Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Evangelische Hauseltern als prägende Kraft

Christian Heinrich Zeller (1779-1860) und
Charlotte Dorothee Sophie Siegfried (1791-1858)

Aus: Herbert Leube, Familie und Christliche Diakonie, Familienkreis und Nachkommenschaft von
Christian Heinrich Zeller und Sophie Siegfried, Verlag der St. Johannis-Druckerei Lahr, 1999,
Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V. Nr. 15

s. auch Vortrag von Siegfried Dehlinger über Christian Heinrich Zeller
und: Chr. Heinr. Zeller in der badischen Kirchengeschichtsschreibung (Max Adolf Cramer)

 
Bild Bild
 

.           Christian Heinrich Zeller (1779-1860)                  und               Charlotte Dorothee Sophie Siegfried (1791-1858)

 

Über Christian Heinrich Zeller und seine Bedeutung als christlicher Pädagoge gibt es seit seinem Tod bis in die heutige Zeit eine umfangreiche biographische Literatur. Am ausführlichsten und auch heute noch immer wieder zitiert ist die zweibändige Biographie von Zellers Schwiegersohn Heinrich Thiersch von 1876. Seine Vorfahren wurden in einer Ahnenliste bis zur 4. Generation erfasst (S. 552).

Christian Heinrich Zellers eigene Einstellung zur Familie wird illustriert durch ein Erlebnis, das er als 16-jähriger hatte und das er selbst 1857 in einem Brief an Pfarrer Hermann Zeller beschrieben hat: „Mein Vater hatte in seinem Hause ein stilles, hinteres Zimmer, in welchem an allen vier Wänden die in Öl gemalten Portraits aller seiner Vorfahren, von dem Pfarrer Johannes Zeller in Rothfelden an bis zum Portrait seines Vaters, der als Helfer in Böblingen früh gestorben ist, hingen. So hingen auch die Bilder einiger Zellerinnen da. Eines Sonntags Abends ging ich in dieses Zimmer, um allein und ungestört in Gellerts moralischen Vorlesungen zu lesen. Ergriffen von einer Stelle darin blickte ich auf, und es war mir, alle diese Bilder meiner Vorfahren lebeten und schaueten mich väterlich ernst an, als wollten sie mir sagen: O halte dich wohl und mache uns keine Schande! Werde fromm und tugendhaft! Es war ein unbeschreiblicher Lebenseindruck, der mich zu einem innigen Gebet voll kindlich heiliger Vorsätze und Gelübde begeisterte.“ Damals entstanden die folgenden Hexameter:

Auf die Bilder meiner Vorfahren
Sanft umschwebt mich ihr Geist und flößt mir Liebe zur Tugend
Ein und den Eifer zu leben, wie sie dem Vaterland lebten.
Ernst ist ihr Blick; sie scheinen mir sagen zu wollen die Worte:
Dien' o Enkel wie wir, dem Gott der uns Alle erschaffen,
Dien' ihm mit redlichem Herzen und geh' auf dem Wege der Tugend.
                                                                                               (Thiersch S. 49-50).


Die Voreltern

Christian Heinrich Zeller entstammte dem württembergischen Bildungsbürgertum. Der Vater, Hofrat Christian David Zeller, war Jurist; sonst aber haben wir es in Zellers Ahnentafel vor allem mit Pfarrern zu tun. Die direkten Zellerschen Ahnen sind vielfach genealogisch und biographisch beschrieben, (s. a. Ahnenliste Zeller, S. 552). Sie begründeten mit vier Brüdern in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg eine in Württemberg weit ausgebreitete Nachkommenschaft vor allem von Pfarrern und Beamten; keine Familie hat in Württemberg so viele Pfarrer hervorgebracht wie die Zeller. Heinrichs Großvater, Johann Christoph Zeller, war Pfarrer in Böblingen, er starb früh. Der Urgroßvater, der Prälat Johannes Zeller, Leiter der Klosterschule Maulbronn, war der jüngste der vorgenannten vier Zellerbrüder, Begründer der Maulbronner Linie. Dessen Urgroßvater kam mit seinem Vater als Baumeister aus dem Allgäu nach Württemberg.

Zellers mütterliche Großmutter, Heinrike Regine Krompein, hatte in erster Ehe Pfarrer Schneck in Waldenbuch bei Tübingen geheiratet. Aus dieser Ehe stammte Zellers Mutter. In zweiter Ehe wurde sie die zweite Frau von Pfarrer Johann Georg Müller in Fellbach. Eine Tochter Dorothea Müller aus dieser Ehe heiratete den Kameralverwalter Scholl in Marbach und bekam eine Tochter, die die Mutter von Ottilie Wildermuth wurde. Was Ottilie Wildermuth über die gemeinsame Ahnin Heinrike Regine Krompein erfahren hatte, floss in die Erzählung „Die Ahnfrau“ in den „Bildern aus einer bürgerlichen Familiengalerie“.

Jugend und Studienzeit

Christian Heinrich Zeller wurde 1779 auf Schloss Hohenentringen bei Tübingen geboren. Sein Vater hatte das Schloss mit seinen Gütern 1773 von seiner Schwiegermutter gekauft, um Landwirtschaft zu treiben. Heinrich erinnerte sich mit besonderer Freude an das naturverbundene Aufwachsen in dem herrlich gelegenen Anwesen. 1786 zog die Familie um nach Böblingen, wo die alte Großmutter Zeller wohnte, von dort im Frühjahr 1787 nach Ludwigsburg. Dort hatte der Vater in der Langen Karlstraße ein geräumiges Haus gekauft.

Heinrich hatte eine schlimme Erinnerung an seine erste Lateinschulzeit in Böblingen. Der Präzeptor Schwarz bläute vor allem mit Hilfe von Haselstecken die Anfangsgründe der Grammatik in seine Buben. Auch in Ludwigsburg war das zentrale Erziehungsinstrument der Stock, wobei gelegentlich die kräftigeren Knaben helfen mussten, die Rute zu schwingen. Diese nahmen ihrerseits von den betuchteren Mitschülern kleine Geschenke, um sie dann sanfter zu traktieren. Durch andere Strafen sollte der Faule, der im Lesen Ungeschickte, der Schwatzhafte lächerlich gemacht werden: er bekam ein Eselsbild umgehängt, eine alte Tabakspfeife in den Mund gesteckt, musste auf einem scharfkantigen Holzscheit am Ofen knien. Auch die Belohnungen, die es gab, waren nicht immer unseren heutigen Vorstellungen gemäß: Wer sich wohl verhielt, durfte dem Lehrer im Wald neue Stecken schneiden, oder für ihn einkaufen oder Wasser holen.

Zeller erinnerte sich: „Der betrübteste Tag der Woche, ein Tag des Zorns und des Geschreis, ein Tag des Schlagens und des Heulens blieb der Freitag. Da wurden nicht nur die Gedächtnisaufgaben aus dem Spruchbuch, Gesangbuch, Katechismus und dem Konfirmationsbüchlein aufgesagt, sondern auch eine sogenannte Katechisation gehalten, welche aber mehr in Schlagen, Schelten und Zanken, als in einer christlichen Unterredung bestand“. (Thiersch S. 27). Zu den Schrecken der Schule kam für Christian Heinrich ein häusliches Strafgewitter, wenn er bei den allwöchentlichen Prüfungen einen Platz hinabrücken musste, seine Stelle als Primus verlor. In den oberen Klassen des Ludwigsburger Gymnasiums wurde Zeller aber auch ein Lehrer geschenkt, der Licht in sein düsteres Schulleben brachte, der ihn zu schätzen und geistig zu heben wusste und der ihm väterlich zugetan war; es war der damals schon alte Professor Jahn '. Sicher haben die Erfahrungen der eigenen Schulzeit Zeller später in seinen pädagogischen Grundsätzen mitbestimmt.

Neben der unerquicklichen Schulzeit müssen wir vor allem das Elternhaus Zellers sehen. Christian Heinrichs Vater Christian David Zeller hatte schon als 11-jähriger 1760 seinen Vater, den Böblinger Pfarrer verloren. Christian David kam daher zur Erziehung zu Pfarrer Johann Friedrich Flattich, dem bescheidenen und gediegenen Pädagogen, nach Münchingen. Beide, der verstorbene Böblinger Pfarrer Zeller und Flattich waren durch die Schule von Johann Albrecht Bengel in Denkendorf gegangen. So ist wohl anzunehmen und es wird durch vielfache Zeugnisse bestätigt, dass in Heinrichs Elternhaus ein herzlicher, auf pietistische Frömmigkeit gegründeter Erziehungsstil praktiziert wurde. Dem widerspricht nicht eine Strenge in schulischen Dingen auch zuhause; sie entsprang der festverwurzelten Selbstverständlichkeit, den Weg von Pflicht und Treue, von Ehre und Recht zu gehen.

Heinrich Zeller absolvierte mit 17 Jahren das Gymnasium und bezog im Oktober 1796 die Universität Tübingen, wo zu der Zeit sein älterer Bruder Karl August im Stift studierte. Heinrich wohnte in der „Hölle“, einem Haus in der Neckarhalde, das vom Dach aus betreten wurde. Der Wunsch des Vaters war es, dass er Jurist wie er selbst werden sollte. Heinrich Zeller bewarb sich deshalb nicht um einen Studienplatz im Theologischen Stift, erhielt aber einen Freitisch im Stift am „Hansentisch“„. Einer der damals aufkommenden studentischen Verbindungen ist er nicht beigetreten, er bewahrte von Anfang an eine fleißige, gesetzte und zurückgezogene Lebensweise. Nach altem Brauch absolvierte er zuerst die philologisch-philosophischen Studien; er hörte u. a. Weltgeschichte bei Rösler, Literaturgeschichte bei Gaab, Logik und natürliche Rechtslehre. Die hervorragenden Juristen jener Zeit waren an der Universität in Tübingen Friedrich Wilhelm Tafinger und der spätere Obertribunalrat Julius Friedrich Malblanc. Heinrich bearbeitete unverdrossen die Institutionen und Pandekten, deutsches Privatrecht, Gerichtsmedizin und Kriminalrecht. Er tat es aus Pflicht, sein Geist fand wenig Nahrung und Befriedigung darin. Während der Vorlesungen zeichnete oder malte er. Für andere Vorlesungen, die er lieber hörte, ersparte er sich das Honorar, indem er am „Hansentisch“ im Stift auf den Wein verzichtete und sich Bargeld geben ließ. Aus dem Tagebuch seiner Studentenzeit sieht man, wie sehr er sich damals um seine sittliche und religiöse Bildung bemühte; er ist nicht zufrieden mit äußerer Ehrbarkeit und Mäßigkeit, er ringt um die Reinheit des Herzens. In seinem Wesen mischen sich Schüchternheit, vor allem gegenüber dem andern Geschlecht, und Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen, die seinen hohen moralischen, geistigen oder äußeren Vorstellungen nicht entsprechen. Beides sieht er als Schwäche und kämpft dagegen an. Doch „die Schüchternheit macht mich nicht unglücklich; von vielen Versuchungen hat oft sie allein mich noch abgehalten.“ So vermied er natürlich auch das Tanzen. Gedanken, die an Klopstock, Herder und Jean Paul erinnern, vertraut er seinem Tagebuch an: „Entronnen bin ich der Stadt Getümmel, freier atmet die Brust, höher hebt sich der Busen in Gottes freier Natur. Sei mir gesegnet, o Abend, deine stille Pracht! O du gießest Ruhe und Frieden in mein Herz, wenn es gejagt von den Torheiten des Tages, ...hier vom reinen Äther umflossen, vom heiligen Berge herab, staunend die Wunder der Schöpfung betrachtet und anbetend ... dem Vater aller Wesen innigen Dank lallt. . . . Ein stilles Abendgebet, neue Vorsätze, heiße Gelübde durchglühten meine Seele.“ (Thiersch S. 66).

Besonders wichtig war Zeller der Umgang mit Freunden. Als Vorform von regulären Studentenverbindungen bildeten sich Jünglings- und Freundschaftsbünde. Zeller selbst entwarf einen Plan zu einer solchen Gesellschaft, die das „Wahre, Gute und Schöne“ befördern sollte. Den Kreis, in den er eintrat, leitete der etwas ältere Jonathan Fr. Bahnmaier, dem er lebenslang verbunden blieb (s. G 6), ein strenger, kritischer Geist. Unter den jüngeren Theologen im Stift verkehrte Zeller mit den als Pietisten bekannten: Christian Gottlieb Blumhardt, Johann Georg Handel und der spätere schwäbische Landpfarrer August Friedrich Nanz. Dazu kamen der Jurist Jakob Samuel Fresenius, der sich als Advokat in Frankfurt niederließ, und die Theologen Karl Reichard und Joh. Carl Wilh. Passavant. Auch unter den württembergischen Freunden Zellers waren vor allem Theologen: Joh. Christian Fr. Steudel, Pfarrer Fr. Gottlob Schmid , Joh. Fr. Bernhard Hochstetter aus Rothenburg ob der Tauber, dem Zeller eines Tages die Ehefrau zuführen sollte, Johann Jakob Eytel und Chn. David Alex. Heermann; schließlich gehörte zum Freundeskreis Chn. Fr. Daniel Hoffmann , ein Verwandter des Tübinger Professors Flatt. Die Freunde waren von einem idealen Streben nach Tugend und Vollkommenheit erfüllt. An Zeller liebten sie seine Aufrichtigkeit; sie nannten ihn den edlen Zeller. Der Bund der Freundschaft und Tugend wurde im September 1800 vor dem Abgang Zellers von der Universität feierlich bekräftigt.

Ein weiterer Lichtpunkt in Zellers Tübinger Studentenzeit war der Verkehr im Pfarrhaus des nahen, am Fuß der Alb versteckten Gönningen. Sein Freund Nanz führte ihn in die Familie des dort seit 1793 amtierenden Pfarrers Eidenbenz ein, der mit einer Enkelin Job. Albrecht Bengels verheiratet war. Zellers Tagebuch verrät (12. 6. 1799): „Seit dem ersten Besuch in dieser Familie ist eine große Veränderung in meinem Wesen vorgegangen .... Der Vater der Menschen, der mein Schicksal lenkt zu der ewigen Seligkeit, hat es so gefügt, dass ich mit diesen edlen, frommen Menschen zusammentraf, dass sie auf mich einwirkten und meine Seele erweckten. ... Habe seit langer Zeit wieder mit Christen die rührende, heilige, edeleinfache Anstalt des Gedächtnismahles gefeiert. ... Gott, du ewige, unbegreifliche Liebe, du bist der Zeuge der Veränderung in meiner Seele. Schon ahnt mein Geist jenen inneren Frieden, schon stehe ich am Vorhof des Tempels der Seligkeit.“ (Thiersch S. 70). Die Begegnung mit lebendigen, geisterfüllten Christen förderte den Suchenden mehr, als das Studium vieler vortrefflicher Bücher.

Besonderen Gewinn zog Zeller aus dem Verkehr mit dem Haus des Tübinger Professors Jakob Friedrich Abel. Abel war ein Schüler der Leibnizschen und Wolfschen Lehre, die versuchte, die Vernunft mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen; er war schon mit 21 Jahren Professor der Philosophie an der Hohen Karlsschule auf der Solitude geworden; dort hatte er großen Einfluss auf den Eleven Friedrich Schiller. 1790 kam er nach Tübingen. Abel war kein Pietist, aber ein Mann von fester christlicher Überzeugung; sein Wesen war liebreich. Zeller nannte ihn „den Mann, den meine Seele liebt“. Auch Abel fand an Zeller Gefallen und holte ihn als Privatlehrer für seine Töchter Friederike und Röse in sein Haus. Es bildete sich eine Freundschaft fürs Leben. In Abels Haus wurde es Zeller zum ersten Mal bewusst, dass Lehren und Erziehen der Beruf sei, der seinen Anlagen ganz entspräche. Als Zeller von Tübingen wegging, wurde sein Freund Steudel der nachfolgende Lehrer im Haus Abel. Friederike heiratete 1807 Zellers Freund Chn. David Alex. Heermann.

Während Zellers ganzer Studienzeit ist nirgends erwähnt, dass er an der Weltpolitik, die ihn doch auch berührt haben muss, Anteil genommen hätte: Im Sommer 1796 marschierten die Franzosen in Tübingen ein. Das folgende Jahr sah die Siege des jungen Generals Napoleon in Italien. Im März 1799 siegten die Österreicher bei Stockach über die Franzosen. Herzog Friedrich von Württemberg stand auf der Seite Österreichs. Napoleon kam aus Ägypten zurück. Moreau ging im April 1800 über den Rhein und rückte siegreich vor. Württemberg war in der Gewalt Frankreichs und musste Millionen als Kontribution bezahlen. In Stuttgart und Ludwigsburg lagen französische Truppen. Selbst im Tübinger Stift hatte man 1796 in der französischen Revolution den Sieg der Vernunft bewundert.

Zeller als junger Jurist und Privatlehrer

Im Herbst 1800 absolvierte Heinrich Zeller das juristische Examen. Es fiel so günstig aus, dass der gestrenge Vater voll Rührung seinen Sohn umarmte. Heinrich war nun Lizentiat beider Rechte. Sogleich trat er in die juristische Praxis mit dem Titel eines Kanzleiadvokaten ein. Aber sein Herz war nicht bei der Sache. Lieber überredete er die Parteien zu einem Vergleich, als zu einem für den Advokaten lukrativen, langdauernden Prozess. Der Vater sagte: „Heinrich, du taugst nicht zum Advokaten!“ Heinrich fühlte das selbst nur zu gut. Lieber vertiefte er sich in die Schriften von Lavater, Jung-Stilling und dem Züricher Antistes Joh. Jak. Heß („Vom Reich Gottes“). Passavant empfahl ihm den Philosophen Fr. Heinrich Jacobi (das Gemüt erfasst mit unmittelbarer Gewissheit die Realität der Welt und des Göttlichen).

In dieser Lage erhielt Zeller auf Veranlassung von Prof. Abel 1801 die Anfrage, als Hofmeister im Haus des Barons von Schnurbein in Augsburg die Erziehung des Sohnes Marcus zu übernehmen. Zeller willigte mit Freuden ein; der Vater gab seine Zustimmung. Beim Abschied von den Freunden in Tübingen - gefeiert bei einem Spaziergang ins Wankheimer Tälchen - versprach man sich unter Gesang, Tränen und Gebet, nie vom Pfad der Tugend abzuweichen, füreinander zu beten und sich ewige Treue zu bewahren.

Im Haus Schnurbein in Augsburg lebte man auf großem Fuß. Der einzige Sohn, der 8-jährige Marcus war verwöhnt. Zeller sah seine Aufgabe darin, ihn zum Fleiß, zu Selbstbeherrschung und Tüchtigkeit zu erziehen. Dabei arbeitete er unentwegt an sich selbst, seinen Fähigkeiten und seinem Geschick, zu erziehen. Er schreibt z. B. am 26. 9. 1801: „Es fehlt mir noch die große Kunst, Festigkeit mit Sanftmut zu verbinden, fest zu sein ohne Eigensinn und sanft zu sein ohne Schwäche. Im Tadel soll man weder weich und bittend, noch heftig und bitter, sondern ernst sein.“ (Thiersch S. 78). Indessen stieß ihn das großtönende Leben in Augsburg ab, er fühlte sich in seiner Wirksamkeit gehemmt. Seine Freunde, sein Bruder Karl August begeisterten ihn für die Schweiz, der Stern Pestalozzis begann zu leuchten. Hilfe kam wieder von Professor Abel; er empfahl ihn an Freunde in St. Gallen. Einige Familien wollten eine Privatschule errichten. Im April 1803 verließ Zeller Augsburg. Sein Freund Reichard wurde sein Nachfolger.

In Augsburg hatte Zeller einen älteren Landsmann, Dr. Karl Binder kennen gelernt, der in Tübingen Theologie und Jura studiert hatte und der auf Zeller durch seine Welterfahrung Eindruck machte. Binder war Hofmeister im Haus des Bankiers von Liebert bei den Kindern seiner Tochter Elisabeth von Rad, die früh Witwe geworden war. Zeller war gern gesehener Gast im Liebertschen Haus gewesen. Als Zeller bereits in St. Gallen war, entdeckte ihm Binder, dass Henriette von Rad, Elisabeths Tochter, ihr Herz an ihn verloren hatte. Henriette führte den Haushalt des Großvaters und den der Mutter, sie besaß eine nicht gewöhnliche Bildung. An den reichen jungen Herren von Augsburg hatte sie kein Interesse. Wie ganz anders erschien ihr der sittsame, nur für das Höhere begeisterte Hauslehrer Zeller! Ein Briefwechsel begann. Frau von Rad legte ihrer Tochter nichts in den Weg, verlangte aber von Zeller eine feste Anstellung als Voraussetzung für eine dauernde Verbindung, um so mehr, da Frau von Rad finanziell von den Lieberts abhing. Vater Zeller, der die Verbindung billigte, riet erneut zur Jurisprudenz als fester Lebensgrundlage; und tatsächlich richtete Heinrich Zeller eine Eingabe an den gerade zum Kurfürsten avancierten Friedrich von Württemberg mit der Bitte um Anstellung als Geheimratssekretär, allerdings ohne Erfolg. Im Herbst 1804 machte Zeller in Augsburg einen Besuch, ohne dass das Geheimnis gelüftet war. Endlich, im April 1805, trat eine günstige Wendung ein. Henriettes Schwester Lisette verlobte sich mit Bankier Schmidt. Die Großeltern bewilligten ihr und der Schwester ein Heiratsgut. Zeller wies nach, dass zur Führung eines anständigen Haushalts seine Einkünfte genügten. So wurde Zeller zu einer schriftlichen Werbung ermächtigt. Zeller reiste im Kriegslärm im September nach Augsburg; österreichische, dann französische Einquartierung lag dort. Man machte die Anstandsbesuche in der Stadt. Während des Besuches muss aber Henriette bei Heinrich eine zurückstoßende Reserviertheit und Kühle, einen Mangel an herzlicher Zuneigung bemerkt haben, den wir vielleicht als eine Form von Schüchternheit, von altwürttembergischer Trockenheit betrachten dürfen. Binder schrieb: „Du bist allein schuld. Warum zeigtest Du ihr fast drei Wochen lang eine frostige Behandlung?“ Jedenfalls löste Henriette wenige Wochen nach dem Besuch die Verlobung auf, zum großen Schmerz und zur Demütigung von Heinrich. Noch im Januar 1806 schrieb Reichard: „Meine nicht, Jette sei kalt, sie liebt Dich noch.“ (Thiersch S. 89).

Henriette von Rad heiratete im November 1806 den Bankier Johann Gottlieb Süßkind, einen strengen Geschäftsmann. Er war von seiner ersten Frau geschieden; die zweite, „sehr schön, aber nicht tugendhaft“, war ihm weggelaufen. Henriette lebte meist zurückgezogen auf dem Landgut Bannacker bei Bobingen; sie hatte Kummer mit ihren Kindern, eines war missgestaltet, eines verunglückte; ein Sohn und eine Tochter sind offenbar groß geworden. Noch nicht 32 Jahre alt starb sie 1814. In Zellers Familie wird ihr Miniaturportrait aufbewahrt. Herr von Süßkind heiratete zum viertenmal.

Von St. Gallen aus besuchte Zeller Pestalozzi in Burgdorf. Er gründete seine ganze Lehrmethode auf die Pestalozzischen Prinzipien, die Liebe zu den Kindern, die zweckmäßige Auswahl der Beschäftigung. Zu Schlägen ließ er sich nicht hinreißen; nur einmal hat er einem Zögling eine Ohrfeige verpasst. Besonderes Gewicht legte er auf den Religionsunterricht, nicht durch Auswendiglernen des Katechismus, sondern Einführung in das Bibellesen. Vom Kirchgang hielt er, vor allem bei Kindern nichts. In St. Gallen kam Zeller mit der pietistischen Erweckungsbewegung in Kontakt durch die Schwestern Anna und Helena Schlatter und Judith Heß, geb. Bernet aus alter St. Galler Familie. Anna Schlatter stand in Briefwechsel mit dem - katholischen - Erweckungsprediger Martin Boos und vielen anderen Persönlichkeiten. Der Sohn Gottlieb wurde der erste Hausvater und Leiter der Pilgermissionsschule auf St. Chrischona, der Sohn Kaspar war Lehrer am Basler Missionshaus und wurde Pfarrer in Wittlingen bei Lörrach. Helena 3' hatte elf Kinder, darunter den Tatarenmissionar Daniel. Aus dieser Familie stammte auch der Tübinger Theologe Adolf Schlatter. Mitglieder der Familie Heß waren frühe Vertreter der Erweckungsbewegung. Durch die drei Schwestern wurde Zeller, dieser strenge Tugendlehrer, immer vertrauter mit der Überzeugung, dass der Weg zum inneren Frieden nicht allein durch eigene Verdienste, sondern durch die Gnade der Erlösung zu gewinnen sei.

Schuldirektor in Zofingen

Zu der Zeit hatten die Stadtväter von Zofingen im Aargau die Absicht, ihr Erziehungswesen nach dem Pestalozzischen Muster zu reformieren. Der Zofinger Pfarrer Samuel Gottlieb Hünerwadel machte den Rat der Stadt auf Heinrich Zeller aufmerksam; er kannte ihn schon vom Studium in Tübingen her; man hatte auch schon von Zellers Wirksamkeit in St. Gallen gehört. Hünerwadel betrieb Zellers Berufung nach Zofingen, er riet den Zofingern vom damals schon viel bekannteren Bruder Karl August Zeller ab und schrieb an Heinrich Zeller: „Ihr Bruder würde mit seinem Enthusiasmus hier nur ein hochloderndes Strohfeuer angezündet haben, da hingegen Ihre gesetzte, liebevolle und geräuschlose Tätigkeit vermutlich eine Flamme anfachen wird, die leuchtet und wärmt ohne weh zu tun.“ (Thiersch S. 101). Zeller übernahm die verantwortungsvolle Aufgabe als Leiter des ganzen Zofinger Schulwesens gern; am 10. 2. 1809 kam er in Zofingen an. Zum ersten Mal hatte er eine feste Stellung mit gesicherter Versorgung.

Für Zofingen war die Ankunft des neuen Schuldirektors ein Neuanfang. Ein Schulhaus wurde gekauft, das die beiden Klassen der deutschen Knabenschule sowie die Mädchenschule aufnahm und Platz für Lehrerwohnungen bot. Dazu kam die Lateinschule, die Zeller selbst übernahm, und eine oberste Mädchenschule. Lehrmittel wurden gekauft, richtige Schulbänke aufgestellt. Die Einweihung war im Januar 1810; Zeller hielt eine feierliche Rede, er schloss: „Ich will mein Leben, meine Kräfte und meine Zeit euch widmen; mit Rat und Tat, mit Wachen und Beten, mit Geduld und Hoffnung, mit unveränderlicher Treue und Liebe des schönen Amtes warten, das mir gegeben ist. Und wenn uns Gott seinen Segen gibt und sein Gedeihen, ...dann will ich bleiben, solange es Gottes Wille ist.“ (Thiersch S. 111).

Zellers Aufgabe war es zunächst, das städtische Lehrerkollegium mit der neuen Lehrmethode vertraut zu machen. Er sah das Schulsystem als ein Ganzes; die einzelnen Teile, die deutsche, die lateinische Schule sollten einander ergänzen, aufeinander zuarbeiten. Auch mit Müttern sprach er über Grundsätze der Kindererziehung. Noch nach Jahrzehnten wurde die gediegene, doch strenge, zu Ordnung und geregelter Tätigkeit anregende Lehrweise Zellers in der Lateinschule gerühmt. Obwohl nicht ordinierter Theologe, hatte Zeller außer seinen Schulpflichten in der Gemeinde Vordemwald die Konfirmanden zu unterrichten, eine Aufgabe, die er gern übernahm; und am Sonntagnachmittag hielt er dort kirchliche Kinderlehre, zu der oft auch ErwachseW und Leute aus Zofingen dazukamen.

Sophie Siegfried

Pfarrer Hünerwadels Nachfolger in Zofingen wurde Pfarrer Ringier aus einer Zofinger Familie. Zeller hoffte, die Tochter Lisette als Lebensgefährtin zu gewinnen. Lisette war nicht abgeneigt; doch vom Vater erhielt Zeller eine Absage. Aber für Zeller bahnte sich indessen sein Lebensglück an, das sich noch nach vielen Generationen als segensreich erweisen sollte. Unter den jungen Lehrerinnen, die Zeller weiterzubilden hatte, war Sophie Siegfried, Tochter des verstorbenen Pfarrers in Auenstein Friedrich Sigmund Siegfried. Am Abend des 4. Juni 1811, als die anderen Teilnehmer der Fortbildung zufällig fehlten, trug Zeller der Jungfer Siegfried seinen Herzenswunsch vor, tags darauf hielt er bei der Mutter um Sophies Hand an und erhielt bald das erwünschte Jawort.

Sophie Siegfried entstammte einer seit 1498 in Zofingen nachgewiesenen, angesehenen Bürgerfamilie. Ihr Großvater wirkte dort als Goldschmied und saß im Rat der Stadt. Sophies Vater Friedrich Sigmund Siegfried war der jüngste Sohn. Er studierte Theologie in Bern. Seine erste Anstellung erhielt er 1787 als Pfarrverweser in Leutwil, AG. Dort verheiratete er sich mit Anna Salchli aus seiner Vaterstadt Zofingen. Drei Kinder wurden in Leutwil geboren, die jüngste war 1791 Sophie. Bald darauf erhielt Pfarrer Siegfried die Pfarrei Hasli im Grund bei Meiringen am Fuß des Grimselgebirges, mit den Filialorten Guttannen und Gadmen. Im einsamen, hölzernen Pfarrhaus lebte man mit der Natur, abgeschieden von der großen Weit. Im Haslital passierte die vielfach weitererzählte Begebenheit mit dem Lämmergeier: Die kleine Sophie spielte auf der Wiese, bekleidet mit einem roten Röckchen. Am Himmel kreiste der Lämmergeier. Der Vater fürchtete Gefahr für sein Töchterchen und schoss das Tier herunter. Es wurde ausgestopft und wird noch heute in der Familie Zeller in Zürich aufbewahrt. - Um das Jahr 1800 erhielt Siegfried die Pfarrei Auenstein im Aargau, gegenüber dem Schloss Wildegg. Doch schon nach sechs Jahren verlor er sein Leben durch einen Unfall. Er fuhr mit seiner Frau mit einem Wägelchen durch das Dorf Holderbank. Da scheute das Pferd; der Pfarrer sprang vom Wagen, um das Pferd zu halten, stürzte und schlug mit dem Kopf aufs Pflaster. An den Folgen des Sturzes starb er nach einigen Monaten. Pfarrer Siegfried war ein ruhiger, ernster Mann, von geradem Charakter; darin wurden ihm seine Kinder ähnlich.

Sophie wurde als Kind „Chrusel“ - Krauskopf - gerufen, sie war lebhaft und kletterte wie ein Eichhörnchen. Mit 14 Jahren wurde sie, um Französisch zu lernen, nach St. Imier, BE zu einer Pfarrerswitwe, die Waisenkinder versorgte, geschickt. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern in die Heimat nach Zofingen. Sophie wurde von Pfarrer Hünerwadel konfirmiert. Die Mutter unterhielt eine Pension für Pfarrtöchter und, mit Sophies Hilfe, eine Arbeitsschule für Mädchen. Sophie wurde 1803, als sie 17 Jahre alt war, vom Stadtrat als Lehrerin an die obere Töchterschule bestellt. Sie unterrichtete in wissenschaftlichen Fächern und Handarbeit. So kam sie, als Zeller Zofinger Schuldirektor geworden war, in dessen Schullehrerkurs.

Um eine Schweizerin heiraten zu können, musste Zeller das Schweizer Bürgerrecht erwerben. Das Zofinger Bürgerrecht stand im Ansehen so hoch, dass es nicht mit Geld zu bezahlen war. Mehr Glück hatte Zeller in Retterswil am Hallwiler See, dort kaufte er sich für 400 Franken ein und gab seinen neuen Mitbürgern beim Eintritt in die neue Würde das übliche Gastmahl. In Entfelden, auf halbem Weg zwischen dem Hallwiler See und Zofingen traute der befreundete Professor Hünerwadel aus Bern das Paar am 7. Oktober 1811. Er begleitete sie auch auf ihrer kleinen Hochzeitsreise zu den Freunden in St. Gallen und Zürich. Am 16. Oktober brannte das erste Feuer auf dem eigenen Herd. 47 Jahre währte die Ehe in Frieden, die beiden Gatten zu höchstem Segen gedient hat.

Die junge Frau setzte auch nach der Verheiratung ihre Arbeit an der Töchterschule fort; wenn sie im Wochenbett lag, ließ sie sich vertreten. Während sie in der Schule lehrte, wurde sie im Haus von der Freundin Margarete Bodmer, der Tochter des Hausarztes, vertreten. Vier Töchter wurden dem Ehepaar Zeller in Zofingen geschenkt. Einige Knaben wurden zur Erziehung ins Haus aufgenommen; meist gingen 14 Personen bei Frau Zeller zu Tisch.

Zellers Vater hatte sich inzwischen mit der pädagogischen Laufbahn seines Sohnes ausgesöhnt. Beide Eltern besuchten ihn 1810. Kurz darauf erkrankte die Mutter an Brustkrebs und verstarb schon im folgenden Jahr. Der Bruder Ludwig Eberhard wurde 1811 zum Militär ausgehoben, musste als Korporal mit der napoleonischen Armee nach Russland ziehen und starb im Oktober 1812 in Minsk im Spital. Der Vater erhielt die Nachricht vom Tod des Sohnes nicht mehr. Er starb im November an der Ruhr und an Entkräftung. Zwei Jahre später erfuhr Heinrich Zeller auch den Tod seiner früheren Verlobten Henriette von Süßkind, geb. von Rad, der ihn tief bewegte. Vom Kriegslärm blieb die Schweiz weitgehend verschont; nur 1814, als die Armeen der Verbündeten in Frankreich einmarschierten, zogen Soldaten durch Zofingen. Die heilige Allianz der europäischen Fürsten nach Napoleons Fall galt vielen als der Anbruch einer neuen Zeit. Der alte Antistes Heß, den Zeller 1815 oder 1816 in Zürich besuchte, rief in diesem Sinn aus: O, wie viel Schönes können Sie noch erleben!

Freunde in Zofingen

In dieser Zeit traf Zeller mit Leuten der unterschiedlichsten geistlichen Heimat zusammen, wie Friedericus, dem Abt des Klosters von St. Urban und dem Conventualen Conrad Mayer, die die Schriften von Johann Michael Sailer studierten, damals Professor in Landshut, später Bischof von Regensburg; Sailer suchte die Theologie vom Urchristentum aus zu begründen. Eine andere Bekannte war Frau von Mayenstern aus Wien, die Zeller religiös-schwärmerische Briefe schrieb und ihn katholisch zu machen suchte. Am meisten wurde er aber gefangen von dem Schreinergesellen Immanuel Lüscher, einem Analphabeten. Lüscher hatte in der Zeit, in der er in Zellers Haus Arbeiten ausführte, das unmittelbare Erlebnis der Vergebung seiner erdrückenden Sündenlast durch den Erlöser. Die Gottseligkeit, eine übernatürliche Erleuchtung, strömte von ihm aus. Zeller war eine Zentralfigur in Lüschers Träumen, nächtelang unterhielten sich die beiden. 1816 trat Zeller auch in Verkehr zu Basler Freunden. Basel war seit langem ein Ort, an dem Pietisten, Herrnhuter und Vertreter der mystischen Richtung dank einer verständigen Obrigkeit Freiheiten genossen. Basel war der Hauptsitz der Deutschen Christentumsgesellschaft. Aus ihr sind später die verschiedenen Basler Vereine und Werke der christlichen Nächstenliebe hervorgegangen. Der Sekretär der Christentumsgesellschaft Chr. Fr. Spittler rief zusammen mit seinem Freund Gottlieb Blumhardt 1816 die Basler Missionsgesellschaft ins Leben. Mit beiden verband Zeller schon beim ersten Kennenlernen eine Übereinstimmung, die zu einer Herzensfreundschaft bis ans Lebensende führte. Spittler, drei Jahre jünger als Zeller, stammte wie er aus Württemberg; er war ein Pfarrersohn, hatte eine Ausbildung in der Verwaltung am Oberamtsgericht in Schorndorf absolviert. Durch den damaligen Sekretär der Christentumsgesellschaft Carl Fr. Ad. Steinkopf wurde er 1801 als 19-jähriger als zweiter Sekretär nach Basel geholt. Spittler wurde Steinkopfs Nachfolger in Basel, als dieser nach London als Prediger ging.

Inspektor der Anstalt Beuggen

Schon beim ersten Treffen der drei Freunde Spittler, Blumhardt und Zeller im Herbst 1816 gelang es Spittler, Zeller für ein Projekt zu begeistern, das Zellers Lebenswerk werden sollte. Gemeinsam freuten sie sich über den neu erweckten Eifer für die Heidenmission, beklagten aber den desolaten Zustand vieler vaterländischer Schulen, die Lage armer, verwahrloster Kinder in den Elendsjahren 1816 und 1817 und die Beschaffenheit des Christentums in diesen Kreisen. Ihren Herzen entstieg der Wunsch, ähnliche Anstalten wie für die Heiden auch für Christenkinder im Lande zu errichten. Gleichgesinnte Freunde in Basel fanden sich unter den Geistlichen sowie wohlhabenden Bürgern. Zeller fiel die Aufgabe zu, einen Entwurf für eine solche Anstalt aufzustellen. Er plante, die Ausbildung von Lehrern und die christliche Erziehung armer, verwahrloster Kinder zu verbinden. Es wurde daran gedacht, eine solche Anstalt mit dem Missionshaus zu koppeln als Vorschule für die Missionszöglinge. Am Reformationsjubiläum, dem 31. Oktober 1817 wurde dazu ein Armenschul-Verein gegründet: Mitglieder waren neben Spittler drei Basler Pfarrer, zwei Kaufleute und der Konrektor Daniel La Roche „ Die treibende Kraft war Spittler. Auch auswärtige Freunde wie Bahnmaier, damals Dekan in Kirchheim unter Teck, Hünerwadel in Bern, Geßner in Zürich, nahmen herzlichen Anteil an dem Projekt. Alle dachten besonders an Zeller als Leiter und Inspektor einer solchen Anstalt.

Zeller konnte sich nicht ohne weiteres entschließen, seinen dankbaren und gesicherten Wirkungskreis in Zofingen gegen eine finanziell unsichere Stellung in kleineren Verhältnissen einzutauschen. Ein ganz entscheidendes, inneres Erlebnis bewog ihn, Zofingen zu verlassen. Er hatte am Karfreitag des Jahres 1818 in einer Predigt des Herrnhuter Bischofs Georg Heinrich Loskiel gelesen: „Da ich schon am Rande des Todes war und nichts vor mir sah, als Tod und Verdammnis, da stand Jesus da und begnadigte mich, da nahm Jesus mich als einen schon Toten in seine Arme, da wehte ein Odem des Lebens von Ihm in mich, da ging meine Seele aus dem Tode über in das Leben!“ (Monatsbl. 1860, S. 61). Da bekam Zeller eine solche Gewissheit der vollkommenen Versöhnung und Vergebung aller seiner Sünden, dass er aufstand und in ein lautes Loben und Danken aus vollem Herzen ausbrach. Mit Tränen rief er aus: „Mein HErr und mein Gott, ist es möglich!“ Sein erleuchteter Blick richtete sich auf die Gottheit Christi und seine Versöhnung. Nun war er von Christus ergriffen. Nun war er innerlich bereit, den gesicherten Lebenskreis in Zofingen zu verlassen. Den letzten Anstoß zu seinem Entschluss, den Ruf nach Beuggen anzunehmen, gab die Kantonsregierung in Aarau, die ihm als Nichtordiniertem die seelsorgerliche Arbeit in Zofingen erschwerte.

Die neue Armenschullehrer-Anstalt sollte zunächst in Basel errichtet werden, doch urteilte der Erziehungsrat der Stadt nicht günstig über das Gesuch. Als im Herbst 1819 Großherzog Ludwig von Baden bei einem Besuch im Oberland vom Basler Handelsherrn und Staatsrat Balthasar Stähelin die Bitte vorgetragen wurde, dem Verein das alte Deutschherrenschloss Beuggen bei Säckingen zu überlassen, begrüßte dieser das Unternehmen. Bei einem Besuch in Karlsruhe bekamen Spittler und Zeller die Zusage, das Schloss pachtweise zu erhalten. Zeller entschloss sich, die Leitung zu übernehmen, obwohl nur ein geringes festes Gehalt zugesichert werden konnte. Über die Versorgung seiner Familie machte er sich keine Sorgen; er schrieb an Spittler: „Meine Witwenkasse ist im Himmelreich.“ (Thiersch S. 146). Seine Gattin war bereit, mit ihm den schweren Weg anzutreten, obwohl sie fürchtete, neben den vielen fremden Kindern die eigenen vernachlässigen zu müssen. Am 21. Dezember 1819 nahm Zeller das Amt an. Seiner Gattin wurde mit Salome Fäsch, geb. Mitz, Tochter eines Basler Bürgermeisters und Witwe eines Professors der Rechte, eine erfahrene Hausmutter zur Seite gestellt. Frau Fäsch verstarb aber schon im zweiten Jahr der Anstalt, so dass von da an Frau Zeller das Amt der Hausmutter alleine verwaltete.

Mit dem Übertritt nach Beuggen wurde Zeller erneut gedrängt, sich zum geistlichen Amt ordinieren zu lassen; sein Lehrauftrag wäre dadurch von der christlichen Kirche autorisiert worden. Er lehnte aber ab, er wollte in keine Abhängigkeit von einem Konsistorium kommen, von den leblosen Formen des Staatskirchentums unbehelligt bleiben.

Das Schloss Beuggen bei Säckingen am Oberrhein war seit dem Mittelalter im Besitz des Deutschen Ritterordens. 1805 nahmen die Rheinbundstaaten die Ordensgüter in Besitz; Beuggen fiel an Baden. Im Winterfeldzug von 1814 gegen Frankreich wurde das leer stehende Schloss Lazarett. So viele Kranke und Verwundete wurden eingeliefert, dass eine Pflege nicht mehr möglich war; 7000 bis 8000 sollen damals in Beuggen gestorben sein. Das Haus blieb wüst und verlassen, bis das Armenschulkomitee das Anwesen Ende 1819 übernahm. Für den vorgesehenen Zweck der Einrichtung eines Internats für Lehrerzöglinge und Waisenkinder war das Beuggener Anwesen nach Instandsetzung gut geeignet. Die zur Domäne gehörenden Äcker konnten selbst bewirtschaftet oder verpachtet werden. Eine gründliche Renovierung war unbedingt erforderlich. Weder Zeller noch seine Frau konnten sich anfangs vorstellen, in dem wüsten Gemauer je heimisch zu werden. Als ihr Mann allerdings einmal im Alter an die schwere Anfangszeit erinnerte und das Opfer hervorhob, das seine Frau gebracht hatte, als sie aus dem warmen Nest in Zofingen in das verpestete Beuggen übersiedelten, wehrte Mutter Zeller ab: „Unser Kommen nach Beuggen war kein Opfer, sondern unser höchster Gewinn und größtes Glück für Zeit und Ewigkeit.“

Die Beuggener Haushaltung wurde am 1. April 1820 durch Frau Fäsch mit zwei Zöglingen eröffnet. Die Familie Zeller kam am 17. von Zofingen mit drei Wagen voll Hausrat; sie wurde von Frau Fäsch, dem Ehepaar Spittler und Pfarrer Köllner 43 begrüßt. Am 15. Mai hielt Zeller zum ersten Mal Schule. Zehn Lehrerzöglinge und dreißig arme Knaben und Mädchen waren inzwischen angekommen. Die Zahl der Kinder stieg im Lauf der Jahre auf 70. Zur Einweihung am 22. Juni kamen Hunderte von Gästen, vor allem aus Basel. Zeller bezeugte oft, wie die damals über ihn gesprochenen Segensworte in seiner 40-jährigen Amtszeit in Erfüllung gegangen seien.

Die Anstalt Beuggen wurde im Auftrag des Basler Armenschullehrer-Vereins von einem zwölfköpfigen Komitee betreut:

-   Pfarrer Nikolaus von Brunn, 1766-1849, Mitbegründer der Basler Mission, geistliches Haupt des Komitees,
-   Daniel La Roche, 1790-1842, Gymnasialrektor in Basel,
-   Wilhelm Legrand, 1794-1874, damals Pfarrer in Oltingen, später Präsident des Komitees,
-   Bernhard Sozin, 1777-1854, Ratsherr in Basel, Präsident der Missionsgesellschaft,
-   Martin Wenk, + 1832, Gerichtsherr, Vorsteher der Brüdersozietät in Basel,
-   Johannes Legrand, 1782-1839, Kaufmann in Basel, Wilhelms Bruder,
-   Karl Sarasin, 1788-1843, Freund Lavaters, erster Kassier der Anstalt Beuggen,
-   Emanuel Ryhiner, 1785-1860, Handelsmann in Basel, besonders eng mit Zeller befreundet,
-   sein Schwager Benedikt Christ, 1777-1855, Rentier, kam oft zur Jagd in die Beuggener Gegend,
-   Balthasar Stähelin, 1771-1855, Gerichtsherr in Basel, Achilles Forcart, 1777-1848, Handelsmann in Basel,
-   Chn. Fr. Spittler, 1782-1867, als Sekretär der Christentumsgesellschaft.
-   Wilhelm Matthäus Elias Köllner, 1760-1835, aus Eisenach, Pfarrer in Naurod bei Wiesbaden, neologischer Prediger,
    von Spittler 1818 nach Basel berufen zur Leitung von Erbauungsversammlungen.


Der Rückhalt durch das christlich gesinnte Basler Bürgertum wurde für die Beuggener Anstalt zum Lebensnerv. Zu den ersten Gaben an die Anstalt gehörten eine goldene Dose, welche geschenkt, verlost und wieder geschenkt wurde, und eine goldene Kette, die Dr. Steinkopf in den Opferstock legte. Die Anstalt hatte keinen Fonds, aus dessen Erträgnissen sie hätte erhalten werden können; sie lebte im Vertrauen auf Gott und die Willigkeit der Geber. Zeller schickte wöchentlich einen Bericht nach Basel; die Hausmutter legte dem Kassier die Wochenrechnung vor. Zur Erstausstattung des Hauses kamen viele Spenden von Freunden aus Basel. Spittler organisierte unermüdlich.

Die Anlaufschwierigkeiten der Anstalt lagen zunächst vor allem darin, dass Lehrerzöglinge und arme Kinder aus den verschiedensten Kreisen zusammenkamen im Alter von sechs bis 30 Jahren, fähige und unfähige, freundliche und stumpfe, frohe und missmutige, wohlerzogene und verwilderte, reinliche und schmutzige. Schließlich wurden nach einer Eingewöhnungsphase die Schullehrerzöglinge fünf Stunden vormittags, die Kinder drei Stunden nachmittags unterrichtet, und alle am Abend zu einer Bibelstunde vereinigt. Heinrich Zeller hatte als Gehilfen zunächst den Lehrer Andreas Barner, der aber schon 1825 als Hausvater nach Korntal abberufen wurde. Natürlich wurden Zöglinge wie Kinder zu regelmäßigen Arbeiten in Küche, Haus, Garten und auf dem Feld herangezogen. Die ganze, mehr als 50-köpfige Gemeinschaft lebte wie in einer großen Familie. Und schon in den ersten Jahresberichten konnte Zeller darüber schreiben, wie mit manchen der Kinder, die sehr verwahrlost waren, durch die ernste, liebreiche Aufsicht, Beschäftigung mit nützlicher Handarbeit und anhaltende Fürbitten eine merkliche Veränderung vorgegangen ist. Eine der Zellertöchter erinnert sich an die erste Zeit in Beuggen: js war eine unaussprechlich liebliche Zeit, alle liebten einander. Das Wort Gottes war so süß, die Arbeit so fröhlich, die Spaziergänge so lieblich. Alles hatte einen unbeschreiblichen Glanz.“ (Thiersch S. 164).

Der Tageslauf, wie er sich rasch eingebürgert hatte, blieb über Jahrzehnte fast unverändert:

5 Uhr



Wecken durch Morgengesang von Zöglingen; Morgengebet mit den Kindern im Schlafzimmer, Aufräumen der Schlafzimmer, Hausarbeit oder Studium



6.30 Uhr



Frühstückssuppe



7-8 Uhr



Morgenandacht mit der ganzen Hausgemeinschaft mit Gesang, Fragen und Gegenrede. In der Art, wie Zeller alle Hausgenossen in diese morgendliche, Versammlung um Gottes Wort einbezog, lag das eigentliche Geheimnis seiner Kraft.



8-11.30 Uhr



Unterricht der Zöglinge durch Zeller, berechnet auf einen dreijährigen Kursus, in:
Biblische Geschichte, Lehre und Weissagung mit Übungen im Katechisieren,
Deutsche Sprache,
Rechnen bis zu den Dezimalbrüchen,
Geographie, besonders Deutschland und Palästina,
Geschichte des Reiches Gottes,
Gesang und Instrumentalübungen.
Währenddessen arbeiten die Knaben in Garten und Feld, die Mädchen im Arbeitszimmer bei Gesang und Vorlesen.




12 Uhr



Mittagessen mit Gesang zu Beginn und Ende



13-14 Uhr



Handarbeit der Zöglinge oder Mitwirkung am Unterricht der Kinder;
die Kinder lernen Lesen (Biblische Geschichte), Schönschreiben, Rechtschreiben, Rechnen, Kirchen- und Missionsgeschichte, Gesang nach Noten und Ziffern;
Sonntags werden Bibelsprüche und Lieder gelernt.




16-17 Uhr



Vesper mit Brot und Obst, Erholung im Schlosshof



17 Uhr



Musikunterricht der Zöglinge, Handarbeit der Kinder



18 Uhr



Konfirmandenunterricht der Größeren



19 Uhr



Nachtessen



20 Uhr



Abzug der Kinder unter Gesang in die Schlafsäle



21 Uhr



Abendandacht der Erwachsenen




Die Kinder waren in Gruppen von zehn bis zwölf aufgeteilt, jeweils unter Leitung eines Zöglings oder einer Betreuerin. Das Prinzip der Großfamilie sollte möglichst weitgehend gelten.

Sonntags war für alle um 9 Uhr im großen Lehrsaal die Predigt, um 14 Uhr die Kinderlehre. Größere Spaziergänge gab es unter Aufsicht. Besondere Pflege fand die Musik; für den vierstimmigen Gesang waren genügend Kräfte da; die Zöglinge erlernten neben Klavier- und Violinspiel auch die Grundzüge des Generalbasses. Zeller selbst dichtete viele Lieder, darunter eine Reihe von Kinderliedern.

Für den Sonntagsgottesdienst verwendete Zeller die württembergische Agende, sonst hielt er sich an gar keine liturgischen Regeln. Doch verwendete er das Losungsbüchlein der Brüdergemeine. Den Konfirmandenunterricht erteilte Zeller nach einem von ihm entworfenen Leitfaden, „Göttliche Antworten auf menschliche Fragen“, in dem er in der Reihenfolge von Luthers Katechismus auf 598 Fragen Bibelzitate als Antworten gibt. Zum Abendmahl kamen Pfarrer von Brunn oder Pfarrer Hoch aus Basel, da Zeller ja nicht ordiniert war. Zweimal im Jahr wurden Prüfungen in Gegenwart von Komitee-Mitgliedern, später auch des badischen Oberamtmanns und des Dekans von Lörrach, gehalten. Zum Abschied eines Zöglings, der ausgesandt wurde, fand ein besonderes Fest statt. Die ersten sieben künftigen Lehrer verließen Beuggen 1823. Die Zöglinge wurden nicht allein in die Schweiz und nach Deutschland ausgesandt, von vielen anderen Ländern wurden Beuggener Zöglinge erbeten. Eine besondere Sorge blieb es allezeit, die Kinder bei ihrer Entlassung in christlichen Familien unterzubringen, die Mädchen als Dienstmägde, die Knaben als Lehrlinge. Man konnte sogar den Kindern eine kleine Ausstattung an Kleidern mitgeben, dafür sorgten die Basler Hilfsvereine. Seit 1824 versandte Zeller „Rundschreiben an die ausgesandten Brüder“, um mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Daraus entstand das „Monatsblatt“, das viele Jahrzehnte bestanden hat und einen unschätzbaren Fundus an Nachrichten zur Geschichte Beuggens umfasst. Am Jahrestag der Einweihung der Anstalt, Ende Juni, fand stets das Jahresfest statt, das sich im Lauf der Zeit zu einem regelrechten christlichen Volksfest entwickelte. Zellers Jahresbericht war immer der Hauptpunkt.

Zellers Anstalt war nicht die einzige ihrer Art. Vor Beuggen gab es schon solche in Neuenburg in der Schweiz, in Weimar und Düsseltal (heute Düsseldorf). Nach Beuggener Muster wurden andere gegründet. 1826 zählte Zeller schon 25 Nachfolgeanstalten. Erwähnt seien hier zwei: die ähnlich Beuggen konzipierte Lehrerbildungs- und Kinderanstalt Lichtenstern bei Heilbronn, die lange unter der Leitung von Zellers Schwiegersohn Ludwig Völter stand, und die von Zellers Schwiegersohn Karl Werner mitgegründete Lehrerbildungsanstalt Tempelhof bei Crailsheim. Dabei sah Zeller das Feld der Inneren Mission viel weiter gesteckt. Im „Monatsblatt“ (1849) nennt er nicht weniger als 15 Anstalten, deren Errichtung er für dringend hält: Kinderrettungsanstalten, Armenschulen, Jünglingsvereine, Sonntagsschulen, Kinderheilanstalten, verbunden mit Diakonissenanstalten, Krankenhäuser für Erwachsene, zusammen mit der Ausbildung von Krankenwärter(innen), Anstalten zur Aussendung von christlichen Handwerkern, Bibelkolporteuren und Laienpredigern, theologische Studienanstalten, Vereine zur Sträflingsfürsorge, freiwillige Arbeitsanstalten für Arme, Gesellschaften zur Verbreitung der Bibel, Vereine zur häuslichen Erbauung, Unterstützung in häuslicher Not, Mäßigkeitsvereine, christliche Arbeitervereine. Viele dieser Anliegen wurden von Mitgliedern von Zellers eigener Familie oder Verwandten aufgenommen und realisiert.

Von Beuggen ging auch ein entscheidender Anstoß zur Rettungshausbewegung aus; es war der Gedanke, armen, von der Verwahrlosung bedrohten Kindern zu helfen. Ludwig Völter nennt für das Jahr 1845 bereits 22 solche Anstalten in Württemberg mit 1061 Kindern, dazu kommen weitere 39 Anstalten in der Schweiz, in Baden und im übrigen Deutschland sowie Häuser in Frankreich und Russland. Für die Gründer und Wohltäter der württembergischen Anstalten, die später zum Teil als Paulinenpflegen bekannt wurden, sind vielfach persönliche und familiäre Bindungen mit der Familie Zeller nachgewiesen. Erinnert sei beispielsweise an Andreas Barner in Korntal, Zellers früherer Lehrergehilfe, an Tobias Lotter in Stuttgart, Mitglied der Christentumsgesellschaft, an Jakob Martin in Winnenden, früher Zellers Lehrgehilfe, Johann Georg Handel in Stammheim, oder Christian Gottlob Barth, Freund Karl Werners (s. S. 121). Erster Mitarbeiter J. H. Wicherns am Rauhen Haus in Hamburg war ein Beuggener Zögling. Fr. v. Bodelschwingh war von einem in Beuggen ausgebildeten Hauslehrer erzogen worden und weilte als Student oft in Beuggen. Die Reihe lässt sich fortsetzen.

Das Beuggener Unternehmen zeichnete sich aus durch Freiwilligkeit, Gottvertrauen, Einfachheit und gründliches Lernen. Beuggen war keine vom Staat gebotene und garantierte, sondern eine geduldete Einrichtung. Es gab keinen Grundbesitz, keine Kapitalien. Im Vertrauen auf Gott wurde sie gestiftet und durch Liebesgaben erhalten; vielleicht war gerade dies das Geheimnis des Erfolgs des Experiments mit der Großfamille Beuggen. Denn die Arbeit in der Anstalt sollte aus der Liebe hervorgehen; Gehälter waren auf das Mindestmaß beschränkt. Ziel der Ausbildung der Zöglinge war das Können, nicht das Wissen. Die Erziehung stand im Mittelpunkt, nicht der Unterricht. Die jungen Männer mussten sich bewusst sein, dass sie zu den Armen ausgesandt wurden, nicht auf gut dotierte Schulmeisterstellen. So war die Handarbeit in Beuggen ein Stück des erlernten Berufs und sollte später helfen, den Lebensunterhalt zu sichern.

Im Sommer 1826 erlebte Zeller die Freude eines Besuches des betagten Heinrich Pestalozzi. Pestalozzi blieb vier Tage und lernte das Anstaltsleben kennen. Pestalozzis Auffassung: Zuerst müssen die Verwahrlosten zu Menschen, dann zu Christen erzogen werden, stand Zellers Prinzip gegenüber: Der wichtigste Schritt ist die Hinführung der Seele zu Gott und zum Erlöser. Nach einer Predigt von Zeller über das Wort: Wir sind unnütze Knechte gewesen, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren, rief Pestalozzi aus. „Zeller, heute habt ihr mir gepredigt!“ (Monatsbl. 1836, S. 91). Er starb im Februar des darauffolgenden Jahres.

Christian Heinrich Zeller hat seine aus der Praxis entstandenen Gedanken zur Erziehung in zahlreichen praktischen Anweisungen publiziert. Einen ungewöhnlichen Reichtum an Nachrichten und seelsorgerlichen Gedanken kann man aus dem Beuggener „Monatsblatt“ schöpfen, das Zeller bis zu seinem Tod redigiert hat. Zellers Schriftenverzeichnis findet sich im Anschluss. Seine zahlreichen Lieder und Gedichte sind allerdings nur verstreut oder gar nicht publiziert. Über die Erziehungsgrundsätze, über die theologische Lehrmeinung Zellers, über seine weitreichende Wirkung auf christliche Erzieher bis in unsere Tage ist von berufener Seite vielfach berichtet worden. Eine besonders ausführliche und einfühlsame Biographie stammt von seinem Schwiegersohn Heinrich W. J. Thiersch (Christian Heinrich Zeller's Leben, Basel 1876). Zellers religiöse Gedanken sind von Pfarrer Paul Weber im württembergischen Lehrerboten (Nr. 41 bis 50/52, 1929) systematisch zusammengefasst; in neuerer Zeit hat ihn G. Dehlinger als Pädagogen gewürdigt (C. H. Zeller, Pädagoge des schwäbischen Pietismus, Stuttgart 1982). Auch in der Allgemeinen Deutschen Biographie und in protestantischen Enzyklopädien ist Zeller ausführlich besprochen. Wir werden uns daher im folgenden eher auf die persönlichen Lebensumstände, die fernere Entwicklung der Familie Zeller und Ereignisse im Werden der Anstalt Beuggen konzentrieren.

Werden und Wachsen von Werk und Familie

1827 wurde unter dem Einfluss der griechischen Freiheitsbewegung in Beuggen eine Erziehungsanstalt für aus türkischer Sklaverei befreite Griechenkinder eröffnet. Pfarrer Christoph Möhrlen aus Württemberg wurde der Leiter. Die ersten Kinder waren in Ägypten losgekauft worden, insgesamt wurden 29 junge Griechen erzogen. 1829 wurde die Griechenanstalt nach Basel verlegt.

1827 besuchte Zeller auf einer seiner wenigen Reisen zusammen mit Spittler die Herrnhuter Siedlung in Königsfeld im Schwarzwald, wohin manche Basler Familien ihre Kinder zur Erziehung schickten. Von Königsfeld ging die Reise nach Tübingen, dann weiter nacli Kirchheim unter Teck, wo der alte Freund Bahnmaier, inzwischen Spittlers Schwager, Dekan war (s. G 6). Bahnmaier hatte seine Tübinger Professur wegen ungeschickter Äußerungen nach der Ermordung Kotzebues durch den Studenten Karl Sand verloren. In Kirchheim wirkte er 22 Jahre mit unbekümmerter Freudigkeit. Mit den alten Freunden, Steudel in Tübingen, Blumhardt in Basel, mit seinem Kollegen in Kirchheim, dem Liederdichter Albert Knapp 46, mit dem Lavaterischen und dem Geßnerischen Freundeskreis pflegte er herzlichen Verkehr. Weiter ging die Reise, zusammen mit Zellers Schwester Luise, Witwe des Dekans Ernst Christoph Mutschler, die in Kirchheim im Haus ihres Schwiegersohnes, des Apothekers Breuninger, lebte, und mit Bahnmaier nach Esslingen zum Freund und Kollegen, dem Rektor am Pädagogium Johann Jakob Eytel. Sodann wurde Ludwigsburg besucht. Das Elternhaus war verlassen. Die alte Tante, Jungfer Regine Zeller lebte noch, erkannte aber den Neffen nicht mehr. Zwei Schwestern lebten in Ludwigsburg. Die ältere war Christiane, Witwe des Rechtskonsulenten Chn. Heinr. Ulmer, eine gemütvolle, aber nüchterne Frau. Bei einer Abendandacht mit dem Bruder bat sie: Gelt, Heinrich, das Hinknien ersparst Du mir; ich komme so schwer wieder auf! Die jüngere Schwester Franziska war leidend; sie hatte eine unglückliche Ehe mit dem württembergischen Obristleutnant Albert von Abele hinter sich (s. Ottilie Wildermuth, Daheim-Kalender 1877). Der Oberjustizrat Karl Max. Klett führte Zeller ins Zuchthaus. Zeller hatte das Gefühl, als stiege er ins Totenreich hinab; in der Anstaltskirche sprach er über das Wort: Wir bitten an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Er sagte: js ist Gottes Gnade, dass ich vor dem Gitter und nicht bei Euch hinter dem Gitter stehe.“ Klett gründete 1836 ein christliches Armenkrankenhaus. Es folgte ein Ausflug nach Korntal. Die dortige Gemeinde, fest verwurzelt in reiner, unverfälschter Lehre, glaubte noch ganz stark im Geiste von Hedinger, Bengel und Oetinger an die Wiederkunft des Herrn im Jahr 1836. Im Haus des Gründers und Bürgermeisters Gottlieb Wilhelm Hoffmann kehrte Zeller ein. Der Sohn Christoph Hoffmann 51 wurde Leiter der Pilgermission auf St. Chrischona; 1866 bricht unter seiner Leitung die „Sammlung des Volkes Gottes“ nach Palästina auf. Der Sohn Wilhelm 52 wurde 1839 Inspektor der Basler Mission, später Domprediger in Berlin. Zellers ehemaliger Lehrergehilfe Barner war Vorsteher des Korntaler Waisenhauses, dessen Schwager Johannes Kullen 53 war der Lehrer. In Stuttgart wurden die Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Mathilden-, Katharinen-, Paulinenpflege besucht. Zeller kritisierte das mit großem Aufwand, aber ohne Kapelle gebaute Katharinenspital. Er traf sich auch mit seinem alten, noch rüstigen Mentor Prälat Jak. Fr. von Abel, dem er noch immer eine besonders herzliche Dankbarkeit bewahrte, da er ihm den Weg zum Erzieherberuf geebnet hatte. Auf der Rückreise wohnte er einem Gottesdienst in Kirchheim in Gegenwart der Herzogin Henriette von Nassau-Weilburg, Mutter der Königin Pauline von Württemberg, bei und wurde ihr anschließend vorgestellt. Zeller hatte Gelegenheit, dieser Frau für ihr großes Engagement für wohltätige Einrichtungen, besonders für Beuggen, zu danken. Weiter traf Zeller sich in Tübingen mit seinem alten Freund Steudel, der inzwischen als Professor der Theologie einen rationalen Supranaturalismus vertrat und gegen die Hegelsche Lehre und Ferd. Baur kämpfte. Schließlich besuchte Zeller den Hohentwiel, an dem einst seine Ahnherren gebaut hatten, und kehrte vor der Heimfahrt in Schaffhausen und bei seinem alten Freund David Spleiß, dem Pfarrer von Buch, ein. Spleiß war Professor am Collegium Humanitatis in Schaffhausen und ein geistesmächtiger Vertreter der Erweckungsbewegung, der auch eine Anstalt für arme Kinder unter der Leitung eines Zeller-Schülers gegründet hatte. Spleiß hatte schon 1820 mit seinem Freund Schubert aus München in Beuggen einen Besuch gemacht, kam später auch zu den Jahresfesten. Er taufte am 9. 4. 1826 Zellers zweiten Sohn auf den Namen Reinhard, der ihm kurz vor der Taufhandlung eingegeben worden war.

Nach den Unruhen des Jahres 1832, die zur Trennung von Basel in einen Stadt- und einen Landkanton führten, mussten viele Pfarrer aus dem Basler Land flüchten. Einer, Pfarrer Hoch „ gründete in Beuggen im Haus neben der Post eine Erziehungsanstalt“„für Knaben. Ein anderer, Pfarrer Jakob von Brunn `, Sohn von Nikolaus von Brunn, dem Vorsteher des Basler Beuggen-Komitees, wurde Leiter der in Beuggen neu gegründeten Taubstummenanstalt. Beide wirkten in Zellers Anstalt als Geistliche.

Mutter Zeller und die Familie

Frau Inspektor Zeller - allgemein nur noch als Mutter Zeller angesprochen - war die Seele der großen Hausgemeinschaft. Sie hatte ja nicht nur die Aufsicht im Hauswesen, in Küche und Keller, in der Landwirtschaft, im Garten, in der Waschküche. Sie rechnete über Einnahmen und Ausgaben ab. Kein Verwalter stand ihr zur Seite. Von Natur aus sanfter Art, wurde sie durch ihre Aufgaben zum Gebieten erzogen. Doch die Güte durchdrang immer die Strenge. Niemand liebte sie deshalb weniger; alle konnten mit ihren Kümmernissen zu ihr kommen. So rühmte Zeller von seiner Frau: „Was ich lehre, lebt sie.“ (Thiersch S. 11 312).

Unter Mutter Zellers Leitung wurde die ganze Anstalt mit der Familie zur Einfachheit erzogen. Es konnte passieren, dass sie von Gästen nicht sogleich als die Frau Inspektor erkannt, sondern als die Magd im Haus angeredet wurde. Kamen die Töchter, verwöhnt durch üppige Tage in der Fremde, zurück nach Beuggen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich wieder auf die Beuggener Einfachheit einzustellen.

Mit den jungen Lehrerzöglingen war Mutter Zeller streng und gütig zugleich. Sie konnte erschütternde Strafpredigten halten, die die jungen Männer beschämten. Jeder versuchte dann, seinen Aufgaben sorgfältiger nachzugehen. Alle hingen mit großer Liebe und Verehrung an der mütterlichen Frau. Dienstboten im Haus behandelte Mutter Zeller mit viel Nachsicht als Mitdiener an der gemeinsamen Aufgabe in einer Großfamilie, und es war ihr Anliegen, unter allen Hausbewohnern Frieden zu stiften. Ein besonderes Kapitel waren die vielen Gäste an Sonn- und Werktagen, zum Basler Missionsfest, zum Beuggener Jahresfest, wichtige Offizielle und kleine Leute. Mutter Zeller beherbergte gerne. Doch manchmal fehlte es am nötigen Platz. So kam es, dass sie gelegentlich auf Widerstand stieß, wenn sie erwartete, dass sich zwei Gäste ein Bett teilten. Als sich Mutter Zeller im Jahr 1833 zum ersten Mal für eine Badereise rüstete, die wegen eines Magenleidens dringend nötig gewesen wäre, waren Basler Flüchtlinge im Kommen. So wurden die Koffer wieder ausgepackt und das Flüchtlingsgut der Gäste verstaut.

Die Leitung der großen Anstalt brachte es mit sich, dass Mutter Zeller bei Krankheiten und Unfällen als erste Instanz gefordert wurde. Sie übernahm die Krankenpflege, verband Wunden, schnitt Abszesse auf; ja sogar aus der Umgegend kamen Leute mit Geschwüren und Wunden zu ihr, um sich operieren und pflegen zu lassen. Die Arzte hatten Respekt und ließen es gewähren, dass sie eine gut bestückte Hausapotheke bereit hielt. Von Mutter Zeller wird gerühmt, sie habe die rastlos tätige Art der Martha und die Liebe der Maria zu Gottes Wort vereint. Sie fühlte allerdings erst in ihren letzten Lebensjahren die Gewissheit, in Gnade von ihrem Herrn angenommen zu sein. Das fand Ausdruck in ihrem Wesen in einer lauteren Demut, in der sie sich als geringe Magd ihrer Mitchristen sah.

Die Zeller-Familie war in Beuggen weiter gewachsen. Die beiden ältesten Töchter, Helene und Marie waren 1828-1831 zur Ausbildung in einem pietistischen Haus bei der Jungfer Calame in Le Locle im Kanton Neuchâtel gewesen. Nach ihrer Rückkehr konnten drei Zellertöchter in der Kindererziehung und bei der Hausarbeit mitarbeiten. Am 9. April 1834 wurde den Eltern als elftes Kind der jüngste Sohn Samuel geschenkt. Im selben Jahr verheiratete sich die Tochter Marie mit dem Missionar Samuel Gobat, der im Begriff war, nach Abessinien zurückzukehren. 1836 wurde die silberne Hochzeit der Hauseltern mit einem großen Fest begangen; sogar ein Klavier wurde aus Basel geschenkt. Im Winter 1836-1837 erkrankten zwei Drittel der Hausgenossen, die Mutter selbst lag an einem Nervenfieber darnieder. Im Februar 1837 schloss die Tochter Therese die Ehe mit Pfarrer Karl Werner in Effringen. 1838 brachte den ersten Besuch von Zellers Bruder Karl August. Der weit gereiste preußische Schulrat vertiefte sich die ganze Nacht in die Beuggener Jahresberichte, am Morgen rief er seinem Bruder zu: „O Heinrich, Du bist glücklicher als ich!“ (Beuggen S. 231). Er nahm aus Beuggen den Wunsch mit, eine ähnliche Anstalt zu gründen. So kam es zur Gründung der Armenschullehrer- und Armenkinder-Anstalt im ehemaligen Zisterzienserkloster Lichtenstern bei Heilbronn. Leiter wurde Ludwig Völter. Im Mai 1840 führte Völter Helene, die älteste Tochter der Eltern Zeller heim. Im selben Jahr verließ auch die fünfte Tochter, Bertha das Haus als Gattin des Erlanger Theologiedozenten Heinrich Thiersch.

Inzwischen hatte die badische Finanzkammer die Pacht für Beuggen, trotz einer persönlichen Vorsprache Zellers, Gobats und Pfarrer Legrands bei Großherzog Leopold, von 60 auf 400 Gulden hochgeschraubt. Dennoch konnte die Anstalt weitergeführt werden. Es wurde auch versucht, dem Zug der Zeit folgend, den Lehrerzöglingen ein breiteres Wissen zu vermitteln, ohne das wesentliche Ziel einer christlichen Menschenbildung aus dem Auge zu verlieren.

1841 wurde Zeller von der roten Ruhr und einem Schleimfieber befallen; der kleine Samuel lag in höchster Lebensgefahr neben dem kranken Vater, die ganze Anstalt war angesteckt. Zeller sah es als göttliche Züchtigung. Auch 1843 erkrankten beide Hauseltern. In diesen Jahren war Zeller vielfach schriftstellerisch tätig, so erschien ein Schriftchen über Kleinkinderpflege. 1846 verlegte Barths Calwer Verlagsverein die „Kurze Seelenlehre, gegründet auf Schrift und Erfahrung“, nachdem Barth und Schubert die Schrift begutachtet hatten. Auch eine neue Ausgabe seiner „Lehren der Erfahrung“ bereitete er vor, dabei ließ er sich von seinem Schwiegersohn Ludwig Völter beraten. Im Jahr 1845 reisten die Eltern Zeller zu ihren Kindern in Marburg, wo auch der Sohn Reinhard das Gymnasium besuchte.

Seit seiner Krankheit musste Zeller einen theologischen Vikar haben. Der erste war Hermann Betulius 58, sein Nachfolger Franz Held, nachmals Herausgeber des Kirchenboten und des evang. Sonntagsblatts in Stuttgart. Schon 1840 hätte Zeller am liebsten seinen Schwiegersohn Völter bei sich gesehen; das war aber nicht möglich. Endlich 1851 konnte der eigene Sohn Reinhard in Beuggen als fertiger Theologe eintreten. Wenig Sympathie brachte Zeller seinem Schwiegersohn Thiersch bei seinem Übertritt zur katholisch-apostolischen Gemeinde entgegen. Er fürchtete, Thiersch würde das Augsburgische Bekenntnis nicht mehr anerkennen oder im Schoß der römischen Kirche landen. Indessen blieb die gegenseitige Liebe ungetrübt, der Austausch in theologischen Fragen unterblieb allerdings. Schließlich hat ja dann Thiersch eine liebevolle Biographie seines Schwiegervaters verfasst.

Die Weltereignisse greifen nach Beuggen

Die politischen Ereignisse dieser Jahre berührten in besonderer Weise auch die Anstalt Beuggen. 1845 war in Krakau der Polenaufstand ausgebrochen. Im selben Jahr entstand die große Spaltung in der Schweiz, die zum Sonderbundkrieg führte, in dessen Folge 1848 die Schweiz sich als Bundesstaat formierte. Im Februar 1848 war der große Umsturz in Paris. Im badischen Oberland bildeten sich Freischaren; im April rückten württembergische und bayerische Bundestruppen in den badischen Seekreis ein. Am Gründonnerstag, dem 20. April wurden die Freischaren in der Nähe von Beuggen bei Kandern und Steinen von hessischen und badischen Truppen geschlagen. Am selben Tag hatte noch eine Freischar des zu Beuggen gehörigen Karsau, ohne von dem Kanderner Gefecht zu wissen, versucht, die männlichen Insassen von Beuggen zum Mitmachen zu zwingen. Am Abend indessen kam ein Haufe geschlagener Freischärler in die Anstalt und begehrte Essen und Herberge. Eine Woche später, am 27. April wurden die Freischärler im Gefecht bei Schwörstadt und Dosenbach vollends geschlagen und aufgerieben. In Beuggen versuchten sich versprengte Freischärler über den Rhein zu retten. Nachstürmende Württemberger schlugen die Türen ein, durchsuchten die ganze Anstalt nach Freischärlern unter wilden Drohungen gegen Zeller und seine Frau und fanden auch ein paar, einer wurde dabei sogar noch erschossen. Schließlich marschierte eine ganze Kompagnie im Schlosshof auf und wurde von Zeller und seinen Leuten mit Brot, Most und Äpfeln erfrischt. Als Zeller sich als Württemberger zu erkennen gab, wurde sogar richtige Freundschaft geschlossen. Die kriegerischen Unruhen endeten in Südbaden erst Ende September. Doch das Jahr 1849 brachte neue Gefahren. Ende Juni wurden die von den März-Vereinen aufgerufenen Freischarheere von preußischen und bayerischen Truppen zersprengt und geschlagen. Wieder flüchteten einzelne Freischärler bei Beuggen über den Rhein. In der Nacht des 6. Juli drang eine Rotte von über 100 aus der pfälzischen Freischar in die Anstalt ein und hauste übel, zog aber schließlich ab, als klar wurde, dass es sich um ein Waisenhaus handelte. In der folgenden Nacht füllte sich plötzlich der Hof mit 100 Mann Bürgerwehr und Linienmilitär, die sich im Haus und in der Nachbarschaft einquartierten. Beide Gruppen wurden in Rheinfelden und Säckingen entwaffnet und traten in die Schweiz über. Am 12. Juli tauchten die ersten Preußen auf, am 15. kam die preußische Einquartierung. Sie dauerte in Beuggen neun Monate. In der Zeit wurden in Beuggen über 800 Kriegsleute beherbergt. Das Jahresfest wurde in diesem Jahr „auf den Berg“ nach St. Chrischona - es befindet sich auf Basler Gebiet - verlegt.

Die Kriege der 50er Jahre - der Krimkrieg, die italienische Freiheitsbewegung - ließen die Leute in Beuggen ganz unberührt. Zeller gab zunächst noch immer 40 Wochenstunden Unterricht. In dem Teuerungsjahr 1852 konnte täglich an 20-25 Bettler und Bettelkinder Brot oder eine Suppe ausgeteilt werden. Inzwischen stiegen aber auch die Ausgaben im Haus selbst, und im Jahr 1855 konnten nur noch wenige arme Kinder ohne Kostgeld aufgenommen werden. Das Kostgeld betrug damals 150 Franken pro Jahr. Immerhin wurden im Laufe der Zeit von 200 Zöglingen 191 unentgeltlich aufgenommen und ausgebildet.

Heimgang von Christian Heinrich und Sophie Zeller

1850 verkleinerte sich die Familie, indem die Tochter Tabitha mit dem Aarauer Seidenfabrikanten Ludwig Schmuziger vermählt wurde. Sie hinterließ als Mitarbeiterin im Haus eine große Lücke. Andererseits fanden nun immer wieder Enkelkinder Aufnahme. Gobats kamen 1852 von Jerusalem zu Besuch und ließen die Tochter Maria bei den Großeltern. Später kehrten auch Gobats ältere Töchter Hanna und Dora ein. Der Sohn Reinhard war als Vikar seit 1851 Vaters Lehrgehilfe, Nathanael wurde 1852 Lehrer in Beuggen; der Jüngste, Samuel hatte in Beuggen den Lehrerkursus absolviert, 1855 trat er in Beuggen an die Stelle von Lehrer Aaron Witzemann, der die Leitung der Anstalt Kasteln übernahm und Zellers jüngste Tochter Monika als Gattin heimführte. Die unverheiratete Tochter Sophie blieb als Stütze der Mutter in Beuggen, bis sie nach deren Tod ihre Nachfolgerin als Hausmutter wurde. Die älteste Tochter Helene Völter starb 1856 an den Folgen einer Geburt.

Zellers Frau Sophie geb. Siegfried war nach dem Heimgang von Frau Fäsch all die Jahrzehnte Hausmutter in Beuggen mit der ganzen Arbeitslast, die dieses Amt neben der Familie mit sich brachte. Schon mehrfach hatte sich ein Herzfehler bemerkbar gemacht. Zur Hochzeit der Tochter Tabitha mit Louis Schmuziger konnte sie nicht mit nach Veltheim kommen. Im Lauf des Jahres 1857, als auch die jüngste Tochter Monika als Gattin von Aaron Witzemann das Haus verlassen hatte, entwickelte sich die Wassersucht. Nach monatelangem Krankenlager verschied Sophie Zeller-Siegfried am 27. Juli 1858; am Freitag, dem 30. wurde sie in Beuggen beerdigt.

Nach dem Heimgang seiner Frau schrieb Heinrich Zeller traurig in den „Monatsblättern“: „Die unterscheidenden Züge in ihrem Lebensbilde waren: tätige, aufopfernde Liebe, aufrichtige Treue, stiller, beharrlicher und kräftiger Arbeitsfleiß, ausdauernde Geduld, anhängliche Freundschaft, Zarte, verständige Weisheit, demütige Bescheidenheit und stets wahrhaftes, gottesfürchtiges Christentum ohne viele Worte.“ Gotthilf Heinrich von Schubert bezeugte, hier habe er gesundes, tätiges Christentum gefunden, und der preußische Gesandte Chn. K. J. von Bunsen 60 soll nach einer Erzählung von Pfarrer Blumhardt auf die Frage, wen er für den besten Erzieher halte, nicht Inspektor Zeller, sondern dessen Frau genannt haben.

Nach dem Tod der Mutter unterstützten Reinhard und Nathanael weiter den Vater. Nathanael übernahm auch das Rechnungswesen und die Landwirtschaft. Sophie hatte die Haushaltung zu führen.

Heinrich Zeller selbst alterte nach dem Tod seiner Frau rasch. Er wurde vergesslich und unordentlich. Die Söhne arbeiteten nicht immer so, wie es der Vater gewohnt war. Noch ein Jahr vor seinem Tod wurde er wegen Herabwürdigung der katholischen Religion verklagt. Er hatte nach einer Stelle im prophetischen Buch Daniel die große Hure Babylon mit der katholischen Kirche verglichen; vom badischen Innenministerium erhielt er einen Verweis, sein Gastrecht als Schweizer in Baden wurde infrage gestellt.

Zeller hielt noch bis zu seinem Ende Konfirmandenunterricht, Morgenandacht und Religionsunterricht. Er hatte nun in 40 Jahren 250 Schullehrerzöglinge ausgebildet und ausgesandt und 593 arme Kinder erzogen. Am 11. Mai 1860 entwickelte sich eine Lungenentzündung. In den letzten Lebensstunden am 17. übergab er sein Amt an seinen Sohn. Am darauffolgenden Vormittag versammelten sich um ihn seine Zöglinge, er sprach noch zu ihnen; dann segnete er seine Kinder; wenig später verschied er im Vertrauen auf seinen Herrn Jesus. Am Sonntag, den 20. Mai war die Leichenfeier; Hunderte von Freunden waren aus Basel gekommen. Pfarrer Wilhelm Legrand hielt die Grabrede, Professor Auberlen die Gedächtnisrede: „Zeller war ein Mann ohne Falsch. Er suchte und ergriff die Gnade mit grundredlichem, lauterem Herzen. Es ruhte der Segen des HErrn auf diesem redlichen Abraham und seiner getreuen Sarah. Gerade weil er auf Erden nichts suchte, konnte ihm der Herr in seiner Familie den größten Segen und das wahre Lebensglück geben. Seine Größe bestand darin, dass er klein blieb. Sein Monatsblatt ist eine Stätte des Friedens geblieben. Den ganzen Rat Gottes zu unserer Seligkeit breitete er darin vor uns aus.“ (Thiersch II S. 328).

Die Kinder führten das Werk im Sinne der Eltern fort.

(Anm.: In dieser Internet-Fassung wurden die Anmerkungen weggelassen)

zurück zu <Biographien>

(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben