Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Die vier Brüder Zeller
in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges

 

Der junge Historiker und Familienforscher Ass. K. Kempf stellte seinen Vortrag beim Familientag am 24. November 1979 in Stuttgart unter das Motto: „Lasset uns loben die berühmten Leute und unsere Väter nacheinander!“ (Jesus Sirach 44,1)

 

Johannes Zeller I. (ZB § 2) war zusammen mit seinem Vater Konrad (ZB § 1) für Herzog Ulrich von Württemberg am Bau der Festung auf dem Hohentwiel im Hegau tätig. Der Herzog war nach seiner Niederlage gegen den Schwäbischen Bund im Jahre 1519 aus seinem Land vertrieben worden. Er hielt sich zeitweilig auf dem kurz zuvor erworbenen Hohentwiel auf, der mit den damaligen militärischen und technischen Mitteln als uneinnehmbar galt. Als der württembergische Herzog 15 Jahre später mit Schweizer und hessischer Hilfe die Österreicher besiegen und aus seinem Land wieder vertreiben konnte (Schlacht bei Lauffen, Mai 1534), führte er gemäß seines gegebenen Versprechens in Württemberg die Reformation ein. Nach der Zellerschen Familienüberlieferung soll der Baumeister Johannes Zeller von einer Predigt des Reformators Erhard Schnepf so angetan gewesen sein, dass er beschlossen habe, dem neuen lutherischen Glauben beizutreten und seinen ersten Sohn dem Dienste der evangelischen Kirche zu widmen. Johannes Zeller, der Baumeister, ließ sich in Tuttlingen nieder und heiratete eine Bürgerstochter Waldburga von dort. Ihr 1548 geborener Sohn erhielt den Namen Johannes (ZB § 3) (Johannes Zeller II.) Johannes Zeller II. studierte an der Universität Tübingen, der damaligen lutherischen Hochburg in Süddeutschland. Als 26jähriger Diakon in Sulz a. N. heiratete er Waldburga Haag, die Tochter eines Tübinger Ratsherren. Diese Heirat bedeutete den Anschluss an die württembergische Ehrbarkeit - jenen Kreis der politisch, wirtschaftlich und kulturell tonangebenden Familien im Herzogtum Württemberg. Nachdem Zeller vier Jahre die Pfarrei Vöhringen innegehabt hatte, erhielt er 1580 die Pfarrei Rotfelden. Dass der erste Pfarrer der Familie Zeller gerade nach Rotfelden kam, dürfte seinen Grund in Familienbeziehungen gehabt haben. In Rotfelden starb 1580 der Pfarrer Gallus Grückler. Dessen Bruder Daniel hatte die benachbarte Erbpfarrei Effringen-Bulach inne, eine der reichsten des Herzogtums überhaupt. Daniel Grückler nun war mit Johannes Zeller verschwägert, ihre Ehefrauen waren Schwestern (Haag). Um die 1580 vakant gewordene Pfarrei Rotfelden bewarb sich Johannes Zeller mit Erfolg. Er blieb dort Pfarrer bis zu seinem Tode. Fast 34 Jahre lang war er hier Seelsorger und stand zusammen mit seiner Frau bei 291 Kindern seiner Gemeinde Pate.

Von seinen vier Kindern wurde nur das jüngste, Friedrich (ZB § 7), der spätere Pfarrer von Zavelstein, in Rotfelden geboren. Die Tochter Anna Maria (ZB § 6) und der zweite Sohn Jacob (ZB § 5) waren in Vöhringen geboren worden. Anna Maria wurde die Gattin des Oberhofpredigers am Herzogshof, Johannes Hauber.

Jacob wandte sich weltlichen Ehren zu, er brachte es zum Amt des Vogtes von Stuttgart (Stadt und Amt) und eines Rechenbankrates.

Der älteste Sohn (1575 in Sulz geboren) erbte nicht nur den Leitnamen Johannes (ZB § 4), sondern auch Beruf und Amtsort. 1613 wurde er Nachfolger seines in diesem Jahre verstorbenen Vaters in Rotfelden und wohnte also wieder im elterlichen Hause. Während seiner Diakonatszeit in Heidenheim hatte er sich für sein arbeitsames Amt auch dadurch in den rechten Stand gesetzt, dass er in den Ehestand getreten war - mit Beatrix Bloß, der Tochter eines Bergverwalters. Von den elf Kindern dieser Ehe erreichten sieben das Erwachsenenalter: sie stellen die dritte Pfarrersgeneration dar. Von den vier Söhnen gehen die Linien Bebenhausen, Denkendorf, Stuttgart und Maulbronn der Sippe Zeller aus.

Unter der Amtszeit von Johann Zeller III. (ZB § 4) wurde 1626, also während des Dreißigjährigen Krieges, die Kirche in Rotfelden neu gebaut und vergrößert. Daran erinnert noch die sehr gut erhaltene Inschrift an der südlichen Außenwand der Kirche.

Acht Jahre später drangen nach der für die Evangelischen katastrophalen Schlacht bei Nördlingen der Krieg und seine Folgen auch nach Württemberg herein. Im Pestjahr 1635 erlagen in der Gemeinde Rotfelden 186 Menschen der Seuche. Zu den ersten Opfern zählte Johannes Zeller, der schon am 2. Februar starb. Ein gutes halbes Jahr später war auch seine Frau tot. Auch eine große Zahl Angehöriger aus seinem Familienkreise wurde von der Seuche hingerafft. Von 1635 an sind die Kirchenbücher von Rotfelden mehrere Jahre lang nicht mehr geführt worden.

Mit den vier Brüdern Johann Konrad, Christoph, Johann Ulrich und Johannes steigen erstmals Angehörige der Familie Zeller zu höchsten geistlichen und politischen Würden im Herzogtum Württemberg empor. Drei von ihnen studieren Theologie, einer die Rechte - Fakultäten also, die von vielen ihrer Nachfahren noch gewählt werden.

Dieses brüderliche Quartett aus drei Prälaten und einem Geheimen Regimentsrat gewinnt dem Zellerschen Familiennamen höchstes Ansehen und Bedeutung im ganzen Lande. Sie haben wesentlichen Anteil am geistlichen und geistigen Wiederaufbau Württembergs nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg. Die Zustände nach diesem Krieg in Württemberg kann man als die schlimmsten annehmen, die das Land je in seiner Geschichte erlebt hat, auch wenn man mit der neuesten Zeitgeschichte Vergleiche zieht.

Über die vier Brüder Zeller ist in der Literatur schon etliches geschrieben worden. Ich darf dabei besonders an den Aufsatz von Präsident Karl Hermann Zeller (ZB § 138) in den Blättern für Württembergische Familienkunde, Heft 7, 1938, erinnern, in welchem die Schicksale der vier Brüder im einzelnen anschaulich dargestellt werden. Hier möchte ich nur kurz den Lebenslauf jedes dieser vier Brüder skizzieren.

Johann Konrad Zeller

Als Johann Konrad (ZB § 16) am 4. Juli 1603 in Heidenheim getauft wird, ist sein Vater dort als Diakon im Amt. Noch im selben Jahr zieht die Familie Zeller nach Breitenberg im Schwarzwald, weil der Vater nun seine erste selbständige Pfarrstelle erhalten hat. Mit sieben Jahren wird Johann Konrad zum Besuch der Lateinschule nach Leonberg gebracht. Als nächste Ausbildungs- und Erziehungsstätten folgen die evangelische Klosterschulen Hirsau und Bebenhausen. 1624 - er ist nun 21 Jahre alt - folgt das Studium an der Universität Tübingen.

Aus dem Tübinger Stift gehen seit der Reformation die Geistlichen des Landes hervor. Lateinschule und Klosterschule dienen der Vorbereitung auf das Studium. Am Tübinger Stift promoviert Johann Konrad zum Magister. Seine berufliche Praxis beginnt 1631 als Diakon in Wildberg. Im württembergischen Unglücksjahr 1635 wird er für kurze Zeit auf die Pfarrei Rotfelden bestellt, die durch seines Vaters Tod verwaist ist. Noch im selben Jahr wird Johann Konrad als Spezialis (d. h. Dekan) in Wildberg eingesetzt. Sein Nachfolger in Rotfelden wird Johann Georg Naschold, der im folgenden Jahr die Pfarrerstochter Barbara Zeller (ZB § 10) von Rotfelden heiratet.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges erhält Johann Konrad das Dekanat in Vaihingen/Enz; bald darauf wird er zum designierten Abt von Murrhardt ernannt.

1660 schließlich - mit 57 Jahren - wird er Prälat und Generalsuperintendent von Bebenhausen. Außer diesen geistlichen fallen ihm auch politische Ämter zu: Er wird Mitglied des größeren und des engeren Landschaftsausschusses.

Die sog. „Landschaft“ war der Vorläufer unseres heutigen Landtages, sie bestand aus etwa 70 Abgeordneten. Dabei hatten die Prälaten besonderen Einfluss. Johann Konrad wird schließlich Senior und Erster Assessor der Landschaft. Johann Konrad hat drei Ehen geschlossen. Seine erste Frau, Anna Maria Essig, ist die Tochter eines Bulacher Bürgermeisters. Auch sie wird 1635 ein Opfer der Pest. Die zweite Frau, eine Witwe, ist eine Tochter aus der uns schon bekannten Familie Grückler. Seine dritte Ehe vollzieht Johann Konrad schließlich mit der Pfarrerstochter Judith Schwarz von Altdorf (geb. 1612 in Herbrechtingen).

Von Johann Konrads zahlreichen theologischen Werken werden besonders die „Württembergischen Summarien“ bekannt. Als praktisch-erbauliche Bibelauslegung sind sie über ein Jahrhundert lang im kirchlichen Gebrauch. In der Klosterschule Bebenhausen, seiner letzten Wirkungsstätte, befindet sich heute noch ein etwa 4 Meter hohes frühbarockes Epitaph, das auf seiner Spitze ein Gemälde von Johann Konrad trägt.

Christoph Zeller

Christoph, der zweite Bruder (ZB § 190), erblickt in Breitenberg das Licht der Welt. Auch er kommt, dem Ausbildungsgang für künftige Pfarrer entsprechend, mit sieben Jahren auf die Lateinschule, und zwar auf die in der damals bedeutendsten württembergischen Handelsstadt Calw. Sein Betreuer und Erzieher ist der dortige Rektor der Schule, Johann Ulrich Pregizer. Pregizer wird später Professor und Kanzler der Universität Tübingen. Als Vierzehnjähriger beginnt Christoph sein Studium am Tübinger theologischen Stift. Ein Jahr später besteht er seine erste akademische Prüfung, das Baccalaureat, als Zweitbester unter 32 Kandidaten.

Ein weiteres Jahr später kommt Christoph in den Genuß der bedeutendsten Stiftung der Tübinger Universität, des Martinianum. Das Martinianum wurde so nach einem seiner Stifter, Martin Plantsch, genannt. Diese Studienstiftung vergab Stipendien an bedürftige und begabte Landessöhne. Wie sein Bruder zeichnet sich Christoph durch Begabung und Fleiß aus. So hält er schon als Student Predigten, die erste als Siebzehnjähriger bei der Beerdigung seiner Großmutter Waldburga geb. Haag (ZB § 3) in Rotfelden (1622). Er erteilt Hausunterricht bei den Kindern des Tübinger Advokaten Andreas Bayer. Auf Bayers Empfehlung hin erhält Christoph 1627 die ritterschaftliche Patronatspfarrei Liebenstein zwischen Besigheim und Lauffen am Neckar. Sechs Jahre später zwingen ihn die Umstände der Kriegswirren, in die Reichsstadt Heilbronn zu fliehen. Liebenstein wird ausgeplündert, und die verrohten Soldatenhorden streifen raubend und mordend durchs Land. Seuchen dezimieren die den Kriegsgreueln Entkommenen. So sieht Christoph dort keine Möglichkeit mehr, seinen Dienst fortzuführen. Er übernimmt die Pfarrei Schlaitdorf bei Nürtingen. Als nächster Wirkungsort folgt Calw (1636).

Mit 40 Jahren wird Christoph Mitglied des Herzoglichen Konsistoriums, des Vorgängers des heutigen Evangelischen Oberkirchenrates. Wenige Jahre darauf (1648) wird er Stifts- und Hofprediger in Stuttgart. Als Hofprediger ist er der geistliche Vertraute und Beichtvater des Herzogs Eberhard III., den er 1652 auf der Reise zum Reichstag nach Regensburg begleitet. Auch die Aufsicht über die Erziehung der württembergischen Prinzen steht ihm zu. Wegen seiner bedeutenden Leistungen um den kirchlichen Wiederaufbau, der Hebung und Förderung des Schulwesens in Württemberg, der Verdienste um die Klosterschulen und das Theologische Stift in Tübingen und wegen seiner großen theologischen Kenntnisse erhält er 51jährig an der Tübinger Universität in Anwesenheit der herzoglichen Familie die Würde eines Doktors der Theologie.

Drei Jahre später wird er zum Prälaten von Denkendorf ernannt und erhält damit verbunden einen Sitz im Ausschuß der Landschaft. Wäre es nach des Herzogs Willen gegangen, so wäre Christoph im folgenden Jahr noch Kanzler der Landesuniversität geworden. Christoph hat die Übernahme dieses Amtes abgelehnt. Ein Jahrzehnt nach Übernahme der Prälatur Denkendorf stirbt Christoph im Alter von 64 Jahren. Aus seiner Feder sind uns neben theologischen Schriften mehrere Leichenreden auf Mitglieder des württembergischen Herzogshauses sowie Landtagspredigten erhalten. Christoph geht zwei Ehen ein. Seine erste Frau ist Anna Elisabeth Vischer, Tochter des Untervogts von Wildberg, die er 1635 auf der Flucht in Heilbronn verliert. über sie hat Christoph die rühmenden Worte geschrieben, dass sie „ein helleuchtender Spiegel aller menschlichen Tugenden“ gewesen sei. Die Kinder aus dieser Ehe scheinen alle früh gestorben zu sein. Die zweite Frau ist die Gernsbacher Pfarrerstochter Anna Margaretha jung, eine Nachfahrin des Straßburger Mathematikers und Gelehrten Conrad Dasypodius. Sechs Söhne aus dieser Ehe wählen wieder den seelsorgerlichen Beruf, zwei verschreiben sich der Rechtswissenschaft. Der Wirkungskreis der Töchter eröffnet sich ihnen - was nicht schwer zu vermuten ist - als Ehefrauen von Pfarrern.

Johann Ulrich Zeller

Des dritten der vier Zellerbrüder, Johann Ulrich (ZB § 386), gedenken wir heute aus besonderem Grund: Sie dürfen Ihren heutigen Familientag gleichzeitig als Geburtstag eines der bedeutendsten der frühen Zeller feiern. Heute, am 24. November vor 364 Jahren, ist Johann Ulrich Zeller in Rotfelden geboren worden.

Auch Johann Ulrich muß der Ausbildung halber mit sieben Jahren das Elternhaus verlassen. In Freudenstadt wohnt er bei dem dortigen Stadtpfarrer, seinem Schwager Volmar. Mit Volmar zieht er drei Jahre später nach Mömpelgard, wo dieser zum Hofprediger und Superintendenten ernannt worden ist. Dort besucht Johann Ulrich das Gymnasium, „von dannen er ... nicht nur die völlige Kundigung der Lateinischen und Griechischen. .., sondern auch der Frantzösischen und nachmals der Italianischen Sprach sampt einem trefflichen Anfang aller Grund Weißheit oder Philosophi lauter herrliche Gezeugniß zu seinen geliebten und höchstfreudigen Eltern ... gebracht hat“. Die nächste Station ist die Universität Tübingen. Neben seinem Studium betätigt Johann Ulrich sich in der Finanzverwaltung des Martinsstiftes. Ein geordneter Hochschulbetrieb ist aber in Tübingen infolge der hereingebrochenen Kriegswirren kaum mehr möglich. Wohl deshalb auch begibt er sich 1639 nach Straßburg, wo er fünf Jahre später zum Doktor beider Rechte promoviert. Johann Ulrich erteilt in Straßburg gleichzeitig Privatunterricht bei jungen Adeligen. „Jedoch kunte sein erwecktes und jedesmal nach dem Grund-Ziel hingewandtes Gemüth mit dem Schul-Leben allein sich nicht begnügen, deßwegen Er den allerfürtrefflichsten Orth, da die Rechtliche Übungen und Außsprüche im Schwang gehen, das Kayserliche Reichs-Cammer Gericht zu Speyer, umb die Erfahrenheit mit der Wissenschafft zu vereinigen von Straßburg aus vorhero besucht hatte.“

Nachdem Johann Ulrich einige Zeit als Advokat am Reichskammergericht verbracht hat, wird er Hofgerichtsadvokat in Tübingen, um schließlich Mitglied im Oberrat, im höchsten Gericht, zu werden. Zuletzt wird er, erst 44jährig, in die höchste württembergische Staatsbehörde, den Geheimen Regimentsrat, berufen.

Im Dezember 1673 wird Johann Ulrich als Deputierter des württembergischen Herzogs zur Evangelischen Kreisversammlung des Schwäbischen Kreises nach Eßlingen geschickt. Er erkrankt hier und stirbt zwei Wochen später.

Von den zwölf Kindern aus erster Ehe mit der Tübinger Bürgermeisterstochter Maria Margaretha Caspar sind zu dieser Zeit nur noch vier am Leben. Ihre Stiefmutter, Johann Ulrichs zweite Frau, ist Anna Rosina geb. Stieber, verw. Goll, die Tochter eines Kollegen von Johann Ulrich am Reichskammergericht, und in erster Ehe ebenfalls mit einem Kollegen Johann Ulrichs verheiratet.

Johann Ulrichs Charakter wird vielfach gerühmt. In seiner Leichenrede heißt es: „Gegen seinen Bluts-Verwandten und Gesippten hat Er sich, bey so unzahlbaren und stäts truckenden offentlichen Geschäften, Brüder-Vätter-Schwägerlich und dergestalten freundlich erwiesen, dass solche ihre allgemeine Zuflucht, so doch auch andern, allermeist Wittwen, Waysen und sonst Betrangten ... kecklich zu ihme nehmen dörffen.“

Auch als hoher Beamter zeigt sich Johann Ulrich als Mensch, wie aus dem Bericht des weiteren hervorgeht: „Jedermänniglich, wer entweder in obhandenen Geschäften bey Hochfürstl. Cantzley oder auch in andern Anliegen, mit ihm zu reden gehabt oder sonderbares Vertrauen zu ihme getragen, hat Er leuthselig angehört, mit gutem Unterricht und Bescheid, nachdem Ers rechtmäßig, diensam und andern zuträglich befande, widerum von sich gelassen, und wie Job redet, deß blinden Aug und Lahmen Fuß zu seyn unvergessen geblieben.“

Eine kurze Charakterisierung Johann Ulrichs findet sich auch im Württembergischen Dienerbuch, wo es von ihm heißt: „Dieser war ein gottselig und gelehrter, vortrefflich beredter, auch sehr laborieuser Mann, glücklich in Expeditionibus und Commissionibus, allenthalben beliebt wegen friedliebenden Gemüts.“

Johann Ulrich ist aber noch besonders der akademischen Nachwelt in dankbarer Erinnerung geblieben. In seinem Testament hat er dem Martinsstift, dessen Förderung er und seine Brüder einst genossen hatten, den hohen Betrag von 500 Gulden vermacht. (Ein Vergleich: damaliger Kaufwert einer Kuh 5 bis 6 Gulden, eines Pferdes etwa 30 Gulden.)

Die Verdienste der drei älteren Brüder Johann Konrad, Christoph und Johann Ulrich um den Wiederaufbau des Landes, ihre bedeutenden Leistungen und ihr lauterer und rechtschaffener Charakter verschaffen ihnen im Land und am Herzogshof großes Ansehen. Als 1669 der württembergische Prinz Johann Friedrich getauft wird, ehrt der Herzog die drei Brüder, indem sie bei der Taufe zu assistieren haben. Johann Konrad als Senior und Erster Assessor steht für die Landschaft Pate, der fürstliche Hofprediger Christoph vollzieht den Taufakt und der Geheime Regimentsrat Johann Ulrich richtet im Namen des Herzogs den Dank an die Gäste aus. Die Urenkel des Allgäuer Maurers und Deckers Hans Zeller haben eine gesellschaftliche Rangstellung erreicht, die sie nicht ehrgeizigen Ambitionen, sondern ihrer Leistung, ihrer Begabung und ihrem Charakter verdanken.

Johannes Zeller

Der vierte und jüngste in dieser tüchtigen Generation ist Johannes Zeller IV. (ZB § 393). „Derselbige ist Anno 1620 den 19. Decembr(is) zu Rothfelden/ Wildberger-Amts / von Christlichen / Gottsförchtigen Eltern / Herrn M. Johann Zellern / Pfarrern daselbsten / und Beatrice, dessen gel. Hausfrau einer geborner Blossin / in diese Welt gezeuget / und der Beschluss ihres Kinder-Segens gewesen . . .“ So wird in seiner Leichenrede berichtet. Mit sieben Jahren kommt Johannes zur Erziehung nach Wildberg und als Elfjähriger, wie vor ihm sein Bruder Johann Ulrich, nach Mömpelgard zu seinem Schwager Volmar. Noch kaum dem Knabenalter entwachsen, zeichnet er sich dadurch aus, dass er ein großes Verpflegungsdepot der in der Nähe von Mömpelgard lagernden französischen Armee verwaltet. Außerdem unterrichtet er die Kinder des herzoglichen Rates Beuringer; und als dieser vor der Pest flieht, leitet er auch dessen landwirtschaftliches Anwesen. Johannes ist kaum 16 Jahre alt, als er in seinen Geburtsort Rotfelden zurückkehrt, in dem ein Jahr vorher die Pest seine Eltern hingerafft hat: „Anno 1636 wurde er von dannen wieder nach Hauß beruffen / da entzwischen nicht nur allein beederseits Eltern Todts verfahren / sondern auch sein liebes Vatterland nach der unglücklichen Nördlinger-Schlacht elendiglich verwüstet worden; bey so verwirrten Läuffen aber wusten sich dessen beede Brüder ... (gemeint sind Johann Konrad und Christoph) neben dem verordneten Pfleger / H. M. Grücklern / Pfarrern zu Bulach / nicht zu entschliessen / welches Studium am nutzlichsten mit ihme möchte zu continuiren seyn / biß endlich Herr D. Valentinus Andreä, Specialis zu Calw / den Entscheid gemacht / ihne bey der Theologi zu lassen / weil man folgender Zeit / wanns zu einem bessern Stand kommen sollte / dergleichen Leut wol würde bedürfftig seyn . . .“

Der Calwer Dekan Joh. Valentin Andreä ist es auch, der zu Johannes Aufnahme in das Tübinger theologische Stift trotz der großen Not, Teuerung und wirtschaftlichen Unsicherheit bei der Calwer Handelscompagnie die Stiftung des Kostgeldes von 40 fl. pro Jahr erwirken kann. Auch Johannes schneidet, wie seine Brüder vor ihm, bei Prüfungen als einer der Besten ab. Nach Abschluss seines theologischen Studiums empfiehlt ihn Andreä an den Hof des Herzogs von Braunschweig, wo Johannes die Prinzen in der französischen Sprache unterrichten soll. Er zieht es aber vor, eine Vikarstelle bei seinem Schwager, dem Pfarrer Schmid in Marbach/N., anzutreten. Die Marbacher bitten darum, Johannes Zeller als Diakon behalten zu dürfen. Aber Andreä, der inzwischen Konsistorialrat in Stuttgart geworden ist, nimmt Johannes als engen Mitarbeiter und Sekretär zu sich, weil er ihn bei dem kirchlichen Wiederaufbau in dem vom Krieg zerrütteten Land brauchen kann, „bey welcher Function viel wichtiges durch seine Hand und Feder geloffen ...“ Ab 1644 wirkt Johannes wieder als Pfarrer, zuerst in Neuweiler und Breitenberg, dann in Münklingen und Möttlingen, hierauf in Lienzingen bei Maulbronn. Als Vierzigjähriger wird er zum Dekan und Stadtpfarrer in Waiblingen bestellt, neun Jahre später übernimmt er dasselbe Amt in Vaihingen/Enz. 1680 wird er Abt von Alpirsbach, schließlich Superintendent, Abt von Maulbronn und Assessor der Landschaft. Er stirbt 73jährig an den Folgen eines Schlagflusses und wird in einer Seitenkapelle in der Klosterkirche Maulbronn beigesetzt (1694).

Auch Johannes verheiratet sich zweimal. Die erste Frau ist Anna Maria Geisel, Kaufmannstochter aus Calw, die zweite Anna Catharina Eislinger, Kaufmannstochter aus Kirchheim u. T. Die acht Kinder stammen aus der 41 Jahre dauernden Ehe mit Anna Maria Geisel.

„... eifferig in seinem Christenthum / wachtsam in dem Bischofflichen Amt / gewissenhaft und behutsam in Berahtschlagungen / Dienst-, Ehr- und Friedfertig in Zusammenkunfften / wohlmeinend in Bestraffungen / willfährig freundlich / und gutthätig gegen Nohtleidende / Betrangte und Dürfftige / leutselig und aufrichtig gegen die Untergebene / besonders Kirchen- und Schul-Bedienten. ..“ wird in der Leichenrede sein Verhalten im Leben und Amt beschrieben.

*

„Lasset uns loben die berühmten Leute und unsere Väter nacheinander.“ Einem heutigen Zeitgenossen kann diese Aufforderung vielleicht etwas naiv-arrogant, wenn nicht gar unkritisch erscheinen. Kennt man aber die Lebensschicksale und die charakterfeste Haltung der vier Brüder Zeller und vergegenwärtigt man sich ihre Situation, so kann man diesen Vers sicher nicht mit Unrecht als Motto auch eines Familientages wählen, eines Familientages, der ja ein Gedenktag sein sollte, an dem man sich seiner Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit verstärkt bewußt wird. Diese Gemeinsamkeit entsteht u. a. durch das Bewußtsein der gemeinsamen Abkunft, dem reflektierenden Brückenschlag über Jahrhunderte zurück, in diesem Fall zurück zu jenen Männern, die, wie es Hermann Zeller im Titel seines Aufsatzes von 1938 ausdrückte, ein lichtes Bild in trüber Zeit waren.
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