir auf der Seite des wissenschaftlichen Fortschritts standen, nahmen für Strauß sofort entschieden Partei :..« Sein Werk war, wie Zeller noch nach Jahrzehnten erklärt, »eine wissenschaftliche Tat von epochemachender Bedeutung«.

Innige Freundschaft mit Strauß, dessen tapferer Wahrhaftigkeit Zeller auch später stets in menschlich schöner Pietät gedachte, und der starke Einfluß von Baur wurden für die weitere geistige Entwicklung, aber auch für das persönliche Lebensschicksal Eduard Zellers bestimmend. Vier Jahrzehnte später hat er die »Gesammelten Schriften« von David Friedrich Strauß nach dessen letztwilligen Bestimmungen zusammengestellt und jeden der zwölf Bände eingeleitet und mit erklärenden Nachweisungen versehen, stets mit nobler Sachlichkeit und Objektivität auch da, wo die Meinungen auseinander gingen. Zunächst allerdings führte ihn sein Weg eher in die Idylle. Er wird 1836 Vikar bei seinem Vetter, dem späteren Besigheimer Dekan Magnus Friedrich Zeller in Nellingen, einem liebenswürdigen, leider früh verstorbenen Manne, der zehn Kinder hatte und eine so treffliche Frau, dass der Nellinger Löwenwirt einmal erklärte: »Das ist eine Frau, die sollte man grad' zu Pulver verbrennen und jedem Weib im Lande einen Löffel davon eingeben«. Die Vikariatspflichten sind wenig zeitraubend: zwei Religionsstunden, einige Kinderlehren und Predigten, die abwechselnd in Nellingen und Berkheim gehalten werden. Für Thema und Disposition der Predigt genügten Zeller ein Abendspaziergang und einige Notizen. Die Ausführung überließ er der Eingebung des Moments. »Meine ländliche Zuhörerschaft hat das schwerlich bemerkt, vielleicht auch nichts dabei verloren«, schrieb er später und übersah wohlwollend, dass der Dorfschulze die Predigt regelmäßig durchschlief.

Mit seinen Bauern verstand sich der 22jährige Vikar, der ja selbst aus dem Dorfe stammte, sehr gut. Ihr Leben, so bemerkte er, entsprach aber mehr den Dorfgeschichten Jeremias Gotthelfs als denen Auerbachs, und er registrierte mit einigem Erstaunen die allgemeine Anerkennung des Grundsatzes, dass auch ein rechtschaffenes Weib in den ersten Jahren seiner Ehe mit gewisser Regelmäßigkeit ihre Schläge beziehen müsse.

Zellers Hauptinteresse galt aber dann doch nicht seinen Gemeindegliedern, sondern dem Studium der griechischen Philosophie, vor allem Aristoteles, dessen Werke er in diesen Nellinger Monaten in der alten Basler Erasmusausgabe aufs gründlichste studierte und exzerpierte.

Die damals übliche Bildungsreise schloss sich dem dörflichen Vikariat an und führte Zeller, 1836 - nach rasch erlangtem philosophischen Doktorgrad - zunächst nach München und nach Augsburg. Aus zeitgeschichtlichem Interesse mag erwähnenswert sein, dass man mit der Eilpost von Stuttgart nach München damals 30 Stunden brauchte, oder dass Zeller die 65 Kilometer von Schongau nach Augsburg über das Lechfeld in einem sieben- bis achtstündigen Eilmarsch hinter sich brachte.

Von Augsburg ging es über Nürnberg, Bayreuth, nach Dresden, wo er dank Uhlands Empfehlung an einem Leseabend bei Ludwig Tieck teilnahm, und dann nach Berlin. Er hörte Vorträge der wichtigsten Kapazitäten, besichtigte alte Kunstwerke und sonstige Sehenswürdigkeiten und gewann von Berlin und dem Geiste des Preußentums sehr persönliche Eindrücke, Erfahrungen, die ihm später zugute kommen sollten.

Dann führte die Reise an die Ostsee und über Hamburg, Bremen nach Göttingen. Hier erhält er die Nachricht von der schweren Erkrankung des Vaters und kurz darauf die Kunde von seinem Tode. »Die Liebe höret nimmer auf«, waren die letzten Worte, die ihm der Vater beim Abschied nachgerufen hatte. Nach kurzer Vikariatszeit in Tübingen, die aber im wesentlichen für eine Abhandlung über Platons Gesetze genutzt wurde - nebenbei verfasste er ein satirisches Drama gegen die herrschende Theologie - wurde Zeller Repetent am Seminar in Urach, gab französischen und lateinischen Unterricht und veröffentlichte gleichzeitig ein ungewöhnlich scharfsinniges Buch mit dem Titel »Platonische Studien«.

1839 kehrt er als Repetent an das Stift zurück, tun eine akademische Laufbahn und Wirksamkeit vorzubereiten. Der Erfolg seiner ersten Vorlesungen über Religionsphilosophie, über Schleiermacher und Hegel veranlassen ihn, seine Repetentenstelle aufzugeben und sich im Herbst 1840 als Privatdozent zu habilitieren. Eine Vertretung, die er sofort übernehmen musste, ein siebenstündiges Dogmatikkolleg, in dem er zu der vernichtenden Kritik in Straußens Glaubenslehre sympathisierend Stellung bezog, brachte ihn aber sogleich mitten in die Strudel der geistigen Auseinandersetzung. Zeller, dessen Wesen an sich von vermittelnder, ausgleichender Art war, und den Strauß einmal mit aller Hochachtung eine »natura angelica« nannte, erwies sich in wissenschaftlichen Fragen als kühn und streitbar. In der Form zwar war er stets höflich, in der Sache aber von durchdringender intellektueller Schärfe und Klarheit. 1842 begründete er die vierteljährlich erscheinenden »Theologischen Jahrbücher«, die unter seiner Leitung zum eigentlichen Organ der Baur'schen Schule wurden. »Nur die von aller Heteronomie unabhängige, auf die Macht des Gedankens allein sich gründende theologische Wissenschaft« , sollte hier zu Wort kommen. Zeller fand ausgezeichnete Mitarbeiter und lieferte selbst viele Beiträge und Anzeigen. Bei diesen Arbeiten bildete sich, wie Diels hervorhebt, seine wunderbare Gabe des Referierens und Kritisierens zu jener Virtuosität aus, die seine späteren Werke, besonders seine Geschichte der Philosophie auszeichnet, und hier erwies sich vor allem auch sein überragendes philosophisches Talent. Eine erstaunliche Fülle philosophischer und theologischer Abhandlungen erschien in denkbar kurzer Zeit und offenbarte seine überlegene wissenschaftliche Begabung. Erwähnt sei davon nur seine kritische Analyse der Apostelgeschichte, ein Hauptwerk jener Zeit, das reifste, wie Dilthey erklärte, der Tübinger Schule. Auf religiösem wie philosophischem Gebiet ging Zeller von der Geschichte aus. Er war ein historisch denkender und ausgesprochen kritischer Kopf, und so wurde er auch nicht im eigentlichen Sinne schöpferisch als Philosoph, sondern zum großen Historiker der Philospophie.

Eine 1843 im ersten Jahrgang der »Theologischen Jahrbücher« erschienene Rezension, genauer eine weitschauende Übersicht über die antike Philosophie, wurde zur Keimzelle seiner Geschichte der griechischen Philosophie. Der erste Band der »Philosophie der Griechen« folgte bereits 1844, noch schmal im Umfang, kaum 18 Bogen zählend. 73 Bogen, also nahezu 1200 Seiten, zählte nach Jahren die fünfte Auflage des Werkes, die bleibende Leistung seines Gelehrtenlebens, noch heute eines der großen Standardwerke deutscher Wissenschaft, bestechend durch die souveräne Kenntnis der Quellen und die Genauigkeit des Urteils.

Schon bei der ersten Auflage wurden die olympische Klarheit und Durchsichtigkeit der Darstellung gerühmt, die vor allem auch englische und französische Gelehrte in Erstaunen versetzte. Selbst der berühmte französische Aristoteliker Thurot, pflegte, so wird erzählt, bei allen schwierigen Aristotelesstellen zuerst einmal bei Zeller nachzulesen, denn »seine Einsicht in das innere Leben der antiken Philosophie streifte bisweilen an Hellseherei«. Trotz erstaunlicher wissenschaftlicher Leistungen in diesen Jahren der Privatdozentenzeit und trotz seiner Lehrerfolge, wurde aber mit der Zeit immer deutlicher, dass dem liberalen kritischen Theologen und Philosophen, der als Hegelianer und Straußianer gebrandmarkt wurde, im vormärzlichen Deutschland kein Lehrstuhl offen stand. Erbittert setzte er sich gegen die Angriffe zur Wehr, etwa seitens der konservativ-orthodoxen Evangelischen Kirchenzeitung, und wetterte mit »Lessingscher Schärfe« gegen die »neuevangelischen Zionswächter, die Nachtwächter, die nie den Tag anrufen« und »im Branntweinrausch des Fanatismus einherstürmen«.

Unter der Führung des mit Zeller eng befreundeten Friedrich Theodor Vischers schlossen sich die jungen Tübinger Gelehrten zusammen. Hitzige, heute gar nicht mehr richtig vorstellbare Zeitungsfehden, etwa mit dem Pietisten Christoph Hoffmann wurden ausgefochten; aber diese Kämpfe hatten nur zur Folge, dass es der württembergische König Wilhelm I. ablehnte, einem so gefährlichen Mann wie dem jungen Zeller, das für ihn beantragte Extraordinariat in Tübingen zuzuerkennen.

Die Rettung kam aus der Schweiz. In Bern war 1846 die radikale Partei ans Ruder gekommen. Friedrich Ries, ein junger Schweizer Theologe setzte die Berufung Zellers auf das theologische Extraordinariat der Universität Bern durch. Kaum das Berufungsschreiben in den Händen, es war am Morgen des 16. Januar 1847, eilte Zeller zu seinem Lehrer Baur und bat ihn, ihm seine Tochter Emilie als Frau anzuvertrauen. Während seiner Tätigkeit als Dozent hatte Zeller so gut wie kein Gehalt bezogen und daher nicht an eine Verheiratung denken können.

Der Einzug in Bern verlief unter dramatischen Auspizien und glich dem Streit, der acht Jahre zuvor in Zürich die Berufung von Strauß zu Fall brachte. Mit drastischen Flugschriften über die Zellersche Religionsgefahr und derben Konterfeis bekämpfte die konservativ-pietistische Partei den schwäbischen »Atheisten«, und als Zeller eintraf, waren die Gemüter so erhitzt, dass er heimlich empfangen werden musste und zu seiner Sicherheit Mitglieder der radikalen Partei vierzehn Nächte lang in einer seiner Wohnung gegenüberliegenden Wirtschaft Wachdienste leisteten. Fast wäre des sog. »Zellerlärms« wegen die Berner Regierung gestürzt worden, aber sie gewann in geschicktem Schachzug die Bauern dadurch für sich, dass sie die Ablösung des Zehnten so günstig regelte, dass diesen dann schließlich der eigene Vorteil doch wichtiger war als der schwäbische Professor. Das Gewölk verzog sich bald und die Vorlesungen erfuhren keine Störungen.

Claudia Mertz-Rychner hat in ihrer aus den Quellen erarbeiteten Studie für die Jubiläumsschrift diesen sog. »Zeller-Handel«, der durch Gotthelf auch in der Literatur seinen Niederschlag gefunden hat, kenntnisreich, exakt und sehr lebendig geschildert.

Zwei Jahre, von 1847-1849, wirkte Zeller an der verhältnismäßig kleinen Universität und schrieb während dieser Zeit ein bewundernswert objektives und sachlich klares Buch über das »theologische System Zwinglis«, aus dem hervorgeht, dass er in der berühmt-berüchtigten Frage des Abendmahlstreits auf Zwinglis Seite stand.

Das Jahr 1848 veränderte die Verhältnisse in Deutschland. Zwar gelang die erhoffte Rückberufung nach Tübingen, auf die auch von dort gedrängt wurde, nicht, aber Zeller wurde als ordentlicher Professor nach Marburg berufen. Er nahm diesen Ruf an, denn er wollte wieder in Deutschland wirken. Allerdings auch im Lande Hessen, wo ein reaktionärer, eigensüchtiger Kurfürst regierte, ging es nicht ohne neue Schwierigkeiten ab, ja, dieser Kurfürst Friedrich Wilhelm ratifizierte die Berufungsurkunde erst, als sich Zeller bereiterklärte, von der theologischen zur philosophischen Fakultät überzutreten. Das autoritäre, dem Märzministerium folgende Kabinett Hassenpflug untersagte ihm sogar ausdrücklich jede theologische Vorlesung. Zeller nahm diesen Schritt, der eine Trennung von der von ihm angestrebten und vertretenen »universalen Theologie« bedeutete, nicht leicht. Er hielt die verbotene theologische Vorlesung als Privatissimum und schrieb am 25. August 1850 an Henriette Valentin, »so lange ich überhaupt Professor bin, kann mich niemand hindern, das, was man mich nicht unter theologischen Titeln sagen läßt, unter philosophischen zu sagen. Ich werde mich daher zwar aufs äußerste für mein Recht wehren, aber nicht viel darüber erhitzen und mir den guten Humor nicht verderben lassen. «

Dennoch wandte er sich nun vermehrt seinen philosophischen Forschungen zu, führte 1852 seine Philosophie der Griechen zu Ende und begann zugleich das gesamte Werk völlig neu zu überarbeiten. Erst in der Marburger Bearbeitung, für die er die gesamte philosophische Literatur der Griechen und Römer einschließlich der nur in alten Folianten vorliegenden Aristoteles-Kommentare durchstudierte und seine Augen für immer schädigte, wurde das Werk zu »einem der hervorragendsten Monumente der historischen Wissenschaft des vergangenen Jahrhunderts.« (Diels)

Zeller war trotz all dieser intensiven Forschungen keineswegs der Typ eines versponnenen Gelehrten, sondern ein Mensch, der Geselligkeit liebte, der sozialen Aufgaben aktiv zugewandt war und der das politische Leben seiner Zeit mit Eifer und Interesse verfolgte. Wäre er 1848 nicht in der Schweiz gewesen, so hätte er sich, wie er später einmal bemerkt, wohl auch um ein Mandat in der Paulskirche beworben und hätte dort das Lager der Liberalen verstärkt. Seine politische Gesinnung war realistisch; als Gegner der großdeutschen Richtung sah er ein Deutschland unter preußischer Führung als die natürliche Lösung der deutschen Frage.

In den verschiedensten Tageszeitungen nahm er zu aktuellen Problemen seiner Zeit Stellung; er hielt populäre Vorträge und lieferte auch Beiträge in die damals von seinem Freunde, dem Historiker von Sybel gegründete »Historische Zeitschrift«.

Während der Marburger Jahre traf die Familie ein schwerer Schlag. Der fünfjährige Sohn Paul wurde von Diphtherie ergriffen und erlag der Krankheit, gegen die man noch keine wirksamen Mittel kannte, nach kurzer Frist. Am Tage seiner Beerdigung befiel das zweite Kind, das vierjährige Bübchen Otto, der Schüttelfrost und nach 14 qualvollen Tagen musste es ebenfalls zu Grabe getragen werden. »Die Wunde, die uns durch den Verlust dieser Kinder geschlagen wurde,« lesen wir in den Erinnerungen, »ist bei Vater und Mutter nie so fest vernarbt, dass sie nicht unser Leben lang aufs schmerzlichste nachgewirkt hätte und noch nach Jahren immer neu aufgebrochen wäre«, und in einem Brief an Henriette Valentin heißt es, »über unser Leben wird fortan ein Schleier geworfen sein, den keine späteren Erlebnisse wegzunehmen imstand sein werden...«

Von den weiteren drei Söhnen, die 1853, 1857 und 1860 geboren wurden, starben der Jüngste, ein »sonniges liebes Geschöpf«, ebenfalls im Alter von vier Jahren und Heinrich der Zweitjüngste, als Vierundzwanzigjähriger. Nur durch Albert Zeller (1853-1923) wurde die Familie weitergeführt.

Auf die Dauer konnte die Marburger Lehrtätigkeit Eduard Zeller nicht befriedigen. Die Universität zählte damals nur rund 250 Studenten, eine heute kaum vorstellbare kleine Zahl, und es kam vor, dass Zeller einmal vor einem einzigen Studenten über Rechtsphilosophie las, ein andermal wegen gänzlichen Hörermangels die Vorlesung ausfallen musste. Die Einrichtungen und der Geschäftsbetrieb der Universität waren völlig rückständig, ihre Statuten seit 200 Jahren keiner Revisionen mehr unterzogen worden. »Hier zu Lande ist die bekannte Schweinewirtschaft, über die ich weiter kein Wort verlieren will«, heißt es drastisch in einem seiner Briefe dieser Zeit. Doch er findet Befriedigung in seiner Arbeit; »wären die öffentlichen Zustände nur halb erträglich, so wäre alles recht.«

Zeller begrüßte es daher, dass er 1862 nach Heidelberg berufen wurde, dort an die Spitze der philosophischen Fakultät und in einen Kreis hervorragender Gelehrter kam, von denen etwa Gervinus, Robert Bunsen und Helmholtz längst zu seinen Freunden zählten. Ein größerer Hörerkreis fehlte zwar auch hier, denn das philosophische Studium lag darnieder, aber Zeller konnte doch eine sehr viel stärkere akademische Wirksamkeit entfalten. Er las im Winter regelmäßig über Geschichte und Philosophie, über Logik und Erkenntnistheorie, im Sommer über Psychologie, Rechts- und Religionsphilosophie, schrieb eine Geschichte der deutschen Philosophie seit Leibniz sowie eine Reihe anderer Arbeiten, die in zwei Bänden unter dem Titel »Vorträge und Abhandlungen« erschienen. 1868 erhielt er die theologische Ehrendoktorwürde, der später noch zwei juristische und ein medizinischer Ehrendoktortitel der Universität Tübingen, Marburg und Edinburg folgten.

Wichtig für seine wissenschaftliche Entwicklung wurde die Hinwendung zu Kant. Die berühmt gewordene Antrittsrede über die Erkenntnistheorie ausklingend mit den Worten »zurück zu Kant«, wurde gleichsam zum Signal für die gesamte Neukantianische Bewegung. (Diels)

»Mit jeder Faser seiner Natur hing er«, so schreibt Wilhelm Dilthey in seinem schönen Aufsatz »Aus Eduard Zellers Jugendjahren«, an der »praktischen und tätigen Verwirklichung der Autonomie des menschlichen Gedankens, der Freiheit des Gewissens. « 1872 nach dem Tode Trendelenburgs, des älteren der beiden Berliner Ordinarien für Philosophie, erhielt Zeller einen Ruf an die Universität Berlin und entschloss sich nach einigem Zögern, ihn anzunehmen, zumal ihm die künftigen Kollegen wie Mommsen, Droysen, Treitschke, von Sybel und Helmholtz sehr freundlich entgegenkamen. So erfuhr die akademische Lehrtätigkeit Eduard Zellers in Berlin ihren Höhe- und Schlusspunkt. Bis 1894, also bis in das 80. Lebensjahr, übte er sein akademisches Lehramt aus und bekleidete 1878/79 auch das Berliner Rektorat. Am Schlusse seines Rektoratsjahres sprach er in einer großen Rede und mit der ganzen Autorität seiner Persönlichkeit, einem Präzeptor Germaniae gleich, über das »Akademische Leben und Lernen«, das nur in Freiheit gedeihen könne. Stets müsse die Freiheit höchstes Gut der Universität sein. Bei der ersten großen, unter dem Vorsitz des Kaisers stattfindenden Schulkonferenz, hielt er eine eindrucksvolle freimütige Rede über den Wert der humanistischen Gymnasien. Zusammen mit Mommsen und Oskar Jäger gehörte er zum Vorstand des Gymnasialvereins und mit Helmholtz und Mommsen zählte er zu den hervorragendsten und aktivsten Mitgliedern der preußischen Akademie der Wissenschaften. Dilthey rühmte »sein mildes, abgewogenes, die Gegensätze ausgleichendes und doch die Mitte der Sachen scharf erfassendes Wort. « In den Veröffentlichungen der Akademie erschienen von nun an auch die wichtigsten seiner Arbeiten: etwa die Abhandlung »Über das Kantsche Moralprinzip und den Gegensatz formaler und materialer Moralprinzipien«, »Uber Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze« oder über »Friedrich den Großen als Philosoph.« Zeller zog in diesen Jahren die Summe seines Denkens und Forschens und dazu muss auch das kleine schöne Buch über David Friedrich Strauß gerechnet werden, in dem - wie Diels betont - die schriftstellerische Kunst, mit einfachen Mitteln Höchstes zu erreichen ebenso zum Ausdruck kommt wie die Zartheit und die Tiefe des Zellerschen Gemüts. Die Berliner Jahre brachten dem Gelehrten hohe Ehren und Auszeichnungen. So wird er am 24. Januar 1877 in den Orden »Pour le merite für Wissenschaften und Künste« aufgenommen und zum 50. Doktorjubiläum erschien, vom alten Freunde Vischer mit rühmender Würdigung eingeleitet, eine Festschrift mit philosophischen Aufsätzen, ein Buch von solchem Rang, dass es erst vor wenigen Jahren nochmals gedruckt wurde. Zum diamantenen Doktorjubiläum gratulierte ihm die gesamte gebildete Welt. Aber auch an diesen höchsten Ehrentagen »verlor er keinen Augenblick die selbstbewusste Schlichtheit und Bescheidenheit, die das Kennzeichen des wahrhaft großen Mannes ist. « (Diels)

»Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da«, diese Worte aus der Antigone des Sophokles schreibt er auf ein Stammbuchblatt jener Zeit.

Bis auf den letzten Tag seiner Amtsführung blieb ihm die volle Wirkung erhalten. Als 80jähriger aber kehrte er in die Heimat zurück. »Er wollte sein Amt und seinen Wirkungskreis verlassen, bevor irgend ein Nachlassen seiner Kräfte bemerkbar wurde.« (Dilthey) Aber arbeitend und unermüdlich tätig, bis die Sehkraft der Augen fast ganz erlosch, blieb er auch in den letzten Jahrzehnten in Stuttgart, der Stadt, die ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannte. Aufrecht stehend, geistvoll und mit anmutigem Witz beantwortete er am Tage des 90. Geburtstages die Ansprachen der vielen Gelehrtendeputationen. Die meisterliche Radierung Graf Kalckreuths, die 1906 im Auftrag der Universität Berlin und der philosophischen Fakultät zur 70jährigen Wiederkehr seines Promotionstages geschaffen wurde, gibt einen Eindruck von dem vergeistigten, an Kant erinnernden Antlitz des greisen Gelehrten. Zwei Jahre später, im Alter von 94 Jahren, ist Eduard Zeller gestorben; auf dem Pragfriedhof in Stuttgart fand er sein Grab. Ein Leben war zu Ende gekommen, das sich in einer weiten und harmonischen Größe entfaltet hatte, wie es wenigen nur beschieden ist. Die Seligkeit des Menschen, so erklärte Eduard Zeller einmal, besteht, »in der sittlichen Einheit mit sich selbst. « Diese Einheit in Lehre und Leben als wahrer Philosoph erreicht zu haben, dies ist ihm zuteil geworden.

 

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