Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Der Apotheker
Dr. Heinrich Zeller (1794-1864)
- Naturwissenschaftler, Christ und Wohltäter in Nagold -

Bearbeitet von Hermann Schnabel, Nagold
Herausgegeben vom Verein für Heimatgeschichte Nagold e.V. 1994

 
Bild Bild
 

                                          Emilie Conradi (1812-1880)                                                              Heinrich Zeller (1794-1864)                                     

Vorwort

Am Andreastag, dem 30. November 1794, vor 200 Jahren, wurde Gottlieb Heinrich Zeller in Nagold geboren. Einhundertdreißig Jahre sind vergangen, seit Dr. Gottlieb Heinrich Zeller am 12. Februar 1864 verstarb.

Die meisten Nagolder kennen seinen Namen, sei es vom Zellerstift, der Zeller'schen Krankenpflege oder der Zellerstraße her.

Was dieser außergewöhnliche Mann für seine Vaterstadt, für den Bezirk Nagold oder auch für die Mission in den Ländern der Dritten Welt geleistet hat, ist nur wenigen bekannt.

So war er einer der Initiatoren bei der Gründung des Nagolder Kindergartens im Jahr 1837/38. Im Jahr 1855 erließ Zeller einen Aufruf zur Gründung der freiwilligen Feuerwehr Im „Nagolder Amts- und Intelligenzblatt“ und stiftete dafür 100 Gulden. Im November 1857 gründete Dr. Zeller als 63jähriger den Jünglingsverein, aus dem später der Nagolder CVJM entstand. Dies sind nur einige Beispiele seines Engagements für seine Mitbürger. Wenn man sein Lebenswerk betrachtet, so ist es erstaunlich, wie viel Zeller trotz seiner schwachen Konstitution geleistet hat. Immer wieder musste er zu Kuren z.B. nach Bad Rippoldsau und Bad Cannstatt u.a.. Im Jahr 1867 erschien bei der Calwer Verlagsbuchhandlung die Biographie Dr. Gottlieb Heinrich Zellers, die von dem damaligen Diaconus (Stadtpfarrer) Gottlob Kemmler, dem späteren Dekan von Nagold, verfasst worden war. „Heinrich Zeller, ein schwäbisches Zeit- und Lebensbild“, so der Titel, wurde aus seinem handschriftlichen Nachlass entworfen. Dieses Buch ist nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden. Ein Nachdruck erscheint aufgrund der veränderten Ausdrucksweise in der heutigen Zeit nur schwer vorstellbar. Deshalb soll die Lebensbeschreibung von Apotheker Dr. Gottlieb Heinrich Zeller in gekürzter und gestraffter Form, unter Berücksichtigung bisher unbekannter Quellen, neu vorgestellt werden.

Mein Dank gilt allen, die mir bei der Herstellung und dem Entwurf dieser Broschüre geholfen haben. Besonders hervorheben möchte ich Frau Herma Klar, Leiterin des Nagolder Heimatmuseums und Herrn Wilhelm Weitbrecht, der einer alten Nagolder Familie entstammt, für das Überlassen von interessanten und wertvollen Unterlagen. Auch Frau Margarete Henninger von der Paulinenpflege Winnenden hat durch die mir anvertrauten alten Dokumente sehr geholfen. Besonderer Dank gilt dem Sponsor, der Kreissparkasse Nagold, ohne deren Hilfe die Herausgabe dieser Broschüre nicht möglich gewesen wäre.

                                                                                                                                                          Hermann Schnabel Nagold, im Sommer 1994

 

 

Dr. Gottlieb Heinrich Zeller - Apotheker in Nagold

Um das Leben und das Lebenswerk von Dr. Gottlieb Heinrich Zeller zu verstehen, müssen wir sowohl seine Herkunft, als auch die Zeit, in der er lebte, bedenken.

G.H. Zeller entstammte einer angesehenen Familie. Der Stammvater Conrad aus Martinszell bei Kempten war Steinmetz und Baumeister und baute nach 1538 am Hohentwiel. Sein Sohn Hans, ebenfalls Steinmetz und Maurer, kam am Anfang der Reformation nach Württemberg und ließ sich 1546 in Tuttlingen nieder. Von dort verbreitete sich das Geschlecht der Zeller über ganz Württemberg. Viele bedeutende Männer sind aus dieser Familie hervorgegangen.

Um nur einige zu nennen: Johann Conrad, herzoglicher Rat, Generalsuperintendent und Abt zu Bebenhausen, Senior der württembergischen Landschaft (-t 1683); Dr. theol. Christoph, herzoglicher Consistorialrat und Oberhofprediger, Generalsuperintendent, Kreisgesandter und Probst zu Denkendorf († 1669); Johann Ulrich, Jur. utr. Dr., herzoglicher Regierungsrat und Kreisgesandter († 1673).

Schon der Urgroßvater Johann Heinrich Zeller war Apotheker in Dürrmenz bei Mühlacker. Sein Großvater, Apotheker Jakob Friedrich Zeller, heiratete am 9.l 0.1759 die Tochter des verstorbenen Apothekers Gottlieb Friedrich Lotter von Nagold. So kamen die Zellers nach Nagold. Der Vater, Christian Gottlieb Zeller, war auch Apotheker in Nagold und heiratete Heinrika Hofacker, die Tochter des Stadtschreibers Wilhelm Friedrich Hofacker von Nagold, dessen Vater Carl Sigmund Stabsamtmann in Böhringsweiler bei Heilbronn war. Auch Gottlieb Heinrich Zeller wurde Apotheker.

 

Kindheit und Jugend
Geboren wurde G.H. Zeller am 30.11.1794 in Nagold. Seine frühe Kindheit verlief behütet und harmonisch bis zum Einmarsch der französischen Armee im Jahre 1796. In dieser Zeit der französischen Revolutionskriege (1792-1798) wurde Nagold von Durchmärschen und Einquartierungen, Kriegslieferungen und Fuhrdiensten stark in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Truppen Napoleon Bonapartes und der Osterreicher zogen durch Nagold und mussten verpflegt werden. In den ersten Tagen des Juli 1796 flüchtete die Mutter Heinrike Zeller mit dem erst eineinhalbjährigen Heinrich nach Wildbad zu ihrem Bruder Carl Friedrich Hofacker, der dort Diaconus (Stadtpfarrer) war, um dem befürchteten Einfall der französischen Truppen zu entgehen. Sie hofften, dass Wildbad durch seine abgelegene Lage und schlechte Verkehrsverbindung zum Murgtal von den Franzosen verschont bleiben würde.
Es kam jedoch eine ganze Division über die Berge und Wälder nach Wildbad und überrumpelte die kleine österreichische Garnison. Die feindlichen Truppen zogen am nächsten Tag wieder ab, und so konnte Zellers Mutter nach Nagold zurückkehren. Nagold selbst wurde am 8. Juli 1796 von einer französischen Vorhut besetzt, der am 14. Juli eine Abteilung von 600 leichten Reitern folgte. Die Schäden durch diese Kriegsereignisse hielten sich dieses Mal in Grenzen.

Die Jugendzeit im gut bürgerlichen Elternhaus verlief ohne größere Zwischenfälle. Ein Zeugnis hiervon findet sich im Gedicht „Kennst du das Land?“, das Zeller uns hinterlassen hat.

Kennst du das Haus am Röhrenbrunnen dort,
Der Pulver, Pillen,
Wiener Tränklein Port,
Zwar eng zur Wohnung, doch Zufriednen weit,
Auch steht ein Engel schützend ihm zur Seit.
Kennst
du das Haus? Es ist mein Vaterhaus,
Da ging der Knabe fröhlich ein und aus.

Eine Schwester und drei Brüder wurden im Hause Zeller noch geboren, doch starben alle im Kleinkindalter, so dass Heinrich nur kurze Zeit Spielgefährten hatte. So wuchs er allein heran. Schon mit vier Jahren erhielt er Privatunterricht bei dem pensionierten Pfarrer M. Haug. Später wurde er von Lehrgehilfen der Volksschule unterrichtet und trat dann in die Lateinschule von Nagold ein, die er bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr besuchte.

Im Jahr 1805 wurde er von seinem Onkel C.F. Hofacker, dem späteren Dekan von Stuttgart, kurze Zeit zusammen mit seinen Vettern Carl und Ludwig in Gärtringen unterrichtet.

Schon früh entwickelte Heinrich Zeller eine Sammelleidenschaft. Sein Interesse galt zuerst Wappen. Er freute sich über jeden Brief, der mit einem Wachs- bzw. Siegellackwappen versiegelt war. Diese Wappen schnitt er aus und klebte sie auf Papierbogen.

Danach folgten Schmetterlinge, Käfer und Insekten, die er fing, aufspießte und seiner Sammlung einverleibte.

Auch die ersten Anfänge seiner Mineraliensammlung reichen in seine Knabenzeit zurück. Sein Onkel Ludwig Hofacker, Landschaftsassessor in Stuttgart, besaß eine kleine Stein- und Kristallsammlung, die es Heinrich besonders angetan hatte. So wurde der Zwölfjährige inspiriert, sich eine eigene Sammlung anzulegen.

 

Lehr- und Wanderjahre

Nach der Konfirmation im April 1808 besuchte Heinrich noch ein Jahr die Schule und trat dann im Jahr 1809 als Lehrling in die väterliche Apotheke ein. Dort lernte er bei einem alten, lokalkundigen Heilpflanzensammler die Arzneipflanzen und -wurzeln kennen, die für die Zubereitung von Arzneien in der Apotheke gebraucht wurden. Von nun an legte sich Zeller eine Botanik- bzw. Pflanzensammlung an, die er auf seinen vielen Reisen stetig ergänzte und erweiterte.

Im Jahr 1811 trat er als „Pensionär“ (Kostgänger) in die Apotheke Monn in Backnang ein. Dort vervollständigte er seine Kenntnisse und sammelte mit seinem ersten Jugendfreund Friedrich Bräuninger, Lehrling in der Monn'schen Apotheke, viele Pflanzen, die er in sein Herbarium (Pflanzensammlung) einfügte.

In dieser Zeit begann er, auf den Rat des Vaters hin ein Tagebuch zu führen. Nach neun Monaten endete sein Aufenthalt in Backnang. Ein kurzer Urlaub bei den Eltern in Nagold folgte und am 25. März 1812 begann seine neue Tätigkeit bei Apotheker Mayer in Heilbronn. Neben der beruflichen Weiterbildung nahm Heinrich Lateinunterricht bei Hofprediger Denzel und Französisch bei Sprachlehrer Crebert.

Besonders förderlich war für ihn die Freundschaft mit seinem Kollegen Bögner, der ihm die Mineralogie erschloss. Auch weckte er in Heinrich Zeller den Sinn und die Freude an der Geschichte und der Poesie. Mit Bögner unternahm Zeller Ausflüge und Wanderungen in die nähere Umgebung von Heilbronn, um zu „botanisieren“. Seine Pflanzensammlung wuchs beständig weiter.

Im Frühjahr 1813 musste sich Heinrich der Musterungskommission in Nagold stellen. Wegen seiner Kurzsichtigkeit und weil er der einzige Sohn seiner Eltern war, wurde er nicht Soldat. Im Mai 1813 erkrankte die Mutter an einer Lungenentzündung. Der Vater schickte durch einen Boten Pferd und Reithose nach Heilbronn. Als er in Nagold eintraf, war der Zustand der Mutter wieder besser, so dass er nach wenigen Tagen wieder nach Heilbronn zurück konnte. Mit seinem Freund Bögner wollte er noch eine Reise nach Mannheim unternehmen, bevor er seine neue Stelle bei Apotheker Binder in Stuttgart antrat. Am 3. Oktober reisten sie ab, bedingt durch das schlechte Wetter kamen sie nur bis Heidelberg, wo sie die Sehenswürdigkeiten der Stadt, insbesondere das Schloss, besichtigten. Am 6. Oktober verabschiedete sich Zeller von seinem Freund Bögner und trat am 9. Oktober 1813 die neue Stelle in Stuttgart an.

In Stuttgart hatte Zeller Gelegenheit, die zahlreichen Verwandten seiner Mutter zu besuchen. So z.B. den Oheim Carl Friedrich Hofacker, der Stadtpfarrer von St. Leonhard war, oder den Kaufmann Tobias Ludwig Lotter und dessen Sohn Tobias Heinrich, mit dem er sich anfreundete. Heinrich Lotter war kinderlos verheiratet. Als großer Kinderfreund war es ihm ein Anliegen, dass „Kleinkinderanstalten“ (Kindergärten) eingerichtet wurden. Er zog sich 1816 aus dem Berufsleben zurück und widmete sich ausschließlich sozialen und karitativen Aufgaben. Königin Katharina wurde auf Lotter aufmerksam und berief ihn in die Leitung des von ihr gegründeten Wohltätigkeitsvereins. Außerdem wurde er außerordentliches Mitglied der königlichen Kommission für Waisenhäuser. Heinrich Lotter war in Württemberg der erste, der „Innere Mission“ betrieb. Er übte einen nachhaltigen Einfluß auf Heinrich Zeller aus. Lotter überließ Zeller Lavaters „geheimes Tagbuch.“ Dieses inspirierte Heinrich Zeller dazu, sich zwölf Grundsätze für sein Leben und seinen Glauben aufzustellen. Um Zeller und seine Motivation zu verstehen, sollen diese nachstehend aufgeführt werden:

1.   Ich will des morgens nie ohne Dank und Gebet zu Gott und ohne den Gedanken aufstehen, dass es vielleicht zum letzten
      Mal geschehe.
2.   Nie will ich weder morgens noch nachmittags an meine Geschäfte gehen, ohne vorher wenigstens einige Augenblicke an
     
einem einsamen Ort Gott auf den Knien um seinen Beistand angefleht zu haben.
3.   Ich will nichts vornehmen, das ich unterlassen würde, wenn Christus sichtbar vor mir stünde, nichts, was mich in der ungewissen
      Stunde meines Todes gereuen könnte. Ich
will es mir mit Gottes Hilfe angewöhnen, alles ohne Ausnahme in dem Namen Jesu 
     
Christi und als sein Jünger zu tun, alle Stunden zu Gott um den heiligen Geist seufzen und in einer beständigen Verfassung
      zum Gebet sein.
4.   Ich will, wo möglich, täglich oder doch ganz gewiss wöchentlich in der Bibel lesen und mir jedes Mal einen besonderen
      Spruch merken, um ihn öfters bei mir zu wiederholen.
5.   Einen jeden
Tag will ich suchen mit einem Liebeswerk zu bezeichnen oder meinem Nebenmenschen nützlich zu sein.
6.   Wohin ich immer gehe, will ich vorher zu Gott seufzen, dass ich daselbst nicht sündige ; ebenso will ich vor und nach jeder
      Mahlzeit zu Gott beten.
7.   Ich will nie ohne Gebet schlafen gehen und mich nie wachend im Bett aufhalten, außer Krankheit, Mattigkeit oder Kälte machen
      triftige Ausnahme.
8.  
In meiner Fürbitte für andere, die ich keinen Tag unterlassen will, will ich namentlich meiner Eltern, Lehrer, Anverwandten
      und Freunde gedenken.
9.   Ich will alle meine Geschäfte mit redlichem Eifer besorgen und nichts unterlassen, meinen Vorgesetzten zu nützen.
10. Nie soll eine Unwahrheit über meine Zunge gehen, über niemand will ich lästern.
11. Kein Tag soll verstreichen, an dem ich nicht etwas gelernt hätte. Wirf keine Minute weg, denn aus Minuten besteht das Leben.
12. Keine Sorge für meine Gesundheit will ich versäumen. Gott, den Lenker aller Herzen, den Geber alles Guten, bitte ich demütig
      
in Erkenntnis meiner Schwachheit, mich in diesen Vorsätzen zu stärken und seinen Segen dazu zu geben.

In seinen Tagebucheintragungen gab er sich selbst Rechenschaft über sein Handeln. So schrieb er beispielsweise: „Etwas träge im Privatstudium“ oder „Misslaunig wegen überhäufter Geschäfte,“ oder „Ohne Aufmerksamkeit auf mich selbst gelebt.“ So waren die zwölf Grundsätze die Richtschnur für sein tägliches Verhalten, sowohl privat wie auch im Beruf.

Seine kränkelnde Mutter freute sich sehr, dass Heinrich nun in Stuttgart und damit wieder in ihrer Nähe war. So schrieb sie ihm (4. Oktober 1813): „Gottlob, mein Wunsch ist erfüllt! Du wirst zwar, wie überall, Unvollkommenes antreffen. Denke aber immer an solche Menschen, die es weit, ja in keinem Vergleich mit dir übler haben, so wirst du alles mit Gottes Hilfe ertragen. Wähle deine Freunde nicht so schnell, prüfe vorher!“ Die Zeit nach der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19. Oktober 1813) brachte Durchmärsche und Einquartierungen der alliierten Truppen mit sich. So waren im Dezember 1813 und im Januar 1814 die Einquartierungen besonders stark. Einmal wurden 6400 Osterreicher und Bayern, die auf dem Marsch nach Pfalzgrafenweiler und Freudenstadt waren, in Nagold einquartiert. Auch im engen Zeller'schen Haus wurde immer ein Offizier oder Oberarzt einquartiert.

Die Sorge der Eltern Zeller bestand darin, dass Heinrich, trotz seiner Kurzsichtigkeit und schwachen Konstitution, zum Militär eingezogen würde. Doch zum Glück wurde Heinrich nicht einberufen.

Im Frühjahr 1814 besuchte Zeller seine todkranke Mutter. Mit seiner Tante Helene, der Schwester seiner Mutter, reiste Heinrich Zeller von Stuttgart nach Nagold. Sie fanden die Mutter sehr schwach und ausgezehrt an. Am 13. Mai 1814 wurde Heinrike Zeller von ihrem Leiden erlöst. Sie wurde am 15. Mai auf dem Nagolder Friedhof beigesetzt. Heinrich blieb noch bis zum 29. Mai bei dem vereinsamten Vater. Die Tanten, Schwestern der Mutter, drängten den Vater zu einer Wiederverheiratung. Sie machten ihn auf die „Jungfer Lotte Heller,“ damals 38 Jahre alt, Tochter des Oberamtmanns Heller in Klosterreichenbach, aufmerksam. Nach längerem Zögern warb Christian Gottlieb Zeller um die Hand der Charlotte Christiane Heller. Sein Antrag wurde schriftlich angenommen. Die Hochzeitsfeier fand am 10. April 1815 statt. Zu seiner neuen Mutter entwickelte Heinrich ein harmonisches Verhältnis.

Die zwei Gehilfenjahre bei Apotheker Binder in Stuttgart waren für Heinrich Zeller eine Zeit reichen wissenschaftlichen und praktischen Gewinns. In Stuttgart bildete sich Heinrich auch im Französischen, in der Physik und in der Algebra weiter. Auch dem Studium der Chemie und der Botanik widmete er sich. In seiner Freizeit lernte er einige junge Pharmazeuten kennen, mit denen er auch später freundschaftlich verbunden blieb. Um nur einige Namen zu nennen: J. Palm aus Schorndorf, G.A. Völter von Metzingen, späterer Apotheker in Bönnigheim, L. Demmler aus Neuenstadt, späterer Hofapotheker in Stuttgart, Christian Gotthold Engelmann, Sohn des Hofküfers, und andere. Mit diesen Kollegen unternahm er „botanische Wanderungen,“ besuchte das Theater, ab und zu auch das „Kaffeehaus“, das einzige in Stuttgart, oder kehrte mit ihnen in eine Weinwirtschaft oder einen Biergarten ein.

Heinrich Zeller war ein geübter Reiter und ritt gern nach Nagold an Ostern, Weihnachten oder zu Familienfesten. Im Sommer 1815 besuchte er eine Tanzschule. So nahm er auch an einem Tanzkränzchen und an Bällen teil.

C.G. Engelmann war einige Jahre in Genf tätig gewesen und hatte sich in dieser Zeit ein umfangreiches Herbarium (Sammlung getrockneter Pflanzen) angelegt. Von diesem erhielt Heinrich einige Exemplare, die dieser mehrfach besaß. In dieser Zeit reifte in Zeller der Wunsch, sich beruflich in der Schweiz weiterzubilden und die reiche Alpenflora kennen zu lernen. Apotheker Binder bot Heinrich an, durch die Vermittlung von Professor Beck, in Bern eine Stelle zu besorgen. Doch es kam anders. Zeller wurde eine Stelle bei Apotheker Pfluger in Solothurn angeboten, für die er sich dann entschied. Sein Prinzipal Binder stellte Heinrich zum Abschied folgendes Zeugnis aus :

H. Zeller von Nagold hat meine Apotheke von Michaelis 1813 (29. September) bis Mich. 1816, wo er auf sein Gesuch in eine auswärtige Stelle eintrat, verwaltet. Er hat seine Geschäfte mit aller Pünktlichkeit besorgt und nicht nur Fleiß, Treue und Geschick, sondern auch so großen wissenschaftlichen Eifer und solche Reinheit der Sitten an den Tag gelegt, dass ihm lebenslang meine Hochachtung und Freundschaft folgen wird.

Am 18. September verließ Heinrich Zeller die Heimat und wanderte durch das Remstal nach Schorndorf, wo sich sein Freund Palm als Reisegefährte anschloss. Ihr Weg führte über Kloster Lorch, Aalen, Wasseralfingen nach Heidenheim. Von dort ging es über Ulm und Memmingen nach Leutkirch. Weiter führte die Reise über Neuravensburg nach Lindau. In Lindau besichtigten sie Stadt und Hafen und betraten um 20 Uhr ein Segelschiff, um nach Konstanz zu fahren. Nach anfänglich klarer Nacht mit Vollmond schlug das Wetter um und so musste das Schiff bei Güttingen anlegen. Dort nahmen sie einen Imbiss zu sich und fuhren dann mit einem anderen Schiff an Konstanz und der Insel Mainau vorbei nach Schaffhausen. Weiter ging die Reise über Winterthur nach Zürich. Anschließend wurde bei Zug der Zuger See mit einer Barke überquert. In Immensee betraten sie wieder festes Land und besichtigten die Tellskapelle bei Küßnacht. Am Abend erreichten die Freunde den Vierwaldstättersee und fuhren mit dem Schiff durch die mondhelle Nacht nach Luzern. Tags darauf wurde Luzern besichtigt, dann durchwanderten sie das Emmental und kamen am 6. Oktober 1816 in Bern an. Dort wurden sie von Professor Beck freundlich empfangen und bewirtet. Prof. Beck zeigte ihnen das Berner Museum, die Stadtbibliothek und sein Laboratorium.

Das nächste Ziel war Neuchâtel (Neuenburg) am Neuchâteler See. Dort besuchten sie ihren Freund Demmler, der in Neuchätel seit kurzer Zeit in einer Apotheke arbeitete. Doch nun trennten sich die Wege der Freunde. Palm zog nach Yverdon und Zeller nach Solothurn.

Am 11. Oktober 1816 um 16 Uhr kam Heinrich Zeller in Solothurn an. Sein neuer Prinzipal, Apotheker Pfluger, war ein sehr tüchtiger Mann und arbeitete nebenbei an wissenschaftlichen Zeitschriften mit. Außer der Apotheke betrieb er eine Holzessigfabrik. Heinrich wurde auch mit der Herstellung des Holzessigs vertraut gemacht. Mit der Familie Pfluger verkehrte er auch nach Dienstschluss und war bei der Gartenarbeit und bei der Heuernte dabei. Der Oberförster des Kantons Falkenstein, ein gebürtiger Schwarzwälder, lud den Landsmann des öfteren zu sich ein.

Mit der Familie des Oberförsters, besonders mit dem Sohn Karl und der Tochter Fanny, entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Auch zu den Freunden und Bekannten der Familie Pfluger wurde Zeller eingeladen und fühlte sich besonders bei dem sogenannten „Damenkranz“, zu dem auch junge Herren eingeladen wurden, sehr wohl. In der Umgebung von Solothurn „botanisierte“ Heinrich und fand manche seltenen Planzen u.a. auch eine Orchidee. In Solothurn genoss Heinrich Zeller eine unbeschwerte Zeit. Aus der Heimat kamen weniger erfreuliche Nachrichten. Am 2. November 1816 schrieb ihm der Vater: „Seit gestern ist die Nachricht im Umlauf, dass der König Friedrich gestorben“. Sein Nachfolger König Wilhelm L trat kein leichtes Erbe an.

In Württemberg herrschte Teuerung und Hungersnot, da die Ernte wegen schlechter Witterung ausgefallen war. Der neue König versuchte durch rigorose Sparmaßnahmen des Elends Herr zu werden. So wurde in den Tiergärten nur soviel Wild am Leben gelassen, wie der Wald selbst ernähren konnte. Die Tiere in der „Menagerie“ wurden zum großen Teil an den russischen Schwager des Königs Wilhelm verschenkt, und die Affen von Weißbrot auf Schwarzbrot gesetzt. Lebensmittel wurden im Ausland gekauft, um der größten Not zu wehren. Am 22. Januar 1 817 schrieb ihm der Vater u.a. „dass wir in Nagold viele haben, die ihre Steuern nicht mehr bezahlen können. Meine Steuer, die ehemals 12 - 20 fl (Gulden) betrug, erreichte im vorigen Jahr die Summe von 130 fl; Männer hier wie Hirschwirt müssen f1500, Posthalter u.S. (= Sonnenwirt) gegen fl. 1000 Abgaben zahlen.“

 Im Mai 1817 wanderte Heinrich durch das fruchtbare Aartal nach Biel und weiter nach Neuchâtel, wo er die Freunde Demmler und Palm traf. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Yverdon. Hier besuchten sie den berühmten Sohn der Stadt, Johann Heinrich Pestalozzi, damals schon ein alter Mann, der durch seine Schule in Yverdon und durch seine „pädagogischen Grundanliegen“ bekannt und berühmt war. Am anderen Tag machten sie sich auf den Rückweg nach Neuchatel vom gegenüberliegenden Seeufer aus. Tags darauf verabschiedeten sich die Freunde bei St. Blaise, und Zeller wanderte allein durch das schöne Bernerland und am Bielersee vorbei nach Solothurn.

Im Spätsommer des gleichen Jahres unternahm Heinrich einen weiteren Ausflug. Dieses Mal führte der Weg ins Berner Oberland.

Sein Freund C.L. Stephani aus Aarau lud Zeller ein, ihn zu besuchen. Dieser hielt sich in jener Zeit bei seinem Onkel auf, der Pfarrer in Langnau war. Zeller holte den Freund am 10. September in Langnau ab, und gemeinsam wanderten sie nach Thun. Eine herrliche Seefahrt auf dem Thunersee, vorbei an einer abwechslungsreichen Umgebung, begeisterte die beiden. Spät am Abend gelangten sie in Unterseen an. Als sie am anderen Morgen ans Fenster traten, begrüßte sie der von der Morgensonne vergoldete Gipfel des Jungfraumassivs. Weiter führte ihre Wanderung über den Rugenhübel und die Ruine des Schlosses Unspunnen, hinein in das immer enger werdende Felsental der Lütschine, bis sie schließlich ins Lauterbrunnental kamen. Immer gigantischer türmten sich die Felswände, zwischen denen ihr Weg an der schäumenden Lütschine entlang führte. In Lauterbrunnen kehrten sie im Pfarrhaus ein und stärkten sich vor ihrem Weitermarsch mit einem Kaffee. Nun wurde der Staubbach-Wasserfall besichtigt, der sich 900 Fuß hoch (ca. 270 m) über die Felswand des Pletschenbergs stürzte. Talaufwärts wandernd kamen sie zu dem Dorf Trachsellawenen, wo drei Tage zuvor ein mächtiger Erdrutsch niedergegangen war. Zurück führte der Weg am Schmadribach entlang, mit einer grandiosen Sicht auf den Mönch und die Jungfrau nach Lauterbrunnen.

Nun ging die Reise weiter über die Wengeralp und die große Scheideck nach Grindelwald. Die Aussicht auf Eiger, Jungfrau und das Silberhorn war grandios. Nach kurzer Rast brachen sie auf und erreichten die höchste Erhebung der Scheideck, die Itrameralp. Von dort führte der Weg zum unteren Gletscher, der das ganze Tal zwischen dem Mettenberg und dem Eiger bedeckte. Am anderen Tag wanderten sie über die kleine Scheideck nach Meyringen ins Haslital und am Eselsrücken vorbei bis zum Reichenbach Wasserfall. Durch das breite Aaretal führte der Weg nach Brienz und dann mit dem Schiff auf dem Brienzersee nach Interlaken. Mit dem Schiff ging es zurück über den Thunersee und dann über Langnau, wo sich der Freund Stephani verabschiedete, nach Solothurn.

Heinrich hatte in dieser Zeit öfter Kopfweh und Brustbeschwerden. Apotheker Pfluger empfahl Zeller eine Luft- und Molkenkur auf dem Weißenstein. Im August 1 818 traf Heinrich dort ein und wurde dort von seinem Freund Engelmann besucht. Auch später traten diese Beschwerden wieder auf. So konnte er an Fastnacht 1819 nur an einem Maskenball teilnehmen, weil der Druck auf der Brust wieder stärker wurde. Zur weiteren Ausbildung verließ Zeller am 4.Apri1 1819 die Pfluger'sche Apotheke und reiste nach Vevey am Genfer See. In der Apotheke von Herrn Baup konnte Heinrich seine beruflichen Kenntnisse vervollständigen. Auch die französischen Sprachkenntnisse erweiterte Zeller mit Hilfe eines Sprachlehrers. Mit seinem Freund Aschbach, der in der Bischoff'schen Apotheke in Vevey arbeitete, verbrachte Heinrich manche freie Stunde. Auch mit Völter und Eble, den alten Freunden, besichtigte er die Stadt Vevey und die Landschaft am Genfer See. Montreux mit seiner südländischen Vegetation, den Weingärten, Feigenbäumen und Nussbaumhainen gefiel Zeller sehr gut. Die Umgebung von Vevey mit den hochaufragenden Zinnen des Dent de Jaman, des Rocher de Nage und des Dent du Midi im Hintergrund und das Genfer Seeufer mit den weißgetünchten Dörfchen und dem Schloss Chillon bildeten eine wunderbare Einheit, die der für die Schönheit empfängliche Heinrich sehr genoss. Die Zusammenarbeit mit seinem neuen Chef Baup gestaltete sich für Zeller sehr erfreulich.

Der Vater schrieb am 14. Mai 1819 und teilte Heinrich u.a. mit, dass sein Onkel, der Stadtschreiber Viktor Imanuel Hofacker zum Oberamtsrichter in Nagold ernannt worden war. Außerdem schrieb er: „Seit zehn Tagen bin ich Besitzer des Reinhard'schen Hauses (heute Stadtpflege). Es kostete mich 2500 fl (Gulden), welche ich in drei Zielern (Raten) zu bezahlen habe. Ehe ich das Haus zu kaufen entschlossen war, hatte Herr Reinhard dasselbe an Hr. Oberamtspfleger vermietet, welcher bereits darin wohnt.“ Diese günstigen Nachrichten aus der Heimat erfreuten Zeller und milderten das Heimweh.

Am 5. Juni 1819 unternahm Heinrich zusammen mit den Freunden Eble und Pavillard die erste botanische Alpenwanderung, die zum Dent de Jaman führte. Er schrieb in seinem Tagebuch: „Abends um sieben Uhr, bei schwüler Luft und einem mit Gewitterwolken umhängten Himmel, stiegen wir noch gegen drei Stunden gegen den Dent de Jaman. Nachdem wir an zwei Sennhütten vergebens angepocht und abgewiesen worden, erbarmte man sich unser endlich in der dritten und gab uns, wenigstens vor Wind und kalter Nachtluft geschützt, auf Gottes ebener Erde eine Lagerstätte.“

Mit dem anbrechenden Tag gegen 4 Uhr stiegen sie langsam bergauf und pflückten dabei manche seltenen Kräuter und Blumen. Gegen acht Uhr erreichten sie den Gipfel und genossen eine grandiose Fernsicht. Den tiefblauen Genfer See, den Jura, dessen majestätische Gipfel bis zum Aargau sichtbar waren, die wilden Felsen Savoyens und die grünen Alpen Freiburgs lagen vor und hinter ihnen. Auf einem anderen Weg, der sie über blühende Almwiesen führte, stiegen sie wieder zum Tal ab und gelangten nach Montreux und von dort wieder nach Vevey.

Am 15. Juni 1819 musste sich Zeller bei der Medizinalbehörde in Lausanne einer Prüfung stellen. Alle ausländischen Apothekergehilfen mussten, um eine Arbeitserlaubnis in einer Apotheke zu bekommen, ein Examen in Botanik, pharmazeutischer Chemie und allgemeiner Chemie ablegen. Apotheker Bischoff, der auch Mitglied der Prüfungskommission war, machte Heinrich wegen seiner ausgezeichneten Kenntnisse ein Kompliment und lud ihn im Anschluss an die Prüfung zu einem Glas Wein ein.

Kurz danach, am 5. Juli, brach eine Gruppe junger Deutscher, unter denen auch Zeller und Eble waren, zu einer Wanderung ins Unterwallis auf. Das Ziel war der Jomini. Am Abend zuvor betraten die zwölf Wanderer ein Schiff und setzten nach Bouveret am gegenüberliegenden Seeufer über. Gegen 21 Uhr 30 begann der Aufstieg unter der Leitung eines erfahrenen Bergführers. Vier Stunden währte der beschwerliche Marsch, dann wurde in einer Sennhütte kurze Rast gemacht. Morgens um 3 Uhr setzten sie den Aufstieg fort und erreichten nach einer Stunde den Gipfel. Die aufgehende Sonne ließ den Gipfel des Montblanc rot erglühen, um dann auch den Blick auf die anderen Felsspitzen freizugeben. Auch einen Teil des Rhonetales konnten sie von dort überblicken. Nachdem sie die herrliche Sicht genossen hatten, machten sie sich ans „Botanisieren.“ Gegen Mittag begannen sie den Abstieg und langten um 13 Uhr in Bouveret an. Ein erfrischendes Bad im See machte die müden Wanderer wieder munter. Gegen Abend segelten sie zurück nach Vevey. Ende Juli unternahmen Zeller und Eble eine weitere botanische Exkursion auf den steilen Rocher de Nage, die reiche Ausbeute erbrachte.

Das traditionelle Winzerfest fand in Vevey am 5. August statt. Eine freudige Überraschung war für Heinrich der Besuch von Frau Pfluger und Fanny Falkenstein aus Solothurn, die das Winzerfest besuchten. Leider konnte er sich seinem Besuch nicht in dem gewünschten Maße widmen, da er Dienst in der Apotheke hatte. Nur abends konnte er den Damen einige Sehenswürdigkeiten wie z.B. die Martinsterrasse zeigen.

Seine Vorstellung einer weiter gehenden wissenschaftlichen Fortbildung erfüllte sich in Vevey nicht, so dass Zeller sich entschloss, seine Stelle zum Frühjahr 1820 zu kündigen.

Im September 1819 unternahm Heinrich mit seinem Freund Eckardt eine ausgedehnte Wanderung zum großen St. Bernhard. Der Weg führte sie über Martigny und durch das wildromantische Tal der Dranse und das Entremont Tal. Der Aufstieg zum Klosterhospiz des Hlg. Bernhard war sehr anstrengend, und Zeller kam erst eine Stunde später als sein Begleiter an, da er sich beim Botanisieren von diesem getrennt hatte. Hier, auf dem höchsten von Menschen bewohnten Ort Europas (7548 Fuß = ca. 2516 m ü.M.), fanden sie eine freundliche Aufnahme und ein kräftiges Abendessen. Das Quartier war einfach und sauber. Am darauffolgenden Morgen „botanisierten“ sie an den Felsen der näheren Umgebung und kehrten noch einmal ins Kloster zurück. Hier zeigte ihnen der Prior die Instrumente der Wetterwarte und eine Sammlung von Mineralien, römischen Münzen, Votivtafeln (Heiligenbilder), Götterbilder und anderes, das in der Nähe des Klosters gefunden worden war. Auch bestaunten sie die großen Bernhardinerhunde, die dort gezüchtet wurden und die sich bei der Rettung verirrter Wanderer hervorragend bewährten. Auf dem Rückweg besuchten sie den Botaniker Schleicher in Bex, der ihnen sein Herbarium und die Bibliothek zeigte. Bei dem Mineralienhändler Thomas erstand Heinrich einige seltene Steine, die in seiner Sammlung noch fehlten.

Am 22. Mai 1820 verließ Zeller Vevey und trat allein die Rückreise nach Chamonix an. Er wanderte durch das Rhonetal über Bex und St. Maurice nach Martigny. Von dort machte er einen Abstecher zum Mont Blanc. Weiter ging die Reise, teilweise mit der Postkutsche, über Cluses und Bonneville nach Genf. In Genf quartierte sich Heinrich für drei Tage bei seinem Freund Carl Falkenstein ein. Die Zeit in Genf nutzte er, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen, besonders den botanischen Garten und das Naturalienkabinett. Falkenstein begleitete Zeller über Fernex nach Genthod, wo sie die Wohn- und Wirkungsstätte Bonnets besuchten. Nachdem sich die Freunde voneinander verabschiedet hatten, wanderte Heinrich allein weiter, verließ bei Rolle den Genfer See und kam dann nach Yverdon. Hier traf er sich mit seinem Freund Stephani und verbrachte einige Tage bei ihm. Dort erreichte ihn ein Brief von Palm aus Bern, der ihn bat, ihn einige Zeit in der Morell'schen Apotheke zu vertreten. Über drei Wochen war Zeller in Bern und verließ dann die Stadt. Anfang Juli reiste er nach Solothurn. In der Pfluger'schen Apotheke wurde er freundlich aufgenommen und verweilte vierzehn Tage bei den alten Freunden. In dieser Zeit bereitete sich Zeller auf eine größere Exkursion vor, die bis zum Lago Maggiore führen sollte.

Der Reisegesellschaft schlossen sich Apotheker Pfluger, Abbe Hugis, Lehrer der Naturgeschichte, Entomologe (Insektenforscher) König aus Burgdorf und R. Grimm an. Sie reisten am ersten Tag sowohl zu Fuß als auch mit der Postkutsche nach Thun. Vorbei am kräuterreichen Niesen und durch das schöne Frutigenertal bis nach Kandersteg am Fuß des ins Rhonetal führenden Gemmipasses ging die Reise am nächsten Tag. Am folgenden Morgen stiegen sie über den Pass. Das schwere Gepäck hatten sie auf ein Pferd geladen und waren nur mit Botanisierkapseln, Insektenschachteln, Hammer und Schmetterlingsnetzen ausgerüstet zum Sammeln unterwegs. Steil ging der Weg ins Tal hinab nach dem Thermalbad Leuk. Tags darauf wanderten sie nach Sierre (Siders). Dort verließen Pfluger, König und Hugi die Gruppe, um nach Genf zur Naturforscherversammlung weiter zu reisen. Grimm und Zeller wanderten die Rhone aufwärts dem Simplonpass zu. In Glis übernachteten die beiden und wanderten dann weiter. Wegen des einsetzenden Regens mussten sie eine Zwangspause einlegen und konnten die Reise erst am nächsten Tag fortsetzen. Über den Simplonpass und das Dorf Simplon führte der Weg nach Domodossola. Von dort fuhren sie mit dem Pferdewagen nach Baveno am Westufer des Lago Maggiore und dann mit dem Schiff zu den Borromäischen Inseln. Diese fruchtbaren, mit tropischen Bäumen und Pflanzen bewachsenen Eilande verließen sie amAbend, landeten in Pallanza und gingen zu Fuß weiter nach Intra.

Zwei Schiffer ruderten sie am anderen Tag an Locarno vorbei nach Magadino. Nach einem tüchtigen Fußmarsch erreichten die Freunde Bellinzona. Bergauf durch das schöne Leventinertal wanderten sie nach Airolo. Am nächsten Tag bestiegen sie den Gotthard und gingen von dort nach Andermatt, wo sie übernachteten. Über den Furkapass führte sie der Weg zum Grimselspital und von dort nach Brienz. Über Luzern und Burgdorf gelangten sie wieder nach Solothurn. Vier Wochen verbrachte und arbeitete Heinrich anschließend bei Apotheker Pfluger in Solothurn. Hier erreichte ihn der Brief des Vaters, der ihm mitteilte, dass seine Tante, die Schwester von Zellers zweiter Mutter, nach langem Leiden heimgegangen war.

Am Morgen des 9. Oktober 1820 verließ Heinrich Solothurn und reiste über Aarau, Zürich, Chur und Friedrichshafen nach Nagold.

Bis Ende April 1821 dauerte Heinrichs Aufenthalt in Nagold bei seinen Eltern.

Auf der Universität
In Nagold half Heinrich dem Vater in derApotheke und nutzte seine Freizeit dazu, seine umfangreichen Naturaliensammlungen zu ordnen. Dem Apothekerlehrling Pflüger gab er Unterricht in allen pharmazeutischen Fächern.Die Freunde Engelmann und Apotheker Binder wurden besucht und das im Bau befindliche Katharinenhospital in Stuttgart besichtigt. Die erste Gasbeleuchtung, die in der Stuttgarter Hofapotheke installiert war, beeindruckte Zeller sehr. Seinen Freund Völter, der inzwischen eine Apotheke in Bönnigheim besaß, besuchte er ebenfalls und besichtigte mit ihm die Salinen in Kochendorf und Bad Wimpfen. Auch die Druckerei der im Jahr 1812 gegründeten Stuttgarter Bibelanstalt wurde ihm von seinem Vetter Ludwig Hofacker gezeigt. Einen Ausflug nach Korntal zur der vor einigen Jahren neu gegründeten Brüdergemeinde schloss sich an. Der große Verwandten- und Bekanntenkreis der Zellers wurde besucht und kam in das Haus am Röhrenbrunnen in Nagold. So war die Zeit bis zur Aufnahme des Studiums in Tübingen reich gefüllt und ließ bei Heinrich Zeller keine Langeweile aufkommen.

Am 1. Mai 1821 fuhr Heinrich, vom Vater begleitet, nach Tübingen. Der Vater ließ es sich nicht nehmen, ihn bei dem Professor für Chemie und Pharmacie Dr. Chr. G. Gmelin und bei Professor Dr. Bohnenberger, der Mathematik und Physik unterrichtete, persönlich einzuführen. Die Studentenbude lag in der Nähe des katholischen Konvikts (Heim für Theologiestudenten) und wurde von Zeller bezogen und eingerichtet.

Den Professoren Dr. Ripp, der Anatomie lehrte und Mitglied im Vorstand des Naturalienkabinets war, und Dr. Gustav Schübler, Professor der Naturgeschichte und Botanik, machte er einen Antrittsbesuch. Seine erste Vorlesung besuchte er bei Prof. Rapp in Toxologie, dann folgte bei Prof. Schübler die Pflanzenphysiologie und bei Prof. Gmelin pharmazeutische Chemie und Warenkunde. Neben seinen Studien besuchte er den botanischen Garten und studierte im neuerbauten Museum die neuesten wissenschaftlichen Abhandlungen. In seiner freien Zeit besuchte Heinrich u.a. Lustnau und ritt in die nähere Umgebung von Tübingen.

In dieser Zeit lernte er seinen späteren Freund Chr. G. Barth aus Calw kennen, der Theologie studierte. Engelmann, der damals auch in Tübingen war, brachte die beiden zusammen.

In seinen ersten Ferien unternahm Zeller eine Reise, die ihn über Karlsruhe und Mainz bis nach Köln führte. Sein Reisebegleiter war sein alter Freund Stephani. Sie durchwanderten den Rheingau und besuchten die berühmten Weinorte Johannisberg und Aßmannshausen. Mit einem Schiff unternahmen sie eine Rheinfahrt und fuhren an den schönsten Stellen bei St. Goarshausen, den Burgruinen Rheinfels und Katz vorbei bis nach Koblenz.

Heinrich verstauchte sich beim Aussteigen den Fuß, und so war er gezwungen, in Köln einige Ruhetage einzulegen, um den kranken Fuß zu kurieren. Danach besichtigte er die Stadt Köln und den Dom und reiste am anderen Tag nach Bonn weiter, von wo aus Stephani und er am linken Rheinufer entlang zurück wanderten. Auf diesem Weg kamen sie an den Basaltbrüchen von Oberwinter, dem hoch gelegenen Laachensee und den unterirdischen Mühlsteinbrüchen bei Niedermendig vorbei. Am 12. Oktober 1821 wanderten sie von Koblenz aus das Lahntal hinauf, kamen nach Bad Eins und langten am Abend in Nassau an.

Am nächsten Tag wollten sie die Hüttenwerke von Holzappel besichtigen. Unterwegs fuhr eine mit zwei Herren besetzte Kutsche an ihnen vorbei. Diese verloren einen blauen Mantel, worauf Stephani dem Wagen nachlief und das Fundstück den Besitzern zurückgeben konnte. Einer der Herren war Professor Nöggerath von Bonn, der dort Mineralogie lehrte. Dieser gab den Freunden ein Empfehlungsschreiben an den Bergrat Schneider vom Hüttenwerk Holzappel mit. Schneider empfing sie freundlich und ließ ihnen durch einen Mitarbeiter das Schmelzwerk zeigen. Danach befuhren sie mit einem Obersteiger den Erzstollen, und so konnten sie den Bergleuten beim Abbau des Erzes zusehen.

Die nächsten Reiseziele waren die Mineralbäder Gailnau und Fachingen, der Kurort Langenschwalbach und das bekannte Schlangenbad. Von dort ging es weiter nach Wiesbaden und nach Mainz, wo sie ein Marktschiff bestiegen und in Frankfurt Station machten. Hier konnte Heinrich seinem Heilbronner Freund Bögner zur Promotin als Dr. med. gratulieren. Zurück nach Nagold ging es über den Odenwald und das Neckartal.

Das zweite Semester begann am 4. November 1821. Gleichzeitig wechselte Zeller sein Domizil und auch den Mittagstisch. Sein Freund Stephani vermittelte ihm einen frei gewordenen Platz im Haus der Pfarrerswitwe Frau Stiefel. Im Wintersemester hörte er Vorlesungen über die Naturgeschichte Württembergs bei Prof. Schübler, über organische und anorganische Chemie bei Prof. Gmelin, über Mathematik bei Prof. Bohnenberger, bei Prof. Ripp Anatomie und über römische Geschichte bei Prof. Tafel. Nebenbei beschäftigte er sich mit der Geologie und der Botanik.

An den Sitzungen der Studentenverbindung beteiligte sich Heinrich von Zeit zu Zeit und lernte viele junge Pharmazeuten, Mediziner und Theologen kennen. Um einige Namen zu nennen: Die späteren Apotheker Dr. Märklin in Tübingen, Federhaf in Calw, Ph. Fehleisen und W. Kachel in Reutlingen. Besonders mit E. Schwarz, einem Theologiestudenten, war Zeller eng befreundet. Des öfteren ritt Heinrich auch in Begleitung eines Kommilitonen nach Nagold. Im dritten und letzten Semester hörte Zeller u.a. bei Ferd. Gmelin die Einführung in die Naturwissenschaften und die Mineralogie. Bei Chr. Gmelin wurde das Chemiestudium fortgesetzt und häufig das Mineralienkabinett besucht. Ganz besonders interessierte sich Heinrich für die Kristallogra­phie (Lehre von den Kristallen).

Am 28. November 1822 legte Heinrich Zeller sein praktisches Examen im Labor von Apotheker Märklin ab. Die wissenschaftliche Prüfung erfolgte am 29. November in der Aula der Universität Tübingen. Seine Examinatoren waren die Professoren Dr. J.H.F. Authenrieth, dem Dekan der medizinischen Fakultät und Professor Dr. Ch.Gmelin. Außerdem war Aptheker Märklin Beisitzer der Prüfungskommission. Nach dem Examen gratulierte ProfessorAuthenrieth Zeller und erklärte ihm: „ Sie werden ein vorzügliches Zeugnis erhalten und haben jetzt nur noch die Handtreue (vergleichbar m.d. hippokratischen Eid) abzulegen“. Das Zeugnis bescheinigte Zeller sehr gute Kenntnisse in Botanik und Warenkunde und vorzügliche in Chemie und Pharmazie. Nun war er approbierter Apotheker .

Nach dem Examen blieb er noch einige Tage in Tübingen und feierte seinen 28. Geburtstag im Kreise der mit ihm verwandten Familie Uhland. Auch einige Freunde wurden zu dieser Feier eingeladen. Am 11. Dezember verließ Heinrich Zeller Tübingen und kehrte nach elfjähriger Lehrund Wanderzeit in die Heimat zurück.

 

In der väterlichen Apotheke

Der Alltag in der kleinen Landapotheke in Nagold war geruhsam und nicht sehr abwechslungsreich. Heinrich übernahm die Ausbildung der Lehrlinge und war mit der Herstellung der Arzneimittel beschäftigt. Im Juli 1826 wurde dieApotheke vollständig renoviert, und Heinrich Zeller besorgte das Aus- und Einräumen der Gefäße, Gläser, Retorten und Kräuter. Durch fleißige Arbeit und Sparsamkeit kamen die Zellers zu einem bescheidenen Wohlstand. In der zweiten Hälfte der 1830er Jahre wurden in der Umgebung neue Apotheken gegründet, was den Einzugsbereich der Zeller'schen Apotheke schmälerte, so in Pfalzgrafenweiler, Ergenzingen und Haiterbach. Zuerst trugen sich die Zellers mit dem Gedanken, eine Filialapotheke in Haiterbach zu eröffnen, doch aus Rücksicht auf den labilen Gesundheitsund Gemütszustand des Vaters scheiterte dieses Vorhaben.

Heinrichs guter Ruf als Ausbilder brachte es mit sich, dass zeitweilig drei bis vier junge Männer bei ihm als Lehrlinge oder Pensionäre arbeiteten. Er verfasste über alle Wissensgebiete Lehrhefte, so z.B. über pharmazeutische Warenkunde, Chemie und Botanik. In seinem Unterricht nahm das Experimentieren einen breiten Raum ein. Auch die Vorbereitung auf das Staatsexamen war ihm ein Anliegen. So gingen im Laufe der Jahre zahlreiche gut ausgebildete Pharmazeuten aus der Nagolder Apotheke hervor. In seiner Freizeit ordnete Zeller seine Sammlungen an getrockneten Pflanzen und versandte Dubletten seines Herbariums an andere Sammler, von denen er noch nicht vorhandene Pflanzen bekam. So verschickte er rund 300 Exemplare und bekam 400 neue. Für den künftigenApothekerverein legte er ein neues kleines Herbarium an. Auch seine Mineraliensammlung ordnete er neu. Neben diesenAktivitäten lag Heinrich besonders die Gründung eines Apothekervereins am Herzen. Abends hatten die Zellers ab und zu Gäste. Bechers wurden besucht und manchmal eine Schlittenfahrt unternommen. Auch die umfangreiche Korrespondenz mit den alten Freunden kam nicht zu kurz.

 

Naturwissenschaftliche Tätigkeit

Im Jahr
1823 wurde der württembergische Apothekerverein von den Apothekern Binder, Berg und Rühle in Stuttgart gegründet. Sehr früh wurde Heinrich Zeller in die Vereinsleitung berufen. Dieser Verein stellte sich die Aufgabe, die Interessen der Apotheker gegenüber den Aufsichtsbehörden zu vertreten, wie auch die Weiterbildung des Nachwuchses und die Förderung der Forschung zu betreiben. Ebenso wurde eine Unterstützungskasse für „unglückliche Standesgenossen“ eingerichtet. Des weiteren wurde eine Lesegesellschaft für den Schwarzwaldkreis gegründet, dessen Leitung Zeller von 1823-1834 hatte. Bei der Lesegesellschaft wurden Vorträge über neue Forschungen gehalten und die Fachliteratur besprochen.
Außerdem regte Heinrich Zeller die Anlage von Sammlungen mit Drogen, Chemikalien und Mineralien an. So schrieb er im Juli 1834: „Es sind nun vier Kästen für Drogen, chemische Präparate, Mineralien und Gebirgsarten da und fangen an sich zu füllen.“ Auch auf der Kreisversammlung in Nagold 1834 erläuterte er den Nutzen dieser Sammlungen besonders für junge Pharmazeuten. Im Jahr 1833 regte er die gemeinschaftliche Anschaffung von elektrischen und galvanischen Apparaten an, und 1834 machte er einen Vorschlag zur Gründung einer Vereinsbibliothek mit pharmazeutischen und naturwissenschaftlichen Zeitschriften. Auf der Versammlung in Rottenburg im Jahr 1835 beantragte er eine gemeinschaftliche Eingabe an die Regierung mit der Bitte um Veränderung der pharmazeutischen Gesetzgebung, die die Aufnahme und Prüfung von Lehrlingen und auch von Gehilfen und Provisoren (erster Gehilfe d. Apothekers) betraf. 1836 schlug Zeller gemeinschaftliche Untersuchungen des württembergischen Brunnen- und Flußwassers vor. Im Jahr 1839 schrieb er im süddeutschen pharmazeutischen Korrespondenzblatt über den Einfluß der Medikamentengebühren auf die Ausbildung der Apotheker und machte Vorschläge zur Einrichtung einer Tauschbörse für chemische Präparate. Ebenfalls 1839 erließ Zeller in sämtlichen pharmazeutischen Zeitschriften einen Aufruf zur Gründung eines süddeutschen Apothekervereins, der als Dachverband die Regionalvereine von Bayern, Baden und Württemberg umfassen sollte. Dieser überregionale Verein sollte hauptsächlich dem Erfahrungsaustausch dienen. Dieser Verein wurde dann am 18. September 1839 in Stuttgart gegründet, doch schon im Februar 1840 verbot die bayerische Regierung den Zusammenschluss ihrer Apotheker mit den anderen Regionalverbänden, so dass Heinrichs Idee nicht verwirklicht werden konnte.

Die Veröffentlichungen der Forschungsergebnisse Heinrich Zellers in den Blättern des württembergischen Apothekervereins, im pfälzischen Jahrbuch der Pharmazie, in Buchners Repertorium und im Korrespondenzblatt des ärztlichen Vereins in Württemberg in den Jahren 1824 -1840 waren sehr zahlreich und brachten Zeller die Anerkennung seiner Berufskollegen und am 9. Januar 1857 die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen ein. Professor Griesinger schrieb ihm: „Ich freue mich sehr, der erste zu sein, der Ihnen ankündigen kann, dass Ihnen das neue Jahr eine Würde gebracht, die zwar in gegenwärtiger Zeit keinen großen Glanz mehr um ihren Besitzer verbreitet, Ihnen aber doch vielleicht einige Freude machen wird. Die medizinische Fakultät, als deren Dekan ich gegenwärtig fungiere, hat heute beschlossen, Sie zum Doktor der Naturwissenschaften zu ernennen. Ihre Verdienste um die Verbreitung von Naturkenntnissen, Ihre erfolgreichen Bemühungen bei Abfassung der württembergischen Pharmakopöe (amtl. Arzneibuch) und Ihre schöne Arbeit über die ätherischen Öle finden darin wenigstens eine kleine äußere Anerkennung von Seiten Ihrer hiesigen gleichfalls naturforschenden Kollegen“.

Mit großem Interesse betrieb Zeller die Geogonie (Lehre von der Entstehung der Erde). Fast kein Jahr verging, in dem er nicht mit einem seiner vielen Freunde eine Exkursion unternahm und hauptsächlich im Schwarzwald Bergwerke oder Steinbrüche aufsuchte und dort Steine und Mineralien sammelte. Aber auch die Vogesen waren das Ziel seiner Studienreisen, ebenso die Alb und die Gegend bei Wasseralfingen. Im Jahr 1832 unternahm Heinrich Zeller mit seinem Freund Kurr eine Studienreise, die sie an den Bodensee und ins Allgäu nach Isny und Leutkirch führte. Über Ehningen und Münsingen kehrten sie nach Tübingen zurück. Die botanische Ausbeute war sehr ergiebig, während die Mineraliensammlung nicht befriedigte. Durch den Austausch mit anderen Sammlern und durch Zukauf vergrößerten sich die Sammlungen Heinrich Zellers. Von Dr. Barth aus Calw erhielt Zeller im Jahr 1838 die ersten Pflanzen aus dem Kaukasus. Selbst aus Tirol, Kärnten, Smyrna, Sardinien, den Pyrenäen, Südfrankreich und Norwegen erhielt Zeller seltene Pflanzen. Allen Apothekervereinen aus Deutschland schenkte G.H. Zeller vollständige Sammlungen sowohl von Pflanzen wie auch von Mineralien aus Württemberg.

Auch die Temperatur der Luft wurden von Zeller in den Jahren 1824 - 1840 gemessen und festgehalten. So betrug der höchste Thermometerstand in den 17 Jahren der Beobachtung +27° R und der tiefste - 23° R in Nagold. Ebenso beobachtete er die Quelle des Kreuzertalbaches vier Jahre lang (1824- 1827) und maß die Temperatur, die im Mittelwert 7,6° R betrug. Das Wasser der Nagold wurde unterhalb des Zusammenflußes der Nagold und Waldach gemessen. So betrug die höchste Wassertemperatur +18° R und die niedrigste +0,25° R (1824 - 1827). Im Jahr 1830 analysierte Heinrich Zeller das Wasser von „Bad Rötenbach“ und erhielt dafür vom Ministerium eine Belobigung. 1832 wurde er vom Ministerium beauftragt, einige Apotheken des Schwarzwaldkreises „nachzuvisitieren“. Im Jahr 1840 erhielt er den Auftrag, an der neuen Fassung der Pharmakopöe (amtl. Arzneibuch) mitzuarbeiten.

Die wissenschaftliche Arbeit G.H. Zellers wurde von den verschiedensten Stellen anerkannt und so erhielt er im Jahr 1825 von der Zentralstelle des landwirtschaftlichen Vereins das Diplom als „Korrespondierendes Mitglied“. Im gleichen Jahr wurde er Ehrenmitglied im badischen und im Jahr 1830 im norddeutschen Apothekerverein, 1832 ernannte man ihn zum Mitredakteur des württembergischen pharmazeutischen Korrespondenzblattes. Auf der Versammlung der deutschen Naturforscher 1834 in Stuttgart wurde Heinrich Zeller zum Sekretär der chemischen Sektion gewählt. Im Jahr 1837 berief man ihn als Mitglied des ärztlichen Badkomitees von Württemberg und als Ehrenmitglied der pharmazeutischen Gesellschaft Rheinbayerns. 1839 wurde er Ehrenmitglied der medizinisch/physikalischen Gesellschaft in Erlangen und der Gesellschaft studierender Pharmazeuten in München.

 

Persönliche Verhältnisse
Die Gesundheit Heinrich Zellers ließ oft zu wünschen übrig. So musste er sich schon im Jahr 1825 einer Molken- und Luftkur in Gais in Appenzell unterziehen. Vier Wochen lang dauerte die Kur. Seinem Vater schilderte er in einem Brief sehr anschaulich den Tagesablauf. Morgens um 6 Uhr begann die Trinkkur, die sich bis 8.30 Uhr hinzog. In diesem Zeitraum mussten die Kurgäste bis zu zehn Becher Molke trinken. Um 9 Uhr rief eine Glocke die Gäste zum Frühstück. Beim Mittagessen spielte eine Kurkapelle Walzer und Unterhaltungsmusik. In der freien Zeit beschäftigte sich Heinrich mit Botanik und guter Lektüre und machte Ausflüge auf den Gäbris oder den Stoß. Am Abend er zusammen mit Freunden eine Suppe und ging frühzeitig zu Bett. In Gaiß traf er auch die Tante Hofacker und Vetter Ludwig, die auch zur Kur in Gais weilten und dann nach St. Moritz weiter reisten.

Auch im Jahr 1828 machte Zeller eine Kur in Bad Rippoldsau und 1830 in Bad Cannstatt.

Der alternde Vater war oft verdrießlich und reizbar und. stellte die Geduld des Sohnes auf eine harte Probe. Auch hatte er mit den Apothekerlehrlingen und Pensionären keine glückliche Hand. So musste Heinrich häufig mit seiner ruhigen Art ausgleichen. Die Gesundheit des Vaters war des öfteren angeschlagen. Seinem Freund Schwarz musste er 1827 mitteilen, dass er die mit ihm geplante Reise nicht antreten konnte, da der Vater von einer schmerzhaften Augenentzündung geplagt wurde.

In den Jahren von 1822 bis 1831 bezog Heinrich kein regelmäßiges Gehalt. Im April 1831 erhielt er von seinem Vater eine größere Summe zum Ausgleich für die geleistete Arbeit. Außerdem wurde eine jährliche Zahlung vereinbart. Nun konnte Heinrich Zeller sich einen langgehegten Wunsch erfüllen. Er erwarb er den ehemaligen Pfarrgarten an der heutigen Einmündung zum Schelmengraben. Die Anlage des Gartens erforderte viel Arbeit. So ließ er eine Gartenlaube bauen, die grün angestrichen wurde. Insbesondere war es Heinrichs Anliegen, dass der Vater sich dort wohlfühlen konnte. Die Laube wurde „Vatersruh“ genannt. Zur Einweihung 1832 verfasste Heinrich ein gefühlvolles Gedicht. Neben seiner Berufsarbeit und seinen verschiedenen Aktivitäten pflegte Heinrich Zeller mehrere Freundschaften. So war seine Verbindung zu der Familie des Apotheker Fischer aus Freudenstadt sehr intensiv. Öfters ritt Heinrich nach Freudenstadt und besuchte die Freunde. Auch als Fischer wegen Krankheit seine Apotheke verkaufen musste, war ihm Zeller dabei behilflich. Ebenso bestand zur Familie des alten Freundes der Zellers, Karl Becher, der Gerichtsnotar in Stuttgart war, eine herzliche Freundschaft. Karl Becher war vor seiner Stuttgarter Zeit Notar in Nagold gewesen. Mit Engelmann und Kurr hatte er in dieser Zeit freundschaftlichen Kontakt. Kurr verlobte sich mit Lotte Becher im Frühjahr 1839, die Hochzeit fand im Juli des gleichen Jahres statt. Die Schwester von Lotte, Sophie, war schon seit einigen Jahren verheiratet. So bekam Heinrich eine weitere Anlaufstelle in Stuttgart. Die Verbindung zu seinen zahlreichen Freunden hielt Zeller durch Briefe und Besuche aufrecht. Oft musste er bei Missverständnissen und Zerwürfnissen vermitteln. Heinrich versuchte in allen seinen Verbindungen und Freundschaften ein harmonisches Miteinander zu fördern und zu pflegen. Tief traf es ihn, wenn der Tod ihm Freunde nahm. In der Jahresübersicht 1840 erwähnt er den Tod von drei Freunden, den Jugendfreund Eble, den Universitätsfreund Federhaff und den Hausfreund Ellwanger.

Die Freundschaft mit Barth entwickelte sich immer inniger. Im Jahr 1822 wurde Barth als Pfarrverweser nach Effringen versetzt. Anschließend wurde Barth Pfarrer in Möttlingen und kam im Mai 1838 nach Calw. Auch Engelmann gehörte zu dem Freundeskreis von Barth.

Immer wieder wurde Heinrich Zeller von seinen Verwandten und Freunden gefragt, warum er nicht heirate. In einem Schreiben an seine Eltern (29. Mai 1831) legte er seine Gründe dar, warum er auf die Ehe verzichten wolle. Der Hauptgrund war für ihn die schwache Gesundheit. Er befürchtete, dass er den Anforderungen eines Ehemanns und Hausvaters nicht gewachsen sei. Sein größter Kummer war, dass er dem Vater nicht die Freude an Enkeln bereiten konnte und die Nagolder Zeller'sche Familie mit ihm erlosch.

Dem Tagebuch vertraute Heinrich seine Empfindungen und Gefühle an. Besonders wichtig war für ihn sein Fortschritt im Glauben. Bei seiner Selbstprüfung bekannte er seine Sünden und seine Schwachheit. So war es ihm immer die Frage, wie viel Zeit er für seine wissenschaftlichen Arbeiten und für die Beschäftigung mit religiösen Dingen zubringe sollte. Dankbar war er für seine Eltern, seine Freunde und auch für die lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung und Auskommen. Am Ende des Jahres 1836 bekennt er: „Erhalten in all den glücklichen Verhältnissen, in die mich Gott gesetzt hat, kräftiger am Körper, tüchtig, meinem Beruf mit Freudigkeit und Lust vorzustehen, im Besitz meiner 1. Eltern, welche der Herr in diesem Jahr gleichfalls recht gesund erhalten hat, mit Frieden im Haus und mit allen Menschen, gesegnet in zeitlichen Gütern und mit Gedeihen im Berufsgeschäft...“

Am 24. Februar 1839 schrieb Zeller ins Tagebuch: „Aufs Neue, und wie ich hoffe fester, gewann ich die Überzeugung, dass kein Sieg zu hoffen ist ohne Jesum und den Beistand seines Geistes, der allein das steinerne Herz fleischern und den glimmenden Docht brennend machen kann.“ Anfang 1841: „Viele Mahnungen und Weckstimmen sind im letzten Jahr an mich ergangen. Es begann mit Feuerlärm und Feuersnot (1840 brannten vier Häuser in der Turmstraße ab) und endigte mit Angst über die bedenkliche Krankheit der lieben Mutter; drei nahestehende Freunde hat es mir geraubt, und noch drei andere Gräber setzte mir der Herr zu Denkzeichen; ich selbst erlebte bei einem Fall in den Keller eine besondere Bewahrung durch Gottes schützende Hand, die mich zu innigem Dank und zu ernsteren Gedanken an die Ewigkeit erweckte.“

In einem Brief an seinen Freund Schwarz schilderte Heinrich die letzten Lebenstage seiner zweiten Mutter. Bereits nach Weihnachten 1840 mehrten sich die Leiden, so dass sie fast nichts mehr essen konnte. Am 11. Januar 1841 durfte sie friedlich und ohne Kampf in die Ewigkeit eingehen.

 

Austritt aus dem Beruf

Nach dem Tod der Mutter waren für Heinrich und seinen Vater viele unangenehme Dinge zu bewältigen. So wurde durch einen entfernten Verwandten das Testament der Mutter angefochten. Mit diesem konnte man sich durch einen Vergleich einigen. Die Inventur- und Teilungsaufstellung des Nachlasses der Mutter brachte Unruhe in das sonst so ruhige Familienleben. Dazu kam, dass des Vaters Augen immer mehr nachließen und er fast nichts mehr sehen konnte. So reifte der Entschluss, die Apotheke zu verkaufen. Die Freunde Barth, Kurr, Schwarz und Schumann bestärkten Heinrich Zeller in seinem Vorhaben. Prof. Fleischer empfahl den Verwalter der Apotheke des Katharinenhospitals in Stuttgart, Oeffinger, als tüchtigen Nachfolger. So kam es, dass am 21. Juli 1842 der Kaufvertrag mit Oeffinger abgeschlossen wurde.

Der Kaufpreis betrug 30.000 fl. (fl = Gulden). Die Renovierung des Hauses Badgasse Nr. 6 (heute Stadtkämmerei) erfolgte vom 18. Mai bis Ende Juli 1842. Ab dem 2. August begann der Auszug aus der Apotheke und am 1. September zogen die Zellers in ihren Ruhesitz ein. Die Losung der Herrenhuter Brüdergemeine für diesen Tag lautete: „Sie gingen hin zu ihren Hütten, fröhlich und guten Mutes über all dem Guten, das der Herr an seinem Volke getan hatte.“ (I. Könige 8,66). Es war ein ermutigendes Wort für diesen neuen Lebensabschnitt.

Für Heinrich kam keine Langeweile auf. Die Pflege des gebrechlichen Vaters, die verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten wie z.B. über die Destillation des Wassers oder die ätherischen Öle, die Ausbildung seines letzten Lehrlings, der bei Offinger die Lehre weiterführte, und auch literarische Arbeiten beschäftigten Zeller.

Seinem Freund Professor Fleischer schrieb er: „Ich habe 30 Öle, darunter 20 von mir selbst neu bereitete studiert, in 150 Proben und Qualitäten, und meine Versuche gleichförmig über Farbe, Geruch, Geschmack, Konsistenz, spezifisches Gewicht, Löslichkeit in Alkohol, Verhalten zu Jod, Salpetersäure, Schwefelsäure, zum Teil auch gegen Kali Caust. durchgeführt. Außerdem habe ich gegen 700 Beobachtungen über Ausbeute gesammelt, berechnet und zusammengestellt und daraus allgemeine Schlüsse gezogen“. Vom Oberamtsgericht wurde er beauftragt, eine chemische Untersuchung falscher Münzen durchzuführen. Um diese Überprüfung zu bekräftigen, musste Zeller seinen ersten Eid vor Gericht ablegen.

Ein langgehegter Plan war die Herausgabe einer Broschüre „Monatliche Bilder der Jahreszeiten,“ die dann als Sonderausgabe bei den „Jugendblättern“ in Calw erschien.

Gegen Ende des Jahres 1843 erkrankte der 72jährige Vater schwer. Schüttelfrost und Kurzatmigkeit ließen eine Lungenlähmung befürchten. Doch zum Glück ging diese Krankheit verhältnismäßig rasch vorüber.

Eine Verwandte, Frau Hebsacker aus Tübingen, erklärte sich bereit, die Haushaltsführung zu übernehmen (1844). Das brachte Heinrich große Entlastung. Die wiedererlangte Gesundheit des Vaters gestattete eine Reise zu Dr. Barth nach Calw. Dort traf er eine bunt gemischte Gesellschaft an. Apotheker Kerner aus Besigheim war mit Zeller gekommen. Außer Barth war ein Pfarrer aus Osterreich, ein württembergischer Vikar, ein Missionszögling, ein katholischer Schulmeister und Graf von der Recke anwesend. Heinrich Zeller genoss diesen Tag ganz besonders, da er wegen der Pflege des Vaters in den vergangenen vier Jahren keine Nacht außerhalb von Nagold verbracht hatte.

 

1845 - 1850

Das Jahr 1845 war für den kranken Vater kein leichtes. Nicht nur seine schwachen Augen machten ihm zu schaffen, sondern ein rheumatisches Ohrenleiden im September ließ ihn fast gänzlich taub werden. Heinrich las dem Kranken aus der Bibel und erbaulichen Schriften vor, um ihn in seinem Glauben zu stärken. Er selbst berichtete, dass er durch regelmäßigeren Besuch der Versammlungen Fortschritte in seinem Glaubensleben machen durfte. Im Januar besuchte Freund Schwarz die Zellers. Schwarz war 1843 aus seinem Pfarramt und aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten und hatte sich den Baptisten angeschlossen, was Heinrich Zeller lebhaft bedauerte. Trotzdem blieb er Schwarz lebenslang freundschaftlich verbunden. In der Karwoche dieses Jahres begann Heinrich eine Schrift zu verfassen „Betrachtungen über die Leidensgeschichte Jesu Christi zur Selbstprüfung besonders bei der Vorbereitung auf das Hl. Abendmahl“, die zwei Jahre nach G.H. Zellers Tod sein Freund Kerner aus Besigheim drucken ließ. Außer den monatlichen Veröffentlichungen in den Jugendblättern arbeitete Zeller an der Vollendung seiner Studien über die ätherischen Öle und machte die Ausarbeitung druckreif. „Es ist,“ schreibt er im Vorwort, „meine letzte Arbeit im Dienst der Pharmazie, in welchem ich nahezu 40 Jahre lang gestanden, der ich so vieles verdanke und die ich herzlich liebe“...

Im August dieses Jahres (1845) wurde Heinrich in den Ausschuss des Nagolder Missionsvereins gewählt. Der Missionsverein war im Jahr 1820 von Johann Abraham Scholder, Schönfärber aus Nagold, gegründet worden. Der Verein war zuerst nur in Nagold tätig. Nach der Ausdehnung auf den Bezirk konnten die jährlichen Opfereinnahmen von fl. 784 im Jahr 1831 auf fl. 1758 im Jahr 1845 gesteigert werden.

Ebenfalls 1845 wurde ein Kirchenverein gegründet, der von dem damaligen Dekan Stockmayer ins Leben gerufen wurde. Aus diesem Verein entwickelte sich 1846 ein Verein für Waisen, arme und verwahrloste Kinder. Heinrich Zeller wurde zum Schriftführer und Kassier dieses Vereins gewählt.

Das letzte Lebensjahr des Vaters war durch die fortschreitende Schwäche und Krankheit gezeichnet. Heinrich konnte sich deshalb nur an einzelnen Tagen und nicht über Nacht außer Haus begeben. Am 15. Mai schrieb er: „Wir sind glücklich aber spät (vom Missionsfest in Calw) nach Hause gekommen. Der liebe Vater hatte während meiner Abwesenheit einen sehr guten Tag, wenn auch nicht so gut wie ich“.

Am 3. Juni: „Mit dem lieben Vater geht es so so! Alle paar Tage machen wir einen Spaziergang miteinander, das Gäßlein vor bis zum Ratshaus, einigemal auf und ab.“ Im August konnten die Spaziergänge bis zum zehn Minuten entfernten Garten ausdehnt werden.

In diesem Jahr schrieb Zeller siebzehn Aufsätze für die Jugendblätter und elf weitere für das kommende Jahr. Er befürchtete, dass er wegen des kranken Vaters nicht mehr zur Ausarbeitung von Berichten kommen würde.

Einmal nahm er an der Apothekerversammlung in Rottenburg teil, und das andere Mal besuchte er seine Freunde Dann und Völter in Enzklösterle.

So kam das Jahr 1847, in dem Heinrich Abschied vom geliebten Vater nehmen musste. Er schrieb: „Unsere letzten gemeinsamen Lebenswochen verliefen ziemlich einförmig, aber in stillem Genuß dessen, was uns der Herr auf unserem Lebensweg so freundlich schenkte. Nach Frühstück und Hausandacht, welche ich am Bette des Geliebten verrichtete, blieb er meist bis zehn Uhr allein auf seinem Lager. Nach dieser Zeit half ich ihn ankleiden und las ihm etwas aus der Bibel vor...“ Zwei Tage vor des Vaters Heimgang feierten sie das Hl. Abendmahl, das der damalige Dekan und Beichtvater der Zellers, Stockmayer, ihnen reichte. Der Vater sagte dem Beichtvater, dass er jetzt über die Vergebung seiner Sünden zur Ruhe gekommen sei. Nun ging es mit den Kräften des Vaters schnell zu Ende. Am 20. Februar gegen 10 Uhr verschied Christian Gottlieb Zeller in seinem 74. Lebensjahr. Die Beerdigung fand am 22. Februar 1847 auf dem Nagolder Friedhof statt. Heinrich Zeller hatte nach dem Tode des Vaters, vermutlich durch die anstrengende Pflege, gesundheitliche Probleme, die ihn fast den ganzen März ans Haus fesselten. Nun musste der Nachlass des Vaters geordnet werden. Heinrich ließ sich von Notar Widmann aus Calw sein Testament errichten. Er übergab dem Stiftungsrat von Nagold 2.000 Gulden mit der Auflage, dass die jährlichen Zinsen an arme Witwen und Kranke verteilt werden sollten. Weitere 10.000 Gulden wurden an die Basler Mission und an verschiedene Kinderrettungsanstalten verteilt. Außerdem verschenkte er 700 Gulden an bedürftige Gemeinschaftsmitglieder aus dem ganzen Land.

In dieser Zeit ergingen an Zeller verschiedene Angebote, die ihm eine neue Tätigkeit vorschlugen. So wurde ihm u.a. die Stelle eines Visitators der Apotheken durch das königliche Obermedizinalkollegium in Stuttgart angetragen, die er mit dem Hinweis auf seinen Gesundheitszustand ablehnte. Auch sein Freund Barth versuchte, ihn zur Übersiedlung nach Calw zu veranlassen. Vetter Wilhelm Hofacker bot ihm an, zu sich nach Stuttgart zu kommen. Doch Heinrich Zeller sah seine Vaterstadt Nagold als die ihm von Gott zugewiesene Wirkungsstätte und lehnte alle gut gemeinten Übersiedlungsvorschläge ab. Heinrich kam nach acht Jahren (29. April 1847) zum erstenmal wieder nach Stuttgart. Hier sah er auch zum ersten Mal die Eisenbahn. Er besuchte viele seiner Freunde und auch den alten Onkel, den pensonierten Oberamtsrichter Hofacker in Cannstatt. Ferner nahm er an der Predigerkonferenz in Stuttgart teil, und auf dem Rückweg wohnte er der Versammlung des Apothekervereins in Tübingen bei.

Um seine Gesundheit zu festigen, riet der Arzt zu einem Kuraufenthalt in Ostende. Vetter Wilhelm Hofacker und seine Frau begleiteten Zeller, und so fuhr man teils mit der Eisenbahn und teils auf dem Rhein mit dem Schiff über Mannheim und Köln der Nordsee zu. Am 9. Juli 1847 erreichten sie das Seebad Ostende und blieben dort sechs Wochen.

Die Zeit am Meer hatte auf Heinrichs Gesundheit einen wohltuenden Einfluss, den er nicht genug loben konnte. In den Jugendblättern schilderte er den Eindruck seiner Reise und die Flora und Fauna am Meer (1847/48).

Nach seiner Rückkehr intensivierte sich die Beziehung zu seinem Freund Dr. Barth. Oft fuhr er nach Calw und ordnete dessen aus allen Missionsfeldern eintreffende naturhistorische und geographische Sammlerstücke. Dabei fiel auch für die Sammlungen Zellers manch schönes und seltenes Stück ab. Manches Mal stiftete Heinrich auch ein Fässchen guten Tischwein, den sogenannten „Heinerleswein“, und auch Zigarren waren ein gern angenommenes Reisepräsent.

Nur die goldene Reisebrille, die er dem Freund zu dessen 50. Geburtstag schenkte, führte zu einer leichten Trübung des Verhältnisses. Barth hielt dieses Geschenk für zu wertvoll und machte Zeller deshalb Vorhaltungen. Doch Heinrich besänftigte im August 1848 den Freund mit einem Brief aus Bad Rippoldsau.

Zeller unterstützte Barth bei seiner Verlagsarbeit und wurde deshalb im Februar 1848 in das Komitee des Calwer Verlagsvereins gewählt, der von Barth zur Herausgabe von preiswerter christlicher Literatur gegründet worden war. Der erste Besuch der Basler Missionsfeste zusammen mit Barth kam im Juni 1848 zustande. Die Freunde fuhren über Karlsruhe nach Kehl, wo sie von dem Judenmissionar Hausmeister abgeholt wurden. Sie besuchten zusammen das Jahresfest der Kinderrettungsanstalt in Neuhof, wo Barth eine Ansprache hielt.

Heinrich lernte hier einige der führenden Köpfe der Gemeinschafts- und Missionsarbeit aus dem Elsaß kennen, so den Fabrikanten Legrand aus dem Steintal, den Pfarrer Cuvier u.a. mehr. Am anderen Tag besuchten sie Straßburg und besichtigten das Münster. Zeller war vom Münsterturm und von den prachtvollen Glasmalereien im Münster sehr beeindruckt. Er verglich die letzteren mit Edelsteinen und freute sich sehr darüber. Barth hielt noch die monatliche Missionsstunde, und dann fuhren die Freunde am Samstag mit der Eisenbahn durch das schöne Elsaß nach Basel. Zur Mittagszeit erreichten sie den Basler Bahnhof, wo sie schon von Zaremba und einigen Missionsbrüdern erwartet wurden. Diese führten sie durch die Stadt zum alten Missionshaus, in dem sie ihr Quartier bezogen. Dort begrüßte sie der Patriarch Missionsinspektor Hoffmann, der eine imponierende Erscheinung war. Auch der Brahmane Anandrao war zur Begrüßung erschienen. Am Mittagstisch versammelte sich die große Missionsfamilie, und so lernte Zeller auch diese kennen. Nachmittags besuchten sie Papa Spittler in seinem stillen „Fälkle“ in der Baseler Altstadt. Spittler war der Gründer des Brüderhauses der Chrischona in Jerusalem. (Chrischona ist eine christliche Bibelschule und Ausbildungsstätte bei Basel). Ein weiterer Besuch führte die Freunde zu Pfarrer Sarasin, dem Redakteur des „Basler Volksboten“. Am Abend saßen bei Barth auf dessen Zimmer Missionsinspektor Hoffmann, Zaremba, Hausmeister, Dr. Marriott, Köllner, Spittler u.a., bei Wasser und Zigarre zusammen. Am Sonntagmorgen wurden in Grenzach die neuen Missionare ordiniert. Zum Mittagessen waren die Freunde bei Papa Spittler eingeladen, wo auch Cand. Böhme aus Petersburg und Pfarrer Tretzel aus Bayern miteingeladen waren. Der Nachmittagsgottesdienst fand im Basler Münster statt. Abends fuhr man zum Vesper nach Gundeldingen auf das Landgut der Ostertags. Am Morgen des nächsten Tages machten sich 36 Männer wieder nach Gundeldingen zu einer Konferenz über die Mission auf, die von Pfarrer Sarasin geleitet wurde. Nachmittags besuchten die Freunde die Jahresfeier des kirchlich-protestantischen Vereins (des schweizerischen Gustav-Adolf-Vereins), und am Abend waren sie Festgäste bei der Basler Bibelgesellschaft.

Am Dienstag sprach der Judenmissionar Sutter bei der Jahrestagung der Freunde Israels über „die Liebespflicht gegen das uns so nahe gerückte Israel.“

Es gab noch manches wie z.B. das Examen der Missionszöglinge, den Jahresbericht der Missionsgesellschaft, der von Ostertag vorgetragen wurde, und eine originelle Rede des Schaffhausener Antistes Spleiß, der über die Notwendigkeit der „Heimatmissionierung“ sprach. (Antistes = Ehrentitel für Bischof oder Abt).

Donnerstags (22. Juni) fand die Generalkonferenz der Basler Mission im Saal der Brüdergemeinde statt. Es sprachen Missionsinspektor Hoffmann über die Missionsarbeit und Dr. Barth, der die Auffassung mancher Missionsfreunde tadelte, keine Missionsbeiträge von Lauen und Ungläubigen anzunehmen. Die Mission nehme auch diese Beiträge aus der Hand Gottes und sehe nicht auf die Menschen. Elia habe die Raben, die ihm am Bach Krith Brot und Fleisch brachten, auch nicht nach ihrer Gesinnung gefragt. Barth übergab einen Wechsel über 1.000 Gulden als Geschenk an die Mission. Es sei der Ertrag der von ihm herausgegeben Calwer Missionsblätter, die von den verschiedensten Leuten gelesen würden. Am Nachmittag wurden 15 junge Männer eingesegnet, die nach Ostbengalen, Ostafrika und Nordamerika ausgesandt wurden. Drei dieser neuen Missionare bestiegen die Kanzel und hielten Ansprachen. Missionar Lehner, der von Indien nach 13jähriger Missionsarbeit zurückgekehrt war, hielt die nächste Rede. Dieser Mann hatte seine Gesundheit im Einsatz für die Mission eingebüßt. Den Schluss machte Dr. Barth, der die Mission mit den weltlichen Königreichen verglich. Die Hauptursache des Sturzes der Könige in den letzten Monaten (1848) sei gewesen, dass sie sich nicht mehr auf ihr Militär verlassen konnten. Wenn unser König Jesus Christus sich nicht mehr auf seine Streiter verlassen könne, dann gehe die Missionsarbeit unter.

Das Jahresfest der Beuggener Anstalt bildete den Abschluss der Basler Feste. Den Jahresbericht trug Heinrichs Namensvetter Zeller vor, der dort als Pädagoge wirkte. In dieser Anstalt wurden verwahrloste und verwaiste Kinder betreut. Bei der Nachmittagsveranstaltung sprachen u.a. Pfarrer Deggeler und Pfarrer Göbel aus Erlangen. Abends waren Barth und Zeller zusammen mit einer kleinen Gesellschaft bei dem Internatsinspektor eingeladen. Anschließend fuhr man mit dem Einspänner nach Basel zurück. Am Samstag waren sie nochmals bei Pfarrer Sarasin zu einem „noblen Baslersüppli“ eingeladen. Das Gebäude gehörte einst den württembergischen Herzögen. Herzog Ulrich (* 1487, † 1550) wurde in Basel evangelisch. Dr. Barth wurde von der Basler Missionsgesellschaft der Posten eines zweiten Inspektors angeboten. Nach reiflicher Überlegung lehnte er dieses Angebot ab, da es sich mit seiner umfangreichen Verlags- und Vortragstätigkeit nicht vereinbaren ließ.

Sonntagabends hielt Barth die sogenannte Martinsstunde, und am Montag Morgen fuhren die beiden Freunde mit der Eisenbahn zurück.

Im Sommer 1848 (August) verlor Heinrich seinen Vetter Pfarrer Wilhelm Hofacker. Der Tod des mit ihm so eng verbundenen Freundes und Verwandten ging ihm sehr nahe.

Dekan Stockmayer und Diakonus Klaiber von Nagold wurden die Freunde von Heinrich Zeller. Der neue Oberamtmann Wiebbekink und seine Frau, eine geborene Osiander, schlossen sich dem Freundeskreis Zellers an. Auch der neue Oberamtsrichter J.EP I. von Rom, der mit Louise, geb. Hofacker, der Tochter des früheren Oberamtsrichters Hofacker verheiratet war, gehörte zum engeren Kreis um Zeller. Heinrich Zeller nahm auch öfters an den Pfarrkränzchen des Dekanats teil.

Im Jahr 1848 brannte in einem Gäßchen nahe der Stadtmauer ein Haus. Zeller war gegen 22 Uhr auf dem Heimweg vom Missionsarbeitsverein, als der Feuerruf erscholl. Einsetzender Regen und Windstille verhinderten eine größere Ausbreitung dieses Brandes.

Am 24. März reiste Heinrich Zeller nach Calw, um einige Tage bei Barth zu verbringen. Bereits am Abend dieses Tages wurde er nach Nagold zurückgeholt, weil das Gerücht von einem unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Franzosen umging. Zum Glück bewahrheitete es sich nicht. Ein weiteres gravierendes Ereignis war die „Revolution“ 1848/49 in Nagold und Umgebung. Auslöser der Unruhen in Nagold war die Wahl des Nagolder Stadtschultheißen Eduard Engel am 12. Mai 1848. Am Abend des 12. Mai feierten die Anhänger Engels in der „Köhlerei“. Gegen Mitternacht begegneten sie dem Oberamtsrichter Berner, der sie zur Ruhe verwies. Als er von einem der Randalierer angegriffen wurde, zog er seinen Hirschfänger. Daraufhin wurden er und Referendar Weckherlin zu Boden geschlagen. Der herbeieilende Oberamtmann Daser wurde ebenso wie der Oberamtsaktuar Gerber niedergeschlagen und misshandelt. Die Fenster im unteren Stockwerk des Oberamtsgebäudes wurden mit Steinen eingeworfen und die Haustür mit einem Balken zertrümmert. Heinrich berichtete Barth über diese Vorkommnisse und schrieb u.a.: „Diesen Mittag hat sich nun eine Sicherheitswache gebildet; je 25 Bürger sollen Nacht für Nacht patrouillieren und das Oberamtsgericht bewachen; Dienstags kommt die Reihe an mich.“

Am 14.5.1848 wurden zwei Kompanien des 8. Infanterieregiments unter dem Kommando des Oberstlieutenants von Götz nach Nagold verlegt und bei den Bürgern einquartiert. Nach drei Wochen, am 5. Juni, wurden die Soldaten wieder abgezogen.

Die Hauptunruhen gingen von Baden aus, deshalb legte König Wilhelm I. Truppen an die Grenzen Württembergs. Im „Gesellschafter“ erschien am 3.7.1848 in der Nr. 53 folgender Bericht: „Am 29. Juni kam Seine Majestät der König hier an, hielt mittags Musterung über die hier liegenden Truppenteile und reiste am anderen Morgen in der Richtung nach Calw wieder ab. Als Seiner Majestät die hiesigen Behörden ihre Aufwartung machten, soll der König folgendes geäußert haben: Es freue ihn, dass sich Nagolds Bürger an den letzten Ereignissen nicht beteiligt hätten; er fordere die Beamten auf, streng nach den Gesetzen jede Überschreitung derselben zu ahnden, sie würden von ihm unterstützt werden. Er sei 33 Jahre lang ein gnädiger König gewesen, die Zeit sei aber vorbei, in welcher Gnade für Recht gewaltet habe, künftig werde diejenigen, welche sich gegen die bestehende Ordnung auflehnen, die ganze Strenge des Gesetzes treffen; dies seien gewöhnlich Leute, welche sich in herabgekommenen Verhältnissen befänden.“

Auch im Jahr 1849 dauerten die Nachwirkungen der Revolution an. Es gab viele Durchmärsche und Einquartierungen von württembergischen und Reichstruppen. Auch Zeller bekam Offiziere und Ärzte einquartiert.

Der von Zeller mit initiierte Gewerbeverein gründete eine Handwerkerschule, an der er Unterricht in Physik, Chemie und Mineralogie gab. Ebenso wurde er in die Siebenerkommission berufen, die die Geschworenen des Bezirks auswählte.

Im März 1848 stellte sich bei Heinrich Zeller eine zunehmende Augenschwäche ein, die ihn sehr beunruhigte. Darum entschloss er sich, den Augenarzt Dr. Höring in Ludwigsburg zu konsultieren. Dr. Höring beruhigte Zeller, indem er eine Erblindung ausschloss, verordnete ihm aber eine vierwöchige Kur in Bad Rippoldsau. Schon am Morgen des 5. August traf Heinrich Zeller in Bad Rippoldsau ein. Der Kuraufenthalt brachte ihm Besserung seiner Gicht, und auch die Augen wurden gekräftigt. Während der Zeit in Bad Rippoldsau hatte Zeller Besuch von Apotheker Dann aus Stuttgart und Judenmissionar Hausmeister zusammen mit einigen Elsäßer Freunden. Außerdem machte Zeller die Bekanntschaft eines Pfarrer Fink aus Illenau. Freund Widmann aus Calw kam und begleitete Heinrich auf der Heimreise.

Im Herbst 1848 begann Zeller, arme Kranke zu besuchen. Ebenso übernahm er die Leitung der Abendversammlungen, indem er die Bibeltexte auslegte und daran anschließend die Brüder aufforderte, ihre Erfahrungen und Ansichten zu äußern.

1848 war wirtschaftlich ein schwieriges Jahr, Handel und Gewerbe stagnierten, und eine große Verarmung der Bevölkerung trat ein. Da auch einige der mit Zeller in Verbindung stehenden (Darlehensnehmer) Geschäftsleute in Konkurs gerieten, erlitt Zeller finanzielle Verluste, die sich jedoch zum Glück in Grenzen hielten. Im April 1849 legte Heinrich Zeller sowohl die Vorstandschaft im Apothekerverein wie auch die Mitredaktion am Jahrbuch der Pharmazie nieder. 1850 wurden die Studien über die ätherischen Öle im Jahrbuch für praktische Pharmazie, das in Landau herauskam, veröffentlicht. Der Augenarzt Dr. Höring verordnete Heinrich Zeller drei Jahre hintereinander eine Kur in Bad Rippoldsau. Dort lernte Heinrich seine Braut Emilie Conradi aus Stuttgart kennen. Emilie Conradi, in Stuttgart am 19. 9. 1812 geboren, war die Tochter des im Jahr 1839 verstorbenen Kaufmanns Friedrich Leopold Conradi und der Louise geborene Feuerlein. Zwölf Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Emilie wuchs als sechste Tochter in dieser Familie heran. Emilie Conradi hatte eine labile Gesundheit, so dass der Arzt ihr eine Kur in Bad Rippoldsau verordnete.

 

Verlobung und Heirat
Die erste Begegnung mit Emilie Conradi machte Heinrich Zeller bereits während seines zweiten Kuraufenthalts in Bad Rippoldsau im Juli/August 1849. Nach der Kur entwickelte sich zwischen den beiden eine lebhafte Korrespondenz. Im Sommer 1850, während ihres zweiten gemeinsamen Kuraufenthalts in Bad Rippoldsau, vertiefte sich ihre Beziehung.
Die Mutter Emilies war wegen der Kränklichkeit ihrer Tochter von dem Gedanken an eine eheliche Verbindung nicht begeistert. Doch es war Gottes Fügung, dass sich diese beiden wertvollen Menschen kennen und lieben lernten. Während dieses Kuraufenthalts (1850) hielt sich die Schwester von Emilie, Charlotte, mit ihrem Mann, dem Fabrikanten Weber von Gera, ebenfalls zur Kur in Bad Rippoldsau auf. Professor Kurr besuchte Heinrich und Emilie während dieser Zeit. Zu Heinrich Zellers Bekanntenkreis gehörten auch Pfarrer Caspari und seine Frau aus Mariakirch in den Vogesen sowie der Ostindienmissionar Layer. So wurden auch gemeinsame Ausflüge und Wanderungen unternommen.

In den Monaten nach der Kur flogen viele Briefe zwischen Nagold und Stuttgart und umgekehrt hin und her. Heinrich beabsichtigte, den im September in Stuttgart stattfindenden Kirchentag zu besuchen, doch eine Erkältung, die er sich beim Besuch des Missionsfestes in Karlsruhe zuzog, verhinderte diesen Entschluss, so dass er Emilie absagen musste.

 

Heinrich berichtete in seinen Briefen von seinen verschiedenen Aktivitäten. So schilderte er seine Krankenbesuche und den großen Stadtbrand in Nagold. Am Sonntag, dem 22. September 1850 brach gegen 21.30 Uhr ein Feuer aus, dem 20 Hauptgebäude und acht Nebengebäude in dem Stadtviertel zwischen Hirschgasse, nördlicher Markt- und Turmstraße (damals Hintere Gasse) zum Opfer fielen. Es wurden 33 Familien mit insgesamt 109 Personen obdachlos. Von diesen hatten nur 16 ihr Mobiliar versichert. Weiter schreibt er: „Von unserer Gemeinschaft hat das Unglück eine arme Näherin getroffen, die kaum noch im Hemd ihrer Bühnenkammer entfliehen konnte; ihre Aussteuer ist mit allem übrigen verbrannt, und die 15 fl. (Gulden) Leichenkosten, welche sie für ihre im Frühjahr gestorbene Mutter entlehnte und nun mit der Nadel wieder verdient hatte, gingen auch verloren. Die arme Blinde, die ich manchmal besuche, war erst vor acht Tagen aus ihrem nun auch verbrannten Logis ausgezogen. Mich selbst hat der Herr in Gnaden verschont und Haus und Habe bewahrt vor dem nahen verzehrenden Element.“

„Ich bin nun auch Mitglied des Komitees zur Unterstützung der Abgebrannten und habe das Kassieramt. Gestern war die erste Sitzung, und heute erkundigen wir uns bei den Einzelnen nach der größten Not.“

Im Verlauf des Herbstes wurden sich Heinrich und Emilie ihrer Gefühle gewiss. Am 1. November reiste Zeller zu Barth nach Calw, um ihm beim Auspacken von eingegangenen Sendungen aus den Missionsländern zu helfen. Anschließend fuhr er nach Stuttgart und besuchte seine Freunde Kurr und Emilie. Die Mutter Conradi hatte nun keine Bedenken mehr gegen die Ehe von Emilie und Heinrich. Am 24. November warb Heinrich Zeller in einem Brief um die Hand Emilies. Außerdem schrieb er an die Mutter Conradi. Am 26. November entschloss sich Zeller, zur Taufe des Kindes von Prof. Fleischer nach Stuttgart zu fahren. Zuerst besuchte er die Familie Kurr und ging abends gegen 18 Uhr in Begleitung seines Freundes Kurr in das Conrad'sche Haus, um sich mit Emilie Conradi zu verloben. Einige Tage später feierten Emilie, Heinrich und die Kurrs den 56. Geburtstag Heinrichs in Hohenheim bei Professor Fleischer. Es war für Heinrich der schönste Geburtstag seines Lebens. Viele der Verwandten und Freunde zeigten sich erstaunt, dass Heinrich sich verlobt hatte, betrug doch das Gesamtalter der beiden 96 Jahre. So sagte der Vetter C. Hofacker, Obertribunaldirektor, bei dem Antrittsbesuch der beiden, dass er eher geglaubt hätte, dass Heinrich ins gelobte Land reisen würde, als dass dieser sich verloben werde. In der Brautzeit waren nur wenige Besuche möglich, da sowohl Heinrich wie auch Emilie in diesem Winter von Erkältungen geplagt waren. Die Korrespondenz war deshalb umso lebhafter. Die Trauung wurde auf den 6. Mai 1851 in Fellbach festgesetzt. Dr. Barth sollte die beiden einsegnen. Emilie schlug vor, nach der Hochzeit eine Fahrt nach Gera zu Ihrer Schwester und dem Schwager zu unternehmen. Heinrich jedoch meinte in Hinblick auf seine schwache Gesundheit, sie sollten statt dessen eine kleine gemütliche Reise machen und dann dem Rat der Arzte folgen. Im gleichen Brief teilte er Emilie mit, dass er am 25. März 1851 mit 86 von 88 abgegebenen Stimmen zum Pfarrgemeinderat gewählt worden war. Heinrich Zeller verblieb bis zu seinem Tod in diesem Ehrenamt. Die Verpflichtung als Kirchenältester fand am 6. April in der Nagolder Stadtkirche statt. Am Hochzeitstag, Dienstag, den 6. Mai 1851, fuhr die kleine Festgesellschaft nach dem Mittagsmahl von Stuttgart nach Fellbach. In der Kirche des Freundes, Pfarrer C. Werner, fand die Trauung statt. Dr. Barth hielt die Traurede über den Text Römer 15, 5-7: „Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander nach Jesus Christus, auf dass ihr einmütig mit einem Munde lobet Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmet einander an, gleichwie uns Christus hat angenommen zu Gottes Lob.“

Nach der Trauung fuhren die Neuvermählten mit einer Landkutsche auf eine neuntägige Hochzeitsreise durch den Nordschwarzwald. Auf der Höhe zwischen Herrenalb und Gernsbach erlebten sie eine Überraschung. Sie wollten in Gernsbach Diakonus Kaiser besuchen. Nun begegnete ihnen ein kleiner Mann mit einer Reisetasche. Es war Pfarrer Kaiser! Dieser war auf dem Weg nach Nagold und wollte die Zellers besuchen. Sie fuhren nun zusammen und besuchten miteinander das Schloss Eberstein und später auch Gaggenau. Von Baden-Baden aus besuchten sie Pfarrer Fink in Illenau, der die dortige Anstalt für phsychisch Kranke leitete. In Schappach verbrachte eine von Emilies Schwestern mit ihrem Mann den Urlaub. Diese überraschten sie mit ihrem Besuch und besichtigten mit ihnen zusammen Wolfach. Die Heimreise führte über den Kniebis, und beide kamen dann gut erholt am 15. Mai in Nagold an.

 

Ehe und Familienleben

Der damalige Diakonus Gottlob Kemmler schilderte in seiner Biographie über Dr. G. H. Zeller seine erste Begegnung mit Zeller und seiner Frau im Frühjahr 1859. U.a. beschreibt er das Arbeitszimmer Dr. Zellers mit den verschiedenen Sammlungen der Mineralien, Prachtkorallen, Riesenmuscheln, fliegenden Fischen, Seesternen, Kokosnüssen und Straußeneiern, Bücherregalen, einen Stahlstich von Jerusalem und dem Bild von Dr. Barth, den Portraits der Hofackerschen Verwandten und seiner Mutter u.v.a. „Der Bewohner dieses Reichs ist ein hagerer Mann mit feinen Zügen, den grünen Lichtschirm über der Brille, es ist Heinrich Zeller. Er sitzt vor seinem Arbeitstisch, auf dem Schriftstücke mit Briefbeschwerern aus polierten Steinen liegen, in einem alten Lehnstuhl. Der Besucher wird freundlich empfangen, und Zeller lässt es sich nicht anmerken, ob dieser ungelegen gekommen ist.“ Soweit Diakonus Kemmler.

Die Ehe von Emilie und Heinrich Zeller verlief sehr harmonisch. Heinrich nennt seine Frau in einem Brief aus dem Jahr 1863, ein Jahr vor seinem Tod, „seine Herzenskönigin.“ Der Haushalt war sehr großzügig angelegt. Mehrere Dienstboten und auch Tagelöhner wurden beschäftigt. Da Emilie Zeller öfters kränkelte, leitete seit 1854 Fräulein Mathilde Klaiber, die Schwester des Diakonus Klaiber, das Hauswesen. Mehrere Haustöchter aus befreundeten Familien, die die Haushaltsführung erlernten, gehörten mit zur Hausgemeingemeinschaft. Es war ein offenes Haus, das die Zellers führten, und Gäste waren immer willkommen. Morgens und abends versammelten sich alle Bewohner zur Hausandacht um den Familientisch. Nach dem Mittagessen las man einen Psalm, und beim Klang der Abendglocke beteten sie gemeinsam: „Liebster Mensch was mag's bedeuten dieses Abendglockenläuten?“ Regelmäßig besuchte die Zeller'sche Hausgemeinschaft die Gottesdienste in der Kirche und nahm mehrmals im Jahr an den Abendmahlsfeiern teil. Die Hausangestellten wurden sehr freundlich behandelt und Zeller bemühte sich, diese mit Geduld auf rechte Wege zu leiten. Das erschien ihm besser, als einen unbotmäßigen Angestellten einfach zu entlassen. Emilie Zeller besuchte ihre Mutter in Stuttgart, um sie zu pflegen. In dieser Zeit lag die Magd Anna schwer krank darnieder.

Heinrich Zeller berichtete in verschiedenen Briefen an Emilie über den Krankheitsverlauf und das Sterben der Anna. Hier zeigte sich seine liebevolle Fürsorge für die Hausgenossen, die sich nicht nur auf das leibliche, sondern auch auf das geistliche Wohl der ihm Anvertrauten bezog. Der Familiensinn Heinrich Zellers schloss auch die Angestellten mit ein. So wurden die Geburtstage dieser gefeiert und sie wurden mit Geschenken bedacht.

Die Geschwister seiner Frau und deren Kinder liebte er herzlich. Seine Schwiegermutter hielt er sehr in Ehren und mit seinem Schwager Wilhelm Conradi verband ihn eine enge Freundschaft. Die Anregung zu einem Zeller'schen Familientag wurde von ihm lebhaft unterstützt. 1857 fand dieser in Bad Cannstatt statt. Heinrich Zeller hielt dabei eine Ansprache. Er erinnerte die Anwesenden an den Urahn, den Baumeister Conrad Zeller aus Martinszell, der mit Steinen gebaut hatte und an die vielen Nachkommen, die zu Baumeistern an dem lebendigen Tempel Gottes geworden waren. Fünf Vorfahren Heinrich Zellers waren evangelische Pfarrer gewesen.

Am 13. Juli 1851 fuhren die Eheleute zu einer Kur nach Ostende. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft erkrankte Emilie, so dass sie den Kuraufenthalt auf acht Wochen verlängern mussten. Dort lernten sie Pfarrer Josephson aus Wuppertal kennen, bei dem sie auf der Rückreise einige Tage logierten, als sie den Elberfelder Kirchentag (15.-22. September) besuchten.

Wegen ihrer Gesundheit fuhren die Zellers fast jeden Sommer zu einer Bade- und Trinkkur. Im Jahr 1853 besuchte die Schwester von Emilie, die mit Professor Haug aus Tübingen verheiratet war, zusammen mit der ganzen Familie das „Bad Rötenbach.“ Zellers schlossen sich diesen an und nahmen einige Wochen mit diesen zusammen die Tannennadelbäder. Im Juli 1854 fuhren sie zu einem dreiwöchigen Badeaufenthalt nach Rohrschach. Von dort machten sie Ausflüge zu dem St. Annen- und dem Möttelischloss, nach Staad und zu den Schlössern Wartensee und Warteneck und zu dem hochgelegenen Molkenkurort Heiden. Außerdem besuchten sie in St. Gallen den Vetter Oberst v. Hofstetter und nahmen an einer Versammlung der „Schweizerischen Naturforscher“ teil. In einem Brief an Barth schrieb Heinrich: „Emilie wird einen Vortrag über die Lichtrose, ich über den Augentrost halten.“

Mit dem Schiff unternahmen sie Ausflüge über den Bodensee nach Lindau und Bregenz. Anschließend fuhren sie zur weiteren Erholung nach St. Moritz ins Oberengadin. Hier trafen sie einen Kreis von Gleichgesinnten. Professor Fleischer, Maschinenfabrikinspektor Merz aus Friedrichshafen, die Witwe des Afrika-Missionars Clemens u.a., die sich im Wohnhaus einer Kauffrau zu Andachten zusammenfanden. Von St. Moritz aus besuchten sie auch den Malojapass und den Silser See.

Im Sommer 1855 verbrachten sie nochmals einen Kuraufenthalt in Bad Rippoldsau, und in den darauffolgenden Jahren 1856 und 1857 badeten sie in den Thermalquellen von Bad Wildbad. Die Kur in Carlsbad im Juli 1857 bekam Emilie und auch Heinrich Zeller sehr gut. Von dort aus machten sie Ausflüge nach Hammer und Dallwitz mit ihren Porzellanfabriken, zum Aberg mit der herrlichen Aussicht über das Erz- und Fichtelgebirge und dem Hansheilingsfels im Egertal.

 

Gemeinnützige Tätigkeit

Das Interesse G.H. Zellers beschränkte sich nicht nur auf seine berufliche und wissenschaftliche Tätigkeit. Mit zunehmendem Alter setzte er sich immer mehr für die sozial Schwachen und für die Jugend ein. Nachstehend werden seine gemeinnützigen Tätigkeiten dargestellt:

1831      Zeller wurde Kassierer bei dem von ihm mitgegründeten Nagolder Hilfsverein für entlassene Strafgefangene
1832      Zeller beteiligte sich an der Gründung eines Vereins für Obstbaumzucht
1836      Zeller erließ zusammen mit Kaufmann J.G. Koch von Rohrdorf einen Spendenaufruf im „Christenboten“ für die in finanzielle Not geratene Taubstummenschule der Paulinenpflege in Winnenden
1838      Am 2. Mai wird die Klein-Kinder-Bewahranstalt in Nagold gegründet. G.H. Zeller war Mitinitiator
1840      Zeller schloss sich dem landwirtschaftlichen Bezirksverein an
1847     
Zeller wurde Komiteemitglied im Lokalarmenverein
1848      Zeller wurde Mitbegründer der Nagolder Gewerbevereins (3.10.1848)
1851     
Zeller gründete einen Krankenspeiseverein
1851      Zeller gründete einen Arbeitsverein zur Bekleidung notleidender Armer
1851      Zeller gründete einen Verein für arme Honoratiorentöchter
1855      Zeller erließ am 19.10. einen Aufruf zur Gründung einer freiwilligen Feuerwehr im „Nagolder Amts- und Intelligenzblatt“ Nr. 84 und stiftet als Grundstock 100 Gulden
1855      Zeller gründete im Oktober den Halbbatzenverein für die Mission
1855     
Zeller richtet im Haus Maiergassse 1 (heute Schreiner Haag) Zimmer für vereinsamte Jungfrauen ein
1857      Zeller gründete im November einen Jünglingsverein (heute CVJM)
1862      Zeller unterstützte durch einen Spendenaufruf die Missionsapotheke in Nazareth
1862     
Zeller arbeitete im Verein für verwahrloste Kinder als Kassierer mit
1862      Zeller regte an, dass Brautpaaren eine Traubibel überreicht wurde, mit einer Familienchronik als Anhang

 

Aktivitäten für Kirche und Mission

Nach dem Abschluss seiner wissenschaftlichen Arbeiten widmete sich Heinrich Zeller verstärkt der Arbeit für Kirche, Mission, Gemeinschaft und Jugendarbeit. Die Mitarbeit an den Jugendblättern musste Zeller wegen zunehmender Augenschwäche im Jahr 1858 einstellen. Im März 1851 wurde Zeller zum Pfarrgemeinderat gewählt. Dieses Amt gab ihm Gelegenheit, seine große Erfahrung und seine Liebe zu den Armen, Kranken und verwaisten Kindern voll zu entfalten. Nie versäumte er ohne triftigen Grund eine Sitzung des Gremiums. Seine Vorschläge hatten Hand und Fuß und wurden von den Kollegen gerne angenommen.

Nachdem am 18. November 1854 die Diözesansynoden in Württemberg eingeführt wurden, wählte der Pfarrgemeinderat Heinrich Zeller zum Abgeordneten, und bei der ersten Sitzung der Bezirkssynode am 17. September 1855 wurde er zum Mitglied des Synodalausschusses gewählt. Dieses Amt versah er bis zu seinem Tod 1864. Ein besonderes Anliegen Zellers war die Pflege der Kranken. Er regte an, die Kranken, die zuhause nicht in der rechten Weise gepflegt werden konnten, in „Herbergen“ durch andere Personen oder Vereine pflegen zu lassen. Ebenso setzte er sich für die Mission in Afrika und Asien ein. Bei einer Sitzung im Jahr 1859 diskutierten die Delegierten über die Taufe. Heinrich Zeller bemängelte, dass die Taufhandlungen nicht im Beisein der Gemeinde stattfinden. Außerdem regte er an, die Paten auf die Würde dieses Auftrags hinzuweisen. Bei den Verhandlungen der Synode im Jahr 1861 ging es um den Dienst an sittlich verwahrlosten Erwachsenen. Zeller schlug vor, sie in seelsorgerlichen Gesprächen liebevoll zu begleiten und auf den rechten Weg zu führen. Viel Geduld sei dabei notwendig. Der Pfarrgemeinderat müsse sich ebenso um diese Menschen kümmern und selbst ein gutes Vorbild sein.

Die wichtigste Aufgabe seines Engagements sah Zeller in der Leitung der älteren Gemeinschaft Nagolds. Die Liebe zur Mission veranlasste Zeller, besonders die Basler Mission und die Herrnhuter Mission zu unterstützen und für sie zu werben. Im Hause Zeller verkehrten laufend Missionare und Missionszöglinge. Zu den Verantwortlichen und Leitern der Missionsgesellschaften unterhielt Heinrich Zeller freundschaftliche Beziehungen. Das Basler Missions- fest besuchten Emilie und Heinrich Zeller im Jahr 1856, bei dem das neue Kindermissionshaus eingeweiht wurde. Seinen Eindruck von diesem Fest schilderte Zeller: „Die großen Festversammlungen, oft bei vollgepfropften Kirchen, wozu 600 -- 700 Gäste aus der Ferne gekommen (in Beuggen waren es über 1.500), bringen die Verheißung vom Friedensreich in Erinnerung, wo sie, versammelt von Ferne, alle kommen werden gen Zion, das Licht der Heiden anzubeten und des Herrn Lob zu verkündigen.“

Der „Hilfsmissionsverein“ von Nagold nahm eine erfreuliche Entwicklung. Die jährliche Bezirksmissionskonferenz wurde das erste Mal 1857 am 2. Februar (Lichtmeßkonferenz) gehalten und wird bis heute an diesem Tag gefeiert. Das Opfer für die Mission entwickelte sich von 1781 fl. in den Jahren 1821 - 1830 bis zum Jahr 1850 auf insgesamt 42.462 fl. Für die damalige Zeit eine große Summe. Im Jahr 1857 brachte Heinrich Zeller einen Aufruf im Nagolder „Intelligenzblatt“, in dem er die Gründung eines „Halbbatzenverein“ für die Mission anregte. Die Einnahmen dieses Vereins übertrafen im Laufe der Zeit die der Bezirksmissionskasse. Die „Halbbatzenvereine“ nahmen eine große Entwicklung. In der Schweiz gab es im Frühjahr 1855, ein halbes Jahr nach ihrer Gründung, bereits 25.000 Mitglieder. Auch im Elsaß, in Baden und Württemberg fiel diese Idee auf fruchtbaren Boden, und so wurden viele Vereine gegründet.

Ein Kollektenverein für die Mission wurde ins Leben gerufen, und Heinrich Zeller übernahm das Amt des Bezirkskassierers. Bei der Lichtmesskonferenz 1864, wenige Tage vor seinem Heimgang, konnte er berichten, dass dieser Verein in 30 Orten tätig sei, 1.800 Mitglieder habe und eine jährliche Einnahme von 2000 fl. erbringe.

Als 1856 der Missionar Jansa von der Brüdergemeinde bei Zeller zu Besuch war, übergab er diesem eine Schale aus reinem Silber, die er bei seinen Experimenten mit den ätherischen Olen benützt hatte. Aus dieser Schale wurden zwei kleinere Taufschalen angefertigt, die der 3.000 Mitglieder zählenden Brüderkirche von Paramaribo in Surinam übergeben wurden. Die Missionsarbeitsvereine von Nagold kamen im Winter einmal in der Woche zusammen. Unter der Aufsicht von Emilie Zeller und Mathilde Klaiber wurde gestrickt und gesponnen. Während des Abends lasen Gemeinschaftsmitglieder Berichte aus der Mission vor und beteten mit den Anwesenden.

Für die noch nicht konfirmierten Mädchen wurde eine eigene Gruppe gegründet. Diesen Kreis leiteten Emilie Zeller, Mathilde Klaiber und eine Lehrerin der Bezirksindustrieschule, die die Mädchen in Handarbeiten unterwiesen. Heinrich Zeller las Missionsgeschichten vor, und Unterlehrer Gerlach von der Volksschule übte schöne Lieder ein. Etwa 80 - 100 Mädchen nahmen an diesen Abenden teil. Die alljährliche Weihnachtsfeier und die Bescherung der Mädchen bildeten den Höhepunkt des Winters.

Diese Missionsarbeitsvereine waren Heinrich Zeller ein Anliegen. Er bemühte sich, auch in den Ortschaften des Bezirks solche Vereine zu gründen. Nicht nur der materielle Nutzen war ihm wichtig. Für noch wichtiger sah er die Belehrung und die Förderung der christlichen Gemeinschaft an. Ebenso wichtig war Zeller die Information über die Heidenmission und das Engagement für diese.

Zeller regte die Einrichtung einer Missionsbibliothek für Nagold und den Bezirk an und stiftete Bücher und Zeitschiften.

Die größte Freude empfand Heinrich Zeller, wenn sich junge Männer aus Stadt und Land zu Missionaren ausbilden ließen. Insgesamt sieben Missionsanwärter aus Egenhausen, Nagold, Oberschwandorf und Ebhausen fanden Aufnahme im Missionszentrum Basel und einer in Barmen.

In Nazareth hatte Missionar Zeller im Jahr 1857 eine Gemeinde gegründet. Der Armenier Dr. Wartan, der in Edinburgh Medizin studiert hatte, ließ sich in Nazareth nieder. Auf eine Anfrage aus Nazareth hin um Unterstützung beim Aufbau einer Missionsapotheke nahm sich Heinrich Zeller der Sache an. So erließ er 1862 einen Aufruf um Spenden an Chemiker, Apotheker und Missionfreunde. Das Echo war sehr positiv. Außer Geldgaben gingen viele Arzneimittel, medizinische Apparate und medizinische Fachbücher ein, so dass im Mai 1863 sieben Kisten mit den gesammelten Utensilien nach Nazareth geschickt werden konnten. In einem Dankschreiben berichteten Missionar J. Zeller und Dr. K. Wartan, dass die wertvollen Gaben unversehrt angekommen seien und die Apotheke im Hause Dr. Wartans eingerichtet worden sei.

Über seine Mitarbeit beim Calwer Verlagsverein hatte Zeller Verbindung zu den verschiedenen Missionswerken. Bei der Lichtmesskonferenz im Jahr 1863 bedauerte Heinrich Zeller, dass die Bibelverbreitung nicht mehr im Blickpunkt stehe. Er regte an, den „Hilfsbibelverein“ wieder neu zu beleben. Außerdem wünschte er, kirchliche Bibelstunden einzurichten und die biblischen Texte auszulegen.

Sehr wichtig war es Zeller, dass den Brautpaaren eine Traubibel bei der Hochzeit überreicht wurde und diese als Anhang eine Familienchronik hatte. Er selbst gab dazu eine beachtliche Spende. Nicht nur die Heidenmission lag Heinrich Zeller am Herzen, er setzte sich auch für Arme, Kranke und verwahrloste Kinder ein. Im Verein für verwahrloste Kinder hatte er jahrelang das Amt des Kassiers inne. Dieser Verein sorgte dafür, dass Waisen und vernachlässigte Kinder bei ordentlichen Pflegeltern und in „Kinderrettungsanstalten“ untergebracht wurden. Den Pfarrgemeinderäten war die Aufsicht über diese Kinder übertragen, und sie erstatteten dem Verein einen jährlichen Rechenschaftsbericht. Für die Aufnahme der Kinder bekamen die Pflegeeltern einen jährlichen Zuschuss von 12 fl. Nach der Konfirmation versuchte der Verein , die Kinder bei ordentlichen Meistern in die Lehre zu geben. Im November 1857 gründete Zeller den „Jünglingsverein,“ aus dem der heutige CVJM entstand. Im Winterhalbjahr versammelten sich jeden Mittwochabend 20 - 30 junge Leute, hauptsächlich Handwerker-Lehrlinge, im Zellersaal. Heinrich Zeller hielt die Andacht, las eine „erweckliche Geschichte“ vor und erklärte Wissenswertes aus der Natur-, der Länder- und Völkerkunde und der Gewerbelehre. Am Sonntagnachmittag war der Saal für die jungen Männer geöffnet, und sie konnten sich Bücher ausleihen, oder sich unter Anleitung eines Erwachsenen mit Schreiben, Zeichnen oder Lesen beschäftigen. Im Sommerhalbjahr waren keine Abendversammlungen. Dagegen gab es eine monatliche Erbauungsstunde, an der auch die Jünglingsvereine aus Oberschwandorf und Ebhausen teilnahmen. Eine Vereinskasse wurde angelegt, aus der kranke oder verunglückte Vereinsmitglieder Unterstützung erhielten. Bis 1863 bestand der Jünglingsverein in dieser Form. Die zunehmende körperliche Schwäche bewog Heinrich Zeller, den Verein selbständig zu machen. Es wurde ein Ausschuß und ein Vorstand gewählt.

Der erste Vorsitzende war D. Chr. Buob, nach dessen Wegzug aus Nagold im Jahr 1866 übernahm Diakonus Gottlob Kemmler den Vorsitz. Zeller verschickte die neuen Vereinsstatuten an die Vereine des Bezirks. Es war ihm ein Anliegen, dass in jedem Ort ein „Jünglingsverein“ entstehe. Die Jugend sollte nicht nur in weltlichen, sondern auch in christlichen Vereinen organisiert werden. Auf Zellers Anregung wurde ein sogenanntes Korrespondenzbuch für die württembergischen Vereine angelegt. Einen Auszug aus seinem Eintrag am 29. Oktober 1863 lautete: „Ich bin der älteste Jüngling (69 Jahr alt) des Nagolder Vereins. Ich war auch der erste, der sich zu diesem gesegneten Bunde herbeigefunden hat; denn ich habe ihn im Namen und unter dem Beistand des Herrn vor sechs Jahren gegründet. Darum hat mich auch die neuorganisierte christliche Jugendwehr von hier zu ihrem Ehrenvorstand gewählt.“ Für die Jugend legte Zeller eine unentgeltliche Leihbibliothek an. Seinen Freund Dr. Barth bat er um Vorschläge bei der Auswahl der Bücher. Die Autoren der Bücher waren Barth, Glaubrecht, Stöber, Caspari, Schubert u.a. Diese Bibliothek konnte auch von den Einwohnern von Nagold und des Bezirks genutzt werden.

Schon im Jahr 1851 beauftragte der Pfarrgemeinderat Heinrich Zeller einen Krankenspeiseverein zu gründen, ebenso einen Arbeitsverein zur Bekleidung notleidender Armer. Zeller verwaltete die Kassen der verschiedensten Gruppen und Vereine, so z. B. der evangelischen Gesellschaft oder des Vereins für arme Honoratiorentöchter u.a.

Kurz vor Weihnachten 1859 schilderte er in einen Brief an seine Schwägerin den Verlauf einer Woche: „Da ich hinter dem Rücken von Emilie schreibe, welche Augen wie Falken hat und meine Gedanken von ferne kennt, so kann ich dir nur kurz meine Hintergedanken mitteilen, die in einer Weihnachtsbitte bestehen. Wir haben täglich große Gesellschaft im Hause und leben deshalb herrlich und in Freuden, lassen aber die Lazari und Lazarae mitessen. Heute Abend kommen 30 Missionsspinnerinnen zu uns, morgen die Mitglieder des Kollektevereins zu der zehnwöchigen Missionsstunde, am Mittwoch 25 Jünglinge, am Donnerstag 120 junge Strickerinnen, am Freitag zu der Bibelstunde über die Offenbarung beide Gemeinschaften, am Samstag Freunde und Patenkinder zur Christbescherung, Sonntagabends unsere Versammlungsleute, und am Montag fangen wir das alte liebe Lied wieder von vorne an.“

Die Gastfreundschaft der Zellers war bekannt und wurde von vielen Freunden und Verwandten in Anspruch genommen. Außer diesen beherbergte die Familie Zeller Missionare und Missionszöglinge, Brüder und Schwestern aus den Gemeinschaften sowie Diasporaarbeiter. „Seid gastfrei ohne Murren“ wurde im Hause Zeller jederzeit geübt.An den Donnerstagnachmittagen fanden die „Kaffeekränzchen“ statt. Mehrere Pfarrer aus dem Bezirk mit ihren Frauen, die Hausfreunde und Gäste nahmen daran teil. Meist wurden wissenschaftliche oder christlicheThemen von einem Referenten vorgetragen und diskutiert.

 

Die Gemeinschaftsarbeit

Die erste pietistische Gemeinschaft in Nagold entstand um das Jahr 1739/40 durch die von Herrenhut entsandten „Diaspora-Arbeiter Geschwister Lange. Allmählich ging diese in den altwürttembergischen Pietismus über. Das freundschaftliche Verhältnis zu Herrenhut blieb bestehen. Bei der Kirchenvisitation im Jahr 1788 wurde protokolliert: „Privat-Versammlungen werden hier in Johann Friedrich Stotteles Haus sonntags und freitags gehalten. Er ist ein Mann, der allgemeine Liebe und gutes Zeugnis hat.“

Vater Christian Gottlieb Zeller hatte nach dem Tod seiner ersten Frau Maria Heinrika, geb. Hofacker († 13. 5. 1814), Kontakt zur Gemeinschaft aufgenommen. Besonders die Verkündigung Pfarrer Pregizers aus Haiterbach, der die Gemeinschaft öfters besuchte, sprach ihn an. Aber unter dem Einfluss der Hofacker'schen Verwandtschaft, die dem Pietismus nicht gewogen war, und nach seiner zweiten Eheschließung besuchte er die Gemeinschaft nicht mehr.

Im Sommer 1844 erfolgte der Anschluss Heinrich Zellers an die „ältere Gemeinschaft“, die im Färber Scholder'schen Haus zusammenkam. Im Jahr 1848 ging die Leitung der Versammlung auf G.H. Zeller über. Auch Vater Christian Gottlieb Zeller besuchte die Versammlungen, wenn es sein labiler Gesundheitszustand erlaubte. Nach der Heirat Heinrich Zellers (am 6.5.1851 mit Emilie Conradi) erfolgte die Übersiedlung der Gemeinschaft in Zellers Haus. Zuerst wurden die Stunden im geräumigen Wohnzimmer abgehalten. Häufig kamen auswärtige Geschwister und auch die von der Hahn'schen Gemeinschaft dazu, so dass der Wunsch nach einem geräumigeren Lokal immer dringlicher wurde. Ende 1854 bot sich die Gelegenheit, den größeren Teil des Nachbarhauses (heute Schreiner Haag) zu erwerben.

Zeller ließ im oberen Stockwerk einen Versammlungssaal und zwei Nebenräume einbauen. Diese waren durch eine Faltwand vom Saal getrennt, die bei Bedarf geöffnet werden konnte. Am 19. August 1855 wurde der neu erbaute Saal beim jährlichen Missionsfest zum ersten Mal benutzt. Die offizielle Einweihung erfolgte am 26. August 1855. Zu dieser Feier waren die beiden Stadtgeistlichen Dekan Freihofer und Diakonus Schüz (2. Pfarrer) sowie die Kirchenältesten und die beiden Gemeinschaften eingeladen. Heinrich Zeller eröffnete die Feier mit Gebet und übergab den Saal seiner Bestimmung. In seiner Rede erläuterte er die Bedingungen für die Benutzung des Versammlungsraums. So sollte dieser sowohl für kirchliche Veranstaltungen wie auch für die der Gemeinschaften, der inneren und äußeren Mission und des Armenwesens genutzt werden. Er selbst behielt für sich und seine Frau die Einteilung der Termine und die Auswahl der Gruppen vor.

Von nun an wurden die sonntäglichen Abendversammlungen abwechslungsweise im Saal und dem Scholder'schen Haus abgehalten, bis sie im Frühjahr 1860 ganz in den Saal verlegt wurden. Durch einen Verbindungsgang wurden die beiden Häuser aneinander angeschlossen, so dass man bequem hinüber und herüber gehen konnte. Im Saal stand ein Tisch, um den eine Anzahl Stühle für die Brüder und Gäste aufgestellt waren. Der Leiter saß auf einem Lehnstuhl an der Stirnseite des Tisches. Für die Besucher waren bequeme Sitzbänke in Reihen aufgestellt. Ein Harmonium vervollständigte die Einrichtung. An der Wand hinter dem Redner war das Bild des Gekreuzigten aufgehängt. Rechts und links daneben befanden sich Bilder von Goßner, Schubert, Bengel, Oettinger, Luther und Melanchthon.

Im unteren Stockwerk wurden Zimmer für „alleinstehende verarmte Jungfrauen“ eingerichtet, die dort kostenlos wohnen durften.

In der ersten Zeit wurden in den Versammlungen, die gemeinsam von Zeller und Diakonus Schüz geleitet wurden, die Grundsätze der „Deutschen Christentumsgesellschaft“ besprochen. Sie ließen 140 Exemplare der Lebensregeln drucken und am 9. März 1856 unter die Besucher verteilen. Den neu hinzu kommenden Freunden wurde jeweils ein Exemplar dieser Grundsätze überreicht. In der Folgezeit behandelte Heinrich Zeller in den Zusammenkünften ausgewählte Bibelstellen wie z.B. die Apostelgeschichte und den Römerbrief. Nur in den Festzeiten an Weihnachten, Ostern und Pfingsten wählte er andere Texte aus, die meist in den Evangelien und Episteln des Kirchenjahres vorgegeben waren.

In der Abendversammlung am Neujahres Festtag überreichte Zeller den Anwesenden einen ausführlichen Jahresbericht, in dem er über die Entwicklung der Gemeinschaft und auch über freudige und traurige Ereignisse in Stadt und Land berichtete. So schrieb er Ende 1857: „Zu unseren Verlusten in diesem Jahr gehört vor allem die am 2. Januar in Kirchheim verstorbene Herzogin Henriette, Mutter unserer geliebten Königin. Sie war eine Perle des Königshauses, die Mutter der Armen und Notleidender, im ganzen Lande, eine vieltätige Helferin in allen Werken zur Ehre Gottes und eine demütig und lebendig gläubige Jüngerin Jesu Christi.“ Im Jahr 1858 verfasste Heinrich Zeller das Lebensbild von „Gottlob Haag aus Unterjettingen als Bauer, Bürger, Künstler und Christ.“ Dieser vielseitig begabte Mann schnitzte ein Altarkruzifix für die Unterjettinger Kirche, die Geburt Christi, die Opferung Isaaks und die Steinigung des Stephanus, baute eine Hausorgel und schrieb Gedichte und Aufsätze. Das Vertrauen seiner Mitbürger führte ihn in den Gemeinderat, Kirchengemeinderat und in die Bezirkssynode. Seine Frau verlor er nach zehnjähriger Ehe, und von seinen acht Kindern starben sechs klein. Gottlob Haag war ein geistlicher Vater für viele. Er starb mit 51 Jahren. Zeller war bewusst Pietist. Die evangelische Landeskirche bezeichnete er als die liebe Mutter. Er war gegen jeden Separatismus, was er durch sein Engagement im Kirchenkonvent und Pfarrgemeinderat hinreichend bewies. Darüber hinaus pflegte er mit allen Gemeinschaftsleuten, ob sie nun Hahner, Pregizer, Herrenhuter oder Altpietisten waren, ein brüderliches Verhältnis.

Je mehr Heinrich Zeller Einblick in die Verhältnisse der Gemeinschaften des Bezirks bekam, reifte in ihm der Entschluß, zur Belebung des geistlichen Lebens und zur Abwehr fremder Einflüsse einen engeren Zusammenschluß der einzelnen Gemeinschaften anzustreben. Im Jahr 1857 trafen sich in Stuttgart 80 Delegierte der Gemeinschaften des ganzen Landes. Diese beschlossen, regional monatliche Zusammenkünfte der einzelnen Versammlungen einzurichten. Auch eine jährliche Landeskonferenz wurde von nun an einberufen.

Im Herbst 1861, am Matthäusfeiertag (21. September), trafen sich die Calwer und Nagolder Gemeinschaftsleute in Althengstett und vereinbarten gemeinsame Brüderkonferenzen für beide Bezirke, Monatsstunden für kleinere Kreise und brüderliche Besuche bei anderen Gemeinschaften. Eine zweite Zusammenkunft fand am Kirchweihmontag des gleichen Jahres in Effringen statt. Hier wurde die Bildung eines „Schwarzwaldbundes“ beschlossen. Diesem schlossen sich die Mitglieder aus sechs Oberämtern mit über sechzig Gemeinschaften an.

Im Juli 1862 wurde auf Vorschlag Zellers ein Korrespondenzbuch in Umlauf gebracht, das die Adressen der Verantwortlichen enthielt und gleichzeitig als Protokollbuch über die einzelnen Veranstaltungen geführt wurde. So konnten sich alle Mitglieder informieren. Wichtig waren Zeller besonders die geistlichen Anliegen. So schlug er vor, Warnungen vor Zaubereisünden, die hauptsächlich im Schwarzwald im Schwange waren, auszusprechen.

Neu eingeführt wurde eine Gebetswoche vom 1. - 7. Januar, die im Zellersaal abgehalten wurde. (Vergleichbar mit der Allianzgebetswoche). Dabei wurde knieend für die Anliegen des Reiches Gottes gebetet. Bei diesen Zusammenkünften wechselten Gebet, Schriftlesung, Gesang und Berichte über die Mission einander ab. Bei den Zusammenkünften und bei größeren Konferenzen wurde die Kollekte für die Bezirksarmenkasse gegeben. Zeller stellte für die Unterstützung durch Bezirksarmenkasse den Grundsatz auf: „Die Empfänger müssen dem Bezirk Nagold angehören und regelmäßige Gemeinschaftsmitglieder sein, die ihren Glauben durch Werke. und Wandel beweisen. Die Glaubensrichtung schließt nicht aus, wenn sie im Einklang steht mit unserer evangelischen Landeskirche. In erster Linie stehen kranke, kränkliche oder altersschwache arme Personen, in zweiter solche Arme, welche nicht im Stande sind, ihr Brot selbst zu verdienen, in dritter arbeitsfähige Arme, welche in augenblicklicher Not sich befinden. Unter den Bedürftigen dieser drei Klassen haben Witwen, Waisen und Witwer den Vorzug. Die Brüderkonferenzen schlagen die Bedürftigen vor, und eine Armenkommission von drei Mitgliedern berät und entscheidet darüber.“ Die Armenkasse der Gemeinschaft in Na2old verwaltete Heinrich Zeller selbst zusammen mit dem Gemeinschaftsausschuss.

 

Letzte Lebensjahre

Ihre letzte Kur verbrachten die Zellers 1858 in Bad Rippoldsau. In diesem Jahr erkrankte Emilie Zeller zweimal sehr schwer und musste je vier Wochen das Bett hüten. Dr. Barth, dem Heinrich Zeller schon seit langem zu einer Kur geraten hatte, nahm in Bad Mergentheim an einer Kur teil. Auch im Jahr 1860 machte Emilie eine schwere Krankheit durch, die das Schlimmste befürchten ließ. Heinrich litt sehr unter der zunehmenden Augenschwäche.

Im Herbst dieses Jahres verstarb sein Schwager Wilhelm Conradi, dem Heinrich Zeller sehr zugetan war. Leider konnten die Zellers wegen der angeschlagen Gesundheit von Emilie an der Beerdigung nicht teilnehmen. Im April 1861 starb der älteste Bruder von Emilie, Leopold. Die Mutter Conradi, die selbst sehr leidend war, wurde durch diesen neuen Schicksalsschlag noch mehr geschwächt. Heinrich und Emilie verbrachten die letzten Leidenstage der Mutter bei ihr in Stuttgart. Am 6. Juni setzte eine Lungenentzündung ihrem Leben ein Ende.

Im Frühjahr 1862 ließ Heinrich Zeller ein neues, kleines Häuschen im Garten erstellen. Die mütterliche Erbschaft von Emilie wurde hierfür verwendet. Dieses Häuschen enthielt ein Wohnzimmer, ein Nebenzimmer, Küche und Speisekammer. Der Name über dem Eingang war „Linquenda“ (d.h. ein Haus zum Verlassen). Heinrich gestaltete den ganzen Garten neu und versuchte, insbesondere Alpenpflanzen heimisch zu machen. Die Einweihung fand am 27. Juni um 15 Uhr statt. Der Dekan hielt das Eingangsgebet und der Helfer (2. Pfarrer) eine Einweihungsrede. Die Mitglieder des Kaffeekränzchens und weitere Freunde waren eingeladen worden. Dr. Barth, der sehr leidend war, vermochte nur noch einmal zu Besuch nach Nagold zu kommen um das neue Gartenhäuschen bewundern. Es sollte sein letzter Besuch bei Heinrich Zeller und seiner Frau sein. Dr. Barth konnte das Nagolder Missionsfest im September nicht mehr besuchen. Die große Atemnot veranlasste ihn, keine Besuche mehr zu empfangen. Nur kurze Briefe konnte Heinrich dem teueren Freund noch senden. Am 12. November erhielt Heinrich das Telegramm mit der Todesnachricht seines Freundes und Bruders Ch. G. Barth. Barth wurde in Möttlingen beigesetzt. Zeller und Notar Widmann aus Calw lösten im Januar 1863 als Testamentsvollstrecker zusammen den Haushalt des Verstorbenen auf.

Im Laufe des Jahres 1863 vermehrten sich die mancherlei gesundheitlichen Beschwerden Heinrich Zellers. Insbesonders Fieber und Katarrh machten Zeller sehr zu schaffen. So war es ihm eine große Freude, dass er am 7. Mai zum ersten Mal wieder in seinen geliebten Garten fahren konnte. Auch die Leitung derVersammlung konnte er wieder übernehmen. Im Spätjahr 1863 nahm Heinrich Zeller zum letzten Mal an einer Sitzung des Calwer Verlags teil. Er sagte: „Wer weiß, ob ich im kommenden Frühling noch dahin reisen kann.“ Seinen 69. Geburtstag konnte Zeller bei verhältnismäßig guter Gesundheit feiern. Am Abend dieses Tages brachte ihm der Kirchenchor ein Ständchen.

Heinrich Zeller blieb bis zu seinem Ende rastlos tätig. Bei der Lichtmesskonferenz am 2. Februar 1864, zehn Tage vor seinem Heimgang, gab er einen Rechenschaftsbericht über die Entwicklung des Missionskollektenvereins und ermahnte die Anwesenden, sich der Jugend anzunehmen und Jünglingsvereine zu gründen.

Schon von Lichtmess an konnte er wegen Husten und Heiserkeit das Haus nicht mehr verlassen und war außerstande, die verschiedenen Versammlungen zu besuchen. Nur drei Tage vor seinem Ende war er bettlägerig. Als Emilie den Sterbenden fragte: „Du bleibst doch noch gerne bei uns, wenn es dein Heiland erlaubt?“ antwortete er: „Jawohl!“ und als sie fortfuhr: „Aber du gehst auch gerne heim, wenn er dich ruft? sagte er mit deutlicher Stimme: „Ja, ganz gewiss; bitte ihn nur nicht im Sturm!“ Gegen Abend fragte er noch: „Sind die Jünglinge im Saal versammelt? Ist der Helfer bei ihnen?“ Da schien er im Geist Abschied von seinen „lieben Jünglingen“ zu nehmen. Nach der Bibelstunde kamen die älteren Brüder der Gemeinschaft, sämtliche Kirchenälteste, Emilie und Widmann, Oberamtsarzt Dr. Schütz, Apotheker Oeffinger und die Hausgenossen an das Sterbebett und sangen das Lied: „Es ist noch eine Ruh vorhanden“, und bei den Worten des letzten Verses:

Ach Flügel her! wir müssen eilen
und uns nicht länger hier verweilen,
dort wartet schon
die frohe Schar.
Fort, fort, mein Geist zum Jubilieren!
Auf, gürte dich zum Triumphieren!
Auf, auf, es kommt das Ruhejahr!“

stand sein Atem still. Heinrich Zeller war in die ewige Heimat eingegangen. Emilie sank vor der entseelten Hülle nieder und dankte Gott für alles, was der Herr ihr mit dem entschlafenen Gatten geschenkt hatte.

Die Beisetzung erfolgte am 15. Februar 1864 auf dem Nagolder Friedhof. Dekan Joh. Georg Freihofer hielt die Grabrede über den von Zeller ausgewählten Text: „Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.“ Dieser Text war die Losung der Herrnhuter Brüdergemeinde am Geburtstag G. H. Zellers am 30. November 1794. In seiner Ansprache würdigte der Dekan Heinrich Zeller als einen Mann, der seinen Glauben in die Tat umgesetzt habe und für viele zum Segen geworden sei. Diaconus Gottlob Kemmler hielt einen Nachruf in Form eines Gedichtes, von dem der erste Vers lautete:

So bist du denn im Sturm von uns geschieden,
du teurer, uns ins Herz gegrahner Freund,
wie
du es selbst vom Herrn erfleht hienieden!
Doch unser Aug'und unsre Seele weint;
Wir stehn wie träumend, können es nicht fassen,
dass
Du, der uns so nahe stand verlassen.

Im Zellersaal fand eine Gedächtnisstunde statt, bei der Pfarrer Werner aus Fellbach über 1. Tessalonicher 4, 13 -18 und Dr. Gundert aus Calw, der Nachfolger Barths, über Hebräer 13, 7 und 8 sprachen.

 

Wer war der Nagolder Apotheker Dr. Gottlieb Heinrich Zeller? Naturwissenschaftler, Christ, Wohltäter und Gaubensvorbild? Er war es alles in einer Person. Wir sind dankbar für sein Wirken. Auf seinem Grabstein stehen die Worte: Christus mein Leben, Sterben mein Gewinn. Dies war sein Lebensmotto!

 

                Kennst du das Land?
Kennst du das Land an Tannenwäldern reich?
Es zieht von Süd nach Nord, dem Rheine gleich.
Aus Urgebirg besteht sein Felsenkern;
Im quellentrunknen Tal weil ich
so gern.
Kennst
du es wohl? Es ist mein Heimatland,
Wo meines Lebens Schifflein Ruhe fand.

Kennst du den Baum der Zeder anverwandt,
Dem Künstler und dem Schiffer wohl bekannt,
Im
Winter wie im Sommer freudig grün,
Und purpurrot, wenn
seine Aste blühn,
Durch schlanken Wuchs des Waldes Zier -
Es ist der Heimat Baum, ihn lob ich mir.

Kennst du den Berg? Auf seiner Felsenspitz
Erhebt sich kühn ein
alter Rittersitz,
In seines Vorhofs alterndes Gestein
senkt grüner Efeu
seine Ranken ein -
Und
rings des Waldes dunkle Pfade schmückt
Manch seltnes Blümlein, das ich
oft gepflückt.

Kennst du das Tal, am Saum des Schwarzwalds hin?
Klar schlängelt sich der Fluß durchs lichte Grün.
Umspült
die Mauern eines Städtlein klein,
Umgeben
rings von waldger Berge Reihn,
Still ist's im Tal und prunklos in der Stadt,
Doch beide liebt, wer sie zur Heimat
hat.

Kennst du das Haus am Röhrenbrunnen dort,
Der Pulver, Pillen,
Wiener Tränklein Port,
Zwar eng zur Wohnung, doch Zufried'nen weit,
Auch steht ein Engel schützend ihm zur Seit.
Kennst
du das Haus? Es ist mein Vaterhaus,
Da ging der Knabe fröhlich ein und aus.

                                            Dr. Gottlieb Heinrich Zeller

 

 

Das Zeller-Mörike Gartenhaus in Nagold

Aus Eduard Mörikes unveröffentlichten Briefen
:
Mörike schreibt an seine Frau u.a.:
Rötenbach,
den 9. Juli 1862
„In
Nagold sprachen wir bei Dr. Zellers ein. Die besten Leute von der Welt. Wohlhabenheit, Bequemlichkeit und friedsamer Geist dieses Hauses. Außer Auguste Mährlen war noch eine Freundin derselben, Josephine Hartmann aus Kreuznach, eigentlich aus Koblenz, über die Ferien der Stuttgarter Musikschule da, wo sie sich zur Lehrerin bildet und zugleich Unterricht gibt. Auch fand ich eine ältere Tochter des verstorbenen Pfarrer Klaiber aus Hochdorf als Hausjungfer hier. Nach dem Kaffee sangen die beiden jungen Mädchen jenes herrliche „Lang , lang ist's her“, das Du leider nicht einmal hörtest. Als ich die behagliche Wohnung pries, führte mich der gute alte Herr an seinem Arm in zwei nach hinten zu gelegene Stuben, von denen ich mich kaum mehr losreißen konnte. Hier hat man die Ruinen der Burg unmittelbar vor sich und dicht unter den Fenstern die Nagold mit dem sanften Rauschen des Wehrs. An den Wänden umher die Bibliothek und die Naturaliensammlung (besonders Conchylien = Muschelschalen) in reinlichen Glasschränken.“

 

Rötenbach (im Juli 1862)
„... sitze allein in unserem Zimmer auf dem Sofa, um Dir für Dein liebes Schreiben zu danken. Dasselbe wurde mir gestern von der Frau Doktorin freundlichst überreicht. Wir waren zu Mittag geladen nebst dem Helfer Kemmler - einem guten Bekannten Hartlaubs vom Rohrschacher Aufenthalt her. Man hatte mir aus überflüssiger Fürsorge für meine Gesundheit sogleich beim ersten Gruß ein feines Heidelbeermus mit einem roten Wein und Bisquit-Schnitten vorgesetzt, weil man mich auf eine unrichtige Angabe Mährlens hin für darrhöekrank hielt. Ich war nämlich den ganzen Tag zuvor wegen Kopfwehs zuhause geblieben, und Mährlen entschuldigte mich bei der im Zellerischen Garten versammelten Gesellschaft (es war ein regelmäßiger Lesekranz von Geistlichen) aus dem Stegreif mit gewissen, hier gar wohlbekannten Wirkungen des Rötenbacher Wassers, die allerdings bei ihm, nicht im mindesten aber bei mir eintraten. Natürlich strafte ich ihn nicht Lügen, und umso weniger, da gedachtes Hausmittel ein Leckerbissen auch für die Gesunden ist.
An dem Helfer Kemmler fand ich einen wackeren bescheidenen Mann. Ich konnte ihm verschiedenes, und glücklicherweise nicht blos das allergemeinste, zum Lob seiner Rigilieder sagen, was er gut und natürlich aufnahm. Nach einer sehr reichlichen Mahlzeit las die Frau einen Psalmen, der Hausherr sprach ein kurzes Gebet, worauf man dem männlichen Teil der Gesellschaft den Kaffee auf jenes unvergleichlich ausstaffierte Arbeitszimmer des Herrn Doktors trug. Man erzählte Geschichtchen (ich meinerseits z.B. den Auftritt in Justinus Kerners Haus, welcher den Bruch mit Lenau veranlaßte). Zeller las ein paar Briefe L. Hofackers vor, besprach die vielen Porträts in der Stube usw. Endlich ging es an die Betrachtung und Erklärung der Naturalien, womit man aber in zwei Stunden nicht ganz fertig wurde. Bei Dingen, die mich weniger anzogen, bei langen chemischen Erörterungen über gewisse Metalle Lind dergleichen, unterhielt ich mich mit der Musterung der Bibliothek, oder ging auf einige Augenblicke in das vordere Zimmer, wo eine Sonate von Beethoven eingeübt wurde, die ich von Wimsheim her kannte. Um sieben Uhr noch ein Vesperbrot und nach Hause.

 

Rötenbach, Mitte Juli 1862
Bestes Gretchen!
Deine angenehme Sendung vom 13ten nahm ich abermals aus
den Händen der Frau Dr. Zeller und zwar am Montag abends um fünf Uhr in Ennpfang. Ich saß in jenem Augenblick mit einer kleinen Gesellschaft in dem unteren Vorraum des Zellerischen Gartenhauses zwischen Marus und Dr. Barth vor einem übervoll mit Speisen und Getränk besetzten Tisch so enge eingeklemmt und so vielen Blicken ausgesetzt, dass ich vorzog, das Päckchen erst daheim in aller Ruhe zu öffnen und seinen reichlichen Inhalt - den geschriebenen nämlich - mit gesammeltem Sinne zu Herzen zu nehmen. Wie gut und tröstlich war das alles was ich fand!

 

 

Quellen und Literatur

1.   Heinrich Zeller: „Ein schwäbisches Zeit- und Lebens bild“ von G. Kemmler, Diakonus in Nagold
2.   Städtisches Archiv Nagold: Der Arbeitsverein von Frauen und Jungfrauen in Nagold zur Bekleidung armer Kranker, Kinder und Confirmanden
3.   Paulinenpflege Winnenden: Aufruf Im „Christenboten“ zur Erhaltung der Taubstummenschule Winnenden durch G. H. Zeller und J.G. Koch, 1836
4.  
Der Gesellschafter: Nagolder Amts- und Intelligenzblatt 1864
5.  
Beschreibung des Oberamts Nagold 1862
6.   Die
Stadt Nagold, von Georg Dieterle 1931
7.  
Der Gesellschafter Nr. 225 vom 29. September 1978 8) Grabrede von Dekan Freihofer vom 15. Februar 1864
9.  
Zeller, Karl August: Die Familie Zeller aus Martinszell, mit Geschlechtsregister, 1974
10.
Ortssippenbuch Nagold 1 von Prof. Dr. Burkhart Oertel 1991
11.
CVJM Nagold, Erste Vereins-Satzung des Jünglingsvereins

 

Die vollständige Fassung dieser Arbeit mit Bildern und weiteren Quellen kann eingesehen werden im Archiv für Familienforschung der Werner-Zeller-Stiftung in Leonberg, Seedammstr. 1
(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben