Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Karl Hermann Zeller (1849-1937)
Direktor des Statistischen Landesamtes, Konsistorialpräsident in Stuttgart

Ulrich Zeller (§ 160) und Klara Haug, geb. Hutt (§ 146,1), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell,
Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 82-86

 
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Hermann Zeller (ZB § 138) wurde als 7. Kind des Pfarrers J.L. Hermann Zeller und seiner Frau A. Sophie, geb. Kind, geboren. Er war Urenkel des Sulzbacher Pfarrers Heinrich Hartmann Zeller, Linie Bebenhausen, war aber über die Mutter auch Denkendorfer Nachkomme (§ 223.3). Beide Eltern waren tief gläubig, dem Pietismus nahestehend, tatkräftig, vielseitig interessiert. Sie waren dem Sohn zeitlebens Vorbilder. Wie der Vater wollte der Sohn Pfarrer werden, doch wurde er wegen einer Sprachbehinderung von der Kirchenbehörde abgelehnt. Trotz bestandenem Landexamen konnte er nur als Gastschüler das Seminar Maulbronn von 1863 bis 1867 besuchen. Gleichzeitig unterzog er sich einer Ausbildung am Kameralamt Maulbronn. Beides nebeneinander war eine enorme Leistung und offenbarte eine überdurchschnittliche Arbeitskraft. 1867 bis 1871 studierte er in Tübingen. Ziel seines Studiums war der Eintritt in den höheren Finanzdienst, doch fehlte eine gezielte Studienanleitung. So belegte er neben Nationalökonomie, Finanz- und Rechtswissenschaften auch Mathematik, Geschichte, Geographie, Geologie, Mineralogie, Physik, Chemie und anderes. Für eine Arbeit über „Landwirtschaftliche Verhältnisse eines württembergischen Dorfes (Gräfenhausen)“erhielt er einen akademischen Preis. Zur Vorlage als Dissertation fehlte das Geld. 1870 trat er in die Verbindung „Normannia“ ein, der er in späteren Jahre noch sehr verbunden war.

Nach seinem 1. Referendarexamen 1871 arbeitete Hermann Zeller in verschiedenen Zweigen der Finanzverwaltung. Nach seinem 2. Dienstexamen fehlte für eine wissenschaftliche Reise das nötige Geld. Glücklicherweise erwischte er mit einem Los den 1. Preis einer Wohltätigkeitslotterie: eine goldene Boudoir-Garnitur. Er konnte sie „für 300 Gulden an I.M. Königin Olga verkaufen“. Damit reiste er 5 Monate lang durch Österreich, Ungarn, Böhmen, Sachsen, Preußen, dann der Küste entlang von Stettin bis Bremen, von da nach England und zurück über die Niederlande. Im Oktober 1873 trat er seine Stelle am Kameralamt Ludwigsburg an, konnte sich aber bald nach Stuttgart verbessern. 1877 gelang ihm der Sprung in den höheren Finanzdienst.

1878 verlobte er sich; 1879 heiratete er Luise Römer, Tochter des Direktors im Kultministerium Georg v. Römer und seiner Frau Elise, geb. Freiin v. Gemmingen-Steinegg. Dem Paar wurden 3 Söhne und 2 Töchter geschenkt. Leider starb der Älteste schon nach 6 Monaten. Der frühzeitige Tod beider Töchter und eine langwierige Erkrankung des zweitältesten Sohnes brachte ihnen lange Zeit großes Leid.

1878 und 1893 wurde Hermann Zeller als Sachverständiger zur Beratung von Steuergesetzen, 1894 für kurze Zeit als stellvertretender Bundesratsbevollmächtigter nach Berlin entsandt. Aber noch im gleichen Jahr wurde er Direktor des Statistischen Landesamtes, das ebenfalls dem Finanzminister unterstand. Die Arbeit machte ihm viel Freude. Statistik wurde unter seinen Händen etwas Lebendiges für Staat, Wirtschaft und Verkehr. Besonderes Interesse galt dem Kartenwesen, der Geologie und der Meteorologie. Sie brachte ihn in Kontakt mit dem Grafen v. Zeppelin, der in Friedrichshafen sein Luftschiff entwickelte. Zeller verfaßte wissenschaftliche Abhandlungen, schrieb Aufsätze in Zeitschriften und Zeitungen, trat der statistischen Gesellschaft bei, besuchte nationale und internationale Kongresse, woraus sich weltweite Verbindungen ergaben. Rückblickend meinte er, es sei die schönste und fruchtbarste Zeit seiner beruflichen Tätigkeit gewesen. Aus dieser heraus berief ihn 1904 der Finanzminister zum Präsidenten des Steuerkollegiums, das die 1903 in Württemberg neu eingeführte Einkommensteuer zu bearbeiten hatte. Es folgte eine Zeit sehr harter und anstrengender Arbeit, die offenbar an die Grenzen seiner Kräfte ging. Es stellten sich Erschöpfungszustände ein. Im Inneren erwog er, nach Beendigung des 65. Lebensjahres in den Ruhestand zu treten. Doch es kam anders.

Für die Schilderung der weiteren Tätigkeit Hermann Zellers ist es notwendig, einen Überblick über seine nebenberuflichen Aktivitäten zu geben. In Treue zur Kirche stellte er seine beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten zur Verfügung und setzte sich für soziale Belange ein. 1880 wurde er ehrenamtlicher Armenpfleger, eine Tätigkeit, die heute einen Sozialarbeiter voll ausfüllen würde. 1889 wurde er Kirchengemeinderat der Hospitalkirche, bald auch Mitglied des Stuttgarter Gesamt-Kirchengemeinderats. In der Zeit zahlreicher Kirchen- und sonstiger Neubauten wurden seine Kenntnisse im Finanzwesen geschätzt. Er wurde Ausschußmitglied der evang. Gesellschaft, der Zentralleitung für Wohltätigkeit, später des Bezirkswohltätigkeitsvereins, Gründungsmitglied des evang. Preßverbandes, Mitglied des Verbandes der inneren Mission und noch bei anderen Organisationen. 40 Jahre lang gehörte er dem Verwaltungsausschuß des evang. Diakonissenmutterhauses Stuttgart-Rosenbergstraße an.

Ab 1903 war er Vorsitzender des neugegründeten Vereins Alter Tübinger Normannen, der sich zum Ziel gesetzt hatte, der Aktivitas in Tübingen ein Haus zu erstellen. Am 1. August 1905, seinem 56. Geburtstag, konnte Hermann Zeller seiner Verbindung das Haus in einem fröhlich-würdigen Fest übergeben.

1894 erfolgte seine erste Wahl in die (5.) Landessynode. Auch der folgenden 6., der 7. und der 8. Synode gehörte er an. 1907 wurde er zum Präsidenten gewählt, auch von der 8. Synode bis zum Ausscheiden 1912. Er leitete den Synodal-Ausschuß, der zwischen den Tagungen die Geschäfte zu führen hatte. Synodal- und Konsistorialpräsident waren Mitglieder der 1. Kammer des württembergischen Landtages. Das ermöglichte Kontakte mit interessanten und einflußreichen Leuten. Beide Präsidenten hatten die kirchlichen Interessen wahrzunehmen. Auf die Fülle der in der Synode anstehenden Aufgaben kann mit Ausnahme des Reversaliengesetzes nicht eingegangen werden. Es sollte die Überleitung des landesherrlichen Kirchenregiments in eine bürgerliche Kirchenregierung regeln, sobald der damals regierende König Wilhelm II., der keinen Sohn (außer dem 1882 verstorbenen Prinzen Ulrich) hatte, seine Augen schließen würde. Thronfolger sollte Herzog Albrecht aus der katholischen Seitenlinie des Hauses Württemberg werden. Nach jahrelangen, schwierigen Beratungen wurde das Reversaliengesetz 1912 rechtskräftig.

Am 31.12.1912 wurde Hermann Zeller, dem seinerzeit die Kirchenbehörde wegen seines Sprachfehlers den Eintritt ins Pfarramt verweigerte, überraschend vom König zum Konsistorialpräsidenten ernannt. Kommentar eines Zeitgenossen: Der Oberste der Zöllner wurde zum Obersten der Schriftgelehrten ernannt. Zunächst war ihm bang vor seinen neuen Aufgaben, und es war für ihn ein harter Einstand, aber er arbeitete sich in sein neues Amt ein. Mit vielen Fragen war er von der Synode her schon vertraut. Und bald schon brachte der 1. Weltkrieg eine Fülle unvorhersehbarer Aufgaben. Die politische Entwicklung beobachtend erkannte Hermann Zeller, zusammen mit anderen Männern, die Lücke im Reversaliengesetz: Es war nur für den Fall des Todes des Königs formuliert, aber es mußte für den Fall einer anderweitigen Behinderung seiner landesherrlichen Befugnisse geändert werden. Diese Gesetzesänderung erlangte am 31.10.1918 Rechtskraft. In all dem war Hermann Zeller die treibende Kraft. So wurde es ihm ermöglicht, durch eine von Wilhelm II. am 9.11.1918 unterschriebene Verfügung das landesherrliche Kirchenregiment nahtlos auf die bürgerliche Kirchenregierung zu überführen, eine gesicherte Rechtslage, um die die württembergische Landeskirche in der Unsicherheit der Revolution von 1918 allgemein beneidet wurde. Die Folgezeit stellte natürlich auch die württembergische Kirchenleitung vor schwierige Aufgaben, vor allem mußte eine neue Verfassung der Landeskirche ausgearbeitet werden.

Seit über 80 Jahren war es ein Anliegen weitblickender Männer der württembergischen evang. Kirche gewesen, auf einen Zusammenschluß aller deutschen evangelischen Landeskirchen hinzuarbeiten. Das war immer wieder gescheitert. Sie waren Mitglieder der Eisenacher und der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz. Diese Bestrebungen wurden nicht zuletzt von Hermann Zeller nach Kriegsende neu belebt. Auf dem Stuttgarter Kirchentag 1921 wurde beschlossen, den Deutschen Evangelischen Kirchenbund zu gründen und die Gründungsakte am Himmelfahrtsfest 1922 in der Schloßkirche zu Wittenberg, an Luthers Grab, zu unterzeichnen. Für Hermann Zeller war es der Höhepunkt seiner kirchlichen Laufbahn, als er an diesem Himmelfahrtstag 1922 in der Schloßkirche für die württembergische evangelische Kirche als erster seinen Namen unter die Akte setzen durfte. Es war die Ernte einer langen und zähen Arbeit. 1924 schied er im 75. Lebensjahr aus dem Amt, dem er noch jahrelang seinen Rat zur Verfügung stellte.

In den Jahren danach widmete er sich vielfach der eigenen Familie und den Verwandten, ferner dem Heinrich-Hartmann-Zeller'schen Familienverein. 1926 gab er mit Dr. Martin Leube zusammen ein Verzeichnis aller Nachkommen von H.H. Zeller heraus. Auch arbeitete er mit Prof. Max Cramer zusammen, der 1927 das 2. Zellerbuch aller Linien herausgab. Er bemühte sich, die Zellerverwandten der Denkendorfer und Maulbronner Linie mit den Bebenhauser Nachkommen zu einem großen Familienverein zu vereinen. 1927 wurde der Martinszeller Familienverein als eingetragener Verein gegründet und somit Vorläufer des Martinszeller Verbandes e.V.

Auch weiteren Familienvereinen widmete er sich, dem Verein Römer und Verein Faber. Mit 84 Jahren war er noch Mitbegründer des Familienvereins „von Gemmingen-Steinegg“.

1929 konnten Hermann und Luise Zeller ihre goldene Hochzeit feiern, ein unvergeßliches Fest. Schon 1925 hatte er begonnen, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben, die eine Fundgrube interessanter Darstellungen, Persönlichkeitsbeschreibungen und auch Einzelheiten sind. Noch war der über 80jährige ein rüstiger Wanderer in Stuttgarter Wäldern. Mit Schmerzen erfuhr er, wie nach 1933 die braunen Machthaber sein Werk, den Deutschen Evangelischen Kirchenbund, vernichteten und den deutschen evangelischen Landeskirchen braune Ehrgeizlinge in schwarzen Talaren aufzwangen.

Im Sommer 1934 begann eine Zeit schwerer Erkrankungen, die ihn ins Leiden und in die Schwäche des Alters führte. Er ertrug es mit dem Zeller'schen Wahlspruch „mit Freuden hindurch“ in festem Glauben an die Zusage seines Heilandes und Erlösers, treu gepflegt von seiner Frau und der Enkeltochter Klara Hutt. Am 22.1.1937 durfte er die Augen endgültig schließen. Der Wahlspruch seines Vaters:, Gediegen und anspruchslos“ hatte ihn ein Leben lang begleitet.
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